Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 24.4.2022

Nachdem ich neulich gerade die krisenorientierte Werbung erwähnt habe, das Abhauen, die Notfälle, hier ein passendes Anlegestück von Christian: „Wann ist der Punkt um dieses Haus zu verkaufen und in ein möglichst autarkes Wohnmobil zu investieren? Wann ist der Punkt damit aufzuhören, einfach hier immer weiter zu machen und an dem Glauben festzuhalten, der Tausch meines Benziners gegen ein E-Auto würde irgendwie bestimmt alles gut machen?

In den letzten zwei Tagen habe ich keine weitere Werbung in der Richtung gesehen, aber ein Bemerknis gab es dennoch da draußen, und zwar im Hauptbahnhof, bei einem der Kioske im Unterbau des riesigen Gebäudes, im Getunnel – da kann man nämlich jetzt kaufen, was man wohl etwas bitter Ukraine-Merch nennen müsste. Schlüsselanhänger, Handyhüllen, Winkefähnchen etc. – alles in blaugelber Farbgebung. Und zwar in dem Kiosk, in dem es bei Beginn der Pandemie auch die ersten Stoffmasken gab – da passt jemand genau auf. Auch interessant, da mal öfter vorbeisehen und die Weltlage ablesen.

Die Flagge der Ukraine weht an einem Kirchturm

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Etwas über Venezuela

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In den regulären Foodblogs kreist immer noch der Bärlauch, aber es gibt im Moment noch ein anderes Kochthema. Es fing mit einem Twitter-Thread bei Miriam Vollmer an, es ging da um „radikal unmoderne Rezepte“ (hier entlang), mittlerweile greift es auch auf Blogs über. Man könnte es psychologisch deuten, man kann es natürlich auch lassen. Man kommt ohnehin nicht zum Deuten, man muss ja dauernd essen:

Dann fällt mir noch der Nudelsalat von früher ein, den ich auch häufiger zubereite, und den erst heute TochterJ schnell gezaubert hat. Hörnchennudeln, Dosenchampignons, ErbsenMöhrchen, früher Fleischwurst, heute ohne, Curry, SalzPfeffer, Miracelwhipp balance (sonst spielten beim Kochen bei meinen Eltern kalorienreduzierte Zutaten keine Rolle, keine Ahnung, weshalb das hier anders ist) etwas Essig und Öl, voila!

Siehe auch bei Frau Novemberregen: „Es gab mal so ein Gericht, das eine Freundin von mir aus Uni-Zeiten immer gemacht hat, wenn sie Besuch erwartete: Hähnchenfilet in Stücken anbraten, mit einer Dose „Tropischer Fruchtcocktail“ ablöschen, gar ziehen lassen und einen Becher Schmand unterrühren. Würzen mit Pfeffer, Salz, evtl. Currypulver, dazu Reis.

Plötzlich Hunger. Hm.

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Excellensa greift den selten bekloppten Satz von Schröder auf, I don’t do mea culpa, wozu ich eine Erinnerung ergänzen möchte. Als ich anfing in einem Büro zu arbeiten, 1987 war das und ich habe es seither versäumt, die Firma zu wechseln, gab es da eine Chefin mit einem äußerst stabilen Ego und einer Gutsherrinnenart, die mir in den Jahren danach lange nicht mehr so begegnet ist (heute wird sie allerdings in Business-Kreisen wieder modern, fürchte ich.) Die hatte mal gegenüber einer Angestellten fürchterlich Unrecht und tat das dann schließlich ab mit einem Satz, den ich mir bis heute gemerkt habe: „Entschuldigungen sind nicht mein Stil.“ Lange, lange habe ich darüber nachgedacht, wie man bloß so werden kann.

Im Grunde habe ich nie aufgehört, darüber nachzudenken.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 21.4.2022

Frau Novemberregen über Krümel auf dem Küchenfußboden in den Zeiten großer Krisen.

Apropos große Krisen. Es ist insofern ein bemerkenswerter Tag, im Chroniksinne unbedingt festzuhalten, als mir heute zum ersten Mal großkrisenorientierte Werbung angezeigt wurde, auf Facebook war es. Da wurde eine überdimensionierte Powerbank beworben, um Notebooks etc. zu betreiben, und der Verwendungszweck war da so halb unschuldig mit „Für Camping und Notfälle“ beschrieben. Also für den Fall, dass man abhauen muss, dass das Haus weggespült wird, dass Putin kommt, dass alle im Umspannwerk Corona haben, was auch immer. „Für Camping und Notfälle“, ich lasse mühsam beherrscht den Witz aus, dass auch Camping ein Notfall ist. Egal. So also fängt es an. Morgen dann vielleicht schon die Werbung für Einmannpackungen, kugelsichere Westen und anderes Zubehör irgendwo zwischen Pfadfinder, Partisan, Prepper und MacGyver. Ich bin gespannt.

Und für den Freundeskreis Paranoia: Nach diesen Zeilen gehe ich auf eine beliebige Website und denke noch, ich gucke mal, was da jetzt für Werbung ist, am Ende fügt sie sich nett in den Kontext. Und was kommt? Eine Versicherung mit dem Slogan: „Was auch passiert. Wir sind für dich da.“

Ein Plakat in einem Fenster der Kunsthalle: Make art not war

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Hier noch eine Fortsetzung aus Frankreich.

