Eine gewisse Grandezza

Dienstag. Im Laufe des Tages wird es kälter. Auch in die Wohnung ist die Kälte während des Vormittages eingezogen und hat sich dann über den Nachmittag dort festgesetzt, die Küche bleibt die letzte sattwarme Insel. So kühl ist es auf einmal in der Wohnung, dass wir im Home-Office an den Schreibtischen sitzen und ab und zu schon zur Heizung sehen, ob man denn jetzt, und man könnte doch, es ist bei geöffnetem Fenster doch geradezu frisch, ist es nicht? Aber ich lebe mein life natürlich to the fullest, wie es immer so schön heißt, bei mir kommt also erst richtiges Frieren, dann deutlich nachgelagert das Heizen, sonst macht es ja keinen Spaß.

Ich home-office, du home-officest, wir home-officen.

Die Abendrunde. Die Außengastronomie auf dem Platz um die Ecke ist nur noch dürftig besetzt, nicht einmal ein Viertel der Plätze ist belegt. Die Gäste, die dort sitzen, tragen auf einmal Wintermode, aufgeplusterte Jacken und Wollschals. Da wird der Herbst gleich komplett übersprungen, sonst hält man keine zwei, drei kalten Biere durch auf diesen Stühlen, am Abend, draußen, im Wind. Die Körper der Menschen vor den Kneipen wirken seltsam zusammengeschnurrt. Verkürzte Hälse, eingezogene Beine, untergeschlagene Arme, die Leute krümmen sich um ihre Restwärme und ziehen die obligatorischen blauen oder roten Decken fröstelnd enger um sich. Es ist gar nicht furchtbar kalt, es ist nur ungewohnt, so hat man lange nicht gesessen. Alles erst mühsam wieder einüben, auch den Herbst.

Vor dem Hauptbahnhof sitzt einer auf dem Boden, in einer eher dreckigen und dunklen Ecke des Vorplatzes sitzt er, und spielt Gitarre. Er spielt spanische Musik, wenn ich es richtig deute, ist das Flamenco. Seine Hände machen Sachen, die mir anatomisch eher unwahrscheinlich vorkommen und seine Finger rasen in einer galoppierenden Geschwindigkeit über die Saiten, die mit der norddeutschen Feierabendträgheit so gar nichts zu tun hat. Ein Mensch bleibt vor ihm stehen, noch einer, noch einer. Sie sehen sich an, sie sehen den Gitarristen an – der ist richtig gut, oder nicht? Ist der besonders? Fragende Blicke, hier und da ein anerkennendes Nicken, alter Schwede, das ist aber nicht die übliche Straßenmusik, das ist deutlich mehr. Ein Publikumskreis bildet sich schnell. Die ersten filmen den Musiker mit dem Handy, immer muss alles mit dem Handy gefilmt werden, sonst ist es nicht passiert. Jetzt singt der auch noch. Oder er schreit, aber es ist doch irgendwie Gesang, was ist das. Der singt sich da die Seele aus dem Leib, das klingt vollkommen unerwartet, schon gar aus dieser Haltung heraus, aus dem Sitzen, aus dem Dreck, aus der Dunkelheit dieser schlecht beleuchteten Stelle vor einem Bauzaun. Aber es ist großartig.

Zwei Männer aus der Trinkerszene hören zu und fangen vor Begeisterung an zu tanzen. Der große und nicht eben grazil gebaute Kerl, der dabei spontan die Dame gibt, er macht das gar nicht schlecht und nicht ohne eine gewisse Grandezza in der Bewegung, so ein schickes Schnörkeln in der Bewegung von Hand und Arm bei der Drehung… zumindest bis er ins trunkene Taumeln gerät und doch lieber wieder stillsteht und sich aufs leider kastagnettenlose Fingerschnippen beschränkt.

Jemand wirft Geld in den Rucksack des Gitarristen, andere machen es ihm kurz darauf nach. Ich kann kein Spanisch, ich habe in seinem Gesang leider nur ein einziges Wort verstanden, hermosa war es. Das heißt wunderschön.

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Trauriges Liedgut mit Herbst- und Spanienbezug? Haben wir auch. „So take heed, take heed of the western wind, take heed of stormy weather.“

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Zur Seite gekippt, allein und zurückgelassen

Home-Office. Ich gehe frühmorgens um den Block, weil es mir zu nervtötend ist, bis in den Nachmittag hinein nur das Rechteck des Bildschirms gesehen zu haben, ich will etwas anderes sehen, irgendetwas anderes, das nicht Internet, Excel oder Word ist.

Die Straßen sind um 07:15 immer noch leerer, als sie es präpandemisch waren, so viel scheint mir festzustehen. Die paar Menschen nur, die mir begegnen, das wäre doch früher ein Sonntag gewesen? Auf den Stufen der Kirche wachen die Obdachlosen auf und wickeln sich aus ihren Schlafsäcken, einer klappt einen großen, blauweißen Regenschirm ein, der in der Nacht über seinem Kopf gestanden hat. Es hat nicht geregnet, aber es hätte ja können.

Im Coffeeshop schäumt jemand Milch, obwohl noch keine Gäste da sind. An der Ampel hängt ein neuer Zettel, da wird enggedruckt zum Kampf gegen die Mächtigen aufgerufen, wenn ich das beim flüchtigen Lesen richtig mitbekomme, von links. Die Wahlen haben nichts genützt, steht da, das Klima, die Wohnungsnot … Aber es ist zu viel Text, es ist auch zu klein gedruckt, es hängt außerdem zu tief, man muss sich erst bücken, um das zu lesen, so wird das nichts mit der Revolution.

