Urban Theatre

Sonntag/Montag. Bei der Wiederankunft aus dem ländlichen Heimatdorf der Herzdame sitzt eine ältere Frau vor unserer Haustür, die mehrere OP-Masken quer über dem Gesicht trägt, wie ungeschickt bandagiert, dazu hat sie eine spiegelnde, schief sitzende Sonnenbrille auf, einen nach hinten gerutschtem Hut und einen Alkoholrausch hat sie, von dem Sie und ich uns vermutlich wochenlang erholen müssten. Sie starrt uns leer an, auch im Sitzen leicht schwankend. Später sehe ich sie mühsam weitergehen, sie braucht für jeden Schritt minutenlang. Ich gehe noch einmal einkaufen, was dank unserer Wohnlage problemlos auch am Sonntag geht, was einfach immer geht. Im Hauptbahnhof kommt mir ein Mann entgegen, der einen weißen Bauarbeiterhelm trägt, auf den er bunte Blinklichter montiert hat. Er hat einen langen Stock in der Hand und deutet damit auf Dinge im U-Bahn-Tunnel, die nur er sieht, auf Wesen vielleicht, wer weiß. Weit aufgerissene Augen, irgendetwas murmelnd, Warnungen womöglich. Man schüttelt den Kopf über solche Leute und am Ende haben Sie doch wieder Recht gehabt, das ist bekannt aus Büchern und Filmen.

Es folgt aber alles einer seltsamen Regel: Wenn wir in die Großstadt zurückkommen, dann ist hier immer gleich Vorführung, Urban Theatre. Betont schräge Figuren treten auf, grässliche Kulissen werden gezeigt, die Ecken sind zuverlässig vollgekotzt, angepinkelt, vermüllt, und aus der Requisite werden schnell noch die leeren, verbeulten Bierdosen geholt, die dann im Wind vor unserem Haus in sinnlosen Halbkreisen herumrollen, die fast leeren Rumflaschen auch, und die zertretenen Billigflachmänner werden flächig ausgestreut, so dass es schön knirscht beim Gehen. Irgendwo weht eine leere Plastiktüte vorbei und im Script steht also vermutlich fettgedruckt: Großstadtambiente. Polizeisirenen von den Straßen unten an der Alster. Vom Bahnhof her ein wie zufällig eingestreutes Zugbremsgeräusch und wirre Fetzen einer unverständlichen Durchsage, Westwind also.

Unsere Wohnung ist kalt, eiskalt, als wir aufschließen und die Koffer abstellen. Das allerdings liegt nur daran, dass das Elternhaus im Dorf so überaus mollig kaminwarm war, da haben wir uns jetzt unsere Kältetoleranz dummerweise in nur zwei Tagen zerschossen und müssen etwas überlegen, ob wir noch einen Abend ohne Heizung schaffen, noch einen Morgen, wieviel überhaupt noch. 18 Grad im Zimmer sind doch zu wenig, wenn man nicht gerade im Bett liegt.

Ich sitze auf dem Sofa und überlege, wie kalt mir wirklich ist. Fragen, die man sich früher nicht gestellt hat.

Am Montag die Arbeit, was sonst. Ich mache Dinge, die ich jedes Jahr mache, die mit dem Jahresende zu tun haben. Es sind im Grunde festgefügte Rituale, the same procedures. Mit diesen Ritualen fängt das Ende an, neigt sich alles, kippt, gerät ins Rutschen und ehe man recht darüber nachdenken konnte, ist Weihnachten, ist Silvester, ist Jahresendurlaub, es ist immer so. Es sind also Handlungen, an die ich Erinnerungen aus etlichen Jahren habe, es sind Handlungen, bei denen ich das Setting im Kopf habe, die zugehörige Stimmung, die Gefühlslage, alles. Und ich kann mit großer Sicherheit sagen, dass ich mich dabei noch nie so wenig winterlich oder auch nur spätherbstlich gefühlt habe. Ich mache, was ich immer mache, es fühlt sich aber durchgehend falsch an. So falsch sogar, dass ich mit einem Kollegen darüber spreche. „Das kann doch alles nicht sein“, sagen wir übereinstimmend. Es ist aber so.

Im anderen Beruf lese ich eine Mail, in der es um einen Termin am 4.12. geht. Da ist dann auch gleich Nikolaus, denke ich. Es geht in einer anderen Mail auch noch um eine Lesung am 12.12., das ist schon Mitte Dezember, denke ich, na, fast. Da geht es um Weihnachtstexte, es fällt das Wort besinnlich, und zwar gänzlich unironisch.

Das Jahr ist gleich vorbei und letzten Sontag noch war es in der Nachmittagssonne heiß auf dem Balkon, es war T-Shirt-Wetter. Wir leben in merkwürdigen Zeiten, wir haben ein merkwürdiges Jahr, und das Wort merkwürdig ist dabei noch viel zu nett, ich weiß.