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Tulpen, Erdbeeren, Italopop

Der Montag ist ein Dienstag, deswegen ist morgen schon übermorgen. Ich bin terminlich leicht verwirrt, zerlege mir gekonnt den Kalender und mache morgen daher mehrere nicht zusammenpassende Dinge gleichzeitig. Egal, irgendwann ist Freitag, dann renkt sich das wieder ein.

Ich arbeite im Home-Office. Ich mache das mit offenem Fenster, das ist auch eine Saisoneröffnung. Anfenstern, siehe Anspargeln, Angrillen etc. Zwischendurch gehe ich raus, es ist weiterhin frühlingshaft und verlockend. Der Bettler vor dem Drogeriemarkt hört lauten Italopop aus den Achtzigern, und ich erkenne im Vorbeigehen sogar, was da läuft. Ricchi e Poveri hört er, während Passanten ihm Geld zuwerfen, wie passend ist das denn. Mamma Maria hieß der Song, 1982 war das. Der hing als Ohrwurm damals etwa ein Jahrzehnt fest. Grauenvoll.

Schrift an einer Laterne: Wer hat, der gibt

Vor dem Drogeriemarkt steht jetzt der saisonale Aufsteller mit Straßenkreide und Strandspielzeug, die Kinder müssen wieder gelüftet werden.

An einer Ecke das erste Erdbeerbüdchen, es ist noch geschlossen. Ein Zettel verweist auf den Mai. Die große Magnolie verliert ihre Blütenblätter, die bei Bodenkontakt sofort furchtbar hässlich werden, ein abstoßender Brei auf dem Weg, Unfarben, brauner Schmodder. Und wie schön war das da oben.

Vor einem Restaurant sitzt eine Frau in der Sonne und sagt: „Das ist dann Visual Merchandising.“ Der Mann ihr gegenüber sieht sie an und sagt: „Ja.“

Am Weg liegen die Pappmöbel. Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass im Laufe der letzten zwei Jahre deutlich mehr Obdachlose im Stadtteil aufgetaucht sind, viel mehr als je zuvor. Sie schlafen unter, auf, in und zwischen Kartons und schützen sich mit kaputten Regenschirmen und zerschlissenen Schlafsäcken vor dem Wind, sie liegen in Hauseingängen, in Durchgängen, vor dem Kirchenportal, wir haben hier teils auch möblierte Straßenränder. Jemand hat heute Tulpen auf die Kartons gelegt, überall. Je zwei, drei welke Tulpen pro Karton, es sieht sehr traurig aus und war vielleicht doch gut gemeint. Was weiß man schon.

Vor einigen Restaurants stehen Schottertöpfe. Die sind das urbane Pendant zu Schottergärten, die es hier in der Stadtmitte natürlich nicht gibt. Aber die nett bepflanzten Blumentöpfe, die hier früher die Außenflächen der Cafés etc. begrenzt haben, die hat man nach zu viel Vandalismus gegen Schottertöpfe getauscht. Weiße Kiesel in Blumentöpfen, manchmal steckt auch noch eine blassgrüne Plastikpflanze drin, und der routinierte Großstadtmensch ist so symbolkundig, dass er da vorbeigeht und gleich denkt: „Ach guck, Gartenambiente.“ Und dann setzt er sich dahin, neben so einen mit Steinchen gefüllten Blumentopf, und entspannt sofort und tief. Terrassenfeeling, summer in the city

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Ich lese Die Zimtläden von Bruno Schulz. Er kam aus einer Stadt, die heute in der Ukraine liegt, wirkte aber im polnischen Kulturraum. Gucken Sie mal, wie das Buch anfängt: „Im Juli fuhr mein Vater alljährlich ins Bad und gab mich samt der Mutter und den älteren Brüdern den weißglühenden und betäubenden Sommertagen preis. Wir blätterten, verrückt vom Licht, in dem großen Ferienbuch, dessen Blätter sämtlich vor Hitze brannten und auf ihrem Grund den bis zur Ohnmacht süßen Matsch goldener Birnen hatten.“ Ist das schön? Ich denke doch. Die deutsche Übersetzung ist von Josef Hahn.

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Ich höre ein Buch von Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922 – Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland. Das ist ein definitiv in unheimlichster Weise aktuell wirkendes Buch. Hier eine Rezension zum Buch. Ich zitiere daraus: „ … und wenn man einmal mit diesem blendend erzählten Buch angefangen hat, liest man es in einem durch. Es erzählt von Menschen, die nicht mehr leben und nur noch wenigen bekannt sind, aber es betrifft das Publikum des Jahres 2022 unmittelbar. Da ist die Koalition der Feinde der parlamentarischen Demokratie mit ihrem offenen Hass gegen Vertreter der Politik, des Staates und des öffentlichen Lebens. Da ist das schon in Weimar aktive Querdenker-Milieu, auch diese irrsinnige Trägheit bei der strafrechtlichen Verfolgung von rechter Gewalt, die Neigung, das Thema kleinzureden: Einzelfälle, Alkohol, verwirrte junge Leute. Da ist der fatale Mechanismus, die Schuld für rassistische und antisemitische Anfeindungen bei den Opfern zu suchen: Hätten sie sich mal besser integriert! Wären sie mal nicht so frech!

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Constantin Seibt über Putin, den Krieg und die Lage.

