Mann mit Koffer

Im Hamburger Hautbahnhof gibt es eine Kunstinstallation von Christel und Laura Lechner, hier einige Bilder und Erläuterungen dazu (leider eventuell längere Ladezeit), und hier noch die Seite der Künstlerinnen.

Der Mann mit Koffer, Sie sehen ihn auf der erstverlinkten Seite, das zweite Bild von oben in der rechten Randspalte, steht neben einer Rolltreppe im endlosen Strom der Reisenden und irritiert die Menschen, die an ihm vorbeigehen. Weil er so normal aussieht, nehme ich an, weil er auch nicht erklärt wird. Neben ihm steht kein Schild, wie man es in einer Ausstellung erwartet.

Weil man also nicht sofort weiß, was der da nun soll. Was macht der da, warum steht der da. Machen wir ein Selfie mit ihm, ist das cool oder nicht. Immer eine besonders wichtige Frage, in diesen Zeiten. Ist er am Ende Werbung für irgendwas? Dann wäre man darauf hereingefallen, das möchte man nicht. Dann wäre das Selfie am Ende noch peinlich.

Ist er Kunst, also richtige Kunst, ist er Kunstkunst? Ist er Werbung für Kunst? Hier ist doch die Kunsthalle irgendwo in der Nähe, das könnte passen, vielleicht ist da gerade eine Ausstellung mit solchen Skulpturen.

Und ist der gut, der Mann mit dem Koffer, also gut als Kunst? Der ist schon gut, oder? Der ist doch gut gemacht? Ist der auch von dem Dings mit den anderen Figuren, dem Balkenhol? Hieß der so? Da kennt sich jemand aus.

Und auch die vorbeikommenden Kinder fragen: „Mama, was ist das?“ „Das ist, äh, na, so eine Figur.“

Ich lungere manchmal neben diesem Mann mit dem Koffer herum. Alles, was im Bahnhof besonders ist, füllt mein Notizbuch. Ich sehe den Menschen zu, die ihn ansehen. Ich höre mir ihre Gesprächsfetzen an und ich sehe, wie Kunst wirkt, wie dieses Objekt wirkt. Nur wenigen Passanten fallen die anderen Figuren auf, die in der Höhe auf dem Geländer über dem Mann mit dem Koffer sitzen, von Tauben umflogen und entspannt wie Touristen auf der Promenade eines Kurortes in den Bahnhof sehend.

Dafür müsste man erst nach oben sehen, um über diese Figuren auch noch zu staunen. Sie sind durch ihre Platzierung eher beiläufige Kunst, die man leicht übersehen kann. Aber die, die sie entdecken, die freuen sich dann doch und zeigen sie vielleicht auch anderen: „Gucken Sie mal! Da oben!“ Und dann aber schnell die Handys raus und Bilder gemacht und gleich verschickt. Dass die anderen sich mitwundern sollen.

Dann kommt da einer durch die Wandelhalle, der sieht aus wie der Mann mit dem Koffer, aber er lebt, er ist echt. Er hat fast genau diesen leichten Mantel an, er hat auch diese blaue Hose an. Die Kombination ist nicht selten, das ist klar, so laufen viele herum. Er hat aber dazu noch diese Statur, er hat auch diese Frisur, und er hat einen Koffer in der richtigen Farbe. Der sieht etwas moderner aus als der Koffer neben der Figur, und er wird natürlich gerollt. Kein Mensch hat mehr Koffer, die nur einen Tragegriff haben.

Er ist also kein Zwilling der Kunstfigur, er hat aber doch Ähnlichkeit auf den ersten Blick. Gerade so viel Ähnlichkeit hat er, dass man es ein wenig verblüffend finden kann. Mehr dann nicht, beim dritten Blick verliert es sich wieder etwas.

Der steht das jetzt also vor mir und staunt ebenfalls über diese Figur, er nimmt die Ähnlichkeit sicher wahr. Er steht davor und lacht. Dann legt er dem Standbild einen Arm über die Schulter. Er hält seinen Kopf an den Kopf des anderen, eine merkwürdig innige Geste. Nicht für ein Selfie macht er das, und nicht für ein Foto. Er bittet niemanden darum, sie beide so aufzunehmen. Er macht es nur für diesen Moment mit seinem Kunstbruder, so wirkt es. Und kurz sehen die beiden tatsächlich verwandt aus. Wie Geschwister, die sich lange nicht gesehen haben, die sich im Bahnhof treffen, nach längeren Reisen, vielleicht nach Jahren. Die sich dabei einmal drücken. Wortlos, aber intensiv.

Dann löst sich der Mann wieder von der Figur und geht breit grinsend weiter. Wenn ich es richtig sehe, geht er nicht ganz gerade. Er schlingert dezent, er ist vielleicht ein wenig betrunken. Nicht zu sehr, er schafft seinen Weg sicher noch. Aber er hatte womöglich doch schon zwei, drei Bier oder etwas in der Art. In einem Ausschank in der Wandelhalle vielleicht, wo manche nach Feierabend schnell etwas herunterstürzen, „weil das Leben ist ja hart genug“, um noch eben auch in diesem Text eine Songzeile anzubringen.

