Die gute Größe

Die Söhne haben zu Weihnachten auch eine Klimmzugstange bekommen, so ein Ding, das man einfach in einen Türrahmen klemmen kann, und da hängt es dann und fordert einen durch die reine Existenz bei jedem Vorbeigehen so passiv-aggressiv heraus.

Exkurs – habe ich eigentlich erzählt, wie mir neulich einmal auffiel, dass die Söhne nur noch “passiv-aggressiv” und nicht mehr einfach “agressiv” sagten? Und wie ich das natürlich neugierig hinterfragt habe und dabei erfuhr, dass sie dachten, das sei einfach eine besonders coole Steigerungsform des Begriffs? Und wie ich es ihnen dann selbstverständlich ganz genau erklärt habe, weil Bildungsauftrag? Wie sie danach dann auf einmal vom Thema genug hatten und fragten, was ich denn eigentlich kochen wolle und ich ohne groß nachzudenken sagte, wieso, ihr esst es doch sowieso nicht, und wie die Söhne sich dann so anstießen und leise zueinander sagten, also das sei doch jetzt echt … Egal. Eigentore kommen vor. Exkursende.

Ich musste dann jedenfalls eine ganze Weile warten, bis endlich die gesamte Bande einmal außer Haus war, ich hänge mich da ja nicht experimentell vor Zeugen dran, man hat doch seine Restwürde und will sie noch ein wenig bewahren. Oder man meint zumindest, eine solche noch zu haben. Sohn I kam, ich habe das im Vorwege genau und aus der Deckung beobachtet, auf zwölf Klimmzüge, Sohn II auf einundzwanzig und ein Besuchskind, bei dem wir alle künftig nicht mehr zusehen wollen, kam auf eine quasi unendliche Anzahl von Klimmzügen. Der ist aber auch Supersportler und darf als Vergleich daher gar nicht herangezogen werden, habe ich beschlossen.

Da stand ich dann also alleine vor dieser Stange. Es wäre mir wirklich unangenehm gewesen, gar keinen Klimmzug zu schaffen, das wäre dem betont kletterbaumaffinen inneren Zehnjährigen doch sehr gegen den Strich gegangen, der hatte nämlich eine Turnerfigur wie Sohn II, vielleicht noch etwas dünner. Irgendwas im Sinne von “mehrere” schien mir andererseits einigermaßen unwahrscheinlich, also so etwas wie fünf, sechs oder acht – wo sollte denn die Kraft dafür herkommen? Das gibt der Schreibtisch als Trainingsgerät einfach nicht her, glaube ich.

Es waren dann drei. Also drei echte, nicht so hochgewürgte auf der letzten Rille, so dahergezappelte Restposten, nein, drei ganz korrekte Klimmzüge. Und ich finde, drei ist eine gute Größe bei so etwas. Drei, das klingt so, als könnte ich im Laufe der Wochen fast zwanglos so etwas wie, na, sagen wir zehn daraus machen. Es ist aber auch nicht besonders angeberisch, so eine Drei, denn recht klein ist sie am Ende doch. Andererseits kenne ich viele, viele Menschen, die nicht einmal einen einzigen schaffen würden. Insofern – doch, ich bin geradezu hochzufrieden mit einer Drei. Ungefähr so zufrieden, wie ich als Gymnasiast mit einer Drei in Mathe gewesen wäre, und das will wirklich etwas heißen.

Das Jahr beginnt sozusagen voll befriedigend, wenn auch bisher nur in dieser Hinsicht. Aber ein Anfang ist doch gemacht.

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Musik! Jamie Cullum. Die Interpretation ist eher eine Zwei, wenn nicht besser.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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The same procedure …

Wir folgen der hinlänglich etablierten Tradition, kein Silvester ohne dieses Bild, eh klar. Es handelt sich beim Folgenden also um die Erinnerung an eine norddeutsch-ausgelassene Silvesterparty in einem Hamburger Vorort, der Abend ist bereits viele, viele Jahre her und eigentlich längst nicht mehr wahr. Deutlich erkennt man jedenfalls die sogenannte Hanseaten-Ekstase in meinem Blick.

Denn man muss gerade die süddeutschen und besonders die rheinländischen Leserinnen und Leser gelegentlich daran erinnern: wir hier oben, wir sind gar nicht so. Wir können auch ganz anders:

Hanseaten-Ekstase

 

Gleicher Abend, nur einen Meter weiter: Die Herzdame, liebreizend wie stets und dabei auf diese einmalig nordostwestfälische Weise in strahlender Herzlichkeit gut gelaunt:

Die Herzdame

Und damit endet das Blogjahr. Ich lese gerade viel, ich bin bei Schnurre, Rühmkorf und Kirsch, eine etwas eigenartige Mischung. Da ich keine Jahresrückblicktexte mag und einigermaßen froh bin, die Tür hinter 2019 endlich zuzuwerfen, da mir auch gerade die Fantasie fehlt, mir 2020, Twintetwinte, wie man auf Helgoland wohl sagt, bildlich genug vorzustellen, sehe ich weder zurück noch voraus, sondern einfach in Bücher, quasi bewährte Lebensstrategie.

Aus Rühmkorfs Tagebuch nehme ich ein winziges Zitat mit ins nächste Jahr, eine Kleinigkeit nur, er hat sie nach einem Spaziergang an der Elbe notiert, und die Stelle geht mir schon seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Er notiert da en passant: “Sturmflut bei Sonne. Jede Welle des Mitschreibens wert.” Ich glaube, ich bin im ganzen Jahr an keinem anderen Satz so hängengeblieben.

