Kawummgewinn

Alle Welt teilt heute das bemerkenswerte Video eines jungen Youtubers, der sich aus politischen Gründen nachvollziehbar in Rage redet, ich mache das auch. Wenn man sich viel später einmal fragen wird, wie das denn damals genau war, als die “Fridays for Future”-Kampagne allmählich deutlich an Kawumm gewann – ich denke, das kann als Quelle dienen. Und wenn man sich heute fragt, ob dieser Stil und dieser Inhalt bei der jungen und sehr jungen Zielgruppe auch ankommt – aber hallo.

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Ich habe “Die Glut” von Sándor Márai durchgelesen, übersetzt von Christina Viragh. Der Herr war mir nicht geläufig und die k.u.k.-Zeit ist auch nicht gerade mein Lieblingsthema, aber wie bei fast allen Büchern, die sich mit dieser Epoche beschäftigen, spricht mich das geringere Tempo an, my special kind of wellness. Ironisch-nostalgisch oder wie man das dann korrekt benennt. Wenn im Roman eine Kutsche fährt, dann werde ich ruhiger, es wirkt eben. Zugegeben, ich könnte mir auch Bildbände ansehen, so wenig geistreich ist dieses Lesen. Macht nichts.

Man kann das Buch natürlich intellektuell nennenswert ambitionierter als ich lesen und es dann ebenfalls gut finden, habe ich jedenfalls im Internet gesehen. Und da ich dem Herrn Márai damit vielleicht eher gerecht werde, sehe ich demnächst auch noch schnell in seine Tagebücher.

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Im kulturellen Gegensatz dazu war ich mit den Söhnen neulich erst in einem Skater-Park und direkt danach in einem Fachgeschäft für Graffiti-Ausrüstung und Street-Style-Fashion für den Urban Jungle, wo ich mich dann konsequenterweise so fühlte, als sei ich der Urgroßvater der beiden. Selbstverständlich war ich aber hauptsächlich als Zahlmeister anwesend, und das bekommt man auch bei der größten inhaltlichen Fremdheit hin.

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Am Sonntag hat die Herzdame in der Laube Vorhänge montiert, hier die Bildbeweise:

 

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Ich habe mich derweil in eine frühsommerliche Pflanz- und Sä-Ekstase gearbeitet, alles, was nach den Eisheiligen raus oder in die Erde konnte, ist jetzt auch tatsächlich am Start und im Boden. Außerdem habe ich, da sämtliche Beete schon seltsam voll waren, reihenweise sinnlos und leer herumstehende Blumentöpfe und Kübel bepflanzt, bis ich vier große Sack Erde verbraucht hatte. Jetzt müsste in ein paar Tagen überall etwas sprießen.

Es gibt, soweit ich sehe, tatsächlich nur eine einzige offensichtliche Lücke im Buchmarkt für den Gartenfreund, nämlich ein Buch, das freundlich erklärt, wie man mit verdammt wenig Zeit einen Garten halbwegs ansehnlich betreiben kann. Es gibt mehrere Bücher über das Gärtnern mit verdammt wenig Geld, aber wenig Zeit zu haben, das scheint in Gartenkreisen nicht verbreitet zu sein. Seltsam, als ob den Menschen mit dem Garten auch die Muße und die Freizeit zuwachsen würden, bei mir ist das nicht so.

Was ich sagen wollte: Mit einem Wochenende in der zweiten Maihälfte kann man schon recht weit kommen, die nächsten paar Tage wird es bei uns wieder nichts werden.

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Der Musiktipp heute von Sohn I: Pretty Girl.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Grünkohl im Mai

Was alles kaputt ist.

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Abbaubares Plastik – oder auch nicht.

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Im Vorübergehen gehört:

“I think Spanish songs are just perfect.”

“Yes, as long as you don’t understand the lyrics.”

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Ich habe in den letzten Tagen mit einem Sohn zusammen die ganzen Hobbit-Filme gesehen, bleibe jedoch dabei, dass mich das eher überhaupt nicht interessiert, bewegt oder fasziniert. Immerhin kann ich jetzt, das ist das Gute, die ganzen Anspielungen auf die Figuren endlich verstehen und Beleidigungen künftig um eine Nuance reicher differenzieren. Das ist auch etwas wert.

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Nach wie vor beschäftige ich mich mit Online-Aufräumarbeiten, lösche alte Tweets und FB-Einträge, auch uralte Blogeinträge, die mir nicht mehr passen, die keinen Sinn mehr haben, die nicht mehr verständlich sind, die zu viele kaputte Links enthalten. Ab und zu finde ich dabei Texte, die gleichzeitig inhaltlich gültig geblieben sind und doch klingen, als seien sie etwa hundert Jahre alt. Etwa diesen hier aus dem Jahr 2006. Die Pointe gilt nach wie vor, glaube ich, aber an den Begriff “stumpfe Flechte” kann ich mich nicht einmal mehr ansatzweise erinnern.