Es ist warm heute, da wirken drei Bier zügig und die Wirklichkeit verschiebt sich vielleicht ein wenig. Das kann sein, und wir kennen das auch. Sie verschiebt sich ein kleines Stück weit, bis man seinen Kunstbruder, von dessen Existenz man bis eben noch nichts wusste, leibhaftig vor sich sieht. Da steht er auf einmal neben der Rolltreppe, guck an, ist es zu glauben.

Da kann man einmal kurz innehalten und die Köpfe zusammenstecken, ich verstehe das gut. Ich kann das auch nachvollziehen. Und die zwei, drei Menschen neben mir, die dieses seltsame Paar gerade heimlich fotografiert haben, die verstehen das vielleicht auf die gleiche Weise wie ich, das mag sein.

Ich gehe nach Hause und lese jetzt doch einmal nach, was es mit diesen Figuren im Bahnhof auf sich hat. Das hatte ich bis eben noch nicht gemacht, das habe ich immer wieder vergessen.

Okay. Wissen wir das jetzt auch.

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Stimmig und sinnig

Ich habe weiter im schon vermerkten Camus gelesen, ich habe auch noch etwas über das Buch gelesen. Ich habe dann noch ein wenig über das Leben und Sterben von Camus gelesen. Er ist mir als Schullektüre damals nicht begegnet, er ist aber wohl noch gängig an den Schulen. Und seine „Pest“ habe ich auch nicht pflichtgemäß während der Coronajahre gelesen, wie es viele andere getan haben. Ich sah es in jener Zeit mehrfach in den Timelines und auch in den Feuilletons.

Zwischendurch habe ich beim Kochen alte Musik zu den Filmen von Jacques Tati gehört. Ich beschäftige mich nach der langen Truffaut-Sendung neulich immer noch mit Soundtracks, und nein, es passte beides überhaupt nicht zusammen. Musik und Buch ergänzten sich nicht. Also abgesehen vom gemeinsamen Kulturraum der beiden. Widersprüche aushalten, ne. Oder nein, eher das Absurde aushalten, wenn man schon bei Camus ist. Und zum Absurden, fällt mir auf, passt der Tati dann doch auch.

Sehen Sie, man muss es sich alles nur einen Moment lang zurecht denken, schon wird es alles stimmig und sinnig, schon fügt es sich schnell. Faszinierend.

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Die plattdeutschen Wörter des Jahres sind auch gefunden, sie heißen Tauversicht (Zuversicht) und düstersinnig (trübsinnig, depressiv), und sie scheinen sich zu widersprechen. Man kann sie sich zumindest in einer Gleichzeitigkeit kaum vorstellen. Düstersinnig merken wir uns lieber für den November vor, das legen wir dann ans Dunkeltuten an und basteln uns einen ausgeprägt norddeutschen Herbst.

Mit der Tauversicht weiß ich gerade nicht recht, wo stecke ich sie hin, was mache ich mit der. Und habe ich die, kenne ich die näher.

Was würde dazu gehören, die zu empfinden. Es wäre sicher eine schöne Frage für ein Wort zum Sonntag, das dann mal zehn Minuten vor der Gemeinde erörtern. Wobei religiöse Menschen da einen unfairen Vorteil haben, wie mir scheinen will, aber das ist ein anderes Thema.

Am besten ist es, den allzu großen Begriff auf Teilbereiche zu beschränken, dann wird er für alle erlebbar, auch in schwierigen Zeiten. Ich bin zuversichtlich, dass die nächste Woche auch vorbeigeht, ik bün tauversichtig, dat de nächste Weken ook vörbigeiht. So etwas. Das geht doch, darauf wird man sich einigen können und wir haben die Tauversicht sinnig untergebracht.

Die plattdeutsche Redenwendung des Jahres wurde ebenfalls gewählt, sie lautet „Wecker rieden will, de möt ierst rup up ´t Pierd.“ Wenn Sie nicht aus dem Norden stammen, wird das vielleicht schon etwas nach Fremdsprache klingen, kann ich mir vorstellen. Wer reiten will, muss erst einmal rauf aufs Pferd.

Mit der Anweisung „Rup up ´t Pierd!“ könnte ich von jetzt an jeden Morgen die morgens eher dezidiert unwilligen Söhne wecken. Eine schöne Anregung ist das, und dann wird diese Wendung den beiden langschlafenden Sportsfreunden wie von selbst zum plattdeutschen Boomer-Ausdruck des Jahres.

Hier noch eben die vollständige Meldung zum plattdeutschenThema vom Fritz-Reuter-Literaturmuseum, und der Sportsfreund bezog sich hierauf.

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Timing

In der Reihe der liebenswerten Zufälle beim Schreiben – ich las gerade eine Rezension zu einem Buch von George Saunders, Tag der Befreiung. Ich las dann noch etwas über Saunders nach und guck an, er stammt aus: Amarillo, das hatte ich doch gerade erst. Da kann man den Song gleich noch etwas weiter singen.