Auf dem nahen Platz liegt ein weißer Damenschuh vor der Kreuzigungsgruppe, mittig vor der Jesusfigur. Ein weißer Schuh ist es, halbhoch, ein Teil eines Pumpspaares, was ein seltsames Wort ist. Salamander steht innen auf der Sohle. Der Schuh sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Brautmode aus, aber das denkt man vielleicht bei jedem weißen Damenschuh ohne Kontext, der nicht gerade ein Sneaker ist. Jedenfalls liegt er da, zur Seite gekippt, allein und zurückgelassen. Nichts liegt neben ihm, kein weiteres Indiz für was auch immer. Das Relikt einer wilden oder verwirrten Nacht ist der Schuh vielleicht, man weiß es nicht.

Auf einem E-Scooter kommt mir eine Frau entgegen, in einem Moment, in dem gerade kein Auto auf der Straße zu sehen ist. Sie trägt einen langen, schwarzen Mantel, der ist offen und weht im Fahrtwind nach hinten, er sieht aus wie ein Cape. Sie hat lange, schwarze Haare, die wehen parallel zum Cape, und bei allem, was ich gegen E-Scooter habe, das sieht schon sehr gut aus, diese junge Frau mit den wehenden Haaren und dem eleganten schwarzen Cape auf dem lautlosen Roller, die da schwungvoll an mir vorbeikurvt, seltsam superheldinnenmäßig auf dem Weg ins Büro. Ein Fall für Officewoman.

Ich gehe nach Hause, eine kurze Runde war das nur, mehr Zeit habe ich heute nicht. In einem Geschäft für Schreibwaren und Geschenkartikel liegen die Kalender für 2022 im Schaufenster, die nehme ich noch zur Kenntnis. Ich könnte kurz stehenbleiben, hineinsehen und mich auch an diese Zahl gewöhnen.

Wie an alles.

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Was hört der Freundeskreis trauriges Liedgut? Die Herren Elridge und Lage, Sleeping by myself. Der Text wirft einen nicht um, aber gute Feierabendmusik ist es doch.

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Spaziergänger und Stadtbetrachterinnen

Diese Schriften an den Häusern! So großartig. Wobei mir einfällt, dass ich gerade ein halbwegs dazu passendes Bilderbuch für Erwachsene gelesen habe. Ein kulturhistorisches Buch über bedeutsame Belanglosigkeiten im Städtebau. Der Autor hat den faszinierenden Namen Vittorio Magnago Lampugnani, da lieber mehrmals hinsehen. Für alle Spaziergänger und Stadtbetrachterinnen sei es empfohlen, es ist erhellend und faszinierend. Man sieht wieder etwas anders hin, wenn man nach der Lektüre durch die Straßen zieht, und das ist ja immer gut. Sicher ist das Buch auch gut zu Weihnachten als Präsent geeignet, jetzt ans Schenken denken. Wunderschöne Bildbeispiele aus der Vergangenheit sind darin, wunderschöne Bildbeispiele aus der Gegenwart muss man dann nach der Lektüre bitte selbst suchen. Haha, als ob man die finden würde. Lasst alle Hoffnung fahren. Ich habe mir gestern die neuen Treppen angesehen, die man hier am Hauptbahnhof an eine Brücke angeflanscht hat, um den überfüllten Bahnhof zu entlasten, sie sind hässlich wie die Nacht. Man möchte von Undesign sprechen, aber dann ist wieder jemand beleidigt. Es geht mir aber gar nicht um Kränkungen, nicht einmal um berechtigte, es geht mir nur um den Wunsch nach etwas mehr Schönheit im öffentlichen Raum. Ja, Schönheit. Das Wort ruhig mal ernst meinen und stehenlassen.

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Den hier dargestellten Zusammenhang zwischen moderner Literatur und Merchandising fand ich auch interessant.

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Ansonsten Home-Office, Einkaufen, Kochen, einen Sohn zu einem Termin gebracht, etwas Haushalt, kurz nachgesehen, ob die Alster noch da ist. Das war sie. Zack, Tag vorbei.

Nebenbei am Schreibtisch noch bemerkt: Der Zimtpegel in den Foodblogs steigt stark an, da kommt etwas auf uns zu.

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Noch ein Lied? Noch einmal John Prine:

„Summer’s end is around the bend just flying
The swimming suits are on the line just drying
I’ll meet you there per our conversation
I hope I didn’t ruin your whole vacation“

Das ist ein sehr guter Anfang, echtjetztmal.

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Was bleibt

Ich lese in der SZ, die ich nach Ewigkeiten mal wieder als Printausgabe zum Frühstück lese, in einem Artikel über unbekannte Wildtiere in Deutschland vom Waldrapp, von dem habe ich noch nie etwas gehört. Jetzt aber würde ich gerne mal einen sehen. Der Vogel hat ein besonderes Begrüßungsritual, ich zitiere die Wikipedia: „Nach der Landung werfen Männchen wie Weibchen den Kopf mit aufgestelltem Schopf in den Nacken und verbeugen sich dann unter lauten Chrup-Chrup-Rufen voreinander.“ Das mal im Büro nachspielen! Mach mir den Waldrapp! Ansonsten fällt mir auf, dass man sich in dieser Zeitung vehement über den Tonfall auf Twitter mokiert, aber dabei exakt in diesem Tonfall schreibt. Es könnte natürlich daran liegen, dass die Autorinnen beides vollschreiben, nicht wahr, die sozialen Medien und auch die gedruckten Zeitungen. So auch ich, fällt mir gerade ein. Alles als Raum für Notizen betrachten.

