Der Wind hat gedreht

Der Wind hat gedreht, eine Fee ist dabei nicht erschienen. Aber ich höre am frühen Montagmorgen immerhin mehrfaches, nach elbnebeligem Wetter klingendes Tuten aus dem Hafen, das ist ein besonders hamburgischer Moment, dabei mag ich die Stadt wieder etwas mehr. Südwest also, es wird in Kürze wieder etwas milder werden. Es sieht draußen allerdings nicht so aus, wie es dumpf wabernd klingt, keine Spur von Nebel ist zu sehen, klar ist die Nacht, der Morgen. Vielleicht hängt er nur unten, am und über dem Wasser, der Dunst. Der Mond ist eine schmale Sichel neben dem Kirchturm, wie präzise ausgeschnitten und in das Schwarz des Himmels geklebt. Daneben ein Funkelstern, der Arktur, so sagt jedenfalls die App, das ist der Hauptstern im Bärenhüter, wie schön klingt das denn. Einige schwächere Sterne ringsum, recht viele sogar für einen Großstadthimmel. Glanzpapierschnipsel auf schwarzem Grund. Saisonale Basteleien, in den Timelines wurden am Wochenende auch schon erste Kekse gebacken, es gab bunte Beweisbilder davon.

Wir haben Weihnachten aus dem Keller geholt, weil wir gerade Zeit dafür hatten und sowieso da unten waren, aber es kam uns noch etwas früh und nicht recht stimmig vor. Wir haben Weihnachten noch nicht ausgepackt. Weihnachten steht jetzt erst einmal in der Abstellkammer.

Der Nachbar übt am Wochenende mit Ausdauer Gesang. Was ich erkennen kann, klingt nach weihnachtlicher Chormusik, aber ganz sicher bin ich mir nicht, mangels entsprechender Kenntnisse. Lange übt er jedenfalls, mehrere Stunden, mit viel Hingabe, stelle ich mir vor. Dann sitzt er wieder am Klavier, auch das lange. Beim Brötchenholen am Sonntagmorgen höre ich im Vorbeigehen, wie sich jemand in der Kirche warmorgelt. Ich gebe jeden Widerstand auf und mache zuhause beim Tippen am Vormittag versuchsweise die Buddenbohm-Weihnachtsplaylist auf Spotify an, auch das zu früh. Der Christmas Waltz von Peggy Lee ist dennoch schön und verhilft mir zu einer spontanen Kolumnenidee, da will ich nicht meckern.

Ich gehe zur Bücherei, die noch neue Sonntagsöffnung muss unbedingt regelmäßig unterstützt werden, denke ich. An der Tür klebt ein Zettel: Am Totensonntag öffnet die Bibliothek nicht. Guck an, denke ich, so fröhlich-vergnügt und ausgelassen kamen mir meine Büchereibesuche am Sonntag nun auch wieder nicht vor, dass man sie am trüben Totensonntag hätte streng untersagen müssen, um dem Ernst der Sache gerecht zu werden. Mehrere Menschen kommen neben mir zu dieser Tür, lesen den Zettel, drehen sich kommentarlos um und gehen wieder. Volle Bücherrucksäcke auf den Rücken, die müssen sie wieder heimtragen. Die meisten wirken erstaunlich gleichmütig dabei. Ich nehme an, dass nahezu alle meinen ersten Gedanken teilen: „Na, egal. War ich wenigstens mal draußen.

Das ist, Sie werden es kennen, an Sonntagen im Winter ein Gedanke von besonderer Wichtigkeit und Vernunft. Und Vernunft, nicht wahr, da stehen wir ja drauf.

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Frost am Morgen

Sonnabend. -6 Grad am Morgen, das ist Winter, wie geht Winter, wie verhält man sich da. Ich mache erst einmal alles wie immer, ich gehe einkaufen. Im Discounter fallen mir mehrere Menschen auf, weil sie größere Mengen Weihnachtsdeko und Weihnachtssüßigkeiten kaufen, das sind vermutlich diejenigen, die bemerkt haben, dass nächsten Sonntag der 1. Advent ist. Es wird vorgesorgt, es wird gerüstet, es wird versorgt, die Backzutaten gehen heute auch gut weg. Kinderglück und Routinegemütlichkeit, jahreszeitlich angepasst, man will es doch schön und passend haben. Wir nehmen noch diese Lichterkette mit und Lebkuchen, wir haben ja gar keine Lebkuchen. Getrocknete Orangenscheiben haben die hier auch, guck mal.

Am Nachmittag stelle ich in der Innenstadt fest, dass meine gewohnten Spaziergangsrouten nicht mehr zur Verfügung stehen, etwas sechs Wochen lang wird das nun so sein. Es stehen einfach zu viele Leute im Weg herum. Viel zu viele Menschen auf zu wenig Metern, durch die Spitaler Straße etwa wogt ein dichtes Geschiebe von Tausenden, ich mochte so etwas schon präpandemisch nicht. Den mit Buden vollgebauten Rathausmarkt sehe ich nur von ferne und biege gleich ab, vor den Alsterarkaden ein langer Fußgängerstau, kein Durchkommen mehr. Glühwein- und Schmalzkuchenduft über allem, es kommt jetzt dick. Am Straßenrand ein riesiger Truck, auf dessen Plane irgendwas mit „Event“ steht, in dem wird noch viel mehr Weihnachten stecken, eine ganze Ladung voll, vielleicht das Zubehör für die große Weihnachtsparade. Der Mann, der das ganze Jahr über jeden Tag in der Nähe von Karstadt steht und ein Schild hochhält, auf dem eine eher kryptische Botschaft irgendwas mit Jesus verkündet, er kann sich im Andrang der Massen kaum noch halten. Er versucht, dort stoisch stehenzubleiben, es ist schwer, von weitem schon sieht man sein Schild wackeln.