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Drei Tiere unserer Heimat

Immer das Gefühl, ich müsste, wenn ich aus Hamburg fahre, auch aus der Nachrichtenlage fahren. Aber dem ist nicht so. Ich nehme sie mit, die Nachrichtenlage, auf dem Smartphone, auf dem Computer, ich kann das Ohr jederzeit an die Geräte halten und die Nachrichtenlage rauschen hören.

In Nordostwestfalen steht der Raps auf den Feldern und blüht schon sattgelb, darüber der maienhaft blaue Himmel: Ukraine. Gegenüber vom Feuerwehrgerätehaus weht eine Fahne: Ukraine.

Die Menschen reden auch hier vom Krieg und von der Teuerung. Preisabenteuer werden erzählt, was wo wieviel kostet. Ich fahre zu einer Gärtnerei, ich will vorgezogene Gemüsepflanzen kaufen, ein Kunde dort sagt: „Dieses Jahr nehmen wir mehr Tomaten, die werden bestimmt noch viel teurer.“ Seine Kinder suchen die Sorten aus, es gibt also etwas mit „Schoko“ im Namen.

Ich lese John Steinbeck, Logbuch des Lebens (Deutsch von Henning Ahrens). Ich denke, ich muss mal was anderes haben. Irgendwas ohne Nachrichten. John Steinbeck schreibt, dass der Mensch wie die Languste sei, er sei zwar prinzipiell ohne Aggression und Krieg vorstellbar, er müsse nur vorher erst etwas mutieren. Man könne ansonsten beobachten: „dass sich die Mordlust des Menschen ebenso regelmäßig Bahn bricht wie seine unterschiedlichen sexuellen Bedürfnisse.“ Es läuft nicht so gut mit der Ablenkung.

An der Landstraße immerhin blühen die alten Apfelbäume üppig, wie weiße Wölkchen am Stiel sehen einige aus. Im Feld dahinter ein Storch, ein Reh, ein Hase, wie in einem Suchbild für Grundschulklassen wurden sie arrangiert, finde drei Tiere unserer Heimat.

Auf der Laterne über der Straße sitzt ein Greifvogel, guckt und hat Zeit.

Wir fragen die Söhne, ob wir Ostern noch Eier verstecken sollen. Nein, sagen sie und lachen. Dann überlegen sie und sagen: „Vielleicht doch.“ Oder nicht? Es ist so an der Grenze.

Nächstes Jahr nicht mehr, man wächst da irgendwann raus.

Es gibt Kaffee und Kuchen im Garten, man kann endlich draußen sitzen. Oder nicht? Es wird im Wind und im Schatten schnell kalt von unten, es wird in der Sonne schnell warm von oben, es ist auch so an der Grenze. Pfauenaugen flattern vorbei. Ein Mensch führt langsam ein Pferd über einen Weg und die Herzdame sagt: „Ein Pferd.“ Es macht uns Stadtmenschen aus, dass wir „Ein Pferd“ sagen, wenn wir ein Pferd sehen.

Am Feldrand Löwenzahn und Taubnesseln, tausendfach. Die Stachelbeeren sind schon verblüht, der Rhabarber vom Urgroßvater der Söhne lebt immer noch und treibt aus. Kompott hätte es bald bei ihm gegeben, nehme ich an.

Wir bekommen Geschirr aus Altbeständen für die Laube geschenkt. Der gerade erst erwähnte Begriff Grandmacore scheint mir deutlich zu passen, ich finde das ganz hervorragend.

Altes Geschirr

Jemand fragt uns, was er als Tourist in Hamburg machen könne. Wir haben keine Ahnung, wir wohnen da ja nur. Wir überlegen etwas, was machen wir eigentlich so? Dann fällt uns erst ein, dass wir seit zwei Jahren nichts gemacht haben, dass wir nur zu viel zu tun hatten und Pandemie.

Als wir neulich auf Eiderstedt waren, sind wir zum Westerhever Leuchtturm gefahren, wie wir es immer machen, wenn wir dort sind. Wie es alle machen, wenn sie dort sind, es ist einer der nordfriesischen Momente schlechthin. Abends haben wir das dort einem Einheimischen erzählt, der beiläufig sagte: „Ach, der Leuchtturm. Da war ich noch nie. Zu so etwas komme ich immer nicht.“

Ich mache Mittagsschlaf, eine Katze legt sich zu mir. „Macht zwei, drei, viele Mittagsschläfchen“, denke ich, und die Katze schnurrt. Die Söhne hacken Holz auf dem Hof. Sie machen es in einem gewissen Rhythmus, man kann sehr gut dabei einschlafen.

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Mittwoch, Wallungen

Ein Frühlingstag, fast ist es schon ein Sommertag, es geht alles etwas schnell und hopplahopp. Die Kastanie ein paar Häuser weiter ist auf einmal üppig ergrünt, und ich könnte schwören, das war sie doch gestern noch nicht. Dieses Grün wirkt wie angeknipst, das kann sich unmöglich langsam entfaltet haben. Reichlich Deko ist da auf einmal über Nacht, mach das mal alles sommerlich da, hat die Natur gesagt. Das unübersichtliche Menschengewimmel in der Außengastro, Gesichter in der Sonne, es werden noch mehr und noch mehr Stühle rausgetragen. Neue Mode trägt man unübersehbar, der ganze Stadtteil sieht frisch eingekleidet und ausgestattet aus. All diese Sachen, die heute zum ersten Mal getragen werden, alles sieht so gebügelt, faltenfrei, leuchtend und farbfrisch aus, und wie sie alle im Vorbeigehen ihr Spiegelbild in den Schaufenstern prüfen, das Wippen der neuen Sachen und der Frisur. Sehr junge Männer mit sehr lauter Musik in Cabrios, das auch wieder.