Ich harke zum ersten Mal wieder Laub im Garten, der Herbstsport, die lange Trainingsrunde beginnt. Unter dem großen Rechen verbluten die letzten und gerade erst gefallenen Kornelkirschen, unerwartet aufspritzendes Alarmrot im nassfrischen Grün des Rasens. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir die entsprechende politische Assoziation zu den Farben ein. Ich habe es aber tatsächlich geschafft, im Moment des Erlebens daran vorbeizudenken, das ist mittlerweile auch schon eine erstaunliche Leistung, zumal da ganz in der Nähe auch noch appetitlich gelbgrüne Äpfel unter einem Baum lagen. Ich höre beim Harken etliche Playlists auf Spotify durch, es ist eine fast ideale Beschäftigung, um dabei etwas zu hören. Es ist sogar so dermaßen gut dafür geeignet, ich werde demnächst wohl nur zum Harken und Hören wieder in den Garten fahren und es auch in meine Bio übernehmen – meine Hobbys: Harken und Hören. Ich höre Sadcore und Slowcore. Ich finde die Begriffe gut und vielversprechend, ich habe sie allerdings gerade erst gelernt. Vermutlich habe ich wieder jahrelang nicht richtig aufgepasst und alle anderen kennen sie längst. So geht es mir bei der Musik immer, die trendsichere Coolness ist für mich quasi unerreichbar. Das fing schon damit an, dass ich eine Jugend ohne jeden Konzertbesuch hatte, von den wildbewegten Auftritten der Gruppe Torfrock beim Lübecker Altstadtfest einmal abgesehen. Wir hatten ja nichts.

Die Auswahl Slowcore/Sadcore erfordert allerdings geschicktes und vor allem schnelles Skippen, denn es ist elend viel Gewimmer in hohen Tonlagen dabei, das kann ich nicht gut ab. Ächzende oder nur noch heiser brummende alte Männer sind okay, der späte Cash etwa, der alte Cohen, der reife Waits, immer wieder gerne, aber jammernde junge Männer – nein. Geschmack ist eine seltsame Sache, es lässt sich nicht alles rational begründen. Egal, ich bin der Mann, der schneller skippt als sein Schatten und ich bin auch beim Musikhören Jäger und Sammler. Jedes Stück, dass ich auf eigene Listen abspeichere, ist ein kleiner Erfolg, ist Beute. Ich lande aber schließlich doch wieder bei Americana, siehe ganz unten. Americana und herbstliche Gartenarbeit, das passt sensationell harmonisch zusammen, finde ich.

Das Wetter neigt zu jähen Wechseln. Die Sonne kommt durch und wärmt sogar, ich werfe beim Harken alles von mir und schwitze wie im Juli. Im nächsten Moment wieder dichte, dunkelgraue Wolken und flott heranpfeifender, regennasser Wind, der mir übergriffig ans T-Shirt und an die Nieren geht. Ich flüchte in die Laube und finde dort beim aufräumenden Herumwühlen einen Gedichtband von Karl Krolow, den ich gerade erst in der Wohnung überall und lange gesucht habe. Fluchend stand ich in der letzten Woche vor den Regalen, ich wusste doch, dass ich das Buch besitze, nirgends war das verdammte Ding zu finden. In der Laube lag es neben dem Bett. „Ich höre mich sagen“, heißt der schmale Band. Mein Lieblingsgedicht von ihm ist darin, „Was bleibt“ heißt es. Das auch immer wieder im Herbst lesen, unbedingt sogar, es ist mir wichtig und geradezu heilig. Es kam hier im Blog schon einmal vor, das macht nichts:

Von allem nichts mehr, denn ich habe

genug und ich hatte zuviel.

Ich hatte Gedächtnis. Ich grabe

Darin halb wie im Spiel

 

Noch einmal vergeblich, vergesse,

wie alles eigentlich war

und ein bloßer Schein nur, ich messe

die Zeit nicht mehr, Jahr um Jahr.

 

Ich lasse mir Zeit jetzt und lasse

Den Tag mit dem Tage vergehen.

Von allem bleibt nichts und ich fasse

In Luft nur und nenn‘ es Geschehen.

***

Falls Sie übrigens zu den freiberuflich Schreibenden gehören, es gibt bei der VG Wort noch Stipendien, im Rahmen des Programms Neustart Kultur. Das klingt alles sehr gut, da ruhig mal bewerben! Für mich kommt das leider nicht in Frage, ich bin ja ein heikles Mischwesen als Angestellter, Freiberufler und Selbständiger. Ich bin zwischen allen Stühlen und passe weder in ein staatliches Formular noch in eine Bewerbung auf egal was. So etwas wie mich kann es eigentlich gar nicht geben.

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Noch etwas für den Freundeskreis trauriges Liedgut. Ich will da im Oktober und November möglichst oft etwas nachlegen, weil auch das zur Saison passt. Und weil ich es kann. Immer wieder diese aufblitzenden Momente der Freude beim Bloggen, Sie kennen das vielleicht, wenn Sie es auch einmal gemacht haben oder sogar immer noch betreiben: Ich kann hier machen, was ich will. Wie toll das ist. Und Sie lesen das! Das ist dann noch toller.

Heute John Prine, der hat schöne Stücke geschrieben.

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Freitag – Was jetzt in Sicht kommt

Auch mal notieren, wie sich das Älterwerden im Alltag manifestiert, in Kleinigkeiten und Trivialitäten nämlich. Ich war bei einer Ärztin und wurde im Gespräch dort ganz nebenbei und in einem sicher hundertfach aufgeführten Routinedialog gefragt, ob ich denn schon über sechzig Jahre alt sei. Dann ihr kurzer, prüfender Blick auf den Computer, ach nein, ein paar Jahre hat er ja noch, okay. Eine kleine Änderung am Horizont war das. Noch nie vorher habe ich dieses Alter in Bezug auf mich gehört, jetzt ist die Zahl auf einmal zu sehen. Wie bei einer Fahrt über die Nordsee, wenn man weiß, wo Helgoland ist, dann sieht man es auch irgendwann, da hinten, da hinten, rufend an der Reling, ein Finger weist dorthin, dann kommt es bald näher und wird größer.

