Innen verwickelt

Zu dem gestern erwähnten Thomas Hardy, ich habe ihn noch nicht aufgegeben, habe ich hier eine ältere Rezension gefunden. „Außen Schmöker, innen verwickelt“, da weiß man doch gleich Bescheid. Wobei ja „innen verwickelt“ bei mir als Leser meistens heißt, dass ich eh irgendwann nicht mehr mitbekomme, wer da was mit wem und warum, und das Buch muss dann eben so gut geschrieben sein, also für meinen Geschmack, dass mir das egal ist.

Apropos geschrieben, ich schreibe dies an einem neuen Notebook, das ein nettes Feature hat, über das ich mich sehr freue, nämlich einen Fingerabdrucksensor. Das Notebook ist raumschiffgrau und ich mag es, da den Finger draufzulegen, und dann leuchtet es freudig auf und ist einsatzbereit, nur für mich. Es sind die kleinen Dinge! Auf dem alten Notebook musste ich noch ein Passwort eingeben, das waren ja Zustände wie im Mittelalter hier. Aber jetzt – ein Fingerzeig und alles ist zu Diensten, so soll es sein. Ich will ja gar nicht viel, ich will nur, dass es reicht, einen Finger zu heben. Siehe auch Erziehung! Wenn das die Söhne lesen, sie lachen wieder wochenlang.

Es ist auch das erste Notebook, das ich einfach eine Weile neben das alte gestellt habe und zack, hatte es sich alles rübergezogen und ich konnte einfach so weiterarbeiten. Wenn Sie auf einem Applegerät arbeiten, dann kennen sie das natürlich schon länger. Ich hatte es bei einem Windows-Notebook jetzt aber zum ersten Mal in Perfektion und Eleganz. Na gut, so oft kaufe ich die Dinger auch nicht.

Aber immerhin, ich stelle also fest, es ist etwas besser geworden, das muss in diesen Zeiten unbedingt gesondert vermerkt werden.

Hier, noch etwas über Aphantasie, das ist auch interessant. Eine Erkenntnis, die ich eher spät im Leben hatte, war die, dass andere Menschen ganz entschieden anders denken können – als ich, als Sie, als wir, wie auch immer. Nicht nur bezogen auf die Inhalte, sondern schon auf den Vorgang des Denkens. Nichts ist vergleichbar, oder jedenfalls nicht zwingend. Das wurde im letzten Jahr auch in diversen sozialen Medien diskutiert, das fand ich faszinierend. Da haben dann Menschen zum ersten Mal gemerkt, dass andere Menschen gar nicht permanent im Kopf Musik hören oder mit Stimme denken, dass das Denken viel grundsätzlicher abweichen kann, als man zunächst annimmt. Andere Menschen sind eventuell auf eine Art anders, dass einem ganz anders wird, es ist gar nicht so einfach zu verinnerlichen.

Ich habe, um auf den verlinkten Text zurückzukommen, beim Lesen keine Personen im Kopf, keine Gesichter, keine Figuren, die finden nur als vage Platzhalter statt. Aber Landschaften, Räume, Möbel und Szenen – da ist das Lesen für mich wie Kino, wenn ich im Text nur genug Hinweise bekomme. Vielleicht ist auch das auch ein Grund, warum ich nicht so scharf wie andere auf die Handlung in Büchern bin – wenn man die Schauspieler im Theater nicht sieht, ist die Kulisse eben das Spannende. Also etwa die Heide bei Thomas Hardy.

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Kontaktiert und behelligt

Ich lese Thomas Hardy. Ich habe noch nie Thomas Hardy gelesen, wenn ich es noch richtig weiß, ein unentdeckter Klassiker! Es sind noch einige Briten übrig, glaube ich. Auf verschlungenen Pfaden, Deutsch von Helga Schulz. Ich bin noch nicht sicher, ob ich damit warm werde, aber es fängt jedenfalls mit einer erstklassigen Heidebeschreibung an, das kann man sich ja schon einmal merken. Falls mal jemand eine verdammt gute Heidebeschreibung braucht, besonders die Heide bei finsterer Nacht: Thomas Hardy. Wissen wir das auch.

Ich höre als Hörbuch auf den Einkaufswegen ansonsten Walden von Thoreau, welches ich schon mehrfach und in verschiedenen Lebensphasen erfolglos angefangen habe. Das Buch ist irgendwie nicht meins, aber ich gebe manchmal so leicht nicht auf, am Ende finde ich doch noch irgendwann etwas Lohnendes? Da schreibt er etwa, Moment, ich zitiere: „Ich verlange von jedem Schriftsteller, dass er einfach und aufrichtig von seinem Leben erzählt.“ Was hat er da zu verlangen? Geht’s noch? Also Thoreau und ich – ich weiß ja nicht. Siehe auch Musil oder Proust oder Dostojewski, man hat so seine Aussetzer und Lücken und das ist ja auch in Ordnung. Beschließt man dann.

Demnächst dann, wenn ich schon bei meiner Lektüre bin, „Die Tapetentür“ von Marlen Haushofer. Man beachte die schöne Reihung ihrer Titel: Die Wand, Die Mansarde, Die Tapetentür. Ich werde berichten.

Ich war heute im Büro und habe dort etwas gearbeitet, das war das erste Mal in diesem Jahr. Ein überaus seltsames Gefühl, Arbeit mit Menschen drumherum, man ist ja nichts mehr gewohnt und interagiert so hölzern vor sich hin. Immer lächeln und winken! Zwischendurch habe ich kurz eine Nachrichtenseite angesehen, da ging es um Pegasus, also um diesen neuen Überwachungsskandal. Da klickte eine unerwartete Verbindung im Hirn, Office – Pegasus, da war doch was. In grauer Vorzeit war da etwas, ich berichte etwas Bürogeschichte. Es ist so lange her, es ist schon nicht mehr wahr, aber Pegasus war das erste Mailprogramm, das damals in der Firma versuchsweise eingeführt wurde, zu einer Zeit, als noch gar nicht alle KollegInnen Computer hatten und der Verwendungszweck dieser Geräte hier und da noch diskutabel war. Obwohl ich mich immerhin an Farben im Programm erinnere, es war also schon nach der Zeit der monochromen Bilschirme. Das genaue Jahr weiß ich allerdings nicht mehr.

