Links am Morgen

Eine Buchrezension – gelacht. So ein unfrohes Lachen.

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Ich habe hier für das Goethe-Institut etwas über Erziehungsfragen und Tagespläne geschrieben.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci! 

Manchmal ist es einfach

Ich habe wieder Laub im Garten geharkt. Wenn ich das als Sport betrachte, habe ich dabei mittlerweile sogar leichte Trainingserfolge. Wie unlängst berichtet, haben die Söhne im Garten ein Loch ohne Sinn gegraben, ein ziemlich breites und tiefes Loch sogar. Das haben wir mit Laub verfüllt und die Söhne sind dann immer wieder mit Anlauf hineingesprungen. Ein Spaß wie zu alten Zeiten, ganz undigitalisiert, geradezu verdächtig bilderbuchmäßig und dabei so gut für die Stimmung, dass auch die Nachbarkinder dazu kamen und mitmachten. Manchmal ist es einfach. Na gut, ganz selten ist es mal einfach.

Ein jung aussehendes Eichhörnchen saß nachdenklich am Rand der Parzelle. „Es ist frei!“, sagte ich, lächelte verbindlich und ging ein Stück auf es zu, ein kleines Stück nur. „Es ist frei!“ Und ich zeigte auf die Highlights im Garten, ich pries die Luxusbäume und die Komfortbüsche, ich wies auf die liebevollen Ausstattungsdetails in den Beeten hin und erwähnte auch die zentrale Lage in der beliebten Gartenanlage, in der man für den täglichen Bedarf alles …

Auf dem verwilderten Nachbargrundstück gingen zwei Igel gemächlich herum und unterhielten sich leise. „Ruhige Nachbarn“, sagte ich noch.

So macht man das in der Immobilienbranche, dachte ich, so klappt das. Das Eichhörnchen kletterte auf den Weißdornbaum und besah sich die Sache von oben. Lange. Länger als ich warten konnte, aber auch das ist nun einmal so, in der Immobilienbranche, die Leute brauchen einfach Zeit für ihre Entscheidungen. Ich warte ein paar Tage und frage dann noch einmal nach.

Die Rose stand währenddessen bei 12 Grad in der Sonne und dachte sich, ach, was soll der Geiz, komm her, ich schmeiß noch eine Runde Blüten. Und wo sie stand, da war Sommer im November, man roch es.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für ein Smartphoneladekabel, das diesmal Sohn I nutzen wird, wie er sehr zufrieden festgestellt hat. Sehr nice! Wie er in solchen Fällen verlässlich sagt.

Vorderseite

Ein ganz schlichtes Bild. Stellen Sie sich bitte einen norddeutschen Kirchturm vor, wobei der Hinweis auf den Landesteil vor allem dazu diene sollte, roten Backstein vor ihren Augen entstehen zu lassen, denn ohne diesen geht es hier ja nicht. Rote Steine, ein altes Portal, ein Kirchturm von überzeugender Schönheit, oben Kupfer mit ordentlich Patina. Eine wunderschöne Kirchturmuhr gibt es auch, sie geht richtig, zur Viertelstunde hört man den Glockenschlag. Der Turm gehört zu keiner riesigen Kirche, sie ist aber auch nicht gerade klein, es ist eine Stadtteilkirche in der Großstadt, im Bahnhofsviertel. Und der Turm ist ist immerhin so überzeugend schön, dass Touristen verlässlich interessiert darauf zu laufen. Manchmal kommen sie mit dem Reiseführer in der Hand oder mit dem Smartphone, blätternd oder scrollend, was steht denn da, was ist denn das? Und während sie näher kommen, sehen sie vielleicht schon, diese Kirche, auf deren Turm man da so kulturbeflissen zugeht, die gibt es gar nicht. Die wurde im letzten Weltkrieg weggebombt, nur der Turm blieb stehen und man hat dann nach dem Krieg ein neues Kirchenschiff darangebastelt, einen eher schnöden Neubau. Das kann man architektonisch oder auch sakralbaugeschichtlich interessant finden, aber umwerfend schön ist dieser Neubau erst einmal nicht, das enttäuscht dann manche. Wenn man aber nur so vor dem Turm steht, dann kann man sich der Fiktion einer prächtigen alten Kirche recht erfolgreich hingeben.