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Eine alte Folge Radiowissen über Miles Davis gehört, Kind of Blue, sowie eine über John Coltrane. Zwei Sendungen, die natürlich gut hintereinander passten. Auch dazu hatte ich schon einmal ein Video im Blog, und auch das kann man ruhig mehrfach sehen, finde ich. Man wird dann vielleicht auch endlich Amarillo wieder los:


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Und nun ein freundlicher Hinweis, besonders als serviceorientierte Warnung für andere Bloggerinnen. Mein Text (oben bei Amarillo bereits verlinkt), in dem ich die beiden Begriffe Pubertät und Entspannung in einen gefährlich direkten Zusammenhang gebracht habe, er hat sich selbstverständlich und umgehend gerächt. Wenige Stunden nach Veröffentlichung schon der Einschlag. Szenen und Dramen hatten wir hier, Sie wollen es sich lieber nicht ausmalen. Und blogbar ist das alles keineswegs – aber mein lieber Schwan. Vorabendserie mit Cliffhanger nichts dagegen.

Okay. Es ist sicher eine Art Naturgesetz für schreibende Menschen, nehme ich an, und manchmal ist mir trotz aller Erfahrung danach, solche Risiken einzugehen. Lebe wild und gefährlich, Sie kennen das.

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Mit der Herzdame bin ich an einem der letzten Abende quer durch den großen Park Planten un Blomen gegangen (laut Google-Rezensionen die schönste Grünanlage Deutschlands, las ich hier gerade, und was für ein erzdeutsches Wort ist eigentlich „Grünanlage“, müssten wir unsere gepflegten Strände nicht analog „Blauanlagen“ nennen, aber ich schweife ab).

Wo war ich. Jedes Mal, wenn ich durch Planten un Blomen gehe, denke ich, dass ich das öfter machen sollte. Ich mag es da, es ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Park, angenehm abwechslungsreich gestaltet und manchmal, gar nicht so selten, im genau richtigen Maß besucht, nicht zu leer, nicht zu voll. Es bieten sich erfreulich viele Szenen, wenn man da durchgeht.  Man möchte Zeichner sein, wenn man das sieht. Jemand, der sehr schnell skizzieren kann, möchte man sein. Ich habe das immer bewundert, wenn das jemand kann, und ich bin auch immer etwas neidisch. Ich würde das gerne selbst können.

Aber gut, ich skizziere eben manchmal per Blog, nicht per Block. Jeder müht sich, wie er kann.

Bis runter nach Sankt Pauli und zurück gingen wir jedenfalls an diesem grauen Nachmittag, dabei spazierten wir zwischen zwei Regenschauern durch. Genau von den letzten Tropfen des einen bis zum ersten Nieseln des nächsten, auf den Meter präzise und auf die Minute passend. Diese eine kleine Lücke an einem Tag mit fast durchgehender Berieselung, wir haben sie genutzt. Selten perfekt in der Zeit- und Wegplanung waren wir da, als hätten wir etwas berechnet, in ein Konzept gebracht, für unser Hamburger Wetter optimiert und dann korrekt ausgeführt.

If you want to go back home, just go back home … Timing is the answer to success (I guess).

So hieß es einmal bei Kevin Johansen (aus Argentinien), hier gleich im Video in einer schönen Life-Version des Liedes.

Die begleitende Sängerin dort, ich sehe eben nach, ist Ileana Cabra, iLe genannt, aus Puerto Rico Wenn Sie gerade südlicher klingende Musik benötigen, weil Ihr Wetter vielleicht heiterer als unseres ist, gucken Sie ruhig mal bei Ihrem Streamingdienst nach ihr, bei Youtube oder wo auch immer.

So verhilft einem jedenfalls der Zufall, darum ging es eigentlich, ich bin heute verdächtig unstrukturiert, zu wenigstens kleinen Erfolgen. Das ist an gewöhnlichen Werktagen der eher unspektakulären Art besonders wichtig.

Man muss es stets zu würdigen wissen.

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Orte und Geschichten

Das Klima in den Blogs:

„Eine Sache mit dem Klimawandel ist das Ende der Jahreszeiten, wie ich sie früher kannte. Der Winter ist ein endloser Herbst, der übergangslos von einem feuchten heißen Sommer abgelöst wird. Heute war ich zum ersten Mal in diesem Jahr in der Ostsee, die im Mai so viel Sonne abbekommen hat, dass sie warm und trüb war wie in einem Juli meiner Kindheit.“

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Glückwünsche zum 22. Bloggeburtstag!

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Gehört: Die Lange Nacht zum D-Day Über zwei Stunden. Das reicht für mehr als eine Alsterrunde oder für etwas mehr Arbeit im Haushalt. Vielleicht auch mal die Schränke auswischen. Die Sendung passt gerade, wir sind kurz vor dem Jahrestag (am 6. Juni). Empfehlenswert und lehrreich.

Ich war einmal, vor vielen, vielen Jahren, am Omaha-Beach in der Normandie, um den es in der Sendung auch geht. Es war einer der unheimlichsten Orte, die ich je besucht habe. Ich hatte dort ein überdeutliches Gefühl, als sei es ein Strand mit Spuk und nie endender, unfassbar präsenter Geschichte. Als sei das Geschehen noch da, gegenwärtig und fühlbar, als sei das da ein ungeheuer belastetes Stück Landschaft. Eine übersteigerte Wahrnehmung wie in einem Horrorfilm. Das berühmte Faulkner-Zitat in der denkbar unangenehmsten Ausprägung, die Vergangenheit dort war nicht einmal vergangen, und wie schlimm ist das an solchen Orten des Grauens, was für eine entsetzliche Vorstellung. Und wie gelingt es anderen, dort einfach sorglosen Bade-Urlaub zu machen. Obwohl es vermutlich gut ist, dass es ihnen gelingt, dafür wurde das Land befreit, ich habe nichts dagegen.