Meinem auf einmal weit fortgeschrittenen Alter entsprechend schäle ich abends am Küchentisch sitzend Kartoffeln aus dem Schrebergarten für die Gulaschsuppe, eine geruhsame Beschäftigung. Schwarze Erde bröselt von den Schalen und es steigt ein Duft auf, den die Kartoffeln aus dem Supermarkt nie haben. Der große Kartoffeleimer steht normalerweise in der Abstellkammer, in der ich gelegentlich auch arbeite. Wenn ich jetzt dort sitze und schreibe, riecht es dabei dezent nach Herbst und Essen, das ist schön. Diese Kartoffeln reichen schon eine Weile und gewiss noch für weitere zwei, drei Wochen, eine ergiebigere Ernte hatten wir noch nie. Die Kürbisse wurden sämtlich bereits versuppt oder gestampft. Einige Äpfel wird es noch geben, klein, aber gut, Jonagold und andere Sorten. Die Birnen fielen in diesem Sommer aus, die Pflaumen haben wir direkt vom Baum gegessen, alle zwölf. Die zahlreichen Himbeeren gab es sämtlich gleich von den Ranken, und immer gleich nach der Ankunft im Garten. Einige Zwiebeln gibt es auch noch, die vergesse ich schnell, sie sind so selbstverständlich. Im Kühlschrank steht die Kirschmarmelade, die bleibt uns am längsten, bis über Weihnachten sicherlich, vielleicht sogar bis ins nächste Jahr. So kommt auch das in Sicht.

Saisonende. Demnächst Laub harken und allmählich schon Zeug aus der Laube holen, alles wieder einkellern. Das Trampolin auch abbauen, damit es in den Herbststürmen nicht stiften geht, wie es mehrere seiner Art in der Kolonie tatsächlich schon getan haben, randalierend über die Wege und Hecken, durch die Beete und Büsche. Das Wasser müssen wir vor dem ersten Frost abstellen, da mal den Wetterbericht im Auge behalten. Oktoberrituale.

Die Söhne haben den letzten Schultag und fallen am Nachmittag erschöpft in die Herbstferien wie Hallensportler in die großen Matten. Das würde ich auch gerne, mich so hinsinken lassen, aber die Herzdame und ich haben keinen Urlaub mehr übrig, oder doch nur zwei, drei Tage. Die füllen sich von selbst mit Terminen, kaum passt man mal eine Stunde nicht auf.

Immerhin aber habe ich es geschafft, an diesem Wochenende ziemlich ernsthaft frei zu haben, nur kleine Korrekturen an nahezu fertigen Texten fallen noch an, die mache ich gerne. Es sind die kleinen Erfolge, daran mal schön festhalten.

Ich höre bei der Hausarbeit und beim Kochen weiter Roger Willemsens „Die Enden der Welt“. Reiseberichte, die in mir kein Fernweh auslösen, ich bin dafür allerdings auch überhaupt nicht anfällig. Reisen ist nicht so meins. Ich bin gerne, wo ich bin, ich bin gerne hier auf dem Sofa. Aber ich mag weiterhin, wie der Herr Willemsen beobachtet, was ihm alles auffällt und wie er es beschreibt, das mag ich auch ausreichend oft, und ich versuche, etwas zu lernen. Ich denke wieder daran, wie er einmal beim Bäcker hier um die Ecke vor mir in der Schlange stand und dann ein Schwarzbrot gekauft hat, wie er die Auslage mit den Broten und Kuchen so angesehen hat, wie er vielleicht alles angesehen hat, freundlich interessiert.

Ich lese abends in den Dublinern von James Joyce, die mich trotz des gewaltigen Sekundärliteraturdrucks nicht recht beeindrucken. Ich lese eine Geschichte, ich lese noch eine Geschichte, ich lese dann etwas über die Geschichten nach, dann noch etwas, ich denke: „Na, meinetwegen. Es wird schon stimmen.“ Es wird selbstverständlich an meiner mangelnden Bildung oder schlicht und wie fast immer an einer falschen Phase liegen, aber es ist auch vollkommen egal. Das Gutfinden von Literatur ist nach wie vor eine freiwillige Leistung, glaube ich. Als ich damals ungefähr im Alter der Söhne war, waren Joyce und Kafka noch die Posterboys der damaligen Intellektuellenszene, fällt mir ein. Postkarten und Bilder mit Portraits und Zitaten von ihnen in WG-Küchen und Lehrerwohnzimmern, keinen Literaturkalender gab es ohne ein Blatt für sie, und sie nahmen auch noch erstaunlich viel Platz in den Feuilletons ein. Virginia Woolf als weibliches Pendant. Ich weiß gar nicht, wer heute diese Geltung hat, wenn überhaupt jemand. Gibt es bei Ikea wohl Schriftstellerinnenposter? Damals gab es diese Bilder bei Karstadt in Lübeck. Hermann Hesse war auch dabei, das war dann die etwas weniger intellektuelle Variante, die Zitate darauf mit einem Zug ins Liebliche.

Ich lese zum Einschlafen in den Gedichten der Kaléko und freue mich über jedes. Ein Lieblingsbuch. Was für ein überaus erfreuliches Gesamtwerk, und wie schön, dass es hier liegt.

Es gibt Neues von Bedouine.

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Heute Nacht die Grenze

Die Tage zerrinnen wie Wasser, eher uninteressant, schnell und unaufhaltbar. In der nächsten Woche, so sagen die Söhne, beginnen hier schon die Ferien, wie ist das nun wieder möglich? Man weiß es nicht. Herbstferien. Danach gleich die Weihnachtsferien, so ist es ja immer. Man tunnelt sich so durch.