Peter Glaser teilte auf jener obskuren Social-Media-Plattform, auf der wir gerade neulich noch alle waren, dieses Video von Leonard Cohen. Es ist ein fortgeschritten liebenswerter, überaus sympathischer Live-Auftritt, in dem er zum Schluss eine Antwort auf große, auf ganz große Fragen gibt. Es ist eine Antwort, die wir jetzt brauchen.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 7.11.2022

Pardon, noch einmal monothematisch. Mela über das Wanken von Twitter und was es für Schreibende, Kreative etc. bedeuten kann. Sehr interessante Überlegungen. Man wird zwischendurch aber auch schwer nostalgisch, also wenn man damals dabei war jedenfalls, da muss man eben durch. Oma und Opa erzählen vom Krieg, die Onlineversion.

Und Nicole Diekmann, die mit Mastodon nicht unerheblich fremdelt, zu allem. Ich habe dieses Fremdeln nicht, was ich nicht als Wertung meine, es fällt ja höchst verschieden aus. Meine Online-WG ist mit mir umgezogen und in der neuen Bude seltsam besser gelaunt als in der alten, eine Zynismus-Schicht weniger, das ist auch mal nett. Solange es eben hält, ich mache mir da keine Illusionen. Es gibt da zumindest jetzt gerade erheblich mehr und freundlichere Interaktionen, eine etwas niedliche Aufregung über Dazukommende auch, der Zauber der Anfangsphase. Ich mag das. Zumindest wenn ich mir, siehe Mela oben, alle beruflichen Aspekte der Betrachtung verkneife. Und wenn ich nicht an die Listen denke, dich mir bei Twitter eingerichtet habe, meine Nachrichtenzentralen. Die werden doch erst einmal fehlen.

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So viel Gegend, so viel Stille

Nordostwestfalen am Sonntagmorgen. Ich bin seit zwei Stunden wach im Heimatdorf der Herzdame und sitze mehr oder weniger erfolgreich sinnend und schreibend am Computer, während es draußen langsam hell wird. Es kam bisher kein einziges Auto am Haus vorbei. So viel Gegend, so viel Stille, so wenig Mensch. Auch mal schön, sehr schön sogar. Für mich müsste das im Moment öfter so sein. Öfter und wesentlich länger. Ich muss nachher aber schon wieder zurück nach Hamburg, ins Gedränge und Geschiebe, in den Lärm und in die Unruhe, zwischen die Termine. Schier unerreichbar ist die Stille für mich, leider.

Ich habe, apropos Stille, eine Marktlücke entdeckt, allerdings ist so verschroben, ich denke nicht, dass sie jemals geschlossen werden wird. Und zwar habe ich mir, dank der stets kategorisch unverstandenen, immer aber heiß geliebten VG Wort und ihrer segensreichen Oktoberauszahlung, endlich Noise-Cancelling-Kopfhörer gekauft, was seit Jahren überfällig war, denn ich werde immer geräuschempfindlicher. Und obwohl es nur solche aus der unteren Preiskategorie waren, weil die Sparsamkeit angesichts der Weltkrisenlage doch stark in mir ist, funktionieren sie verblüffend gut. Vielleicht gefallen sie mir auch nur, weil ich so geringe Ansprüche habe, das mag sein, ich bin kein Sound-Fetischist. Also für mich funktionieren sie jedenfalls, andere würden gewiss an den Bässen herummäkeln, weil man das bei neuen Kopfhörern immer macht, zumindest den elaborierten Online-Rezensionen nach zu urteilen, an irgendwelchen obskuren Restgeräuschen auch, an der Bedienbarkeit der zugehörigen App etc. – ich aber muss gar nicht meckern. Ich setze die auf und freue mich, weil ich sie habe, weil sie neu sind und besonders auch, weil ich sie mir erschrieben habe.

Aber, und hier kommt ein drolliges Problem, ich höre mich damit nicht mehr tippen. Das ist sehr schräg, denn da fehlt mir etwas Elementares beim Schreiben, was für das Handwerk doch selbstverständlich ist. Immer klingt es irgendwie, wenn Text entsteht. Selbst wenn ich mit der Hand schreibe, kratzt da etwas hörbar über das Papier. Aber mit diesen Kopfhörern erscheint einfach geisterhafter Text auf dem Bildschirm, es wirkt ein wenig so, und ich gebe zu, es muss seltsam klingen, als sei ich auf einmal noch weniger als ohnehin schon daran beteiligt.

Ich müsste Kopfhörer haben, jetzt zur erwähnten Marktlücke, die zwar noise-cancelling sind, aber doch und am besten ausschließlich mein Tippgeräusch durchlassen. Das ist schwierig, nehme ich an. Sie dürften das Tippgeräusch meinetwegen auch gerne noch umwandeln, Technik kann doch so etwas mittlerweile, in das Klackern einer mechanischen Schreibmaschine etwa, das ich auch nach Jahrzehnten der Nichtbenutzung immer noch nostalgisch verklärend attraktiv finde. Dieses unvergleichliche *smack*, mit dem man damals einen Buchstaben auf das Papier gesetzt hat – es war doch einfach gut und es wurde danach nicht besser, als sich die Technik weiterentwickelte, schon beim Typenrad wurde damals alles schlechter, also zumindest bezogen auf den Sound der Schreibarbeit.

