Das Gegenmodell

Als der Urlaub vorbei war, bin ich wieder ins Büro gegangen. Ich hätte auch weiter Home-Office machen können, aber ich hatte im ersten Halbjahr eher eine schädliche Überdosis von allem mit Home. Ich habe außerdem einen sehr kurzen Arbeitsweg, ich habe dort niemanden dicht neben mir sitzen und, vielleicht am wichtigsten, ich habe im Büro vernünftige Arbeitsmöbel und viel Platz, zuhause aber nicht. Ich ging also ins Büro. Das war aber trotz der aufgezählten Vorteile nicht ganz einfach, denn nach dem Urlaub bin ich üblicherweise nicht in der Spitzengruppe der Motivierten zu finden. Das Gefühl kennen Sie womöglich, es soll weit verbreitet sein. Ich hätte nach der Zeit auf Eiderstedt zu vielem Lust gehabt, ich fand den Urlaub diesmal ungemein inspirierend, aber er hat mich jetzt nicht direkt zur Fortsetzung der Büroarbeit angeregt.

Aber gut. Das kennt man. Ich arbeite seit 33 Jahren in einem Büro, ich habe durchaus ein wenig Routine mit diesem Gefühl und kann mittlerweile damit umgehen. Ich kann all die inneren Dämonen rechtzeitig bezwingen und zähmen, ich kann der Unlust Einhalt gebieten und hilfreiche Geister beschwören, die Disziplin und das Verantwortungsgefühl. Das Vorbildhafte spielt dabei natürlich auch eine Rolle, denn die Söhne wollten nicht zur Schule, eh klar.

Ich stand also stoisch auf und warf mich in meinen Anzug wie ein Kriegsheld in seine Uniform. Ich schritt zackig durch die übliche Morgenroutine und niemand hätte mir auch nur das geringste Zögern oder Zagen angemerkt, vermute ich jedenfalls. Nur ich ging an diesem Morgen los, die anderen Familienmitglieder hatten noch verschiedene Formen von frei. Nur ich stand zur Unzeit früh auf und spielte mit einer Intensität Alltag, als sei das die Rolle meines Lebens. Nur ich ging auf die Minute pünktlich aus der Tür und stellte mir dabei lebhaft die Bewunderung der anderen drei Buddenbohms vor, von denen aber, wie ich erst später am Tage erfuhr, keiner auch nur aufgewacht war, um meinen mustergültigen Abgang zu erleben.

Ich ging entschlossen los. Ich gehe meistens zu Fuß zur Arbeit und der Arbeitsweg ist nicht gerade schön, aber auch das konnte ich zur Einstimmung nutzen. Immer mehr Beton, Glas und Asphalt um mich herum, alles war quadratisch, praktisch, schlecht. Da musste ich durch, es führte kein anderer Weg nach Hammerbrooklyn, wie die Marketing-Junkies den Stadtteil gerne nennen, in dem das Büro liegt.

Ich ging schnell, denn ich gehe immer schnell. Das wirkt, Sie kennen das aus der Psychologie, auf den Geist zurück, denn wenn man sich zielstrebig und zupackend gibt, dann wird man auch so. Also zumindest der Theorie nach und wenn man sehr, sehr fest daran glaubt.

An der letzten Ampel stand einer, den hatte mir das Schicksal extra dahingestellt, um mich noch einmal zu versuchen, ich kann es mir zumindest nicht anders erklären. Der lehnte da breit grinsend am Ampelmast, und es war nicht zu erkennen, warum der da jetzt grinste, es war weder die Gegend, noch der Tag oder die Uhrzeit für ein Grinsen, es war geradezu ungehörig, dort zu dieser Zeit gut gelaunt zu sein. Aber egal, er stand da und grinste, breit und unrasiert. Auf seinem Sweatshirt stand, quer über die breite Brust: „Just do nothing.“ So wie der aussah – zur Arbeit ging der gewiss nicht.

An diesem Kerl und Gegenmodell musste ich also noch vorbei und ich schritt – ohne weiter hinzusehen! – noch einmal zügig aus. Da war ich auch schon im Büro, im Werktag, in der nächsten Phase, im Tunnel.