Am Straßenrand jetzt hier und da der blühende Löwenzahn, ein gelbes Leuchten aus Steinritzen, summer in the city. Spatzen mit Nistmaterial in den Schnäbeln fliegen herum, dermaßen schwer beschäftigt, da kommt kein Workaholic gegen an.

Vor dem Bürohaus, in dem die besonders strammen Consultingmenschen arbeiten, in deren Offices auch nachts und am Wochenende immer noch Licht brennt, steht eine junge Frau und dreht den Nacken und hält ihn in die Sonne, ach, diese Verspannungen! Die Sechzigstundenwoche macht sich doch bemerkbar. Und ihr Kollege fragt, ob er nicht einmal, und dann sagt sie tatsächlich ja und er drückt beflissen seine Zigarette aus und massiert. Sie rollt die Augen und schnurrt, und er erklärt, was er da Tolles kann, so eine spezielle Massagetechnik, die hat er mal gelernt, sagt er, und sein Kollege neben ihm guckt etwas sparsam, der hätte sicher auch gerne einmal.

Auf dem Spielplatz sehe ich am frühen Abend das erste Liebespaar der Saison, sie treten schon dermaßen innig knutschend auf, dass sie dabei kaum geradeaus gehen können. Stolpern da kichernd durch den Sand und dann bleiben sie vor dem Spielhäuschen stehen. So ein Spielhaus für kleine Menschen, etwa für Dreijährige. Zwei von denen passen da rein und können dann Haus spielen, also rausgucken und andere nicht reinlassen und aus dem Fensterchen winken zum Beispiel. Er zeigt auf das Haus und sie lacht auf, sie bückt sich, sie sieht rein, sie lacht wieder. Dann schüttelt sie aber den Kopf, ist sie ein Schlangenmensch oder was. Er beugt sich da testweise rein, ob man nicht doch, es würde einen ja immerhin keiner sehen, da drinnen. Er zieht probehalber von halb drinnen an ihrem Arm und sie zeigt ihm einen Vogel, und dann küssen sie sich wieder vor dem winzigen Häuschen, dass es eine Art hat, und sie drücken sich die Luft ab, so sieht es jedenfalls aus. Verschmelzungsküsse, und die Körper der beiden wollen so unübersehbar zueinander, aber wo, aber wo denn bloß. Unter der Rutsche geht es auch nicht, und die Büsche ringsum sind doch noch nicht belaubt genug. Sie gehen sich küssend weiter, sie bleiben alle paar Meter stehen und umschlingen sich neu, und ich hoffe für sie, dass sie etwas finden, denn es ist einigermaßen dringend, das sieht man.

Auf meinem Balkon prügeln sich währenddessen zwei Spatzen um einen langen Halm, der gut in ein Nest passen könnte. Den hat der eine zuerst gesehen, was der andere allerdings nicht glaubt, denn er war doch vorher da, und er hat ihm deswegen gleich angeboten, dass er auch ein paar auf den Schnabel bekommen könnte, und das klären sie jetzt aber mal gründlich, dass die Federn nur so fliegen, und es werden dabei Beleidigungen getschilpt, dass die Ringeltauben im Holunder gegenüber indignierter gucken denn je.

Die beiden Liebenden auf dem Spielplatz gehen ab und ein Mann tritt auf, der einen so schlurfenden Gang hat, dass man gleich sieht, der ist stimmungsmäßig nicht unproblematisch. Er wirkt nicht betrunken, das nicht, aber doch irgendwie reichlich angeschlagen, und wenn man sich einen todtraurigen Gang vorstellen kann, dann geht er so. Er hat ein Gerät dabei, das ich von oben nicht sehen kann, aber es macht jedenfalls laut Musik, das kann ich hören, er beschallt den ganzen Platz. Er geht langsam, er geht mit gebeugtem Rücken und hängendem Kopf, er geht enorm belastet durch diesen so sommerlichen Abend und er hört „Woman“ von John Lennon, das Lied ist mir seit Ewigkeiten nicht mehr begegnet.

„Woman, I know you understand the little child inside the man. Please remember, my life is in your hands.“

Und wenn sein Leben in ihrer Hand ist, dann gibt es da, soweit man es als Außenstehender und nur von oben und vom Balkon Betrachtender annehmen kann, ein kleines Problem.

Vielleicht sollte er auch mal eine spezielle Massagetechnik lernen. Oder so.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 14.4.2022

Bei Croco geht es um Vorräte: „Wo sollte ich da größere Vorräte anlegen? Im Keller? Und dann vergesse ich sie bestimmt. Ich muss Dinge sehen, sonst sind sie verschwunden, für immer.