Ich sitze vor dem Computer, meine Finger machen irgendwelche huschenden Bewegungen, es erscheint lautlos Text auf dem Bildschirm. Gespenstisch sieht das aus.

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In der Stille sein, und die dann selbstbestimmt klackernd volltippen – das wäre es wohl gerade für mich. Na, man träumt so vor sich hin.

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Ach, diese Lücke

Donnerstag. Am späten Nachmittag wird mir bewusst, dass da eine Lücke im Alltag ist, eine ungewöhnlich große Lücke sogar, in der überhaupt nichts Dringendes ist. Das ist verblüffend. Ich gehe dem Umstand in Gedanken sicherheitshalber erst einmal noch eine Weile gründlich nach, denn der Mensch vergisst so vieles und so schnell, am Ende ärgert man sich wieder, wenn man nicht lange und konzentriert genug überlegt hat. Aber da scheint tatsächlich nichts zu sein, abgesehen von zwei, drei Aufgaben, die von geringer Dringlichkeit und außerordentlich abstoßender Schauderhaftigkeit sind, quasi Niveau Grundsteuererklärung, die möchte ich heute gewiss nicht machen, die sind für, nun ja, später. Ich möchte lieber nicht. Buddenbohm, der Schreiber, Sie verstehen schon.

Ich setze mich in einen Sessel und gucke vor mich hin, was sich sofort sensationell bescheuert anfühlt. Und dazu gleich auch die obligatorischen Loriot-Soundfiles im Kopf, „Lies doch was!“ und dergleichen, man kann das ja in meiner Generation alles zuverlässig aufsagen und ehrlich gesagt, so großartig Loriot war, es kann auch die wahre Gedankenpest sein, was er alles für die Ewigkeit geschrieben hat. Für unsere bescheidene Ewigkeit natürlich nur, denn auch Loriot etwa kommt bei den Söhnen nicht mehr an, aber das nur am Rande. Vielleicht kann mich jemand bei Gelegenheit daran erinnern, dass in diesem lapidaren „kommt nicht an“ noch ein großes, ernsthaft zu bearbeitendes Thema liegt, das wäre nett, ich kann mir auch nicht alles merken.

Vor mir das Bücherregal. Menschen, die auf Bücher starren. Lies doch was. Ich will gar nicht lesen, gestehe ich mir zögerlich ein, denn ein wunderlicher Umstand ist es schon. Was macht man denn, wenn man nicht liest? Man schreibt, nur so als Beispiel. Ich will aber auch nicht schreiben. Ich schreibe im Moment eher morgens und veröde danach geistig mit jeder Stunde des Tages etwas mehr. Bis ich geistig vollkommen abgestumpft ins Bett gehe und mich nachts wieder irgendwie auflade, zumindest darin dem Smartphone nicht unähnlich. Lesen und Schreiben, denke ich, manchmal auch blöd, wenn man sonst nichts kann.

Das gilt auch beruflich. Ich kann lesen und schreiben und ein bisschen was mit Zahlen, ich kann auch Ordnung. Ich staune immer, wenn ich mitbekomme, wie flott und selbstbewusst in meinem Umfeld Jobs gewechselt werden, was die alles können, die Leute. Oder meinen zu können, was weiß ich. Ich lese Stellenanzeigen, ich denke, ich sollte womöglich auch mal den Job wechseln, nach 35 Jahren in der gleichen Firma, am Ende ist es Zeit? Ich lese Stellenanzeigen, ich denke, das kann ich ja alles gar nicht. Wie machen die das bloß, und meinen die das wirklich alle ernst, was in diesen Anzeigen und Profilen steht, allein dieses Wording da. Ich müsste ja schon bei der Teamfähigkeit lügen. Ich kann lesen und schreiben, beides sogar ganz gut, meinen zumindest manche, also in aller Bescheidenheit jetzt, aber worauf bewirbt man sich da? Ich traue mir, um einen gerade online kursierenden Witz leicht abzuwandeln, ja nicht einmal ein Impostor-Syndrom zu.

Ich sollte vielleicht nur noch schreiben, immerhin werde ich dafür ab und zu gelobt, sogar von wildfremden Menschen. Gutes Kriterium! Ich sollte also nur noch das als Job verstehen, als Beruf und Aufgabe, aber davon kann man dummerweise eher nicht leben, will mir scheinen. Lesen dito, eh klar.