Was soll ich sagen. Es ist jetzt sechs Wochen her, ich lebe mich noch ein.

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Links am Morgen

Berit Glanz über Bilder von der Apokalypse

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Wenn die männlichen Nachtigallen in freundlichen Frühlingsnächten singen, dann trällern sie sich damit ein Weibchen vom Himmel. Oder andersherum, die weiblichen Nachtigallen, die etwas später als die männlichen nach Norden ziehen, überfliegen im Schutz der Dunkelheit mehrere vorausgereiste Sänger und erwählen lauschend den richtigen, den allerbesten, den bemühtesten Musiker. Die letzten Nachtigallen, die man dann Ende Mai noch mit wachsender Intensität singen hört, die sind leider Single geblieben, die letzte Nachtigall singt vom größten Drama. Wer jetzt kein Nest hat, baut sich keines mehr …  Davon habe ich in einem Feature gehört, Stadt der Nachtigallen – Berlins Perfekter Sound. Da geht es um das gleichnamige Buch von David Rothenberg, es ist auch für Nichtberliner wie mich allemal interessant. Der Herr Rothenberg ist Philosoph und Musikwissenschaftler und studiert die Musik, die andere Arten auf diesem Planeten machen, abseits der Charts der Menschen. Es ist alles ganz wunderbar verschroben und ich wurde beim Hören etwas neidisch auf seine Profession, das war aber nicht unangenehm. So ein schönes und irgendwie genau richtiges Ausmaß an Verschrobenheit – das kann man ja auch inspirierend finden.

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Wie ich bin und wie es am Leuchtturm war

Kurz bevor wir Eiderstedt wieder verlassen haben, waren wir noch einmal am Westerhever Leuchtturm. Der stellt ein so dermaßen bekanntes Sehnsuchtsbild dar, wir kommen einfach nicht daran vorbei. Nach all den Jahren dort könnten wir endlich einmal ganz cool die touristische Hauptattraktion auslassen, aber nein, jedes Mal landen wir doch wieder da, gehen dahin und daran vorbei und machen ein Foto und haben dann etwas erledigt und abgehakt, was wir gar nicht genau benennen können. Aber es gehört so, wir fügen uns. Ich sprach später mit einem einheimischen Eiderstedter, der war da noch nie. Warum sollte er dort hingehen, das ist für die Touristen, er hat woanders zu tun. Und die Touristen gehen dahin und denken: „So ist das hier also für die Einheimischen.“ Tourismus ist eine wirklich merkwürdige Angelegenheit.

Ich habe genau vor diesem Leuchtturm einmal, es ist schon Jahre her, eine Todesnachricht erhalten, die mich schwer getroffen hat. Es ist seitdem immer auch ein Gedenkmarsch, dort über die Salzwiesen zu wandern, dann ist es schon zwei, drei, vier Jahre her. Wir rechnen nach, es ist tatsächlich vier Jahre her und wir wissen es noch, wie wir da auf das Handy gesehen haben, und da stand es. Ich gucke nicht gerne auf das Handy, wenn ich dort bin.

Am Deich mit den wie immer malerischen Schafen darauf stand ein dienstlich aussehendes Auto in förmlich grausilbriger Farbe, das hatte eine gut sichtbare Beschriftung hinten drauf. Ein Slogan stand da: „Wir schützen Schleswig-Holsteins Küsten*. Allerdings hatte jemand am letzten Buchstaben etwas herumgeknibbelt, es sah durchaus nach Absicht aus. Und so stand da nicht mehr der eigentlich vorgesehene Text, sondern etwas, das eine seltsame Truppe beschrieb, die sich um eine ganz besondere Berufsgruppe kümmerte: „Wir schützen Schleswig-Holsteins Küster.“

Und ich habe dann eine Weile damit zugebracht, mich zu fragen, wie wohl eine Geschichte beschaffen sein müsste, in der eine Schutztruppe für Küster irgendwie Sinn ergeben würde. Der Deutsche Küsterschutz ist immerhin gar nicht so klein, da wird schon ordentlich Aufwand betrieben, um diese Leute zu verteidigen. So kommt man im Urlaub auf andere Gedanken, es ist zu und zu schön.