Am Ende lag meine befremdlich übersteigerte Empfindung, versteht sich, nur am seltsam drückenden Wetter an diesem Tag, denn es war eine Stunde zwischen zwei Sommergewittern, es war eine äußerst ungünstige, gespenstische Stimmung im Licht und in der Luft. Oder es lag vielleicht am Essen, denn es gab vorher Fischravioli aus der Dose auf dem Campingplatz. Die schmeckten erstaunlich gut, was aber womöglich nur daran lag, dass ich jung war und Hunger hatte, einen Anfangsverdacht konnte man dennoch haben.

Dasselbe Gefühl hässlicher Geschichtsnähe hatte ich Jahre später einmal in Peenemünde. Ein körperlich spürbarer Grusel und eine irrationale Erwartungshaltung, als könnten jeden Moment Soldaten in den Uniformen der Wehrmacht um die Ecke kommen. Ich sah sie schon, ich hörte sie bereits. So weit gehend war dieses Gefühl, dass ich da dringend wegwollte, raus aus der Gegend.

Zu viel Vorstellungsvermögen ist auch nicht immer schön. Und, schon klar, Filme mit Horror- oder Fantasy-Anteilen bauen auf genau diese Gefühlslage und Wahrnehmung. Dann kommen die Soldaten im Kino tatsächlich um die Ecke. Seit zig Jahren kommen sie vielleicht immer wieder um genau diese Ecke. So wie die Matrosen auf dem Fliegenden Holländer jede Nacht auf Deck antreten und etliche verwandte Gestalten in anderen Erzählungen in unendlicher Folge … manchmal kommen sie eben wieder.

Ich verstehe jedenfalls diese Geschichten und den Punkt, an dem der Grusel gerade noch angenehm ist und die Vorstellung nur interessant und lebhaft, noch einen kurzen Moment nicht beängstigend. Man verpasst ihn leicht, diesen Punkt, wenn man vehement und routinemäßig zu Tagträumereien neigt.

Zur Sendung jedenfalls noch kurz, ich habe nicht gewusst, dass einige aus den Armeen der Alliierten, die dort gefallen sind, erst 15 Jahre alt waren. Man will so etwas auch gar nicht lernen, aber man nimmt es doch mit und trägt es dann etwas mit sich herum.

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Eine gewisse Entspannung

In der Laube. Jemand hört ein paar Parzellen weiter viel zu laut „Is this the way to Amarillo“, man legt dort die Partyhits von damals auf. Es gibt in dieser Kolonie etliche Nachbarinnen und Nachbarn, die deutlich älter sind als ich, sie hören diese Musik ohne jede Schlagermove-Ironie. Sie hören sie eher im Gedenken an lebhafte Partynächte und wilde Abende. Sie waren damals dabei und schon groß, im Gegensatz zu mir, der ich noch am Kindertisch saß, Flips aß und Fanta trank, nicht einmal Cola bekam. Als Amarillo Nummer 1 in den deutschen Charts wurde, war ich gerade sechs Jahre alt.

Es geht in diesem Lied um das eher unbekannte Amarillo, lese ich nach, weil sich die vom Sänger gesuchte Stadt mit der Geliebten darin unbedingt auf pillow und willow reimen musste. Da hatte der Texter, Neil Sedaka, keine andere Wahl. Das Stück wird hinter den Hecken mehrfach gespielt, ich habe also Zeit für die Lyrics. Jede Zeile wird für mich einprägsam oft wiederholt, dabei kann ich den Text doch ohnehin schon, wie alle aus meinem Jahrgang.

Sha-la-la-la-la-la-la-laSha-la-la-la-la-la-la-laSha-la-la-la-la-la-la-laAnd Marie who waits for me.

Man kann sich, ein Spaß am Rande, vorstellen, dass der Sänger dieses Liedes als stark gealterter Mann später für die gleiche Frau „Marie“ singt, mit den Lyrics von Randy Newmans gleichnamigem Song, dann hat man auch eine schöne Geschichte.

And I’m weak and I’m lazyAnd I’ve hurt you soAnd I don’t listen to a word you sayWhen you’re in trouble I just turn away
I love you, I loved you, the first time I saw youAnd I always will love you Marie

 

Ein anderer Nachbar mäht dann Rasen, die Herzdame fängt kurz darauf auch damit an. Irgendwer bohrt außerdem in etwas, jemand hämmert, jemand schreddert Gezweig und die armen Hunde hinten im Tierheim kläffen sich wieder hysterisch die traumatisierten Seelen aus den Leibern, es ist alles recht besinnlich hier. Die Vögel in den Büschen und Bäumen haben es für heute aufgegeben und jeglichen Gesang einfach eingestellt, man sieht nur manchmal ihr stilles Umherhuschen im Schatten des Laubes. Einer dieser Schatten wird die bisher nicht von mir gesehene, nur gehörte Mönchsgrasmücke sein, ich werde sie schon noch erwischen, der Sommer ist noch lang dafür.

