So it goes like it goes

Norman Gimbel ist gestorben, das war nur eine kleine Meldung in den Medien, die konnte man leicht übersehen. Vielleicht haben Sie den Namen auch noch nie gehört, dann geht es Ihnen wie mir. Der Herr war Texter, er hat z.B. das hier geschrieben, das kennen Sie gewiss:

Aber, und jetzt wird es gänzlich unvermutet, er hat auch das hier geschrieben. Zwei Stücke, zwischen denen ich niemals eine Verbindung geahnt hätte:

Und jetzt, wo wir das wissen, jetzt können wir die Stücke ja immer zusammen denken, wenn sie im Radio oder in der Playlist kommen – das war doch von dem, der auch … Ist das nicht schön? Eine posthume Ehrung gewissermaßen.

Norman Gimbel hat auch einmal einen Oscar gewonnen, für “It goes like it goes”, hier in einer Version von Glen Campbell, das Stück kannte ich überhaupt nicht. Aber gucken Sie mal, der Refrain passt ganz wunderbar zum Jahreswechsel:

So it goes like it goes and the river flows
And time it rolls right on
And maybe what’s good gets a little bit better
And maybe what’s bad gets gone

Und damit lasse ich das Jahr ausklingen, vielen Dank für die Kommentare zum gestrigen Artikel! Ich bastele am Plan.

Hier folgt nachher nur noch der traditionelle Eintrag, den einige durchaus und auch vollkommen berechtigt erwarten.

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Übrigens bin ich immer noch der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Gute Vorsätze 2019

Ich habe über gute Vorsätze nachgedacht, weil ich als ambitionierter Hobbyforscher in den letzten Jahren etwas belegt habe: Wenn man keine guten Vorsätze für ein neues Jahr hat, etwa weil man über den Unsinn intellektuell erhaben ist, weil man sich langweiligen Regeln widersetzen möchte, weil man zu cool ist oder weil man ganz einfach seine Lebensumstände lieber gar nicht erst genauer durchdenken möchte, dann nützt das auch nichts. Die Jahre werden nicht toller, interessanter oder erfolgreicher, nur weil man keine guten Vorsätze hat. Bitte sehr, wissen Sie das jetzt auch.

Das heißt natürlich im Umkehrschluss, dass ich für 2019 zur Abwechslung mal wieder welche haben könnte, denn wenn man schon selbst mühsam zu geistreichen Schlüssen kommt, dann muss man danach handeln, finde ich. Wer immer strebend sich bemüht! Nun ist es aber mit guten Vorsätzen so eine Sache. Es gibt die naheliegenden, also mehr Sport, weniger Zucker, mehr Bewegung und dergleichen, die kennen und haben irgendwie alle, an denen scheitern aber dummerweise auch fast alle. Die sind also furchtbar unoriginell und im Nachhinein tendenziell peinlich, die würde ich nicht öffentlich festlegen wollen, wenn überhaupt. Ich erinnere mich an Jahre, in denen ich mit dem Rauchen aufhören wollte (keine Irritation, ich habe längst aufgehört) und dann am 1. Januar um 10 Uhr zum Automaten lief, das waren Demütigungen erster Klasse, wirklich furchtbar.

Es gibt auch die eher heiteren Varianten, bei denen man die humoristische und die geistreiche Motivation durchmischen kann, etwa im nächsten Jahr mehr aufs Handy zu starren, warum auch nicht. Das hat Unterhaltungswert und bemerkenswerte Denkansätze, aber damit hätte ich dann früher anfangen müssen, da fällt mir jetzt nichts mehr ein. Zu spät, Du rettest den Vorsatz nicht mehr.

Drittens gibt es die einigermaßen herausfordernden Varianten, auf die man nach etwas Nachdenken selbst kommt, wenn man denn halbwegs klar erkennt, wo man gerade Optimierungsbedarf hat. Die sind aber oft nah an den erstgenannten Vorsätzen, weil wir im Grunde alle im gleichen Sumpf herumstrampeln. Und da, wo sie nicht nah an den gängigen Varianten sind, erscheinen sie mir dennoch höchst zweifelhaft. Denn wenn ich mein Unterbewusstsein wäre (darf man auch nicht zu lange drüber nachdenken), dann würde ich mich ja an dieser Stelle sofort ausbremsen, einfach um mir meine Gemütlichkeit zu erhalten. Denk mal ruhig herum, würde ich zu meinem bewussten Ich sagen, ich sorge schon für passende Beschlüsse. Denn als mein Unterbewusstsein wäre ich selbstverständlich ganz außerordentlich trickreich, da wäre der listenreiche Odysseus aber gar nichts dagegen.

Und sowieso bliebe ich bei all dem dummerweise in meinem Selbstbild verhaftet, und über die intellektuelle Sollbruchstelle des Selbstbild/Fremdbild-Dramas habe ich schon sehr oft geschrieben. Weswegen mir die Idee kam, mich an eine intelligente und moralisch über alle Zweifel erhabene Jury zu wenden, also an Sie. Das ist im Grunde naheliegend, Sie lesen hier ja schon (Zeitraum bitte selbständig einfügen) mit, Sie haben sich dabei manchmal amüsiert und manchmal interessiert, manchmal hat es Sie sicher auch enerviert, was auch immer, Sie haben da jedenfalls ein verwendbares Fremdbild, weil Sie als Mensch von überragender geistiger Kompetenz natürlich auch gründlich zwischen den Zeilen lesen, wie es sich gehört, und sich stets Ihren Teil denken. Über die Texte und über mich. Und wer weiß, am Ende liegen Sie richtig. Ein etwas herausfordernder Gedanke, so unter uns Topcheckern, aber was soll’s.