Später am Tag unterhielt ich mich mit einem Sohn über Gewohnheiten und Charaktermerkmale und wie verschieden wir sind und was wir gemeinsam haben, es war ein gutes Gespräch über alles und jeden, zu so etwas kommt man manchmal auch nur im Urlaub. Wir dachten über uns und die Menschheit nach, wie wir sind und wie die sind, und es endete mit einem Satz des Sohnes, der gut genug ist, hier das Ende der Eiderstedter Notizen zu bilden: „Weißt du, Papa, genau wie jeder Mensch bist du ganz anders als jeder Mensch.“

Das fasst es nämlich, so glaube ich, in der Tat ganz gut zusammen, wie ich bin.

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Strandflieder und Weidenröschen

Eiderstedt sah bei unserem Besuch in diesem Jahr ein wenig anders aus als in den Jahren davor. Es fiel uns mehrfach auf und es passte zu den Naturphänomenen, die wir auch schon im Garten beobachtet haben, dass also alles auf einmal etwas seltsam ist. Dass da draußen etwas zeitlich verschoben ist, dass auf einmal auch andere Arten im Bild sind, dass dauernd etwas Ungewohntes auffällt. Durch den Garten fog etwa eine stahlblaue Libelle Patrouille und ich sah sie und dachte : „Die war noch nie da. In den letzten drei Jahren jedenfalls nicht ein einziges Mal.“ Gleich darauf kamen drei, vier weitere Libellen. Und es gab etliche Vorfälle dieser Art, Vorfälle mit Käfern, Vögeln, Igeln und anderen Tieren, es war alles auf etwas anderer Spur als sonst. Aus Katastrophenfilmen kennt man diese dezenten Abweichungen von der Normalität, die dann immer deutlicher auf kommendes Unheil hindeuten. Die Abweichungen bei uns waren alle eher nett, geradezu charmant sogar, und wenn sie auf drohendes Unheil hindeuten, deute ich das als besonders perfides Drehbuch. Ich weiß aber eh nicht, was hier auf was hindeutet, der Film geht wohl noch länger und die Zeichen werden derweil einfach immer mehr und mehr. Ich schreibe dies und sehe raus, auf dem Balkon sitzen sieben Spatzen. Es gab hier sonst keine Spatzen.

Ich habe mal mit einem IT-Chef zusammengearbeitet, der nahezu jeden Anruf von Menschen mit Technikproblemen mit dem guten Rat: „Beobachten Sie die Situation weiter“ beantwortet hat, woraufhin er, ich scherze nicht, aufgelegt und sich eine Pfeife gestopft hat. Er hat sich zurückgelehnt und langsam Ringe geblasen, was er sehr gut konnte. Die Ringe zogen langsam zur Decke. Ja, damals rauchte man noch in den Büros, liebe Kinder. An diesen Kollegen denke ich jedenfalls heute noch ab und zu – und beobachte dann die Situation weiter. Welche auch immer.

Auf Eiderstedt also, das wollte ich eigentlich sagen, blühte auf den Salzwiesen bei Westerhever der Strandflieder, wie wir es noch nie gesehen hatten. Ein eher zurückhaltendes Lila, aber davon wirklich viel, über so große Flächen, dass es doch sehr präsent war, es ergab eine ganz neue Farbgleichung, nämlich Meer = Grau, Land = Lila, das denkt man ja sonst eher nicht so. Dazu das noch grüne Gras der Wiesen, also Graugrünlila, eine etwas merkwürdige klingende Kombination, aber wenn man ein Stück Land an der Nordsee ist, so viel steht fest, dann kann man das tragen.

Weiter im Landesinneren der Halbinsel waren sämtliche Weiden und Äcker in einem satten Leuchtila abgesteppt. Das waren, wenn ich das richtig weiß, worauf ich mich an Ihrer Stelle aber wirklich nicht verlassen würde, Unmengen von blühenden Weidenröschen. In keinem Jahr vorher gab es dort auch nur annähernd solche Mengen davon, wir sahen auf durchgezogene lilafarbene Linien um all die grünen Quadrate und Rechtecke mit den Schafen und Kühen und Pferden darauf. Wie kann so etwas auf einmal stattfinden und sonst nicht, wie isses nun bloß möglich?

