Beinharte Wirklichkeit

Das letzte hier liegende Buch von Michael Maar habe ich durchgelesen, den Band über die Tagebücher: „Heute bedeckt und kühl“ (Verlagslink). Jetzt geht es herber weiter, ich lese „Verlust – Ein Grundproblem der Moderne“ von Andreas Reckwitz, hier die Perlentaucherseite dazu. Die Rezensenten äußern sich dort überwiegend positiv.

Kein leichtes, kein schönes Thema, eher beinharte Wirklichkeit und Analyse der Gegenwart. Aber ich sehe auch gerade weit und breit keinen Urlaub in meinem Kalender. Da wird man so eine Lektüre wohl abarbeiten können, wenn sie einen doch weiterbildet.

Der Titelzusatz „Ein Grundproblem der Moderne“, so scheint mir, wäre auch als Aufkleber nett und brauchbar. Den man gleich hier und da anpappen könnte, etwa an unaufgeräumte Teenagerzimmer. Oder auch an überbordende Pfandflaschensammlungen, an ungeleerte Mülleimer, an Ordner mit Behördenbriefen (siehe dazu mein Text von gestern) oder auch an den Badezimmerspiegel und dergleichen. Als lapidare Standardantwort in Outlook, die man sich bequem auf einen Shortcut legen könnte, ist die Formulierung sicher ebenfalls geeignet. Wenn eine Kollegin sich elaboriert über etwas beschwert, bei dem man eher nicht tätig werden möchte, reicht dieser Satz vielleicht als verständnisvoll bestätigende, dabei aber keinerlei Lösung aufzeigende Reply: „Ein Grundproblem der Moderne!“

Und damit hat sich das Thema vielleicht erledigt. Das mal so versuchen.

Das Buch "Verlust" von Andreas Reckwitz

Recht früh im Buch kommt Andreas Reckwitz auf ein hier aktuelles Blogthema, es geht bei ihm nämlich auch um die im Trend liegende Freude am Analogen. Ich zitiere etwas umfänglicher, mit der Bitte, besonders den letzten Satz zu beachten:

„Vinylplatten haben ein überraschendes Revival erlebt. Einst hoffnungslos antiquiert und erst durch CDs, dann Streamingdienste verdrängt, punkten sie nun mit der Authentizität ihres Hörerlebnisses. „Wie früher“ – ein „Früher“, das man selbst möglicherweise nie erlebt hat – hält man die aufwändig gestalteten Plattencover in den Händen und lauscht dem Knistern, wenn die Nadel über die Rillen der Schallplatte gleitet. Zeitgleich sind im Städtetourismus die lost places zum Geheimtipp geworden: heruntergekommene, häufig am Stadtrand gelegene Gebäude etwa aus der Blütezeit der industriellen Moderne, in denen sich eine spezielle Ruinenästhetik entdecken lässt. Aber auch sorgfältig restaurierte Bauwerke wie das Tacheles in Berlin oder die Bourses de Commerce in Paris beschwören die Faszination einer jüngeren Vergangenheit.

Dies alles sind Beispiele einer spätmodernen Nostalgieökonomie und einer nostalgischen Ästhetisierung, die in den Dingen und Orten einen bestimmten, häufig idealisierten Ausschnitt der Vergangenheit präsent zu halten versuchen. Wenn die Zukunft nicht mehr viel verspricht, ist die Bewahrung der Kultur der Vergangenheit vor dem vollständigen Verlust – als Heritage, Retro oder eben Nostalgie – offenbar zu einer charakteristischen Strategie der Gegenwartskultur geworden.“

Treppenstufen in einem Kirchturm, durch Buntglasfenster bei Nacht fotografiert

Diese Absage an die wenigversprechend erscheinende Zukunft und an die schnöde Gegenwart, sie ist der Schatten der so harmlos daherkommenden, nostalgiewarmen Analog-Verehrung. Sie ist der Teil, der eher nicht besprochen und erörtert wird. Weil man dann gedanklich aus dem lifestyligen, eher kuscheligen Argumentationsmuster in schmerzhafte Bereiche vordringen müsste.

Da mal drüber nachdenken! Vielleicht während die Platte dabei besonders schön knistert. Und während man, wenn es das Stück überhaupt auf Vinyl gibt, passend zum Wetter in dieser Stadt noch einmal Daniel Norgren hört. Wo man doch gerade bei Verlusten ist: „Everything you know melts away like snow …“

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Belastungen und Besonderheiten

Ich sehe online den Begriff „Admin-Nights“, den kannte ich noch nicht. Falls Sie ihn auch nicht kannten, ist es vielleicht schon wieder ein neuer Fall für unser kleines Trendforschungslabor. Wir sehen uns das also etwas genauer an. Aus den USA kommt das, wo früher alle großartigen Trends herkamen, die etwas auf sich hielten. Aber das ist eine Weile her, es gilt gerade nicht mehr zwingend als cool, von dort zu kommen.

Wie auch immer, man trifft sich jedenfalls bei den Admin-Nights „with a couple of friends and maybe a bottle of wine“. Was einem gleich dezent geschönt vorkommt. Denn es werden wohl meist auch „a couple of bottles“ sein, nicht wahr. Man meint doch, die Menschen und ihr Suchtverhalten so weit zu kennen. Dann macht man gemeinsam in freundschaftlicher Runde Admin-Zeug und arbeitet mitgebrachte Ungeheuerlichkeiten, Ballast und Zumutungen aller Art ab.