Gewiss aber war es zu der Zeit, als alle Abläufe noch aus der Papierkultur kamen, als alles noch offline geprägt war, als Kopieren-Lochen-Abheften kein Witz war, sondern schlichter Alltag. Und eine der Hürden, die es da bei der Einführung dieser ominösen E-Mails zu überwinden gab, sie ist für Menschen von heute vermutlich kaum noch vorstellbar: Die bestand darin, dass auf einmal alle mehrfach am Tag in die Post, also in die E-Mails gucken sollten. Das wurde teils als erhebliche Zumutung verstanden und erst einmal nicht gemacht, denn Post gab es morgens, und dann war es auch gut. Wenn es danach noch etwas unerwartet Dringendes gab, was es allerdings zu vermeiden galt, dann telefonierte man oder ging direkt in das entsprechende Büro. Wozu aber im Laufe eines Tages die KollegInnen noch öfter schriftlich kontaktiert und also behelligt werden sollten – es war einigermaßen schwer vorstellbar und wer eine Mail schrieb, der wollte sich vielleicht einfach nur wichtig und einen auf dringend machen, obwohl es doch nur um ganz normales Zeug ging, das auch in der Umlaufmappe für den nächsten Tag gut aufgehoben gewesen wäre?

Umlaufmappen auf Aktenwägelchen, die Älteren erinnern sich. Ich finde es amüsant, dass ich das Büro aus dieser Zeit noch detailliert vor Augen habe. Ein so lebendiges Bild habe ich von dem Raum, ich kann alles noch sehen, fühlen, hören und riechen, die Leitz-Ordner, die Locher, die Kugelkopfmaschinen, die vollen Aschenbecher, genauestens aufzeichnen könnte ich das.

Alles ist mir noch präsent, aber es ist längst schon ein Raum in einem imaginären Museum.

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Bemerknis zur Stimmung

Ich war übrigens so lange bestenfalls mäßig, unterm Strich aber doch eher durchgehend schlecht gelaunt, aus Gründen, versteht sich, aus Gründen, die mir auch im Nachhinein noch verzeihlich und unvermeidlich vorkommen, was ja nicht unwichtig ist, dass ich mir jetzt in den Phasen, ich denen ich aus im Gegensatz dazu eher unklaren Gründen etwas besser, wenn nicht sogar manchmal gut gelaunt bin, tendenziell etwas albern vorkomme. Der Mensch und sein Unglück, sie sind nämlich so (Der Autor macht umklammernde Gesten mit den Fingern). Aber Hauptsache, man merkt hier und da noch irgendwas.

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Sie lesen es eh nicht

Wir haben gerade einen Lauf, was eskalierende Themen betrifft, gottseidank nur im eher trivialen Bereich. Wir fragen also beispielsweise eine kleine Änderung bei unserem Mobilfunkprovider an und zack, macht da jemand alles falsch und das ganze Vertragswerk muss jetzt von vorne aufgesetzt werden, was einigermaßen kompliziert ist, milde ausgedrückt, sehr milde. Die Herzdame hat bisher etwa fünf Stunden mit dem Support telefoniert, und zwar in einem Tonfall, bei dem hier alle die Flucht ergreifen. Wir erhalten da im Zuge der Anpassungen und Justierungen auch ungefragt Features, die wir nie bestellt haben, irgendwas mit TV, wir können jetzt, so heißt es, vier Programme auf einmal sehen. Wer will so etwas? Geht’s noch? Ich gucke nicht einmal eines, was soll ich mit vier gleichzeitig? Gibt es eine Zielgruppe für so etwas und wo ist die in Behandlung?

Im Onlinebanking fehlt ein Zugriffsrecht für die Herzdame, das versuche ich, nachdem es mir online nicht gelungen ist, bei der Bank vor Ort zu regeln, das will ich schon lange. Jetzt aber! Im Urlaub hat man ja Zeit für jeden Mist, pardon. Es gibt ein Formular, hurra. Das ist eine vorgedruckte Vollmacht, die mir die Bank geschickt hat, und die allerdings etwas kryptisch formuliert ist. Nach einer Weile und mehrmaligem genauen Lesen komme ich darauf, dass ich damit mich selbst, nicht etwa wie Herzdame, wie es doch richtig wäre, für eines meiner Konten bevollmächtigen würde. Das klingt wenig sinnvoll und erinnert mich irgendwie an den Steuerberater, der mir vor Jahren geraten hat, mich selbst einzustellen. Ich bin dann am Vorstellungsgespräch gescheitert, ich war mir einfach nicht sympathisch genug. Die Vibes stimmten nicht, wie die Söhne sagen würden. Ich habe dann doch lieber den Steuerberater gewechselt, das ging auch. Pragmatisch denken! So wichtig.

Der Mann von der Bank jedenfalls kratzt sich am Kopf und sagt, also wenn Sie hier unterschreiben, dann könnten Sie da zugreifen. Ich sage warum, ich bin doch ich, hier der Ausweis, da das Konto, meins, meins, meins, da kann ich eh zugreifen, jederzeit kann ich das, und ich mache das auch, ganz ohne Vollmacht. Der Herr holt eine Kollegin und flüstert mit ihr, dann gucken beide so, ich sage, ich bin ich, also echtjetztmal, Sie sagen ja, ja, das schon. Aber. Und dann rätseln wir gemeinsam etwas, wie herum das nun gehört und welches Formular jetzt fehlt.