Beim Schnurre lese ich im Schattenfotografen, welches eines der schwierigsten Bücher in meinen Regalen ist. Kein Tagebuch, kein Roman, irgendwas dazwischen, Aufzeichnungen. Eine ernste Angelegenheit ist das, Tod und Krankheit spielen eine größere Rolle, Schicksal und dramentaugliche Themen auf jeder Seite. Man findet nach einer Weile Handlungsstränge, es geht aber auch ohne sie, man kann einfach so irgendwo hineinlesen. Es sind Ideen für Geschichten darin, lose Skizzen, Splitter aller Art nur, Geschichten, die er hätte schreiben können oder irgendwann später dann doch noch geschrieben hat, Fingerübungen und Nachtgedanken. Ich zitiere eine eher untypische Stelle, denn es passiert mir gar nicht so oft, dass ich beim Lesen laut lachen, schon gar nicht bei diesem Buch, aber hier dann doch einmal:

“Thomas Mann wird von Marlene Dietrich um einen Songtext gebeten. Beleidigt schickt er ihr sein Gesamtwerk, um darauf hinzuweisen, wer er sei. Marlene Dietrich ruft daraufhin bei ihm an, sie habe sich den Songtext lockerer vorgestellt.”

Wie gesagt, die Stelle ist völlig untypisch heiter, das Buch aber unbedingt empfehlenswert. Vielleicht nicht gerade als Bettlektüre, denn man träumt nicht gut danach, ich habe das ausführlich getestet. Schnurre zitiert an anderer Stelle Walter Benjamin, das ist auch nicht unwichtig: “Lass dir keinen Gedanken inkognito passieren und führe dein Notizheft so streng wie die Behörden das Fremdenregister.” Jo. Genau so.

Zum Schluss und ganz ohne Zitat noch eine fixe Erwähnung der Prosaschriften der Sarah Kirsch, mit deren Gedichten ich leider bisher rein gar nichts anfangen kann, deren andere Bücher mir aber verlässlich erstaunlich gute Laune bereiten. Ich habe erschreckend lange gebraucht, um darauf zu kommen, wieso das so ist, denn im Grunde ist das recht einfach. Im Gegensatz zu den meisten anderen Diaristen lässt sie das Negative größtenteils weg und überhöht das Positive eigenwillig stark, aber nicht auf diese entsetzlich milde esoterisch Art, sondern mit diebischer Freude, hexenhaft kichernd und völlig verschrullt. Sie sitzt hinterm Fenster, späht durch die Gardinen und freut sich, sie freut sich etwa, dass keiner zu Besuch kommt, dass das Wetter sagenhaft schlecht ist und also niemand draußen herumläuft, dass sie in aller Ruhe und stundenlang Musik hören oder lesen kann. Dass Termine platzen und sie also nicht reisen muss, dass sie gutes Essen hat und Bilder malen und mit der Hand völlig ungestört Gedichte und Tagebücher schreiben kann – sie freut sich dabei aber nie auf diese fromm-dankbare Art aus den Gratitude-Journalen, sondern immer so, als hätte sie ihre kleinen Freuden irgendwo listenreich und langfingrig geklaut und erbeutet und dann fröhlich pfeifend nach Hause verschleppt, sie freut sich immer so, dass man ein leises “Gnihihi” hört, jede Seite im Grunde ein Räuberlied. Und je länger ich darüber nachdenke, desto erstrebenswerter kommt mir diese Haltung vor.

Na, auf was man eben so herumdenkt.

Kommen Sie gut rüber, bewahren Sie unbedingt Haltung, ich schließe für 2019 mit den besten Wünschen zum Neuen Jahr. Wir sehen uns drüben.

Nur noch eben Musik! Da kann es heute natürlich nur The burning hell geben. Ein wunderbares Video.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister im Jahr 2020 zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Auch noch einmal an alle, die hierbei in diesem Jahr irgendwann mitgemacht haben. Es war mir ein Fest.

Trinkgeld Dezember, Ergebnisbericht

Der Bericht kommt etwas früh diesmal, dafür gibt es aber erstens einen zwingenden musikalischen Grund, zweitens gebe ich jetzt einfach morgen und übermorgen nichts mehr aus, dann passt das schon.

Im Dezember haben wir von den per Paypal oder Überweisung eingegangenen Summen mehrfach den nächstgelegenen Weihnachtsmarkt besucht, welcher praktischerweise gleich vor unserer Haustür stattfindet. Es handelt sich um den weit und breit einzigen queeren Weihnachtsmarkt mit Wohltätigkeitsaspekt, der hier auch noch die Funktion eines Dorfweihnachtsmarktes mitten in der Millionenstadt erfüllt. Geht man da hin, trifft man so ziemlich alle aus dem kleinen Bahnhofsviertel, und es wird oft ganz unerwartet nett. Dort also gab es zwei-, dreimal das, was es auf Weihnachtsmärkten eben gibt, und da ich im Alltag sonst gar keinen Alkohol mehr trinke, war es auch einigermaßen wirkungsvoll. Jetzt aber zurück zum mönchischen Leben!

Weiter gab es eine einigermaßen ungeheuerliche Abweichung von den Vorjahren, es gab die durch die Leserinnen finanzierten Geschenke für die Söhne nämlich nicht erst unter dem Baum, nein, es gab sie sämtlich und in prachtvollster Ausführung bereits vorher. Denn es war den Söhnen doch ein so dermaßen dringendes und leider auch spontanes Bedürfnis, auf der Mineralienmesse funkelndes Zeug zu kaufen, ich berichtete hier, da haben wir uns erweichen lassen und sie haben es in diesem Jahr alles selbst umgesetzt. Und das haben sie sehr ansehnlich und schmuck getan, gar keine Frage. Die Beute und die Spenderinnen wurde dann auch am Heiligabend neben dem Baum noch einmal ausdrücklich und ehrend erwähnt.

Ich habe mir ferner wieder ein Notizbuch bestellt, über das ich aber noch nichts sagen kann, denn es kam bisher nicht an, vermutlich weil saisonal bedingt noch ein, zwei andere Sendungen da draußen unterwegs waren. Wiedervorlage!