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Ich war am Donnerstag mit Sohn II beim Reiten und habe nicht bedacht, dass das tendenziell ein Outdoorsport ist, weswegen ich da im noch einmal fortgeschritten novembrigen Wind gestanden und gefroren, gefroren, gefroren habe, so sehr gefroren, dass ich nur noch lachte, als dann auch noch der Regen einsetzte. Der immerhin ohne Graupel war, es ist ja nicht so, dass ich das Positive hier achtlos übersehen würde. Na egal, das Kind war glücklich und ich hatte wenigstens beste erwachsene Begleitung dabei. Man sollte die Sportarten der Kinder überhaupt stets nach den anderen Eltern auswählen. Wenn Sie die Familiengründung noch vor sich haben, dann merken Sie sich das bitte, das war kein Scherz.

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Am Freitag ich festgestellt, dass wenig Dinge mir so auf die Nerven gehen, wie etwas, an dem “Spaßbad” dransteht. Herr im Himmel, ist das unlustig. Aber auch egal, ich konnte dort immerhin drei Stunden am Stück lesen, da die Söhne mittlerweile aus dem Alter raus sind, in dem man noch mit ins Wasser muss. Und ungestörtes Lesen war für mich erheblich dringender als Schwimmen (Judith Schalansky, “Verzeichnis einiger Verluste” hatte ich dabei, was vielleicht nicht ganz die richtige Wahl war, aber auf die scheine ich sowieso gerade einfach nicht zu kommen).

Während ich im überheizten Spaßbad auf einer Liege unter einem Glasdach saß, kam die Sonne raus, kam die Wärme, kam der Mai, also der Mai, den man so meint, nicht der auf dem Kalender.

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Am Sonnabend waren wir dann im Garten, haben die ersten Radieschen geerntet und weiter am Staketenzaun gebastelt.

 

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Ich weiß, dass andere so etwas in zwei Stunden aufstellen, aber da hier jeder Pfosten halbstündig diskutiert wird, dauert es bei uns eben etwas länger.

 

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Das macht aber nichts, es ist dafür ein sehr einvernehmlicher Zaun, ein vorbildlich familiendemokratischer Zaun. Die Menschen, die an unserer Parzelle vorbeigehen, bleiben stehen und fragen uns, wozu denn der Zaun da gut sei? Wir erklären, dass der gar keinen Zweck habe, dass der nur dekorativ sei … und dann gucken die alle so skeptisch und legen den Kopf schief und gucken noch einmal und fragen sich vermutlich, was man überhaupt unter dekorativ versteht. So gibt unser bescheidener Zaun der Allgemeinheit wichtige Fragen auf, und das ist ja auch schön.

Die Herzdame und die Söhne haben außerdem die Billerhuder Insel erstmalig umrudert. Wenn ich die Söhne richtig verstanden habe, wird das noch öfter vorkommen, dann folgt hier irgendwann ein Wassersportbericht.

 

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Noch ein Gartentipp der etwas anderen Art – bei vielen Stauden steht beim Kauf etwas von “insektenfreundlich” dran, denn der gartenliebende Mensch möchte oft auch etwas für die Umwelt tun. Der insektenfreundlichste Knaller in unseren Beeten, die Nummer 1 in Insektenkreisen und wahre Topadresse ist allerdings der blühende Grünkohl. Also den einfach mal im Winter stehen lassen und abwarten, das wird dann im Frühjahr etwas und die Kinder freuen sich auch, wenn sie das Zeug nicht essen müssen.

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Musik! Jeff Goldblum and The Mildred Snitzer Orchestra with Haley Reinhart.

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Sieben, sechs, Sand

Im Vorübergehen gehört:

“Wenn man sich sechs Wochen kennt, so wie wir, dann kann man ja auch mal über Traumata reden.”

“Was?!”

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Ich fahre mit Sohn I nach Travemünde. Im Zug reist auch eine Grundschulklasse. Einer sitzt mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, guckt raus und erklärt dann: “Das fühlt sich an, als würde der Zug zurückgespult.” Zwei der Jungs sitzen uns gegenüber, stocksteif, weil wir ja Fremde sind. Misstrauische Blicke, Schweigen, die Zugfahrt hatten sie sich bestimmt lustiger vorgestellt. So kann man ja gar nicht reden, wenn andere die ganze Zeit zuhören. Kurz vor Lübeck überkommt es den einen dann aber doch noch, es muss einfach raus aus ihm, was er vermutlich schon seit etlichen Kilometern oder sogar den ganzen Morgen sagen wollte, und er stößt seinen Kumpel an und sagt: ”Ich habe jetzt sieben Tiere.” Woraufhin er so zufrieden aussieht, wie es nur möglich ist, wenn man etwa acht Jahre alt ist und gerade etwas verkündet hat, das schwerlich jemand schlagen kann, er hat den sicheren Triumph schon im Blick. Aber er hat sich den falschen Partner ausgesucht, der neben ihm sitzende Junge hat ohne lange Bedenkzeit eine passende Antwort parat. Die ist zwar vom quantitativen Aspekt her nicht exakt gleichauf, aber qualitativ geht da was, gar keine Frage. Denn er sagt, ohne auch nur ansatzweise beeindruckt zu sein: “Mir sind schon sechs Tiere weggestorben.”