Ich überlege, ob etwas an der Menge auffällt. Nach Corona sieht nichts mehr aus, Masken trägt kaum jemand, ganz vereinzelt ist mal eine zu sehen. Die Teuerung scheint nicht vom nachmittäglichen Besuch der Fußgängerzonen abzuhalten und einige Geschäfte haben doch weit offenstehende Türen. Ich hatte es so verstanden, dass das in diesem Winter in Hamburg anders sein sollte, aus Energiespargründen. Oder doch nicht? Vielleicht bekomme ich nicht mehr alle Regelungen mit, das ist am Ende wie bei den wirren Coronamaßnahmen, mag sein.

Es ist aber so, fällt mir schließlich auf, dass die Menschen doch wenig Tüten und Taschen tragen. Je länger ich hinsehe, desto sicherer bin ich, ohne eine Statistik ersetzen zu können: Es wird weniger gekauft als in den Jahren vor dem Krisengewimmel. Dem Augenschein nach. Die Menschen kommen zum Gucken und auf einen Glühwein in die Stadt, die Menschen kommen nicht für ein Programm zur Rettung der darbenden Kaufhäuser.

Das demnächst mal verifizieren, die Presse wird sicher in Kürze berichten.

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In den Timelines einige Schneemeldungen und -bilder, vor allem aus dem Osten. Teils verzückt, teils entsetzt werden die Flocken beobachtet, bei uns fällt nichts mehr.

Auf Twitter löschen dieser Tage etliche ihre sämtlichen Direct Messages und müssen dabei durch die Irritation, auf Nachrichten von und mit Verstorbenen zu stoßen. Da muss Pietät für die Gegenwart teils neu definiert werden, löscht man das, löscht man das nicht, es gibt keine verbindliche Antwort. Man stößt bei diesem Löschen auf vergessene Zeiten, auf längst vergangene Stimmungen, auf Situationen und Szenen aus der Vergangenheit, so war ich einmal, so war es einmal, so waren wir einmal, so war es mit der oder dem. Und es war anders als heute, ganz anders, wie lange ist das her.

Totengedenken und novembriger Rückblick im Social-Media-Style, wir sind da noch ganz am Anfang und müssen uns erst einfinden. Aber wir werden auch das lernen, wie wir immer alles lernen.

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Schneeregen am Morgen

Freitag. Schneeregen am Morgen, ich löse das Problem, in dem ich mit dem Rücken zum Fenster arbeite. Ich sollte Seminare für gelingendes Leben geben, ich weiß.

Am Nachmittag ein Termin in Alsterdorf. Ich weiß nichts über Alsterdorf, das ist eine der Ecken dieser Stadt, von denen ich nur eben weiß, dass es sie gibt. Alle Menschen in Großstädten haben bei manchen Gebieten diese flüchtigen Stadtplankenntnisse, da haben sie nur mal die Stationsnamen auf dem S-Bahn-Plan gesehen oder davon gehört, dass da irgendwer wohnt oder dass da geschichtlich mal irgendwas war, mehr nicht. Ich finde die richtige Hausnummer in Alsterdorf nicht sofort, ich irre etwas herum, ich finde Alsterdorf daher doof. Habe ich das also auch geklärt. So sortiert sich im Leben nach und nach alles zurecht und irgendwann hat man doch noch ein fertiges Weltbild.

Nebenbei sehe und höre ich, dass an einem kleinen Marktplatz dort jemand Saxofon spielt, mit kräftigem Verstärker und zugespieltem Rhythmus aus der Dose: Feliz Navidad. Mein Termin dauert anderthalb Stunden, ab und zu höre ich dabei Fetzen der Musik durchs Fenster. Die Darbietung ist recht laut, die Umgebung hat hier viel davon, und jeder Fetzen der herangewehten Melodie ist zuverlässig ein Teil von Feliz Navidad. Nach dem Termin gehe ich noch einmal an dem Saxofonspieler vorbei und zurück zur Bahn. Er spielt immer weiter, und er spielt immer wieder und ausschließlich Feliz Navidad, in Endlosschleife. Die Marktbeschickerinnen neben ihm müssen nervlich mittlerweile etwas belastet sein, stelle ich mir vor. Der Musiker steht dabei seltsamerweise abseits in einer eher dunklen Ecke, es scheinen dort hinten nicht gerade viele Menschen an ihm vorbeizugehen. Aber er macht weiter, so wie wir alle immer weitermachen. Was soll man auch machen, nicht wahr, man macht, was man kann, und wenn es nur das eine Stück ist, und wenn man dabei auch am falschen Ort steht.

Feliz Navidad. José Feliciano hat das Lied damals in nur fünf Minuten komponiert, so lese ich, aber diese fünf Minuten ergaben bis heute zigtausend Stunden Spielzeit in Millionen von Fußgängerzonen und Milliarden von Wohnzimmern. Das ist wahrlich effizientes Arbeiten, da auch mal anerkennend nicken, wenn man es wieder hört. Was sicherlich demnächst der Fall sein wird.