Von der Kündigung alter Abos über die liegengebliebene Buchhaltung und die so sehr drängende Steuererklärung bis zu zwingend notwendigen An- und Abmeldungen aller Art und zu allgemeinen Ablagen und Auseinandersortierungen. All das Aufgeschobene bringt man also dorthin mit. Man jammert und wehklagt ein wenig gemeinsam, stelle ich mir vor, man löst dabei aber nach Möglichkeit auch und arbeitet mehr oder weniger stetig ab. Man hilft sich wohl außerdem gegenseitig. Dabei arbeitet man, so nehme ich an, in einer Geschwindigkeit, die möglichst viele abgehakte To-Dos noch vor der ersten geleerten Bottle ermöglicht. Denn es wird danach bekanntlich irgendwann schwieriger, wie hoch auch immer die Anfangsmotivation sein mag.

Tröstlich kann man es auf eine Art vielleicht finden, dass es solche Admin-Nights gibt. Beweist es doch immerhin, dass auch andere Menschen die Admin-Lasten aller Art als stark herausfordernd empfinden. Als permanent im Hintergrund lauernde Überforderung, die hier und da längst zu amtlichen Akten gerann, als schier endlose Plage und Mühsal der Ebene. Man ist auch bei diesem Thema in keiner so speziellen Lage, wie man oft denkt. Man meint nur, auf eine markante Art besonders zu sein, obwohl auch hier selbstverständlich wieder die goldene Lebensregel gilt, die man nicht oft genug wiederholen kann:

Alle Fragen, die mit „Bin ich eigentlich die Einzige, die …“ beginnen, können kategorisch verneint werden. Die männliche Form ist mitgemeint.

Es ist eine Regel, die sich in meinem Leben oft bestätigt hat. Man kann sich bei den Admin-Nights also heiter und in trauter Gemeinsamkeit und Ähnlichkeit um die diversen Bottles gruppieren, stelle ich mir vor, und niemand ragt dabei auffällig durch Besonderheiten heraus.

Für mich wären Admin-Nights allerdings nichts, ich lege zu großen Wert darauf, nachts zu schlafen. Ich wäre eher für Admin-Early-Evenings, aber das klingt irgendwie uncool. Das wird kein Trend werden, ich sehe es sofort ein.

Eine Frage, die mir bleibt, ist eine, deren Antwort ich nicht genau weiß, an der ich aber interessiert wäre: Ist nämlich meine Annahme richtig, dass die Admin-Belastung des Durchschnittsmenschen heute größer ist, als sie es noch vor zwanzig, dreißig Jahren war? Erheblich größer?

Weil doch z. B. all das Digitale in unserem modernen Alltag in this best of all possible worlds in aller Regel keineswegs nur Erleichterung und Simplification, sondern im Gegenteil oft genug Complications und gesteigerten Verwaltungswahnsinn mit sich bringt. Weil auch sonst zumindest gefühlt alles immer schwieriger und keineswegs geschmeidiger wird. Als abgesicherte Expertenmeinung ist mir das allerdings bisher noch nicht begegnet.

Dass aber unsere vorhergehenden Generationen in einer Zeit noch weit vor den Anglizismen und vor all dem Digitalen, damals im analogen Zeitalter also, so etwas wie „Verwaltungsnächte in geselliger Runde“ als Trend erfunden hätten – es kommt mir nicht eben wahrscheinlich vor. Ich stelle mir meine Großmutter, die Onkels und Tanten dabei vor … nein, nein.

Ein öffentlicher Mülleimer mit Aufkleber: Hier Deine Sorgen einwerfen

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Es ist ein Schnee gefallen

Währenddessen dachten die Menschen in dieser Stadt tagelang kollektiv über die Vergangenheit nach. In erstaunlich schnell ritualisiert wirkenden Smalltalkversatzstücken taten sie das, welche sich sämtlich auf das Wetter bezogen. Denn es ist nach wie vor erstaunlich weiß hier, und es wird auch noch mehr Schnee geben. Viel davon wird noch fallen, sagen diejenigen, die es wissen müssen. Wir stehen also unverhofft vor einer stabilen Winterkulisse. Wann aber gab es das zuletzt?

Blick von St. Georg aus über diue Außenalster, verschneite Landschaft

Wann hat es das letzte Mal so geschneit, wann konnte man wo nicht mehr mit dem Auto oder mit dem Rad entlangfahren oder nicht einmal mehr gehen, wann konnte man wo rodeln oder sogar skilanglaufen? Wann war die Außenalster zugefroren, so dick, dass wir über sie gehen konnten, wann haben wir denn noch einmal so erbärmlich gefroren und wann die Schneebälle geworfen, mit den Kindern die Schneemänner oder -frauen gebaut, die Sonnenbrillen wegen der Wintersonne in der gleißenden Schneelandschaft aufgesetzt?

