Links am Abend

Mely Kiyak über Schamlosigkeit

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Schülerinnen über die aktuelle Situation

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Dahinwelken

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Exo-stupide Institutionen

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Noch eine Instagram-Empfehlung, Mathilde Gilhet. Sie macht so Sachen wie hier unten, so kleine Sachen in Tanz und Bewegung. Die sehe ich mir manchmal gerne an und stelle mir dann die Bewegungsabläufe genau vor, ich merke dann auch gleich, was mir alles dabei wehtun würde. Ab und zu sieht auch ein Sohn mit zu und manchmal nickt der dann, steht auf und macht das nach – einfach so. Kinder sind komisch.

 

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Was schön war

Diese Rubrik habe ich lange nicht mehr gepflegt. Es ist auch eine, die im Moment etwas Mühe macht, das wird niemanden mehr wundern. Es gibt Pandemien, da tuste bei, wie ein anderer gesagt hätte. Aber Mühe, das ist, wenn ich es geringfügig umdeute, so etwas wie Sport, und Sport soll gesund und nützlich sein. Es ist keine Mühe, es ist Training, und schon ist es alles gut, so soll es heute zugehen in meinem selbstinszenierten Lebenshilfe-Workshop für Erschöpfte und Verdrossene. Ich stehe also am frühen Morgen mit dem ersten Kaffee in der Hand in der Küche und nehme mir vor, heute etwas schön zu finden. Ich mache heute mal alles richtig, ich mache alles wie son positiver Mensch. Oder ich bewege mich zumindest in die Richtung. Ich setze mich an den Schreibtisch und gebe mich willig.

Ich finde nur nichts schön, und zwar stundenlang nicht. Was vor allem daran liegt, dass alles doof ist. Ich durchdenke alles von links und von rechts und von hinten und von vorne, es ändert aber nichts. Es kann sich auch nichts ändern, das wussten wir eigentlich schon als Kinder und wir hatten auch Recht damit, viel mehr, als wir damals geahnt haben: Doof bleibt doof.

Aber so leicht gebe ich natürlich nicht auf, das war erst der halbe Tag. Ich muss am Nachmittag in einen anderen Stadtteil, ich muss dort der Mutter etwas organisieren. Ich gehe da diesmal ausnahmsweise zu Fuß hin, nur um etwas anders als sonst zu machen. Das ist ein ziemlich weiter Weg, und ich nehme Sohn II mit, der zufällig Lust auf Bewegung hat. Sohn II ist, weil er mir in manchem erstaunlich ähnlich ist, oft eine große Hilfe, wenn ich etwas suche, ein Thema für eine Kolumne, eine Szene, oder eben etwas Schönes. Sohn II ist manchmal wie ich, Sohn II geht gerne herum und sucht. Wir stellen das gemeinsam und zum wiederholten Male fest, dass wir uns da ähnlich sind, und nicht nur darin, und wir führen ein langes und angeregtes Gespräch über uns und über alles und schon ist etwas schön. Unterwegs gucken wir beide aber immer weiter nach etwas, das uns auffällt. Denn ein Gespräch schön finden, also bitte, das kann ja jeder und sogar jederzeit, das ist noch entschieden zu unsportlich für uns. Wir gucken beide also weiter nach dem gewissen Etwas, von dem ich weiß, dass er wie ich weiß, was es ist, obwohl wir beide nicht wissen, was es ist, bevor wir es sehen.

Und ich sehe es dann kurz vor dem Ziel tatsächlich, und er sieht es diesmal nicht. Aber das kann man leicht erklären und entschuldigen, er kann nichts dafür. Denn ich sehe nicht „es“, ich sehe sie, wie sie uns entgegenkommt, und sie kann er gar nicht kennen. Ich dagegen kenne sie mein Leben lang, ihre Stimme vor allem, ihr Gesicht von Plattencovern, ich kenne sie aber auch live auf der Bühne.

Und ich habe sie über die Maske hinweg so fanboymäßig angestrahlt, dass sie hoffentlich in der Sekunde des Vorbeigehens etwas Bewunderung erkannt hat. Esther Ofarim.