Dann sehen beide ernst aus dem Fenster, vor dem schon die sieben Türme auftauchen. Das Leben ist ein Wettbewerb, man muss sehen, wie man durchkommt.

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Der Sohn und ich fahren weiter und gehen zur gerade eröffneten Sandskulpturenausstellung, die wir beide zu teuer und eher entbehrlich finden. Wenn man sich nicht gerade brennend für Sand interessant, ist man da in fünfzehn Minuten durch. Sechzehn Euro kostete das für uns beide, das können wir weder aus Kinder- noch aus Erwachsenensicht empfehlen.

Das macht aber nichts, denn es gibt nun einmal keine Garantie für gelungene Ausflüge, überlegen wir uns, und wir haben schon so viele großartige Ausflüge gemacht, da ist dieser eine Fehlschlag irgendwie auch okay. Wir haben eine Stunde Zeit, bis der Zug nach Lübeck fährt und wir haben nichts weiter vor. Wir lungern also einfach etwas herum, damit kenne ich mich ja aus. In Travemünde sinnlos herumzuhängen, das ist quasi eine Kernkompetenz von mir, auch wenn ich es lange nicht mehr geübt habe.

Wir fahren nach Lübeck und essen Eis. Viel Eis. Dann fahren wir wieder nach Hamburg und den Zugteil des Tages finden wir beide sehr entspannend, Zugfahren ist super.

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Musik! The King.

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Was schön war

Frau Meike über das andere Internet.

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Sven fährt Rad.

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Ich bin weiterhin fest entschlossen, das Schöne in der Woche zu finden, also verlasse ich besonders früh das Haus, denn wer früher geht, der kann auch früher wieder zurückkommen, soweit bin ich ja Fuchs. Direkt vor der Haustür liegt ein Apfel. Nicht irgendein Apfel, nein, das ist ein roter Apfel in waltdisneyschneewittchenhafter Schönheit, eine Glanznummer erster Klasse, echtes Vorzeigeobst. Aber da ich früher bei den Märchen an der Bettkante immer gut aufgepasst habe, nehme ich den nicht, beiße ich da nicht rein, sterbe ich nicht.

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Im Kiosk steht vor mir eine Mutter, die hat einen kleinen Jungen dabei, der vor der Quengelware das macht, wozu sie nun einmal da ist. Die Mutter schimpft und zieht ihn weg, er greift wieder ins Regal, die Mutters schimpft lauter, so wiederholt sich das noch mehrfach. Zwar schimpft sie in türkischer Sprache, den Inhalt kann man sich aber dennoch gut vorstellen, der wird von den deutschen Varianten kaum abweichen und es überrascht auch überhaupt nicht, dass sie ganz am Ende ihrer Tirade die Sprachen nahtlos wechselt und ihre Ausführungen mit einem sehr hamburgisch breit gekeiften “Oder hasse was anne Ohren, ey!” abschließt.

Wie schon oft festgestellt, ich mag diese spontanen Sprachwechsel sehr.

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Ich gehe am Vormittag kurz zu einem Bäcker neben dem Büro, vor der Tür hat gerade der Fahrer eines Paketdienstes mit seinem Lieferwagen das Fahrzeug eines anderen Paketdienstes touchiert, ein minimaler Auffahrunfall. Beide Fahrer springen aus den Autos und sind ohne jeden Verzug sofort auf dem Level von “Du kannst auch aufs Maul haben!”, denn wie bereits neulich erwähnt, auf den Straßen hier ist Krieg, siehe auch oben bei Sven. Dann stehen sich die beiden Transporthelden gegenüber und ihre Oberkörper pusten sich auf, Airbags nichts dagegen.

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Ich fahre mit Sohn I nach meiner Arbeit zu einer Skate-Anlage, auf der er dann das übt, was man da eben so macht,es sieht alles jedenfalls sehr urban aus, auch das Kind. Es finden sich bald Zuschauer ein. Ein sehr freundlicher Obdachloser, der sich gar nicht einkriegen kann vor Begeisterung, was die Kinder heute alles so machen! Das kann man sich ja gar nicht vorstellen, wie das alles geht, was die da anstellen! Guck dir das doch mal an! Der Sohn schafft gerade auch nach dem zwanzigsten Versuch eine bestimmte Kurve nicht und ist schon kurz vor der Kapitulation, aber der Obdachlose hat soeben seine Trainerqualitäten entdeckt und hält vom Rand aus laut und mitreißend genau den total überzeugenden Vortrag übers Durchhalten und Weitermachen, den ihm selbst vermutlich in irgendeinem entscheidenden Moment seines Lebens niemand gehalten hat – aber egal, er weiß zu überzeugen.