Ein E-Book habe ich auch gekauft, es handelt sich dabei um den Titel “Bird by bird” von Anne Lamott, die mir bisher nur von ihrem Ted-Talk her bekannt war, den ich ziemlich entzückend fand. Ich hatte den schon einmal im Blog, Sie erinnern sich vielleicht:

Bird by bird ist ein Buch über das Schreiben, genauer über das Schreiben von Prosa, und hier ist jetzt ein seltsamer Umstand zu erwähnen, eine etwas spezielle Meise von mir. Denn zum einen ist das Buch natürlich lehrreich und es ist immer gut und nützlich, etwas zu lernen, es ist ja auch nie so, dass man über ein Thema wie das Schreiben jemals genug gelernt hätte, der Gedanke sei fern von mir – aber noch wichtiger ist mir doch, dass ich Bücher über das Schreiben und Lesen wahnsinnig beruhigend finde. Ich habe keine Beziehung zum hier neulich erwähnten ASMR, aber etwas über das Schreiben, über das Lesen oder auch über Literatur zu lesen, das hat schon halbwegs die Richtung. Das macht die Welt für mich zu einem ruhigeren Ort und die Zeit etwas langsamer und die Muskeln deutlich entspannter. Weswegen ich übrigens auch im Laufe des Lebens Unmengen Sekundärliteratur gelesen habe, nicht etwa um mich großartig zu bilden, sondern nur um mich zu entspannen. Und, nun ja, auch mal dabei einzuschlafen.

Bird by bird jedenfalls ist ziemlich unterhaltsam, ich mag den Humor der Dame sehr und ich habe mir auch drei, vier Aspekte rausgeschrieben, also mission complete.

Und dann! Dann waren wir mit der ganzen Familie beim Weihnachtskonzert von Erdmöbel, und es war sehr, sehr gut. Die Konzertreihe hat Tradition, es trifft sich da ein textfestes Publikum und singt enthusiastisch sämtliche Weihnachtslieder der Band mit, und wenig sind das ja mittlerweile nicht mehr, es kommt jedes Jahr eines dazu. Das war also für die Söhne das erste richtige Konzert einer Band für Erwachsene, eine zweifellos prägende Erfahrung und eine ziemlich gute Wahl, denke ich.

Weihnachtslieder kann man jetzt natürlich nicht mehr verlinken oder einbinden, ein Lied aus der Jahresendreihe geht aber doch noch. Gestern Abend stand ich am Küchenfenster und sah sie, die Rakete zwischen den Jahren, leuchtgrün zersplitterte sie in der Nacht. Es war auf einmal kalt geworden und es roch nach eisiger Luft und ein ganz wenig nach Feuerwerk, es roch also nach Neujahr. Und bitte sehr, da haben sie einen Song:

Es reicht vielleicht nicht ganz für eine Meldung beim Freundeskreis Zufall, aber als ich da am Küchenfenster stand, habe ich gerade den seltsam anmutenden Satz: “Ich wohne in der Straße der Sternwarte” gedacht und gemurmelt, genau als die grellen Lichter aufgingen, auch das war schön und bemerkenswert. Und wieso denke ich so etwas? Weil der eine Sohn “J’habite dans la rue de l’Observatoire für Französisch lernen sollte, weil ich ihn das mindestens zehnmal abgefragt habe und gerade fand, dass der Satz ein gewisses poetisches Potenzial hat: “Ich wohne in der Straße der Sternwarte” – ein Kinderbuch könnte so anfangen, könnte es nicht?

Im Erdmöbelkonzert gab es noch eine etwas wilde Assoziationskette, ausgelöst durch eine kurze Zeile in einem Lied: “Mann mit Lama”, mehr Text hat die gar nicht. Da fiel mir nämlich ein, dass ich schon seit Ewigkeiten keinen Mann mit Lama mehr in einer Innenstadt gesehen habe. Die standen da früher doch immer und sammelten für ihren kleinen Wanderzirkus, der am Stadtrand auf einer Wiese überwinterte, während der Mann und das Lama in der Fußgängerzone auf Spenden hofften. Ein müde aussehender Mann und ein ungeheuer gelangweilt und manchmal auch etwas arrogant aussehendes Lama, wobei Lamas für ihre Arroganz nichts können, die ist ihnen angeboren. “Spuckt es oder spuckt es nicht”, so geht der Gedankengang auch bei Erdmöbel weiter.

Daraufhin fiel mir auch ein, dass in meiner Grundschule in Lübeck einmal Zirkuskinder waren, ein Mädchen und ein Junge, die wurden dort für die Dauer ihres Aufenthalts unterrichtet und verbrachten vielleicht auch ihre ganze Kindheit so, von Schule zu Schule weitergereicht. Sie verstanden wenig und machten kaum mit, ich weiß nicht mehr, ob sie überhaupt genug Deutsch sprachen. Der Junge machte dann etwas, das uns alle sehr beeindruckt hat, er ist nämlich in der großen Pause an der Fassade des Schulgebäudes hochgeklettert, über Simse, Regenrinnen und Fenstervorsprünge hinweg, einfach so. Ganz schnell hat er das gemacht und so, als sei nichts selbstverständlicher, und sehr vergnügt hat er von oben den plötzlich ungeheuer aufgeregten Lehrern gewunken, die so etwas noch nie erlebt hatten und ganz außer Fassung gerieten. Zirkuskinder!

Und wir anderen Kinder, wir sahen uns das an und waren etwas überrascht. Es war nämlich, wenn man genauer hinsah, gar nicht so schwer, da hochzuklettern, es war eigentlich sogar recht einladend. Es war nur nie jemand darauf gekommen, so dermaßen krass die Regeln zu brechen, wir waren einfach zu brav. Wir hätten aber auch die Folgen gar nicht recht absehen können, was hätte das für unvorstellbare Strafen gegeben, da mal eben hochzuturnen, so vor den Augen der Aufsicht? So etwas kann man erst als Erwachsener halbwegs realistisch einschätzen und sich dann auch endlich mutig entschließen, nicht mehr länger brav sein zu wollen – aber ob einen dann die Regenrinnen noch halten, das weiß man vielleicht nicht recht. Irgendwas ist eben immer.