Das weiß man spontan gar nicht mehr genau. Da muss man erst einmal nachrechnen, muss die Jahre an den Fingern nachzählen, längst vage gewordene Erinnerungsmarker anpeilen und halbvergessene Ereignisse neu durchsortieren. „Das war jedenfalls, als die Kinder noch klein waren.“ Und dabei zeigt man etwa in Hüfthöhe, wie klein sie damals waren, und dann lächelt man kurz versonnen. Oder es war zu jener Zeit, als der Hund noch lebte, als die Großmutter noch in ihrer Wohnung lebte oder als das Büro noch in dem anderen Stadtteil war. Als wir aus Australien zurückkamen und im Flugzeug nur T-Shirts anhatten. Weißt du noch. Weißt du nicht?

Eine ganze Stadt denkt zurück und räumt ihre Wetter-Erinnerungen auf. Aber einig wird man sich dabei nicht unbedingt. So ist das nämlich mit den Zeugenaussagen, wie wir längst wissen, es ist ein unzuverlässiges Glücksspiel. Und es hilft nicht einmal weiter, dass die lokalen Medien hilfreich einspringen und uns die Jahre mit dem Schnee und dem Alstereis usw. genau benennen. Denn man weiß es doch besser! Also zumindest teilweise, und da dann aber ganz sicher. Echt jetzt. Weil!

Und dann folgt eine ellenlange Ableitung, die zunächst so klingt, als könnte sie auch vor Gericht mit Eifer wiederholt werden. Aber unter Eid – eine gefährliche Sache.

Wenn man sich jedenfalls für das Thema Erinnerungen und Wahrheit, Zeugen und Wirklichkeit interessiert, dann sind diese Tage ein wahres Fest. Man kann lachend an zig Smalltalksituationen vorbeigehen und miterleben, wie die vermeintlich klar gelagerte Vergangenheit zu einer höchst ungewissen Angelegenheit wird. In der es entweder in jedem oder aber in gar keinem Jahr geschneit und gefroren hat – man muss nur die jeweils passenden Zeugenaussagen chronologisch nach den benannten Ereignissen sortieren und zusammenfügen.

Und bei allem behalten wir selbstverständlich im Sinn, dass da draußen gerade analoger Schnee zum Anfassen fällt. Mit dem man also analogen Spaß haben kann, der in diesem Jahr des globalen Offline-Trends sicher doppelt zählen wird. Jeder mit klammen Fingern geformte Schneeball stellt uns nun eine entschlossene Abkehr von einer vermeintlich sinnlosen Smartphoneminute dar. So wird es sicher gesehen und dann auch online inszeniert werden. Die Filmchen dazu werden zweifellos trenden.

Blick vom Neuen Jungfernstieg über die Binnenalster, verschneite Kulisse

Wir Älteren denken aber bei all dem bitte auch kurz an die Zeiten zurück, wie lange sind die denn eigentlich her, in denen es auf einmal modern war, es auf den Seiten im Internet zur Weihnachtszeit digital schneien zu lassen. Und es war für kurze Zeit tatsächlich ein „Oh, guck mal!“-Effekt, wissen Sie es noch?

Was haben wir schon alles mitgemacht, wir Digitalveteranen Aber ob jenes Jahr, in dem es für uns zum ersten Mal digital geschneit hat, auch ein Jahr war, in dem es zusätzlich analog geschneit hat … das wäre auch erst noch länger zu durchgrübeln.

Aber wie auch immer. Der olle Degenhardt schrieb:

„Dann wollen wir uns wälzen

Nach einem heißen Bad

Im Schnee, und der wird schmelzen

Weil er zu schmelzen hat.

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Unter dem nicht ganz so großen Stein

Was der Stadtneurotiker hier über das tägliche Ausweichen schreibt, über den veränderten Nachrichtenkonsum, das könnte ich größtenteils unterschreiben. Und ich halte es auch für einen allgemeineren Trend. Ich könnte das aus meinem Umfeld heraus auch mit zahlreichen Beispielen im Bekanntenkreis belegen, was aber ein weiterer Stichprobenfehler von vielen sein könnte.

Aktuelle Zahlen, Studien etc. zu dem Thema kenne ich nicht. Ich bin aber doch recht sicher, mit meiner Vermutung richtig zu liegen.

Das durchdachtere, informationsverdichtende Einsteigen in News-Themen geschieht bei mir fast noch über Podcasts. Und die höre ich dann gerne auf Expertenebene, nicht im allgemeinen Plauderbereich. Und zwar auch dann nicht, wenn das Geplauder gefällig meine politische Richtung bedient.

Ich höre diese Podcasts außerdem fast nie tagesaktuell, sondern eher in einer Taktung und auf einem Niveau, das man früher, in dem heute so selig gepriesenen analogen Damals, noch in Wochenzeitungen oder Monatszeitschriften gefunden hat. Von denen ich eine noch in der Printversion abonniert habe, wie so ein Steinzeitmensch, nämlich die Blätter für deutsche und internationale Politik. Die sind bei mir das Relikt einer vergangenen Epoche.

Meine Haltung zu den meist grässlichen Themen in den News hat sich nicht verändert, seitdem ich nicht mehr pausenlos an ihnen klebe wie ein Putzerfisch an der Scheibe des Aquariums. Mein Wahlverhalten hat sich schon gar nicht verändert. Auf die üblichen Demos würde ich ebenfalls weiterhin gehen und in Gesprächen genau wie früher ggf. mit Protest oder Zustimmung reagieren etc. Ich bin auch nicht noch fatalistischer geworden, denke ich. Und ich fühle mich bisher nicht überzeugend biedermeierlich, eine geistige Verstifterung fand meines Wissens nicht statt (ich neige mehr dem von Felix beschriebenen Kleist-Update zu). Vielleicht noch nicht.