Am Abend gehe ich noch einmal durch die Einkaufsmeilen zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, ich brauche mehr Bewegung. Die Weihnachtsmärkte werden gerade aufgebaut und viele Stände sind sogar schon geöffnet, an einigen wird noch Deko zusammengeschraubt, in einige wird noch Ware eingeräumt. Wieder die gleichen Angebote wie immer, die Kochlöffel aus knorrigem Olivenholz oder was das ist, die bunten Leuchtsterne für die stimmungsvolle Adventszeit, die Wollhandschuhe, das Schmalzgebäck, die Wurst, es ist alles vollkommen überraschungsfrei. Der Glühwein ohne Schuss kostet in diesem Jahr 4,50 plus Pfand und schon stehen die ersten angeschickerten After-Work-Grüppchen aus den Großraumbüros in der City kichernd und rotbäckig an den Ständen und glühen für das Wochenende vor. The same procedure.

Die letzten noch verbleibenden großen Kaufhäuser schließen gerade. Obdachlose beziehen die windgeschützten Eingangsflächen, sie kommen mit vollen Einkaufswagen und viel Zeug für die Nacht. Eine alte Frau, der Kleidung nach osteuropäisch, richtet gerade Isomatten, Schlafsäcke und Decken für einen jüngeren Mann, vielleicht für ihren Sohn. Bewegungen, die alle Eltern überall auf der Welt für ihre Kinder machen, dieses Glattstreichen der Unterlagen, dieses einladende Aufklappen der oberen Decke, nur eben in einer fremden Stadt, nur eben draußen in einer winterlichen Nacht, nur ist das Kind längst erwachsen und schwer alkoholisiert. Aber sonst: The same procedure.

Im Hauptbahnhof gehe ich auf meinem Heimweg am Nachtzug nach Wien vorbei. Darin beziehen gerade Passagiere ihre Kabinen. Sie sitzen auf den Kanten der Betten und Liegen und sortieren Zeug aus Koffern. Eine junge Frau im Sitzabteil holt mit schnellen Bewegungen ihr Notebook heraus, klappt es auf dem Schoß auf und tippt entschlossen und konzentriert los, wie jemand, der sehr dringend eine Idee verwerten muss. Vielleicht schreibt sie mal eben ein Weihnachtslied, man weiß es nicht.

Der Zug fährt an, rollt los in die Dunkelheit, Richtung Wien. Und wissen Sie, wer dort wohnt, in Wien? José Feliciano. Er betreibt dort ein Kaffeehaus, sagt die Wikipedia.

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Das Wort des Winters

Donnerstag. Heftig weht der eiskalte Entblätterer, die Linden unten auf dem Kirchhof werden unsanft und ohne weiteren Verzug entkleidet. Ihr Laub treibt es ein letztes Mal gelb aufleuchtend himmelwärts, den Krähen, Tauben und Möwen hinterher, die sturmbeschleunigt schneller fliegen als sonst. Die Wetterfahne auf der Kirchturmspitze, ein goldener Sankt Georg, der den Drachen mit langer Lanze tötet, schlägt unruhig und schnell hin und her. Ost, Südost. Unten auf den Straßen und Wegen hastende Menschen im eisigen Regen. Kapuzen und Mützen, Schirme, Handschuhe, Schals und dickgepolsterte Outdoorjacken, volles Programm. Auf dem Wochenmarkt stehen die vielschichtig angezogenen Verkäuferinnen in den Böen und haben es schwerer als sonst. Der Hokkaidostapel vor dem Gemüsestand glänzt orange im Regen, man bekommt im Vorbeigehen Suppenhunger. Ich kaufe einen Stand weiter einen Käse, der Deichgraf heißt, das passt heute zum Wetter, will mir scheinen. Alles stimmig halten.

Eine linke Partei bietet per Plakat „Eintopf und Unterstützung“ an, das klingt ein wenig nach Weimar. Wenigstens gibt es ein paar Meter weiter keine plakatierten Gegenangebote aus brauner Richtung, da muss man schon dankbar sein. Uns geht’s ja noch gold. Ich schlage zuhause die Werkausgabe der Hermynia zur Mühlen auf, etwas Text zwischendurch, und lese zufällig die Geschichte vom Roten Heiland, es fügt sich heute.

Im Home-Office ist es zu frisch. Die Heizung läuft nicht recht, vermutlich weil Handwerker gestern im Keller irgendwas daran gemacht haben, das ist hier Tradition und dauert dann ungefähr sieben Tage, bis wieder alles normal und also gemütlich warm ist, das kennen wir. Ich arbeite mit zwei Pullovern, Überwurfdecke und Wärmflasche, die ein Sohn, der dieser Tage erst seine Vorliebe für die Dinger entdeckt hat, neuerdings „Wärmi“ nennt.

Der Begriff wird hier gerade zu einem verallgemeinerten Trostangebot im Familienjargon. Wenn einer missvergnügt auf dem Sofa sitzt oder verdächtig früh ins Bett geht und offensichtlich abbaut oder morgens gar nicht erst unter der Decke hervorkommen mag, kann man im Vorbeigehen mal eben „Wärmi?“ fragen, es ist manchmal tatsächlich hilfreich. Wärmi, das Wort dieses Winters. Und es wird nicht lange dauern, dann wird es sich magisch vom gemeinten Gegenstand ablösen und dann bald für Trost allgemein stehen, es wird dann heiße Schokolade, Tee, Hühnersuppe, free hugs oder etwas in der Art sein können, so geht die Sprachentwicklung.

