Winterliche Verdichtung

Am Sonntagmorgen heult Wind ums Haus und greift kaltfingrig ins spaltoffene Dachfenster, dass es knarrt und sich regt. Ich schließe das Fenster, ich koche Kaffee, ich mache die Heizung an. Die rauscht heute auf einmal wie ein Bach im Gebirge, es plätschert, es gurgelt, das Wasser steigt in den Rohren. Eine winterliche Verdichtung der Klangkulisse, die gut zum Wetterbericht passt, in dem wieder einige Schneeflockenpiktogramme zu sehen sind. Ich trinke Kaffee, ich sehe aus dem Fenster. Auf dem Dach des großen Hotels gegenüber weht eine Fahne stramm im Wind und etliche Krähen flattern da oben immer wieder um sie herum, als würden sie mit ihr spielen. Sie landen abwechselnd auf dem Fahnenmast, sie fliegen unter der Fahne durch und dicht darüber weg und dann im Kreis um sie herum, sie weichen knapp aus, wenn das Tuch in einer Böe hin- und herschlägt. Es ist vielleicht ein Windspiel, ich höre ihr Krächzen, es klingt belustigt.

Am alten Haus gegenüber steht noch das große Gerüst, Leitertreppen führen von Stockwerk zu Stockwerk, bis über unser Dach hinweg, bis hinauf zum geschwungenen Giebel. Mir fiel in den letzten Tagen auf, dass Vögel dieses Gerüst gut finden. Meisen turnen umtriebig an dem engmaschigen Netz davor herum, Spatzen erkunden laut diskutierend die Bretter, Verstrebungen und Winkel und bilden Banden darin. Eine Elster saß eine Weile oben auf dem höchsten Pfeiler und genoss ihre neue Warte. Heute sehe ich eine Rabenkrähe, und was für eine. Ein anderes Kaliber als die Saatkrähen ist das, die hier sonst durch die Gegend vagabundieren und kleinkriminell in den Bäumen auf dem Spielplatz herumlungern. Dieser besonders große Vogel hüpft jetzt die eisernen Treppen hoch, Stufe für Stufe, von ganz unten bis ganz oben, sechs Stockwerke immerhin auf diese Art, das dauert eine Weile und eilig hat er es ganz und gar nicht. Auf den Absätzen hält er jeweils kurz inne und sieht zurück, guckt dann auch nach oben, legt den Kopf schief, ach guck, noch eine Etage. Ein würdevoller Hupf auf die erste Stufe, ein Hupf auf die zweite Stufe, und dann immer so weiter. Und wie die Krähen an der Fahne wirkt auch diese hier amüsiert. Ich bin mir nach einer Weile sicher, die macht das da aus Spaß. Man hat ihr ein riesiges Klettergerüst gebaut! Wie nett von den Leuten. Als sie ganz oben ist, plustert die Rabenkrähe ihr Gefieder einmal wohlig durch, streckt die Flügel und besieht sich die Gegend unter ihr. Sie sieht auch mich in meinem Dachfenster und guckt mich eine Weile von oben herab durchdringend an. „Ra“, sagt sie dann in beeindruckend vollem Rabenvogelbariton, und ich lasse das mal so stehen und nicke ihr nur zu.

Ich lese weiter in den Tagebüchern von Patricia Highsmith. Es ist das Jahr 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, sie schreibt: „Die Japaner konnten in Java große Erfolge verbuchen und haben Rangun, Burma gut im Griff. Nicht so gut, nicht so gut beim Mittagessen. Ich bin deprimiert, wenn ich dunkle Kleidung trage, wenn meine Haare nicht richtig liegen.“ So sind wir, anders können wir vermutlich auch nicht sein – die Welt geht in die Binsen, wir wissen es auch, aber es sind die Haare, die uns wirklich fertig machen. Rangun ist weit weg, aber die dunkle Kleidung hängt da über dem Stuhl. Alltag und Weltgeschichte, man muss beides irgendwie aushalten und zusammendenken, es gibt keine allgemeingültigen Vorgaben für die richtige Gewichtung. Wir sind vermutlich die einzige Art, die gleichzeitig die Welt und das Hier zur Kenntnis nehmen können, was haben wir uns damit nur eingehandelt. Schon daran darf man mit Fug und Recht verrückt werden.

Ein Sohn deckt den Adventsfrühstückstisch, Gläser mit frisch gepresstem Orangensaft kommen neben die Teller. Dann besieht er sich die Anordnung, überlegt kurz und vertauscht sein Glas schnell noch einmal mit dem seines Bruders, wohl damit er eines hat, das nicht seines war, nehme ich an. Ich frage ihn nach dem Grund: „Erbeutet schmeckt alles besser.

Man muss den Alltag und die Welt gar nicht nur aushalten, man kann auch etwas daran drehen. Kann man von jedem Kind lernen.

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Auf den Tag genau

Ich gehe mit einem Sohn in die Stadt, um für den Geburtstag der Herzdame etwas zu besorgen. Wir gehen in drei Läden und erleben dabei die Dreifaltigkeit der pandemiebedingten Checkmöglichkeiten, es wirkt heute wieder arg drehbuchmäßig. In einem Laden will man alles genau sehen, die Impfzertifikate und die Ausweise. Im zweiten Laden reicht schon der flüchtige Blick auf die erhobenen Handys, dann bereits das lässige Durchwinken. Im dritten Laden will man, da wird es originell, nur die Ausweise sehen, guckt kurz auf unsere Namen und nickt dann. Da war jemand überarbeitet, nehme ich an, es war auch schon spät am Tag. Ich habe tendenziell Verständnis für überarbeitete Menschen, ich stehe gerade auch eher neben mir als mitten im Leben. Keiner der Läden ist voll. Das ist mir angenehm, aber geschäftlich muss man doch Bedenken haben, to say the least. Es ist ein merkwürdiges Bild: Die Stadt ist voll, sogar sehr voll, mit Gedränge und Geschiebe, die Läden und die Restaurants, Kaffees etc. sind es aber nicht. Die Weihnachtsmärkte stehen noch, aber sie werden in diesem Jahr früher beendet, lese ich. Aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Söhne gehen zur Schule. Immer weiter der Druck, die Anforderungen, die Zensuren. Wir lernen Grammatik. Ich kann nicht mehr, du kannst nicht mehr, er, sie, es kann nicht mehr. Repeat after me, encore une fois. Bei dem einen Sohn geht es gerade um defining and non-defining clauses. Was da was ist und wo dabei die Kommas sind. Ich starre das Thema an, ich denke nach, ich denke angestrengt nach – ich habe nicht die leiseste Erinnerung, davon jemals etwas gehört zu haben. Sonst habe ich zumindest eine vage Ahnung von den Themen in den Schulbüchern, jedenfalls bis etwa zu 8. Klasse, bei diesem Kapitel habe ich vielleicht damals gefehlt, denke ich. Die Windpocken? Die hatte ich irgendwann in dem Alter, das kommt vielleicht hin. The chickenpox gap. Ich hatte mich damals mutwillig angesteckt, um nur bloß nicht mehr in die Schule zu müssen, da sehen Sie mal, wo solche Dummheiten hinführen – ein paar Jahrzehnte später hat man auf einmal ein Problem damit. Das also lieber nicht nachmachen, es holt einen alles wieder ein. Die Windpocken auch, das schlafende Virus, ja, ja, ich weiß.