Der Herr sagt, ich solle am besten mit meiner Frau wiederkommen. Ich sage, das ist eh immer eine gute Idee, das hat sich schon oft bewährt, in vielen Situationen. Ich gehe aus der Bankfiliale und fühle mich angenehm meiner selbst versichert. Ich habe schon lange nicht mehr so gründlich und sogar vor Zeugen festgestellt, dass ich ich bin, irgendwie ist das ja auch beruhigend. Dann weiß man das, wenn man schon sonst nichts weiß. „Wenn ich mal richtig ICH sag,
wieviele da wohl noch mitreden können?!“
Die ist vom Rühmkorf, die Frage, die ist aus „Phönix voran!“ Ein herausragend gutes Gedicht von ihm.

Aber wie es so ist, wenn man einen Lauf hat, Sie kennen das vielleicht, wir müssten jetzt in dieser Woche eigentlich alle Themen weiträumig umfahren, die sich tendenziell mehr oder weniger selbsttätig verkomplizieren könnten. Und Sie wissen sicher auch, wie schwer das ist, vor allem, wenn man ich ist, was Sie ja aber nicht sind, schon klar.

Unser neues Bett wird geliefert, es hat unerwartet viele Einzelteile, also wirklich enorm viele. Die Herzdame und ich bauen es mit einer solch fundamentalen Grundskepsis auf, weil wir beide restlos überzeugt sind, dass irgendwas nicht funktionieren wird oder ein wichtiges Teil fehlen wird, die Übung kann fast nicht gelingen. Sie gelingt dann aber wider Erwarten doch und das Bett sieht tatsächlich so aus wie erwartet, es passt wie erwartet und es schläft sich auch noch fantastisch darauf. Es ist etwas groß und steht etwas dominant im Raum, aber das wollten wir so. Wir haben jetzt einen Thron, wie die Söhne kopfschüttelnd sagen, wir regieren hier künftig vom Schlafthron aus.

Was also wieder klar beweist: Man braucht diese tiefe Grundskepsis bei allem. Dann geht auch alles, Pessimisten leben einfach schöner. Was Sie aber sicher sowieso nicht lesen können, weil gleich dieses Blogsystem nicht gehen wird, ich habe da so ein Gefühl.

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Links am Morgen

Dieses Buch habe ich mir mal notiert, für den nächsten Urlaub oder so, das Thema interessiert mich.

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Und hier, die Viertagewoche. Die Frage, wie das mit der Arbeit richtig geht, sie treibt doch viele um. Nicht nur bezogen auf Home-Office, mobiles Arbeiten etc., auch bezogen auf die Stundenzahl pro Woche, die Zahl der Tage in der Woche oder im Monat und die Länge des Urlaubs pro Jahr und auch die Anzahl der Jahre vor der Rente und wie und wodurch das Leben eigentlich besser wird oder die Verteilung der Arbeit fairer. Von den Gehältern und vom Sinn ganz zu schweigen, versteht sich. Fertig ist die Gesellschaft mit dem Thema nicht, ich habe eher den Eindruck, wir fangen gerade erst an, einigermaßen kreativ über alles nachzudenken, nachdem wir etliche Jahrzehnte alles einfach so hingenommen haben und allzu oft gedacht haben: Das bleibt jetzt so, das gehört so. Ich habe auch für mich und meine zwei Jobs den Eindruck, dass ich weder bezogen auf den Raum, noch auf die Zeit oder die Durchmischung und schon gar nicht bezogen auf die Inhalte fertig mit dem Nachdenken und dem Entdecken der Möglichkeiten bin. Nicht einmal ansatzweise. Je nach Betrachtung sind so viele Jahre im Angestellten-Job bei mir nun gar nicht mehr übrig, aber, wie hieß es bei Marienhof, es wird viel passieren. Und ich mag das übrigens, ich finde das angenehm aufregend, wenn sich die Arbeit strukturell ändert. Die meisten Menschen allerdings, das ist auch klar, mögen das eher nicht. Womit ich nicht sagen will, dass ich besser bin als die, ganz und gar nicht.

Ob es z.B., nur ein einziger Punkt von vielen, der mir neulich auf Eiderstedt einfiel, demnächst in sämtlichen touristischen Regionen oder auch gleich im ganzen Land so etwas wie Coworking-Spaces geben wird, mit einer Mindestausstattung an ergonomischen Büromöbeln, WLAN und Druckern und einem spontan per App zu regelnden Zugang, so dass man nahezu jederzeit und überall mal eben reinspringen und kurz etwas arbeiten kann, wenn man möchte auch im Urlaub oder beim Wochenendausflug? Motel-Offices an der Landstraße? Kommt das so? Und ist das dann gut? Würde mich das interessieren? 

Auf den ersten Blick schon. Man würde dann langfristig Urlaub, Ausflüge etc. ganz anders denken, würde man nicht? Also vorausgesetzt, man kann oder will sogar mit der Durchmischung der beruflichen und privaten Themen leben. Ich kenne allerdings nicht wenige, die können und wollen das. Ob die nun richtig liegen oder nicht, was weiß ich. Es ist ein weites Feld und ich verstehe auch die Argumente, die dagegen sprechen, mein innerer Arbeitsrechtler (man hat aber auch Leute in sich!) möchte dazu dann auch immer etwas sagen.

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Siehe auch: “What we’ve learned after one month of operating an hybrid office.” Was da unter Punkt 3 über eigene und durchgetauschte Schreibtische steht, das entspricht auch meinen Beobachtungen und den Erzählungen von Bekannten und Freunden. Der Mensch will einen festen Platz, der Mensch will ins Körbchen. Ich glaube, ich bin auch da anders als die Mehrheit, ich finde das eher interessant, das mit den verschiedenen Plätzen. Aber das sind alles keine Langzeiterfahrungen und wenn ich weit zurückdenke an die heute nahezu unvorstellbare Zeit, wann war denn das, in den Neunzigern, als ich noch ein Einzelbüro hatte — das war schon auch schön. Ich habe seitdem nie wieder einen Arbeitsplatz nur für mich gehabt, nicht im Büro, nicht in der Wohnung. Ein Arbeitsplatz nur für mich, das ist bei mir lediglich eine romantische Vorstellung.