Dem kann ich mich anschließen. Ich habe keine oder kaum Vorräte, nichts was ernsthaft wochenlang reichen würde, ich habe nicht einmal eine Kolumne auf Vorrat, das sagt ja schon alles. Ich erinnere mich noch mit Heiterkeit daran, dass in der ersten Corona-Mehlkrise das Zeug hier immer noch im Stadtteil verfügbar war – man musste nur ein paar Meter weiter in die Läden gehen, in die die deutsche Mehrheitsgesellschaft eher nicht so häufig geht, und bekam dann noch so einen verschwörerisch kumpelhaften Blick an der Kasse kostenlos dazu. That was easy!

Davon abgesehen habe ich den starken Verdacht, nein, eher die Gewissheit, dass die unbeholfenen Versuche des Preppens bei vielen, vielen Menschen irgendwann schlicht zu Mehlmotten, abgelaufenen Dosen und letztlich weggeworfenen Lebensmitteln führen werden. Aber beim Einräumen der Regale haben sie sich kurz gut gefühlt, doch, doch.

Dieser kollektive Verknappungswahnsinn übrigens wird auch in einem Buch erklärt, das ich gerade höre. Ein Buch, das ich als nützlich empfinde, weil es schön Gedanken ordnet und all das, was man schon weiß oder wenigstens immer geahnt hat, noch einmal sauber durchsortiert und angenehm verständlich aufbereitet: „Konsum – Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen“ – vielleicht ist es auch das passende Buch zur gerade eintretenden Teuerung. Von Carl Tillessen ist das Buch, eine Empfehlung ist es, denn ich finde es erhellend, zumindest den ersten Teil. Man rutscht beim Lesen aber schon wieder unwillkürlich etwa nach links, gucken Sie lieber vorher, ob da überhaupt noch Platz ist.

Eon Spruch auf einem Geländer am Bahnhof: No war but class war

Wobei der Umstand, dass viele Menschen ihren Konsum gar nicht ändern können, dass viele Menschen schlicht zu arm für Auswahl und Alternativen sind, auch in diesem Buch eher keine Rolle spielt.

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Bei Vanessa geht es u.a. um die ebenfalls gerade im Preis steigende Gutebutter, die von meiner längst verstorbenen Großmutter noch regelmäßig als ihr Lebenselixier bezeichnet wurde. Butter und Speck, diese beiden. Ich verwende beides eher nicht beim Kochen, das hätte sie komplett ratlos zurückgelassen. Kindheitserinnerung, wie sie am Tisch neben mir Speck schneidet und mir ab und zu ein Stück rüberschiebt: „Iss!“ Speck schmeckt und riecht nach Oma, und schlecht ist das nicht. Auf Tiktok begegnete mir neulich der Begriff „Grandmacore“, nicht zu verwechseln mit Cottagecore, und was das ist, so denke ich, das hätte ich meiner Großmutter nicht erklären können.

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Dienstag, Garten

Ich fahre mit dem Rad in den Garten, ich will Rillen ziehen und Samenkörner versenken. Radieschen, Zuckererbsen, dicke Bohnen, so etwas. Speisezwiebeln stecken, das auch. Ich bin spät dran, ich bin spät im Jahr wie nie. Das Wetter war speziell, die Terminlage war speziell, es wird generell nicht so einfach mit dem Garten in diesem Jahr. Aber auf der kleinen Weide neben den Hochbeeten sitzt zuverlässig die Heckenbraunelle und singt, während ich in der Erde wühle, und dafür kann man auch mal kurz in den Garten radeln, dafür lohnt es sich doch. Heckenbraunellen sind stark unterschätzte Vögel, so ein wunderbarer Gesang. Weiter hinten singen Rotkehlchen und Kohlmeise, die sind auch nett, aber die Heckenbraunelle! Weit vorne.

Die Hecke, die wir neulich gepflanzt haben, macht Blättchen, das sieht alles gut aus, vivat, crescat, floreat. Die Pflaume blüht, die Birne und die Äpfel blühen demnächst, die Kirschen bereiten gerade noch etwas Dickknospiges vor. Eine rote Tulpe leuchtet im Beet. Die Blutjohannisbeere gibt auch schon mit roten Accessoires an, der Edelflieder macht wieder etwas mit Lila und die Purpurmagnolie unternimmt einen zweiten Versuch nach den herben Verlusten im Sturm, im Schnee, im Hagel.

Eine Pflaumenblüte in unserem Garten

Ich führe mit der Pfingstrose schon einmal das routinemäßige Gespräch über Pünktlichkeit, in dem ich aber auch deutlich mache, dass meine Hoffnungen nur noch begrenzt sind, nach den Erfahrungen in den letzten Jahren. Saumselig, das Wort habe ich lange nicht mehr benutzt, dabei ist es ein schönes Wort. Auch mal bei den Söhnen verwenden!

Die Herzdame macht währenddessen emsig die Biotonne voll, denn zu ihren großen Ängsten gehört die Vorstellung, dass Mülltonnen abgeholt werden könnten, ohne randvoll zu sein und dass, meine Damen und Herren, ist heutzutage eine schön entspannte Angst, und vielleicht auch schon selten geworden.

Ich streue noch Kompost in die Beete, ich liebe Kompost. Kompost ist tröstlich. Hatten Sie mitbekommen, dass man jetzt auch selbst nach dem Ableben zu Kompost werden kann? Mit dem äußerst einladenden Werbetext „Werde Erde“. Das spricht mich an. Hier ist das. Ich stelle mir das vor, also ohne es besonders eilig damit zu haben, aber ich stelle es mir doch vor, ich finde es ungeheuer anziehend. Und dann, wenn man schließlich Kompost geworden ist, dann, und da muss man bitte einmal ernsthaft drüber nachdenken, dann wird man endlich, endlich – nach all den Jahren! – sinnvoll eingesetzt. Wie schön wird das denn.