Ich lese meine Tagebücher nach, das mache ich immer zum Jahresende, wenn der Urlaub endlich beginnt. Ich bestehe zu einem so großen Teil aus Ritualen, die katholische Kirche ist im Vergleich zu mir spontan und flippig. Ich lese die Jahre 2020 und 2021. Darin gleichen sich einige Abläufe und Meldungen dermaßen, dass es ausgedacht wirkt, manipuliert und planvoll zurechtgebogen. Eine Anmerkung zu Lockdownvermutungen in Deutschland und eskalierenden Fallzahlen in UK wiederholt sich auf den Tag genau. Ich lese die Stelle aus dem letzten Jahr, ich lese danach noch einmal die Stelle aus diesem Jahr. Ich lese beides erneut, es sieht aus wie copy & paste. Ich ahne, dass man das später nicht mehr plausibel finden wird, was dort steht, dass nicht einmal ich selbst das noch plausibel finden werde, schon in ein paar Jahren nicht mehr. Aber das gilt vielleicht auch für die oben beschriebenen Szenen in den drei Läden. Glaube ich mir das später noch? War das so? Das war so, ich weiß es heute. Die Pandemie hat Begleiterscheinungen und Umstände, Szenarien und Abläufe, die wird man später nicht gut erzählen können. Sie sind zu flach, zu absehbar, zu billig.

Ich lese im Internet einen Artikel quer, es geht um FFP2-Masken für Kinder, die sollen denen nicht gut passen, steht da, die taugen eher nichts. Die Tür geht auf, die Herzdame kommt herein: „Ich habe in der Apotheke eben FFP2-Masken für Kinder gesehen und mitgebracht.“ Was sind das für Szenen, was ist das hier, eine Vorabendserie?

Nur noch ein paar Tage bis Weihnachten, bis Neujahr, bis zur mittlerweile sicher erwarteten Omikronwand. Ich gehe abends an einem kleinen Weihnachtsmarkt im Stadtteil vorbei, die dort noch Trinkenden singen gerade in fröhlicher Runde das Lied aus den Lautsprechern mit, die Version ist von der Hermes House Band: „Que sera, sera.“ Auch das ist so, ich sehe das, ich höre das. Aber das kann man doch keinem erzählen, was ist das denn für ein Niveau.

Vor einem anderen Weihnachtsmarkt stehe ich in der Schlange am Einlass. Die üblichen Kontrollen, der Mann von der Security sagt zu jeder und jedem, nachdem er alles genau geprüft hat, mit einem Fingerzeig zum QR-Code der Location: „Bitte einchecken und viel Spaß.“ Das vielleicht schon einmal vormerken für Silvester, damit dann das neue Jahr begrüßen, es wird schon passen, wir sarkastisch auch immer: Bitte einchecken und viel Spaß.

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Der geht ab

Es ist auf einmal wieder warm draußen, piwarm, lauwarm, geradezu widerlich warm ist es. Mein Kreislauf und ich lehnen das entschieden ab und wir verweigern beide dies und das, etwa das Mitmachen. Das Home-Office fällt mir heute einigermaßen schwer, aber die Pflicht, die Pflicht, das stete Bemühen, und dann ist es nach endlosen Stunden wieder ein Werktag weniger. Man nähert sich.

Ich weiß nicht, welche Musik ich hören soll. Ich finde alles nervtötend, ich knurre den Streamingdienst am frühen Morgen schon an, los, überrasch mich. Der Streamingdienst sagt wie immer, ich solle modernen Songwritern beim Winseln zuhören, ich möchte das nicht. Ich fragen einen Sohn, noch bevor er zur Schule geht, welche Musik er gerade hört, ich denke, ach komm, hörste eben mal was ganz Modernes, raus aus dem letzten Jahrhundert, raus aus dem Folk, aus dem Jazz, aus dem Blues, raus aus den ollen Gewohnheiten. Ruhig auch mal auf die Gegenwart achten, denke ich mir, beim Schreiben machste das ja auch so, da stehste doch so auf die Gegenwart oder was, und das sind ohnehin immer spezielle Tage, wenn ich mich schon selbst so flapsig anrede.

Ich frage also den Sohn, was er gerade so hört. Der Sohn nimmt die Kopfhörer kurz ab und sagt: „AC/DC und Iron Maiden.“ Okay. Das muss auch schön sein, sich so durch die Musikgeschichte zu arbeiten, alles noch vor sich zu haben. Kurz sehe ich vor dem inneren Auge das Zimmer eines Schulfreundes von damals, der hatte ein Iron-Maiden-Poster an der Wand. Wer war das noch? Längst habe ich es vergessen. Ich frage den Sohn, ob er auch Motörhead kenne, der Sohn sagt nein. Ich frage den Sohn, ob er denn wisse, dass ich mal wegen des lauten Hörens von Motörhead während des Unterrichts einen Tadel in Deutsch bekommen habe, ob ich das schon mal erzählt habe – der Sohn stöhnt und entflieht eilig.

Ich klicke im Streamingdienst bockig irgendwohin, ich finde eine Phonk-Playlist. Ich habe noch niemals etwas von dem Begriff Phonk gehört, was ist das nun wieder. Ich lese das nach, ich höre zehn Minuten Phonk, dann höre ich Drift-Phonk, es verzweigt sich immer alles. Danach habe ich noch schlechtere Laune.

Egal. Ich klappe das Notebook zu, ich gehe raus. Vor dem Discounter steht einer mit freiem Oberkörper und tanzt. Lange Haare hat er, die wirft er wild herum und vergleichsweise happy sieht er dabei aus, was allerdings auch kein Kunststück ist, wenn man sich die Passanten so ansieht, man wirkt hier im Vergleich recht schnell exaltiert und vergnügt, dafür würde auch schon das dezente Heben eines Mundwinkels reichen. Zu welcher Musik tanzt der da? Die hört nur er, die Musik, und nicht einmal über Kopfhörer, nein, die hört er einfach so, ganz ohne alle Hilfsmittel, die wird wohl nur in seinen Gedanken abgespielt. Er hat die Bässe im Kopf, ich dagegen kann den Rhythmus nicht hören, der da vermutlich in seinem Hirn wummert, ich kann den Beat nur sehen, an den wedelnden Armen, an den wirbelnden Haaren, an den wippenden Füßen kann ich ihn erkennen, schnelle Musik wird es sein. Der Mann ist ein autonomer One-Man-Rave, der geht ab, und wie der abgeht.

Und die, die zum Discounter wollen, die gehen nur rein. So wie ich.

