Drei Kleinigkeiten nebenbei. Zum einen fahre ich aus medizinischen Gründen durch die Gegend und die Stadtteile. Wobei ich auch in einen Bus steige, was sonst eher selten passiert, denn wie eine Freundin sagte: Wenn ich Bus fahren will, kann ich auch in Kleinstädten wohnen. Aber manchmal muss man eben doch.

Es steigt jemand ein, der nicht gut riecht und nicht gut aussieht, der aber umgehend zum gerade in Hamburg stattfindenden OMR-Festival in Bezug gesetzt werden kann, das den Touristen so drastisch die Hotelpreise verdirbt. Man las davon, Rekordsummen pro Nacht wurden wieder genannt.
Der Mann, der da einsteigt, ist nämlich auf den ersten Blick schon deutlich heruntergekommen, er sieht aber nicht so aus, wie man sich Obdachlose klischeemäßig vermutlich vorstellt. Sondern eher so, als habe er noch vor etwa einer halben Spielfilmlänge eine Agentur geleitet, und zwar eine große. Irgendwas mit Marketing hat die vermutlich gemacht, irgendwas mit Online sicher auch. In diesem Umfeld war die Agentur etwas Etablierteres, kann man sich leicht vorstellen, denn so sieht er aus. Werberschick auf der Mitte zwischen Technik-Avantgarde und dem Establishment der Branche. Vielleicht fällt Ihnen dazu der passende und besonders stylishe Anzug ein, die passende Steppweste, der passende Rollkoffer – damit liegen wir richtig.
Aber er hat in diesem Anzug seit etlichen Nächten schon draußen geschlafen. Der Rollkoffer hat dabei zwischendurch deutlich Schaden genommen, das Sakko auch. Ein Bad hat er definitiv lange nicht gesehen und sein Hemd ist nicht nur seit Tagen oder Wochen nicht gewechselt worden, es hat auch eine Fleckenhistorie, wie es sie nur nach drastischen Vorkommnissen verschiedener Art geben kann. Vermutlich im Zusammenhang mit Alkohol oder anderen Drogen, aber das ist nur geraten. Der Bart wächst, die Haare auch, die Entgleisung von allem schreitet voran. Um im Filmkontext zu bleiben, dieser Mann hat in den letzten 14 Tagen nicht nur so etwas wie einen rasanten Roadmovie erlebt, es muss dabei schon einen starken Einschlag Richtung bitteres Sozialdrama gegeben haben. Und von Comedy keine Spur.
Aber ein Tag in bester Pflege, könnte man meinen, und er dürfte, natürlich nur dem Aussehen nach geurteilt, morgen wieder als Speaker auf der OMR auftreten. Während er heute noch als lebendes Mahnmal durch die Stadt fährt: Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.
Dann eine Praxis, die geschlossen hat, obwohl Menschen in ihr Termine haben. Keine Erklärung an der Tür, nur die lapidare Meldung des Umstandes. Murren und Knurren unter denjenigen, die an dieser verschlossenen Tür scheitern. Allgemeines und nicht eben leises Fluchen auf die Umstände, auf das System und auf die Verschlechterung. Die man, es ist nicht zu überhören, so leicht verallgemeinern kann. Denn es ist eben nicht nur diese eine Tür, die nicht aufgeht, obwohl sie doch verdammt noch einmal aufgehen sollte. Es ist mehr.
Schließlich ein Einkauf in einem Supermarkt, noch einen Stadtteil weiter. Jemand hinter mir an der Kasse fragt mich, was mein Blumenkohl kostet. Ich weiß nicht, was mein Blumenkohl kostet – mind your privilege! – ich habe ihn einfach so in den Einkaufswagen gelegt.
Aber wir sehen es dann beim Einscannen, der Blumenkohl kostet 3,99, und günstig ist das nicht gerade. Dieser Preis sorgt, und er ähnelt darin der verschlossenen Tür, für deutlichen Ärger und auch für Verwunderung unter den Umstehenden. Dieser Preis ist nämlich auch wieder eine Rekordsumme, und wo kommen wir dahin. Das kann so nicht sein, also wirklich, wer soll das noch bezahlen, das geht doch nicht? Das können die doch nicht machen?
Man nennt andere Preise aus anderen Märkten, die sind auch nicht eben billig, jedoch noch günstiger als hier. Aber für jedes Produkt den Markt wechseln, das geht ja nun auch nicht, wie stellt man sich das denn vor, da läuft man ja nur noch herum. Es ist ein Stückpreis, da müsste man dann also wenigstens den größten Blumenkohl nehmen. Nicht so einen kleinen, wie ich ihn als Suppenzutat gewählt habe.
So waren die drei Zufallsbilder von gestern, nur kurz notiert. Und wie weit es nun politisch ist, was privat so nebenbei anfällt, es kann selbstverständlich wie immer von allen selbst entschieden werden.

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Guten Morgen. Ich möchte folgendes Buch empfehlen: Die Unmutigen und die Mutigen von Juliane Stückrad. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Gruß Katrin