Auf dem Weg zum Kompost gehe ich unter einem alten Apfelbaum durch, der mir prompt etwas Hartes auf den Kopf wirft: Der Junifall der Früchte beginnt schon am Monatsersten. Die Natur sortiert jetzt aus, was nichts mehr wird. Falls man im Juni selbst hinfallen sollte, da lieber nicht zu lange drüber nachdenken.

Etwas überpünktlich geht das jedenfalls los, so früh wie alles in diesem Jahr. Am Ende werden wir auch noch Weihnachten ein gutes Stück vorziehen müssen. Saisonale Verschiebungen, wohin man nur sieht.

Die hellblaue Wand einer Gartenlaube mit blühenden Pflanzen davor, Salbei, Lavendel, Rosen, Katzenminze.

Die Radieschen im Beet sind allzu schnell geschossen und können nun weg, sie werden demnächst Kompost für die nächste Ernte. Die Zucchini blühen üppig, die Tomaten streben stramm aufwärts, kleine grüne Klunker hängen an ihnen. Die beiden Schlangengurken vor ihnen räkeln sich grünarmig und weitläufig über den frischgedüngten Boden.

Die nun roten Erdbeeren opfern wir in diesem Jahr fast komplett dem Löcherfraß durch die emsigen Kellerasseln, einiges andere auch den Schnecken. Oder sagen wir ruhig: Fast alles andere. Etwa die Kürbisse, um die es doch ein wenig schade ist, die Stängel ragen wie abgesägt aus dem Beet. In meinen Timelines sehe ich, dass die Schneckenplage in diesem Jahr ein umfassendes Problem ist, ein stilles, verzehrendes Drama spielt sich in den deutschen Gärten ab.

Nur den Pak Choi meiden diese Schnecken, was stimmt mit dem eigentlich nicht. Sollten wir den lieber nicht essen, es gibt einem doch zu denken.

Ich pflücke etwas Oregano und einen Zweig Rosmarin, ich suche eine Zwiebel. Ich werfe die Kräuter und die Zwiebel mit Tomaten, Feta und Nudeln zusammen, um ein Rezept bündig wiederzugeben. Es gibt wieder Garten-Sommer-Essen, und das ist gut so.

„Wo sind eigentlich die Söhne“, fragt die Herzdame zwischendurch und nimmt noch einmal Nudeln nach, Gartenarbeit macht hungrig. „Was weiß denn ich“, lautet meine wahrheitsgemäße Antwort. Die Pubertät wird meist als äußerst belastende Schreckenszeit geschildert, teils sogar aus nachvollziehbaren Gründen. Aber eine gewisse Entspannung ist potenziell auch mit dieser Phase des Heranreifens verbunden.

Jedenfalls manchmal, jedenfalls für manche.

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Andere Jahre, später

In Südfrankreich werden meine Notizen zu Baumgartner von Auster weitergeführt.

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Gehört: Eine Folge von Radiowissen über Homer – Der erste Dichter des Abendlandes. Etwas herausfordernd, was die Allgemeinbildung beim Thema griechische Mythologie und beim Hin und Her um Troja betrifft. Man merkt wieder, was man alles nur noch halb weiß oder schon nicht mehr, einiges war bei mir doch einmal präsenter. Man müsste sich die Sagen des klassischen Altertums noch einmal vornehmen. Irgendwann. Vielleicht.

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Gelesen: Albert Camus: Der glückliche Tod. Nach einem Manuskript mit erneut schwieriger Geschichte. Also schon wieder ein Buch, das es vielleicht nicht geben sollte, je nach Betrachtung. Im Sinne des Autors war die Veröffentlichung nicht. Ich habe das Thema offensichtlich gerade öfter.

Der Roman stand hier im öffentlichen Bücherschrank um die Ecke, neben einer Schopenhauer-Gesamtausgabe, es geht da manchmal anspruchsvoll zu. Es ist eine alte, abgegriffene Rowohlt-Taschenbuchausgabe, noch mit der Werbung für Pfandbrief und Kommunalobligation in der Mitte. Man sieht staunend die Zinsversprechungen von damals. Das schmale Buch passte in meine Sakkotasche, so kommt man auch zur Lektüre für unterwegs.

Ich hatte Camus nicht auf dem Zettel, bin aber sehr angetan. Für mich unvermutet sind etliche Passagen von fast lyrischer Schönheit darin. Die Beschreibungen Algeriens habe ich gemocht, die Sonne und die Wärme dort waren spürbar, und einige Schilderungen von Straßen, Szenen und Personen habe ich besonders gerne gelesen. Deutsch von Eva Rechel-Mertens.

Dass mir aber nach meiner intensiven und langen Beschäftigung mit Kafka und seinem Krankheitsverlauf durch wirklich wilden Zufall mit diesem Werk von Camus ein weiteres Buch in die Hände kommt, in dem eine Hauptfigur in einem Kapitel fiebernd ausgerechnet durch Prag geht – es ist schon etwas grotesk.

