Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 16.7.2022

Eine neue Monatsnotiz von Nikola, dann ist wohl zwischendurch schon wieder ein Monat vergangen. Wer soll da noch mitkommen.

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Ein technischer Hinweis zum Datenschutz für Bloggerinnen und Blogger, es gibt eventuell etwas zu tun.

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Ich habe für das Goethe-Institut etwas über Gemeinschaften, Arbeit und Teams geschrieben.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Es ziehen Schauer übers Land

„Es ziehen Schauer übers Land“, so steht es im Wetterbericht, und es klingt nach Lyrik oder wenigstens nach Volkslied:

Während ich die Liebe fand

zogen Schauer übers Land

Humtata, repeat zwo drei

Es wird doch gerade allgemein über Songtexte debattiert, nicht wahr? Ich habe die entsprechenden Artikel nicht gelesen, ich habe nur die Schlagzeilen gesehen, das reichte mir schon. Ich muss mich nicht für alles interessieren, schon gar nicht im Urlaub. Neulich habe ich, fällt mir dabei ein, auf Spotify einen Roman gehört, in dem es um russische Aussiedler in Deutschland ging, um ein eher sauberes und eindeutig feuilletontaugliches Thema also, aber die Autorin wurde, ich vermute eine schwere Fehlfunktion der Algorithmen, von Spotify in Richtung Porno klassifiziert, eine für sie sicher äußerst unangenehme Situation.

Unter „Ähnlich wie …“ bekomme ich jetzt jedenfalls Vorschläge, also man macht sich keinen Begriff. „Ein Sommer ohne Höschen“ ist noch harmlos. Oder das mich vom Titel her erheiternde „Sommersex – Mach‘s mir im Garten.“ Gib mir Unkrautnamen, denke ich und gehe bemüht kultiviert zu Maupassant über, Boule de suif, heute noch ein Meister- und Lehrstück über Stimmungsänderungen in Gruppen und soziale Ausgrenzung, geradezu gruselig gut ist es. Wie überhaupt der ganze Maupassant noch süffig les- oder hörbar und oft sogar noch gültig ist, siehe etwa auch Tschechow im Russischen, so etwas haben wir im Deutschen wohl nicht. Fontane, Storm oder Raabe jedenfalls haben nicht diese erhalten gebliebene Leichtigkeit des Tonfalls.

Draußen immer noch und immer wieder der stürmische Wind. Eine Schwalbe startet aus dem Nest und bleibt in einer Böe über dem Dach der Scheune kurz stehen, es geht nicht weiter, es kommt ihr einfach zu viel Luft entgegen. Dann kehrt sie um und fliegt schimpfend zurück zum Nest, keine Schwalbe möchte man vor die Tür jagen in diesen Stunden. Ein Schmetterling wird quer über den Hof katapultiert. Es ist mir ein Rätsel, wie Schmetterlinge es bei ihrer Körperkonstruktion schaffen, bei starkem Wind noch zu fliegen. Wieso werden sie nicht Sekunden nach dem Start gegen irgendwas geklatscht und zermatscht, wie steuern sie die wilde Fahrt?

Die Herzdame geht über den Hof, bückt sich und streichelt das Lamm, das dort unverzagt grast. Dem Lamm ist der Wind vollkommen egal, auch die heute eher spätherbstliche Temperatur, es trägt ordentliches Outdoorzeug. In der üppigen Wolle des Schafes aber haben sich Dornen verfangen und die kraulende Herzdame schreit auf, zuckt zurück und besieht sich einen ihrer Finger, von dem Blutstropfen märchenhaft rot ins Gras herabfallen. Sie hat sich an einem kuscheligen Lamm gestochen, das muss man auch erst einmal schaffen. Ich nehme es selbstverständlich als erneuten Beleg ihrer Prinzessinnenhaftigkeit, so viel Märchenland muss sein.

Ein paar Meter weiter ringt ein kleiner Junge mit seiner etwas größeren Schwester um einen leeren Eimer, den eines der Kinder zuerst hatte und unbedingt behalten will, was wohl nur mit Gewalt zu klären ist. Sie schlägt ihn, er tritt sie schließlich, sie fällt hin, in einiger Entfernung zu ihrem Kopf liegt ein großer Stein als Wegmarkierung. Sie zeigt empört darauf: „Davon kann man sterben!“ Der Junge besieht sich die Entfernung, schüttelt energisch den Kopf und sagt: „Davon sterbst du nicht.“

Das hätte ich zur Herzdame mit dem blutenden Finger selbstverständlich auch sagen können. Aber es ist jetzt zu spät und ich möchte ohnehin Freundlichkeit vorziehen, wann immer es mir möglich ist.