Es kann da auch ein Selbstbild/Fremdbild-Problem geben, schon klar. Sie wissen ja, dieses Selbstbild/Fremdbild-Ding ist eine der Sollbruchstellen unserer vermeintlichen Intelligenz. Daran scheitern wir alle mit schöner Regelmäßigkeit.

Aber noch vor zwei Jahren etwa hätte ich jedenfalls bei der aktuellen Nachrichtenlage mit Venezuela etc. die internationalen Newsstreams pausenlos verfolgt. Dazu noch die sozialen Medien, eh klar. Heute nehme ich vielleicht zwanzig Prozent der damaligen Nachrichtenüberdosis zur Kenntnis, nehme ich an. Was mir allerdings weiterhin nicht die Gnade der Uninformiertheit gewährt. Der Stein ist noch lange nicht groß genug, um unter ihm zu leben.

Unterm Strich habe ich sicher weder der Welt noch mir selbst ruhmreich dadurch gedient, dass ich zeitweise alle hektischen Ticker-Meldungen zu jeder globalen Aufregung mitbekommen habe und einiges mit mehr oder weniger gelungenen Pointen in den Timelines kommentiert habe. Ich habe mir aber oft genug dadurch Stunden genommen, die ich in besserer, entspannterer Stimmung hätte verbringen können. Ohne dass die Welt deswegen noch schneller den Bach heruntergegangen wäre, kann ich wohl annehmen. Es war also irgendwann eine einladende Option, das Verhalten zu ändern.

Na, es ist alles nur eine Phase.

Skulpuren von Balkenhol vor der Zentralbücherei, schneebedeckt

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Für eine Handvoll Links

Nicola hat gute Vorsätze, was das Bloggen betrifft: „Ab sofort werde ich spontaner und unregelmäßiger darüber schreiben, was ich lese, höre, sehe und welche Gedanken sich dabei entwickeln – dafür dann aber hoffentlich häufiger als im vergangenen Jahr.“

Das ist sehr gut so. Davon haben wir dann nämlich alle etwas, und ich zitiere ihr Vorhaben hier selbstverständlich hilfsbereit wie immer, denn öffentlicher Druck hilft bekanntlich ungemein bei solchen Vorsätzen. Und ich danke ebenso selbstverständlich herzlich für die überaus freundliche Erwähnung meines Blogs in ihrem Artikel, ich fühle mich geehrt. Und wie.

Die Lombardsbrücke bei Nacht im Schnee

Aber apropos Blogs. Maurice Renck verweist auf einen Artikel über den Wert des Bloggens und zitiert daraus Kernstellen. Ich empfehle aber auch die Lektüre der Originalquelle (die ohnehin oft lesenswert ist, am besten ebenfalls gleich abonnieren).

Der neue Jungfernstieg bei Nacht im Schnee

Und noch weiter mit Blogs. Ute Vogel schätze ich seit Jahren u. a. für ihre großartigen Fotos, und sehe gerade in ihrem Jahresrückblick, dass sie Aufträge gebrauchen könnte. Design, Kultur und dann dieses Internet, was man da alles so macht – sie beschreibt hier ausführlicher, was sie in diesem Zusammenhang anbietet und kann.

Ich bin ziemlich sicher, sie ist super.

Wie ich überhaupt, aber das nur am Rande, jederzeit eine Truppe von Frauen aus dem Internet benennen könnte, Bloggerinnen und andere, mit denen nach meiner Überzeugung die Welt noch zu retten wäre. Aber sie haben dummerweise ohnehin alle gerade anderes zu tun, es ist hin und wieder ein wenig schade.

Die alte Kunsthalle bei Nacht im Schnee

Apropos Frauen aus dem Internet, bei Anke wiederum findet gerade das so angesagte Thema Analog statt. Es geht bei ihr um das Lesen von Büchern und die Argumente, die dieses Lesen unterstützen oder eben nicht. Also wenn man denn überhaupt Argumente braucht, um Bücher zu lesen. Worüber reden wir hier eigentlich? Zeiten! Sitten!

Ich bin, aber ich höre auch gleich wieder auf, keine Sorge, noch mit „Lies mal lieber nicht so viel! Mach doch mal was, geh mal raus!“ großgeworden. Es ist fast schon unvorstellbar geworden und zeigt auch unser Altern an.

***

Eine weitere Folge aus den Sternstunden Philosophie fand ich außerdem empfehlenswert: „Alles Klasse – Wie Status unser Leben ordnet“. Die Sendung ist hervorragend geeignet, um auch das eigene Klassendenken, die Klassenerfahrungen und den eigenen Klassismus zu reflektieren. So etwas kann nicht schaden und ist unbedingt etwas Zeit wert. Das Thema ist meiner Meinung nach eher unterschätzt und auch in meiner Internet-Bubble teils so etwas wie ein blinder Fleck.

Das Nachdenken darüber kann jedenfalls einiges erhellen, selbst wenn man nicht Pierre Bourdieu ist und also einfach immer weiter und tiefer denkt.