Es ist gar nicht so erfreulich, über Berufliches nachzudenken, wenn man doch gerade einen seltenen freien Moment gefunden hat, fällt mir ein, das verdirbt ja alles. Wie dumm von mir. Ich nehme mir doch lieber ein Buch, ich lese. Das Buch gefällt mir nicht, da komme ich nicht rein. Ich nehme ein anderes Buch, ich lese. Das Buch gefällt mir auch nicht. Ich finde Lesen doch gar nicht interessant, also zumindest jetzt gerade nicht. Ich lege die Bücher wieder weg, das hat keinen Zweck.

Ich mache das aktuelle Hörbuch an, Effi Briest. Ich finde aber die Stelle nicht, an der ich war, da fehlt bei Spotify nämlich eine elementar wichtige Funktion. Ist man einmal raus, ist man raus. Ich höre mir also zum fünften Mal an, dass der Apotheker Gardenien im Treibhaus hat, ich kann die Stelle bald auswendig und bin einigermaßen genervt. Wie sehen Gardenien eigentlich aus, ich habe keine Ahnung. Ich sehe das nach. Gardenien können „fakultativ laubabwerfend“ sein, so steht es in der Wikipedia, und ich beschließe, mir das zu merken, weil es irgendwie gut klingt, und es später irgendwo zu verwenden. Hiermit erledigt, alles immer gleich abhaken.

Das Hörbuch interessiert mich heute allerdings auch nicht. Tage, an denen nicht einmal Fontane hilft. Schlimm. Ich könnte einfach staubsaugen, fällt mir ein, denn man kann ja immer staubsaugen, wenn man zu viert jeden Tag eine Wohnung vollkrümelt, es wäre auch stündlich sinnvoll. Aber die anderen drei möchten gerade nicht gestört werden, die machen alle irgendwas Wichtiges an Bildschirmen und wirken enorm beschäftigt. Nein, ich werde nicht staubsaugen und mit drei genervten Leuten diskutieren, warum ich wann was mache.

Ich lese einfach Twitter und Mastodon nach. Mastodon ist sehr nett, aber auch sehr schnell gelesen. Twitter ist eine brennende Bude, in der Menschen schreiend im Kreis laufen und Schüsse fallen, zuckendes Blaulicht und Sirenengeheule, es ist wie Unfallgucken und definitiv nicht schön. Es schmerzt auch ein wenig, denn es war ja einmal ein wichtiges Stück Alltag und auch Online-Heimat, aber gut, es wird gerade abgefackelt und wir starren entgeistert auf die Rauchsäule, kopfschüttelnd.

Ich lege das Handy wieder weg. Ich weiß nicht, wie ich sitzen soll, ohne etwas zu tun, auf einmal ist das ganze Konzept Sitzen komisch, ich fühle mich wie ein Schauspieler, der „Sitzen“ im Drehbuch stehen hat. Ja, aber wie? Ich spiele Sitzen, aber nicht gut. Ich lege mich lieber hin, merke aber, dass ich dann sofort einschlafe, und dafür ist es noch zu früh, eine äußerst ungünstige Uhrzeit dafür.

Ich mache mir einen Tee. Will ich denn wirklich Tee? Und an welchen banalen Fragen kann man eigentlich noch scheitern?

Die Lücke schließt sich dann am Ende von selbst, so ist es ja immer. Es gibt wieder etwas zu tun. Mir fällt etwas ein, der Familie fällt etwas ein, das Leben sagt, mach dies, mach das, und das mache ich dann auch pflichtgemäß, was soll man auch machen, man kommt ja zu nix. Lies nicht, schreib nicht, sitz nicht.

Das war im Rückblick eine höchst seltsame Stunde und ich habe nicht zum ersten Mal den starken Verdacht, dass es genau diese Stunden sind, in denen andere Menschen regelmäßig einfach so das machen, was sie Entspannung nennen.

Irgendwann lerne ich es auch noch. Später mal.

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Die Bäume und die Räume werden lichter

Graue Werktage bei grauem Wetter, aber zumindest über das Wetter möchte ich mich nicht beschweren, ganz und gar nicht. Ein bisher sehr guter November. Man muss auch mal loben können, das sage ich im Büro auch immer, und dann fällt mir wieder nichts ein. Egal. Ein fast vorbildlicher Anfang des Spätherbstes mit Regen, Kälte und Wind, so gehört das. Endlich wieder ein Monat, der weiß, was sich gehört. So wird er in den Bilderbüchern gelehrt, das ist vorbildliche Traditionswahrung für das konservative Publikum, also für mich. Der November nimmt das Laub und die Außengastro mit sich, die Bäume, die Büsche und die öffentlichen Räume werden jetzt wieder lichter, mehr Durchblick gibt es überall, also zumindest dann, wenn es zwischendurch mal kurz hell wird und man entschlossen zum Lebkuchenkauf durch die Straßen eilt, während sich über den Häusern oben schon wieder alles dunkelgrau auftürmt und gleich die ersten Tropfen fallen.