Das defizitäre Gefühl bleibt, der Coronakraftrückstand. Vielleicht lässt sich der auch gar nicht mehr beheben, vielleicht gehört das alles jetzt so? Das ist am Ende auch eine Möglichkeit. Wenigstens wird es draußen zusehends kalt und ungemütlich, das ist mir recht. Die meteorologische Sofalizenz, ab Oktober erlaube ich mir auch Lebkuchen dabei. Im September kaufen nur durchgeknallte Irre so etwas, ab Oktober ist das aber vollkommen okay, heute Nacht also die Grenze. Der Mensch braucht Regeln, und seien es selbstgemachte. Lebkuchen und Sofa, ich habe viele, natürlich zu viele Bücher bereitgelegt, ich bin vorbereitet. Meinetwegen kann es wochenlang regnen. Heute ist es immerhin schon kühl und windig, ein Nordseetief rüttelt im Vorbeiflug an den Dachfenstern. Ein Geräusch, das beim Lesen so dermaßen gut ist, keine Chill-Playlist kann je dagegen ankommen.

Ich gehe abends in die Stadt, ich suche Bilder und Szenen für einen Text. Ich lungere herum, ich strolche durch die Gegend, ich warte auf irgendetwas, ich gucke allen und allem zu, Jäger und Sammler. Ich lehne mich an eine Hauswand und schreibe etwas in mein Notizbuch. In dem Haus ist ein Schreibwarengeschäft, das finde ich passend. Auf der anderen Seite des Schaufensters steht ein anderer Mann, der hat auch ein Notizbuch in der Hand, der schreibt auch etwas hinein. Er bemerkt mich im gleichen Moment wie ich ihn, wir lachen, wir grüßen, dann stecken wir die Notizbücher weg und gehen in verschiedene Richtungen weiter. Er sitzt jetzt vielleicht auch irgendwo und schreibt ähnliche Sätze, wer weiß – und warum auch nicht. Alle Fragen, die mit „Bin ich eigentlich der Einzige, der …“ beginnen, können grundsätzlich verneint werden. Das habe ich einmal als Lebensweisheit gelernt, und ich fand sie viel nützlicher als viele andere Erkenntnisse. Ich finde es immer noch. Der Satz stimmt, und er kann tröstlich sein.

Ich sehe im Weitergehen in einen geschlossenen Frisiersalon, ich sehe mir heute alles genau an. Die Spiegel vor den Stühlen spiegeln sich gegenseitig und mich vielfach, ich komme da sechs- oder achtmal vor, im Halbdunkel des Salons. Bin ich eigentlich der Einzige, der sich hier spiegelt, könnte ich mein Spiegelbild fragen. Aber welches.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die überaus freundliche Zusendung einer antiquarischen Ausgabe der Erzählungen von Stig Dagerman: „Die Kälte der Mittsommernacht“. Eine DDR-Ausgabe, Volk und Welt. Übersetzungen von Gisela Kosubek, Ilse Meyer-Lüne, Klaus Möllmann, Ilse Pergament. Ein gebundenes Buch mit bemerkenswert gut erhaltenem Schutzumschlag, dazu ein zweiseitiger und auch noch handschriftlicher Brief der Schenkenden, es ist alles ganz vortrefflich. Herzlichen Dank!

Vorderseite

Wiederum ein frisches Bild, nur eine Stunde ist es alt. Wir befinden uns im unteren Bereich des abendlichen Hauptbahnhofs, in einer schmucklosen Halle zwischen U-Bahnabgängen und Aufgängen zu den S-Bahnen. Ein geschlossener Bäcker, Gitter vor den Fenstern. Ein kaputtes Telefon mit magentafarbenem Hörer, ein verlassenes Büro des Sicherheitspersonals. Fahrkartenautomaten, auch einer für Süßigkeiten. Ein paar bunte Poster, auf denen wieder für Theater und Kino geworben wird, auch für Museen. Es ist leer hier, nur wenige Menschen kreuzen die Halle, kleine Grüppchen. Einer kommt aus einem Passbildautomaten, gerade schlägt er den schwarzen Plastikvorhang zurück. Ein Mann, nicht ohne Eigenschaften, das sicher nicht, aber doch ohne auffällige Merkmale. Besondere Kennzeichen keine. Mittelalt. Sein Aussehen ist keiner Herkunft zuzuordnen, die Kleidung weist ihn keiner Szene oder Schicht zu, seine Frisur hat jeder. Mittelgroß, nicht dick, nicht dünn. Wir können es als Vorteil sehen, sich auf solche Art einer näheren Beschreibung zu entziehen, besondere Kennzeichen können enorm störend sein. An diesem Mann stört gar nichts, soweit ich sehe. Jetzt nimmt er die Bilder aus dem Ausgabeschacht. Er sieht sie genau an, mehrmals geht sein Blick zwischen den verschiedenen Bildern hin und her – und dann schüttelt er langsam den Kopf, wobei er auf einmal unendlich traurig aussieht, geradezu verzweifelt. Dann lehnt er sich an den Automaten.

Weiter nichts. Nur wie er dort am Automaten steht und sich auf diesen Bildern ansieht, mit einem derart sorgenvollen Gesicht, das man weiß, es ist ernst und schlimm. Mehr erfahren wir nicht. Vielleicht ist es ein Absatz auf der siebten Seite einer Erzählung, was wir da gerade sehen, aber es ist nicht aus dem Buch, das wir gerade lesen, nicht wahr. Es ist eine fremde Geschichte. Dauernd geht man durch fremde Geschichten.

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17/20

Es ist das Hochzeitstagwochende. 17 Jahre sind wir jetzt verheiratet. Gestern vor 17 Jahren die standesamtliche Hochzeit, heute vor siebzehn Jahren die kirchliche Variante. In der Kirche übrigens, in der dann auch beide Söhne getauft wurden, und die hier bis heute dauernd als Kulisse im Blog vorkommt, weil wir direkt neben ihr wohnen. Abends die große Feier, und was für eine. Wir sind allerdings, und das ist höchstens dezent übertrieben, das letzte überlebende Paar der damaligen Gästeliste, alle anderen sind getrennt, zerstritten, vergessen, auseinander, viele sogar schon längst.