Und vor diesem Turm, in einer sanft geschwungenen Kurve vor dem Portal, stehen Einkaufstrolleys auf dem Kopfsteinpflaster. Fünf, sechs, sieben Stück und mehr. Sie sind alle unterschiedlich. So unterschiedlich sind sie, es wirkt fast schon ein wenig gekünstelt, als hätte die jemand, der hier im Stadtteil für Requisiten und Kulisse zuständig ist, sorgfältig ausgesucht und dort hingestellt. Es könnte auch eine Installation sein, die Kunsthalle ist immerhin gleich um die Ecke und wer weiß. Verschiedene Farben haben die Trolleys, verschiedene Alter, verschiedene Zustände. Manche sehen aus wie neu, manche sind längst heruntergekommen wie Sperrmüll. Leer sind sie alle, das sieht man ihnen an, eingefallene Trolleybäuche. Unter jedem Trolley ist ein dicker weißer Strich auf dem Pflaster. Menschen sind nicht im Bild.

Können Sie sich das zusammenreimen? Das Bild ist wieder sehr 2020, nie vorher hätte man das verstehen können. Es ist ein Freitagmorgen, da gibt die Suppengruppe wieder heiße Suppe und Lebensmittel von den Tafeln aus. Seit dem Frühjahr kommen mehr und mehr Bedürftige zu dieser zentral gelegenen Ausgabestelle. So viele sind es, dass es lange Wartezeiten gibt und die allerersten Gäste, die am Morgen erscheinen, reservieren sich mit den Trolleys ihre Plätze im vorderen Bereich der Schlange, so wie andere mit Handtüchern ihre Sonnenliegen auf gewissen Inseln sichern. Zwischen den Trolleys, Sie ahnen es sicher, sind immer 1,50 Meter Abstand, mit weißen Streifen auf dem Boden ordentlich markiert. 

Man kann das nur ganz kurz so sehen. Dann kommen die Menschen wieder, stellen sich zu ihren Trolleys und warten und rücken auf. Aber man sieht es doch lange genug, um ein Bild davon zu haben. 

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Vereinfachungen

Auf dem Arbeitsweg am Dienstag liegen wieder Bücher am Straßenrand, anspruchsvoll sind sie diesmal: Homo ludens von Huizinga und eine Einführung in die Logik. Daneben ein Kochbuch über „Fisch in der Küche“, denn auch spielende Logiker haben ab und zu Hunger. Aber jetzt wurde das alles aussortiert, Schluss mit Spiel und Logik und danke für den Fisch, alles muss raus. Homo ludens jedenfalls habe ich nie gelesen, aber es gab doch eine Zeit, da haben das alle gelesen, ich erinnere mich. Im öffentlichen Bücherschrank vor der Kirche sehe ich die paar Regalbretter durch und nehme Gabriele Wohmann und Somerset Maugham mit. Die sind beide etwas aus der Mode gekommen, das schadet ihren Texten aber nicht zwingend. Da ruhig mal reinsehen, denke ich mir und schiebe die Bücher zufrieden in meinen Rucksack. Ich mag diesen öffentlichen Bücherschrank sehr, eine Begrenzung der Auswahl ist oft sinnvoll im Leben.

Ich achte auf dem weiteren Weg auf Laternenpfähle. Das muss man hier neuerdings tun, denn an einigen von denen hängen jetzt laminierte Zettelchen in DIN A4, die weisen auf eine neue Maskenpflicht hin, die an dieser Stelle ab sofort besteht. Wo genau, das steht da allerdings nicht, so ungefähr da eben, und überhaupt sehen die Zettel weder besonders offiziell noch besonders ernstgemeint aus, sie sind eine höchst merkwürdige Form der staatlichen Kommunikation und etwaige Ordnungshüter sehen angestrengt weg, wenn jemand sich nicht an diese Anordnung hält.