Ja, genau so wird es kommen. Im Wärmiwinter 2022, manche Vorhersagen traue ich mir zu, auch als Schmalspurprophet.

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Der phänologische Kalender findet ansonsten auch auf dem Notebook statt, die Spam-Mails für die spanische Weihnachtslotterie nehmen stark zu. Ich klicke alles weg, ich mache Mastodon auf, ich lese „Friedrich Schiller folgt dir jetzt.“ Immer öfter die Kreise und Rückbezüge in meinen Texten, wie kommt das. Egal, jedenfalls Weimar schon wieder, siehe weiter oben. Ein wenig merkwürdig ist es doch.

Und, wo wir schon bei den ganz Alten und Großen sind, auf Twitter weist Julian Zündorf (er bloggt auch, hier) darauf hin, dass die Familie von Hardenberg, also die Angehörigen des Dichters, der als Novalis bekannt wurde, der mit der blauen Blume, sein Pseudonym auf der ersten Silbe betont haben. Nóvalis. Wie seltsam klingt das denn, bitte? Ich sage es im Laufe des Tages ein paarmal laut vor mich hin, es bleibt fremd. Novaalis.

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Übrigens, aber das ist nur eine Bemerkung am unteren Rande, ist es mir ein stetig größer werdendes Rätsel, wie ich Tag für Tag aufs Neue überhaupt nichts erlebe und es dennoch halbwegs zuverlässig einen Blogartikel füllt, den ich oft vor der Veröffentlichung noch deutlich kürze. What the hell am I doing here.

Na, es gibt so Tage.

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Alles enger machen

Donnerstag. 4 Grad am Morgen und ein wölfisch heulender Ostwind in der Badezimmerlüftung, die allerdings baulich bedingt schon immer etwas zum Überdramatisieren neigt. Eine Geräuschkulisse beim Zähneputzen wie in der winterlichen Taiga (gleich Alexandra im Ohr, Sehnsucht heißt das alte Lied der Taiga, das ist unauslöschlich).

Man heizt immerhin hier und da für ein Momentchen, das schon, so weit sind wir jetzt.

An einer sich automatisch öffnenden, gläsernen Büroturmtür, an der ich jeden Tag vorbeigehe, klebt ein neuer Zettel: „Achtung, im Winter schmalere Öffnung!“ Ich glaube, der Zettel hing dort in den Vorjahren nicht, das wird wohl eine dieser neuen Energiesparmaßnahme sein. Alles schmaler machen, enger, kompakter. Durchschlüpföffnungen. Büroflächen verkleinern, Türen verengen, Fenster schließen und abdichten, alles verrammeln, im Hoodie zusammenschnurren, sich aufplustern und im Kern warmbleiben, hier bitte heißen Tee einfüllen. Gefühlte Temperatur dra draußen -1 Grad, so steht es gerade in der App.

Ich lese am Morgen planlos im Internet herum, in einem Foodblog gibt es da ein Rezept für „Gratinierte Miesmuscheln mit Queller“. Das klingt zwar nicht nach in diesem Haushalt problemlos möglicher und mehrheitsfähiger Familienküche, aber es ist doch interessant. Was die Menschen alles so machen! Queller, denke ich, und habe kurz die Pflanze vor Augen, das kleine Grün am Meer. Bei Grün fällt mir dann spontan Rahmspinat ein, und den gibt es also heute zum Abendessen, alle Einfälle sofort umsetzen.

Ich bin doch eher schlicht gestrickt, es zeigt sich immer wieder. Ich lese etwa Foodblogs, um auf das zu kommen, was ich sowieso und immer schon mache. Okay.

Ohne jeden erkennbaren Zusammenhang hier noch eben ein Lied, das in den November passt, ohne dabei allzu runterziehend zu sein. In dem Tonstudio, das sieht man, war es bestimmt warm, schön warm.

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Mitte November

Weiter im phänologischen Kalender der großen Stadt, der mich gerade bis zur Besessenheit interessiert. Alles mitschreiben, ich lese statt Twitter jetzt Gegend, irgendwo muss die Aufmerksamkeit ja hin. Vor den Blumenläden der großen Ketten im Hauptbahnhof jedenfalls schon seit zwei Tagen die Adventskränze, nacktgrün oder mit vorgefertigter Deko, wie es passt, verschiedene Größen und Preisklassen natürlich und die Vorbeigehenden gucken, stutzen und checken dann vermutlich kurz den inneren Kalender: Jetzt schon!? Ja, jetzt. Mitte November, ne. Okay.

Vor den Drogeriemärkten wieder das Futter in großen Packungen, feed the birds. Auch auf unserem Balkon haben wir nach lebhaften und nicht eben freundlich vorgebrachten Beschwerden aus Singvogelkreisen wieder Meisenbälle aufgehängt, ein weiterer Saisonbeginn.

An die metallgraue Seite eines Fahrkartenautomaten im Gewirre der U-Bahngänge hat jemand mit Edding geschrieben: „God has mother issues“, die Schrift ist eher klein und unauffällig. Eine Botschaft an versteckter Stelle, auch große Gedanken können also dezent geäußert werden. Da mal ein Beispiel nehmen, falls wider Erwarten ein großer Gedanke im eigenen Hirn auftauchen sollte.