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Verramscht und verschleudert

Alle Welt teilt gerade diesen Artikel aus der NYT, in dem es um unseren Zustand geht, um unsere Erschöpfung, um unseren Konzentrationsmangel. Diesen Artikel hier. Ich habe ihn nicht gelesen, kein Scherz, ich bin zu erschöpft, ich kann mich nicht konzentrieren. Ich finde Schreiben leichter als Lesen, soweit ist es gekommen. Aber der Artikel jedenfalls, er soll gut sein. Lesen Sie den ruhig, wenn Sie noch können, bestimmt lohnt es sich.

Dummerweise habe ich heute nichts mitzuteilen. Es war ein normaler Tag, es war ein, Moment, Mittwoch mit Home-Office und Home-School, womit auch sonst. Einen Arzttermin gab es auch noch, ein eher schwieriges Telefonat. Einkäufe, Kochen. Was man so macht. Pandemiedurchschnitt, Einheitsbrei, Tage von der Stange und aus der billigen Ecke, verramscht und verschleudert. Mängelexemplare, alle wie sie da sind.

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Zum Ende der ersten Staffel von Mythic Quest, die wir mit Sohn I gesehen haben, das erzähle ich eben noch, spielt eine Folge komplett im Home-Office, also auf gekachelten Konferenzbildschirmausschnitten, in Kleinquadraten. Das sei dann doch für die Chronik eben festgehalten, denn das war das erste Mal, dass mir die Pandemie in irgendeiner filmischen Umsetzung begegnete. Und es war sogar gut gemacht, aber ich mochte die Serie (Apple TV) ohnehin. Keine oscarreife Sache, aber doch nette Unterhaltung. Auch wichtig, in der aktuellen Situation.

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Meine Mutter bekam etwa vierzehn Tage nach ihrer mittlerweile wohl überstandenen Corona-Infektion einen Brief vom Gesundheitsamt, im dem stand, sie möge sich jetzt bitte in Quarantäne begeben. Am gleichen Tag kam ein zweiter Brief, in dem stand, die Quarantäne sei aufgehoben. Falls sich noch jemand fragt, ob irgendwas gut organisiert sei. Lasst alle Hoffnung fahren.

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Durch Twitter ging eine Welle der guten Laune, als die Grünen ihre Kanzlerkandidatin bekanntgegeben haben. Es las sich wie allgemeine Verzückung, was ich verstehen kann, wenn man sich das jetzige Elend der diversen Regierungen ansieht. Der Gedanke an einen Wechsel, an eine, nun ja, geistig-moralische Wende, wie Angehörige meiner Generation nachvollziehbar rachsüchtig denken dürfen, er wirkt einigermaßen erbaulich. Ich war mit der Dame schon einmal in einem Raum. Ich habe die schon gesehen und gehört und erlebt, die anderen Kandidaten aber nicht. Ich kann also mit vollem Ernst sagen, ich bin bei der nächsten Wahl im Zweifel für das, was ich kenne. Das ist eine ganz bodenständige Überlegung, nicht wahr, das ist geradezu konservativ.

Falls Sie übrigens Spaß an Wahlumfragen haben oder gerade gewinnen, hier die stets aktualisierten neuesten Ergebnisse mehrerer Institute. Da kann man jeden Morgen mal draufgucken und die Laune danach ausrichten. Also solange es gut geht, versteht sich.

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Links am Morgen

Am Sekretär meiner Mutter.

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Endlich ans Steuer!

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Die Ausgangsssperre strukturiert

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Jim Steinman ist tot. Danke für die Songs.

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Anmerkungen zur Heckenbraunelle

Im Garten ist es gerade so, dass die Herzdame sich dringend um die Beete kümmern möchte, also sofern kein Gemüse darinnen ist, das Gemüse bleibt nämlich meines. Der Innenbereich der Laube ist für den Moment oder sogar für das Jahr fertig, da hat sie alles durchdesignt und aufmöbliert und innenausgestattet, und da sie aber nicht einfach unbeschäftigt sein kann, marodiert sie jetzt durch die Beete und macht dort alles neu und richtig, also nach ihrer Meinung. Ich gebe willig nach und beschränke mich darauf, die Vorteile für mich zu sehen, denn das ist erstens ungemein rückenschonend für mich, wenn sie da alles alleine macht, und das gibt mir zweitens die Möglichkeit, meinem Plan nachzukommen, in diesem Jahr mehr zu beobachten und mir die Natur mit allen Beteiligten genauer zu besehen. Viel genauer.