 

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Fischreiher in Amsterdam (via Kaltmamsell)

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Und hier, ein Urlaubsbericht, man beachte das Mäuerchen vor dem Edeka. Schön, so etwas.

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Über Salinger, mit Bildern.

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Immer die gleichen Diskussionen um autofreie Innenstädte.

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Porträt des Autors im Loungesessel, lesend

An einem Nachmittag der letzten Woche saß ich in einem Loungesessel unter freiem Himmel, rechts neben mir die Herzdame in gleichgestalteter Sitzgelegenheit, links neben mir auf dem Fußboden ein Getränk. Dummerweise waren die Loungesessel aus Hartplastik und nicht bandscheibenkonform, es war also eher nicht relaxed oder gechilled, dort zu sitzen. Auf den Rückenlehnen der Sessel ein bunter Werbeaufdruck für eine Kinderbespaßungsanlage in einem nichtssagenden Zweckbau, in der die Söhne gerade waren. Das Getränk neben mir war gut abgestandenes Leitungswasser in einer Plastikflasche, welche im parkenden Auto auf eine unangenehm hohe Temperatur gebracht worden war. Nachmittagssonne glitzerte durch zwei Alibi-Bäume im Gewerbegebiet. Wir saßen im Halbschatten mit Blick auf etwas industrielle Brache, auf eine Gleisbaustelle und auf ein signalgelbes Baustellenfahrzeug der größeren Art, dessen Verwendungszweck ich nicht deuten konnte. Staubiges Gestrüpp an Metallzaun, Müllcontainer. In einiger Entfernung lungerten andere wartende Eltern herum, die Gesichter von fortgeschrittener Langeweile schon schwer entstellt. Einige gingen rauchend auf und ab, einer ging immer wieder um sein Auto, eine Hand auf dem Dach, als müsse der gleichmäßige Verlauf der Form dort wieder und wieder geprüft werden.

Ich las. Ich hatte Urlaub, es musste jetzt alles entspannt und schön sein, da musste ich also lesen, denn Lesen entspannt. Oft jedenfalls. Es war diesmal nicht so einfach, der unbequeme Sessel, die eher hässliche Szenerie, ab und zu redeten diese anderen Menschen da auch, was redeten die denn da, immer muss man irgendwo zuhören. Über Coronaregeln redeten die, und wo man im Urlaub denn hinfahren kann. Man muss ja mal raus! Und da nickten dann alle. Nach Dänemark, nach Spanien, nach Frankreich, nach Bayern und an die Ostsee. Muss man doch mal.

Ich muss überhaupt nichts, dachte ich, ich muss nur lesen, und das auch nur, weil ich es möchte. Selbstgesetzte Ziele, das sollen ja die besten sein. Ich ging ins Buch und geistig mal raus, in ein anderes Jahrhundert, in ein anderes Land. Es war ein langer Winter, oben in Québec, und jetzt kommen endlich, endlich die ersten Schiffe aus Frankreich über den Atlantik und den großen Strom, sie bringen lang ersehnte Nachrichten aus der Heimat. Etliche Monate hat man von dort nichts gehört, denn im Winter war die Stadt wie in jedem Jahr unerreichbar, von der Außenwelt abgeschnitten. Es hätte eine Revolution in Frankreich geben können, in dieser Kolonie hätte man nichts davon gemerkt und die braven Bürger hätten den König immer weiter jeden Morgen und Abend freundlich im Gebet mitbedacht. Québec geht immer ein halbes Jahr nach.

Jetzt aber laufen die Einwohner der Stadt aufgeregt zum Quai und stehen dort als großes Wimmelbild, die weibliche Hauptfigur mittendrin. Sie winken und winken, obwohl man die großen Schiffe weit draußen doch gerade erst gesichtet hat. Die ganze Stadt steht aber schon hier am Hafen und die Leute rufen kurz darauf die Namen der Schiffe, die sie jetzt zu erkennen meinen, sie winken und rufen. Sie freuen sich auf Botschaften, Grüße, Waren und Menschen, die nach all der Zeit doch noch ankommen, und als Leser freut man sich auch, dass da nämlich gleich irgendwas an Handlung passieren wird. Es kommen Schiffe, es geht weiter, das wurde auch Zeit. Das Buch ist nicht mehr sehr dick, da muss jetzt dringend etwas passieren. Und es hat dann auch gereicht mit der detaillierten Beschreibung der winterlichen Schönheit der Stadt, das liest sich bei Hamburger Hitze doch etwas schwer.

„Da kommen die Kinder“, sagte die Herzdame und klappte ihr Buch zu, mit dem sie gerade in Nordfriesland und in den Achtzigern war, oben bei Dagebüll.

Die Kinder strahlten, es hatte Spaß gemacht, jetzt hatten sie Hunger.

„Gut“, sagte ich, „Hauptsache, wir waren alle mal draußen.“

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Ort und Zeit

Stellt sich also heraus, der Starkregen, den ich auf Eiderstedt erlebt habe und den ich so beeindruckend fand, er war nur ein Schauer im Vergleich zu dem, was dann kurz darauf weiter unten im Südwesten des Landes passiert ist. Auf Twitter etc. melden sich Menschen, die ich kenne, die sind betroffen, die sehen und erleben das, die posten Bilder davon und werden darüber bloggen, das passiert alles gewissermaßen in meiner Welt. Wuppertal z.B. kenne ich auch, das ist alles einigermaßen nah dran.

Ich schreibe übrigens gerade aus Nordrhein-Westfalen, aus dem, wie man nun wohl sagen muss, trockenen Teil des Landes.