Daher möchte ich die Sache mit den guten Vorsätze für das Jahr 2019 diesmal einfach delegieren, sagen Sie mir doch mal bitte, was ich mir sinnvollerweise vornehmen soll, Sie kennen sich doch bestens aus. Und dann gucke ich mal, was ich daraus mache. Und werde berichten. 

Moment, ich setze mir nur eben einen Helm auf.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Heiter weiter

Korallenrot

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New Orleans, das Klima und die Gentrifizierung

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Silvester in der Notaufnahme

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In der radiologischen Praxis, in der ich gerade etwas häufiger verkehre, gibt es viele Patientinnen, die Terminserien haben, das ist da wohl der Normalfall. Die Dame an der Rezeption winkt mich immer durch, wenn ich vor ihr erscheine. Ich muss da also nichts mehr aufsagen, die hat mich schon mal gesehen, das passt schon. Und jedes Mal winkt sie lässig Richtung Behandlungszimmer und sagt: “Heiter weiter.”

Immer frage ich mich dabei, ob sie das bei allen sagt, auch bei denen, die nicht nur wie ich wegen vergleichsweise lapidarer Gelenkgebrechen dort erscheinen, sondern wegen irgendeiner entsetzlichen, womöglich tödlichen Krankheit. Heiter weiter. Ich könnte mal wieder die Stoiker lesen, fällt mir gerade ein, warum auch nicht, irgendwo hier liegt ein Band Seneca herum.

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Aus Gründen, die mir vollkommen unklar sind, die meinem zu diesem Thema momentan eisern schweigenden Unterbewusstsein allerdings sicher vertraut sind, fiel mir heute etwas ein. Etwas, an das ich jahrelang nicht gedacht habe. Ich ging am Hauptbahnhof vorbei, sah den Saturnmarkt und mir fiel ein, dass das früher, also ganz früher, einmal ein Kaufhaus Horten war. Damals noch mit anderer Fassadengestaltung, siehe auch Hortenkachel, wieder was gelernt. Und diese Hortenkacheln, das war immer das, was man aus dem Zugfenster sah, wenn man von Lübeck nach Hamburg fuhr und bei der Einfahrt in den Bahnhof so in die Gegend guckte, diese Fassade war für mich immer der Anfang von Hamburg. Horten, wir müssen raus.

Und dann fiel mir ein, dass es zu etwa gleicher Zeit einen Sänger namens Peter Horton gab (den gibt es auch immer noch). Das war eine Weile lang der Niveaugitarrenmann vom Dienst im deutschen Fernsehen, der hat sich recht zügig von schlagerähnlichen Songs Richtung Anspruch entwickelt. Falls Sie den nicht kennen, dieses Lied kennen Sie vermutlich doch:

Bei Peter Horton muss ich aber auch noch einmal etwas verlinken, was ich zwar schon einmal hatte, was aber eindeutig ein wunderbares Stück westdeutscher Kulturgeschichte ist, die Anfänge von Otto Waalkes, hier mit eben jenem Peter Horton. Ganz unkomisch.

Horten, Horton, das klingt schon fast wie eine Deklination, nicht wahr, das klingt wie kurz vor “Marcus et Cornelia in horto ambulant”, da werden sich jetzt sicher einige mit mir erinnern, das war der erste Satz in einem damals gängigen Lateinlehrbuch. Horten, Horton, Horto, deklinieren Sie mal Ihre Kindheit durch, bitte. Nur die Grundform Hort war mir, da bin ich mir ziemlich sicher, in meiner Kindheit gar nicht geläufig, einen Hort gab es in meinem Umfeld damals nicht. Kindergarten ja, Hort nein.

Und das alles fiel mir übrigens nur ein, weil ich mit Sohn I zur neuen Hamburger U-Bahnstation Elbbrücken gefahren bin, so etwas will ja bewundert werden, denn man erlebt normalerweise nicht allzu viele U-Bahn-Neubauten im Leben.

Um diese neue Station herum ist so ziemlich gar nichts, ist alles recht fotogen hässlich, und zwar auf diese urbane Art, die auf Instagram immer ganz gut ankommt. Die Gleise der U-Bahn enden im Nirgendwo direkt vor der dunkelgrauen Elbe, Straßen liegen unbefahren in der Gegend herum, noch nicht eingepflanzte Bäume lehnen an Kränen, Zäune stehen in der Gegend und sperren irgendwas ab, man kommt nicht darauf, was es sein kann. Links vom Zaun Fläche und Brachland, rechts vom Zaun Fläche und Brachland, aber es wird schon alles einen Sinn haben. Und überhaupt, auch Zäune einfach mal hinnehmen! Jahresendentspannung, zur Sinnfrage kommen wir später wieder.

Und von da sind wir dann jedenfalls zu Fuß zurück, am Ex-Horten vorbei, so kam das alles.