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Die Unmöglichkeit eines Kastens

Ich lese beim Frühstück in den Highsmith-Tagebüchern, sie ist da immer noch ganz jung und schreibt Sätze wie etwa: „Eines Tages werde ich gut sein. In allem.“ Ich bin ein paar Jahrzehnte älter, als sie es bei diesem Eintrag damals war, ich bin mittlerweile eher bei: „Eines Tages werde ich weniger machen. Von allem.“

Aber bis dahin volles Programm, versteht sich. Noch eine eng getaktete Arbeitswoche im Home-Office voraus, noch ein Text als To-Do, noch eine zu haltende Deadline. Noch weiterer komplexer Orga-Kram mit Ämtern und Institutionen, noch mehrere schwierige Mails zu schreiben, noch drei (!) Klassenarbeiten der Söhne, davon eine am letzten Tag vor den Ferien. Muss das denn in pandemischen Zeiten so sein? Ich finde, aber das sagte ich neulich bereits, es nicht richtig, die Kinder – meine Kinder, alle Kinder – immer weiter unter Druck zu setzen. Nein, ich finde es sogar grundfalsch. Es ist auch für sie der 21. Pandemiemonat. Oder welchen wir gerade haben, ich habe längst keine Lust mehr, das nachzurechnen.

Als Hörbuch läuft beim Einkaufen Axel Hackes „Über den Anstand in schwierigen Zeiten.“ Das Buch ist von 2017 und es ist eigentlich kaum vorstellbar, wieviel schlechter die Lage bei dem Thema seitdem noch geworden ist, von Pegida und Trump zu den Querdenkern, es ist ein wenig herunterziehend und nicht recht vorstellbar, wie es eigentlich jemals wieder bergauf gehen soll. Dennoch eine wiederholte Empfehlung, es ist lohnend, darüber nachzudenken. Herr Hacke endet in seinen Bezügen bei Marc Aurel, Erich Kästner und David Foster Wallace. Anstand kommt in der Weltliteratur dauernd vor, man muss nur darauf achten.

Über weite Strecken finde ich es interessant, da noch einmal mitzudenken, ich habe das Buch vor Jahren schon einmal gelesen. Wie es ohnehin ergiebig ist, diesem etwas vagen Begriff „Anstand“ so lange nachzugehen, bis man seine Substanz erfasst hat, das kann man natürlich auch ohne Buch. Bei Michael Bordt habe ich einmal gelesen, dass alle Philosophie zuerst ein Klären der Begriffe ist. Das klingt banal, aber ich fand es damals erhellend und es hat sich mir eingeprägt. Er hat empfohlen, den Begriffen, mit denen man sich immer wieder herumschlägt, gründlich nachzugehen, viel gründlicher als gewohnt. Also etwa auch dem, wonach man sich sehnt oder dem, wovor man sich fürchtet, was einen belastet usw., und da hatte er Recht, glaube ich.

Wenn ich also z.B. immer wieder sage, dass ich meine Ruhe haben will, dann wird es erst interessant, wenn ich diese Ruhe vollständig durchdefiniere und zack, bin ich, weil ich mich etwa gewissen gesellschaftlichen Ansprüchen hartnäckig verweigern möchte, knietief in meiner persönlichen Gesellschaftstheorie. Das kann auch Spaß machen. Aber man kommt ja zu nichts, nicht einmal zum Denken.

Nachdenken, dies vielleicht noch abschließend, ist womöglich bereits ein Bestandteil des Anstands. Das kommt bei Hacke ebenfalls vor, dass man schon dann, wenn man sich, wie kurz auch immer, fragt, was denn bloß richtig sei, schon tendenziell anständig verhält. Was wohl im Umkehrschluss heißt, dass sich immer mehr Menschen gar nichts mehr fragen, dass sie nur noch rabiate Sicherheiten und Ausrufezeichen im Kopf haben. Warum?

Ja, warum, warum. Ich weiß es doch auch nicht. Ich denke immer wieder darüber nach, auch weil irgendetwas in mir hartnäckig glaubt, es müsse darauf eine bündige Antwort geben. So eine Antwort von der Art, die in 50 Jahren in einen kleinen Erklärkasten in der Seitenleiste eine Geschichtsschulbuchs der Mittelstufe passen müsste. In so einen Kasten also, den die Schülerinnen vor der Arbeit schnell noch einmal durchlesen. Das ist aber Unfug, das ist nur ein Wunsch, der aus routinierter Denkgewohnheit entstanden ist, man hat es doch in der Schule einmal so gelernt. Am Ende passt die Antwort auf die Warum-Frage gar nicht in einen Kasten? Am Ende füllt sie eher eine ganze Buchreihe, ein Studium, ein Theoriegebäude der größeren Art. Am Ende wird sie erst dann halbwegs verständlich, wenn man irgendwann – viel, viel später! – im historischen Rückblick endlich einen neuen -ismus an einen Teil unserer Epoche dranhängen kann. Mag sein. 2020/2021 begann der -ismus. Dann merken sich alle 2020/2021 und das neue Schlagwort, fertig. Aber da sind wir noch lange nicht.

Wenn ich die Unmöglichkeit eines Erklärkastens für möglich halte, was ist dann mit den Kästen, die schon da sind, die wir in den Geschichtsbüchern bereits finden. Verwirrend! Die Suche nach bündigen Antworten ruhig auch mal als Teil der Probleme betrachten. Am Ende ist vielleicht nur das richtig, was eigentlich ein Scherz war, am Ende ist die Antwort nämlich immer und ernsthaft: „Es ist kompliziert.“ Auch das mal als Inschrift auf einem Grabstein vorstellen. Ein schöner Abschluss, und da haben die Vorübergehenden dann gleich Gesprächsstoff.

Ansonsten haben wir gestern einen Weihnachtsbaum besorgt. Ein Sohn bestand dabei spontan auf einem eigenen Baum für sein Zimmer, einer fragte, wieso wir überhaupt so etwas wie einen Baum brauchen. Wieviel Meinungsvielfalt schon in eine Familie passt. Außerdem gab es gestern eine halbe Stunde am späten Nachmittag, in der mein Nachbar in seiner Küche stand und laut übend „Gloria in excelsis deo“ sang, während ich in meiner angrenzenden Küche stand und Rotkohl kochte, das war mit Sicherheit der dezembrigste Moment des Monats bisher. Beim Blick aus dem Küchenfenster hinaus ins Winterdunkel sah ich den hellen Stern im Kirchenfenster gegenüber, es war kurz nahezu stimmungsvoll in meiner Nelkenzimtapfelrotkohlwolke. Ich bleibe dran und werde berichten.

Noch ein paar Links.

Sie wartet also.

Ekstatisch, die Hände zum Himmel

Omikron ist keine Welle, sondern eine Wand

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Dieser eine Tag

Die Musik heute etwas beschwingter, das passt schon.

Am Montag nämlich, das wollte ich noch erzählen, hatte ich einen guten Tag. Es fiel mir morgens noch nicht recht auf, es dämmerte mir dann allmählich am Vormittag und wurde gegen Mittag vollkommen klar – es lief, und wie es lief. Der Erledigermodus war dermaßen angeschaltet und hochgeregelt, es lief alles zackzack, Captain auf Brücke. Besonnen und zielstrebig habe ich das Schiff durch einen ereignisreichen Tag voller Wirbel und Stromschnellen und Wellengang gesteuert. Anspruchsvolle Arbeit, konzentriert abgewickelt. Es kam eine gute Nachricht, ich habe sie freudig, aber nicht zu freudig zur Kenntnis genommen, die Konsequenzen ruhig überschlagen und mit der Herzdame besprochen. Maßnahmen abgeleitet. Es kam eine schlechte Nachricht, ich habe sie gefasst aufgenommen und einsortiert und mit der Herzdame besprochen. Maßnahmen abgeleitet und kurz gedacht, das war jetzt beides wie in einem hervorragenden Projektteam, das war lehrbuchgerecht. Genau so muss das. Der Ball kommt in unsere Hälfte, und dann bitte alles wie im Training, dann der Aufstieg. Super.