Pardon, wo war ich? Ich wollte mich nur noch eben herzlich bedanken, wie immer für jeden eingeworfenen Euro und für jeden Cent und auch für die lieben mitgesendeten Weihnachtsgrüße! Weltbeste Leserinnenschaft, Leser sind mitgemeint. Aber das sagte ich vielleicht schon einmal.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Young at heart

Ich habe einen Artikel gelesen (wo bloß?), nach welchem wir unser zukünftiges Ich meist als fremden Menschen betrachten und daher eher nicht sinnig in Bezug auf diese ferne Person entscheiden können, oder zumindest nicht besonders gut. Das kann man wohl so nachweisen, wie auch immer, ich habe die Details schon wieder vergessen. Es war aber keine vage Annahme, es waren eher reelle Forschungsergebnisse, meine ich da gelesen zu haben.

Hängengeblieben ist mir jedenfalls, dass die zukünftige und also stets nur vorgestellte Ausgabe unseres Egos uns tendenziell zu fremd ist, um kompetent für sie zu entscheiden oder in ihrem Namen auch nur halbwegs vernünftig zu handeln. Was wohl grob verkürzt aussagt, dass der Mensch für seriöse Langzeitplanung einfach nicht gemacht ist. Das sind Erkenntnisse, die mir als eher nicht planendem Menschen natürlich weit entgegenkommen, das lese ich also heftig nickend, mit großer Zustimmung und fühle mich entschuldigt und erklärt und denke mir, dass ich immer schon Recht gehabt habe, ist es nicht toll. Also es ist in Wahrheit natürlich nicht toll, aber denken darf ich das ja mal kurz. Die Gedanken sind frei, ich kann sie verraten.

Und weiter denke ich, denn ab und zu – an sehr guten Tagen! – gelingen mir auch mehrteilige Gedanken, dass diese auffälligen Änderungen ab etwa fünfzig Lebensjahren, die viele Menschen an sich und anderen wahrnehmen, dieses wie auch immer geartete sachte Beidrehen im Weltbild, dieses gründlich sein wollende Besinnen und Beruhigen, dass die damit verbunden sind, dass die Vergangenheit nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit jetzt deutlich mehr Jahre als die Zukunft umfasst, dass die Zukunft allmählich also doch fühlbar kleiner wird, dass sie zusammenschnurrt und seltsam auf einen zukommt und dass man sich dadurch der anderen, der bisher immer so fernen zukünftigen Person, welche die zukünftige Version des Ichs darstellt, schließlich doch noch annähert und dabei irgendwann zusehends irritiert feststellt – das bin ja ich? Tat tvam asi vorm Spiegel, aber ganz anders als an einem gewöhnlichen Morgen beim Zähneputzen.

Und dann ist man also auf einmal da, gewissermaßen. Und könnte sich eigentlich glatt mit einem freundlichen: „Na, auch hier?“ begrüßen.

Dachten wir jedenfalls gerade. Pardon, dachte ich gerade.

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Musik! Ein seltsames Video, aber ein Lied von einem sehr geschätzten Musiker und Künstler, von Dan Reeder. “And recently it occurred to me that I may no longer be young at heart.” So ein schöner Text.

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Es darf etwas mehr sein

Es ist schon viertel vor Fest, da müssen Sie heute einmal mit einem Text an anderer Stelle vorlieb nehmen, ich muss nämlich dringend nichts machen. Aber lesen können Sie mich dennoch, ich habe vorgesorgt, fast wie ein Mensch mit Plan. Die neue Kolumne beim Goethe-Institut ist also online, bitte hier entlang.

Haben Sie es bitte schön! Hier geht es demnächst weiter. Sobald ich mich ausreichend um nichts gekümmert habe. Und na klar, das kann theoretisch schon morgen sein. Oder übermorgen. Oder nach Weihnachten. Oder so.

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Das passt so

Ich habe mein Vorbild für die Weihnachtszeit 2019 gefunden. Gestern am späten Nachmittag war es. Es war ein feuchtkalter Nebeltag, ich stand am Küchenfenster und sah auf den Spielplatz hinunter, auf dem kein einziges Kind spielte, das Wetter war so überhaupt nicht einladend. Da trat ein Mann auf, der durch einige mitgeführte Ausrüstungsgegenstände als jemand zu erkennen war, der für Müllbeseitigung und Ordnung zuständig ist. Große Müllsäcke, ein Greifer, eine Harke, so etwas. Außerdem trug er robuste Arbeitskleidung, die Sache war ziemlich klar. Es hat nun nicht viel Sinn, im November auf einem Spielplatz Müll aufsammeln zu wollen, da ist ja kaum jemand, der Müll macht, aber vielleicht war es der benachbarte Kirchhof, der in seine Zuständigkeit fiel, was weiß ich. Es ist auch egal.

Denn der Mann kümmerte sich sowieso nicht um Unrat. Er sah sich um, stellte sein Zeug ab, ging zur Schaukel und sah sie einen Moment an. Dann setzte er sich darauf, wie es jemand tut, der schon lange nicht mehr geschaukelt hat. Es war ein großer und schwerer Mann, er setzte sich ganz vorsichtig. Und nahm dann etwas Schwung und schaukelte. Das wäre bis dahin nicht weiter erstaunlich, man wird ja mal schaukeln dürfen. Aber wissen Sie was, er schaukelte, bis es dunkel wurde, er schaukelte über eine Stunde lang. Mit nur wenig Schwung, ernsthaft und versonnen, mit beiden Händen an den Ketten, wie es sich gehört und ganz für sich. Dann wurde es dunkel und ich konnte ihn nicht mehr sehen. Er hat seinen eigentlichen Auftrag sicher nicht erfüllt, aber ich nehme seinen Auftritt jetzt gerne als Hinweis – im Dezember einfach mal irgendwo nicht mitmachen und zur Ruhe kommen. Mit wenig Schwung, ernsthaft und versonnen. Ich glaube, das passt so.