Ein Mann im Anzug kommt mir auf der Rolltreppe, auf der ich im Bahnhof abwärts fahre (äußerst unangenehme Erinnerungen an generationsbedingte Schullektüre bitte ggf. hier einfügen) aufwärts entgegen, er hält einen Blumenstrauß in Knisterklarsichtfolie in der Hand. So einen fertig gebundenen Strauß, bestenfalls mittelschön ist der, fast liebloser Tankstellenstyle, sagen wir zwanzig bis dreißig Euro. Als Mitbringsel schon etwas größer, aber tendenziell eher lieblos, so ein Pflichtgebinde. Er besieht sich den Strauß, und zwar tut er das ganz genau. Guckt so intensiv prüfend, als würde er die Blumen nachzählen, im Geiste nach Farben neu sortieren, den Zustand des blassen Ziergrases prüfen, die Üppigkeit der Blüten kritisch bedenken – er hat einen ausgesprochen skeptischen Blick dabei, so sieht man aus, wenn man etwas falsch gemacht oder entschieden hat und es dummerweise gerade etwas verspätet merkt, es ist dieser Gesichtsausdruck der Reue oder Einsicht, eindringlich gespielt. Er führt den Strauß auch mal näher an die Augen heran, dann wieder weiter weg, grimassiert, nein, doch, oh, es ist wirklich wie im Theater. Vielleicht denkt er aber auch nur: Tulpen? Jetzt? Mitte November? Er hätte doch auch einen Adventskranz kaufen können.

Da vorne ein Feuerwehreinsatz, gleich fünf verschiedene Wagen kommen angerast und bleiben mit blinkendem Blaulicht stehen, in dieser Straße geht erst einmal nichts mehr. Jetzt auch noch Polizei, es wird alles gesperrt. Allerdings steigen die von der Feuerwehr nicht aus, sondern bleiben sämtlich in ihren Wagen sitzen und machen erst einmal in aller Ruhe das, was wir alle machen, wenn wir warten müssen: Sie sehen auf ihre Handys. Um sie herum entsteht ein grandioser Stau, sie lesen sitzend irgendwas nach. Es wirkt ein wenig surreal, aber was sollen sie auch machen, solange die Lage noch von irgendwem geklärt wird. Und es ist ja gut, es ist sogar hervorragend, wenn sie gar nicht erst aussteigen müssen.

Auf dem Fußweg neben ihnen sofort die Menschen, die aufgeregt filmen, so viel Feuerwehr, so viel Blaulicht, guck mal, guck mal, erst einmal das Smartphone auf Verdacht draufhalten. Um den Satz von gestern zu wiederholen: Was ist mit den Leuten. Wer braucht davon Videoclips, wie fünf Feuerwehrwagen irgendwo halten und dann überhaupt nichts passiert, und wer würde diese Videos brauchen, wenn etwas passieren würde.

In einem Gespräch am Straßenrand die laute, unwillige Enttäuschung: „Passiert ja gar nix!“ So schade. Vielleicht brennt in zwei Wochen wenigstens irgendwo ein Adventskranz, dann bekommen sie doch noch etwas geboten.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 15.11.2022

Eine Long-Covid-Schilderung. Das Thema gibt es auch noch, ja, ja, auch wenn es in den Medien etwas heruntergedimmt wird.

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Zum anderen Standardthema fasst Nicole die aktuelle Lage ein wenig zusammen, also falls denn überhaupt noch Interesse besteht, da weiter hinterherzukommen. Wobei es sogar mir gerade etwas zu schnelllebig zugeht, und das will etwas heißen, möchte ich meinen. Für diejenigen, die noch dranbleiben wollen, dürfte auch diese Seite mit einem Ticker zum Thema recht nützlich sein.

Ich beachte Twitter immer weniger, das Heimatgefühl dort nimmt eine schnelle Drehung ins Nostalgische, Twitter war früher, so kann es gehen. Auf Mastodon habe ich die neue Timeline sachte entpolitisiert, ohne dabei eine Drehung ins Biedermeierliche zu nehmen, wie ich jedenfalls hoffe. Obwohl das zur Stifter-Lektüre wiederum fein passen würde, ich höre gerade seine Brigitta. Ich glaube, ich komme mit einer anderen Taktung und Gewichtung der durchrauschenden Meldungen jetzt gerade gut zurecht. Man wird älter und ruhiger, nicht wahr. Auch mal wieder eine Wochenzeitung oder ein Sachbuch lesen, vielleicht im Schaukelstuhl, mit einer Heizdecke über den Knien, während draußen der Schnee … er steht tatsächlich erstmals in dieser Saison im Wetterbericht, by the way, natürlich im Hamburg-Style als „nasse Flocken“, aber immerhin.

Wie auch immer, sollen doch die jungen Leute Eilmeldungen zu fernen Tragödien reposten (aber auch das, eh klar, ist von mir nur eine Momentaufnahme, ist nicht der Weisheit letzter Schluss und nächste Woche vielleicht schon wieder anders). Ich sehe währenddessen noch mehr als sonst im Alltag nach, was hier um mich herum passiert, und schreibe emsig an der Chronik, das ist meine Schlussfolgerung aus dem ganzen Schlamassel. As my wimsey takes me.

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Und das Schlimmste, das ist noch ein ganz anderes Thema.

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Eine neue, wie immer inhaltssatte Monatsnotiz von Nicola. Nach wie vor ein sehr feines Format, und ich schreibe das nicht, weil diesmal die Herzdame drüben vorkommt.