Nebenbei Ideen zu Texten notiert. Viele. Zwischendurch habe ich mich nach einem Buch auf dem Boden eines Kinderzimmers gebückt und gedacht, nanu, das geht ja heute auch besser. Voll beweglich auf einmal, geradezu limbofähig, also für meine Verhältnisse, eher Seniorenlimbo, immer realistisch bleiben. Das bin ich nicht mehr gewohnt, seit ich zu Beginn der Pandemie zu lange am falschen Tisch gesessen habe, ich bin einer von vielen mit verbogenem Rücken durch wochenlange Büroarbeit in der Küche, auf vollkommen ungeeignetem Mobiliar. Man dachte doch damals, es sei nur für kurze Zeit, und dann kam noch ein Tag und noch einer, dann wurden es Wochen, dann ging das einfach so weiter und irgendwann war ich krumm.

Nach dem Home-Office der Haushalt, das bisschen Haushalt!  Geradezu mit Freude habe ich den bewältigt, kennen Sie das, wenn man so mit Schwung staubsaugt und die Wäsche danach munter auf die Leinen wirft, wenn man mal eben zum Einkaufen sprintet. Dann selbstverständlich noch mit den an diesem Tag erstaunlich willigen Söhnen gelernt, anschließend für die Familie gekocht und die Küche gemacht und all das, es lief immer weiter und wie das lief, und ich saß abends auf dem Sofa und dachte, alter Schwede, war das alles gut, was war das denn. So ein feiner Tag, den muss man ja loben wie der Tierarzt einen Hund nach der Untersuchung lobt, so ein feiner Tag war das, freundlich durchzauseln wollte ich ihn.

Am nächsten Tag war der Zauber wieder weg. Ich bin normal unmotiviert nach schlechter Nacht aus unruhigen Träumen erwacht, ich habe alle Probleme nervtötend verwirrend gefunden, die Arbeit grau und belastend, den Alltag überhaupt enervierend, den Haushalt so furchtbar ermüdend, wie er nun einmal ist. Die Söhne wollten nicht lernen, niemandem schmeckte mein Essen, dazu die verdammte Pandemie, das Höchstmaß der Gefühle war der gerade noch halbfrohe Fatalismus, dann bloßes Durchhalten, der olle Stoizismus, muss ja.

Aber dieser Montag …. Irgendwann früher war das vermutlich öfter so. Vor der Pandemie oder so. Vielleicht ist es auch noch länger her. Ich habe die Brücken unterwegs gar nicht gezählt, ging ich nicht bereits über sechs oder sieben – aber wer glaubt schon an Botschaften oder Insights, wie wir heute sagen, aus deutschen Schlagern. Wenn das Gras grüner ist, dort wo du nicht bist, dann geh doch. Howard Carpendale war das, die Älteren erinnern sich unweigerlich. Alle Texte kann ich noch, es ist der Fluch meiner Generation. Haben sie uns etwas genützt, die eingängigen Refrains, haben sie sich bewährt? Take it easy, altes Haus. Mach dir nichts draus.

Egal. Eine ausgesprochen nette Erinnerung war dieser gelungene Montag jedenfalls. Sie passte zu den so ungemein lebensbejahenden Tagebüchern der Highsmith, die ich gerade jeden Abend mit Interesse lese, am Ende hat da mein Unterbewusstsein da irgendwas geregelt. Das Unterbewusstsein also vielleicht auch mal loben, so ein feines Unterbewusstsein, das hat es richtig gut gemacht, wie tätschelt man sein Unterbewusstsein.

Und jetzt wieder weiter im pandemischen Trott. Es war eine reizende Abwechslung, dieser eine Montag, aber dummerweise fällt mir jetzt ein paar Tage lang wieder verstärkt auf, wie anstrengend alles gerade ist. Irgendwas ist immer.

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Links am Morgen

Ich habe für das Goethe-Institut etwas über Weihnachtsmärkte geschrieben.

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Alles geht zu  Ende, das Jahr nun endlich auch.

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Ich lese in den Tagebüchern der Patricia Highsmith. Sie ist da gerade noch sehr jung und ungeheuer selbstbewusst, genau wissend, dass sie es schaffen wird, ohne jeden Zweifel schaffen wird, und sie treibt der unbedingte Wille zum Erfolg. Sie hat eine wilde Affäre nach der anderen und eine solche lebendige Gier auf alles, dass man sich beim Lesen gleich noch viel abgeklärter, realistischer, älter, fatalistischer und resignierter fühlt, als man ohnehin schon ist. Aber es ist doch immerhin eine nette Erinnerung an die Möglichkeit eines anderen Grundzustandes. Auch das ist nämlich eine nicht zu unterschätzende Bereicherung durch das Lesen: Anderes für grundsätzlich möglich halten. Gute Sache.

Ich höre zwischendurch, beim Einkaufen und beim Kochen etwa, den Schimmelreiter von Storm in der Reclam-Hörbuchausgabe. Das gibt es auch bei Youtube, sehe ich gerade, darunter ist nur ein einziger Kommentar, eine einsame Frage steht da: „Ist hier jemand aus der 8c?“, das fand ich schön und irgendwie anrührend. Aber liest man den Schimmelreiter denn wirklich schon in der 8? Ist das nicht viel zu früh? Ich weiß nicht mehr, wann ich ihn zuerst gelesen habe, als Jugendlicher irgendwann, eher mit 16 etwa, dann als Erwachsener noch mehrfach, ich mag das Buch sehr. Ich habe bei der Novelle diesen seltsamen Effekt, dass mir der Einstieg in die Rahmenhandlung zu einer Art ASMR-Effekt verhilft, ich weiß gar nicht, ob das anderen Menschen auch mit Texten so gehen kann? Kennen Sie dergleichen? Dass da nämlich der Erzähler so ausführlich einleitend erzählt, dass er früher einmal einen Text gelesen hat, in dem jemand erzählt, dass ihm etwas erzählt wurde, was wiederum auf alten Erzählungen beruht – ich könnte schnurren, wenn ich denn könnte. Es ist etwas ausdrücklich Körperliches, es ist sehr merkwürdig.

Ich habe eher wenig tatsächlich machbare Punkte auf meiner Bucket-List, aber einmal noch etwas mit Rahmenhandlung schreiben, und sei es nur eine ganz kurze Geschichte, das steht tatsächlich drauf. Vielleicht wenn die Söhne aus dem Haus sind, man muss dann ja auch etwas vorhaben.