Und dass er da steht und schaukelt, das liegt auch nicht am Alkohol, das liegt daran, dass er beim Zusehen jede Kurve mit dem ganzen Körper mitgeht.

Ein ganz kleines Mädchen, das noch nicht in Sätzen spricht, kommentiert die Leistungen des Sohnes ebenfalls enthusiastisch, vor allem mit “Runta!” und “Rauf!”, wogegen inhaltlich nichts einzuwenden ist, rauf und runter wird da in der Tat pausenlos gefahren, ein Sportkommentar, der objektiv zutrifft. Und dann reißt es sie so hin, dass sie patschend applaudiert, dabei hat sie ein Strahlen im Gesicht, das fegt einem glatt den Grauschleier vom Tag.

Und damit ist es doch nach nur zwei Tagen Anlaufzeit schon wieder erreicht, meine Damen und Herren, es war etwas schön, fraglos schön sogar, es geht also doch noch. Wie der Obdachlose und das Mädchen da standen und jubelten, wie der auf einmal ungeheuer jugendlich aussehende Sohn da breit grinsend herumkurvte – doch, das war schön.

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Der Musiktipp heute auch von Sohn I: Felix Jaehn.

 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Nicht nichts

Ich trete also am Morgen erwartungsvoll vor die Tür, fest entschlossen, irgendetwas für das Format “Was schön war” zu finden. Dabei werde ich allerdings fast umgerannt von jemandem, der nicht so rennt, wie man entspannt oder sportlich rennt, nein, der rennt eher so krimimäßig. Bleibt ein paar Meter weiter abrupt stehen, sieht sich panisch um und rennt dann weiter. Auf seiner Jacke steht hinten “Security”, sein Verhalten scheint mir eher für das Gegenteil zu stehen. Ich gehe ein paar Meter, da läuft schon der nächste, auch wieder “Security”, er läuft aber andersherum um den Block. Auch bei ihm sieht es so aus, als seien sie hinter ihm her, Tod und Teufel, die anderen, wer weiß. Und das ist natürlich total unbefriedigend, weil man als Betrachter nicht herausfindet, wer nun genau hinter wem und warum. Ich warte noch eine Weile, es tauchen aber keine Verfolger auf. Nur Passanten wie ich, Leute auf dem zur Arbeit, die den beiden irritiert hinterhersehen. Ein Tagesanfang im kleinen Bahnhofsviertel eben, manchmal wäre ich doch lieber irgendwo auf dem Land. Aber das gibt sich wieder. Der Himmel immerhin, er ist blau so blau.

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Danach gehe ich zur Arbeit, dieser Teil des Tages eignet sich kategorisch nicht für “”Was schön war”, den lassen wir aus. Wobei! Immerhin steht in der Küche eine übriggebliebene und nur halb entleerte Keksschale, Reste irgendeines Meetings aus der Vorwoche, und es sind sogar noch welche mit Schokolade dabei. Das ist ja nicht nichts.

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Am Nachmittag gehe ich mit Sohn I zu seinem Sport und setze mich da in die Warte- und Zuguckzone, die dort recht gemütlich ausfällt und in der es sich gut arbeiten lässt. Manchmal jedenfalls. Heute setzt sich ein Mädchen neben mich, das aus einem Beutel etliche Playmobilteile auf den Tisch schüttet. Figuren, Zäune, Pferde, Kleintiere. Sie baut die ganze Szenerie nach und nach auf, wobei sie unentwegt redet, nein, reden lässt, denn die Figuren sprechen miteinander und meine Güte, haben die sich viel zu sagen. Sie haben alle Namen, auch die Tiere, und alle Sätze beginnen mit dem Vornamen des angesprochenen Wesens. Es sind sechsundzwanzig handelnde Figuren in dem Stück, also wenn ich richtig zähle, es ist wirklich nicht ganz einfach, denn da tobt das Leben, auf dem Tisch vor mir. Wenn das Mädchen auf einen Namen nicht sofort kommt, sagt sie konzentriert alle Namen nacheinander auf, bis sie auf die Bezeichnung kommt, die in die Lücke passt, sie murmelt die Namen dann wie ein Gebet, leise und schnell. Weil sie alle Rollen spricht, wird auch keine Figur je unterbrochen, alle können immer ausreden und überhaupt sind die alle sehr höflich miteinander. Außer der Vaterfigur, die bei geringsten Vergehen alle ohne Abendbrot ins Bett schickt. Eine Strafe, die ich fast schon vergessen hatte, ich dachte, sie gilt mittlerweile als ausgestorben.

Ich sitze also da, wo ich eigentlich schreiben wollte, um mich herum reden sechsundzwanzig Figuren aufeinander ein und an Konzentration ist nicht zu denken, ich schreibe keine Zeile. Abgesehen von diesen hier, versteht sich.

