Ich hatte neulich das Presse-Monitoring via KI erwähnt, dazu noch ein kleines Update. Zum einen gibt es einen Umstand, den ich eher noch als amüsant verbuche, nämlich dass die Programme Friedrich Merz weiterhin oft „Bundeskanzlerin“ nennen. Die Trainingsdaten werden diese Bezeichnung mehrheitlich so ausweisen, wie man sich leicht vorstellen kann. Jedes Mal, wenn ich das sehe, freue ich mich ein wenig. Umso mehr, als man klar zu ahnen meint, wie sehr ihn so etwas ärgern dürfte. Denn Größe traut man ihm, und das „man“ kann ich sicher stehenlassen, es wird eine allgemeine Annahme sein, auch in dieser Hinsicht kaum zu
Zum anderen, und das ist deutlich weniger witzig, sind die Ergebnisse auch bei längerem Testlauf und bei mehreren Anbietern so schlecht, dass man das Ganze als weitgehend unbrauchbar deklarieren muss. Oder dass zumindest der Aufwand, die Ergebnisse der Software als „Babysitter“, wie es neulich in einem Artikel hieß, zu beaufsichtigen und zu korrigieren, unangemessen hoch ist. Hierzu ein Beispiel.
Die Software meldet mir eine Meldung zu dem Konzern, für den ich arbeite. Mit Link zur Quelle immerhin und allem. Der Link läuft allerdings ins Leere und den Artikel gibt es gar nicht, aber das nur nebenbei. In der Zusammenfassung der halluzinierten Meldung wird auch der CEO des Konzerns genannt. Es ist aber nicht der aktuelle, der da erwähnt wird. Es ist sein Vorgänger, der öffentlich ganz gewiss nichts mehr zur Firma sagt. Wie bei der Bundeskanzlerin auch kann man sich gut vorstellen, dass bei so etwas die Mehrheit der Daten gewinnt und dass der Abgleich mit der Gegenwart offensichtlich trotz klarer Datenlage nicht geleistet werden kann. Warum auch immer nicht, denn manchmal gelingt dieser Abgleich durchaus. Aber eben nur von Fall zu Fall, ohne Gewähr.
Ich weise darauf hin, dass der Name falsch ist. Die Software korrigiert und nennt mir prompt den Namen des CEOs, der vor dem vorigen CEO einmal CEO war. Dann, nach weiterer Korrektur durch mich, nennt sie den Namen einer Frau, die vor etlichen Jahren einmal fast, aber eben nur fast, CEO geworden wäre. Mein Hirn assoziiert altmodische Nachschlaggeräusche im Hintergrund.
Ich teile der Software mit, dass sie mir nur Schrott liefert. Woraufhin sie sich, und man meint es tatsächlich so herauslesen zu können, aber es ist natürlich in Wahrheit keine passende Deutung, in zunehmender Hektik entschuldigt. Und, genau wie es ein Mensch machen würde, in rasender Eile mehr und mehr Quellen zusammensucht. Dann beschließt sie, wozu sich auch mancher Mensch entscheiden würde, jedenfalls solange er dabei eine gewisse Erfolgsaussicht annehmen kann, nämlich stabil zu lügen.
Es werden für mich in der Folge eine ganze Reihe von CEO-Namen flott erfunden. Ich sehe mit so etwas wie fasziniertem Grauen, wie genau da vorgegangen wird, denn es wird nach einer Weile ziemlich deutlich, welche Logik dabei wirkt. Es ist ein internationaler Konzern, für den ich arbeite, mit einem Management hauptsächlich aus europäischen Ländern. Die Software erfindet mir daher Namen, die zu diesem Kontext passen. Italienische Vornamen mit französischen Nachnamen etwa oder auch eine englische Variante gemischt mit Spanisch usw.

Würden Sie und ich uns spontan Namen für den männlichen CEO eines großen europäischen Konzerns ausdenken sollen, für ein Rollenspiel oder ein Theaterstück etwa, wir würden zu ähnlichen Ergebnissen kommen.
Irgendwie klangvoll sind diese Namen, irgendwie markant, vielleicht noch mit einem ungemein schmückenden Adelstitelfragment in den Silben. Denn es soll ja nach etwas klingen. Nach Kompetenz, nach guter Familie und großer, weiter Welt womöglich, nach Macht vielleicht. Mit anderen Worten, die Software sucht und findet eine Lösung auf Groschenromanniveau.
Und das eben ist ein Effekt, der sich aus dem Mitteln enorm vieler Daten fast zwingend ergibt. Den man also unbedingt mitdenken sollte, wenn man mit so etwas arbeitet. Man bewegt sich da unter Umständen auf einem Niveau irgendwo zwischen dem Agenten Jerry Cotton, dem Geisterjäger John Sinclair und der Nachtschwester Aurelia aus der Chiemsee-Klinik. Und vielleicht, das will ich gar nicht ausschließen, passt das ab und zu auch ganz gut zur Aufgabe.
Aber leider längst nicht immer.
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