 

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Musik! Heute passend zur Atmosphäre an der neuen U-Bahnstation. Also vom Sound und der Stimmung her, der Text passt nicht recht. Irgendwas ist immer.  

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Rauhnächte

Drüben bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema Fortschritt geschrieben und gesammelt.

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Ich bitte um freundliche Beachtung, dass Frau Novemberregen unter meinem letzten Artikel in Gastbeitragslänge bezüglich Onlinehandel kommentiert hat. Nachvollziehbare Gedanken sind das, ich muss natürlich ergänzen, dass ich tatsächlich fast alles ohne Auto besser und sogar schneller hinbekomme als mit, das ist so ein special effect, wenn man in der Stadtmitte wohnt. Dass der Offlinehandel einen nicht spontan in gute Laune versetzt, das sehe ich auch so, das von ihr verwendete Beispiel mit dem Schneebesen würde ich mir sogar recht ähnlich vorstellen. Aber wenn ich überhaupt noch in der Lage sein möchte, einen Schneebesen in der Stadt zu kaufen, dann muss ich es wohl auch tun, ich glaube, das gehört so banal zusammen. Städte ohne Läden erscheinen mir zwar vorstellbar, aber nicht unbedingt erstrebenswert, was natürlich nur daran liegt, dass ich da altmodisch bin, schon klar. Aber hey, ich bin aus dem letzten Jahrhundert, ich darf das.

Es gibt in meiner Nähe z.B. schon lange keinen akzeptablen Schreibwarenladen mehr, die haben sich alle in Luft aufgelöst. An diesem Beispiel kann ich also sehen, wie es ohne Laden ist – und es ist nicht gut, es ist überhaupt nicht gut. Ich nehme zwar nicht an, dass wir das irgendwie zurückdrehen können, aber die anderen Läden, die es noch gibt, die können da gerne erst einmal bleiben.

Das Thema Versandhandel ist zweifellos sehr kompliziert, siehe auch die Probleme mit den Rücksendungen. Ach, und siehe auch hier.

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Im Vorbeigehen gehört: “Was die auf Rügen verdienen, da kommen wir niemals ran.”

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Ich habe das mit den Rauhnächten nachgelesen, weil ich das Wort schön finde und bis vor zwei, drei Jahren nicht einmal kannte, es gab oder gibt hier nämlich kein mir bekanntes Brauchtum zum Thema. Also wenn man vom obligatorischen Bleigießen zu Silvester absieht, das wohl auch diesen Bräuchen entstammt – aber da das niemand weiß, nützt die Erkenntnis ja eher gar nichts. Rauhnächte also, die Nächte zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, wobei die Zählung regional abweicht, aber das können Sie ja alles selbst nachlesen, das ist schon interessant. Kurz gesagt, es ist eine Zeit für Fantasy-Romane, die Tore zwischen den Welten sind offen, zwischen den Zeiten vielleicht auch, es ist jedenfalls im kleinen Grenzverkehr zwischen den Dimensionen mehr möglich als sonst und gut ist das nicht unbedingt, das kennt man aus Filmen. Nach altem Brauch hängen zu dieser Zeit, ein nettes Detail, keine Wäscheleinen draußen, damit sich die wilde Jagd der Dämonen nicht darin verfängt. Wobei man sich fragt, welcher Dämon von Stand und Ehre denn bloß an einer banalen Wäscheleine scheitern kann, aber egal. Was die wilde Jagd wohl heute zu den zahllosen Windrädern in der Landschaft sagt? Kommen die Dämonen nicht sowieso nur noch scheibchenweise geschreddert bei uns an?

Ich habe gestern aus anderen Gründen noch lange wachgelegen, es war für meine Verhältnisse spät, es war sogar, wie ich nach einem Blick aufs Handy feststellte, gerade Geisterstunde, also die klassische Variante davon, wobei man auch nicht darüber nachdenken darf, wie es sich bei der guten alten Geisterstunde eigentlich mit der Zeitverschiebung verhält. Spukt es nun zur Sommerzeitgeisterstunde oder zur anderen, werden Geister überhaupt rechtzeitig umgestellt und von wem? Ich hörte gespannt in die Rauhnacht, immerhin habe ich gerade gruselige Geschichten von Ambrose Bierce gehört, ich war sozusagen bestens vorbereitet. Ich vernahm aber zuerst nur den üblichen Verkehr an der Alster entlang, ferne Motoren, dazu ein ganz schwaches Windgeräusch am Fenster, nichts also, was einen schaudernd erzittern lassen würde, nur eine ganz normale Luftbewegung, wie es sie in Hamburg fast immer gibt, denn das gehört hier nun einmal so, mit freundlichen Grüßen von der Nordsee.

Aber dann! Nachdem ich eine Weile immer angestrengter in die Dunkelheit gelauscht hatte – rollkofferte die wilde Jagd tatsächlich lärmend an unserem Haus vorbei, auf dem Weg vom Hotel zu einem sehr späten Zug vermutlich. Die Dämonen von heute reisen also modern, Sie kennen das viellecht von Geschäftsreisen.