Währenddessen steigen die Inzidenzen mit allzu klischeehafter Vorhersehbarkeit, währenddessen habe ich in der nächsten Woche keinen Urlaub mehr, sondern wieder Home-Office. Die Söhne dagegen haben noch drei Wochen Ferien, erfahrene Eltern erkennen hier ein kleines Problem. Währenddessen wurde neulich in einer Zeitung die Begrünung eines, mit Betonung auf der Einzahl, Bushaltestellendaches in der Innenstadt von Hamburg als Teil der Transformation geschildert, in Richtung naturnahe Stadt oder was, man könnte nur noch lachen, aber schön ist das nicht, dieses Lachen. Im Zuge irgendeiner Aktion werden irgendwo Lampions in Bäume gehängt, auch das ist eine Maßnahme. Na, meinetwegen.

Ich bin pessimistisch, was den Herbst betrifft. Sowohl bezogen auf die Wahl, als auch bezogen auf Corona, von der Klimapolitik und vom Umweltschutz ganz zu schweigen, und da denke ich andere Themen noch gar nicht mit, soziale Gerechtigkeit und Gemeinwohl usw. Wenn man erst einmal anfängt, das hört ja gar nicht mehr auf und man wird tendenziell etwas unfroh, to say the least.

Ich bin nicht erholt genug für diesen Herbst, denke ich, nicht einmal ansatzweise, denn da gibt es auch noch private Aufgaben, die mir riesig vorkommen. Und positives Denken hin oder her, sie wirken teils nicht gerade lösbar. Eine Herkuleshaltung brauche ich da, wenn ich schon die entsprechende Kraft nicht mehr habe, dann zumindest die Haltung.

Es bleibt als vorschnelle Sommerbilanz aber erst einmal das Gefühl, dass ich eigentlich ein Jahr Urlaub brauche, nach 2020 und 2021, dass ich ein Sabbatical brauche oder die Frührente. Dass ich irgendwas ganz anders als bisher machen oder wenigstens denken muss, um da weiter durchzukommen, heil durchzukommen. Als ob ich darauf einen Anspruch hätte und am Ende gehen wir ohnehin eh entzwei, schon klar. Und dann kommt doch wieder einfach ein Tag nach dem anderen und man macht einfach alles, was anfällt, so ist es ja immer und bei uns allen.

Sie merken vielleicht, ich bin jetzt geistig in der zweiten Jahreshälfte angekommen, kalendarisch nahezu perfekt passend. Fast möchte ich es als positiven Punkt werten, immerhin das Zeitgefühl stimmt wieder halbwegs. Wir haben den 16. Juli, ich kann dem auch emotional zustimmen, es ist 06:37 an einem Sommertag in Nordostwestfalen. Es ist Juli, danach kommt August, dann die Kindergeburtstage, dann der Herbst, dann der Winter, jetzt ans Schenken denken, ja, das passt. Ich kriege Ort und Zeit wieder stimmig zusammen, zum ersten Mal überhaupt seit jenem März.

Okay. Ort und Uhrzeit. Immerhin. Über den ganzen Rest muss ich noch ein wenig länger nachdenken, glaube ich.

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Ich habe Urlaub, ich habe keinen Urlaub

Ich stehe in der Küche und schneide Gemüse in Würfelchen, worin ich ungedulds- und stimmungsbedingt ausgesprochen schlecht bin. Denn obgleich ich vollständig einsehe, dass das Würfelchen, mit Betonung auf der albernen und stets affektiert auszusprechenden Verkleinerungsform, tatsächlich die anzustrebende Form ist, also bei vielen Gerichten jedenfalls, neige ich oft eher der ebenso lustlosen wie auch unangemessen eiligen Herstellung von unregelmäßigen Brocken oder Fetzen zu, und das ist nicht richtig, ich weiß das. Von wegen Achtsamkeit in Alltagsdingen, Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, geh mir weg. Ich weiß, ich müsste das hier besser machen. Ich müsste die dämlichen Champignons viel ernster nehmen, ich müsste sie mehr würdigen und korrekter zerlegen, Erntedank und Aufmerksamkeit und alles. Genauer und besser arbeiten, hallo, mein Vater war Handwerker, und was für einer. Alles mit Maß und Ziel, das war tatsächlich einer seiner letzten Sätze mir gegenüber, mit vom Krankenhausbett erhobenem Zeigefinger, es klingt wie in einem Buch. Ja, ich weiß, wie ich das hier machen müsste. Aber Wissen hilft oft nichts, das weiß ich auch. Ich reiße mich zusammen. Ich nehme das bessere Messer, ich schärfe nach, ich schneide kleiner. Ich schneide alles gleich noch einmal, Gründlichkeit! Disziplin! Werkstolz! Ich habe einfach keine Lust heute. Ich habe so dermaßen keine Lust, ich möchte überhaupt nichts kochen, ich möchte auch nichts vorbereiten. Geh mir weg mit mise en place und allem, kann sich nicht gefälligst jeder ein verdammtes Brot schmieren. Es ist Leberwurst im Kühlschrank, die ist erst einen Tag abgelaufen, was wollt ihr noch, ich will gar nichts essen. Wer hat bei der Wärme überhaupt Hunger, was soll das, wie seid ihr denn drauf und außerdem habe ich Urlaub. Urlaub ist, wenn ich nicht kochen muss, okay, ich habe wohl keinen Urlaub. Ich schneide alles noch kleiner, ich reiße mich verbissen zusammen. Ich murmele etwas von Überwindung und Fokus, mein Gedächtnis repetiert ganze Absätze aus blöden Produktivitätsratgebern. Mir wird gleich schlecht, so moralisch klingt das alles, bin ich Leo Lausemaus oder was. Ich pöbele innerlich mein Eltern-Ich an, ich bin gekommen, mich zu beschweren.

Ich schneide Scheiben, ich schneide Würfel, ich schneide Würfelchen. Kleiner, noch kleiner. Der ganz große Zusammenriss, und wer wollte denn eigentlich Familie, jetzt haben die alle Hunger, das kommt davon. Vorsicht bei der Lebensplanung! 50 Meter weiter ist die Dönerbude, die hätte mir heute auch gereicht. Da sitzen Singles, die müssen nicht kochen, die sehen entspannt aus.