(Der Text erschien zuerst als Kolumne in den Lübecker Nachrichten)

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Ganz normale Leute

Im Supermarkt an der Kasse steht vor mir ein Mann, der Unmengen Katzenfutter kaufen möchte, dreißig Packungen oder noch mehr. Diese kleinen Packungen, die immer als dekadente Feinschmeckerkost für besonders verwöhnte Tiere beworben werden. Der Mann hat die Packungen schon eingetütet und im Plastikbeutel aufs Band gelegt, er sagt auch sofort brav die Anzahl auf, als er dran ist. Der Kassierer guckt in die Tüte und schüttet sie dann mit genervtem Gesicht wieder aufs Kassenband aus, greift kopfschüttelnd in den Haufen und scannt jede Packung einzeln ein. Das wiederum nervt den Kunden erheblich, der das nicht verstehen kann oder will, denn die Packungen kosten doch alle exakt gleich viel? Ganz egal, was für Sorten das sind, ob nun mit Lachs oder mit Huhn? Und das sagt er auch, ziemlich laut und hörbar gereizt sagt er das. “Aber Computer”, sagt der Kassierer, was auf Anhieb vielleicht nicht die allerbeste Erklärung für sein Verhalten ist. Der irritierte Kunde versteht entsprechend überhaupt nichts, ist aber einigermaßen sauer, weil er jetzt den ganzen Stapel noch einmal einpacken muss und weil das alles so lange dauert. Und er sagt dem Kassierer, wofür er ihn hält, nämlich für einen ausgemachten Idioten. Der Kassierer antwortet erstaunlich routiniert mit einem Schimpfwort aus einer noch wesentlich tieferen Schublade, wonach er aber immerhin noch einmal genauer zu erklären versucht, dass in der Kasse alles erfasst werden muss, was verkauft wird, System, Bestand, verschiedene Sorten, automatisierte Nachbestellung, ne? Der Kunde winkt ab, papperlapapp, das kostet alles gleich, so ein dummes Zeug, Vollidiot!

Um seine Aversion zu untermauern, wirft er das abgezählte Geld jetzt in Richtung des Kassierers, statt es wie üblich freundlich zu reichen. Der Kassierer hebt reflexmäßig und abwehrend die Hand, wobei aber seine Hand mit der des Kunden zusammenstößt und sofort tauschen die beiden umstandslos ein paar Schläge aus. Diese Schläge sehen aus wie bei zwölfjährigen Jungs, die sich auf dem Schulhof kurz in die Haare bekommen, aber das hier sind zwei ausgewachsene Männer, ein Kassierer und ein Katzenbesitzer, beide etwa vierzig Jahre alt, mehr kann ich über sie gar nicht wissen, also abgesehen davon, dass sie offensichtlich beide ihre Umgangsformen nicht recht im Griff haben.

Der Kunde geht dann pöbelnd und seltsam aufgeplustert wirkend ab und der Kassierer macht, was ein Kassierer eben machen muss, er kassiert knurrend weiter, ohne sich auch nur umzudrehen. Besonders aufgeregt oder überrascht sieht er eigentlich auch nicht aus, wenn man bedenkt dass er sich gerade mit einem Kunden geschlagen hat. Ein ganz normaler Kassierer und ein ganz normaler Katzenbesitzer, denke ich mir verblüfft. Über die Grenzen des Sagbaren sind wir in unserer seltsam aufgeregten Gesellschaft mittlerweile also soweit hinaus, dass die Grenzen des Machbaren allmählich überall in, haha, Angriff genommen werden können.

Dabei fand ich es damals doch so gut, dieses Schulhofrangelalter endlich hinter mir zu haben, das war für Brillenträger wie mich eh nicht so toll. Und dann dieser Aufwand, mir jetzt zur Sicherheit wieder große und starke Freunde suchen zu müssen – Himmel, ich habe überhaupt keine Zeit für so etwas.

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Ich stelle mir vor – Anmerkungen zum quintessentiellen Schreiben

Seine eigenen charakterlichen Vorzüge sollte man nur selten oder gar nicht in Texten erwähnen, und wenn man es aus wie guten Gründe auch immer doch tut, sollte man die Gelegenheit nutzen, sie gleich zu hinterfragen. So bin ich, diese Erwähnung gestatte ich mir auch nur, weil sie gleich zum eigentlichen Inhalt führen wird, weitgehend neidlos was den Besitz oder das Vermögen anderer Menschen betrifft; es mag aber sein, dass diese Neidfreiheit nur ein Mangel an Vorstellungskraft ist. Vielleicht fehlt mir schlicht die Fantasie, mir die Vorzüge einer Villa im Grünen gründlich genug auszumalen, vielleicht fehlt mir nur die Kreativität, auf immer andere Arten des Geldausgebens zu kommen, diese vorfreudig herbeizusehnen und dann auch schwelgend zu genießen, vielleicht ist meine Bescheidenheit also im Grunde etwas dumpf. Das ist selbstverständlich möglich, deswegen will ich mit dieser Neidlosigkeit keinesfalls angeben, ich nehme sie nur einfach zur Kenntnis wie andere Eigenarten auch, etwa meine völlig unspektakuläre Neigung zum Mittagsschlaf. Das ist eben so bei mir.

Ich erwähne den Neid hier nur, weil er mich bei einem Thema dann doch umtreibt, weil ich wieder und wieder daran denke und darauf herumdenke, weil ich mir den Kopf zerbreche und zugeben muss, dass ich bei einem Thema gerne etwas erreichen möchte, das ich wohl nicht erreichen kann, was andere aber in diesem Bereich durchaus können, und das ist dann wohl Neid. Nicht auf Besitz, aber doch auf ein Können. Und zwar geht es mir da um das quintessentielle Schreiben. Damit meine ich diese summarischen Listen, die manche Menschen in ihren reiferen Jahren verfassen und die in reichlich durchdachten Zeilen eine Art Bilanz dessen darstellen, was sie erkannt und durchdrungen haben. Manche schreiben das als Rat für die Kinder auf, für die Nachwelt ganz allgemein, manche halten Reden im Tedx-Stil oder bei Abschlussveranstaltungen an Universitäten. Es ist beliebt, die Schlüsse zu nummerieren und dabei auf eine als schön empfundene Zahl zu kommen, etwa zehn goldene Regeln für dieses oder jenes. Und die liest oder hört man dann so und denkt sich, alter Schwede, das ist mal gut. Und durchdacht und weise und angemessen, das ist ja überaus respektabel. Natürlich denkt man das nicht in jedem Fall, ganz und gar nicht, aber manchmal eben doch und das sind dann die Fälle, da sitze ich davor und will dringend auch. Und kann doch nicht.