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Ich habe es wieder aufgegeben, beim Gehen Musik oder Texte zu hören, auf Dauer bewährt sich das für mich nicht. Wenn ich auf die Umgebung achte, dann verstehe ich den Text nicht, wenn ich auf den Text achte, höre ich nicht, was die Leute um mich herum sagen, das fühlt sich insgesamt nicht gut an. Der Entschluss passt zwar glänzend zum aktuellen Hörbuch von Kagge (Gehen – Weitergehen), hat aber gar nichts mit ihm zu tun, das ist Zufall, ab und zu kann man ja auch mal selbst einen schlauen Gedanken haben, ganz ohne Vorsagen, sogar ich kann das.

Dummerweise habe ich mich aber gerade an Hörbücher gewöhnt, ich muss jetzt also eine andere Gelegenheit finden, mich ihnen zu widmen. Deswegen haben wir jetzt eine sehr saubere Wohnung, denn die intensivierte Hausarbeit scheint mir die einzige Chance zu sein, die keine Nachteile hat. Beim Putzen des Badezimmers gibt es nichts, auf das ich sonst noch achten müsste, dabei kann ich ruhig gute Texte hören, das klappt. Das wird hier jetzt also eine außerordentlich vorzeigbare Wohnung und die Herzdame ist mit dieser Entwicklung auch ganz zufrieden, wie ist es wieder schön.

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Musik! Ich habe ja eine Schwäche für letzte Auftritte, letzte Stücke, letzte Gelegenheiten und dergleichen.

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Anagata

Kiki macht halblang. Kann man gut nachmachen. Mir gehen ohnehin, ganz unabhängig von den sattsam bekannten Amazonbegleiterscheinungen, die Probleme, die an dem ganzen Lieferwahnsinn hängen, auf die Nerven. Also etwa die vielen, vielen Lieferautos, die in unserem kleinen Bahnhofsviertel überall im Weg stehen, im Halteverbot, auf den Radwegen, auf den Fußwegen, im fließenden Verkehr, überall. Und die nichtankommenden oder irrlichternden Pakete nerven auch, das zeitraubende Hinterherrätseln, was jetzt gerade wo sein mag, der unendliche Spaß mit der Sendungsverfolgung, die Umstände mit den Retouren und all das, ich finde es immer bescheuerter. Mir graut außerdem vor der Arbeitswelt, die hinter dem Versandhandel steht, ich möchte dazu möglichst wenig beitragen.

Zumal ich als Blogger natürlich auch ganz banal festellen muss – gehste in einen Laden, haste eventuell eine Story. Klickste auf “Bestellen”, haste garantiert keine.

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Die Bücherei als kultureller Treffpunkt in Dänemark. Bei uns gibt es Pläne, so las ich neulich, die Hamburger Zentralbücherei, die bei uns um die Ecke zu finden ist, künftig im Winterhalbjahr auch am Sonntag zu öffnen. Immerhin. Ich stelle mir das sehr romantisch vor, da im nächsten November an einem dunkelgrauen Sonntag hinzugehen, das Notebook unterm Arm, dort dann ein wenig durch die Gänge zu strolchen, hier und da in ein Buch zu blättern und schließlich in Ruhe zu schreiben, um mich herum dabei lauter lesende und lernende Menschen, im Hintergrund sanfte Umblättergeräusche, wie motivierend wird das denn sein? Vermutlich gar nicht, weil es so nicht stattfinden wird, denn der Laden wird voll wie sonst was sein und vor schwatzhaftem Leben nur so wimmeln. Schlimm.

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Ich habe sehr gelacht, als ein Journalist auf Twitter eine der dort häufigen privaten Anekdötchen von irgendwem mit Verweis auf den aktuellen Spiegelskandal angezweifelt hat. Eine amüsante Entwicklung, wenn jetzt alles hinterfragt wird, wenn gar nichts mehr für bare Münze genommen wird und auf jeden Scherz mit erhobenem Zeigefinger reagiert wird. Unter jedem zitierten Witz-Dialog steht neuerdings: “Gut ausgedacht”, unter jedem Humorbruchstück postet irgendwer: “Wenn das mal wirklich so war”, wir wollen jetzt also nichts als die reine Wahrheit, die ganze Wahrheit, wir wissen nur dummerweise nicht, was das ist und beißen daher erst einmal alles weg, was auch nur ansatzweise verdächtig sein könnte, wie übereifrige Wachhunde, die schon bei raschelndem Laub durchdrehen.

Aber egal. Mir geht es wie vielen schreibenden Menschen zur Zeit, ich finde es irgendwie charmant, wenn plötzlich alle über das Schreiben, die Darstellungsmöglichkeiten, die Wahrheit und die Intention nachdenken. I feel you.

Siehe übrigens nebenbei auch hier noch einmal, einige Gründe gegen Geschichten (wir hatten das schon einmal), das Thema bleibt abgründig und faszinierend.

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Passend zum letzten Link beim Spaziergang Geschichten der altmodischen Art gehört, “Die Totenwache” und “Ein psychologischer Schiffbruch” von Ambrose Bierce, gelesen von Andreas Fröhlich. Die dazu passenden Bücher von Ambrose Bierce, die ich noch aus meiner Antiquariatszeit besitze, habe ich seit langer Zeit nicht mehr in der Hand gehabt, aber sie werden sicher im Regal bleiben dürfen, schon wegen der Tonfallschönheit.