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Auf dem Rückweg gehen wir durch ein Kaufhaus, da hängt ein Spiegel, auf dem steht: “Fühlst du es auch”. Ich stelle mich davor und sage: “Nein.”

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Musik! Ältere Herrschaften mit betont seniorenkompatiblen Tanzschritten.Man bekommt direkt wieder Lust auf so etwas.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Wir waren im Garten und haben eine Kupfer-Felsenbirne, zwei  Blutjohannisbeeren, einen Zierapfel und einen helllila Flieder gepflanzt (das Wort helllila sieht interessant aus, wenn man es mit der Hand schreibt, aber das nur am Rande) , wir haben Kartoffeln gesetzt und  vorgezogene Kohlrabis, Tomaten, Wassermelonen, Zucchini und Kürbisse gepflanzt. Der Staketenzaun steht weiterhin halbfertig herum, der Rasenmäher ist unter Absingen seltsamer Geräusche verreckt und es ist auch weiterhin nicht warm genug für wirkliche Entspannung.

 

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Neue Regelungen für den Export von Plastikmüll. Doch besser wär’s, wenn nichts entstünde, wußte schon der Großmeister.

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Im Vorübergehen gehört, ein studentisches Gespräch:

“Ich habe mir diese Kommunikationsmodelle da noch einmal angesehen.”

“Ah ja, Sender-Empfänger, Sender-Empfänger.”

“Ja, das isses eigentlich, Sender-Empfänger. Dann haste das.”

“Okay, was noch?”

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Im Landlebenblog wird gerade an die Rubrik “Was schön war” erinnert, die, wenn ich das überhaupt noch richtig zusammenbekomme, ihren Ursprung vor Jahren bei Anke Gröner hatte, da kann ich mich aber auch täuschen. Egal, es ist jedenfalls eine gute Erinnerung, damit werde ich mich auch mal wieder intensiver befassen, dazu dann in Kürze mehr. Es ist immer ein wenig so, als müssen man geistig erst den richtigen Sender suchen, um ein bestimmtes Format wieder korrekt bedienen zu können, Radio WSW, irgendwo muss es ja sein, ich drehe sozusagen, haha, am Rad.

Spaß beiseite, ich könnte seitenlang ausführen, was an dieser Woche nicht gut war, was aber schön war – weiß der Teufel. Hier fehlt ganz fraglos eine gewisse Einstellungsoptimierung.

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Ich führe die Reihe der Erzählbände aus verschiedenen Ländern fort, im Moment ist gerade Deutschland dran. Wir erinnern uns, auf den Färöer Inseln fällt man gerne mal von Klippen, in Georgien erhängt man sich, in Tschechien säuft man sich ins Jenseits – und in Deutschland stirbt man woran? Na? Vermutungen? Also zumindest nach diesem Band (Erzählungen von 45 bis zur Wiedervereinigung) ziemlich eindeutig am Weltkrieg.

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Ich war auf einer Lesung, Günter Märtens las aus “Graupensuppe”. Da geht es um seine Heroinsucht in der Jugend und ich habe mich dabei gefragt, wieso ich eigentlich nie Kontakt zu harten Drogen hatte, die gab es in meinem näheren Umfeld nicht, in keiner Lebensphase, die waren auch nie eine Option. Auf der Lesung war auch ein Mitschüler von mir aus Gymnasialzeiten, mit dem habe ich meine Erinnerungen gleich verifiziert, was immer interessant ist, wie jeder weiß, der sich schon einmal mit mit dem Wert von Zeugenaussagen befasst hat. Er hat das jedenfalls bestätigt, Drogen waren damals weder Versuchung noch Möglichkeit. Vermutlich haben wir damit einfach Glück gehabt, das besondere Glück des richtigen Umfeldes. Gleichzeitig war uns damals allen völlig, aber wirklich völlig klar, dass Kiffen, Nikotin und Alkohol total harmlos waren, die waren für uns eher so ein Lifestyle-Ding, ganz gewiss kine Frage der Gesundheit. Wie man heute weiß, lagen wir damit nicht ganz so richtig.

Wobei mir einfällt, dass ich schon seit Wochen keinen Alkohol mehr in der Wohnung trinke, was insgesamt zu einem Konsum nahe Null führt, da ich ja mehr so der Stubenhocker bin und dadurch also keine Gelegenheiten mehr habe. Die Motivation dazu war etwas seltsam, aber mir ging das Altglas auf die Nerven, dieses Hin- und Hertragen von Flaschen, ich mochte das nicht mehr. Mit dem Alkohol aufzuhören ist eine geradezu enttäuschend unspektakuläre Erfahrung, es passiert eben nichts, wenn man nicht gerade schwer süchtig ist. Es ist jedenfalls gar kein Vergleich zu den höchst interessanten Dramen, die man ziemlich garantiert durchlebt, wenn man mit dem Rauchen aufhört. Was war das damals für ein endloser Albtraum für mich, eine Qual erster Klasse und eine kaum zu nehmende Hürde. Mehrfach grandios gescheitert, wie fast alle.