Es tut ein wenig weh, an die Feier von damals zu denken, weil auch manche Freundschaften nicht gehalten haben, weil sich nicht alles zum Guten gewendet hat. Weil auch Gäste für immer fehlen, und wie sie fehlen. Es ist andererseits auch schön, an damals zu denken, weil wir noch da sind. Weil wir immer noch wir sagen, weil wir uns morgen noch einmal heiraten würden. Gutes Gespons, gerne wieder.

In der letzten Woche gingen der Trockner und die Waschmaschine im Abstand von zwei Tagen kaputt, auf der Wochenendfahrt nach Nordostwestfalen auch noch das Auto. Wir haben dazu ein massives und im Moment gänzlich unlösbares Stress- und Erschöpfungsproblem, wir haben die unblogbaren Probleme, die sich in nächster Zeit vermutlich auch nicht lösen werden, es ist wahrhaftig nicht alles gut. Aber wir sind wir.

Der nordostwestfälische Kfz-Profi, bei dem wir eben gerade waren, sagte, dass wir mit dem orangefarben aufleuchtenden Motorfehler im Display noch nach Hamburg zurückkommen werden: „Also wahrscheinlich.“ Und das Wort wahrscheinlich dabei so merkwürdig betont und melodiös gedehnt, Sie kennen das. Und eine abwägende Gestik dabei, eine Hand macht langsame Schüttelbewegungen. Kann sein, kann auch nicht sein: „Aber ruhig mal machen.“

Seit zwanzig Jahren sind wir zusammen, die Herzdame und ich. Neulich fiel es uns auf, wir können das nämlich anhand eines Ereignisses ausrechnen, das allgemein als Horrorereignis im kollektiven Gedächtnis geblieben ist: 9/11. Die Bilder dazu haben wir gemeinsam im Bett gesehen. Ein romantischerer Anfang wäre denkbar gewesen, to say the least. Andererseits: Krisenfest von Anfang an.

Es war, wie es war, es ist, wie es ist. Und wir sind wir. Besondere Grüße an die zwei, drei Leserinnen, die damals bei der Hochzeit waren. Ein special thanks auch an alle, die uns seit dieser Zeit schon lesen, als die Herzdame noch die Die Verlobte war. Es ist mir eine Freude, für Sie zu schreiben, echtjetztmal.

Wir steigen morgen ins Auto und schaffen es vielleicht zurück bis nach Hamburg. Für alle anderen Themen gilt, was der Schrauber sagte, in etwas abgewandelter Form: Ruhig mal weitermachen.

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Beaufort und Fujita

Am frühen Morgen gehe ich durch den Hauptbahnhof. Vor dem Blumenladen stehen neuerdings viele kleine Töpfe mit den Stauden zur Herbstpflanzung, an jeder Sorte ein Hinweisschild: Winterhart! „So auch ich“, denke ich im schnellen Vorbeigehen, „so auch ich.“ Und das war dann so der Resilienzmoment des Tages, der war damit heute früh verbraucht. Aber Hauptsache, er war.

Auf dem weiteren Arbeitsweg finde ich die erste schöne Kastanie des Jahres auf dem Gehweg und ich sehe auch den ersten dürren Hund im burberrygemusterten Wintermäntelchen, der zitternd an einer Laterne riecht und von seinem sichtlich unausgeschlafenen Frauchen fluchend weiter gezerrt wird. Über die furchtbar hässliche Kreuzung kreiseln, während ich an der Ampel warte und warte, furchtbar schöne Blätter in großer Menge, ein lebhafter Strudel flirrenden Goldes. Ein wenig nach Magie sieht es aus, ein wenig nach Fantasyfilm vielleicht, ein munteres Crescendo im Soundtrack fehlt da noch. In der Mitte des wie choreographiert tanzenden Laubkreises müsste jetzt etwas höchst Bemerkenswertes erscheinen, eine Hexe, ein Zauberer, irgendein Wunderwesen müsste sich da materialisieren – aber quer durch die Mitte dieses wirbelnden Strudels gehe dann doch nur ich.

Später am Tag kommt eine Sturmflutwarnung von Katwarn auf dem Handy. Die Elbe macht die erste Dehnübung der Saison, sie reckt sich und streckt sich im Bett und sieht sich am Abend vielleicht mal wieder auf dem Fischmarkt um. Noch später viel Regen auf unseren Dachfenstern und ein stark aufbrisender Wind. Im Haus gegenüber hat jemand ein Dachfenster schon seit Stunden weit geöffnet, da regnet es rein, erheblich regnet es da rein, Pfützen im fünften Stock wird es geben. Die Äste der Bäume auf dem Spielplatz unten sind in wilder Bewegung, Beaufort 6 oder 7, das kann man ruhig auch ab und zu mal nachlesen, wie das da definiert ist, das ist schön, so etwas zu wissen.

Und ebenfalls interessant, sehe ich gerade, ist die Fujita-Skala, mit den Definitionen für Schäden bei Starkwinderscheinungen. Man beachte unbedingt die letzten drei Ausprägungen: Devastating Damage, Incredible Damage, Invonceivable Damage. Das vielleicht auch beim Wahlergebnis am Sonntag leise murmeln, je nachdem.

Ich fand das aber alles gut und gemütlich. Ich bin zwar mit der Gesamtsituation ganz und gar nicht einverstanden, ich erwähnte es vermutlich bereits seit 2015 ab und zu und es hat sich seitdem nicht mehr grundlegend geändert, aber dieses Wetter – es ist tadellos fein auf mich und meine herbstfreudige Stimmung abgestimmt, genau so soll es sein.