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Eine Dankespostkarte (enthält auch eine Art Trinkgeldbericht und sonstigen Dank)

Rückseite

Ich habe zu danken für die Zusendung eines gewünschten Buches von Stig Dagermann sowie auch größerer Mengen Weihnachtstee. Jetzt fehlen mir nur noch diese ruhigen Winterabende, von denen immer alle reden und schreiben, dann wird hier auch exzessiv gemütlich gelesen, aber sowas von. Ganz herzlichen Dank also an die Schenkenden, auch im Namen diverser weiterer Familienmitglieder, die vom Tee in den nächsten Wochen ebenfalls profitieren werden.

Und wo ich schon dabei bin – ich habe die Trinkgeldberichte in den letzten Wochen nicht geschafft, pardon. Ich bekomme die größeren Posten aber noch zusammen. Sie haben mit den Summen zum einen den Zoobesuch bei Hagenbeck bezahlt, über den ich ausführlich geschrieben habe, ferner den Besuch des Kletterwaldes, ich berichtete ebenfalls. Dann gab es noch den Besuch eines sogenannten Spaßbades, ich erwähnte es selbstverständlich, wenn auch eher am Rande. Alle Ausflüge fanden zu Zeiten statt, als uns das noch passend und machbar vorkam, es ist teils schon eine Weile her. Ich wollte dem fraglos vorhandenen Nachholbedarf der Söhne zumindest ansatzweise gerecht werden, viel mehr an gut und zwischendurch machbaren Ausflügen fiel uns dann allerdings auch nicht ein.

Wir haben außerdem Trinkgeld in guten und sehr guten Espresso investiert und einen erheblichen Anteil auch in meinen neuen Computer, sonst würde hier nämlich gar nichts stehen, da die Söhne überzeugend dargelegt haben, dass sie mein altes Notebook für Minecraft etc. benötigen. Was will man machen, sie sind mittlerweile zu alt für Holzspielzeug.

Aus dem Sommer, der war wohl neulich noch, wenn ich meinen Notizen glauben darf, war noch zweckgebundenes Geld für Eis übrig, das haben wir erst jetzt verwendet, saisonal angepasst als Beilageeis zu Bratäpfeln. Immer flexibel sein!

Heute Morgen habe ich, da wird sich jetzt jemand wundern, wie lange ich manchmal brauche, das Geld mit dem Betreff „Für belegte Brötchen“ ausgegeben (und fast einen Herzinfarkt bekommen, als ich sah, was die heute kosten. Alter Schwede! Geht‘s noch? Ich bin ganz aus der Übung bei dem Thema, ich schmiere ja immer brav und sparsam Schulbrote).

Ebenfalls aus grauer Vorzeit war noch eine kleine Summe mit Betreff „Ikea“ übrig, das ist jetzt ein Lampenanteil im Wohnzimmer geworden.

Die beiden ältesten Betreffzeilen, die sich auf Summen beziehen, die ich nach wie vor noch nicht ausgegeben habe, verweisen übrigens auf die Ostseewanderung mit Sohn II, die mir in Pandemiezeiten nicht mehr passend oder machbar erschien, und auf die Zutaten für Bananenbrot. Ich kam einfach nicht dazu. Dabei finde ich Bananenbrot gut. Aber hier wird nichts vergessen, gar nichts. Irgendwann wieder wandern, womöglich mit Bananenbrot dabei.

Vielen Dank jedenfalls für jeden eingeworfenen Euro und auch jeden Cent, wie fast immer wird auch etwas in die Weihnachtsgeschenke für die Söhne gehen, welche hier noch nicht zu erörtern sind.

Und dann noch ein weiterer Dank, ich hänge ihn hier einfach dran. Ich hatte da gerade diesen Text in einem kirchlichen Adventskalender mit geradezu monströser Auflage. Dazu erreichten mich erstaunlich viele und überaus freundliche Zuschriften auf etlichen Kanälen. Ich bin sicher nicht allen gerecht geworden, aber ich habe mich sehr, sehr gefreut, das war toll.

Also, ich danke bewegt und gerührt, bestes Publikum, es war mir alles ein Fest, ist es noch.

Vorderseite

Ein sehr frisches Bild, gerade einmal zwanzig Minuten ist es im Moment des Schreibens alt, und wir brauchen wieder Bewegtbild und Ton auf dieser Karte, aber das kennen Sie ja schon. Die Kulisse: Eine abendliche Straße neben dem Hauptbahnhof, es ist etwa 18 Uhr an einem Wochenendtag. Schwach beleuchtete Hotels, geschlossene Restaurants, Dunkelheit und Tristesse, rotes Ampellicht auf nasser Straße. Treibender Schneeregen bei einem Grad, es bleibt nichts Weißes liegen, es ist einfach nur unangenehm und unansehnlich, es ist Dezember in Hamburg, wir haben es hier nicht so mit dem Winter Wonderland. Im Hintergrund der riesige Bahnhof, hastende Menschen einsaugend, alles rennt auf die lockenden Lichter im Gebäude zu, durch den Regen, durch den Schnee, durch das graue Gemisch. Geöffnete Schirme, hochgeschlagene Kragen und Kapuzen, hochgezogene Schultern, es wird gerade immer noch mehr, was einem da eisig um die Ohren fliegt. Da vorne ein Vater in Outdoorjacke, der krümmt sich schiebend über den Bügel eines Buggys, den er im Laufschritt durch diesen scheußlichen Abend lenkt. Im Buggy ein Kleinkind. Ob Mädchen, ob Junge, es ist im eiligen Vorbeimarsch nicht zu erkennen, aber ein frohes Kind ist es, so viel steht definitiv fest. Sehr vergnügt ist es sogar, hell begeistert ist es von diesem Wetter, da ist nämlich Schnee in der Luft, Schnee, guck mal, Schnee! Das Kind hat sich nach vorne gebeugt, die eine Hand hält den Sicherheitsbügel über dem Sitz wie die Zügel der Rosse eines antiken Streitwagens, die andere Hand hat es jubelnd und winkend nach vorne gereckt, in die Nacht, in den heranjagenden Graupelschauer, in die Kälte, die Nässe, und das Kind singt aus Liebeskräften und herrlich falsch, jauchzend vor Begeisterung: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind …“, während sein Vater hinten zuverlässig immer weiter trabt und schiebt.

That’s the spirit, denke ich, als ich das enthusiasmierte Kind überhole, that’s the spirit. Allerdings habe ich ihn gerade eher nicht.

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So geht es zu da draußen

Vielleicht ist dort, wo Sie wohnen, gar keine Stadt, vielleicht nur ein Städtchen, ein Dorf? Vielleicht möchten Sie wissen, wie das gestern in der Stadt war, wie es in einer großen Stadt war, mit diesen neuen Regeln für die Läden?

Ich habe nachgesehen. Die Innenstadt ist hier um die Ecke, das ist mein tägliches Spaziergangsrevier. Die Fußgängerzonen mit den Geschäften der großen Ketten, diese Gegend also, in der sämtliche Einkaufstouristen unweigerlich landen. Es ist im Moment auch die Gegend, die ein fast durchgehender Weihnachtsmarkt ist. Die Weihnachtsmärkte habe ich mir ebenfalls und gründlich angesehen, aber darüber schreibe ich an anderer Stelle, ich verlinke in Kürze.