Außerdem habe ich den Anfang von Erling Kagges “Gehen. Weitergehen – Eine Anleitung” gehört (gelesen von Wolfram Koch). Da kommt das schöne Wort Anagata vor, ein Sanskritwort. Wenn ich es richtig gehört habe, ist es die Verneinung von Gata, was wohl Gehen oder gegangen heißt, und meint Zukünftiges im Sinne von “wohin wir noch nicht gegangen sind”. Anagata, kennen Sie das, wenn man sich spontan und heftig in ein Wort verliebt? Ich habe jetzt das dringende Bedürfnis, irgendwas Anagata zu nennen, ein Schiff oder so etwas, “er ging an Bord der Anagata”. Wobei ich mit einem Schiff gar nichts anfangen kann. Ein Schiff ist leider auch wahnsinnig teuer und ohnehin geht es gar nicht, es fährt, das passt also überhaupt nicht, das kann weg. Ich könnte natürlich auch eine Band gründen und sie Anagata nennen. Das klingt dann allerdings irgendwie dumpfrockig, das will ich auch wieder nicht. Außerdem müsste ich dafür erst ein Instrument lernen, das macht alles nichts als Umstände.

Ich muss nachdenken! Bis dahin benenne ich erst einmal diesen Blogeintrag mit dem Wort. Keep it simple und so.

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Musik!

Billy Joel. Und gewissermaßen auch Bob Dylan.

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Es gab ein technisches Problem mit dem wie immer folgenden Paypal-Link, das sollte aber jetzt behoben sein und wieder einwandfrei funktionieren. Sie können also hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, herzlichen Dank!

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Als ich der Chef von Jesus war

Das ist keine Einleitung zu einer blasphemischen Schmähung der Feiertage, nein, das liegt mir natürlich völlig fern, das ist nur der Anfang einer kurzen Erinnerungssequenz, die mir heute im Auto einfiel, als im Radio Weihnachtslieder kamen und dabei irgendwas mit Jesus gesungen wurde. Vor vielen Jahren nämlich, oder sagen wir ruhig vor mehreren Jahrzehnten, denn das trifft so zu, war ich eine Weile der Chef eines Mannes, der wiederum der Chef von anderen Männern war. Dieser Mann war Spanier, weswegen die Männer, die für ihn arbeiteten, auch Spanier waren, das ergab sich irgendwie so und das war auch recht naheliegend. Menschlich war das absolut nachvollziehbar, für die Firma war es aber irgendwann nicht mehr ganz einfach, denn diese Abteilung wurde dadurch zeitweise komplett spanischsprachig und man verstand nicht mehr recht, was da eigentlich vorging. Es gab dadurch also Diskussionen, es gab Überlegungen, man wurde sich nicht recht einig, was da zu tun war – und dann kam Jesus. Den muss man selbstverständlich auch spanisch aussprechen, dann klingt es auch gleich wie ein ganz normaler Vorname, so hieß der eben, das war nicht ungewöhnlich. Jesus war eine Aushilfe, er kam häufig, es war nur leider nicht recht ersichtlich, warum er kam, man sah ihn eher selten arbeiten. Und Jesus war dann also der eine Mann zu viel, als er da war, mussten wir etwas ändern, das war allen klar, das konnte mit der Truppe da so nicht mehr weitergehen. Aber bevor wir etwas ändern konnten, gab es aus irgendeinem Anlass noch eine Firmenfeier, auf der wir dann merkten, dass die spanischen Aushilfen kein zufällig zusammengewürfelter Haufen waren, das war eine Band. Oder sie waren zumindest als Spontanband ein Wunder der Abstimmung, das war nicht ganz klar, was da wirklich passierte, es gab, wie gesagt, gewisse Sprachbarrieren. Sie spielten jedenfalls, ich erinnere das eher dunkel, Musik in Richtung Flamenco, ich würde es allerdings nicht mehr beschwören, was es genau war. Jesus sang, auch das ist eine eher schwache Erinnerung, ganz deutlich aber weiß ich noch, dass diese Truppe da überraschend gut war. Es war ein Effekt wie in einem Musical, wenn Menschen, die scheinbar in einem ganz anderen Kontext stehen, plötzlich in der Musik zusammenfinden und dann auch noch brillieren. Der Rest der Belegschaft stand staunend davor, wir hatten ja keine Ahnung.

Mit Jesus, das wollte ich nur erzählen, mit Jesus konnte ich nie etwas anfangen – aber die Musik war gut. Das fiel mir heute im Auto ein und ich finde, den Satz kann man ruhig verwenden, wenn man als nichtreligiöser Mensch mal wieder ein Weihnachtslied gut findet.

Und damit sinken wir hier in eine kleine Weihnachtspause, machen Sie es gut, haben Sie es sehr schön, seien Sie nett zu den Kindern und zu anderen Menschen. Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachten, ob nun mit oder ohne Religion, bitte sehr, es ist ein freies Land (Stand Dezember 2018).

Und hier noch eine herausragende Albernheit aus den Tiefen von Youtube, ich kann ja nicht einfach ohne Musik in die Pause gehen.