Nicht so gemütlich: In der Kirche wird wieder Essen an Bedürftige ausgegeben. Auf den Stufen vor der Kirche sitzt eine alte Frau und löffelt ein Joghurt, auch in das Joghurt regnet es rein. Aber sie hat Hunger, sie kann nicht warten, nehme ich an.

***

Mit dem Schwalbenbuch bin ich durch. Klare Empfehlung, das hat Freude gemacht: Stephen Moss, Über die Schwalbe. Auch wenn es erwartbar pessimistisch endet, der Klimawandel, das Insektensterben, die industrielle Landwirtschaft, das ist alles nicht gut für Schwalben, man hat es bereits geahnt. Aber wie der Autor da den Schwalben in den Süden hinterher fliegt und sie dann in Südafrika trifft, und wie unvorstellbar viele von ihnen – fast bekommt man Reiselust, das möchte man auch einmal sehen.

Jetzt lese ich abends noch einmal das lyrische Gesamtwerk der Kaléko. Vermutlich gibt es kaum ein anderes lyrisches Gesamtwerk von Rang, das derart durchgehend süffig ist.

Nun gönnt sich das Jahr eine Pause.

Der goldne September entwich.

Geblieben im herbstlichen Hause

Sind nur meine Schwermut und ich.

[…]

Noch schnell ein Link, mehr passt heute nicht, aber er ist immerhin motivierend und erbaulich.

Der teuerste Wahlbrief seines Lebens

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In den nächsten vier Tagen ist es höchst zweifelhaft, ob ich zum Bloggen kommen kann, aber die Erfahrung lehrt: Wenn ich das so schreibe, dann klappt es verlässlich. Immer aus allem lernen!

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Scholver und Scharben

Gestern Abend habe ich noch etwas im Schwalbenbuch (Stephen Moss, Über die Schwalbe) gelesen, wenige Seiten nur. Wieder zwei Bemerknisse, die hängengeblieben sind. Zum einen können Schwalben bei manchen ihrer bekanntlich sehr abgedrehten Flugmanöver auf 70 Stundenkilometer beschleunigen. Eine faszinierende Präzisierung des vagen Gefühls, dass die wirklich verdammt schnell sind. Zum anderen kann man es hören, so stand da, wenn eine Schwalbe im Flug ein Insekt fängt, das Zuklappen des Schnabels ist als Geräusch wahrnehmbar, eine Art Klicklaut. Das kann ich dummerweise nicht bestätigen, vielleicht habe ich bisher nicht genug aufgepasst. Ich muss im nächsten Sommer auf Eiderstedt unbedingt besser hinhören, womit ich also ein überaus attraktives Vorhaben in der Planung habe: Ich setze mich da in den Strandkorb, mache nichts, atme nur leise und achte intensiv auf das Zuklappen von Schwalbenschnäbeln. Und freue mich dann, wenn ich das Geräusch aus eigener Erfahrung bestätigen kann, ich werde natürlich berichten. Der Mensch braucht Ziele, ich sage es ja.

Heute wird es eher schwierig mit dem Nature Writing im Alltag, das mich gerade so interessiert, ich bin im Home-Office. Die Natur findet also nur beim Blick aus den Dachfenstern statt. Nicht einfach! Dennoch hinsehen. Wenn man nichts sieht, was man beschreiben kann, hat man nur nicht richtig hingesehen oder zu nachlässig assoziiert. Zwei Bücher habe ich gerade gehört, in denen beneidenswert gute Beschreibungen waren. Zum einen „Das Urteil“ von Hildegard Knef, da geht es um ihre Krankenhauserlebnisse und Diagnosen, und sie beschreibt Personal, Umstände und Einrichtungen mit bewundernswerter und auch geradezu grauenvoller Präzision. Sie schreibt gut, noch viel besser, als ich gedacht hatte. Schön, wenn man so irrt. Zum anderen „Die Enden der Welt“ von Roger Willemsen, das sind Reiseberichte. Manchmal etwas over the top, also für mein Empfinden, etwas byzantinisch verkünstelt vielleicht, aber doch alle paar Minuten eine Formulierung, bei der ich mit großem Respekt denke: „Oha. Das war jetzt verdammt gut.“ So eine Formulierung, bei der man das Hörbuch stoppt, kurz stehenbleibt und dem Satz noch etwas nachsinnt.

Egal. Ich sehe am Morgen aus dem Fenster des Zimmers von Sohn I. Über mir ziehen prompt und wie bestellt zwei Kormorane weg, fast möchte man Kormoräne schreiben. Kräne und Kormoräne, das ist alles folgerichtig. Langhälsiges Schwarz am Himmel, ziemlich tief, sie ziehen hinunter zur Alster, sie hausen dort in allerbester Wohnlage. Ich lese Kormorane nach, ich lese immer alles nach. Der Name kommt von „Wasserrabe“, das ist doch hübsch. Nicht durchgesetzt haben sich die älteren deutschen Bezeichnungen Scholver und Scharbe, aber wir haben sie jetzt einmal zur Kenntnis genommen. Immerhin! Schau, der schöne Flug der Scharben!

Was macht der Vogel da auf dem Kühlschrank? Es ist eine Küchenscharbe. Pardon, es geht gleich wieder.

Die Vögel werden jedenfalls zur Alster fliegen und dort am Rand des Gewässers einen erheblichen Teil des Tages mit Stillsitzen verbringen. Mit Starrsitzen noch eher, kein Zenmönch bekommt das jemals in dieser Perfektion hin.