Die Läden also. Ich gehe zunächst durchs kleine Bahnhofsviertel und gucke dort nach. In der Tür des Geschenkeladens steht einer und ist, ich möchte diese beiden Begriffe am liebsten unterstreichen, nachdrücklich freundlich. Er sagt den Kundinnen, dass sie selbstverständlich reinkommen können, dass das gar kein Problem sei, da Handy, hier Scanner, dort Ausweis, zack, fertig, war das jetzt schwierig oder was, nein, das war es wirklich nicht. Ich sehe zu. Es gibt Kundinnen, Kunden sind mitgemeint, die steigen auf diesen Tonfall ein, die reden auch so nachdrücklich freundlich, es ist ein wenig wie in einem Sketch, alle Dialoge gescriptet, alle aufgesagt: „Guten Tag, wir möchten gerne rein! Hier, das Zertifikat, hier, der Ausweis! Das ist aber schön, wie das klappt!“

Der Laden ist nicht leer, er ist auch nicht voll. Er ist vielleicht exakt so voll, wie er jetzt sein darf. Andere Läden haben allerdings gar nicht erst aufgemacht, ist das ein Zufall, hat da jemand einfach keinen Bock mehr, ich weiß es nicht. Vielleicht sortieren sie dort auch noch die Maßnahmen durch und öffnen heute später, das mag sein. Menschen stehen unschlüssig vor den Türen von Reinigungen und Handwerksbetrieben, darf man da jetzt einfach rein oder wie, ist das Handel, wie war das denn jetzt, also was nun. Sind Blumen Grundbedarf? Auch egal eigentlich, wir sind ja geimpft. Man hält das Handy mit dem Zertifikat hoch, immer mutig voran.

Die Restaurants, Kneipen und Cafés sind, ich prüfe das mehrfach am Tag, definitiv leerer als sonst. Sie sind nicht gerade trostlos leer, aber doch immerhin so leer, dass man überall mit Sicherheit noch einen Platz bekommt. Das ist ein Zustand, den es in diesem gerne Szeneviertel genannten Stadtteil sonst nicht gibt. Es gibt eher das Gegenteil, also die Gewissheit, nirgendwo einen Platz zu bekommen. Die letzten Wochen war das noch so, es ist jetzt wieder gekippt.

An einem italienischen Restaurant hängt ein Hinweiszettelrekord im Fenster, mittlerweile acht Regelblätter kleben da an der Scheibe. Maskenregeln, Abstandsregeln, G2, Sonderöffnungszeiten, was weiß ich alles. Teils ist das gar nicht mal so groß gedruckt. Ganz unten auf einem Blatt mit viel erklärendem Text steht: „Die Regeln für Kinder und Jugendliche können je nach Bundesland abweichen.“ Als ob eine Bundeslandgrenze durch den Laden gehen würde. Was gilt wo, es weiß ohnehin niemand mehr zuverlässig. Es gibt jetzt Apps dafür.

Vor dem asiatischen Massagesalon stehen zwei männliche Jugendliche und stellen sich ganz andere Fragen, nämlich ob es da drinnen nun um sexuelle Dienstleistungen geht oder doch nur um blöde Massagen. Sie diskutieren hin und her: „Alter, das sieht man doch!“ „Digger, was siehst du, ich seh da überhaupt nix.“ Klischeemäßig verpickelte Gesichter vor einer Grafik mit Fußreflexzonen und einer Winkekatze.

Ich gehe in die Innenstadt. Skandinavien hat Ausgang, die Stadt ist voller Touristen aus dem Norden. Es werden viele Fotos gemacht, man hört enorm viel Fremdsprachliches, ich kann die Sprachen nicht immer sicher unterscheiden. Mehrheitlich ist es Schwedisch, glaube ich. In den ruhigeren Nebenstraßen stehen überall Menschen mit aufgeschlagenen Reiseführern und geöffneten Karten-Apps auf den Handys, die suchen den Weg zurück ins Gewimmel, zu den Attraktionen, zum Rathaus, zum Hafen, zur Alster. Aus einem Imbiss kommt laute Reggae-Musik, ein Familienvater macht übermütig alberne Tanzschritte vor der Tür dazu. Seine pubertierende Tochter pfeift ihn an, er möge bitte nicht so entsetzlich peinlich sein, und ich verstehe ihren gezischten Satz, obwohl ich ihn mangels Sprachkenntnis gar nicht verstehen kann. Parents international.

Vor den Geschäften gibt es Schlangen, natürlich gibt es jetzt Schlangen. Lange Schlangen auch, besonders vor der Mode, und ganz besonders vor der jungen Mode. Es ist unspektakulär schnell erklärt, fast alle Menschen in den Schlangen tragen Masken, warten brav und rücken nach und nach vor. Dann die Kontrolle, die bei allen Läden, die ich gesehen habe, geradezu unhamburgisch freundlich abläuft. Die Läden sind jetzt nicht mehr brechend voll, aber immer noch gut voll, die meisten Läden jedenfalls. Die Straßen allerdings sind unverändert rappelvoll, alles geht und steht dicht an dicht. Massen, Völkerscharen, das Umland ist sicher auch komplett angetreten. Möchte man das konsumfreundlich sehen, so kann man den Leuten wirklich nicht vorwerfen, sie würden ihr Geld nicht ausgeben wollen. Und wie die wollen.

Aus einem Bekleidungshaus kommt ein Paar mit großen Papiertüten, der Türsteher vom Sicherheitsdienst sagt, und auch das klingt wie ein Satz aus einem falschen Drehbuch: „Kommen Sie doch bei Gelegenheit gerne einmal wieder vorbei.“ Ein Satz, der in eine Boutique passt, aber hier? Es ist alles etwas seltsam, aber auch alles ziemlich nett. Jedenfalls das, was ich sehe und höre, es bleibt selbstverständlich eine ungenügende Zufallsstichprobe.

Ich sehe keinen Protest, ich höre keine bösen Sätze. Später lese ich staunend, dass ich eigentlich durch eine Querdenker-Demo gelaufen sein müsste, durch eine ziemlich große Demo sogar. Ich habe sie nicht gesehen. Entweder stimmten die Zeitangaben auf der Nachrichtenseite oder die auf meinem Handy nicht, vielleicht bin ich auch durch einen aberwitzigen Zufall unachtsam durch eine große Lücke der Demo gegangen, ich weiß es wahrhaftig nicht. Ich habe nichts gesehen, ich habe nichts gehört. Für meine Rolle als Beobachter und Chronist ist das wiederum erhellend, eine Verschiebung von zehn Minuten und ein paar Metern wäre wohl nur nötig gewesen, und Sie hätten hier keinen Bericht über Freundlichkeiten an Geschäftseingängen gelesen, sondern Beunruhigendes über verschwurbelte Aufrührer. So kann es gehen, so wechselhaft ist das Stadtbild.

Einen Mann nur habe ich gesehen, der stand mit einer Fahne vor der Kunsthalle. Was auf der Fahne stand, konnte ich nicht lesen, es war zu viel Text, die Symbole kannte ich auch nicht. Der Mann sah bedröppelt aus und guckte unglücklich, ich dachte, der sei da allein und der Protest sei wohl eher in sich zusammengefallen, er hier der ratlose Rest. Das war falsch, aber so sah es in dem Moment aus.