Draußen spielt ein Straßenmusiker auf dem Platz um die Ecke, wo die ganzen Restaurants sind, ich höre ihn durch das offene Fenster. Heranwehende Musik, sehr großstädtisch ist das, fast wie im Film. Was singt der denn da, das kenne ich doch, das war doch, was war das noch, ich habe es gleich. Gitarre dazu. Jetzt kommt der Refrain noch einmal, der Typ singt nicht gut, aber man erkennt es doch, und er singt, versteht sich, immerhin nennenswert besser als ich, was aber auch keine Herausforderung ist, wirklich nicht. Jetzt weiß ich es, natürlich ist es das, und jetzt singe ich es auch gleich mit, ganz laut singe ich es mit. Das ist nämlich meine Küche, ich kann hier singen, was ich will, mit Schmacht und Hingabe singe ich am Schneidebrett in eine Mikrofonmöhre: First cut is the deepest.

Ich stehe an der Arbeitsplatte, ich schneide den dreihundertsten cut, es ist sicher nicht the deepest und ich lache und lache und weiß nicht, ist es schon Wahnsinn oder ist es nur die unvermutete Rückkehr der guten Laune, es ist auch vollkommen egal.

Es gibt Hühnerfrikassee.

Das hat ein Sohn bestellt, der wird sich freuen, und Freude ist ja immer gut. Alte Regel.

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Randbemerkungen am Land

Ich finde es übrigens seltsam schwer, über Erlebnisse in mittlerer Entfernung zu schreiben, fällt mir auf, während ich die letzten Eiderstedter Notizen abweide. Szenen von vor dreißig Jahren – kein Problem, da kann ich die mir verbliebenen Reste nach dem Gedächtnis einfach abmalen, kein Thema. Ich vergesse zwar augenblicklich, also wirklich im Moment der Niederschrift, ob es wirklich so war, wie ich es gerade in Worte gefasst habe oder ob es nicht doch vielleicht etwas anders war, es wird durch das Schreiben sofort vollkommen ununterscheidbar, es ist dann, haha, sozusagen ab sofort und ein für alle Mal überschrieben. Aber das Schreiben an sich ist bei dieser zeitlichen Distanz kein Problem, das läuft.

Erlebnisse von heute oder von gestern sind auch kein Problem. Jedes Wort weiß ich noch, das da gesprochen wurde, oder zumindest kommt es mir überzeugend so vor. Das Wetter ist mir noch präsent, die getragene Kleidung, das gegessene Essen, der Geruch der Stadt und des Treppenhauses, alles ist noch da und muss nur abgeschrieben werden. Jedes Wort fühlt sich dabei an wie die reine Wahrheit, obwohl die Wahrheit doch beim Schreiben bekanntlich kein brauchbares Konzept ist und jeder Satz, jedes gewählte und auch nicht gewählte Wort die Wirklichkeit unweigerlich etwas verschiebt und auslegt, auch bei bester Absicht, die ohnehin niemand immer hat. Das Schreiben über gestern und heute jedenfalls – easy.

Aber Erlebnisse von vor 14 Tagen – schwierig. Irgendwie schon seltsam überlagert, aber im Hintergrund des Kopfes noch dezent herumlärmend, emotional nicht vollständig vergoren. Nicht ganz abgehangen, nicht ofenwarm. Hier und da etwas verblasst, hier und da auch schon etwas verzerrt, weil sich das Gedächtnis bereits entscheidet, was es behalten will und was nicht. Erlebnisse in mittlerer Entfernung fühlen sich etwas angegammelt an, ich glaube, das trifft es. Noch nicht skelettiert und auch nicht mehr frisch. So dazwischen. Themenzombies, manchmal kommen sie wieder.

Na, egal, das nur am Rande. Ich beschreibe hier dennoch weiter, was auf Eiderstedt noch erwähnenswert war. Das ist nicht mehr viel, damit sind wir bald durch und damit sind wir dann wieder in der Gegenwart, ob das nun gut oder schlecht ist.

Man muss sich im Moment alle 72 Stunden testen lassen, wenn man als Gast in meinem Heimatbundesland ist. Ich hatte da im Vorwege einige Bedenken, ich dachte an überfüllte Testzentren, an nicht zu ergatternde Termine, an Ansteckung in Warteschlangen und bockige Kinder oder Erwachsene. Aber da war ich zu pessimistisch, so war es nicht. So war es ganz und gar nicht.

Wir fuhren zum Testzentrum in G***. Weiße Pavillonzelte in sengender Sonne gegenüber vom Edeka auf einer staubigen Brachfläche. Zwei, drei Menschen in den überhitzten Zelten, sonst kein Mensch weit und breit. Drive-In. Man fährt da vors Zelt und wartet, bis ein für norddeutsche Verhältnisse geradezu spektakulär freundlicher Mensch ans Auto tritt und die Formalitäten in entgegenkommendster Weise erledigt. Die Einhaltung des Termins ist auch nur eine Nebensache, kommste heut nicht, kommste morgen, wenn du da bist, bist du da, nech. Das lief alles wie nebenbei und gegenüber, neben dem Parkplatz vor dem Supermarkt, gab es auf einmal einen Softeis-Verkaufsstand, wie einem überaus scharfsichtigen Sohn auffiel. Da war dann der nächste Test nach weiteren 72 Stunden auch kein Problem mehr, sondern eher willkommen. Das mit den Tests also – eine der harmloseren Coronafolgen. Aber eben doch so, dass einem dabei auch im Urlaub die Coronakrise im Gedächtnis bleibt, die man ansonsten im Strandkorb gut wegträumen kann, jedenfalls solange man nicht mit anderen Gästen über den kommenden Herbst spricht, vor dem es allen gleichermaßen zu grauen scheint.

Apropos Krise, mit dem Softeis sind wir dann durch die Stadt spaziert, da gab es die Bemerknisse zur Krise der Innenstadt, ich berichtete.