Strandflieder und Weidenröschen. Ich hätte gerne noch gesehen, wie die verblühen, wie die allmählich vergehen und wie dann etwas Neues kommt. Ich weiß nicht, ob nach denen noch andere Blühpflanzen dort dominierend übernehmen, ich würde es aber gerne wissen. Bei meinem Plan, irgendwann einen Herbst und einen Winter, wenn nicht sogar einen Jahreslauf, auf Eiderstedt zu verbringen, wäre das Teil des Vorhabens, draußen immer wieder nachzusehen, was gerade ist und wieviel davon. Und dann darüber etwas schreiben. Nur weil ich das so mag, doch, das stelle ich mir schön vor.

Ich habe im letzten Jahr übrigens viel über das Phänomen Bucket List nachgedacht, weil viele Menschen so etwas haben. So eine Liste, so eine Aufzählung von Sehnsuchtspunkten oder Wunschpflichten oder Pflichtwünschen oder wie immer man das nennen möchte, dieses ganze Zeug, was die da also noch alles machen und erleben oder erledigen wollen, in diesem Jahr, im nächsten Jahr, irgendwann, in diesem Leben. Ich war etwas betroffen, denn ich hatte so etwas gar nicht. Meine Liste war komplett leer. Ich bin einfach nie darauf gekommen, mir so etwas auch nur gedanklich anzulegen. Ich habe mich dann eine Weile gefragt, ob das ein Charaktermerkmal ist, eine Macke oder ein Problem, ein Defizit oder ein Glück, ob es egal ist oder ob es etwas ausmacht. Ich denke eigentlich immer noch darüber nach.

Dann habe ich, weil ich bei so etwas gerne mit Versuchsanordnungen improvisiere, besonders wenn ich dafür nicht vor die Tür muss, mir natürlich eine Liste gemacht. Mit Zielen und Wünschen für den nächsten Monat, das nächste Jahr und noch viel weiter. Mir fiel erst nicht viel ein, es dauerte etwas, aber es war dann doch ein lohnendes Nachdenken. Was für Nachdenken allerdings fast gemeinhin gilt, insofern beweist das nicht viel.

Egal. Ein Punkt auf der Bucket List ist jetzt jedenfalls: Auf Eiderstedt die Gegend ansehen, bis das Gefühl eintritt, es wirklich gründlich genug getan zu haben. Dabei Notizen machen. Ausreichend Zeit dafür haben.

Es kommt mir wie ein überaus vernünftiges Vorhaben vor.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Vielen Dank für das Paket mit Eichhörnchenfutter! Es wird jemanden ganz besonders freuen, der in einer Eiche nahe unserer Laube wohnt. Er kommt schon seit einer Weile häufig vorbei und guckt hier und da, ob nicht vielleicht etwas zu finden sei. Ich denke, das wird ihm gefallen. Oder ihr. Das kann man nicht wissen, oder kann man? Man kann nicht, ich habe es gerade gegoogelt. Man müsste dem Tier entschieden zu nahekommen, um das festzustellen. Und so gut kennen wir uns nun auch wieder nicht, ich meine, wir sind nur Gartennachbarn.

Vorderseite

Als ich noch bei der Luftwaffe war – ein Satz, der hier alle paar Jahre einmal vorkommen muss, weil er mit fortschreitendem Lebenslauf immer absurder wird – als ich also noch bei der Luftwaffe war, da gab es in den Verwaltungseinheiten der Truppe manchmal riesenhafte Geräte, die auf den ersten Blick etwa wie gepanzerte Schreibtische aussahen. Die konnte man oben aufklappen und einen Zettel unter die Klappe legen, es war aber kein simpler Kopierer, oh nein. Es war vielmehr ein futuristisch anmutendes Gerät, dass diesen Zettel – so wie er war! – auf ein anderes Gerät übertragen hat, das ganz woanders stand, vielleicht sogar richtig weit weg. Und zwar übertrug es eine nahezu perfekte Abbildung des Zettels sofort, ohne Verzögerung in der Zustellung. Hammer! Anderswo hieß diese Technik dann Fax, dort hieß das Gerät noch Bildschreiber. Ich durfte da nicht ran, das war alles hochspeziell und super abgesichert und mehr was für höhere Dienstgrade. Ich war aber nur einfacher Fernschreiber, das kennt heute auch keiner mehr. Und es ist nicht ganz ohne Komik, finde ich, dass ich für diese Dankespostkarten jetzt gewissermaßen selbst als Bildschreiber hier sitze. Aber das nur am Rande.