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Im heißen Schmalz der Ironie

Über Lokaljournalismus (darin weitere lesenswerte Texte verlinkt)

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In der großen Arztpraxis mit den vielen Behandlungsräumen sitze ich und warte. Aus einem Raum kommt eine ältere Dame, geht zu ihrem Mann, der zeitschriftenlesend im Wartezimmer sitzt, und sagt: “Das war eine Muslimin”, wobei sie auf die Tür zeigt, aus der sie gerade gekommen ist. Und sie sagt es so, als würde das in einer Arztpraxis irgendetwas erklären oder verändern, wie eine Variante von “Das war der Chefarzt.” Der Mann sieht vom Focus hoch (klingt übertrieben, ne? Es war aber der Focus, was soll ich machen. Sagen, was ist!) und sagt nur “Aha!”, aber er sagt es in einer Schärfe, als würde er jetzt alles verstehen und einordnen können, als würde er die ganze Praxis jetzt anders sehen und sich der Wahrheit nähern, so ein “Aha!” war das, einen Tick zu laut und von oben herab, aber sehr kenntnisreich. Ein furchtbares Aha.

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Um aus der Jahresendzeitstimmung zwanglos eine fundamentale Endzeitstimmug zu basteln, bitte hier einfach den letzten Absatz beachten.

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Ich: “Jungs, wir gehen aus, lasst die Finger von den Kerzen und ruft uns an, wenn was ist. Was macht ihr, wenn’s brennt?”

Sohn I: “Dann googeln wir die Feuerwehr.”

Nun gut. Vielleicht haben wir das mit den digitalen Aspekten in der Erziehung doch etwas übertrieben. Oder das Kind hat tatsächlich Humor, das kann natürlich auch sein. Aber wo sollte es den herhaben, bei zwei so ernsthaften Eltern? Jeden Tag stößt man auf neue Fragen.

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Wir waren auf dem Hamburger Weihnachtskonzert von Erdmöbel, wozu ich mal einen bemerkenswerten Satz zitieren möchte: “Erdmöbel wollen dem Fest der Liebe die Melancholie nehmen, den Schrecken. Dazu wenden sie ihre feinsinnigen Alltagsbeobachtungen und Ansichten im heißen Schmalz der Ironie oder braten die Melodien in Polka-Rhythmen knusprig.

Ein Satz, bei dem man Hunger bekommen kann, nicht wahr. Aber wenn Sie im nächsten Jahr ein Erdmöbelweihnachtskonzert in greifbarer Nähe haben, dann gehen Sie da ruhig hin, das ist eine feine Tradition. Wenn nach dem letzten Stück das Publikum alleine weiter singt, immer weiter und weiter, bis die Band endlich noch einmal auf die Bühne kommt, dann ist das eine sehr verbindende Angelegenheit. Und das massenhafte und minutenlange Absingen der deutschen Erdmöbelversion von “Last Christmas” ist geradezu therapeutisch wirksam, möchte ich meinen.

Erinnern Sie sich an Alice im Wunderland, an die Folgen der Pilzproben, wie sie da ganz schnell größer und kleiner wurde? Die Herzdame hat das jetzt mit ihrem Alter gemacht, in dem sie an einem Abend im Golden Pudel Club war und gleich am nächsten im Knust bei Erdmöbel. Erst war sie dabei im Vergleich mit dem sonstigen Publikum ganz alt, geradezu gesetzt, dann am nächsten Tag wieder ganz jung, geradezu flippig. So schnell kann es gehen, und man findet seine Mitte also auch einfach durch geschicktes Ausgehen, man muss nur darauf kommen.

Im Vorprogramm bei Erdmöbel sang Hanna Fearns, die findet man auch auf Spotify, kann man ruhig mal reinhören, besonders abends. Sie klingt ein wenig wie eine jüngere Schwester von Mary Coughlan, und das ist absolut als Kompliment gemeint

Hier noch der Erdmöbel-Favorit von Sohn II, der jetzt auch Noten dafür hat – mal sehen, was daraus wird. Im nächsten Jahr kommt er auf jeden Fall mit zum Konzert.

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Sorry …

… dass mein Vater heute nicht bloggen kann, der Tag war sehr stressig. Alles ging schief und jetzt muss er mir vorlesen (Die rote Zora und ihre Bande von Kurt Held). Warum muss mein Vater mir jetzt noch vorlesen? Weil es wichtig und genau richtig für eine gute Stimmung ist. Die gute Stimmung stellt Frieden her und der Frieden ist wichtig für die Weihnachtszeit 🙂

Und ich wünsche allen Leser/innen auch eine gute Weihnachtszeit!

(Kleiner Tipp:Lest euren Kindern mal wieder was vor)

LG Jojo

 

Ein Mitmachzweig

Besondere Waffen.

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Framing in klimatisch schwierigen Zeiten.

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Für die GLS Bank habe ich etwas über Schweden geschrieben und gesammelt.

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An der Bushaltestelle bewirbt ein bundesweit erscheinendes Boulevardblatt vulgärster Ausprägung in Kooperation mit einer Juwelierkette ernsthaft den Verkauf von Volksdiamanten. Volksdiamanten! Für alle, die schon einen Volksempfänger und einen Volkswagen haben vermutlich, das Ding kostet 699 Euro, was man dann wohl als volksnahen Preis verstehen muss. Wie man aber sicherstellen will, dass diese Diamanten nur an das richtige Volk verkauft werden, das war dem Plakat nicht zu entnehmen. Na, egal – nächstes Jahr dann der Reichsrubin, da geht sicher noch was.