Ich gehe ins Büro. Es wird nicht hell draußen und alle sagen das auch, guck mal, es wird gar nicht hell draußen. Ja, sage ich, schön ist das, und dann gucken sie wieder so.

Ich kaufe, weil es so gehört, seit immer schon, Mandarinen, die dann ein Sohn aber zuhause nach dieser neuen Methode von Tiktok zerschneidet, aufteilt und serviert. Man entkommt der Moderne nicht. Nirgends. Ich sage, während ich meine Mandarine weiter stoisch wie damals pelle, also wie ein wüst behaarter Steinzeitmensch: „Gegessen haben wir sie früher aber auch!“ Der Sohn sagt: „Ja, aber wie!“ Generationskonflikte, wohin man sieht.

Ich sitze noch einmal im Büro. Ich schreibe eine Mail, in der mischen sich, wie es in vielen Jobs heute üblich ist, die englische und die deutsche Sprache, Jobkauderwelsch. Die Rechtschreibprüfung verwirrt das nachhaltig und sie macht nach langer Zeit mal wieder einen Vorschlag, über den ich mich freuen kann. Ich beende die Mail mit „Danke & Grüße“, das wird rot unterkringelt, der Vorschlag dazu lautet: „Dance & Grace“. Ist das nicht hübsch? Dance and grace am Ende eines Schreibens, einer Mitteilung, mit Tanz und Anmut ab, man möchte fast ein entsprechendes Gif von sich haben und es noch darunter pappen. Diese Formulierung mal behalten, alles damit beenden.

Im englischen Guardian erscheint ein Artikel über Mastodon und Twitter, der Autor beschwert sich da, dass einige Vokabeln auf der neuen Plattform albern seien, so würde man etwa Toot statt Tweet sagen. „Silly-sounding“, so steht es da wörtlich. Ich kann nicht erkennen, meint er das ironisch oder merkt er es wirklich nicht, ich weiß aber, dass es viele in meinen Timelines tatsächlich und ernsthaft nicht bemerkt haben, dass es kein Albernheitsgefälle zwischen Tweet und Toot gibt, aber es ist auch egal. Dance and grace and tweet and toot, das klingt wie ein Hit aus einem Disney-Musical, fast möchte man beschwingt in den Tag starten.

Aber hey. Es ist November. Nur leise Küchenmusik, bitte.


Es ist Freitag, es ist gleich Wochenende. Immerhin. Ich verbleibe für heute mit

Dance & Grace

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 3.11.2022

Heute monothematisch, falls Sie mit Twitter und Mastodon nichts am Hut haben – gucken Sie gerne morgen wieder rein, heute ist dann leider nichts dabei.

Hier eine Erläuterung zu einem Detail der mutmaßlichen Pläne von Musk (mutmaßlich, weil er morgen schon wieder einen anderen Plan haben wird). Ich habe bisher von keinem einzigen ernstzunehmenden Menschen gelesen, dass Musk das schon alles gelingen wird, ein super Geschäft, Spitzenplan, tolle Sache. Niemand glaubt das, quer durch alle Kompetenz- und Kenntnislevel nicht, was auch faszinierend ist.

In diesem Zusammenhang noch: Wie Twitter sterben wird.

Und abgesehen von den großen Deutungen geht es natürlich auch um die Geschichten, wie man was viele Jahre benutzt hat und warum. Einige, so mein Gefühl, und bitte, es ist nicht böse gemeint, haben gar nicht gemerkt, wie wir in den letzten beiden Jahrzehnten älter geworden sind. Aber es ist so, dass unsere Kinder in der Pubertät sind oder schon aus dem Haus. Es ist so, dass unsere Eltern krank sind, pflegebedürftig, dass sie abbauen oder schon gegangen sind. Man konnte diese Thememverschiebung auf Twitter deutlch beobachten. Es ist so, dass wir selbst krank sind oder werden, dass wir auch viel darüber schreiben, dass einige von uns sogar gehen oder schon gegangen sind und spätestens in diesem Jahr fiel es allen auf, dass man auch damit irgendwie umgehen muss und dass, wenn man weit genug voraussieht, der oder die Letzte irgendwann das Licht ausmachen wird, auch in unserem Online-Blasen, wo immer die dann sein werden, in Blogs oder auf Social-Media-Plattformen, an deren Zukunft im Moment allerdings niemand recht zu glauben scheint, und es ist auch egal.

Wo immer wir uns also jetzt einrichten werden, vielleicht auf Mastodon, vielleicht woanders, es wird dort jedenfalls auch bald um das seniorengerechte Onlinewohnen gehen. Was wir machen, das ist nicht zukunftsweisend, sollte es jedenfalls nicht sein. Deal with it. Meine Söhne kennen das Wort Mastodon nicht, das geht an denen vorbei, das ist nicht deren Wirklichkeit. Und wenn Menschen wie ich beim Bloggen bleiben, dann wird das ganz von selbst zur Oldtimer- Schrulle werden. Es wird hervorragend zu mir passsen, glaube ich, hoffe ich, zu meiner Generation, zu meiner Bubble.