Wir befinden uns für das heutige Bild im Warteraum einer Belustigungsstätte für Kinder und Erwachsene mit Hang zu Ausgelassenheit und Albernheit. Ein weitgehend kahler Raum, in dem einige etwas unmotiviert herumstehende Sofamöbel für eine loungige Stimmung sorgen sollen, was nur mit begrenztem Erfolg verbunden ist. Zwei, drei Tische mit Stühlen daran gibt es auch, an einem sitzt ein Vater und arbeitet konzentriert an einem Notebook, er telefoniert zwischendurch und schreibt dann etwas in einen Terminkalender, der ist schwer beschäftigt. An einem anderen Tisch sitzen drei Frauen und geraten gerade in Streit, ihre Gesten werden immer ausholender und heftiger. Es geht auch bei ihnen um Termine, aber da passt etwas nicht. Zwei junge Männer auf einem Sofa zeigen sich etwas auf ihren Handys und kichern dann.

Neonbeleuchtung, der Raum hat keine Fenster. Es riecht intensiv nach Fett und künstlichen Aromen, nur einen Raum weiter stehen geschmückte Kindergeburtstagstische, die aber einen abgefressenen und geplünderten Eindruck vermitteln, es ist schon später am Tag. Die auf den Sofas wartenden Eltern haben aus verständlichen Gründen teils erheblich verrutschte Gesichtszüge, wie man eben aussieht, wenn man lange und ereignislos wartet, wenn es noch eine Stunde so geht oder sogar länger. Ab und zu kommen fortgeschritten verschwitzte Kinder vorbei und berichten aufgeregt etwas, dann werden die Gesichter der Erwachsenen nett, vergnügt und zugewandt, bei den meisten jedenfalls.

Neben mir sitzt eine Frau, eine Mutter sicherlich, die auch wartet. Ihr Kindergrüppchen tobt irgendwo in den anderen Gebäudeteilen herum. Am rechten Arm der Mutter hängt eine Art Dekoration, wie man zunächst denken könnte. Bei genauerem Hinsehen besteht das Bunte da aus lauter Einzelteilen und man muss schon mit dem Jahr 2020 vertraut sein, um dieses Bild sofort verstehen zu können. Noch vor wenigen Monaten wäre es vollkommen rätselhaft gewesen, unbegreiflich für Zeitreisende aus der Vergangenheit, was die Frau da trägt und schon gar warum. Denn es sind die Masken der Kinder, die sie da aufgereiht und irgendwie verkettet hat, vier, fünf Stück, wie fröhlichbunte Wimpel nebeneinander. Masken, die im Eingangbereich der Anlage noch getragen werden müssen.

Wenn die Frau den Arm hebt, etwa um sich Haare zurückzustreichen, sieht das Geflirre etwas irritierend aus. Aber nur kurz, dann kennt man auch das und wundert sich nicht mehr. Wie man sich in diesem Jahr überhaupt immer weniger wundert.

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Links am Morgen

Auf einer gewöhnlichen Bank: Eine neue Kolumne von mir beim Goethe-Institut.

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David Graeber wollte ich seit Jahren lesen, nach den Nachrufen noch dringender.

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Über Özden Terli, den Sie vielleicht aus dem Fernsehen kennen. Ich kenne ihn mangels Fernsehkenntnissen nicht, aber der Artikel ist dennoch interessant.

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Trinkgeld August, Ergebnisbericht

Pardon, ich kam wegen der Kindergeburtstage und den damit verbundenen Feierlichkeiten noch nicht dazu. 