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Wir essen in einem vietnamesischen Restaurant. Dem aktuellen Gastrotrend folgend eröffnen hier alle paar Wochen neue vietnamesische Restaurants, wenn man die momentane Quote weiter hochrechnet, gibt es bald in jedem Haus des Viertels ein vietnamesisches Restaurant, wenn da nicht noch eine andere Mode hineingrätscht. Für Menschen mit Unsicherheiten im Smalltalk ist das natürlich gut, man kann jetzt einfach immer vietnamesische Restaurants vergleichen, da kann jeder mitmachen, da hat jeder eine Meinung, das ist wie mit dem Wetter, nur mal was anderes. Und wart ihr schon in dem? Und in dem? Wie ist da der Mittagstisch? Das funktioniert verlässlich und einwandfrei.

An der Glasfront des Restaurants jedenfalls hängt ein Tannenzweig, der wurde mit zwei Saugnäpfen eher unschön an die Scheibe gepappt. Es ist auch kein sehr attraktiver oder großer Zweig, es ist eher so einer, der bei irgendeinem Adventskranzbastelevent auf den Boden gefallen und später weggefegt worden ist, nicht einmal die Schnittstelle sieht anständig aus, ausgefranst und schief, vielleicht wurde er auch einfach irgendwo abgerissen. Der Zweig hängt etwa in der Mitte der Fenster und er ist da sehr alleine, auf ihm lastet der ganze Druck, dort Weihnachten darstellen zu müssen. Das ist ein Druck, dem er so vereinzelt nicht gewachsen ist, genau genommen erfüllt er jeden denkbaren dekorativen Anspruch für dieses Restaurant so eindeutig überhaupt nicht, es muss eigentlich eher um etwas Symbolisches gehen. Dieser eine Zweig, der wirklich verzweifelt deplatziert und verloren aussieht, er nimmt vermutlich etwas schüchtern Bezug auf all die anderen mehr oder weniger prächtig dekorierten Fenster der Straße, mit diesem einen Zweig sagen die Menschen, die das Restaurant führen: “Hier auch.” Oder vielleicht: “Wir auch.” Dann ist es ein sozusagen integrativer Tannenzweig, ein seltsam rührendes Dekoding, ein etwas unsicher wirkender Mitmachzweig.

Oder es ist ganz anders. Die Chefin des Ladens hat ihren Sohn gebeten, das Restaurant weihnachtlich zu dekorieren und der Sohn, lange schon genervt von den ewigen Anweisungen der Eltern, hat sich drüben beim Blumenladen schnell einen Zweig geholt und den höchst unwillig ans Fenster geknallt, da, zack, habt ihr eure Deko, fertig. Um dann erst einmal in wüster Wut vor der Tür eine zu rauchen. Der Zweig blieb da hängen, ein gezischtes “Darüber sprechen wir noch” hängt aber ebenfalls noch im Raum.

Oder es ist ganz anders. Ein Stammgast hat da beim Essen aus Spaß einen Zweig hingeklebt und fröhlich verkündet: “Guckense mal, jetzt hamse endlich auch Weihnachten hier. Hübsch, ne? Und bringense mir noch sone Mangoschorle?” Und dann hat das Personal den seltsamen Zweig lieber nicht mehr abgenommen und wartet damit jetzt, bis alle in der Straße die Weihnachtsdekoration komplett entfernen, denn sie wissen nicht recht, wie ernst es den Deutschen mit ihrer Deko ist, das Fest ist ja doch irgendwie wichtig, lieber mal abwarten.

Wie auch immer. Es ist nur ein einzelner, kleiner, etwas vermurkelter Zweig. Er muss einem sofort auffallen.

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Ansonsten möchte ich allen Verkäuferinnen und Verkäufern, die bei ihrer Arbeit zur Zeit lustige Wichtelmützen, alberne Rentiergeweihe und sonstiges Zubehör der eindeutig entwürdigenden Art tragen müssen, mein ausdrückliches Mitgefühl aussprechen.

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Musik! Weihnachten ohne zählt ja nicht.

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Szenen und Geschichten

Ich kann über das Tool Nuzzel sehen, welche Links in meinen Timelines am häufigsten geteilt werden. Im Moment dreht sich alles um den seltsamen Fälschungsfall beim Spiegel und nicht wenige haben angemerkt, dass der Tonfall, in dem im Spiegel über diese Fälschungen berichtet wird, mit ziemlicher Sicherheit Teil des Problems ist, mit Pathos gegen Pathos, also bitte. Wenn man ab und zu über das Schreiben und über Geschichten nachdenkt, dann sind viele der Wortmeldungen zu Thema gar nicht uninteressant, ich lege mal kurz etwas zu meinem Schreiben an.