Pardon, ich schweife es sollte hier um Erfahrungsberichte gehen. Etwa hier.

Oder ganz einfach und heruntergebrochen für den Moment und eher aus beruflicher Perspektive – Mastodon ist Elmex.

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Gna

Ich lese „Mr. und Mrs. Derdon“ von Maeve Brennan, die ich bisher nicht kannte (hier Wikipedia zu ihr, kurz und tragisch, aber werfen Sie ruhig auch mal die Google-Bildersuche an, interessante Ergebnisse), und den ersten dreißig Seiten nach zu urteilen, ist es ein grandioses Buch, ein Meisterinnenwerk. Mit Begeisterung gelesen, diesen Anfang. Nichts, was die Laune heben würde, sicher nicht, aber hey, es ist November.

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Dienstag.

Ich gehe Brötchen holen. Ich lese auf dem Weg, dass ich mit Yoga in den Winter starten soll, es steht an einer entsprechenden Einrichtung dran, ein Werbeaufkleber im Fenster. Ich will nicht mit Yoga in den Winter starten, die sollen mich in Ruhe lassen. Was noch alles, denke ich, was noch. Jeder Weg durch die Großstadt eine einzige Befehlskette, eine Aneinanderreihung von Zumutungen. Nur auf dem kurzen Weg zu den Brötchen, ich notiere mal eben: Ich soll die gute Nachbarschaft genießen, ich soll die ganze Welt in meiner Tasse entdecken, ich soll bitte drücken, ich soll die Einfahrt freihalten, ich soll einen Parkschein lösen, ich soll warten, bis ich platziert werde, ich soll mir jetzt einen Termin sichern, ich soll endlich besser snacken, ich soll bei Interesse klingeln, ich soll meinem Körper Gutes tun, damit meine Seele Lust hat, darin zu wohnen. Das steht da alles, das fordert da alles, das drängelt und nervt alles, und ich möchte lieber nicht, ich möchte lieber nicht.

Ein Polizeiwagen hält. Zwei Polizisten steigen aus und gehen bei Rot über eine Fußgängerampel und dann auch in die Bäckerei, so wie ich, nur bin ich selbstverständlich bei Grün gegangen, weil durch und durch konservativ, nicht so flippig und regelverachtend wie die Staatsmacht im Stadtteil.

Und sonst? Sechzehn Obdachlose sehe ich auf dem Weg zu den Brötchen, Lager am Straßenrand, und der Weg ist wirklich sehr kurz. In den Nachrichten die Meldungen zum Winternotprogramm der Stadt, es wird bald kälter, wir werden in wenigen Wochen den ersten Kältetoten haben, oder die erste Kältetote. Das ist dann der Winterbeginn, der urbane Kalender in der härteren Version.

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Weiter im Programm, immer weiter. Es ist Mittwoch, es ist immerhin schon Mittwoch. Heute mal nicht auf Twitter gehen, nur um dieses bescheuerte Tim-und-Struppi-Bild nicht zu sehen, das jeden Mittwoch hundert Menschen dort posten und also meinen, ich müsse das unbedingt sehen.

Ich möchte lieber nicht.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 1.11.2022

Über den Twitter-Deal, eine vermutlich treffende Zusammenfassung der Lage. Obwohl – schon wieder drei Tage her, und es dreht ja schnell. Leider ins immer Unangenehmere.

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Exkurs Mastodon – Frau Herzbruch mit einigen naheliegenden Überlegungen. Bei Herrn Fischer liest es sich etwas getragener, aber sehr interessant. Und auch Anke überdenkt die Lage, es klingt nicht eben frohlockend.

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ÖPNV lockert den Alltag auf. Meine Rede.

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Neue Fundstücke aus den Literaturblogs

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Und ein Text für den Freundeskreis ADHS, mit einem letzten Absatz für den Freundeskreis Blogs.

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Schussfahrt zum Jahresende

Ich entnehme dem Polizeibericht, dass in der Nacht aus einem fahrenden Auto heraus, aus einem schwarzen SUV, so steht es da, auf einen Club hier um die Ecke geschossen worden ist. Mehrere Schüsse auf die Glasfront wurden abgegeben, die Hintergründe sind unklar wie immer. Ein Bild der zerschossenen Scheibe daneben.

Das war um 05:50, da war ich natürlich schon wach und am Schreibtisch, und ich habe es nicht mitbekommen. Nicht die Schüsse, nicht die Polizei, nichts. Da kann mal sehen, wie konzentriert ich um diese Uhrzeit arbeiten kann, geistig nennenswert mehr im Text als in der Wirklichkeit. Ich habe da gerade eine Kolumne, und das ist jetzt kein Scherz, über die Gemütlichkeit geschrieben, und wenn ich mit so etwas beschäftigt bin, dann könnt Ihr draußen ruhig schießen, ich habe dafür gerade keine Antenne. Okay. Auch mal sehen, was man kann, nicht immer nur alles abwerten.