Im August sind wir aus größtenteils vollkommen unblogbaren Gründen vom Alltag nach dem Urlaub in eher unangenehmer Form überrollt oder eher schon überwalzt worden, weswegen es hier keine berichtenswerten Aktionen gab oder noch ausstehend gibt. Es war ein eher zäher und teilweise auch noch vergeblicher Kampf durch verhedderte Routinen und hakende Abläufe. Keine Ausflüge, kein Spaßprogramm, keine Anschaffungen, nichts. Die Normalität wurde nach den Sommerferien zu etwa 75% wieder hochgefahren, also zumindest der Form nach. Da aber weder die Schule ganz normal läuft, noch die Herzdame oder ich ganz normal ins Büro gehen, ist unser Alltag weiterhin nicht als ganz normal zu bezeichnen, wenn man ihn mit dem Maßstab von früher misst. Dann war hier Ende Februar zuletzt alles ganz normal, das ist mittlerweile verdammt lange her. Es ist im Grunde auch egal, dann leben wir eben neunormal weiter – man denkt aber dennoch ab und zu darüber nach, was gerade wie ist, schon aus Gründen der privaten Zeitrechnung, und dann sitzt man da so und zählt Monate an den Fingern ab. Ich halte also fest: Sechs Monate ohne Normal. Das gilt märzferienbedingt nur für Hamburger, bei Ihnen ist es vielleicht etwas weniger. Und diese 25% jedenfalls, die uns zur Normalität fehlen, die schlagen hier gerade durch.

Im Betreff einer der freundlichen Überweisungen stand “Für Brot und Butter”, das passte ganz hervorragend zum Monat August. Einerseits war das natürlich hoch erfreulich, denn nach wie vor kommen die LeserInnen hier in der Tat und ganz wörtlich für Brot und Butter auf, wofür wir gar nicht genug danken können, andererseits war es aber auch einfach ein schlichter Brot-und-Butter-Monat – und schön war er unterm Strich eher nicht. Den Erholungseffekt aus dem Urlaub hat es uns ruckzuck komplett zerrieben und wir werden im September hier dringend einige Kurven kriegen müssen, um wieder in eine etwas elegantere Gesamtsituation zu kommen.

Aber egal, das Blog geht ja mittlerweile ohnehin gravierend nach und ich bin erst Ende Juli, die erzählte Zeit und Stimmung hier kann erheblich abweichen. Das Schreiben fühlt sich für mich im Moment auf diese Art besser an. Ich brauche größere Abstände, nahezu überall.

Gekauft haben wir von den Hutgeldern einige Stauden und Blumenzwiebeln, wenn es auch aus Zeitgründen nur die schnöde Discounterware war, keine Edelbiovarianten oder regionale Gärtnereiware. Der Blühbericht folgt dann im Frühjahr, also wenn alles klappt zumindest. 

Ferner waren wir mit Sohn II einmal feierlich essen, nämlich am Tag seiner Einschulung auf dem Gymnasium. Das haben wir bei Sohn I damals auch schon so gehalten, es ist viele, viele Jahre her. Okay, zwei. 

Und dreimal haben die Herzdame und ich gemeinsam Mittagstisch um die Ecke gegessen, das war quasi unser Business-Lunch im Familienbetrieb. Das machen wir sonst nie, aber es gab in den letzten Wochen Tage, da war das Kochen bei mir einfach nicht mehr drin und wir brauchten mit einiger Dringlichkeit ein paar Momente der etwas besseren Art für uns. 

Auch dafür und überhaupt wie immer für jeden eingeworfenen Euro ganz herzlichen Dank, es hat geholfen! 

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Übungen in Gelassenheit

Die Herzdame und ich gingen an einem der letzten Tage auf dem Hof in ein Café. Wir gingen ohne die Söhne, denn die waren in der Scheune, und da gehörten sie auch hin, fanden wir und die Söhne. Wir fuhren also nur zu zweit vom Hof und wir gingen nur zu zweit durch die Gegend. Womöglich gingen wir sogar Hand in Hand, dazu kommen wir sonst nicht allzu oft und es fühlte sich nach ganz anderen Zeiten an.