Das Lamm kackt, der Hund kommt und frisst auf, was da dann liegt. Kreislaufwirtschaft, denke ich kenntnisreich, das ist auch schön und wichtig.

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Beaufort sieben bis acht

Der Kies knirschte unter den Reifen als wir auf den Hof mit den Ferienwohnungen einbogen und parkten. „So“, sagte ich, und „Oh, schon da“, sagte ein Sohn, sah überrascht von seinem Handy hoch und irritiert nach draußen, eben war da doch noch Hamburg. Man hätte unseren Gesichtern vermutlich ansehen können, dass wir nicht zum ersten Mal hier hielten. Es fehlte uns diese gewisse Unsicherheit, Neugier, Skepsis und Vorsicht, die man bei ersten Malen hat. Es fehlte dieses minutenlange Stehen und Gucken, mit dem Touristen in aller Welt Einheimische in den Wahnsinn treiben. Es lief alles eher routiniert ab und die Jungs stiegen aus, öffneten den Kofferraum und fingen ohne Nachfragen an, die Sachen in die Wohnung zu tragen, also gefühlt wie immer den halben Haushalt.

Wir waren gut durchgekommen. Das ist eine Wendung, die im deutschen Smalltalk von erheblicher Relevanz ist, es ist alles gut, wenn man gut durchkommt. Als müsse man sich durch enge Autobahnen zwängen, so klingt das, es ist im Grunde ein ganz falsches Bild. Wie immer war es so, dass die lokalen Medien voller Warnungen waren, an den Tagen vor unserer Abreise und dann im Crescendo bis zum Tag des Aufbruchs, überall waren Warnungen, fahrt nicht, fahrt anders, fahrt später oder früher. Es waren rekordmäßige Staus vorhergesagt worden, die sollten von der Großstadt bis an die Küste reichen und an den Ausweichstrecken und Umleitungen liefen sich die ADAC-Propheten mit den großen „Kehret um!“-Schildern schon warm.

Wie immer war dann aber gar nichts und die Fahrt verlief eher so, als hätten nur wir diese höchst spezielle Idee gehabt, Richtung Nordsee zu fahren, als sei das sonst eher nicht so üblich. Lediglich den absurden Stau zwischen unserer Garage und der ersten Ampel, in dem wir immerhin eine nervtötende halbe Stunde standen, der am Hamburger Triathlon lag und meine Aversion gegen Großveranstaltungen aller Art weiter verfestigte, den hat natürlich niemand vorhergesagt. Vor dem Großen wird laut und sinnlos gewarnt, doch im Kleinen erwischt es dich dann hart und überraschend. Man darf hier Tiefsinn vermuten, aber ich kann auch nicht immer über alles nachdenken. Schon gar nicht im Urlaub.

Ich begrüßte den Hofhund, den ich schon seit seiner Welpenzeit kenne, und nahm gefasst zur Kenntnis, dass die Katzen sich nicht einmal nach mir umdrehten. Sie hatten gerade keine Zeit, denn sie waren intensiv damit beschäftigt, in exakt paralleler Körperhaltung eng nebeneinander zu dösen. Eine Beschäftigung, in der sie es zu großer Kunstfertigkeit gebracht haben, sie beherrschen auch das unmerklich abgestimmte Umdrehen in Perfektion, ich beobachte es schon seit Tagen staunend. Sie machen nennenswert mehr Nickerchen als ich, das will im Moment etwas heißen, und ich bin überhaupt nicht geübt darin, mit der Herzdame in synchronisierter Haltung zu liegen. Bei Katzen sieht das definitiv gut aus, ich weiß nicht recht, wie es bei uns wäre.

Dicht über uns die Schwalben, von denen ich etliche vielleicht schon aus dem Vorjahr kannte. Aber es war da so ein Durcheinander am Himmel, ich hätte mich nicht festlegen wollen. Und auch die Schwalben hatten keine Zeit, keine Zeit, sie jagten wie immer nur so durch ihren Tag.