Die Söhne müssen seit Montag auch während des Unterrichts Maske tragen. Das macht ihnen nichts aus, bzw. das haben mehrere Kinder in den Klassen eh schon die ganze Zeit gemacht, weil man auch hinter einer Maske ganz gut abtauchen kann. So praktisch, die Dinger.

In der Corona-App habe ich sieben Begegnungen mit geringem Risiko. Sieben auf einen Streich! Einmal durch den Lidl, einmal durch den Edeka, so etwas kommt von so etwas.

Ich höre verspätet einen Podcast mit Erklärungen zu Halloween, darin kommt ein Wort für die Betteltour der Kinder vor, das mir bisher nicht bekannt war: „Heischegang“. Das ist ein herrlich altmodisch klingendes Wort, sofort möchte man es in den Büroalltag übernehmen und die Gehaltsrunden ab sofort so nennen, Herr X ist auf seinem Heischegang. Damit es alles stimmig ist, können wir dann bitte künftig alle Gehaltsverhandlungen Richtung Halloween verschieben, dann ist das auch bundesweit immer zu einheitlicher Zeit und ein insgesamt herrlich absehbarer Prozess.

Überhaupt wäre ich gut darin, alles wesentlich zu vereinfachen, stelle ich zum wiederholten Male fest. Man hat so Begabungen, die kann man nie zur Gänze austoben. Schade.

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Eine sehr gute Wahl

Am Montag gehe ich wie immer zu Fuß zur Arbeit und drohe wegen einer rekordmäßigen Temperaturanomalie dabei spontan zu zerfließen. Es ist geradezu widerlich warm draußen, dazu tröpfelt ein allzu zögerlicher Regen. Das Wetter und ich werden keine Freunde an diesem Tag, mir ist eher nach Novemberkälte und Nebel und Fröstelei zumute. Ich lebe Jahreszeiten gerne korrekt aus und verfluche daher mein bärenfellmäßig einheizendes Oberstudienrattweedsakko. Immerhin aber erinnert mich die Szene vehement an ein Kapitel von James Herriot, der eine ähnliche Lage einmal über etliche Seiten beschreibt, also das peinvolle Zerschmelzen in einem Tweedanzug besonderer Qualität und Dicke. Ich verbringe danach einen größeren Teil des restlichen Tages mit sentimentalen Erinnerungen an die Bücher und die Fernsehserie. Die könnte ich mir eigentlich noch einmal ansehen, ich habe sie damals sehr geliebt. Wird aber nirgendwo gestreamt, wie es aussieht. Schlimm.

Im Büro sehe ich mir den Wandkalender an und habe zum xten Mal in diesem Jahr ein ernstes Problem mit dem, was da steht. Ich sehe mehrmals hin. Wie kann es denn bitte jetzt November sein, was ist passiert? Klingt das nicht völlig irre und geradezu frei erfunden, November 2020? Ist bis dahin nicht noch Zeit? Und nach dem November, ich habe das dann gleich nachgeschlagen, kommt angeblich schon der Dezember. Was erlauben Kalender?

Auf dem Heimweg höre ich den Briefwechsel der Herren Goethe und Schiller, es lesen die Herren Westphal und Quadflieg. Ich höre eine seltsam passende Stelle, wo es doch gestern hier um das grüne Sofa ging, denn bei Schiller und Goethe geht es gerade um grüne Tapeten, die der eine dem anderen besorgen soll. Sie diskutieren erstaunlich kundig die Farbnuancen und den Lichteinfall und auch die rosa Bordüre, die zu diesen Tapeten gehört, sie war auch mit Rosenmuster erhältlich. Ich notiere mir das eifrig und lernwillig, grüne Tapete und rosa Bordüre. Warum auch nicht, man kann ja über alles mal nachdenken, so als Möchtegernbildungsbürgerhipster, der gerade alles umbaut.