Ich stehe also neben der schwer schuftenden und mit beiden Armen bis zu den Ellenbogen im Boden steckenden Herzdame, gucke entspannt in der Gegend umher und bin auf meine Art und nach meinem Plan und auch noch zu ihrer Zufriedenheit beschäftigt. So soll es sein, quasi Toptipp für die gelungene Ehe. Zwischendurch gehe ich zu meinem Gemüse, sehe gelassen zu, wie es wächst, und sage beifällig: „Schön, schön.“ Wenn man die Beete erst einmal hat und wenn man von der Ernte nicht leben muss, versteht sich, ist der Gemüseanbau nämlich nicht sonderlich anstrengend. Radieschen sind schnell gesät, Zwiebeln und Erbsen sind schnell gesteckt. Und dann wartet man eben.

Ich setze mich für einen Moment auf die Hollywoodschaukel, ich schwinge im heute sachten Frühlingswind leicht hin und her und beobachte. Auf der Kätzchenweide, das sind diese kleinen Bäumchen mit den hängenden Ästen, sitzt oben wieder die Heckenbraunelle und singt und singt. Die Heckenbraunelle sieht aus wie ein stark abgemagerter Spatz, sie macht beim besten Willen nicht viel her, sie ist die Unscheinbarkeit in Vogelperson. Aber der Gesang! Der wird allgemein gar nicht genug gewürdigt, glaube ich, dabei ist die Heckenbraunelle so etwas wie eine Uptempo-Nachtigall. Schmissige Melodien ohne diesen nächtlichen Wehmutschmacht, ohne diesen bei der Nachtigall immer mitklingenden und tendenziell runterziehenden Anflug von Trauer und Mondsucht. Eher treibend vorwärts, eher schmetternd, eher licht, wenn nicht sogar vergnügt.

Ich lese die Lebensweise der Heckenbraunelle auf dem Handy nach. Sie hat ein etwas beliebig wirkendes Liebesleben, so lese ich. Sie lebt als Männchen eventuell mit mehreren Weibchen zusammen, als Weibchen aber auch vielleicht mit mehreren Männchen und die Variante, dass mehrere Weibchen mit mehreren Männchen alles durcheinander machen, also wirklich alles, kommt wohl ebenfalls vor. Freie Liebe! Das ist im Grunde ein Hippievogel im Normcoregefieder, hätten Sie das gewusst? Wenn wir die Texte ihrer Lieder verstehen könnten, wir würden uns wundern, glaube ich.

Im Flieder wiederum sitzt die Kohlmeise und hinten im Liguster sitzt das Rotkehlchen. Zum ersten Mal verstehe ich diese Dreiteilung des Gartens in Vogelreviere. Zum ersten Mal höre ich sie alle drei gleichzeitig und kann sie dabei korrekt unterscheiden. Ich höre und sehe sozusagen Vogelräume, das ist auch mal interessant. Die Reviere überlagern sich nämlich kaum, das war mir gar nicht klar. Das Rotkehlchen fliegt eher nach hinten weg, zu den lärmenden Partypeople mit den Grillorgien hinter der hohen Hecke. Die Kohlmeise weicht lieber zur Seite aus, auf das brachliegende Nachbargrundstück, und die Heckenbraunelle stürmt meist nach vorne los, über den Weg und in entferntere Gärten. Wenn man so sitzt und guckt, wie ich das gerade mache, dann sieht man das irgendwann, wie sie das machen und wie sich das aufteilt. Es fühlt sich sehr gut an, das verstanden zu haben. Warum auch immer, es könnte mir ja auch egal sein. Vielleicht fühlt es sich an, als hätte ich endlich mal gut aufgepasst, das mag sein, und dahinter steht am Ende dann doch wieder das verdammte Leistungsethos. Wo man auch hindenkt, man entkommt dem einfach nicht, es sitzt zu tief.