Auf der Weide gegenüber standen Schafe mit ihren Lämmern. Groß sind sie geworden, und bei einigen von ihnen waren wir bei der Geburt im März dabei.

Es war kühl, es kam Wind auf, es war Pulloverwetter, Wir kamen aus unserer wie in jedem Sommer stark aufgeheizten Dachgeschosswohnung, wir kamen aus dem Garprozess der urbanen Hitzewellen, wir fanden das also erst einmal gut, das mit den Wolken und dem Wind, wir atmeten.

Beaufort sieben. „Grobe See“ heißt es da in der Beschreibung, bei Beaufort acht steht dann aber nicht „saugrobe See“, obwohl das irgendwie passend klingen würde. Beaufort sieben bis acht. Die See kann man von hier aus nicht sehen, es sind noch etliche Kilometer bis zum Meer, wir hörten nur den Wind und den Sturm und ahnten, wie grob es da draußen zuging.

Auf der Leine hinterm Haus wehten die Laken, wie Segel stramm im Wind. Darunter ein grasendes Lamm, das uns kurz ansah und fragend „Mäh?“ blökte, und da habe ich es wieder deutlich gemerkt – man hat längst nicht auf alles eine passende Antwort.

Aber das muss man auch nicht. Schon gar nicht im Urlaub.

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Für mich den knirschenden Kies

Ich lese Jane Gardam, das Mädchen auf den Felsen, Deutsch von Isabel Bogdan, deren Blog nicht mehr ganz so aktiv ist, um es dezent auszudrücken. Andere Leute kommen auch zu nichts, ich will es tröstlich finden.

Das Buch gefällt mir jedenfalls sehr gut. Ich werde, das kann ich glaubhaft nach der ersten Hälfte beschließen, auch den Rest der Gardam lesen. Ich verliebe mich etwas in die Formulierung “keine Hobbys beschmutzten den Haushalt“ und freue mich noch Stunden später darüber, so soll das Lesen sein. Das Mädchen auf den Felsen ist allerdings schmal und schnell gelesen, ich habe dummerweise gerade keine anderen Gardams in Griffweite und greife daher zu Elizabeth Bowen, zu Kurzgeschichten von ihr. „Sommernacht“ heißt der Band, Deutsch von Sigrid Ruschmeier. Und wenn Sie mal einen wirklich sensationell gelungenen Übergang zwischen zwei Büchern hinbekommen wollen, was ich übrigens für eine stark unterschätzte Kunst halte, dann lesen Sie Bowen nach Gardam, es wird ein spektakulärer Erfolg sein. Als würde man nacheinander zwei Pralinen aus derselben Schachtel essen, als würde man die Werke von Schwestern lesen.

Ich befinde mich auf Eiderstedt, ich lese englische Bücher. Sie spielen zu Zeiten, als Geschichten noch damit begannen, dass Autos, die man sich heute als prächtige Oldtimer vorzustellen hat, auf dem knirschenden Kies vor Herrenhäusern hielten, was man auch aus Filmen sattsam kennt, genau diese Sequenz, tausendfach wurde sie gedreht und beschrieben und ich lese also wieder einmal davon. Der Kies knirscht, der Wagen hält und in dem Moment, in der Sekunde, in der ich mit den Augen über diese Zeile fliege, knirscht der Kies vor dem großen Bauernhaus, in dessen Dachkammer ich gerade liege, und ein Wagen fährt vor. Ein Moment von erheblicher Schönheit ist das. Der Schlag klappt, Schritte auf dem Kies, Hühnergackern im Hintergrund, noch weiter weg steht dunkel rufendes Vieh auf der Weide, zwei Atemzüge Pause, dann setzt die Nachtigall ein.

Dafür mache ich Urlaub, glaube ich, hauptsächlich für so etwas.

Dann fällt mir ein, dass ich den knirschenden Kies auch nehmen kann, um hier demnächst weiter zu erzählen, auch wenn das Blog kein Roman ist und auch keiner werden wird, den knirschenden Kies gibt es doch und ich sitze als Autor vor einer Speisekarte mit möglichen Anfangssequenzen, überlege etwas und sage dann zu dem heraneilenden Kellner: „Für mich zuerst den knirschenden Kies, bitte.“

Denn auch als wir hier ankamen, auf dem Hof auf Eiderstedt, bogen wir auf eine Kiesfläche ein, knirschte es unter den Reifen, und genau da will ich also in Kürze fortsetzen. Sobald ich dazu komme und die Kraft wieder reicht, diese Kraft, an der es mir immer noch mangelt.