Ich merke mir das vor. Zu dem Thema wäre noch mehr zu schreiben, merke ich gerade beim nur kurzen Nachdenken darüber, und es ist immer nett, ein paar Anregungen auf Halde zu haben.

Ein Kirchturm bei Nacht, mit Schneeanflug

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Understand Hegel and embrace boredom

Von Walther Ziegler habe ich mir Hegel erklären lassen. Es fühlte sich mit ihm wieder wie eine sinnvoll verbrachte Stunde an, ich fand die Filme von ihm bisher alle interessant und lehrreich.

Von Hegel aus kann man, auch wenn es vielleicht zunächst etwas gewagt klingt, eine Linie zur Trendforschung und also zu den Themen der Zeit ziehen. Denn wofür ist der Hegelsche Weltgeist zuständig, genau, für die Durchdringung von allem mit den gerade anstehenden Themen, mit der „Wahrheit der Epoche“. Die wir am Ende auch als Großtrend begreifen müssen, versteht sich.

In diesem Sinne eine weitere heitere Anmerkung zum grassierenden Analog-Trend. Ich sehe auf Instagram eine der zahllosen Erläuterungen dazu. Wie man das denn nun am besten macht, diese Sache mit dem ganzen analogen Zeug, wie fängt man das denn eigentlich an. Es gibt immerhin viel von diesen analogen Sachen, hört und sieht man. Wie wählt man da etwas aus und was macht man damit genau.

Auf dem Account „Cozy Games” lese ich: „Eight small steps to live a more analogue life & heal our digital brain rot“. Und ich zitiere Ihnen diese steps eben, um danach etwas anzumerken. Vielleicht haben Sie aber auch beim Lesen schon den gleichen Gedanken wie ich. Es ist nicht so unwahrscheinlich.

  1. Create more than you consume: Man soll weniger das Leben der anderen beobachten und mehr das eigene führen.
  2. Embrace Boredom: Man soll das Unangenehme an unterstimulierenden Situationen aushalten.
  3. Collect & consume physical media: Man soll Bücher, DVDs, Schallplatten etc. konsumieren.
  4. Do more brain games: Man soll sich mit Kreuzworträtseln, Puzzles etc. beschäftigen.
  5. Nurture local community: Man soll sich in irgendeiner Weise mit den Menschen vor Ort beschäftigen.
  6. Refrain from scrolling in bed: Man soll die Stunden im Bett ohne Smartphone oder Tablet verbringen.
  7. Reframe inconvenience: Man soll den Zeitverschleiß bei manuellen Tätigkeiten als Chance zum Runterkommen verstehen.
  8. One activity at a time: Man soll seine Hobbys in Ruhe betreiben, also etwa nur einen Film zurzeit sehen, nur ein Buch lesen, das Fokussieren wieder lernen und die unbefriedigende Leere, die man dabei vielleicht empfindet, nicht zwingend ausfüllen.

Darunter sehe ich 49 begeisterte, zustimmende Kommentare und über 5000 Likes.

Es liegt mir nun fern, über diesen Account („Your cozy home & hobby bestie“) oder über dieses Posting zu spotten. Das ist keineswegs meine Absicht. Die Punkte sind auch alle valide und in vielleicht mittlerweile schon allen Fällen durch psychologische Forschung gut fundiert und belegt: Es ist tatsächlich alles mehr oder weniger deutlich empfehlenswert.

Sicher nicht alles für alle und in allen Situationen, aber im Prinzip – doch, das ist so, ja. Daran könnte man sich halten und es hätte dann wohl auch positive Effekte. Das entspricht so meinem Kenntnisstand, und ich würde es auch dem Nachwuchs hier empfehlen. Also sollte ich jemals den Eindruck gewinnen, sie würden mir interessiert zuhören und meine pädagogisch ungemein wertvollen Einlassungen nicht etwa als zu reframende inconvenience betrachten.

Aber! Und jetzt kommt, was Sie vielleicht auch gedacht haben. Jedenfalls dann, wenn Sie auch schon etwas älter sind. Diese Punkte beschreiben nämlich etwas, das ich mit einer Erinnerung oder einer Geschichte, mit einem Memoiren-Ausschnitt fast schon seltsam präzise beantworten könnte.

Einen Sonntag etwa könnte ich da fast wahllos beschreiben, nehmen wir einen in Travemünde, etwa aus dem Januar des Jahres 1980. Nehmen wir einen dieser Tage, an denen man im damaligen Sinne eher nichts gemacht hat. Den man eher gelangweilt und uninspiriert verdaddelt hat, wie man hier sagt.

Mit dem Lesen von Büchern haben wir da die Zeit totgeschlagen. Mit ein oder zwei Stunden Fernsehen auch. Es gab da tagsüber Wintersportberichte für uns, und sie waren alternativlos, denn wir hatten ja nichts. Beim Slalom haben wir auf Unfälle gewartet, denn mit der moralischen Reife war es noch nicht so weit her und Wintersport hat uns nicht interessiert. Schallplatten haben wir gehört, einige von denen, die eben da waren. Und so viele waren es nicht.

Von der Mutter irgendwann das übliche „Mal doch was!“ kassiert. Aus Verzweiflung später noch das Kreuzworträtsel in der Sonntagszeitung gelöst. Die Spielesammlung, für die man langsam zu alt wurde, kritisch betrachtet und überlegt, doch noch zum Freund rüberzugehen. Zwischendurch mit dem Hund draußen gewesen, mehrfach.