Ein Sohn kommt mittags krank aus der Schule zurück, da bekommen wir kurz einen Schreck. Auf intensive Nachfrage verweist er aber nur auf Übelkeit und Magenprobleme. „Das ist ja schön!“, sage ich, denn Magen ist in diesen Zeiten allemal besser als die ganze Liste der Symptome mit Coronabezug. Magen geht auch schneller vorbei, Magen ist eine sehr gute Wahl, wenn man jetzt gerade krank sein will. Der Sohn findet meinen Satz dennoch befremdlich. Egal.

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Schön, schön

Am Sonntag ging ich mit einem Sohn zu Fuß nach Eppendorf, wo wir eine Verabredung mit einem Dachboden hatten. Wir gingen durch Kitschpostkarten, es war ein Oktobertag, zu dem einem außer „Schön, schön“ nichts mehr einfallen konnte. Und so leichtfüßig gingen wir, noch nie waren wir so schnell auf diesem Weg und als wir da waren, sahen wir auf die Uhr und staunten sehr. Wir spielten unterwegs Stadtlandfluss, was man wohl in einem Wort schreiben muss, es wurde ergänzt um die stets beliebte Kategorie „Berühmte Person“. Was dem Sohn allerdings zunächst etwas unfair vorkam, denn er kennt sehr viele YoutuberInnen und ich ja nur einige SchriftstellerInnen, das fand er ungerecht. Dann merkten wir aber, dass wir eh sagen konnten, was immer wir wollten, denn ich kenne niemanden auf Youtube und er ist nicht bewandert in der Literatur, wir konnten uns also einfach Namen ausdenken. That was easy!

Später haben wir angefangen, in der Wohnung die Möbel hin- und herzuschieben. Es kamen auch neue Möbel dazu, welche die Herzdame aus ihrem Heimatdorf geholt hat. Etwa das Mittagsschlafsofa der unlängst verstorbenen Urgroßmutter der Söhne. Das ist alt und farblich am ehesten als absurdgrün zu beschreiben, aber es ist ein Stück Familiengeschichte und daher überaus willkommen. Bei Hipstern steht so etwas ironisch in Kneipen herum, bei uns vollkommen unironisch in der Wohnung, und wenn ich Instagram glauben darf, sind wir damit im Moment weiter vorne.

Das Sofa ist enorm mittagsschlafgeeignet, zumal darüber auch die passende Uhr tickt und wir sogar die Originalzubehördecke besitzen. Wir haben es notdürftig an eine halbwegs passende Stelle geschoben und eine Stehlampe daneben gestellt, ich habe schnell testgesessen und etwas überrascht gemerkt: Dieser Platz ist genau richtig, hier möchte ich bleiben. Lange. Ich möchte heute bitte gar nicht mehr aufstehen. Es fühlte sich einfach perfekt an auf diesem Sofa, in genau dieser Ecke. Ich hatte noch nie zuvor an dieser Stelle in der Wohnung gesessen, aber sie war, da gab es nichts, einfach super, und dazu dieses freundliche Licht, diese weichen Polster, dieser leichte Geruch nach der nicht mehr existenten Urgroßmutterwohnung, reicht mir doch bitte Kekse und einen Tee und dann so etwas wie „Krieg und Frieden“, ich bekomme gerade unbändige Lust, genau von hier aus ein paar hundert Seiten am Stück durchzulesen und mich um nichts anderes mehr zu kümmern. Macht solange ruhig ohne mich weiter. So in etwa dachte ich, und so in etwa kam es dann nicht, natürlich nicht.

Aber es war doch ein vielversprechender Anfang der Zimmertauscherei.