Ich will auch, weil ich immerhin zwei Söhne als sinnvolle Empfänger für so etwas habe. Ich habe außerdem ein gewisses Alter, ferner beschäftige ich mich beruflich mit dem Schreiben, mit Kolumnen gar, ich müsste doch nach all den Jahren als Mensch, Vater, Autor auch etwas …

Und dann stelle ich mir vor, es käme eine Anfrage. Ich soll bei einer Abschlussveranstaltung vor Studentinnen der Fachrichtung XY also eine Rede … und da wird mir spontan schon mulmig zumute. Nicht wegen des Publikums, das könnte ich ab, soviel Rampensau muss sein. Nur wegen der Inhalte. Was habe ich jungen Leuten denn zu sagen, was wirklich wichtig ist, fundamental und durch und durch von Bestand? Ich sitze und komme auf nichts.

Ich stelle mir vor: Ich habe einen ganzen Sonntag Zeit, einen ganzen grauen Wintersonntag lang. Er ist vollkommen terminfrei und steht mir vollkommen zur Verfügung, niemand stört, die Familie ist ausgeflogen, niemand ruft an oder whatsappt. Ich bin alleine und denke in aller Ruhe über ganz große Dinge nach, ich schreibe einige Zeilen am Testament oder so etwas in der Art. Ich nehme schließlich ein Blatt, denn großes Denken fühlt sich in Handschrift gleich noch viel grundsätzlicher an, und will endlich, endlich doch einmal meine Ratschläge für die Söhne aufschreiben. Sagen wir zehn, das machen andere ja auch so, man muss nicht immer alles neu erfinden.

Ich gestatte mir nach reiflicher Überlegung einfach meine eigene Furcht vor dem Thema nicht mehr, ich nehme es nicht mehr hin, dass mir ad hoc nichts einfällt. Ich setze mich an den Tisch und schiebe Blatt und Füller zurecht, ich warte ein wenig, denn ich habe ja Zeit. Stundenlang! Ich mache mir einen Kaffee oder einen Tee, ich setze mich bequem. Ich nehme dennoch dabei Haltung an, ich mische Bequemlichkeit und Haltung, wie es mir angemessen erscheint, ich denke in komfortabler Position nach. Ich denke und grüble und zermartere mir das Hirn und lasse dann aber wieder los, ich gehe um den Block und betrachte die Sache dabei wieder gelöster, man hat ja so Tricks und Werkzeuge, man ist ja längst kein Anfänger mehr.

Ich frage mich unentwegt, was wirklich und wahrhaftig Bestand hat. Was für das Leben wichtig war und ist, was wahr ist und bleibt, was auch der nächsten Generation noch nützen kann. Was ich erkannt und verstanden habe.

Ich stelle mir vor, dass ich nicht nachsehe, was andere da geschrieben haben, jetzt nicht mehr. Ich habe nicht einmal einen Browser am Computer geöffnet, stelle ich mir vor, nein, noch besser, das Gerät ist nicht einmal an. Jetzt zählt nur noch mein eigenes Hirn, ein Abschreiben wie in der Schule ist heute nicht mehr statthaft. Hier geht es ja um etwas, das ist keine beliebige Albernheit. Ich stelle mir immer weiter vor, wie ich da sitze und denke und aus dem Fenster sehe, dann wieder auf das leere Papier. Wie ich durch das Wohnzimmer gehe und auch einmal in die Küche, wie ich in den Kühlschrank sehe und mich sofort zur Ordnung rufe und wieder hinsetze, denn ich habe mich soweit im Griff und falle nicht mehr auf alles herein. Ich stelle mir vor, wie ich den Füller in die Hand nehme und mir ernsthaft denke, dass ich tatsächlich etwas schreiben muss, dass Ausflüchte keinen mehr Sinn haben, dass es etwas geben muss und dass die größte Hürde das erste Wort ist, danach wird es schon gehen, danach geht es doch immer. Was ist wichtig? Was ist wahr?

Ich stelle mir vor, dass ich den Füller gegen eine Feder tausche und also ein Tintenglas öffne, das ist noch so ein Trick. Einfach mal am Werkzeug herumspielen, manchmal bringt das nämlich etwas. Ich stelle mir vor, wie ich die Feder in die Tinte tauche, wie ich mich noch einmal entschlossen zusammenreiße. Wie ich schließlich eine Schönschrifteins auf das Papier zeichne, daneben ansetze und endlich einen ganzen Satz formuliere.

Ich stelle mir vor, wie ich gleich danach zweifelnd aufstehe und unzufrieden herumgehe, wie ich an die Decke gucke und dann sinnend auf das Bücherregal. Ich stelle mir vor, wie ich mir eine Jacke anziehe und lieber noch einmal runter an die Alster gehe, in der Hoffnung, dort auf weitere Ideen zu kommen, auf überhaupt irgendwelche Ideen.

Ich stelle mir vor, wie ich die Wohnung verlasse und abschließe, wie das Blatt Papier mit dem einen Satz da weiterhin auf dem Tisch liegt. Und weil ich mir ja vorstellen kann, was immer ich will, lasse ich mein nur vorgestelltes Ich aus der Wohnung gehen und sehe mir aus einer anderen Ich-Perspektive – es ist kompliziert! – das Blatt jetzt genauer an. Ich beuge mich darüber und lese den Satz, auf den mein vorgestelltes Ich da mit erheblicher Mühe und nach langer Zeit gekommen ist. Ich lese den Satz, er lautet: “Erst aussteigen lassen.” Ich hebe die Augenbrauen und sehe aus dem Fenster. Ich sehe mir sachte kopfschüttelnd selber nach, wie ich da immer weiter grübelnd runter zur Alster gehe.