Im Supermarkt jetzt der Spargel, im Wetterbericht etwas mit über zwanzig Grad. Atemlos durch das Jahr.

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So geht es jetzt hier wieder zu

Vor dem Bahnhof, an einer Treppe runter zur U-Bahn, riecht es auf einmal nach Lavendel, und wie es dort nach Lavendel riecht, so richtig. Im April. Es gibt jetzt keinen Lavendel, keinen blühenden jedenfalls, es gibt nur die vergrauten Staudenreste auf den noch winterlichen, unaufgeräumten Balkonen, wenn überhaupt. Aber doch riecht es hier so. Intensiv. Und nicht wie Parfüm oder irgendeine Belästigung aus diesem schrecklichen Seifenladen in der Innenstadt. Sondern so, wie die echte Pflanze riecht, an einem schönen Tag im Sommer, in einem Beet vor einer Terrasse vielleicht, und es ist und bleibt auch unerfindlich, wo das herkommen kann. Es ist nicht einmal ein Blumengeschäft um die Ecke, und doch ist hier, auf ein paar Metern, so ein durchziehender Lavendelduft, in einem Cartoon wären es helllila Schwaden. Wabern da so herum. Aber woher. Denke ich so, frage ich mich so, und noch während ich frage und denke, sehe ich, dass einer der Passanten kurz … wittert. Ja, das ist das richtige Wort, genau das macht er. Das habe ich vermutlich ebenfalls gerade gemacht, und da, die Frau dort auch, und auch diese und der Typ da, und der. Ich bleibe stehen und sehe zu, das machen hier fast alle. Sie werden kurz langsamer oder bleiben sogar stehen, sie wittern, schnuppern, sie sehen sich um und sind kurz nur, ganz kurz, Instinkt und checken die Lage genau wie der, was ist denn das eigentlich, ein Yorkshireterrier, glaube ich. Sein Frauchen und dieser Hund, beide für einen Moment die Nase nach oben gerichtet, beide für eine Sekunde mit dem gleichen Gesichtsausdruck, so fragend schräg nach oben und um die Stirn ein irritiertes Nachdenken. Lavendel im April. Da mal genauer hinschnuppern, da mal eben Tier sein und wieder so reagieren wie vor Jahrtausenden, mit der Nase im Wind.

Ein paar Meter weiter das Erbrochene auf der Treppe, da riecht es dann schon anders. Da schnuppert nur noch der Hund, der aber gerne und interessiert.

Klebekunst an einer Hauswand, die sehr bunte Collage einer Frau

Ich ahne das unweigerlich nahende Ende der Corona-Bleigrauphase im alsbaldigen Frühling auch deswegen deutlich, weil die Anzahl der morgendlich zu entdeckenden Kotzpfützen im kleinen Bahnhofsviertel wieder deutlich zunimmt. Pardon, aber es ist ein Stadt- und Brauchtumsblog. Es wird hier jetzt also wieder zum Szene-Stadtteil, man glüht schon vor, man kommt schon wieder zum Trinken her, und wieviel Nachholbedarf wird es da in diesem Sommer geben.  Siehe dazu auch die neulich erst beschriebene Szene, die Betrunkenen auf der Fahrbahn. So geht es jetzt hier wieder zu.

Papierklebekunst an einer Hauswand, eine bunte Fliege

Egal. So viel zu der einen Krise. Die andere bemerke ich beim Brötchenholen am Wochenende. 13% zahle ich da diesmal mehr als in der letzten Woche. In den sozialen Medien teilen andere weitere Preissprünge, teils mit Preisschildfotos. Nicht im Sinne eines wilden Protestes, es ist bisher eher dokumentarisch. Die Kaltmamsell weist im Blog darauf hin:

Drei Semmeln (ok, große) beim Bäcker: 4,20 Euro. Sich privilegiert fühlen, weil man sich Semmeln vom Bäcker leisten kann. Die steil steigenden Lebenshaltungskosten sind seit einiger Zeit Medienthema (Energiepreise, Inflation, Lieferkettenprobleme der Pandemie jetzt verschärft durch Ukrainekrieg), für prekär lebende Menschen muss das eine echte Belastung sein.

Später gehe ich an der Binnenalster spazieren, da blühen die Narzissen grellgelb auf dem Uferstreifen, dahinter das blaue Wasser: Ukraine. Das denkt man jetzt immer bei dieser Farbkombination, in jeder Lebenslage, einige werden es auch beim Müllrausbringen denken, die blauen Deckel, die gelben Deckel: Ukraine.

Ich denke beim Gehen über das Schreiben in Krisenzeiten nach, ich denke diese Zeilen hier. Ich denke, zum Klima haste aber noch nichts, aber da könntest Du das mit dem Methan verlinken, wo war denn das. Hier, guckense mal, da ist schon wieder ein Superlativ in der Überschrift, immer diese Superlative, einer nach dem anderen, interessiert aber alles keinen. Ich mache mir eine Notiz, ich gehe weiter. Drei Schritte weiter fängt es an zu hageln, der Wind frischt kurz auf und haut mir feinkörniges Eis um die Ohren. „Wetter ist kein Klima!“, sage ich trotzig, als ob die Welt mit mir reden würde, nur weil ich mit ihr rede, vielleicht doch noch einmal Kommunikationsmodelle nachlesen.