Zu den neuen alten Möbeln aus dem Heimatdorf gehört auch ein Schultisch aus der dortigen Grundschule, seine Platte wurde vor vielen Jahren in der rechten oberen Ecke handschriftlich betextet mit: „Alles Scheiße, alles Mist, wenn du nicht besoffen bist.“ Manierliche Handschrift, keine Rechtschreibfehler, da kann man nicht meckern, der Unterricht kam an.

Aber sowieso egal, was da steht, wir stellen einen Drucker auf die Stelle und heben den nur noch hoch, wenn wir uns an diese spezielle Weisheit erinnern wollen.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die freundliche Zusendung des „Bukolischen Tagebuchs“ von Wilhelm Lehmann, ich habe das Buch vor einiger Zeit schon einmal im Blog erwähnt. Wer sich für Nature Writing interessiert und dabei besonders für deutsche Texte – Volltreffer. Ich möchte es gerne noch ein-, zweimal lesen, deswegen ist es ein erfreuliches Geschenk für mich.

Vorderseite

Es wäre schick und passend, hier jetzt ein Naturbild einzukleben. Ich habe aber gerade keines und ich möchte diese Dankespostkarten möglichst aktuell bebildern. Nicht irgendeiner Logik, nur einer Laune folgend, versteht sich. Ich nehme also ein Bild vom Arbeitsweg, es ist frisch von heute Morgen und ziemlich großstädtisch. Wenn Sie auf dem Dorf leben oder in einer kleineren Stadt, haben Sie dergleichen vielleicht noch gar nicht gesehen. Spektakulär ist es allerdings nicht, auf den ersten Blick nur etwas seltsam, man sieht wohl zweimal hin – aber nur beim ersten Mal. Danach ist das dann schon Alltag.

Mir kommt also auf dem Gehweg kurz vor einer Schule einer dieser Elektroroller entgegen, die man mieten kann und die, das weiß vermutlich jede und jeder, nach Gebrauch überall in Wildwestmanier abgestellt werden, worüber sich viele ärgern. Auf diesem Roller fahren drei Schüler, sie sind nur knapp über dem Grundschulalter. Die Fahrt schlingert etwas, weil sie dabei eine Menge Spaß haben, und aus dem Kinderknäuel ragen links und recht jeweils zappelnde Arme und Beine hervor, da sieht man Zentrifugalkraft und Gleichgewichtssinn und Albernheit in wilder Kombination. Es liegt ein dreistimmiges Kreischen in der Luft und von souveränem Lenken kann überhaupt keine Rede sein.

Es ist ein Bild, das vielleicht Fragen aufwirft. Etwa: Dürfen die das? Die Antwort ist nein, das dürfen sie keineswegs. Sie dürfen weder zu dritt fahren, noch dürfen sie überhaupt als Kinder fahren, und gleich gar nicht auf dem Fußweg, da kommt also einiges zusammen. Die nächste Frage ist, wer zahlt denn das? Die Elektroroller sind nämlich happig teuer und ich z.B. würde sie meinen Söhnen nicht für den Schulweg finanzieren, also davon abgesehen, dass das eh nicht erlaubt ist. Ich würde die Herren Söhne, wenn sie so etwas verlangen sollten, vielmehr freundlich fragen, ob sie denn noch alle Tassen … na, und so weiter.

Aber noch einmal, wer zahlt denn das? Die Kinder sicher nicht, sie werden ja nicht über Kreditkarten verfügen. Gibt es also Eltern, die im Ernst morgens ihren Nachwuchs auf so ein Ding stellen und sagen: „Fahr schön vorsichtig, bis nachher“? Ich weiß es nicht, vielleiht fehlt mir da auch etwas Fantasie. Ich weiß aber zufällig, das andere Kinder, die morgens von ihren Eltern nicht auf diese Elektroller gestellt werden und schnöde zu Fuß gehen müssen, sich gegenseitig etwas zuraunen, wenn sie so eine wilde Fahrt sehen. Und zwar raunen sie: „Die haben den Hack.“ Englisch ausgesprochen, versteht sich, den Häck haben die. Es gibt da nämlich eine kollektive Annahme, man könne die Roller hacken und dann umsonst und dauernd damit fahren. Ich halte das für herzlich wenig plausibel, denn wenn es so wäre, wüssten doch binnen einer Woche alle Hamburger Kinder, wie dieser Hack geht und es gäbe in der Folge keine freien Elektroroller mehr, nie und nirgends.