Aber egal, erst einmal weiß ich jedenfalls etwas mehr über diese drei Vögel und finde das also aus irgendwelchen Gründen gut. Man muss auch nicht alles bis zum doch wieder bitteren Ende durchdenken.

Und ich weiß übrigens bald auch, wo die vermutlich nisten, die drei Vögelchen, nein, ich weiß es sogar jetzt schon. Ich sitze und gucke und lerne und merke mir das.

Die riesenhafte Rabenkrähe oben auf dem Strommast, die auch die ganze Zeit sitzt und guckt und lernt, die merkt sich das allerdings auch.

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Kaum hat man etwas entdeckt

Im Garten sehe ich eine winzige und einsam wirkende Blüte im Gras, die kenne ich nicht, die sehe ich nach. Es ist ein Reiherschnabel, der gehört da nicht hin, schon gar nicht so überaus jammernswert alleine, aber auch sonst nicht. Der Boden ist da völlig falsch für ihn und es ist auch noch eine Stelle, über die dauernd jemand rübergeht, und jetzt muss ich also dauernd neben diesem Blümchen stehen, lila bis pink übrigens, und aufpassen, dass es niemand achtlos umbringt. Kaum hat man etwas für sich entdeckt, schon fühlt man sich beauftragt, was soll das eigentlich.

Ich lese nach, die Vorfahren des Reiherschnabels kommen von den Inseln Korsika und Sardinien, das muss man sich mal vorstellen. Kommen die da aus diesen Traumgebieten im lichten, blauen Süden, kreuzen sich mehr oder weniger freiwillig durch die halbe Welt um dann in einem Hamburger Schrebergarten auf der Billerhuder Insel zu landen und Dreiviertel des Jahres grauen Himmel über sich zu haben und sich jeden Tag vom rüden Nordwest anrempeln zu lassen. Na toll.

Auf einer Gartenseite sehe ich, dass man den Reiherschnabel durchaus auch anpflanzt, der ist willkommen, der „gewinnt Gärtnerherzen.“ Der ist einer von den Lieben, wie kleine Kinder sagen würden. Man pflanzt ihn, so lese ich weiter, in kleinen Tuffs, wie süß klingt das eigentlich. Kleine Tuffs! Ich lese das und möchte augenblicklich auch in einem kleinen Tuff sein, das macht die lange Isolation, so etwas hätte ich früher nicht so leicht gedacht, wirklich nicht. „Die Pandemie war vorbei und die Menschen saßen wieder in kleinen Tuffs in den Gartencafés.“

Da mal drauf freuen.

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Ich kannte von diesem Song bisher nur die Kreisler-Version. Das hier ist das Original.

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Für Schreib- und Schriftmenschen interessant, die Antworten unter diesem Tweet von Berit Glanz, in dem sie fragt, wer welche Schriften wofür nutzt.

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Links am Morgen

Ich habe für das Goethe Institut etwas über das Vergessen geschrieben. Hier entlang bitte.

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Die Höllenfahrt des Hans Fallada (Audio)

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Es ist okay zu sagen: Ich kann nicht mehr (Audio). Ich könnte hier einen halbwegs eleganten Bogen schlagen zu dem Text über das Vergessen. Denn wissen Sie, was ich vergessen habe, wirklich vergessen, was ich also geistig nicht mehr ohne weiteres reproduzieren kann, was mir abhanden gekommen ist, das ist das Wissen um das Gefühl, wie es ist, wenn es okay ist. Halbwegs okay, ziemlich okay, total okay – egal, ich weiß es eh nicht mehr, keine Variante davon ist mir noch präsent, nein, ich weiß nicht mehr, wie es ist, wenn es okay ist. Das liegt in meinem Fall nicht nur an Corona, aber die Doppelbelastung durch irgendwas mit Home- davor trägt schon erheblich und täglich dazu bei. Es ist nicht okay. Nichts ist okay. Schon lange nicht mehr. Muss man auch sagen können, nehme ich an. 