Raufaserwände betrachtet, und wie lange. Im Bett später außerdem die Decke angestarrt, bis die Augen zufielen. Von irgendwelchen Weiten geträumt, von irgendwelchen Abenteuern. Sinnend diese Kinderzimmerdecke angestarrt, wie wir heute bedeutungsschwer sagen würden. Langsam verblödend, wie wir es damals deutlich genug empfunden haben. Aber wie gesagt, es liegt mir fern, über die Sehnsucht nach dem Analogen zu spotten, und ich erkenne die diversen Notwendigkeiten an.

Ein Globus auf einer Fensterbank, von außen fotografiert

Doch solange dieser Trend durchläuft, denke ich, dürfen wir Älteren vielleicht auch durchgehend so ein gewisses, leicht süffisantes Grinsen im Gesicht haben. Was übrigens am Rande ein schöner Gedanke ist: Endlich gibt es wieder ein Jahr, in dem auch meine Generation hin und wieder amüsiert wirken darf.

Jedenfalls können wir amüsiert sein, wenn wir es gerade schaffen, keine Nachrichten zu lesen. Wenn wir uns einen Moment lang vielleicht nur um Trends und andere soziologische Luxusthemen kümmern, wie etwa unsere Freizeitgestaltung und die der Jüngeren.

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Schneemorgen

Am zweiten Januar stürzte das Jahr schon unerwartet in Dunkelheit ab, dachte ich zuerst. Es lag dann aber nur daran, dass am Morgen dermaßen reichlich Schnee auf die Dachfenster gefallen war, dass es in der Wohnung an diesem Tag kaum hell werden konnte. Nur kurz habe ich direkt nach dem Aufstehen aus dem Fenster gesehen – sind wir hier in Helsinki oder was. Ein weißverwirbelter Flockenvorhang verhüllte mir die Sicht nahezu blickdicht, die Geräusche von der großen Straße unten waren kaum zu hören, waren wie wolldeckengedämpft.

Ein Kirchenportal im Schnee, davor aus großen, buten Buchstaben gebildet das Wort LIEBE

Oder aber es fuhr an diesem Morgen gar nichts, das mag auch sein. Niemand nahm das Auto, niemand begann etwas an diesem schneezugedeckten Morgen. Alles ruhte weiterhin in dieser Stadt, um uns herum nur die eisige, tief verschneite Winterstille. Die „stade Zeit“, wie man wohl in Bayern sagt, um derlei saisonale Effekte zu beschreiben.

Als Norddeutscher denkt man bei dem hier ansonsten unbekannten Begriff „stade“ eher an die großgeschriebene Variante, an die Stadt Stade. Welche vor den Toren von Hamburg liegt und eine attraktive Altstadt zu bieten hat, wie man googeln kann und wie auch Menschen berichten, die schon einmal dort waren. In Bezug auf diese Stadt bin ich mittlerweile in einem ungefähren Jubiläumszeitraum. Seit etwa 25 Jahren nämlich möchte ich da „demnächst“ einmal hin. Ich kam aber bisher einfach nicht dazu. Nicht als Single, nicht als Ehemann, nicht als Vater von einem oder zwei Söhnen, auch nicht als Mensch mit deutlich beginnender Empty-Nest-Thematik.

Weil immer etwas war und auch nach wie vor ist. Sie kennen das.

Ich werde es aber nun, so viel Voraussicht traue ich mir gerade zu, in diesem Jahr lösen. Ich werde also diese Stadt besuchen und hier selbstverständlich hinterher Beweisbilder vorlegen. Wie ich immer sage, der Mensch braucht Pläne. Und sie wachsen einem so zu.

Ansonsten ist mir der Schnee da draußen egal. Den werde ich nicht einmal ignorieren und arbeite eh meist mit dem Rücken zum Fenster. Wie immer kommt mir der Restwinter nach Weihnachten einigermaßen sinnlos vor, der kann jetzt weg. Ich gebe gerne zu, dass diese Einstellung nicht exakt zur kalendarischen Wirklichkeit in diesem Land passt, aber diese Erkenntnis beeindruckt meine Gefühlslage leider nicht ausreichend. Emotional scheint der Autor dieser Zeilen manchmal etwas deppert zu sein, um es noch einmal eher süddeutsch auszudrücken.

Die Kinder im Stadtteil gaben sich allerdings, wie ich später am Tag noch sah, große Mühe, aus den vermutlich wenigen Schneestunden ihres Lebens etwas zu machen. Immerhin achtzehn Schneemänner sah ich auf meiner Einkaufsrunde, eine starke Truppe. Einer wurde gerade fertig, als ich vorbeiging. Die Nase wurde abschließend angesteckt und ich fragte, ob ich die Figur fotografieren dürfe. Das freute die Kinder, die ihn gebaut hatten. Sie fanden es sehr gut und auch angemessen, dass ihr Schneemann auf solches Interesse stieß.

Auch offline hin und wieder Likes verteilen, das scheint mir wichtig zu sein. Womit wir prompt beim nächsten Thema landen.