Nein, ich denke, es gibt keinen Hack. Aber eine Erklärung habe ich auch nicht, denn diese Kinder auf dem Roller da, die waren kein Einzelfall. Aber es kann ja auch mal Bilder geben, die man nicht sofort versteht.

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Links am Morgen

Das totale Jetzt – Die große Gereiztheit unserer Gegenwart. Die zweite Folge der Aula-Sendung mit Herrn Pörksen (Audio). Fängt etwas allzu bekannt an, wird dann aber interessanter. Enthält die schöne Formulierung von der “geruhsamen Wahrheitssuche.”

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Wo sonst die Scheußlichkeiten der Welt ungefiltert auf mich niederprasseln, aus allen Ecken und Richtungen, fallen mir hier nur ein paar Bucheckern und goldgelbe Blätter vor die Füße, und glänzende Kastanien.

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Ich war nie ernsthaft gefährdet, aber sollte ich das Themengebiet Depression für mich noch erschließen wollen: Jetzt ist der Moment. Der Schritt ist ein kleiner.

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Musik. Sehr novemberig. Und sehr schön.

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Resturlaub, Regen

Ich habe einen Tag Resturlaub, der musste noch irgendwohin. Ich gehe durch die Stadt, es regnet. Ein feiner, quertreibender Regen, es ist egal, ob man einen Regenschirm aufspannt oder nicht, man wird nach einer Weile überall gleichmäßig nass. Aber es ist nicht kalt, es macht nichts. Woran erinnert mich das gerade? An eine Liedzeile, „es tut gleichmäßig weh“. Grönemeyer war das, ausgerechnet Grönemeyer, das werde ich jetzt wieder tagelang nicht los. Wie soll ein Mensch das ertragen? Aber das war der Poisel.

Ich habe kein Ziel, ich gehe nur so herum, ich nenne es Freizeitvergnügen. Vor dem Bahnhof streiten sich schon wieder zwei Paketfahrer um eine Parklücke und bieten sich die Verletzung diverser Körperteile an. Menschen hasten vorbei, weil sie das bisschen Regen doch unangenehm finden, weil sie zur Arbeit müssen oder weil sie von den Streitenden wegwollen, die jetzt kurz davor sind, ihre Versprechungen wahr zu machen.

Vor einer Bäckerei steht ein Schild: „Wir haben neue belegte Brötchen“. Alte wären auch blöd, denke ich. Vielleicht haben sie aber auch gar nicht nur heute neu belegte Brötchen, vielleicht sind die jetzt anders belegt als vorher. Vielleicht geht es da um Erfindungen im Bereich des Belags, das kann auch sein. Die Salami liegt jetzt andersherum oder sie haben ganz neue Zutaten entdeckt, die gab es vorher noch nie. Sie haben sich Gedanken gemacht und die Sache vorangetrieben, das kann man in jedem Beruf. Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung. Das waren nicht Grönemeyer oder Poisel, das war Schiller. Auch gute Songs, so ist es ja nicht, mir fallen heute dauernd Textzeilen ein.

Der vorgezogene Novemberregen kommt auf einmal in einer schwungvollen Böe, er fegt die Menschen in den Abgang zur U-Bahn. Von unten höre ich Musik aus den Lautsprechern: Vivaldis Frühling wird da abgespielt. Vielleicht hat da jemand seltsamen Humor, vielleicht ist es nur eine endlos lange Playlist, die weichgespülte Klassik für das ganze Jahr, Musik für Fahrstühle und U-Bahnsteige. Gesamtspielzeit zehntausend Stunden, und dann dudelt das so durch. Aber es gab einmal einen Ostermorgen, es ist schon Jahre her, da spielten sie da „Stille Nacht“, deswegen bleibt mir doch ein Restverdacht bezüglich des Humors.