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Mittwoch

Bemerkenswerte erste Male, ich habe einen veritablen Ansteckungsalbtraum. Was allerdings auch kein Wunder ist, wenn ich mir mein Umfeld so ansehe, die Einschläge kommen näher.

Weitere Folgen Mythic Quest gesehen, mehrfach gelacht. Das ist allerdings auch bemerkenswert.

Da das Wetter sich nicht ändert und sich auch sonst nichts mehr ändert, sitze ich hier gefühlt in immer gleicher Haltung am immer gleichen Schreibtisch, zu einer Uhrzeit, die vollkommen egal ist, an einem Tag, der auch nichts ausmacht, in irgendeinem Monat, who cares. Links das Firmennotebook, rechts das private Notebook, ich lese irgendwas, ich schreibe irgendwas. Es wird immer so bleiben und sich vermutlich nie mehr ändern, man muss sich Sisyphos als neustartenden Menschen im Home-Office vorstellen.

Ein Sohn kommt rein und fragt, was es mit Lübeck damals auf sich hatte. Ich sage, dass das ein weites Feld sei und überlege kurz, ob ich darüber nicht sogar Bücher geschrieben habe. Dann erklärt er allerdings, dass er die Sache mit der Hanse meine, nicht meine Herkunft. Okay. Königin der Hanse und so, rauf bis Edinburgh und rüber nach Nowgorod, da konnte man noch reisen! Und raus! Das waren noch Zeiten, sage ich, das waren noch Zeiten.

Ich führe etliche Telefonate wegen der einigermaßen unklaren Versorgungslage meiner Mutter nach ihrem Krankenhausaufenthalt. Ich gehe zwischendurch zum Bücherregal, nehme den Kafka raus und lese etwas nach, dann führe ich noch ein Telefonat. Und lese noch einmal nach. Falls Sie im Kontext dieser Pandemie auch mit öffentlichen Stellen reden müssen, machen Sie das besser nicht nach, es ist unheimlich.

Und falls Sie übrigens mit dieser Information etwas anfangen können, heute ist Mittwoch, ich habe gerade nachgesehen. Mittwoch, Mittwoch, Mittwoch. Es sagt nicht mehr, wenn man es öfter schreibt, es rührt sich nichts, der Mittwoch ist tot, Jim.

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Take what you need

Sonntagabend. Um 21 Uhr, exakt zu Beginn der Hamburger Ausgangssperre also, fährt ein Auto an unserem Haus vorbei. Aus dem Auto kommt laute Musik, es sind Liedzeilen, die man kennt: „You must leave now, take what you need …“ Das scheint mir nicht passend zu sein. Ich überlege, eine Ausgangssperrenplaylist anzulegen, verwerfe den Gedanken aber aus Zeitgründen wieder, ich kann mich auch nicht um alles kümmern. Wobei sich das „I’m going home“ aus der Rocky Horror Picture Show um viertel vor neun schon anbieten würde, nicht wahr. Ich sehe aus dem Fenster, es ist kein Mensch mehr auf der Straße zu sehen.

Am frühen Montagmorgen sitze ich am Schreibtisch und frage mich, warum heute alles noch trüber als sonst wirkt, noch bedrückender und düsterer. Dann fällt es mir auf, ich habe die Jalousien nicht hoch- und das Licht nicht angemacht. Manchmal ist es ja einfach.

Ich mache die Jalousien hoch, der Himmel ist blau. Also schwach blau. So ein grau eingefasstes Immerhinblau ist das, ich will hier nichts beschönigen. Der Himmel ist geradeebenblau und es ist nach wie vor zu kalt da draußen, ich merke es, als ich mich kurz aus dem Fenster lehne. Nein, so geht Frühling nicht. „In Norddeutschland setzt sich Meeresluft polaren Ursprungs durch und gestaltet das Wetter unbeständig.“ Ich dagegen, ich sitze am Schreibtisch bei gleichbleibender Raumtemperatur und gestalte alles beständig.

Muss ja.

Zwischendurch telefoniere ich wegen der einigermaßen unklaren Lage meiner Mutter mit Behörden, lande schließlich beim Infektionsschutz und höre dort lange – sehr lange – die Warteschleifenmusik. Dort läuft, es ist kein Scherz: „You left me just when I needed you most.”