Ich habe mit etlichen Menschen gesprochen, die Corona hatten, es besteht ja kein Mangel an Gelegenheiten, es ist im Moment eher eine Überfülle vorhanden, alle hatten es gerade, haben es gerade oder bekommen es heute noch. Viele berichten von bleibender und bleierner Müdigkeit, von Schwäche und Erschöpfung, viele berichten, detailliert sogar, was sie alles wie lange nicht konnten. Bei mir ist es etwas anders. Ich glaube, ich kann alles (diesen Satz lieber nicht aus dem Zusammenhang reißen). Also theoretisch zumindest kann ich alles. Körperliche Kraft hätte ich wohl, mir fehlt nur komplett und ich denke sogar in einem mir bisher unbekannten Ausmaß jeglicher Antrieb, ich denke fortwährend, hauptsächlich und in Bezug auf alles: „Nein.“ Da ich Corona hatte, kann ich es einfach darauf schieben, das ist praktisch und entlastend. Wochenlang kann das dauern, so lese ich bei anderen, die mir vorausgingen, und mit Long-Covid hat das noch nichts zu tun, das immerhin. Vermutlich liegt dieser Urlaub als Zeit der Rekonvaleszenz also recht praktisch im Kalender herum. Das war nicht geplant, aber es geht gut auf, möchte ich annehmen.

Ich gehe spazieren. Ich gehe zwei Weiden weit, ich denke „Ach, reicht auch.“ Dann denke ich: „Mist, jetzt noch alles zurückgehen.“ Ich stehe unmotiviert in der Landschaft herum, Kühe sehen mich an. So in etwa fühlt sich das an.

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Ihr geht da einfach so längs

Im letzten Text hatte ich einen Absatz über das Wort „offenbar“, von da aus kam ich assoziativ erheblich auf Abwege, die ich nicht mehr rekonstruieren kann. Ich las Unmengen seltsames Zeug und landete schließlich bei Aphrodite’s Child. Eine Band des Progressive Rock war das, man kennt heute noch zwei der Gründungsmitglieder mit späteren Superstarkarrieren verschiedener Ausprägung, nämlich Demis Roussos (noch schlank und in Hosen zu der Zeit) und Vangelis. Von dieser Gruppe gibt es ein Konzeptalbum, „666“, das ist die Vertonung der Offenbarung des Johannes, man hatte damals nicht unerheblich Anspruch. Es ist nicht eben die eingängigste Musik, es ist aber sicher ein interessantes Stück Rockgeschichte, da kann man einmal hineinhören, auf Youtube findet man etwa „The four horsemen“. Musik für den späteren Abend, sie musss etwas lauter sein, man hört sehr gut, so meine ich, wie spannend die Epoche musikalisch war. Und es hat auch etwas, heute noch.

Beim weiteren Klicken in diesem Kontext blieb ich bei dem folgenden Video der Band hängen, das ich ganz und gar großartig finde. Es ist das vielleicht schlumpfigste Musikvideo, das je gedreht wurde. Wie unmotiviert kann man denn bitte durch eine Landschaft stapfen? Wie ostentativ kann man beim Dreh erst einmal eine rauchen, wie vollkommen sinnlos biegen sie zum Schluss auf das Feld ab, wie unmotiviert latschen sie durchs Gemüse ins Ungewisse?

Man muss sich die Szene vorstellen, die diesem Video voranging, wie irgendwer sie zu diesem Dreh mühsam überredet hat, ihr geht da jetzt einfach so längs, versteht ihr, ihr geht einfach, ganz entspannt, wir haben keine Zeit für mehr Aufwand und auch kein Geld. Wie sie dann, mit erheblichem Restalkohol oder Schlimmerem im Blut, zurückgefragt haben, ob wohl noch alle Tassen im Schrank seien, einfach da auf dem blöden Feldweg oder was, und Demis singt dann dabei, eh klar, aber was machen wir bitte, in die Landschaft gucken, spaziergangsmäßig, geht‘s noch? Und dann kam also das dabei heraus, ich kann es mir immer wieder ansehen.