Es ist sechs Uhr morgens, ein anderer Tag, draußen sind 14 Grad, aber es kommt schon hörbar Wind auf, Regensymbole sehe ich im Wetterbericht, viele sogar. Dieser entsetzlich deplatzierte und belastende Oktobersommer wird also passend zum Monatswechsel abgeräumt, man wird in Kürze wieder in Frieden in Innenräumen bleiben können, ich begrüße das ausdrücklich.

Aus brotberuflichen Gründen beginnt für mich mit dem 1. November die Schussfahrt zum Jahresende, von hier bis zum 16.12. ist es jetzt eine schnelle, arbeitsreiche Tour, im Grunde sind wir durch mit diesem 2022. Und in jedem Jahr die Verblüffung, das es jetzt doch so weit ist. Nie wird man das los, wie auch immer das Jahr sich hier und da gezogen haben mag.

Die frühe Brötchenrunde. Beim Bäcker gibt es wieder Baumkuchen, der hier nur saisonal verfügbar ist, Wintersterne, Sterntaler und große Dominosteine, braunfettglänzend. Im Geschenkeladen liegen erste Adventskalender im Schaufenster und ein paar Weihnachtsdekoartikel wurden noch zurückhaltend unter die anderen Waren gemischt. Innen im Laden aber, man sieht es von außen, wird die nächste Eskalation gerade jetzt vorbereitet, der Inhaber entwirrt buntglühende Lichterketten und stellt funkelnde Weihnachtsbäumchen aus Plastik auf die Tische mit dem saisonal richtigen Zeug.

Im ZDF-Newsticker steht am Morgen gleichberechtigt zwischen den Meldungen „Kaum Annäherung bei Putins Treffen“ und „Iran belegt CIA mit Sanktionen“ die nächste Schlagzeile: „Klum bereitet sich auf Party vor“, die erläutert wird wie folgt: „Halloween-Fan Heidi Klum (49) hat mit ihren Fans Vorbereitungen für ihre diesjährige Kostümierung geteilt.“ Auf Instagram, das ist gemeint.

Man muss nochmal darüber nachdenken, wie es kommen konnte, dass so etwas ernsthaft Nachrichtenwert hat. Irgendwas ist grundsätzlich falsch abgebogen, und womöglich waren es wir alle.

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Das Kreisen der Themen und Schatten

Greta Thunberg wird die Klimakonferenz nicht besuchen, lese ich am Morgen, weil sie das dort zur Schau gestellte Greenwashing der Damen und Herren aus der hohen Politik nicht als Komparsin dekorieren möchte. Das ist das eine. Das klingt löblich, finde ich, es klingt wie eine Frage der Haltung, und Haltung, das gibt es ja heute kaum noch, man hat ja mittlerweile eher Interessen.

Das andere ist meine Unentschlossenheit am frühen Morgen. Ich weiß nicht, was ich mit mir oder diesem freien Tag anfangen soll. Ich lese Twitter nach, ich lese Mastodon nach, ich denke über die Unterschiede zwischen den Plattformen usw. nach, aber dann denke ich, weder noch, mir ist heute nach etwas ganz anderem, aber wonach bloß.

Ich lege mich noch einmal aufs Bett. Ich mache klassische Musik an und sehe zu, wie es draußen hell wird, wie die Möwen hell aus dem Dunkel auftauchen. Auch einmal konzentriert irgendwo zuhören, warum nicht. Ich überlasse die Auswahl der Stücke dem Algorithmus, mir fehlt eh jede Kompetenz, wenn es um klassische Musik geht. Ich höre etwas aus Dido und Äneas, Purcell. Und Äneas, da dämmert etwas, was war denn noch einmal mit dem. Der kam im Lateinunterricht damals vor, sechste Klasse etwa, um Alba Longa ging es, eine Stadt war das. Glaube ich. Das ist längst brachliegendes Wissen, kurz habe ich ein Schulbuch undeutlich vor Augen, eine halbe Sekunde nur, dann ist es wieder weg, Schatten aus der Vergangenheit, vorbeiflackernd, abtauchend. Dann gab es noch ein Jugendbuch von Auguste Lechner, die heute auch nicht mehr unumstritten ist, wie ich lese. Ich habe in einem gewissen Alter (etwa 12?) ihr Gesamtwerk eingeatmet, das galt zu der Zeit als sehr gute und pädagogisch ungemein wertvolle Jugendliteratur. Und gab es nicht auch noch eine Fernsehserie im Vorabendprogramm? Ich ahne so etwas, ganz dunkle Bilder, sehr fern, Männer mit Schwertern, was sonst. Abenteuer eben.