Ohne Alkohol ist es aber so einfach, ich denke jetzt glatt drüber nach, was ich noch alles weglassen kann. Nur um mal zu sehen, ob es geht.

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Musik! Paolo Conte mit Max. Ein Song, der mich irgendwie anspricht, haha. Okay, der war flach. Aber ein großartiges Stück ist es auch.

 

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Der Geschmack toter Seesterne

Ich war vor ein paar Tagen mit Sohn I bei einem Casting für eine Fernsehserie und komme weiterhin aus dem Staunen nicht heraus, wie selbstverständlich ihm das alles ist. Hier, spiel das mal vor, und dann macht er das. Einfach so. Unerfindlich. In seinem Alter hätte wir damals höchstens darauf spekuliert, einmal Kamerakind bei Michael Schanze zu werden, aber wir hatten eben auch nichts. “Ob ihr Recht habt oder nicht, sagt euch gleich das Licht”, fällt mir bei Michael Schanze natürlich sofort ein. Ein Satz, den wir für das ganze Leben abgespeichert haben, nicht nur ich murmele das noch manchmal im Büro vor mich hin, wenn ich mich bei einem Problem frage, was da wohl die Lösung sein mag. Es soll ja übrigens auch bei Nahtoderfahrungen gewisse Lichteffekte geben, ob man da dann auch noch so einen Quatsch denkt? Vermutlich.

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In der Zahnarztpraxis kommt vor mir ein Mann aus dem Behandlungszimmer, dreht sich um, umarmt im Türrahmen die Zahnärztin und sagt: “Ich möchte mich ganz herzlich für deine Arbeit bedanken.” Und da weiß man dann als Zuhörer nicht, kennen sich die beiden irgendwie anderswoher – oder haben sich die Umgangsformen in solchen Praxen auch längst grundlegend geändert? Und man ist währenddessen ein seltsamer Kauz geworden, mit dem ganzen formalen Gehabe und Guten Tag und Händeschütteln und so, natürlich alles noch per Sie?

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Die Geschichten von den Färöer Inseln habe ich durch, gleich danach habe ich Geschichten aus Georgien gelesen, wo niemand von Klippen fällt. Dafür kommt der Tod durchs Erhängen mehrfach vor und ich frage mich jetzt, ob jedes Land oder jede Gegend eine typische Todesart in Erzählungen hat. Traumatische Schulerfahrungen gab es in dem Buch auch mehrere, Georgien also: Schlimme Schulzeit, dann erhängt. Island eher: Sie liebt mich nicht, da, die Klippe. Es lebe die Vereinfachung. “Bittere Bonbons” hieß das Buch. Ich glaube, ich suche mir noch mehr Bände mit Landesauswahlen, als nächstes liegt hier Tschechien (“Die letzte Metro”). Mal sehen, woran man da so stirbt, nach den ersten Seiten zu urteilen am Suff.

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Auf die skeptische Kinderfrage beim Abendessen, was das denn nun wieder sei, hat die Herzdame scherzhaft geantwortet: “Esst das lieber nicht, es schmeckt nach totem Seestern.” Woraufhin die Söhne mit großem Interesse und gutem Appetit gegessen haben. Darauf hätten wir auch früher kommen können.

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Auf dem Spielplatz sitzt einer dieser Radkuriere, Sie wissen schon, die mit dem großen Kasten auf dem Rücken und der unsäglich albernen Kleidung an. Er gehört aber weder zur einen noch zur anderen der beiden großen Firmen, es ist der Farbe nach zu urteilen irgendwas ganz anderes, ich kann es nicht erkennen. Der Mann sitzt auf einer Bank, hat die Beine weit von sich gestreckt und liest ein dickes Buch. Ab und zu sieht er auf sein Handy, und er ist natürlich viel zu weit weg, um es genau zu erkennen, aber diese Sitzhaltung, diese Art, wie er liest – ich glaube, er ist ganz froh, dass gerade keine Aufträge reinkommen. Zwei kleine Kinder gehen vorbei, zeigen auf den Transportkasten und reden, gehen vorsichtig einen Schritt näher, die diskutieren sicher, was da wohl drin sein mag. Der Kasten ist immerhin ganz schön groß, da könnte sich so ein Kind drin verstecken.

Der Mann guckt nicht einmal hoch, der blättert nur um und liest weiter.

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Bei der Anzahl der Todeserwähnungen hätte dieser Text eigentlich im November erscheinen müssen, merke ich gerade, im November, der sich wettermäßig auch nicht großartig von diesem Mai unterscheidet. Was hier fehlt, das ist ein Zeichen des Aufbruchs und des Lebendigen, überhaupt des Frühlings, ein nachösterlicher Schub sozusagen. Und nachdem ich mich krankheitshalber gerade zwei Tage ausgeruht habe, kann der jetzt auch gerne mal kommen, der Schub.