Zur Vermischung der Krisen im Alltag übrigens, da kann ich Ihnen noch etwas erzählen. Etwas, das ganz kurz, für meinen Geschmack ungeheuer treffend und allerdings unangenehm zynisch wirkend ist. Zeitgemäß wie sonst was ist es auch. Nämlich: Ich lese die Nachrichten am frühen Morgen. Ich überfliege die Newsticker auf diversen Medienseiten, ich grase am Morgen erst einmal alles ab, allerdings recht flüchtig. „Schulen geschlossen“, steht da, also lade ich den Corona-Kontext ins Hirn, frage mich kurz, in welchem Land das denn schon wieder passiert und es wird doch wohl nicht etwa in Deutschland, in Hamburg … ich sehe also genauer hin. Da steht aber gar nicht „Schulen geschlossen.“ Da steht „Schulen beschossen“, und ich muss über das Land nicht weiter nachdenken.

Zuhause sehe ich in den Foodblogs die Rhabarberrezepte, und wie viele davon. Das Rad dreht sich unweigerlich weiter, das Jahr geht voran.

Was noch? Hier ein Interview mit Marina Weisband, es wird Sie beunruhigen und ich finde das richtig so.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 11.4.2022

Ich habe drüben beim Goethe-Institut wieder etwas über die Lage geschrieben. Wie erwartet und angekündigt übrigens legt das Institut bei den Deutsch-Kursen für Menschen aus der Ukraine noch einmal nach, siehe hier, zum symbolischen Preis von nur 25 Cent. Das gerne weitersagen.

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Frau Herzbruch ist etwas on fire. Finde ich gut, on fire sollten wir wohl sein, es gibt Gründe genug.

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Bei Spontiv werden Boulevardzeitungen gelesen, ich fand es via Herrn Fischer.

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Und hier geht es, wir können uns von den Krisen auch einmal kurz abwenden, die kommen auch ohne unsere fortwährende Beobachtung sicher schnell voran, um reitende Reiter. Genauer geht es um Anfänge von Schulaufsätzen, und es wird auch auf einen meiner Lieblingsanfänge in der Literatur hingewiesen, nämlich auf den von Moby Dick. Ganz erholsam, so etwas zu lesen. Also den Blogeintrag, meine ich.

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Weiter mit der Literatur. Eine Besprechung von Kristine Bilkaus „“Nebenan“, das ich zwar noch nicht gelesen habe, von dem ich aber stark annehme, dass es gut ist. Im Feuilleton, ich las das jetzt mehrfach, scheint der Roman wenig Beachtung zu finden, da läuft womöglich etwas verkehrt.

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Falls jemand beim Thema Social-Media am Puls der Zeit bleiben möchte, in diesem Blogeintrag wird die App BeReal erwähnt, von der ich noch nicht gehört hatte. Aber natürlich finde ich es interessant, was da kommt, bei Twitter und Instagram hört die Geschichte nicht auf. Bitte das unten in einer Fußnote benannte Problem beachten, bei mir ist es dann nämlich schon vorbei mit der Neugier.

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Im Landlebenblog wird die Sache mit dem Palmstrauß nachgelesen, was ich schon deswegen interessant fand, da hier ein Sohn für Religion gerade einiges Österliches durchzunehmen hatte, was mir die Gelegenheit gab festzustellen, dass ich da auch nicht ganz sattelfest war.

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Zwischendurch mal zur Kenntnis nehmen, was andere für Zeug machen, das früher normal war, etwa einfach so nach Wien fahren. Ich habe tiefes Verständnis dafür, dass der Eintrag so lang geworden ist. Mir würde ein Tag Wien vermutlich den Kopf sprengen.

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Europacamp 22 (Kooperation)

Das Wort Kooperation wird hier selten in einer Überschrift stehen, auch das war nur eine Phase. Für einige wenige Kunden finde ich es weiterhin in Ordnung und ist es mir auch in Zukunft willkommen, wie auch die Bannerwerbung unter Artikeln, das sind allerdings nur noch solche Kunden, zu denen ich auf irgendeine Art eine besondere Beziehung habe. Beim Europacamp war ich jetzt ein paar Mal, da habe ich mittlerweile ein angenehmes Stammgastfeeling, ich mag es dort und ja, ich würde auch ohne Honorar vor Ort sein, was jetzt marketingmäßig nicht der allerklügste Satz meines Lebens ist, schon klar. Egal. Ich mag es dort sehr, auch wenn ich diesmal etwas angeschlagen nach Hause ging, aber dazu gleich.

Frau Diekmann, die Sie vielleicht aus dem Fernsehen kennen, und ich aber nur als Bloggerin, was vermutlich eine lustige Fremdbild-Differenz ergibt, war auch dort, und schadlos hat sie es ebenfalls nicht überstanden, wie man hier lesen kann. Aber sie hatte andere Gründe für die Nachwirkungen, sie war dort, um ein Panel zu moderieren, ich habe nur zugehört.