Nach den Bürostunden klappe ich das private Notebook auf, ich lese einen Newsletter, mir fällt ein Satz auf: „Wenn Sie gerade in Prag sind …“ Ich gucke dreimal hin, es steht da wirklich.

Ich denke länger darüber nach und frage mich zum xten Male, was es mit dem Zufall, dem Schreiben und der Wirklichkeit auf sich hat, mit dieser befremdlichen Intensität, mit der alles manchmal, nein, eher ziemlich oft ausgedacht und an den Haaren herbeigezogen wirkt und wie sich das dann seltsam intensiviert, sobald ich etwas in einem Text vorkommen lasse.

Ich öffne Instagram auf dem Handy und denke mir, da kommt jetzt bestimmt auch etwas mit Prag. Und Sie ahnen natürlich, was tatsächlich kommt. Ein Filmchen aus der Prager U-Bahn war es. Ist es unheimlich, ist es normal, ist es kafkowski, habe ich das alles so bestellt, oder liegt es noch im Rahmen klar berechenbarer Wahrscheinlichkeiten?

Man weiß es nicht.

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Und sehen Sie, da hat uns doch tatsächlich bereits der Juni erreicht, oder vielleicht auch wir ihn. Wie ist es eigentlich, wer bewegt sich hier.

Man guckt jedenfalls und staunt und wundert sich. Und man fragt vielleicht nach der Zeit, wo sie blieb und wie sie war. Leise „What’s another year“ summend starte ich in den letzten Monat des Halbjahres, mit leichtem Kopfschütteln ob der rasenden Geschwindigkeit dieses Formel-1-Frühjahrs.

Es wird noch einige Jahre dauern, aber ich denke, es wird interessant werden, in der Zeit der Rente Jahreszeiten ohne alle berufliche Vorgaben zu erleben, die im Moment mein Erleben der Monate stark bestimmen. Es wird dann Jahre ohne beruflich bedingten saisonalen Stress geben und also mit der Möglichkeit, Tage, Wochen und Saisonwechsel anders wahrzunehmen.

Ob mir dann der Sommer wieder mehr zum Sommer wird, zu einem Sommer, wie er früher einmal war, ob der Winter dann noch länger und dunkler wird, ob der Herbst sich von den früheren stark unterscheiden wird?

Das sind Fragen, bei denen ich noch neugierig bin.

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Waldmeister und Katenschinken

Mit vermutlich ein paar Stunden zu wenig Abstand las ich nach Beendigung der Kafka-Biografie in den freundlich zugesandten Auster-Roman hinein, Baumgartner, ins Deutsche übersetzt von Werner Schmitz. Und es war einer der gar nicht so häufigen Fälle, bei denen das Anschlussbuch für mich vollkommen unverträglich war. Als würde man beim Essen irgendetwas mischen, das auf gar keinen Fall kombiniert werden darf, Waldmeister auf Katenschinken, dergleichen. So unverträglich sind die beiden Arten des Tonfalls und auch die erzählten Inhalte in den Büchern, die Herangehensweisen ans Schreiben. Gegen die tiefe Ernsthaftigkeit beim Kafka-Thema wirkt es doch eher larmoyant, wenn sich die alternde Hauptfigur bei Auster darüber beschwert, wie oft er vergisst, nach dem Gang zur Toilette die Hose zu schließen und dergleichen. Es passt einfach nicht nebeneinander. Käme ich aus anderer Richtung, der Auster wäre besser.

Ich hatte neulich den Verriss von u.a. Elke Heidenreich zu diesem letzten Buch von Auster in einem Video verlinkt (hier im Artikel). Ich vermute nach dem ersten Drittel des Buchs, denn ich habe es dann trotz der Unverträglichkeit weitergelesen, dass ich mich den kritischen Stimmen am Ende anschließen werde.

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Nebenbei stelle ich fest, dass meine Online-Zeit insgesamt weiter zurückgeht, dass mein Interesse besonders an den endlos brandenden Diskussionen in den Timelines, an den Aufregern und den Aufgeregten dort, seit nun schon längerer Zeit spürbar nachlässt. Was ich nicht als Affront meine, wenn das für Sie alles weiterhin passt, dann ist auch das vollkommen in Ordnung. Ich muss bei dem Thema gar nicht gegen etwas sein, ich muss nur nicht mehr dauernd dabei sein.

Ich merke jedenfalls, dass ich Handy oder Notebook immer öfter und immer länger weglege und denke: Lesen ist jetzt besser. Das Schreiben längerer Texte auch. Oder etwas ganz anderes, Staubsaugen, Kochen und Bügeln sogar.

Vielleicht waren über zwanzig Jahre der Internet-Intensivnutzung auch einfach genug für mich, das mag sein. Ich halte es mittlerweile fast für möglich. Aber bereuen tue ich immerhin nichts bisher, und das folgende Bild entspricht auch der Sachlage nicht, es fiel nur neulich im Stadtteil an einer Straßenecke an. Es ist eher Chronistenpflicht.

Ein Aufkleber an einem Verkehrsschildmast: Das Internet zerstört dein Leben

Nun also zu einem vielleicht etwas moderateren Umgang mit dieser so umfassenden Onlinebeschäftigung finden. Es ist alles nur eine Phase, wir kennen das. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich auch bei diesem Thema nicht der Einzige mit eine derartigen Entwicklung bin, sie wird sicher wieder einmal groß sein.