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Über das Leben in interessanten Zeiten. Das mit der geschichtlichen Anomalie, was dort ausgeführt wird, das denke ich mittlerweile auch. Und es passen noch andere Passagen zu hier in letzter Zeit ebenfalls angesprochenen Themen. Wie überhaupt in den letzten Wochen online einige inhaltsähnliche Gedankengänge nahezu zeitgleich auf verschiedenen Seiten von verschiedenen Menschen erschienen, so dass man genau sah, wie hier und da parallel gedacht wurde, wie sich Ergebnisse teils glichen, ich fand das schön.

Und in interessanten Zeiten braucht man selbstverständlich ab und zu Entspannung, etwa hier.

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Drei Euro am Morgen

Ich gehe am Sonntagmorgen spontan zu einem anderen Bäcker als sonst, lebe wild und gefährlich. Fünf normale Brötchen kosten dort drei Euro, ein neuer Rekordwert, nur nebenbei notiert.

In unserem Treppenhaus ein Aushang der Hausverwaltung, darauf stehen Informationen zu den Heizungskosten. Wieviel das Haus gesamt verbraucht, wieviel weniger uns das in den nächsten Monaten kosten würde, wenn alle im Winter sparsamer heizen würden. Ich sehe es im Vorbeigehen, und noch bevor ich den Zettel auf dem nächsten Weg ein zweites Mal und in Ruhe lesen kann, hat ihn schon jemand zerfetzt und abgerissen, was ist mit den Leuten.

Ich gehe zur Zentralbücherei, die hier mittlerweile auch am Sonntag geöffnet ist, wie in vielen anderen Städten, das ist eine erfreuliche Entwicklung. Die Außengastro vor den Restaurants auf dem Weg dorthin wurde auf einige wenige Stehtische reduziert, Raucherrestposten. Vor dem Steakhaus hat jemand die letzten drei Pflanzen aus den Blumentöpfen gerissen und sie auf den Boden geworfen. Die Erde wurde auf dem Fußweg verteilt, was ist mit den Leuten. Es ist in diesem Jahr deutlich geworden, dass Blumentöpfe im öffentlichen Raum hier nicht mehr gehen, sie werden einigermaßen zuverlässig nachts ausgeräumt, zerstört, geplündert, vandalisiert. Warum ist das jetzt so, und warum war das früher nicht so, ich kann das nicht beantworten. But this is why we can’t have nice things, nicht einmal Blümchen, nicht einmal gewöhnliche Geranien.

Ein paar Meter weiter ein E-Roller, den jemand herumgeschleudert oder getreten haben wird, er wurde zerstört, er liegt als leise piependes Wrack quer auf dem Weg und also im Weg. Was ist mit den Leuten?

Im Abgang zur U-Bahn die Habseligkeiten eines Obdachlosen, zerstreut und über die Treppen verteilt, die Isomatte, der Schlafsack, ein kaputter Regenschirm, der vermutlich ein Windschutz war, zerrissene Tüten, undefinierbare Speisereste. Kein Mensch weit und breit, kein Täter, kein Opfer. Vier Uniformierte von der Bahnpolizei gehen entschlossenen Schrittes vorbei, gucken grimm und haben wichtigere Ziele.

Es ist manchmal etwas schwer, auch das Positive zu beachten, aber ringsum an den Laternen hängen wieder die orangefarbenen Schals aus dieser Aktion, das immerhin. Da machen also Menschen etwas, um anderen zu helfen, diesmal wohl aus katholischer Richtung, ich habe mir nicht alles durchgelesen. Ein Schal wurde auch um die Klinke des Portals der evangelischen Kirche gewunden, vielleicht als freundlicher Gruß von nebenan, ein Gotteshaus weiter, ökumenischer Strickdialog, was weiß ich, mir fehlen da alle Kenntnisse und auch das Interesse. Stunden später sind es jedenfalls schon weniger Schals im Straßenbild, sie finden tatsächlich Abnehmerinnen. Ein Mann bindet sich gerade einen um, als ich ihn passiere, und er fragt seine Frau: „Na?“ Die sieht ihn skeptisch an, legt den Kopf schief und sagt: „Och.“ Es ist so ein Och, nachdem man den Schal entweder gar nicht mehr oder nur noch aus Trotz trägt, je nach Beziehungsverlauf. Orange ist aber auch eine schwierige Farbe, das weiß man.

Die Bücherei ist seit einer Stunde auf und schon rappelvoll. Lauter lesende, büchersuchende, stapeltragende, lernende, arbeitende, schreibende und diskutierende Menschen, irgendein Kinder-Entertainment ist da auch gerade, lachende Gruppen im Grundschulalter in den Vortragsräumen. Es sieht alles für einen Moment immerhin nach funktionierender Gesellschaft aus, nach Wohlmeinen und Rücksicht, nach Benehmen und Anstand und Bemühen. Manchmal geht es, manchmal geht es nicht, mir fehlen die Begründungen.

Ich nehme Maeve Brennan mit, Katherine Mansfield und Hermynia Zur Mühlen. Als hätte ich Zeit für viele Bücher. Einfach mal so tun als ob, quasi method-acting. Aber erst einmal lege ich mich am Nachmittag aufs Sofa und lese weiter und mit sehr großem Vergnügen das schmale „Der arme Chatterton“, vom fast vergessenen Ernst Penzoldt. Sprachlich schön ist das, sehr schön sogar, demnächst mal dringend noch mehr von ihm lesen. „Squirrel“ etwa, das soll auch gut sein. Nur gebraucht ist es noch zu bekommen, aber das ist ja lösbar. Und lösbare Fragen, nicht wahr, immer höher priorisieren.