Und sehen Sie, genau deswegen fange ich mit solchen Listen gar nicht erst an.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Mehrere Jahre schön

Es blinkt

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Ich habe den Böll durchgehört, bei dem ich doch mehr und mehr Probleme mit der Stimme von Heinz Baumann hatte, weil das nun einmal eine dermaßen markante Stimme ist, dass man ihn dauernd spielend vor sich sieht, was aber bei den Ansichten eines Clowns gar nicht mal so rollenkonform ist.  Danach das “Kalte Herz”, das Herz von Marmelstein, wie es im Text heißt, vom ollen Hauff, denn mir ist gerade nach kürzeren Stücken (gelesen von Dieter Eppler). Das Kalte Herz war interessant, weil es sich in der Erinnerung beim Hören so abspulte, dass ich dem Text jeweils einen kleinen Abschnitt voraus war, die ganze Geschichte aber nicht bis zum Ende hätte aufsagen können. Als es begann, na klar, da wusste ich wieder, wo das Glasmännchen auftritt, wo der Holländer-Michel und wie – aber eben immer nur so zwei Seiten voraus, also wenn es ein gedrucktes Buch gewesen wäre. Erinnerung ist doch eine höchst merkwürdige Funktion.

Jetzt die “Halligfahrt” von Storm, gelesen von Sven Görtz, da geht es über Rungholt, das ist auch schön. ich räume jetzt bei Spotify einige Geschichten und Novellen ab, die langen Stücke fühlen sich schon wieder wie eine Terminserie an, das gilt es zu durchbrechen.

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Apropos Erinnerung, ich habe neulich über diese plötzlich erinnerte Schulstunde geschrieben, in dieser Reihe kam mir gerade ein Stück Waldweg in den Sinn. Vor etwa 25 Jahren bin ich dort entlang gegangen, es war kein spektakulärer Spaziergang und es gab kein spektakuläres Ziel, es war einfach ein gewöhnlicher Nachmittagsgang mit Hund, aber zack, jeder Ast war wieder da, jede Pfütze auf dem Pfad, jede Wolke am Himmel, ein Erinnerungsblubb erster Klasse, das perlte einfach irgendwann so nach oben. Ich könnte nicht einmal ansatzweise benennen, warum mir das einfiel, dieses Wegstück da im Wald vor Hamburg. Es ist im Grunde ein Knaller, man möchte sich dauernd selbst belauern und abwarten, was da alles noch so kommt. Nein, möchte man nicht. Na, es ist so gemischt.

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Weil die Herzdame neuerdings bei der Hamburger Messe beruflich waltet, gehe ich da jetzt öfter hin, gehen wir künftig alle öfter hin, nehme ich an. Da können wir uns Sachen begucken, die außerhalb unserer Interessen liegen, das ist ab und zu auch mal gut, sagt man. Und in meiner Komfortzone kamen bisher z.B. keine Kristalle vor.

Weswegen wir also auf der Mineralien-Messe waren, auf die Idee wären wir sonst kaum gekommen und ich habe auch eine Weile nachgedacht, mache ich das wirklich? Steine ansehen? Echt jetzt? Aber schließlich habe ich doch dem Neuen eine Chance gegeben, dem Abwegigen und dem Exotischen.

Schon beim Reinkommen war dann klar, diese Messe war erheblich größer als ich dachte, ein Riesending, es ist wohl auch deutschlandweit oder europaweit eine Nummer von Rang, auch mit internationalem Publikum. Das ahnt man ja nicht! Im Publikum fielen mir einige Menschen mit etwas bunterer Kleidung auf, als es dem gedeckten Hamburger Winterdurchschnitt entspricht, das habe ich erst nicht verstanden. Bis mir klar wurde, dass die Heilsteinfraktion bei so etwas auch vertreten ist, da gibt es also eine Schnittmenge zur Esoterikkundschaft und die leuchtet dann da so bewusstbunt aus der Masse heraus. Daneben die Interessenten für Fossilien, das dann eher Nerd-Typen im ehrwürdigen Lateinlehrerlook, außerdem die Schmuckpartei in geschäftlich seriöser Gewandung. Es brauchte eine Weile, diese Mischung zu verstehen, aber ich finde Publikum immer interessant. Viele Kinder waren da übrigens, es gab auch Kinderprogramm in der Messehalle und gar nicht so schlecht. Das kann ich gleich als vielleicht überraschenden Tipp einbauen (keine bezahlte Werbung, nein), da kann man mit Kindern gut hingehen, das funktioniert bestens.

Ich kann das an den eigenen Söhnen belegen, die eher desinteressiert da reingrummelten und dann nach etwa einer halben Stunde zusehends auftauten. Was vor allem an den zahlreichen Drusen lag, die man da an einigen Ständen auch mit interessanten Maschinen knacken konnte, Überraschungseier in ganz unerwarteter Version und mit Inhalt, der manchmal nach märchenhaftem Reichtum aussah. Nach einer Stunde konnten die Söhne schon etliche Halbedelsteine benennen, das Expertentum wächst einem in dem Alter noch im Vorbeigehen zu, es ist immer wieder faszinierend.

Da lagen auch Exponate, die ich in dieser Art noch nie gesehen hatte, irre Farben und Formen, Natur ist doch immer wieder krasses Zeug. Ein Riesenstück, “The flower of Urugay”, war ein Wahnsinnsamethystgebilde wie aus einem Fantasyfilm, geradezu unglaubwürdig riesig und bunt, ein Stück von einem Film-Set, ausgedacht von durchgeknallten Designern, so hätte man wetten können. Diese Riesendruse wurde dort separat vorgeführt, mit Showcharakter und Soundtrack und allem. Das hätte es aber nicht gebraucht, das Ding war an sich bizarr genug. So ein Gebilde wird im Grunde schon dadurch verkitscht, dass man es zeigt, der eigentliche Knaller ist doch, dass es so etwas überhaupt gibt, dass so etwas im Ernst vorkommt. Dass so etwas irgendwo da draußen herumliegt, irgendwo im Dunkeln funkelt, dass so etwas möglich ist. Sobald man das in eine Messehalle trägt, wirkt es irgendwie gemacht und inszeniert. Dabei ist es nur geworden, was doch wesentlich mehr Würde hat.