Ein Schneemann mit Armen aus Ästen und Sandförmchen als Augen

Zwei Schneemänner in einem Park

Ein etwas dytopisch aussehender, halb in sich zusammengesunkener Schneemann

Im Ergebnis irgendeiner Umfrage, so las ich gestern, wurden nämlich Neujahresvorsätze aufgelistet. Mit ganz oben stand dabei die gewünschte Reduzierung der Bildschirmzeit. Die Menschen wollen also zumindest zeitweise und zumindest in der Theorie weg von all den Geräten mit Bildschirmen, wollen weg vom Digitalen. Es passt wieder zum bereits besprochenen Großtrend der analogen Seite und bestätigt diese Entwicklung.

Währenddessen erscheinen in schneller Folge überall mehr und mehr Posts und Artikel zum Rückzug ins Analoge, das Thema des Offline-Erlebens geht viral. Texte über die Aversion des breiten Publikums gegen KI-Erzeugnisse erscheinen, über Themen wie: „Everyone is obsessed with vintage and offline moments“.

Jemand, der beruflich auf Instagram Menschen berät, die von ihrer Online-Aktivität zu leben versuchen, hat dazu gerade einen vermutlich probaten Rat gepostet. Nämlich den, in diesem Jahr möglichst offline zu Publikum und Gemeinschaft zu kommen. Etwas im Analogen zu projektieren und sich dort auch zu verausgaben – um dann hinterher immer wieder intensiv und über alles, was man dabei erlebt und gefühlt hat, en Detail und vor allem reichlich zu posten. Also online, versteht sich.

Es ist kompliziert, glaube ich.

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Brecher beginnen sich zu bilden

Ansonsten begann das Jahr, begann also die neue Staffel der Serie über unsere Erlebnisse und all die Entwicklungen um uns herum („Es wird viel passieren“, singt man auch dabei gerne leise im Hintergrund) damit, dass ich am frühen Morgen des ersten Januars, noch im Bett liegend, den stark auffrischenden Wind hörte. Und aus den Geräuschen vom Dach her, wo die Böen bereits rumpelnd herumrandalierten, bereits ableiten konnte, dass es in Kürze amtlichen Sturm geben würde. Während fast zeitgleich die diversen Wetter-Apps mir die obligatorischen Sturmflutwarnungen mit täuschend freundlich klingenden Pings zustellten, während die Landkarten auf dem Bildschirm sich landkreisweise warn-orange verfärbten.

Südwest, und bis Beaufort 9 immerhin. Ich zitiere aus der Definition für die Wirkung dieser Sturmstärke auf dem Meer, weil sie so schön klingt, nahezu lyrisch: „Hohe Wellen mit verwehter Gischt, Brecher beginnen sich zu bilden.

Da wäre man doch gerne dabei. Um es sich zumindest vom sicheren Strand, vielleicht auch von einer stark umtosten Seebrücke aus anzusehen, wie da draußen die Brecher sich bilden. Aber man sitzt stattdessen leider in der Stadt herum. Im Binnenland, wo die Definition für die Windstärke trocken verweist auf die eher lapidare Ausprägung: „Gartenmöbel werden umgeworfen.

Slow clap“ möchte man da doch beim Nachlesen leise vor sich hinmurmeln.

***

Etwas später regnet es, und wie es regnet. Der Regen kommt quertreibend, hat graupelige Tendenzen und gefühlte Nordpoltemperaturen. Er wirkt insgesamt dermaßen unerfreulich, dass selbst gestandene viel- und oft herumgehende Menschen wie ich einen Moment überlegen, ob sie wirklich gerade hinausgehen müssen und wohin und warum eigentlich. Denn einfach um den Block, das fühlt sich entschieden verkehrt an, während der Regen an die Fenster peitscht, als würde ein Effektmacher von einem Filmset dem dabei entstehenden Geräusch engagiert nachhelfen.

Unten an der Alster aber, ich sehe es aus dem Fenster, das ich kurz öffne, joggen sie dennoch. Klatschnass müssen sie alle sein, und wie verfroren werden sie auch sein. Ob es sich ernsthaft gesund anfühlen kann, durch diesen Regen keuchend zu traben, ich habe da Zweifel. Aber Verständnis habe ich dennoch, denn es ist eben der 1. Januar und sie haben es sich doch vorgenommen. All diese Menschen, die da verbissen und trotz allem den Rundweg ablaufen.

Fluchen werden sie beim Laufen, das Wetter, sich selbst und alles werden sie verwünschen, ihre schwachsinnigen Vorsätze werden sie sich zur Revision vorlegen und mit einiger Wahrscheinlichkeit heute noch knicken. Aber dennoch werden sie es einen Tag lang geschafft haben. Against all odds!

Joggende Menschen im Regen an der Außenalster

Das ist nicht nichts, und ich nicke ihnen anerkennend vom Fenster aus zu. Bevor ich es wieder schließe, es regnet zu stark herein, und bevor ich mir noch einen Kaffee mache und die Küche nach Kuchenresten absuche. Denn es wird einem doch kalt, wenn man eine Weile so aus dem offenen Fenster auf die Anstrengungen der anderen sieht.

Aber was tut man nicht alles, um sich den Mitmenschen gegenüber empathisch und zugewandt zu geben.

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Konstruktiv und vorwärtsgewandt

Vorweg herzlichen Dank für die Zusendung eines Buches. „Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ von Michael Maar, hier die Verlagsseite dazu.