Ich gucke nach links, da sitzt eine Krähe. Die guckt nach rechts, also zu mir. Sie legt den Kopf schief und überlegt so, wie sie das jetzt finden soll, dass da einer aus dem Fenster zu ihr guckt, wo sie doch gerade etwas trinken will, von dem noch recht frischen Regenrinnenwasser unterm Fenster. Von dem Wasser, das da noch in der Rinne steht, und über das jetzt der morgendliche Wind geht und kleine, ganz kleine Wellen treibt, so dass sich der zu dieser Zeit noch eher ödgraue Hamburger Himmel wildbewegt darin spiegelt. Dann trinkt sie betont gelassen ein paar Schnäbel Regenwasser, sieht noch einmal zu mir und fliegt wieder davon. Krähen haben, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen, einen besonders schönen Abflughupf. Sie hüpfen in die Luft und lasse sich dann dermaßen butterweich in die ausgebreiteten Flügel fallen – es muss wunderschön sein, so etwas zu können. Unser erdgebundenes Losgehen ist dagegen gar nichts, eine unvergnügliche Bewegung ohne jede Eleganz. Man muss auch erkennen, wo man nicht mithalten kann.

Die Krähe fliegt zu einem abrissreifen Haus in unserer Straße und dann dort hinein. Das ist vielleicht etwas klischeehaft, Krähen und Ruinen, aber so ist es nun einmal, ich suche mir das nicht aus. In diesem Haus wohnen Tauben, Krähen und Spatzen, ich stelle mir die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht immer einfach vor.

Ich sehe aus dem Fenster des Zimmers von Sohn II. Auf einen Balkon am Haus schräg gegenüber hat jemand einen Busch hingestellt. Ein Busch auf dem Balkon fällt hier auch unter der Natur, das ist die Großstadt, wir sind nicht wählerisch. Das Haus da drüben ist alt und die Balkone spiegeln die Mietpreisveränderungen, die zur Zeit seiner Erbauung für die Etagen galten. Die Balkone werden mit jedem Stockwerk nach oben etwas kleiner und schmuckloser. Ganz oben dann nur noch eine Art Austritt, das war da eher schäbig, oben war es billig, die armen Poeten unterm Dach. Der Balkon, auf dem dieser Busch jetzt steht, ist schon ziemlich klein, und der Busch nimmt etwa die Hälfte des Platzes ein, die überhaupt zur Verfügung steht. Unverhältnismäßig groß ist er also, unüblich groß für Balkonpflanzen. Er ist außerdem so hoch wie der Nachbar, manchmal sieht man beide auf dem Balkon, den Mann und seinen Busch. Ich weiß nicht, was für ein Busch das ist, es ist ein sehr buschiger Busch, würde ich sagen.

Aber ich kann ihn so beschreiben, dass Sie ihn sich wahrscheinlich gleich vorstellen können. Denn er entspricht exakt den Büschen, in denen sich in den alten Asterix-Bänden gelegentlich römische Soldaten weggetarnt haben. Erinnern Sie sich? Und so absurd ähnlich ist er diesen Comiczeichungen von Uderzo, ich finde diesen seltsam überdimensionierten Balkonbusch immer wieder amüsant, und jedes Mal, wenn ich hingucke, sehe ich auch den Römer darin.

Wobei mir nebenbei auffällt, wie präsent mir diese Naturzeichnungen aus Asterix noch sind. Wie sehr ich damals die Wälder in den Comics gemocht habe, ich hätte so gerne auch solche Wälder zeichnen und malen können. Aber das habe ich dann nicht gelernt, das war mir zu mühsam. Selbst schuld!

Ich gehe auf unseren Balkon. Unter mir der Spielplatz, die umtriebigen Eichhörnchen, das kennen wir schon. Was noch? Hinsehen! Die Mirabelle hat keine Früchte mehr, auch der Fruchtmatsch unter ihr ist schon größtenteils vom Regen weggespült und von Passanten unter den Sohlen der Schuhe weggetragen worden. Neulich war ein Fotograf da, der schien mir schon sehr alt zu sein. Eine Wahnsinnsausrüstung hatte er dabei, große Reflektoren etc., und der fotografierte da von unten in die Mirabelle, als noch einige Früchte an den Zweigen hingen. Ich hätte ihn gerne gefragt, warum und wozu, obwohl ich eigentlich nie fremde Menschen anspreche. Aber es ging ohnehin nicht, ich hätte nämlich Schlange stehen müssen, das fragten ihn nämlich alle, die hier ringsum wohnen und da vorbeikamen. In einer Kurzgeschichte, eh klar, hätte er da gar nichts fotografieren wollen, in einer Kurzgeschichte hätte er einfach nur mal mit jemandem reden wollen. That was easy!

Ansonsten: Mehr und mehr Gelb im Grün der Eichen und Birken. Kein Gelb im Laub der Linden, aber es verliert doch an grüner Sättigung und wird allmählich matt, stumpf und gänzlich glanzlos, es wird, wie ich mich seit Wochen schon fühle.

Das letzte Fenster, das Küchenfenster. Fast exakt der gleiche Ausblick wie vom Balkon, nur zwei Meter nach links verschoben.

Ich sehe die Wetterfahne auf dem Kirchturm, der Heilige Sankt Georg, der Drachentöter, dreht sich dort. Der Wind kommt aus Südwest bis West, lese ich ab. Ich finde das merkwürdig befriedigend, die Windrichtung zu benennen, es hat etwas. In den Himmel sehen, wie die Wolken ziehen, zum Kirchturm, zu den Fahnen auf dem Hotel, und dann: „Süd, auf Südwest drehend.“ Das ist schön, und ganz kurz, immerhin für den Moment dieser Feststellung, wenigstens eine Minute lang, habe ich doch einmal Himmelsrichtungen im Kopf, die Verortung der Stadt auf der Karte, das Größere, das Land und den Kontinent, die Meere. Beiläufig nur, aber doch. Heute Nacht, so lese ich dann im Wetterbericht, wird Sturm aufkommen, von der Nordsee her. In exponierten Lagen erreicht er Stärke 10, schöne Grüße nach Helgoland, da wäre ich jetzt auch gerne.

Ich bin aber nur virtuell in exponierter Lage, wie das bei Blogs so ist.

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