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5 Grad am Morgen

5 Grad am Morgen, um 5 Uhr, es ist alles passend eingerichtet. An dem Sofa, auf dem ich tippend sitze, geht ein hundsgemeiner Zugwind vorbei und vereist meinen Nacken. Von wo nach wo geht der, wie bewegt sich hier die Luft durch die Wohnung und warum. Darum müsste man sich mal kümmern, aber andererseits – worum soll man sich noch alles kümmern. Man kann auch einen Rollkragenpullover über den Schlafanzug anziehen, dann bleibt der Nacken warm. Pragmatisch bleiben! Lösungen finden, Abkürzungen auch.

1987, pardon, ich springe kurz etwas zurück, habe ich morgens auf dem Weg zur Arbeit belegte Brötchen, die damals noch spottbillig waren und ohne Alibi-Salatblatt und Remoulade auskamen, bei einem Schlachter gekauft, es gab damals also auch noch Schlachter, die bei Ihnen vielleicht Metzger hießen, Opa erzählt wieder vom Krieg. Heute gibt es hier weit und breit keinen Schlachter mehr, aber egal. In dieser Schlachterei hing jedenfalls ein Werbeplakat, ich sah es jeden Morgen, während ich darauf wartete, dass die greise Mutter des Schlachters meine Brötchen mit zitternder Hand beschmierte und belegte, und auf diesem Plakat stand: „Schweinefleisch weckt Herbstkraft“, darunter war natürlich ein entsprechendes Nutzvieh in freier Natur abgebildet, glücklich herumtollend. Das war noch lange vor dem Erstarken der vegetarischen Bewegung, und das Wort vegan war, wenn ich es recht erinnere, bzw. eben nicht erinnere, noch nicht einmal bekannt. So lange ist das her, die Welt war eine andere.

„Schweinefleisch weckt Herbstkraft.“ Das fällt mir nur ein, weil wir diese Herbstkraft gerade alle nicht zu haben scheinen, womit ich jetzt nicht den Konsum von Schweinefleisch propagieren möchte, keine Sorge, mir geht es um etwas anderes. Denn wann immer ich schriftlich oder mündlich erwähne, dass ich müde bin, erschöpft, durch, kaputt und gestresst, bestätigen das umgehend nahezu alle um mich herum, oft sogar mit Verweis auf die besondere und überwältigende Intensität dieses Gefühls in diesem Jahr und fast wettbewerbsorientiert, ich bin noch viel müder als du. Wir sind also vermutlich gesamtgesellschaftlich durch, Eltern und ein paar andere Spezialgruppen womöglich noch mehr als andere, aus sattsam bekannten Gründen. Wir sind dermaßen durch, müde, urlaubsreif, sabbaticalreif, rentenreif, fix und fertig, unerholt und jederzeit unausgeschlafen, aber im Dauerzustand und ganz egal, wie lange wir nachts in den Betten liegen.

Früher, also noch vor dem März 2020, ganz damals also, da haben wir nach dem Sommerurlaub noch einmal reingehauen, hingelangt, sind wir durchgestartet, sind wir den Endspurt gelaufen, haben einen heißen Herbst gehabt und dies lediglich beruflich und leistungsorientiert gemeint, in aller Unschuld und Tatkraft noch. Früher war diese Jahreszeit einmal richtig gut, um etwas zu machen, um sogar besonders viel von allem zu machen. Man hat Anlauf genommen und ist dann hineingesprungen, in den Herbst, in die Hochleistungsphase des Jahres, um dann erst gegen Weihnachten kurz umzufallen, nach all der sportlichen Mühe.

Und nun dieses verzagte (ich meine das vollkommen vorwurfsfrei) Abwarten. Wir lassen es alles langsam angehen, wir lassen alles erst einmal auf uns zukommen. Wir ziehen den Kopf ein, wir gehen in Deckung, wir warten ab, wir gucken vorsichtig. Man weiß es ja nicht, wir wissen es ja nicht. Ich, du, er, sie, es weiß es ja nicht. Kopfschütteln, Wellenerwartungen, Krisenbefürchtungen. Beinharter Realismus, gesunde Skepsis, wegduckender Pessimismus, zögerlicher Fatalismus, was auch immer. Wir sind keine Gesellschaft mehr, die mit Schwung etwas regelt, zu keiner Jahreszeit, aber zu dieser schon gar nicht.

Es ist natürlich nur ein Verdacht, weil es enorm schwer ist, das vorhersehen zu wollen, aber für den Moment lege ich mich doch fest, dass die Plan-, Mut- und Entschlusslosigkeit unserer Gesellschaft später einmal als epochebestimmend angesehen werden wird. Ein kleiner Kasten im Geschichtsbuch mit pappeinfachen Ableitungen und vier, fünf leicht zu merkenden Stichwörtern dazu, die werden dann für die Klausuren wichtig sein. Corona, Krieg, Energie, Inflation, Lieferketten und so weiter, das wird gerade festgelegt und wir sind live dabei.

Der Anfang der Zwanziger dieses Jahrhunderts, das wird dann die Phase gewesen sein, in der wir einfach überhaupt nicht mehr weiterwussten. Nicht als Staat, nicht als Mensch. Vielleicht begann es auch schon etwas früher, vielleicht fällt Ihnen der Zeitpunkt ein. 2015 oder was weiß ich, mir geht es gar nicht um Politik.