Was war nun das Problem, mein Problem, von dem ich aber weiß, dass es einige hatten, vielleicht die meisten dort? Das Problem war der Krieg. Um den ging es in mehreren Gesprächsrunden. Ich habe mir hervorragend besetzte und auch gut moderierte Panels zum Ukraine-Krieg angehört. Militär, Politik, Wissenschaft, alles vertreten, handverlesene Gäste, geballte Kompetenz, wie leider anzuerkennen war. Warum leider? Weil auch nur ein Ansatz von Optimismus, wie soll ich sagen, argumentativ niemandem vertretbar schien. Das ist mir zwar auch vorher klar gewesen, dass die Lage nicht gut ist, das kann man überall nachlesen und sich zusammenahnen oder meinetwegen auch nur fühlen, und wer im Freundeskreis Fatalismus ist, der macht das eh schon die ganze Zeit, der fremdelt auch mit dem so gerne verbreiteten Zweckoptimismus auf Postkartenniveau, den man an vielen Stellen im Netz findet.

Es hat aber doch eine andere Qualität, wenn es solide untermauert wird. Von den trocken bitteren Einschätzungen eines Generals a.D. bis zum Professor, der auf die Panel-Abschluss-Frage, wie es denn nun weitergeht, nicht mit einem routinemäßig erwartet ausholenden Rundum-Statement antwortet, sondern vielmehr in ultimativer Kürze und resigniertem Tonfall mit: „Keine Ahnung“ – ich kann das Ergebnis der Gesprächsrunden für mich zusammenfassen mit: Das hat gesessen.

Und es kam dann noch drastischer. Timothy Garton Ash hielt eine Keynote für ein Panel mit u.a. Wolfgang Schmidt, er ging gleich zu Anfang die deutsche Rolle im Konflikt recht scharf an. Das Land macht nicht genug, so die im Moment naheliegende These, sie ist nicht gerade exzentrisch. Das bezog sich auf das vieldiskutierte Energieembargo und auch auf andere Möglichkeiten, es war eine Verschärfung dessen, was sich schon vorher in Gesprächen abgezeichnet hatte, er sprach aus, was andere mehrfach angedeutet hatten: Es reicht nicht, was Deutschland beiträgt. Wolfgang Schmidt antwortete als Vertreter der deutschen Regierung, natürlich war er eloquent erklärend, und es wäre ein bald ermüdendes Hin und Her gewesen, hätte es nicht einen zugeschalteten Gast aus Kyiv gegeben, Galina Yanchenko. Wenn ich es richtig verstanden habe, Vize der Regierungspartei im Parlament der Ukraine. Die da also auf Schmidt antwortete, aus einer, wie man sich vorstellen kann, sehr anderen Situation heraus als die Gesprächsteilnehmer im Saal.

Und die dann Sätze sagte, die den Gepflogenheiten deutlich widersprechen, die zu Schmidt etwa sagte, und nicht nur nebenbei: „Sie haben Angst.“ Sie sagte es eher in Großbuchstaben. Als der Herr Minister wiederum lange erklärt hatte, wofür Deutschland alles verantwortlich sei, wofür „wir“ alles noch Verantwortung übernehmen müssten, wie unglaublich verantwortlich doch dieses Land in dieser Krise vorgehen müsse, nachdem er also den Begriff Verantwortung einigermaßen totgeritten hatte und wir im Grunde, so habe ich gelernt, gerade Verantwortung für die halbe Welt übernehmen, sagte die ukrainische Parlamentarierin in einem Tonfall, den ich so schnell nicht vergessen werde: „Was glauben Sie eigentlich, wofür wir hier verantwortlich sind?“

Es war eine Runde, in der die deutsche Position keine Punkte machen konnte. Ich fand es unmöglich, der Ukraine und ihren Forderungen nicht Recht zu geben, aber ich bin auch kein Politiker und so etwas nicht gewohnt, ich möchte das auch nicht sein.

Die online zuhörende Frau Herzbruch twitterte, dass sie froh sei, nicht zuständig zu sein. Das ist ein lapidarer Satz, den man vielleicht im Alltag mehr würdigen muss, denn was haben wir für ein Glück, nicht zuständig zu sein, wie unlösbar ist diese Aufgabe und was für ein fragiler Segen ist es, nur überlegen zu müssen, was ich morgen wieder koche.

In einem der Panels sagte einer der Teilnehmerinnen auf die Frage, was nun zu tun sein, dass es doch schön wäre, wenn Deutschland in irgendwas führend sein würde, in wenigstens irgendeiner Art der Reaktion, dass das Land doch eine Rolle habe, die das hergeben müsse, deutlich und unbedingt sogar. Es war dies vielleicht die Quintessenz der Gespräche an diesem Tag, dass es nicht reicht. Dass es einfach nicht reicht.

Und dass man lieber Bürgerin oder Bürger eines Landes wäre, das nicht nur „ausreichend“ reagiert. Sondern wenigstens befriedigend, besser aber gut oder sehr gut.

Wobei ich nicht einmal ansatzweise den Eindruck erwecken möchte, ich wüsste, was jetzt gut oder sehr gut sei. Ich weiß gar nichts, ich weiß, fällt mir gerade auf, nicht einmal, was ich morgen kochen werde. Aber das wird sich finden, da bin ich mir sicher. Bei allen anderen Fragen der Zeit bin ich es nicht.

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