Es ist schon eine Weile her, da berichteten Medien über Unruhen in einer Stadt, in den USA war es, glaube ich. Die Timelines waren voll mit Videos von Demos, Rauch und Action, etliche beunruhigende Bilder der Gewalt. Und ein Journalist, dem ich auf Twitter folge, schrieb aus seinem Büro mitten in dieser Stadt: „Also hier ist nichts.“ Beides war sicherlich richtig. So geht es nun einmal zu da draußen.

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Ich wollte nie ein Weekly sein

Die Überschrift zu dieser Melodie von dem Maffay-Song zu singen, Sie wissen schon. Ich mache Ihnen aber doch lieber einen anderen Begleitsong an, Moment, hier ist er: „Nothing good can come from that.“ Das denkt man ohnehin öfter im Moment.

Es wäre viel besser für mich, käme ich öfter zum Schreiben. Das liegt daran, glaube ich, dass ich im Schreiben wohne. Wenn ich schreibe, weiß ich, was ich denke, wenn ich nicht schreibe, wölkt das nur so vor sich hin und wird allzu oft kein greifbares Gebilde. Ungefilterte Rückstände überall im Hirn, im Grunde eine einzige Schweinerei. Ich bin leider nicht gut im Denken, wenn die Hände nicht mitmachen können. Ich schreibe etwas auf, ich denke: Ach guck, so ist das. Vielleicht ist es auch schlimmer, ziehe ich gerade in Erwägung, vielleicht gilt das gar nicht nur für das Denken, sondern auch für das Fühlen (vor der Konjunktion sondern kommt immer ein Komma, nicht wahr, ich lerne so dermaßen oft und viel mit den Söhnen, ich werde mich eines Nachts in einen ungeheuren Oberstudienrat verwandeln oder es ist längst schon geschehen, was weiß ich). Ist Ihnen übrigens klar, dass die Schulkinder nach wie vor einen erheblich erschwerten Alltag haben, den Erwachsene im Großraumbüro ernsthaft keinen einzigen Achtstunden-Tag mitmachen würden, es aber im Gegenzug nicht die geringste Erleichterung im Lehrplan gibt? Stellvertreterwut, so etwas habe ich früher auch nicht gehabt. Aber das nur am Rande.

Egal. Die Woche. Konzentration. Das Wetter war schlecht, glaube ich. Wenn ich draußen war, dann meist mit Kapuze auf und diesem für Brillenträger typischen Blick zum Boden, dass einem bloß keine Tropfen auf die Gläser fallen. Natürlich wenig mitbekommen auf diese Art, graue Gehwegplatten, viele davon. Manchmal verblasste städtische Maskenhinweispiktogramme in Gelb darauf. Oder auch Reste aufgeklebter Markierungen vor Läden und Einrichtungen, die einmal 1,5-Meter Abstandszonen markiert haben, Fetzen nur noch davon, man sieht gerade noch, wie es gewesen ist. Oder wie es wieder wird.

Was ich sonst noch sah, sah aus wie immer. Weihnachtsmenüzutaten im Discounter, alles auf edel und festlich gemacht, Gänsebratensoße aus dem Tetrapack. Reduzierte Adventskalender, alles muss raus. Auf einmal auch wieder Wild in der Tiefkühltruhe. Steckrüben, Pastinaken und Grünkohl in den Gemüseregalen. Auf allen Kochzeitschriften Plätzchenbilder. Draußen dann wieder Regen, Schneeregen, Schnee, dieser nur ganz kurz. Keine Änderung im Stadtbild, in den Schaufenstern. Alles ist wie in der letzten Woche. Abgesehen von dem einen Tag, an dem ich zweimal draußen war und zweimal direkt um die Ecke eine Prügelei gesehen habe, echte Schlägereien in diesem Fall, eine auch polizeipflichtig. Dann dachte ich, ein drittes Mal gehe ich heute nicht mehr raus, lieber mal drinnen bleiben. Was ist denn mit den Leuten los?

Ich kaufe ein Kissen Grünkohl, es hat schon gefroren ich darf das. Ich versuche ein Rezept für Grünkohl mit Mettenden und Kartoffeln aus dem Ofen. Der Grünkohl verbrennt und die Kartoffeln werden nicht gar, die Mettenden platzen unschön auf. Ich stehe kopfschüttelnd vor dem Blech mit dem Ergebnis, es ist ein einziges Desaster, lange habe ich nicht mehr so in der Küche versagt. Ein Sohn kommt frierend aus der kalten Schule und sagt: „Das riecht aber mal sehr gut heute!“ Dann isst er begeistert fast alles auf. Vielleicht doch mehr Experimente beim Essen wagen.

Ein Paketzusteller klingelt, kommt aus dem Fahrstuhl und fragt: „Bist du du?“ Ich sage „Jo“ und bekomme mein Paket. Darin ist eine Weste zu einem Anzug, die Herzdame fragt, wieso Weste, wieso Anzug, willst du irgendwohin oder was. Ich sage, mir war eben danach. Ich brauche auch mal Trost-Shopping, andere machen das dauernd, und ich kaufe doch sonst nie was, ich werde ja wohl mal dürfen. Die Herzdame hat wieder diesen Betreuerinnenblick.

Ich lese Sohn II am Abend aus Manfred Kyber vor. Der Herr ist hier aufgrund meiner Kindheitserinnerungen so ein traditionelles Familiending und übrigens der Grund, warum ich heute noch dauernd mit Tieren rede. Es geht da gerade um eine Märchenfigur, um einen winzigen Elf, und im Text steht: „Er war so klein, dass es nicht lohnt, zu erwähnen, wie klein er war.“ Dann reden wir lange über diesen Satz, den wir beide seltsam gut finden, wir wenden ihn um und untersuchen die Wirkung und den Witz, es ist im Grunde wie in der Schule, nur aus echtem Interesse. Wir wollen ihn uns merken, den Satz, und bei Gelegenheit irgendwohin übertragen.

Ich lese Sohn I aus einem amerikanischen Fantasyroman vor, der ist so platt und vorhersehbar, dass wir uns gegenseitig vor jedem Kapitel aufsagen, was wohl passieren wird, und wir liegen nie falsch. Das kann man auch beruhigend finden. Die beiden Hauptfiguren verlieben sich, natürlich tun sie das. Und prompt. So ist das nun einmal. Weltliteratur ähnlich, wie wir alle wissen. Wie das Buch wohl ausgehen wird? Wir haben da einen todsicheren Tipp, aber wir lesen es dennoch bis zum Ende.

Ich lese der Herzdame aus Wolfdietrich Schnurre vor, eine Vater-Sohn-Weihnachtsgeschichte aus dem Berlin in der Wirtschaftskrisenzeit. Schnurre hat viele Geschichten mit hervorragender Vorleselänge geschrieben. Die Länge kommt mir seltsam bekannt vor, es ist diese Länge, die heute auch Bloggeschichten oft haben. Zehn Minuten Lesezeit oder weniger, wissen Sie noch, Lesungen? Hat man früher gemacht. Wie die Schnurre-Geschichten damals in der Jugend mein Berlinbild geprägt haben, es fällt mir beim Wiederlesen auf. Vater und Sohn verlassen da ihre eiskalte Wohnung und wärmen sich im großen Museum für eine Stunde an der Heizung unterm Dinosaurierskelett. Die Herzdame und ich denken daran, dass wir da mal waren, bei diesem Skelett, mit den Söhnen. Damals, als man noch herumreiste. Es ist auch schon eine Weile her.