In seinem immer gerne gelesenen sonntäglichen Newsletter schreibt Nils Minkmar heute über Berlin: „Wenn ich in Berlin bin, kurz mal lachen möchte, fahre ich am Humboldtforum oder „Stadtschloss“ vorbei. Dort ist es immer schön leer und man kann gut nachdenken. Viele gute Absichten, viele gute Leute waren an der Errichtung des riesigen Gebäudes beteiligt, aber am Ende steht ein unbefriedigendes Ergebnis, denn niemand weiß, wozu das Forum eigentlich da ist.“

Wenn man nicht mehr weiterweiß, macht man irgendwas, baut etwa ein Stadtschloss wieder auf.

Ja, Bezüge zum Römischen Reich und so. Und warum auch nicht. Noch einmal den Romulus nachlesen, vom ollen Dürrenmatt. Fliegt hier irgendwo herum, noch in der Reclam-Ausgabe aus der Schule. Vier, fünf Stichwörter dazu, Krieg ist auch wieder dabei, war immer und überall dabei.

Egal. Jetzt ein belegtes Brötchen. Mit ohne Fleisch.

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Stollen und Spekulantien

Beim Bäcker gibt es jetzt auch wieder Stollen und Spekulantien, noch in kleiner Menge allerdings, das ist der letzte Rest an Zurückhaltung. Im Discounter stapelweise Dosen mit Weihnachtsbier und die kleinen Tetrapacks mit den Festtagssaucen, da kommt allmählich Stimmung auf, doch, doch.

8 Grad sind es am Morgen, das geht schon fast als kalt durch. Auf dem Spielplatz am Vormittag eine Mutter, die ihrem schneeanzugtragenden Kind im Strampelalter eine sicher genau für diesen Zweck hergestellte und gewiss auch aufwändig auf Instagram oder Tiktok beworbene Outdoor-Deckenunterlage ausbreitet, vermutlich batteriebeheizt und gepolstert, so dass das Kind dann zappelnd in der Sandkiste liegt, ohne den Sand zu berühren. Man wundert sich über nichts mehr, aber das ist am Ende nur wieder der mühsam verdrängte Neid, denn wir hatten ja nichts. Menschen meiner Generation haben damals auf dem Spielplatz, wenn wir überhaupt je auf einem waren, noch direkt im nassen, kalten Sand gelegen, wie die Kegelrobbenbabys auf der Helgoländer Düne. Primitiv und rustikal.

Apropos Werbung und Instagram. Mir wird in diesen Tagen wiederholt eine Anzeige für etwas gezeigt, das nicht ganz korrekt übersetzt als „gewichtetes Kuscheltier“ beschrieben wird. Gemeint ist damit ein Stofftier mit erheblichem Zusatzgewicht, welches als beruhigend empfunden werden mag, so die Annahme. Das kennt man von den Therapie- oder Gewichtsdecken, so eine haben wir hier sogar und sie hat auch durchaus etwas. Es gibt Tage, da finde ich die gut, da finden wir die vielleicht auch alle ganz gut, und dann streiten wir uns darum, was den intendierten Effekt allerdings etwas aufhebt. Aber ein Stofftier, ich weiß ja nicht.

Andererseits – nicht immer so negativ an alles rangehen. Ich stelle mir vor, ich habe ein riesiges Stofftier mit starkem Übergewicht. Ich stelle mir vor, ich liege unter, was weiß ich, 50 Kilo Plüsch und muss deswegen konsequent alles verneinen, ablehnen und ignorieren. Ich kann leider nichts machen, nicht teilnehmen, nichts übernehmen, Sie sehen ja, das Plüschproblem, so sorry, ich komme nicht weg. Ich kann hier im Moment einfach nur liegen, schade. Vielleicht sollte man das als möglichen Ausweg betrachten. Vielleicht sollte man viel mehr als möglichen Ausweg betrachten.

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Wir fahren in den Garten und stellen das Wasser ab. Im Wetterbericht steht etwas von Temperaturen um zwei Grad in den nächsten Nächten, da kann es vielleicht Frost geben, dann würde die Leitung einfrieren. Denn im Schrebergarten gilt: Wasser nur am Haus, nicht im Haus, die Leitungen liegen also frei draußen herum und müssen jetzt leer sein, sonst platzen Rohre und Schläuche. Im März oder April stellen wir das Wasser wieder an, das sind die beiden großen Wendepunkte im Gartenjahr. Ab März gibt es Kaffee im Garten, nach dem Abstellen im Herbst gibt es keinen mehr. So spät wie in diesem Jahr haben wir sicher noch nie abgestellt.

Ich gehe zu Fuß ins kleine Bahnhofsviertel zurück, das ist ein Weg von einer Stunde. Die Sonne kommt gegen Mittag durch, es ist ein strahlender, mit Aufwand kolorierter Oktobertag. Manche Bäume stehen in sensationeller Schönheit, ein jähes Aufleuchten der Farben, das große Blätterbuntdrama vor Tiefblau, Deko-Orgien in unwirklicher Plastizität, Knallerkulissen, Postkartenherbst. Sogar neben den großen Straßen ist es schön, sogar im Straßenbegleitgrün, das jetzt Straßenbegleitgold ist, findet man hier und da hinreißende Arrangements. Alles ist sehr schön, aber Regen wäre mir doch lieber, denke ich. November wäre mir lieber. November steht doch im Kalender, und ich habe es so mit der Pünktlichkeit, mit der Ordnung auch. Mir wird warm beim Gehen, ich habe wieder zu viel an.

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Gesehen, und zwar gerne gesehen: Diese Doku über die Sturmhöhe.


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