Dauernd hängt man in irgenwelchen Trends herum.

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Maimorgenszenario

Am Mittwoch sehe ich gleich nach dem Aufstehen aus dem Fenster und runter auf den Spielplatz, auf das noch ruhende, regennasse Maimorgenzenario vor der Haustür, in dem nur das Rotkehlchen und der Wind als verlässliche Aktivposten vorkommen. Im Holunder unter mir schlafen die drei Ringeltauben mit dem komplizierten Liebesleben. Sie sitzen mit geschlossenen Augen tief zwischen den großen, weißen Blütenkissen des Busches, sie sehen überaus flauschig eingebettet aus, auf die angenehmste Weise. Sie verbringen die Nächte im Frühjahr zwischen blühenden Plumeaus.

Eine macht ein Auge auf und sieht zu mir hoch. Wer wohl da so irre früh schon am Fenster herumturnt, wird sie sich fragen. Immer lächeln und winken, denke ich mir, aber ihr Auge geht da schon wieder zu. Es ist noch zu früh, für fast alle Arten hier. Da kann man noch nicht auf einer Kontaktaufnahme bestehen, ich verstehe das. Und ich mache das Fenster wieder zu und trinke meinen Kaffee weiter.

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Ich habe die Kafka-Biografie komplett durchgelesen. Alle drei dicken Bände, wie ich streberhaft ergänzen möchte, als gäbe es ein Fleiß-Sternchen dafür. Von denen ich in der Schule allerdings nie, nie eines bekommen habe, wie mit Restbitternis anzumerken ist. In meiner Erinnerung gab es diese Sternchen ausschließlich für Mädchen, seelische Schäden, wohin man nur sieht und denkt. Allerdings kann es auch sein, dass ich einfach nicht fleißig war. Egal.

Wo jedenfalls gerade alle wieder von Nazis reden: Es gelingt Reiner Stach in dem außerordentlich umfangreichen Werk, den kurzen Epilog, in dem aufgezählt wird, wer alles aus Kafkas Welt in der Zeit des Dritten Reichs, wenige Jahre nach seinem frühen Tod, vertrieben und/oder ermordet wurde, ausgesprochen schockierend wirken zu lassen. Also frisch schockierend, meine ich. Obwohl man das alles längst weiß, gründlich weiß und tausendmal gelesen hat etc. Nichts daran kann einen überraschen, gar nichts.

Das Kafka-Universum wird in den Büchern aber dermaßen lebendig dargestellt, dass diese Tode und Schicksale im Anschluss umso stärker und heftiger wirken, in diesen fast lapidaren, trockenen Erwähnungen auf den letzten paar Seiten der so langen Buchstrecke. Und das Zusammenbrechen der Welt, der Familien, der Zivilisation und der Kultur in jener Zeit wird noch einmal deutlicher.

Man verträgt nach diesen letzten Seiten allerdings die aktuelle Nachrichtenlage umso weniger. Die Kombination ist doch allzu entsetzlich.

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Dickens, Drogen

Ich habe die Lange Nacht über Charles Dickens beim Deutschlandfunk angefangen. Da wird mir dann absehbar hinterher die Zeit zum Nachlesen seiner Bücher fehlen, wie nach der Sendung über Truffaut die Zeit für die Filme. Man müsste diese Lesezeit allerdings auch etwas üppiger einplanen, seine Romane sind nicht eben dünn. Und auch bei ihm kenne ich gar nicht alle Werke, fällt mir beim Hören wieder auf. Schlimm.

Aber Dickens klingt doch eher nach einem Herbstprojekt, zumindest für mich. Wenn nicht sogar nach dieser kollektiven Illusion von den ominösen langen Winterabenden. Aber gut, diese Jahreszeiten möchte man im Mai nicht einmal erwähnen. Das also erst einmal verschieben oder gleich unter „vielleicht“ einsortieren. Mit v vorne wie in „vermutlich nie“, man kennt sich immerhin so weit.

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Ein neuer Kiosk eröffnete bei uns um die Ecke. Dort kann man Lachgas kaufen, wie im Stadtteil sofort bemängelt wird. Verbunden werden diese Beschwerden dann aber mit der Erkenntnis, dass die anderen Kioske das auch tun, und längst. Die Abgabe auch an Kinder und Jugendliche ist legal (in anderen Ländern nicht), und die nehmen das zur Belebung der Stimmung auf Partys, nicht etwa zum Aufschäumen von Sahne. Wobei mir auch der Verwendungszweck in der Küche unbekannt war. In den Medien erschien in den letzten Tagen reichlich zum Thema, ich sah es am Rande. Der Gesundheitsminister hat auch schon etwas zu den Gefahren gesagt und irgendwer wird sicher gerade daran arbeiten, die entsprechenden Lehrmaterialien für weiterführende Schulen zu aktualisieren, nehme ich an.

Bis vor etwa drei Wochen hatte ich von Lachgas im Kontext mit Drogen noch nie etwas gehört, man lernt also auch auf diesem Gebiet nicht aus. Man wird aber im Laufe der Jahre nicht unbedingt interessierter daran, merke ich.