Es wäre für die Musikgeschichte bedauerlich, aber sonst doch sehr faszinierend, wenn sie nach 3:12 schließlich verschollen wären. Niemand hat jemals wieder eine Spur von den Dreien gefunden, sie verschwanden dort in dem Wäldchen, mehr weiß man nicht, nur eine Pfeife fand man später, längst war sie erkaltet.

Mir ist das alles jedenfalls sehr sympathisch.

Rain and tears are the same

But in the sun you got to play the game

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Klappklappklapp

Ich packe einen Koffer und tragen ihn in die Garage zum Auto. Die Garage ist bei uns großstadtbedingt ein paar Häuser weiter, nicht alles ist hier so bequem wie im Einfamilienhaus mit Carport. Ein Nachbar, auch Vater von zwei Kindern, kommt ebenfalls gerade mit einem großen Koffer aus seinem Haus, er geht auch zu dieser Garage, in die gerade noch ein weiterer Mann geht, den ich zwar nicht kenne, aber auch er hat einen Koffer dabei und das Paar dort vor uns, die haben drei Koffer, und die Frau hinter uns trägt gebückt einen überdimensionierten Rucksack. Wir gehen alle zu unseren Autos, wir haben alle Gepäck dabei, wir laden alle schon einmal ein, wir machen, was man so macht, wir machen, was alle machen. Autotüren gehen auf und zu, das geht klappklappklapp und hallt durch diese riesige Garage mit hunderten von Plätzen. Das satte Schmatzen der nagelneuen SUV-Türen, das eher blecherne Geräusch unseres mittlerweile uralten Familienautos. Koffer werden gewuchtet, schweres Stöhnen höre ich von Ebene -1 und Ebene -2, dann ein Schnaufen und ein Schieben, ein Drücken und Pressen, alles muss irgendwie passen, es passt ja immer irgendwie, das weiß man doch aus den Vorjahren, also gut, dann eben versuchsweise den anderen Koffer zuerst und nach unten. Wie haben wir das denn bloß gemacht?

Dann klappen die Türen wieder, wir gehen alle zurück in unsere Wohnungen und fühlen uns wahnsinnig individuell mit unseren ganz eigenen Plänen für die nächsten Tage. „So ein Ich hat irgendwie jeder“, heißt es bei Rühmkorf, es ist lange schon eine meiner Lieblingszeilen von ihm. So ein Ich hat irgendwie jeder, so ein, zwei, drei Urlaubswochen auch, und zwar jetzt. Wir machen weiter, wir machen ein wenig mit, und warum auch nicht.

Ich habe so viele Bücher dabei, dass die anderen hier mich für irre halten. Das ist gut so, denn dann weiß ich, es sind vielleicht genug. Man muss doch welche desinteressiert weglegen können, nach nur zehn oder zwanzig Seiten! Erst das schafft dem Leser Freiheit.

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Auf Twitter sind mir in der letzten Woche mindestens drei ultimative Aufforderungen begegnet, Drohungen waren es eigentlich eher. Eine ging in die Richtung: „Wenn Du X folgst, dann blockiere ich Dich“, bei einer ging es um richtige Wortwahl, also „Wenn Du das Wort X schreibst, dann folge ich Dir aber nicht mehr“, und bei einer schließlich um ein Stilmittel, also „Wenn Du so schreibst, dann kannst Du mir aber nicht mehr folgen“. Nichts davon bezog sich direkt auf mich, aber es war doch so eine Woche, in der mir diese unverkennbar emotional hochkochende Schulhof-Stimmung in seltsamer Verbindung mit verknöchert puritanischen Zügen in den sozialen Medien zu unangenehm wurde, und ich bin sonst eher hart im Nehmen.

Da vielleicht doch einmal etwas Abstand gewinnen.

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Ich habe ein Interview in der taz gelesen und ich habe eine Lieblingspassage, bei der ich mich nicht entscheiden kann, was ich faszinierter zur Kenntnis nehme, den politischen oder doch den journalistischen Aspekt:

„Es fehlt in unserem Land nicht am Geld.“

„Aha.“

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Ist Ihnen auch aufgefallen, dass wir gerade eine Offenbar-Seuche in den Medien haben, die sich von Redaktion zu Redaktion schnell verbreitet? Achten Sie einmal auf Schlagzeilen, wie oft und was da alles als „offenbar“ beschrieben wird, und fast immer ist der Wortgebrauch nicht so, wie es meinem Sprachverständnis entspricht, fast immer also wird das Wort offenbar offenbar falsch verwendet, denn wenn man es beliebig streut, wird es komplett sinnlos und ersetzt jede eigene Recherche oder auch nur Prüfung, offenbar ist dann irgendwie alles.