Ich habe auf diesem Spaziergang die Söhne nacheinander auf den Arm genommen und ein Stück getragen, wozu sie natürlich beide längst zu groß sind, viel zu groß. Tragen Sie mal einen Teenager durch die Gegend, das ist körperliche Arbeit. Aber das war auch nur aus Spaß, nicht wahr, und nur ein paar Meter, weil ich sie genau da doch vor ein paar Jahren … manchmal überkommt es einen so. Und dann diese Sekunde der Bestürzung, dieser winzige Moment, in dem es einfach nicht zu fassen ist, dass die Jahre vorbei sind, dass sie groß sind, dass sie so dermaßen groß sind, wo sie doch gerade eben noch, Sie kennen das, sicher kennen Sie das. Es war nur eine Sekunde, aber es zerlegte mich im Handumdrehen und ich brauchte dann etwas Besinnung und Haltung, bevor Zeit und Gefühl wieder stimmten und die Söhne wieder neben mir hergingen und das auch gut so war. Es war nur ein Moment. Es wird noch mehr davon geben. Und dann ziehen sie aus. Wie schwer Zeit zu fassen ist.

Und dann gab es noch die Klimakrise, die uns in Form eines Starkregenereignisses ereilte. Häufigkeit und Intensität solcher Vorkommnisse hängen mit dieser Krise zusammen, liest man. Das korreliert mit der persönlichen anekdotischen Evidenz oder nicht, je nachdem, was man erlebt und wie man das wertet, es ist kompliziert. Ich möchte etwa behaupten, der Regen an dem einen Tag auf Eiderstedt, in dieser einen Stunde da, das war vermutlich der Regenrekord meines Lebens. Habe ich das jemals erlebt, dass solche Wassermassen eine Stunde lang über mir ausgekübelt wurden, dass es also nicht im bekannten Wortsinne regnete, sondern dass eher Wasser fiel, als wären weiter oben Dämme gebrochen, in der Art, dass man ohne weiteres Nachdenken und im ersten Augenblick sicher wusste, wenn es jetzt irgendwo reinregnet, da rettest du nichts, da kannst du dir nur hinterher den Schaden besehen – nein, ich glaube, das habe ich so bis dahin noch nicht erlebt. Nicht in diesem Ausmaß.

Vielleicht habe ich genau so einen Regen oder schlimmeren aber doch schon erlebt, vielleicht mehrfach. Vielleicht habe ich dabei im Büro gesessen und auf den Bildschirm geguckt und es daher nicht groß bemerkt. Vielleicht habe ich es vergessen, verschlafen oder verdrängt. Anekdotische Evidenz beweist in der Regel gar nichts, sie legt nur etwas nahe und meint herum. Und man meint dann mit.

Wir saßen im Wintergarten neben der Scheune im Strandkorb, als es anfing zu regnen und wir dachten noch, nanu, das ist jetzt ja ungewöhnlich laut. Aber okay, ein Glasdach eben, da rappelt es bei Platzregen. Wenige Minuten später schwappte eine Welle unter unserem Strandkorb hervor, das fühlte sich nicht richtig an und sah seltsam aus. Und das war auch nicht richtig, denn das Wasser lief hinter uns in Sturzbächen an der Wand des Wintergartens, es war auch die Rückwand der Scheune, hinab, geradezu wasserfallartig. Es dauerte einige Minuten, bis wir darauf kamen, dass es dann vermutlich auch in der Scheune ein Problem gab, also auf der anderen Seite der Wand, und wir liefen durch den Regen zum Scheunentor, um nachzusehen. Ein Weg von wenigen Metern, nachdem wir nass waren, als hätten wir mit Kleidung ausgiebig in der Nordsee gebadet.

In der Scheune war da schon ein veritabler See entstanden, die Holzwände wurden, so sah es aus, ringsum gerade geflutet wie eine Schleuse in einem Hamburger Fleet. Es sah auf eine unheimliche Art aus wie ein special effect in einem Actionfilm. Ein unter das hereinbrechende Wasser gehaltener Eimer war in weit weniger als einer Minute voll und es gehört für mich zu den bleibenden Bildern dieses Urlaubs, wie die alarmierten Ferienkinder mit allen möglichen Gefäßen versuchten, das stürzende Wasser vom gerade erst eingefahrenen Heu und von den etwas beunruhigten Tieren abzuhalten, heldenhaft und bemüht, mit unbedingtem Eifer, unfassbar einsatzfreudig und ebenso sinnlos. Zwischendurch sahen sie hoch und sahen das erschreckende Ausmaß, dann machten sie wildentschlossen weiter, denn: „Man muss doch etwas tun!“ Wieviel bitte liegt in diesem Satz, wieviel Geschichte, wieviel unserer Zukunft. Man muss doch etwas tun.

Ein, zwei Dörfer weiter war gar nichts. Ein paar Tropfen, eine Stunde bedeckter Himmel. Und nach zwei Tagen war auch alles wieder trocken, vermutlich sogar das Heu. Aber es war deutlich zu sehen, dass man anders bauen müsste, um so etwas ohne Schaden zu überstehen. Das können alte Häuser und Straßen nicht, das ist einfach nicht vorgesehen. Dieser Regen war nicht von hier.

Die Coronakrise, die Krise der Innenstädte, die Klimakrise. Was man so mitbekommt, wenn man eine Woche im Strandkorb bitte nur lesen möchte. Zwischendurch sind wir noch einmal an den Deich gefahren, wo an der Flutlinie graue Granitquader liegen. Tausende davon, in gerader Linie hingekippt, unabsehbar viele, bis zum Horizont. Die Steine sind von Flechten bedeckt, von gelborangeleuchtenden Flechten, die in seltsamen Schnörkeln auf ihnen wachsen und Zeichen bilden, welche, man sieht es auf einen Blick, ein sinniges Schriftbild ergeben, welches ich leider nicht entziffern konnte. Man müsste aber erschreckend fantasielos sein, um die Muster nicht als Schrift wahrzunehmen und ich dachte mir, während ich an den nicht endenwollenden Zeilen entlang ging, dass da alles steht und erklärt ist, einfach alles. In deutlicher Schrift steht da alles, sie leuchtet sogar bei bedecktem Himmel, sie brennt förmlich. Wieviel Platz diese kryptischen Zeilen einnehmen, eine ganze Küstenlinie lang, am Rand dieses Landes wird alles erläutert. Die Schafe stehen und gehen daneben und wirken auch nicht gerade schriftkundig, und falls sie es doch sind, sind sie verschwiegen und zurückhaltend, nichts geben sie weiter, nur hin und wieder hört man eine einsilbige Anmerkung, die man schwer deuten kann. Mäh.