Und wissen Sie was, während ich das schreibe, in genau dieser Minute, zieht es sich draußen dunkelgrau zu und ein kalter Wind greift in die Linden und schüttelt die Ringeltauben durch, die sich ihre Wohnlage auch etwas sonniger vorgestellt haben.

Nächste Woche soll es endlich wärmer werden.

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Bei HONY wieder ein ganzer Roman in einem kurzen Beitrag.

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Musik! Legen Sie sich schon einmal hin, decken Sie sich zu. Die Lampen leuchten, der Tag ist aus. Hanns Dieter Hüsch auf seiner Abschiedstournee, das ist wunderschön.

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Eine saubere Lösung

In der Anthologie von den Färöer Inseln, die ich gerade lese, falle verdammt viele Figuren die Klippen hinunter, ein wirklich auffälliges Muster. Das scheint die Standardwendung in den Erzählungen da zu sein, besonders in Verbindung mit Liebeskummer, wenn es nicht mehr weitergeht, geht es eben abwärts. Sollte ich da einmal hinreisen, ich werde mich vorsichtshalber nicht verlieben, denke ich mir – wobei ich jetzt schon wegen dieses Satzes eigentlich dringend dahin müsste, das könnte immerhin ein interessantes Reisetagebuch werden: “Der Mann, der an den Frauen vorbeisah”. Auf den Färöer Inseln, so lese ich bei der Wikipedia, gibt es die höchste senkrecht abfallende Klippe der Welt. Immer eine saubere Lösung, also zumindest nach diesen Geschichten da zu urteilen.

Da kann ich mit meinen Erfahrungen am Brodtener Steilufer natürlich nicht mithalten, auch wenn ich selbst sogar eine eigene Abwärtsgeschichte dazu beigetragen haben – wirklich tragisch war sie nicht. Und die nächstbeste einigermaßen dramatische Klippe, also die von Helgoland, hat mich bisher auch noch nicht mit solchen Geschichten versorgt. Wenn ich wieder da bin, frage ich mal nach beim Helgoländer vom Dienst, da muss es doch etwas geben.

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Beim Edeka im kleinen Bahnhofsviertel steht eine Gruppe vor mir, die vermutlich aus China kommt, wirklich sicher bin ich mir da natürlich nicht. Vier, fünf Männer, sie sind so lässig angezogen, dass es schon weit ins Vernachlässigte reicht, die Ausstrahlung ist etwas ärmlich. Sie reden sehr freundlich miteinander und der Älteste zahlt an der Kasse, wobei er ein Bündel Bargeld aus der Hosentasche holt, das die vermutlich größte Geldsumme ist, die ich je beim Einkaufen bar gesehen habe, zwei Handvoll Geld in großen Scheinen. Er legt einen Geldschein nach dem anderen ab, die Summe der Scheine ist schnell viel zu hoch, sie ist geradezu dramatisch zu hoch, aber die Kassiererin hat erhebliche Mühe, ihm das klarzumachen, zu viel, zu viel! No! Stop! Endlich versteht er und sammelt lachend alle Scheine wieder ein, ach so, man braucht hier nur einen davon. Gelächter in der Gruppe, und er stopft das Geld achtlos wieder in die Hosentasche.

Nachdem sie weg sind gucke ich noch einmal auf den Boden, aber verstreut haben sie nichts. Was da wohl für eine Gruppe war?

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“Jungs, soll ich euch noch eben was vorlesen? Was von mir?”

“Geht auch Walter Moers?”

Denn es ist und bleibt eine wirklich wichtige Regel im Leben: Man muss auch verlieren können. Wobei man gegen manche ganz gerne verliert, schon klar.

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Musik! Gepflegte Salonmusik. Auch mal schön.

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Von Inseln weiß ich …

Passend zum etwas speziellen Wetter lese ich Geschichten von den Färöer Inseln. Harte, klare Geschichten: “Unser Glück liegt in Gottes Hand. Was vermögen wir schon? Unsere Hand reicht bis an die Reling, nicht weiter.” Das Buch heißt: “Von Inseln weiß ich …” und in der Gegend dort scheint es so zu spuken wie auf Island, nämlich normal und allgegenwärtig. Da ist vom “grauen Volk” die Rede, nicht vom kleinen, wie es wieder auf anderen Inseln heißt. Das graue Volk, der Ausdruck hat doch etwas, gleich sieht man aus dem Seenebel unscharfe Gestalten auftauchen und auf einen zukommen, jedenfalls wenn man der schier unweigerlichen Momo-Assoziation entkommen kann. Im einleitenden Kapitel wird die Inselgruppe ganz selbstverständlich als Mittelpunkt der Welt dargestellt, das fand ich schön. Also ich fand das natürlich auf diese etwas herablassende Art des wahren Kenners schön, denn der Mittelpunkt der Welt ist selbstverständlich ein gewisses kleines Bahnhofsviertel. Jedenfalls solange Sie diese Zeilen nicht lesen, denn dann ist es mit sofortiger Wirkung Ihr Viertel in Detmold oder ihre Straße in Friedrichshain, wo immer Sie gerade wohnen. Der Freundeskreis Element of Crime hat jetzt übrigens geschlossen ein Lied im Kopf, nicht wahr, dann spielen wir das auch schnell:

Die Färöer Inseln sind von Natur aus baumlos, in den Geschichten kommen dafür aber mehrmals Flechten vor, das fiel mir auf. Flechten, die hier keiner nennen oder auch nur bemerken würde, da wächst so Kleinzeug, egal. Aber auf den Färöer Inseln, da ist das eben was, wenn etwas wächst, da sieht man dann anders hin.