Und offenbar ist der Text hier zu Ende.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die Zusendung von „Der Tod in Rom“ vom ollen Koeppen, das wohl schon zur Herbstlektüre zu zählen ist, mir will Koeppen nicht recht wie ein Sommerautor vorkommen, dazu muss man ihn zu aufmerksam lesen. Was ich dann aber gerne mache und überhaupt Herbst, das ist ja quasi gleich und ich freue mich auf das Buch. Sommergeschenke gab es sogar auch noch, und zwar Lampions für den Garten. Die Herzdame, die beim Lampionverbrauch dezent verhaltensauffällig ist, ich erwähnte es bereits mehrfach, grüßt und dankt herzlich und sagt, genau die hätten ihr gefehlt.

Vorderseite

Eine etwa zweisekündige Bewegtbildsequenz mit Sound, damit kommen wir heute aus. Zu sehen gibt es eine Ampel an einer belebten, ausgesprochen urban wirkenden Straße, eindeutig haben wir hier eine Großstadtszene vor uns und wenn Sie aus einem Dorf oder einer Kleinstadt lesen, dann denken Sie sich genau das, was Ihnen zu Großstadt einfällt, wenn Sie es einmal halbwegs positiv sehen: Gewimmel der bunten Art, Straßencafés ein paar Meter weiter, Geschäfte mit vielfältigen Auslagen, eine Schule, aus der Kinder strömen, ausdrückliche Verkehrsvielfalt mit allen Arten von Fortbewegungsmitteln, darunter auch getunte Oldtimer, rote Stadtrundfahrtdoppeldecker, Elektromobile der futuristischen Art usw., hier ist etwas los. Zwei, drei Bäume sind auch im Bild, das ist hier eine halbwegs grüne Stadt. Die Ampel, wir sehen sie aus der Fußgängerperspektive, zeigt gerade Rot, links und rechts halten Autos, Elektroroller, Fahrräder, Scooterfahrer – und ein Lastenradfahrer, um den geht es jetzt.

Er hat einen großen Kasten vor sich, da wird wohl Material und Werkzeug drin sein, denn einer Beschriftung an der Seite können wir entnehmen, dass er für einen Handwerksbetrieb fährt. Das sieht man hier öfter, Handwerksbetriebe mit Lastenrad, das ist längst nicht mehr ungewöhnlich und auch nachvollziehbar, die kommen gut durch den sich überall stauenden Stadtverkehr, die können auch überall parken. Der Mann ist jung, groß und sportlich. Er wird Elektroantrieb am Rad haben, er sieht aber so aus, als würde er den gar nicht benötigen. Im oder am Kasten ist auch eine Box, und keine schlechte, aus der schallt es beeindruckend laut, sommerlicher Reggae. Es schallt sogar sehr laut. Der Fahrer trägt diese Frisur, die man der einen Künstlerin neulich so öffentlichkeitswirksam angelastet hat, aber das wollen wir bloß nicht vertiefen, ich halte nur eben fest, dass man die Dreadlocks ihm jedenfalls nicht anlasten würde, wenn ich alles richtig verstanden habe. Der Reggae könnte mit ihm eng verbunden sein, das weiß man aber nicht und es kann auch komplett falsch sein, denn man denkt da spontan immer Deutungen, die letztlich keinen Bestand haben können, wenn man nicht ausdrücklich nachfragt und viel mehr weiß, und wer würde schon nachfragen. Man muss sein Denken zur Ordnung rufen, pausenlos.

Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, wir warten auf Grün, wir hören unfreiwillig aber angenehm überrascht Reggae. Und um uns herum: Wippen. Die beiden jungen Frauen da drüben auf der anderen Straßenseite machen angedeutete Tanzbewegungen, sie sind kaum zu erkennen. Die Mutter dort mit ihrem Kleinkind auf dem Arm hüpft schon eindeutiger und lacht dabei, weil das Kind auch laut lacht. Der junge Mann, der auf seinem Rennrad am Ampelmast lehnt: Auf den ersten Blick unbewegt, auf den zweiten Blick trommelt er allerdings Rhythmen an den Mast, mit den Fingern der Hand, mit der er sich abstützt. Der Dönerverkäufer, der gerade aus seinem Imbiss kam und etwas an den Tischen vor seinem Laden herumräumt, nickt im Takt und grinst, und die Rentnerin, die modisch auffällt, weil sie viel bunter als andere daherkommt, wiegt sich in den Hüften und strahlt: Sommer, Sonne, Reggae. Eine Hamburger Straßenszene in immerhin angedeuteter Ausgelassenheit, kurz mal die Vibes durchrollen lassen, wenigstens bis es Grün wird, und der Bass wummert kraftvoll durch die Hanseatenhüften. Nur der Mann auf dem Rad, der Mann, der diese Musik laufen lässt, der verharrt vollkommen starr und sieht ausgesprochen schlecht gelaunt aus, während um ihm herum so willig und entgegenkommend reagiert wird. Der ist aber auch auf der Arbeit, wenn man drüber nachdenkt, der macht da nur seinen Job, und wenn ich meinen Job mache, dann wippe ich auch nicht herum.

Zwei Sekunden Reggae. Dann tritt er in die Pedale und fährt weiter, und das Publikum stellt die auffälligen Seitwärts-Bewegungen der Körpermitte wieder ein und geht einfach nur über die Ampel. Es gibt nichts zu sehen, es gibt nichts zu hören, bitte weitergehen.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 6.7.2022

Die besten Wünsche nach Berlin, das ist am wichtigsten.

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Euphorie hat nie recht. Nicht auf lange Sicht.

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Herr Fischer über Digitalisierung. Er klingt ein wenig so, als hätte er einen Restglauben an gelingende Digitalisierung. Das finde ich sehr tapfer, sich so eine Haltung zu bewahren.

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Es gab finnische Lachssuppe, die fanden hier alle gut, außer mir, aber ich zähle bei Geschmacksfragen gerade nicht. Für mich schmeckte das ganz entfernt nach Fisch, eventuell sogar etwas nach Dill. Vielleicht. Kochen ohne etwas zu schmecken, das bleibt eine verstörende Erfahrung.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 2.7.2022

Ich war verliebt und es war schön.

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Flügel statt Autos.

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Die Fundstücke aus den Literaturblogs für den Juni.

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Anke seit zwanzig Jahren. Ein VSOP-Blog, ich gratuliere.

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im übrigen stelle ich fest, dass das reisen mit geld einfacher wird und besser“.

Ich bin immer noch etwas coronageschädigt, weswegen hier eher Sparbetrieb ist, pardon, ich will aber sehen, dass ich bald eine Dankespostkarte posten kann, vielleicht sogar heute noch.

Wobei ich das spärliche Schreiben aber auch neu rechtfertigen kann, ich habe nämlich draußen wieder gut aufgepasst. Erinnern Sie sich, ich habe neulich das Ladensterben und das schnelle Shop-Wechsel-Dich-Spiel hier erwähnt, in welch flottem Rhythmus die neuen Lokale, Geschäfte etc. aufgemacht werden, kurz blühen, wieder vergehen, wie nichts mehr Bestand hat, alles Tand, Tand ist und man sich an kein Geschäft noch lange erinnern kann … vielleicht wissen Sie das noch. Da sprach ich auch von einem Laden, der mal auf und mal zu ist, von einem Laden, der gerade flackert, so habe ich das genannt. In der einen Stunde stehen da Tische und Stühle vor der Tür und sehen einladend aus, dann sind sie plötzlich wieder weg und das Licht ist aus, alles verschlossen und verwaist, es ist unergründlich. Gestern fragte da eine Passantin, als es gerade für einen Moment halbwegs geöffnet aussah, ob man da denn nun oder nicht, so exakt war das nämlich beim besten Willen nicht zu erkennen, also ob man da jetzt etwas bekommen könnte? Einen Kaffee etwa? Es gibt hier doch Kaffee? Und die Frau, die da irgendetwas herumräumte, lieferte dann die Erklärung und den Fachbegriff, der mir gefehlt hat, Sie ahnen ihn vielleicht schon, besonders wenn Sie in Berlin wohnen und also Vorsprung haben. Die Frau konnte das wunderbar erklären, dass es den Laden gab und gleichzeitig doch nicht gab: „Wir machen hier ein Slow-Opening.“

So also nennt man das, wenn alles nur halbfertig ist, und ich könnte hier jetzt auch einfach ab und zu einmal eine Zeile posten, eine vage Idee von einem Text nur, einen flüchtigen Hinweis vielleicht, und ich könnte das dann schlicht Slow-Publishing nennen und alles wäre gut und hip und gewollt so. Da mal drüber nachdenken.