Ansonsten: Es ist alles ein riesiger Fuck-up. Bis zur Pandemie schleichend und jetzt steht alles kurz vor dem tatsächlichen Kollaps.

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Die Brücke der Beschränkungen

In den Nachrichten geht es um die Bundesnotbremse. Da mal dran ziehen! Und außerdem wird die Brücke der Beschränkungen erwähnt, die erinnert seltsam an Begriffe aus der chinesischen Politik von damals, der große Sprung musste über die Brücke der Beschränkungen, so etwas in der Art.

Und gewisse Herren möchten also demnächst Kanzler werden. Aha. Ich nicht, denke ich beim Lesen, ich nicht, und das macht es ja schon einmal einfacher, da kommen wir uns wenigstens nicht in die Quere, diese Herren und ich. Ich überlege aber, wo ich schon einmal beim Thema Werden bin, was ich eigentlich werden möchte. Dazu ist man nach gewissen Sachbüchern immerhin nie zu alt und man soll ja dauernd das mit der Bucket List machen, aber ich finde die Frage leider nach wie vor irre schwierig. Ich habe kein Karriereziel, schon lange nicht mehr. Ich möchte im Grunde nicht einmal einen Beruf haben, bitte, ich möchte einfach nur sein, wie die Blümelein auf dem Felde, da war doch was, nein, die Vögelein unter dem Himmel waren es. Oder so. Das ist ein umwerfend schlichter Gedanke, werden Sie vielleicht urteilen, aber es ist die Wahrheit, ich bin weitgehend ehrgeizlos. Vielleicht ist es ein Defekt, vielleicht ist es ein Segen, ich bin mir gar nicht sicher, was es ist. Es ist auf jeden Fall der Grund, warum mich von allen Einkommensarten das von den LeserInnen hier eingeworfene Geld immer am meisten freut, weil ich das vermeintlich dafür beziehe, wie ich bin. Denn das Schreiben fällt bei mir nicht mehr unter Tätigkeit und Pflicht, das fällt unter Sein. In Meike Winnemuths Gartenbuch, gerade sehe ich die Zeilen, steht ein Absatz über selbstbelohnendes Verhalten: „Die entscheidende Frage ist immer: Würde ich es tun, wenn es kein Geld dafür gäbe? Wer das mit „ja“ beantwortet, hat alles richtig gemacht.“ Ich würde immer schreiben, nehme ich an. Das Schreiben gehört zum Leben dazu, das ist in meinem Fall also fremdbelohnt und auch selbstbelohnend und daher wohl so etwas von richtig.

Was soll ich ansonsten werden, was soll ich sein? Und versuche gut zu sein, wie die Anweisung bei Wolfgang Borchert hieß, das hatte ich neulich gerade schon, das ist ja wohl schwer und unlösbar genug, was denn noch alles?

Im Grunde finde ich alles so dermaßen kompliziert, ich könnte problemlos den Rest meines Lebens mit dem stets bemühten Nachdenken darüber verbringen und würde mich sicher nicht langweilen dabei. Ich habe, wie schon oft festgestellt, eigentlich gar keine Zeit für einen Beruf. Ich finde das Leben an sich schon herausfordernd genug.

Ansonsten ist Home-School, versteht sich, immer ist Home-School, ich kann ja schon deswegen nichts werden. If-Sätze im Englischen. Versuchsprotokolle zu Schallexperimenten, bis hier keiner mehr das Wort Dosentelefon ertragen kann. Der Aufbau der Stadt im Mittelalter, die Rolle der Zünfte und die der Hanse. Dezimalbrüche. Und immer so weiter und weiter und weiter, das Leben ist eine lange, ruhige Home-School-Stunde. Oder es ist Home-Office, die Unterschiede verschwimmen hier ab und zu. Man hat viele und lange Online-Meetings, man macht Aufgaben, man gibt etwas ab. Egal.

Würde ich Home-School machen, wenn ich kein Geld dafür bekäme? Ach nein. Falsche Frage, Thema verfehlt.

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