In einer Vitrine lag auch mein Lieblingsstück, ein aus Bernstein gedrechselter Füllfederhalter aus einem vergangenen Jahrhundert, bei dem auch Sohn II befand: “Den kann man bestimmt mehrere Jahre schön finden.” Der war aber gänzlich unverkäuflich. Schwein gehabt!

Eine heilsteinkundige Verkäuferin wies uns auf die beruhigende Wirkung von Amethyst hin, Amethyst am Bett, so sagte sie, das würde schon wirken! Ich hatte kurz lebhafte Wahnvorstellungen von großen Amethystbrocken, quasi als Leckstein neben den Kopfkissen der Söhne angebracht, denn Schlaf ist hier gerade so ein Thema.

Ich musste aber keinem Kind etwas aufdrängen, die entwickelten ganz unbeeinflusst lebhaftes Kaufinteresse, hatten interessante Feilsch-Erlebnisse mit ihnen weit, weit entgegenkommenden Messeverkäufern kurz vor Schluss der Veranstaltung und was soll ich sagen, wir gingen mit erstaunlich viel Gewicht nach Hause und im Kinderzimmer funkelt es jetzt erheblich.

Ob nun der Amethyst an sich wirklich beruhigend ist, ich weiß es nicht und habe Zweifel. Aber abends so in das glimmende und seltsam bewegliche Funkeln zu gucken, wenn nur noch ganz wenig Licht im Kinderzimmer ist, fast gar keines mehr, wenn nur so der eine und eher hauchfeine Strahl von der Lampe im Flur noch etwas mit den Kristallen anrichtet, das gerade eben noch zu erkennen ist – das beruhigt jedenfalls auch, wie hier schon erfolgreich bewiesen wurde.

Vermutlich wirkt das natürlich nur zwei bis fünf Tage lang, aber hey – bei Schlafmangel ist man irgendwann über jeden kleinen Erfolg froh.

Druse übrigens, ein Wort, das ich zwar auf Anhieb verstanden habe und auch korrekt zuordnen konnte, das ich aber vermutlich doch nicht im aktiven Wortschatz spontan parat gehabt hätte. Auch habe ich das über Jahre nicht gehört, über viele Jahre vermutlich nicht. Und dann komme ich nach der Messe nach Hause, werfe mich mit Rühmkorfs Tagebüchern aufs Sofa, schlage auf und lese dort wie folgt: “ “Die große Druse Nacht, ich steif wie ein Kristall in meinem Bett.”

Manchmal ist es schon schön im Freundeskreis Zufall. Was mir übrigens ernsthaft fehlt: Eine App, mit der ich im Werk einer Autorin oder eines Autos schnell nach einem bestimmten Begriff suchen kann. Mal eben so den ganzen Benn durchflöhen, ob da nicht vielleicht irgendwo die Amaryllis vorkommt. Oder den Rühmkorf nach Rungholt befragen, so in der Art. Wobei das klassische Durchblättern auch reizvoll ist, ja, ja, schon gut, ich grüße auch Leserinnen aus der Analogfraktion.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Wir haben das nie gesagt

Ich habe erneut zu danken, denn wir haben Pflanzensamen aus Portugal zugeschickt bekommen, viele sogar! Außerdem ganz außer der Reihe ein Dank an die Trinkgeldgeberin gestern mit den herzwärmenden Komplimenten, die haben mir nämlich heute den Tag gerettet, das aber auch gründlich. Merci bien!

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Ohne jeden erinnerbaren Anlass fiel mir neulich auf, dass niemand mehr Apfelsinen und Pampelmusen sagt, und weil ich ja alles gleich nachschlage, weiß ich jetzt, dass das -sine in der Fruchtbezeichnung von China kommt. Wieder was gelernt! Chinaäppel sind das quasi. Im Grunde klingt es ja interessanter als Orangen, aber irgendwie auch uncool, zugegeben. Und Pampelmusen, das habe ich nicht gewusst, sind gar keine Grapefruits, sondern Grapefruits sind eine Kreuzung aus Pampelmuse und Apfelsine. Wie isses nun bloß möglich! Man kauft ja ganz falsch ein!

Wenn ich mich richtig erinnere, was natürlich zweifelhaft ist, denn man erinnert wie man will, wie man einmal gewollt hat und wie es einen gerade umtreibt, dann war zu der Zeit, als in der Fernsehwerbung für Saft noch der leibhaftige Onkel Dittmeyer aus dem Grün der Plantage sprang, um kleine Kinder belehrend anzureden, noch von Apfelsinensaft die Rede. Aber das ist lange her.

Apfelsine. Wenn man länger über das Wort nachdenkt, wird es immer seltsamer, und wenn ich es oft genug wiederhole, gucken die Söhne schon wieder mit diesem besonderen Blick zu mir rüber. Apfelsine. Am Ende haben wir das alle nie gesagt. Und Pampelmuse, also wirklich. Das kann eh nie ernst gemeint gewesen sein.

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Der Weihnachtsmann, ich möchte niemandem unnötig Hoffnung machen, zog gestern am frühen Abend mit erheblicher Schlagseite durch die allgemein als etwas anstrengend empfundenen Straßenzüge unseres kleinen Bahnhofsviertels. Er grummelte unverständlich vor sich hin, rauchte und hielt eine Flasche Bier in der Hand, die er überraschend sorgsam vor einer Kneipe für Menschen mit überdurchschnittlicher Tankkapazität abstellte, bevor er schwankend die drei Stufen zum Schankraum hinunterstieg und dort die Tür öffnete. Ob das noch etwas wird bis zum 24.?

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Musik! Jasper Steverlinck.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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