Wenn ich aus dem Haus gehe und gut aufpasse, sehe ich in aller Regel etwas, über das ich schreiben kann, das ist nicht schwer. Wenn ich mein Revier verlasse, sehe ich sogar mit enorm hoher Wahrscheinlichkeit etwas, über das ich schreiben kann, denn außerhalb des Reviers ist natürlich alles viel interessanter. Was ich da sehe, das sind Szenen, im Journalismus wäre das die ganz kleine Form, so etwas passt höchstens in Glossen und Kolumnen. Manchmal sind das Ansätze zu Geschichten, manchmal sind es Ausschnitte aus Geschichten, es werden aber eher keine ganzen Geschichten. Schon weil ich tendenziell eher soziophob bin und also sicher nicht mit fremden Leuten rede, noch weniger als es der nordddeutsche Normalfall ist. Ich spreche niemanden an, ich frage nichts nach. Ich gucke nur so herum. Würde ich nachfragen und ermitteln, recherchieren etc. (wovon ich gar nichts verstehe), ich würde vermutlich auf viele kleine Geschichten kommen, auf Geschichtchen. Auf Geschichten, die vielleicht als Kurzgeschichten tauglich wären, weil mit dem richtigen Blick einfach alles als literarische Kurzgeschichte brauchbar ist, auf Geschichten, die Alltägliches erhellen, Undramatisches, Gewöhnliches oder immer wieder und wieder das Zwischenmenschliche, er liebt sie, sie liebt ihn nicht, das bleibt ja spannend. Woran auch nichts schlecht ist, denn das Gewöhnliche ist das, was wir leben und ich halte es für eine anständige Aufgabe, das zu beschreiben.

Selten hätte ich mal einen Knaller dabei. Eine Hammergeschichte oder auch nur eine mit Pointe, mit einer super Wendung, mit Wow-Effekt und starken Figuren. Ich habe zufällig gerade vor ein paar Tagen mit Isa über das Auffinden von Geschichten gesprochen, weil mir in diesem Jahr auffiel, dass mir aus dem Alltag heraus keine begegnet ist, keine einzige, ich habe nicht einmal eine erzählt bekommen. Also keine starke Geschichte jedenfalls. Keine spektakuläre Trennung, kein wildes Liebesdrama, kein Kriminalfall, kein Plot als Gottesgeschenk, nada. Keine einzige Begebenheit, die eine wirkliche Story gewesen wäre. Das macht auch nichts, das war nur eine für mich spannenden Feststellung, denn es gab auch mal Zeiten, da hätte ich mir das anders vorgestellt und mehr Erzählungen im Alltag erwartet. Aber das, was ich sehe, es sind Szenen, keine Geschichten. Es ist nun mit etwas Fantasie nicht schwer, aus Szenen Geschichten zu drehen, Geschichtenansätze, die man so verwenden könnte, die sehe ich quasi ohne Ende. Literarisch ist das Verwenden in dieser Art der Normalfall und einwandfrei, es ist zu begrüßen und notwendig und gerne gelesen und alles, gar kein Thema. Journalistisch ist das aber vermutlich der Anfang vom Untergang, wenn etwas am Ende Geschichte sein muss, weil der Stil des Hauses es so verlangt, und das ist auch der Teil, den ich nicht verstehe. Wo doch die Abfolge von Szenen reicht, um zu sagen, was ist.

Und das wiederum trifft einen Gedanken, den ich häufiger habe, dass nämlich in Artikeln und Meldungen oft nicht gesagt wird, was meiner Wahrnehmung entspricht. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Wirklichkeit grundsätzlich wesentlich öder und gewöhnlicher ist als das Aufregungsniveau in den Redaktionen, das würde mich jedenfalls nicht überraschen. Den Exkurs über Clickbait kann sich jeder an dieser Stelle zwanglos selbst denken, das leuchtet ja unmittelbar ein. Die in unaufhörlicher Szenenfolge abgespulte Wirklichkeit, die kommt mir oft zu kurz. Das meine ich nicht als allgemeine Medienkritik, das klingt nur so. Ich verstehe gar nicht genug von Medien, ich meine es eher als persönliche Geschmackssache. Ich lebe in der Mitte einer Großstadt, das Leben hier ist nennenswert friedlicher, beschaulicher, normaler als es in den Medien dieser Stadt dargestellt wird, da fängt es schon an, und so geht es immer weiter. Wann immer in Artikeln pauschalisierend über die Stimmung im Land und ähnliche vermeintliche Seelenregungen einer mehr oder weniger unklar umschriebenen Bevölkerungsmenge geschrieben wird, ich sehe mich oft ratlos um und denke ”Was? Wo denn?”

Die Normalität fällt hier vor meinen Fenstern nach wie vor ziemlich normal aus und ändert sich geradezu nervtötend langsam. Da draußen findet eben keine Verkehrswende statt, da steht nur plötzlich eine Ladesäule für E-Autos, die ist über Nacht einfach da und mehr passiert dann nicht, an der hält zunächst nicht einmal ein Auto. Und nach sechs Monaten steht da dann eine zweite Säule und das ist es, finde ich. Das ist, was passiert. Wenn man nun neben der neuen Ladesäule stehen bleibt und die Reaktionen der Leute beobachtet, dann hat man nach nur zwanzig Minuten einen Text, und je länger ich blogge, desto spannender finde ich genau so etwas. Das ist so ziemlich das Gegenteil der Pathos- und Scoop-Welt einiger großer Medien, und mich bestärkt diese ganze Angelegenheit darin, die kleine oder ganz kleine Form noch viel größer und interessanter und spannender zu finden, das wollte ich nur eben sagen.

Noch besser aufpassen, noch mehr beschreiben. Da hat man doch wieder was vor. Auch gut.

Update: Siehe auch bei Anke.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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