Noch ein Lied, fröhlicher wird es heute nicht.

Ich lasse mir Hörbücher vom Streamingdienst vorlesen. Zuerst noch etwas Stifter, bis mir der biedermeierliche Anteil in seinem Werk doch etwas zu viel wird. Diese -eins am Ende der Wörter machen mich auf Dauer irre. Da tragen die Knäblein und Mägdlein immerzu weiße Höslein, und auf den Tischlein in den Stüblein liegen Messerlein neben den Milchtöpflein. Ich höre es und schüttele mich, da kommt das Herzdämlein herein und bringt mir ein dampfendes Kaffeebecherlein, wobei sie aber nicht spricht, sondern nur lieblich lächelt, den nachdenkenden guten Familienvater nicht zu stören – nein, das geht manchmal einfach nicht. Man möchte aufstehen und umgehend eine Punkband gründen. Man möchte sie „Asbest und Hässlichkeit“ nennen und fortgeschritten verdorbene Texte schreiben.

Stifterpause also. Moment, was sagt er da noch, der Adalbert, das nehme ich eben noch mit: „Untergehenden Völkern schwindet zuerst das Maß.“ Oder wie man heute sagen würde: Wir sind einfach todeslost. Gleich den alten Tweet von dem FDP-Chef wieder in der Erinnerung: „Ich möchte nicht verzichten.“ Was hat der mich damals aufgeregt, der Satz, es ist auch schon wieder zwei Jahre her oder so. Ein Niveau wie ein Kita-Kind, unerträglich.

Ich brauche zwischendurch einigermaßen dringend etwas Modernes, ich höre Wolfgang Herrndorf, Stimmen. Ein Zitat auch daraus: „Ich hatte Angst. Natürlich gefiel mir das auch, wann hat man schon einmal Angst.“

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Hatte ich nicht neulich diesen Tee bestellt? Via Simone Buchholz auf Twitter.

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Der große Dezember zeigt seine leeren Hände

Das ist nicht von mir, was da in der Überschrift steht, das ist eine Zeile aus dem neuen Weihnachtslied von Erdmöbel.

Der große Dezember also. Haben Sie die oder den Adventskalender, die Nikolaussüßigkeiten, die Weihnachtsgeschenke, die Kerzen, die Deko, die Backzutaten, die Rezepte, die Menüplanung, sind Sie vorbereitet auf dies und alles, auch auf den Lockdown, den Shutdown, auf alle denkbaren Varianten davon, haben Sie Vorräte von allem, haben Sie die Ferienplanung parat und haben Sie auch den Plan B und C für alle Möglichkeiten und pandemischen Specials? Anna Aridzanjan war es, so glaube ich zumindest, die auf Twitter den Begriff „Sorganisation“ eingeführt hat, den merkt man sich doch gerne.

Wir fragen die Söhne, wenn sie aus der Schule kommen, wie viele Tests heute positiv waren, so gewinnen die Tage etwas an Spannung. Die Luftfilter für ihre Klassenräume, die in Hamburg bis zu den Herbstferien so sicher geliefert werden sollten, sie kommen jetzt demnächst wirklich. Vielleicht.

Es ist übrigens so, dass die Herzdame und ich durchgehend Home-Office machen – wegen dieser Pandemie. Aus Sicherheitsgründen, Kontaktreduzierung und so, Sie kennen das. Die Söhne dagegen gehen jeden Tag in die Schule, in rappelvolle Räume, und wissen Sie was? Die merken das. Kinder können denken, es überrascht manche Erwachsenen immer wieder. Ich halte es für vollkommen ausgeschlossen, dass diese Generation irgendwann auf diese Zeit zurückblickt und mit dem dann damaligen Verhalten der Erwachsenen zufrieden sein wird. Vielleicht erkennen sie rückblickend die Bemühungen ihrer Eltern und natürlich auch so mancher Lehrerinnen und Lehrer an, aber in der Gesamtheit – sie werden es uns übelnehmen, sie werden sich betrogen und veralbert fühlen. Alles andere würde ich für ein Wunder halten.

Egal. Im Discounter, ich habe das eben gerade gesehen, liegt jetzt schon das Zeug für Silvester in den Regalen. Knallbonbons und dergleichen, die sind da wieder ganz weit vorne, die Spitze der Bewegung durch den Kalender sind sie, gleich liefern sie auch die Ostereier, ab geht die Post. Ich fühle mich zeitlich dezent überfordert, aber wer fühlt sich nicht so.

Der große Dezember, das ist an sich eine schöne Idee, ich würde ihr auch gerne folgen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob und wie ich dem Monat Größe geben kann. Da mal drüber nachdenken! Wobei es mir schon hilft, etwas zu schreiben, merke ich gerade. Wenn ich schreibe, bekomme ich immerhin eine Weile die Nachrichten nicht mit, jetzt schon ganze zwanzig Minuten lang nicht, das ist seelisch unbedingt zu empfehlen. Mittlerweile machen die News mich nämlich auf eine Art wütend und ratlos … ach, es fallen einem gar keine Beschreibungen mehr ein.

Noch ein paar Links.

It’s my blog and I cry if I want to

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Wir halbieren Kontakte

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Über erzählende Affen. Das klingt doch interessant.

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Es steht außerdem eine Dankespostkarte aus, falls Sie darauf warten, pardon, hier geht gerade alles nach, es tut mir leid. Kommt noch! Danke für die Sendungen schon einmal!

Und falls Sie auf Spotify sind oder anderweitig Hörbücher hören, vielleicht diese gar löblicherweise kaufen, ich habe gerade „Wenn das Wasser kommt“ gehört, ein Essay von Rutger Bregman (mit Susanne Götze), übersetzt von Ulrich Faure. Es geht um den steigenden Meeresspiegel und um Johan van Veen, alias Dr. Cassandra, den Sie vermutlich nicht kennen, aber vielleicht kennen sollten. Wenn man will, kann man einige der im Text geschilderten Aspekte des Verhaltens der Menschen bei Katastrophen zwanglos auf eine gewisse Pandemie übertragen. Passt schon. Passt sogar sehr gut.

Und weil man gewisse Scherze ganz unabsichtlich macht, habe ich das Buch, ohne mir etwas dabei zu denken, gestern in der Badewanne gehört. Das Wasser stieg und stieg, während ich darin tatenlos herumlag, und ich brauchte wirklich bemerkenswert lange, bis es mir auffiel, was ich da veranstaltete, ein kleines Hörbuch-Happening nämlich, mit allerdings eher schlichter Symbolik.

Apropos. Sollten Sie gerade eine Tschechow-Ausgabe zur Hand haben, lesen Sie doch mal die Geschichte „Der Mensch im Futteral“ nach. Erstens hat die Story eine großartige Pointe, zweitens denkt man beim Lesen unweigerlich an Menschen, die Masken tragen, Kopfhörer in den Ohren haben, Mützen darüber …  es passt höchst eigenartig.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!