Ich lese alles in der Wikipedia nach. Wobei das nicht ungefährlich für mich ist. Mythologie ist ein Abgrund, das kann schnell Tage und Wochen kosten. Ich war da einmal sehr kundig, bei den Griechen, den Römern etc., ich habe daher überall so ein leise verlockendes Restgeklingel im Kopf, wenn ich die Stichworte, die Namen, die Orte wieder lese, ich muss aufpassen, dass es nicht zu reizvoll wird.

Äneas jedenfalls, der Dido liebt, die ihn liebt, die er dennoch verlassen muss, versteht sich, wir sind im Altertum, da gibt es keine Gnade, da schlägt das Schicksal zu, und mit welcher Macht. Sie bringt sich dann folgerichtig um, nachdem er weg ist. Später, viel später, begibt sich Äneas als Lebender in die Unterwelt, das hat mit seinem Vater zu tun, eigentlich nicht mit Frauen, aber er trifft doch Dido dabei und spricht sie an – sie wendet sich ab. Was mich aus irgendeinem Grund, den ich nicht zu fassen bekomme, auf einmal sehr rührt, diese Szene, dieses Abwenden, Moment, wir sehen eben bei Vergil nach, wie es genau war. Äneas erkennt sie in den Schatten, so wie einer den ersten Anschein des wieder zunehmenden Mondes durch die Wolken erkennt, das ist auch schon einmal ein gelungenes Bild, er spricht sie bebend an, ich vermische online auffindbare Übersetzungen:

„Unglückliche Dido, wahr war also die Nachricht, die mich erreichte, dass du gestorben und mit dem Schwert bis zum Äußersten gegangen bist. Ach, war ich der Grund für deinen Tod? Bei den Sternen schwöre ich, bei den Göttern […] gegen meinen Willen, o Königin, schied ich von deiner Küste. Aber die Befehle der Götter trieben mich mit jener Macht, die mich nun zwingt, durch Schatten zu gehen, durch eine Gegend starrend von Moder und durch finstere Nacht, und ich konnte damals nicht glauben, dass ich durch meinen Abschied dir diesen so großen Schmerz bereitete. Halte ein deinen Schritt und entziehe dich nicht meinem Anblick! Vor wem fliehst du? Das ist nach dem Willen des Schicksals das letzte Mal, dass ich zu dir spreche.“

 Mit solchen Worten versuchte Äneas die ergrimmt und finster blickende Seele zu besänftigen und seine Tränen zu Hilfe zu rufen. Jene aber, abgewandt, hielt ihre Augen auf den Boden gerichtet und ihr Antlitz zeigte keine Rührung, als wenn sie dastünde als harter Granit oder Marmor.“

 Es scheint, so lese ich, unter Übersetzerinnen umstritten zu sein, ob nun er weinte oder sie, das kennt man auch aus anderen Beziehungskonflikten. Schön aber auch, durch Schatten zu gehen, durch „eine Gegend starrend von Moder“ – diese Formulierung ruhig einmal im Sinn behalten, man kann das auf Großstadtspaziergängen hier und dort anwenden.

Vielleicht also doch auch einmal Vergil lesen? Noch so eine Bildungslücke von mir. Ich meine, das ist doch wunderschön. Ich weiß nicht, ich bin gerade in der Stimmung für so etwas und es passt ja auch durchaus vom Datum her, Halloween, Samhain, was auch immer, die Tore zur Unterwelt sind heute jedenfalls bestenfalls angelehnt, nicht aber fest verschlossen, es ist thematisch angebracht und saisonal alles richtig.

Ich lese dann auch über diese Oper nach, über Purcell. Ich mache Youtube auf, ich sehe mir die Sterbeszene der Dido an. Sie bringt sich aus Liebeskummer um, zwei Zofen (oder wie immer sie korrekt bezeichnet werden) sind bei ihr. Sie nimmt Gift, nicht das Schwert, man spart also Kunstblut und es singt sich vergiftet auch besser, nehme ich an.

Die Szene kommt mit jedenfalls sehr gut und gesungen gespielt vor, wobei ich aber tatsächlich ohne jede Kompetenz bin, ich lese also lieber noch die Kommentare nach. Die sind durchweg lobend und überaus nett, das ist wohl tatsächlich sehr gut gespielt, sehr gut gesungen, sehr gut inszeniert, liebevoll auch, und es steht noch das dort, womit dieser Text wieder zum Anfang zurückkreist, wie ja überhaupt alles kreist, die Jahreszeiten, die Themen, die Geister: Die Sängerin da ist Malena Ernman, die Mutter von Greta Thunberg. Guck an.

“When I am laid in earth

May my wrongs create

No trouble in thy breast;

Remember me, but ah, forget my fate.”

Ich weiß nach wie vor nicht, was ich mit mir oder mit diesem Tag anfangen soll, aber manchmal ist es auch nicht schlecht, ziellos herumzuwandern, in der Ober- oder Unterwelt, in den Zwischenzeiten.

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