Am Straßenrand sitzt ein bettelnder Mann, auf einem Schild steht: „Ich sammele für meinen Jungen.“ Dazu ein Kinderbild. Der Mann weint. Ich werfe etwas in seinen Becher, da schreckt er auf, vermutlich hat lange kein Geld mehr vor ihm geklingelt. Er will mir spontan die Hand geben, aber dann fällt ihm ein, das macht man ja nicht mehr, Pandemie. Auf halbem Wege zieht er die Hand zurück und wir führen ein paar etwas alberne Bewegungen auf, schließlich verbeugt er sich im Sitzen und ich mich im Stehen, dann gehe ich weiter. Es sind immer mehr Situationen, die etwas komplizierter als vor dem März werden.

Auf dem Fußweg liegt ein nasser Adventskalender, ein bestickter Wandbehang mit 24 Täschchen. Vielleicht ist er aus einem Fenster geflogen, vielleicht gab es einen frühen Familienkrach um die Weihnachtsplanung, wisst ihr was, dann macht euren Scheiß doch alleine in diesem Jahr, Fenster auf und weg damit. Die große 24 liegt nach oben ausgebeult da, das ist sicher Zufall. Demnächst dann die Versöhnung, aber der bestickte Kalender wird dann längst weg sein. Es wird in diesem Haushalt künftig nur noch billige Adventskalender vom Discounter geben, halb ironisch, und immer wird es bei der Übergabe heißen: „Weißt du noch.“ Und dann wird erzählt, wie der Kalender flog, und die Geschichte wird mit jedem Jahr besser.

Vor einem Café stehen zwei junge Frauen und rauchen, die arbeiten da, wie ich an der Bekleidung erkenne. „Ich habe mal in einem Büro gejobbt“, sagt die eine, „mit Excel und so. Das war ätzend.“ Ich nicke verständnisvoll im Vorbeigehen, das sieht aber niemand.

Überall hängen Zettel an den Schaufenstern und an den Eingangstüren zu den Geschäften. Hinweiszettel, Anweisungszettel, Ermahnungen, Bitten, Verbote, Piktogramme und Skizzen. Hygienekonzepte. Auf einem Blatt steht: „Bitte jetzt Rücksicht nehmen auf andere.“ Ich weiß nicht genau, seit wann die Menschheit Hinweisschilder irgendwo aufhängt, aber ich vermute doch, dieser Zettel wäre von allem Anfang an sinnvoll gewesen.

Vor einem der verbleibenden Kaufhäuser stehen Menschen in einer Traube und warten, es wurde noch nicht geöffnet. An der Seite des Kaufhauses, neben den Wartenden, das Lager eines oder einer Obdachlosen, sorgsam arrangierte Pappkartons, Styroporteile als Kopfkissen. Auf dem Karton, der alles oben abschließt, steht groß: „Maisons du monde“.

Ich gehe ein paar Minuten später in das nun geöffnete Kaufhaus und kaufe Tinte, denn ich schreibe ab und zu gerne mit einer Feder. Ich finde, das beruhigt. Die Tinte ist braun und ich merke zuhause erst, dass sie aromatisiert ist und nach Schokolade riecht, wer denkt sich denn bitte so etwas aus. Aber stellen Sie sich vor, alles, was Sie hier lesen, es riecht in der ersten Version nach Schokolade, wie schön ist das denn.

Es passiert nichts mehr. Ich gehe nur immer weiter stundenlang herum und finde das herrlich. Alle müssen irgendwohin, ich nicht. Dazu höre ich die Winterreise, mit Ian Bostridge als Stalker: „Schreib im Vorübergehen ans Tor dir gute Nacht.“ Schubert und Regen, das kann man sich auch einmal merken, das geht gut.

Aber der Resturlaub ist jetzt verbraucht.

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