Derweil ist es in Hamburg am Morgen frostklar, minus 1 Grad, der Himmel ist blau. Auf den Inseln da oben, so stelle ich mir vor, wäre dies vielleicht ein angenehmer Frühlingstag, mild und bemerkenswert hell.

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Wir haben im Garten einen Staketenzaun aufgestellt, also wir haben es zumindest versucht. Theoretisch hätte uns dabei vom Arbeiten warm werden sollen, praktisch haben wir aber solange und so ergebnislos über Richtung, Neigung, Spannung und Kurvung des Zaunes diskutiert, dass wir enorm lange bewegungslos herumstanden, jeder mit einem Ende des Zaunes in der Hand und dem Recht auf seiner Seite, wobei uns in der unentwegt heranwehenden arktischen Luft dann so bitter kalt wurde, dass der Zaun nun erst einmal ein halber geblieben ist. Bei steigenden Temperaturen blüht dann auch unsere Leistungsbereitschaft wieder auf, nehme ich an.

Der Zaun hat ja, ich erwähnte es bereits, eigentlich nur dekorativen Charakter, ist also als Zaun genau betrachtet völlig sinnlos. Man muss aber doch unbedingt sicher sein, wo diese hübsche Sinnlosigkeit am meisten Sinn hat, das ist im Garten nicht anders als im restlichen Leben auch.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, das dient dann etwa dem Erwerb weiterer Zaunpfähle, von denen wir dezent zu wenig erworben haben. Ganz herzlichen Dank!

Rolltreppe abwärts

Mussten Sie das Buch mit dem Titel auch einmal im Deutschunterricht lesen und haben es furchtbar gefunden? Hier kommt ein Text, um davon abzulenken. Nach all den Jahrzehnten! Für manche Ausgleichsmaßnahmen braucht man eben länger.

Ich fahre die Rolltreppe zur U-Bahn am Hauptbahnhof hinunter, auf der Zwischenetage mit dem Bäcker und dem Kiosk und den Fahrkartenautomaten steht eine Frau. In der Mitte dieser Fläche steht sie, vor den beiden Buden, mitten im Gewimmel steht sie da, und sie guckt in meine Richtung und wartet und freut sich. Und zwar freut sie sich über mich. Über mich, auf den sie gewartet hat, und jetzt bin ich gleich da. Das ist ziemlich toll, das sieht man ihr an. Ihr Gesicht strahlt, die Mundwinkel wandern immer höher und ihr Blick ist, man kann es fast nicht beschreiben ohne anzugeben, geradezu verzückt, weil ich da endlich angerollt komme. Ihre ganze Körperhaltung sagt, das wird gleich eine Umarmung, die hast du auch nicht jeden Tag, einen schnellen Schritt geht sie schon auf mich zu. So eine Erwartung strahlt diese Frau also aus und das Dumme ist nur, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer das ist. Nie gesehen, nicht einmal ansatzweise bekannt. Selbstverständlich lächele ich aber dennoch zurück, schon aus Höflichkeit und weil stets bemüht.

Die Rolltreppe schiebt mich immer weiter auf sie zu und allmählich merke ich, ihre Begeisterung über mich ist ein Scheinriese von Gefühl, denn ich beobachte ein allmähliches Erlöschen der Freude und der ganzen Munterkeit, ein langsames Sinken der Mundwinkel, eine Änderung in der Körperhaltung, je näher ich komme, desto weniger ist von dem ganzen schönen Zauber übrig, desto mehr Zeichen der Freude verblassen, bis nur noch ein ganz normales und eher ödes Warten übrig bleibt. Die kennt mich nämlich auch nicht, die hielt mich einfach für einen anderen und während ihre Freude immer kleiner und kleiner wird, wird die Enttäuschung durch mich immer größer, denn hey, ich bin es nur, also schlicht irgendwer, das ist fast schon ärgerlich. Als ich schließlich an ihr vorbeigehe, sieht sie längst angestrengt woanders hin und hat sich sicherheitshalber auch etwas weggedreht. Vielleicht kommt er ja aus einer anderen Richtung, also der andere, und sie sieht so entschlossen weg, als hätte es die gerade eben noch so vorschnell an mich verschwendete Freude nie gegeben.

Um die Umarmung war es ja etwas schade, fand ich.

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Musik! Kevin Johansen.


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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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