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Mit dem gegenwärtigen Moment war er immer gut fertig geworden

Ich habe noch keinen Urlaub, die Söhne haben noch keine Ferien, aber ich lese schon einmal davon und ich erhöhe auch schon einmal den Bücherstapel. Christine Avel: Nur hier sind wir einzigartig, Deutsch von Christine Amann. Da haben Sie etwas zur Einstimmung, das kann ich empfehlen. Leicht, dünn, sommerlich, assoziativ einladend und freizeitorientiert. Sommerkindheitserinnerungen haben alle, da kann man anlegen.

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Oder hier, der Meeresroman von Petri Tamminen, Deutsch von Stefan Moster, nur zufällig aus dem selben Verlag wie das erste Buch. „Seekapitän Vilhelm Huurna schämte sich für gestern und fürchtete sich vor morgen, aber mit dem gegenwärtigen Moment war er immer gut fertig geworden.“ Wer kennt es nicht.

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Der Herr Giardino empfahl neulich auf Twitter eine App zum Erkennen von Vogelstimmen, auch die kann ich empfehlen: Merlin – all about birds. Zilpzalp und Grünfink und Hausrotschwanz kann ich hier nicht sehen, hartnäckig nicht, aber immerhin zuverlässig hören.

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Ich schmecke und rieche nach der Corona-Infektion weiterhin nichts, kann jetzt aber Lebensmittel ganz neu klassifizieren, nämlich ausschließlich nach Gefühl. Die Lustigkeit von Mozzarella erwähnte ich bereits, Schokolade ist ohne Aromen überaus merkwürdig und Erdbeeren sind definitiv gruselig, wirklich schrecklich, das möchte man nicht im Mund haben. Spaghetti Bolognese bleibt seltsam dumpf befriedigend, Geschmack hin oder her und Kaffee schmeckt ganz schwach bitter, das immerhin. Kaffee ist jetzt also dreifach interessant. Macht wach, ist heiß und schmeckt nach irgendwas, gleich drei Wünsche auf einmal.

Ich koche etwas für die hungrige Familie, ich reiße mich erheblich zusammen. Das Kochen nervt allerdings sehr, wenn man nichts davon hat und dabei nichts riecht, nicht einmal das ansonsten zuverlässig beglückende Anbraten der Zwiebel.

Der erste Home-Office-Arbeitstag nach der Woche mit der Krankschreibung. Nach sechs Stunden könnte ich vom Stuhl rutschen, mich auf dem Teppich einrollen und dort den Rest des Tages einfach verdämmern, ich finde die Vorstellung ausgesprochen attraktiv. Ich müsste an einem Text arbeiten, ich kann nicht. Ich denke über den Text nach, ich schlafe ein.

Aus der Schule erreichen mich Mails mit organisatorischen Anmerkungen zu den letzten Schultagen und Hinweisen auf das nächste Schuljahr. Es sind zu viele Mails für meinen Zustand, nach der dritten weiß ich schon nicht mehr, was in der ersten stand, ich schlafe schon wieder ein. Ich wache auf und weiß weder den Wochentag noch die Tageszeit, dann fällt mir alles wieder ein und verstimmt mich nachhaltig.

In den Foodblogs jetzt überall die Kirschen- und Beerenrezepte, das Jahr schreitet voran, wir sind schon kurz vor Pflaume. Ich kann mich an den Geschmack von Kirschen erinnern, aber wenn ich zu lange darüber nachdenke, ist die Erinnerung auf einmal nicht mehr greifbar. Besser nicht nachdenken, das gilt ja öfter. Davon abgesehen finde ich das Wort Kirschenplotzer sensationell abstoßend. Das ist etwas, das würde ich nicht machen, nur weil es so schlimm heißt.

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