Ich gehe immer weiter an den Steinen entlang. Ich sehe die Schrift, ich verstehe nichts. Es ist alles wie immer.

Von den paar erwähnten Krisen einmal abgesehen, wir haben uns etwas erholt, gar keine Frage. Es hat wieder funktioniert. In jedem Jahr denken wir, jetzt war es aber sicher das letzte Mal, und dann geht es doch noch einmal. Wir fuhren ab und dachten, dass es richtig gut war, dass es zu kurz war, dass es öfter sein müsste. Und so etwas soll man nach einem guten Urlaub auch denken, glaube ich.

Ich überlasse das Schlusswort einem kleinen Mädchen, das am Billardtisch stand, als wir packten und die Koffer zum Auto trugen. Es war noch viel zu klein für Billard, es kam gerade eben erst an die Kugeln auf dem Tisch an, wenn es sich ganz lang machte und schon halb auf dem Filz lag. Das Mädchen schob alle Kugeln in die Löcher, sorgfältig eine nach der anderen, und eine leichte Aufgabe war das nun nicht, bei ihrer Körpergröße. Sie schob die Kugeln mit großer Vorsicht, als seien sie zerbrechlich und kostbar. Und als sie die letzte Kugel versenkt hatte, sah sie noch einmal nach, ob auch keine vergessen war, ein kritischer Blick mit schief gelegtem Kopf über den grünen Belag und dann strahlte sie und klatschte und sagte mit gut hörbarer Freude in der Stimme: „Es haben alle, alle gewonnen.“

Und damit war der Urlaub auf Eiderstedt vorbei und wir fuhren nach Hamburg zurück.

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Links am Abend

Ich habe für das Goethe Institut etwas über Klingeln am Deich geschrieben.

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Noch einmal Proust.

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Luftbetankung

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Hier geht es um die Menschen vor uns. Ich habe leider keine Vorfahren, also jedenfalls soweit ich weiß, die der Nachwelt Tagebücher oder Briefsammlungen hinterlassen haben. Ich selbst führe exzessiv Tagebuch, da wird es später einmal keine Beschwerden geben. Oder auch erst recht, was weiß ich, aber das wird mich dann ja nicht mehr kümmern. 

By the way, kennen Sie den Gedanken, wie vollkommen absurd es ist, dass es ganz im Ernst eine Erblinie gibt, die vom Anfang der Evolution bis zu uns reicht, also bis zu Ihnen, bzw. zu mir? Und dass sich das irgendwie unwahrscheinlich anfühlt, dass es uns überhaupt geben kann, wo doch so dermaßen viele Vorfahren ziemlich früh ausgeschieden sind, wo doch so unfassbar viele Personen im Stammbaum auf unvorstellbar viele Arten und sicher höchst unpassend verstorben sind, herausgerissen worden sind, und dennoch – was für ein Hasardspiel! – führt eine dünne Linie durch das ganze irrwitzig komplexe Geflecht der Geschichte und der Zeiten bis zu uns, und da sitzen wir dann und sind – nur wir. Wo wir doch unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto sind, also gefühlt. 

Es ist natürlich ein Vexierbild, ein seelisches: Einerseits ist es klar und offensichtlich, dass bei all dem wüsten und wimmelnden Herumgelebe nach all den Jahrtausenden Leben auf der Erde irgendwas herausgekommen sein muss, was nun einmal jetzt ist, so wie immer etwas war und ist, und genau das sind im Moment eben wir und so gesehen sind wir es tatsächlich nur, das ist simpel, weil es irgendwer sein muss, und das ist alles, mehr ist da nicht. 

Andererseits aber, wenn man den Blickwinkel mal eben ändert und für einen Moment nur an seinen eigenen hauchfeinen Abstammungsfaden denkt, der sich da von Generation zu Generation durch schier unendliche Zeiten windet und schlängelt, wie unvorstellbar glückhaft ist es denn bitte, dass der nie gerissen ist. Nach all dem, möchte man doch einigermaßen fassungslos ausrufen, wenn man seine Existenz im ganz großen historischen Kontext bedenkt, nach all dem! Die Säbelzahntiger geschafft und die Pest und den Dreißigjährigen Krieg! Hätte auch nur einer der endlos vielen Menschen in der Ahnenreihe irgendeinen schweren Fehler einen Tick zu früh gemacht, wäre er oder sie nur etwas früher krank geworden und verblichen, hätte er oder sie im Gebirge einen falschen Schritt getan oder sich auf dem Meer zu weit über die Reling gelehnt – es gäbe uns nicht.

Man ist, so denke ich ab und zu, das Ergebnis einer unermesslich langen Versuchsreihe, einer nicht endenden und als Epos gänzlich unfassbaren Jagd nach Glück, Sinn, Weisheit, Reichtümern, Liebe, nach dem puren Überleben und auch nach Wärme und Halt und Essen und nach was weiß ich allem, und man ist dann ganz im Ernst, nach der längsten Saga aller Zeiten, weil sie tatsächlich alle Zeiten umfasst – einfach nur man selbst. Man kann sich vor den Spiegel stellen und ernst gucken und sagen: “Das also kommt dabei heraus.” Und dann kann man den Kopf schütteln oder freundlich nicken, je nach Stimmung, Mut und Verdrängung. 

Könnte ich tagelang drüber nachdenken. Oder länger. 

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