Update, noch bevor dieser Text erscheint: Wenige Stunden, nachdem ich den letzten Absatz geschrieben hatte, rief der Bruder der Herzdame an, ein Feuerwehrmann in Westfalen, der einen Jugendlichen wiederbelebt hatte, nach Lachgaskonsum und damit verbundenen massiven Lungenproblemen. Es sah nicht gut aus für den Betroffenen. Was jetzt ausgesprochen erfunden und pädagogisch passend ausgedacht klingt, ich weiß. Aber so war es eben, was soll ich machen. Sie wissen, die Wirklichkeit ist stark überzeichnet, man kann das leider nicht ändern und muss mit solchen eher plumpen Effekten leben.

Von diesem Telefonat haben wir dann jedenfalls sicherheitshalber auch den Söhnen erzählt, man hat seine Pflichten. Und falls Sie also auch Teenager in Ihrem Aufgabenfeld haben …

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Und damit erst einmal ab nach Hammerbrook. Apropos Pflichten.

Die rote Außenwand der S-Bahnstation Hammerrbook, dynamische Perspektiv-Wirkung durch die Linien von Gleisen und Wand

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Lübeck, Postkartenschnipsel

Ich fuhr mit dem Zug nach Lübeck und nach wenigen Stunden zurück, ein Abendtermin in der Heimatstadt. Beide Züge fuhren auf die Minute pünktlich, waren nur mäßig voll, sauber und mit funktionierenden Toiletten ausgestattet. Das Personal war nett, die Sitznachbarinnen schweigsam, die digitalen Anzeigen korrekt, gerne wieder. Für einen Blogbeitrag gibt eine dermaßen gut laufende, bzw. rollende Bahn allerdings wenig her. Es war alles okay, das kann man fast einsilbig abtun: Jo. Dazu ein beifälliges, anerkennendes Nicken, das war es dann schon.

Nur der junge Mann neben mir, der leise telefonierte und mit dem Menschen am anderen Ende zweifelnd diskutierte, ob die Elbe auch durch Dresden fließe oder nicht, der ist vielleicht eine Erwähnung wert. Zumal er in fast rührendem Lokalpatriotismus endete mit: „Aber dann ist sie da bestimmt schmaler als in Hamburg!“

Ich hörte mich, immer noch angeregt durch die Truffaut-Sendung im Deutschlandfunk, während der beiden Zugfahrten durch einige Playlists mit französischen und italienischen Soundtracks zu älteren Filmen. Durch Stücke, die nicht zur Landschaft da draußen passten, nicht zu den wenig attraktiven Unterwegsbahnhöfen Bad Oldesloe oder Reinfeld. Michel Legrand in der norddeutschen Tiefebene, das ist eine Verbindung, für die man mehr Fantasie braucht, als ich an dem Tag zur Verfügung hatte.

Am Bahnhof Lübeck-Moisling, der mir auf der Strecke neu war, da hielt früher kein Zug, da gab es gar nichts, wie ich schon wieder krückstockfuchtelnd anmerken möchte, stand groß „Kill your ego!“ auf die Lärmschutzwand gesprüht.

Aber welches, fragten sich die Stimmen in meinem Kopf, als wir dort vorbeifuhren, eine kurz aufflammende interne Debatte. Wer ist hier eigentlich was, wer hat daran den größten Anteil und wer muss dann zuerst raus. So stellt man sich Zen-Momente auch nicht vor.

Kurz und nur im Vorbeifahren, aus dem Auto meines Bruders heraus, habe ich dann später die Lübecker Sehenswürdigkeiten gesehen. Die bekannten Kennzeichen der Stadt, das Holstentor, die alten Häuserzeilen an der Trave, die Salzspeicher etc., die Türme. Die Bilder, die Sie vermutlich auch im Kopf haben, wenn Sie an Lübeck denken, selbst wenn Sie die Stadt nicht näher kennen. Backsteinfassaden, Treppengiebel, so etwas.

Ich sah den Turm der Marienkirche, neben der ich einmal gewohnt habe, deren Glocken mich an Sonntagen geweckt haben. Den Turm der Jacobikirche, in der ich getauft wurde. Postkartenschnipsel mit Bezug, die nebenbei anfielen.

Das könnte man sich alles auch wieder einmal in Ruhe ansehen, dachte ich, es ist ausreichend lange her. Na, irgendwann einmal.

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Am Montagmorgen merke ich, dass wir am Wochenende größere Mengen Gartenerde mit den Schuhen in der Wohnung auf dem Parkett verteilt haben. Es ergibt ein etwas rustikales Gehgefühl, wie in einem Ferienhaus an der Nordsee in Strandnähe kommt mir dieses Knirschen vor, es hat auch etwas. Es führt aber zu früher Hausarbeit, so beginnt die Woche wieder mit rastlosem Fleiß und Emsigkeit, eine Hausfrau aus dem letzten Jahrhundert ist nichts dagegen. Man muss sich Punkte geben, wo man nur kann.

Die Wetter-Apps versprechen uns sieben Tage Regenwetter. Der Freundeskreis Schrebergarten guckt enthusiasmiert und lehnt sich etwas zurück. Es wird wachsen, es wird alles wachsen.

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