Wir setzten uns in einen Strandkorb vor ein Café. Wenn man den in die Sonne drehte, war es sofort zu heiß darin, wenn man den in den Schatten drehte, was es sofort zu kalt darin. Das sind so die Übungen in Gelassenheit, die an der Küste möglichst routiniert zu absolvieren sind. Dieses Café war für guten Kuchen bekannt, meiner war aber bestenfalls mäßig. Fand ich. Aber das konnte ja auch, so dachte ich, an mir liegen. An meiner Tageslaune vielleicht, an meiner überkandidelten Anspruchshaltung, an meiner Verklärung der Vergangenheit, denn früher war eben alles besser, auch und gerade der Kuchen in diesem Café. Ich kaute und grübelte, man soll ja vorsichtig in seinem Urteil sein und um diesen Kuchen fachgerecht schlecht zu finden, hätte ich erst einmal wissen müssen, wie er eigentlich sehr gut gewesen wäre, aber so sicher war ich mir da nicht und ich fand also schon wieder alles ziemlich kompliziert. Die Herzdame fragte nach dem Geschmack des Kuchens, ich sagte: „Hm.“

Aber vor dem Strandkorb lagen immerhin Eiderstedt, Weiden, Kühe und Schafe in der Sonne herum, es war daher überwiegend alles richtig, so wie es war. Also abgesehen von dem Kuchen und dem Kaffee, der auch eher mäßig war. Ich streckte mich aus, mein Oberkörper war in der Sonne und zu heiß, meine Beine waren im Schatten und zu kalt, es war eine gemischte Lage.

Am Nebentisch saß ein Großvater mit seinem Enkel, die unterhielten sich über Bücher und die Auswahl der Lektüre, denn der Enkel las gerade ein Buch auf seinem Handy. Ein Science-Fiction-Buch, wie er auf Nachfrage erklärte, ohne auch nur hochzusehen. Das war dem Großvater nicht recht, denn man müsse doch, so sagte er mit Nachdruck, im Alter des Enkels auf jeden Fall Thor Heyerdahl lesen, das sei ja das richtige Leben, das echte. Thor Heyerdahl! Er wiederholte den Namen mehrfach und laut, einerseits sicher um ihn dem Enkel einzuprägen, andererseits aber auch, weil ihn die bloße Erwähnung des Namens in selige Erinnerungsstimmung versetzte, es war nicht zu übersehen. Thor Heyerdahl! Da leuchtete der Mann förmlich auf.

Der Enkel sagte „Nee, Science-Fiction”, und dass da gerade die Hauptfigur entführt worden sei, das sei schon sehr spannend, die Stelle da in seinem Buch. Der Großvater unterbrach ihn mit einem mehrfach gejubelten: „Thor Heyerdahl!“ und das war vermutlich der Moment, in dem der Enkel fürs Leben beschloss, ganz gewiss niemals Thor Heyerdahl zu lesen oder auch nur ansatzweise interessant zu finden. „Kon-Tiki!“ rief der Großvater noch, und „Ra!“ Es klang ein wenig nach Comicsprache. Oder nach Science-Fiction, das vielleicht auch. „Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Kon-Tiki, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen.“ Aber der Enkel hörte eh nicht mehr zu, der las auf seinem Handy einfach weiter, das Gespräch war nicht mehr interessant genug.

Hinter den Äckern vor dem Café noch ein Stück weiter über die Landstraße, dann kam schon die Nordsee. Wenn man da mit einem selbstgebauten Floß oder Schiff, wie damals Thor Heyerdahl … man käme vielleicht zu einer Hallig oder nach Amrum oder so. Aber der Seeweg dahin ist längst geklärt, da gibt es nichts mehr zu tun.

Ich bestellte mir noch einen Kaffee.

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Alufolie drauf und gute Nacht

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Ich habe hier etwas über Pausen gehört. Es waren mehrere Stellen dabei, bei denen ich fast empört “Hey, das habe ich auch gerade gedacht!” gerufen hätte, denn das Thema beschäftigt mich. Sehr.

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Falls Sie etwa sechs Minuten lang einmal ein besseres Gefühl haben wollen, sehen Sie diesen beiden Herren beim Grinsen zu, es hilft vielleicht.


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