Das Buch über Tagebücher von Michael Maar

Das passte hervorragend. Nachdem ich gerade „Das violette Hündchen“ von besagtem Michael Maar beendet hatte, sein Buch über Details in der Literatur, und dachte, dass dieses Buch mit den Tagebüchern von ihm im Anschluss genau richtig wäre – etwa eine Stunde nach diesem Gedanken lag es dann tatsächlich im Briefkasten, ich war kurz sprachlos. Also manchmal …

***

Ansonsten können wir, obwohl das Jahr noch keinen Tag alt ist, bereits einen Großtrend endgültig und nun zweifelsfrei ausrufen. Und zwar den Trend, der sich in den letzten Monaten und besonders in den letzten Wochen so deutlich abgezeichnet hat. Die Hinwendung zum Analogen nämlich, die zum ausdrücklich hippen Thema werdende Abkehr von der digitalen Zersetzung des Alltags und der Kultur.

Als Beweis für meine Behauptung führe ich Werbung an, die ich gestern zum ersten Mal gesehen habe. Es war Werbung für ein Magazin aus dem englischsprachigen Raum, in dem es um analoge Erlebnisse und Erfahrungen geht. Eine einigermaßen naheliegende Marktlücke, wenn man es sich überlegt. Man hätte wahrhaftig auch selbst darauf kommen können.

Enorm erheiternd fand ich dabei allerdings, wo ich diese Werbung gesehen habe. Nicht etwa als gedrucktes Plakat am Wegesrand oder als Anzeige in einem Print-Produkt, nein. Als Werbeformat auf Instagram, ausgerechnet. Ich habe dann leider nicht genauer nachgesehen, aber vermutlich gibt es dieses Magazin zum analogen Erleben auch oder sogar nur in einer Online-Version, womit es alles noch besser und witziger wird.

Denn reihenweise wird man Stand-up-Comedy-Formate mit den Details und den unvermeidlichen Widersprüchen dieses Trends befüllen können, und das einigermaßen mühelos. Aus Sicht der Boomer und der ihnen direkt nachfolgenden Jahrgänge auch noch mit einer besonderen Fülle von Material, eingedenk ihrer/unserer Jugenderfahrungen.

Wir, ich muss mich dazurechnen, wir werden all die jüngeren Menschen, die sich jetzt irgendeiner ihnen mehr oder weniger neuen analogen Tätigkeit zuwenden, ob sie dabei nun Schallplatten auflegen, großformatige Zeitungen auseinanderfalten, Freunde im Park treffen, gemeinsam Halma spielen, Holz hacken oder dicke Bücher auf dem Sofa lesen werden, wir werden sie alle und dauernd mit einem im Chor gemurmelten „Been there, done that, got the t-shirt“ begleiten können.

Eine Axt, die in einem Hauklotz steckt

Und wie wir damals dabei waren! Selig werden wir in unseren reichen Erinnerungen schwelgen können. Alles werden wir besser wissen und uns bei den allfälligen Rückblicken und Reenactments hin und wieder zwanzig, dreißig oder sogar vierzig Jahre jünger fühlen.

Es wird uns ein Fest sein, ein großes. Nehme ich an.

Passend dazu habe ich, es war wieder einer dieser sogenannten Zufälle, einen Podcast zum Thema gehört. Obwohl der für mich eher unglücklich gewählte und abstoßende Begriff „Digital Detox“ im Titel vorkommt, war es doch interessant: „Bildschirmzeit gezielt reduzieren.“

Eine Sendung aus der WDR-Reihe „Innenwelt“ war das, 47 Minuten.

Zwei Einwände habe ich allerdings. Der befragte Psychologe ist zum einen selbst kein Anwender dessen, was er erforscht. Er benutzt Smartphones kaum und ist vermutlich signifikant weniger online als Sie oder ich, dies wird keine zu steile These sein. Ob es aber sinnvoll sein kann, sich seinem Forschungsgebiet solcherart zu entziehen, da bin ich mir nicht sicher. Schon klar, würde er über Kokain und Heroin forschen, würde man nicht von ihm verlangen, dass er das dauernd selbst nehmen muss, um alles zu verstehen. Aber im Falle des Digitalen geht es doch um einen eher riesigen Begriffsraum, den man kaum ansatzweise begreifen kann, wenn man nicht wenigstens geringfügig teilnimmt. Oder?

Was mich gleich zum zweiten Einwand bringt, der sich auf den in der Sendung fortwährend verwendeten Begriff „soziale Medien“ bezieht. Ich halte den für zu unscharf, um ihn in einem wissenschaftlichen Sinne zu verwenden. Wir haben alle längst kein einheitliches Bild und keine übereinstimmende Vorstellung mehr davon, was und wie diese sozialen Medien sind, worüber wir dabei eigentlich reden. Je nach Lebensalter und nach der damaligen Phase, in der wir mit diesen sozialen Medien in Kontakt kamen, wird das krass unterschiedlich ausfallen.

Wenn man weiterhin irgendetwas von diesen sozialen Medien nutzt, in welcher Intensität auch immer, wird man auch wissen, dass sich diese Medien erstaunlich schnell und auch gründlich ändern. Dass sie schwer zu greifen sind, schwer auszudeuten. Denn während man noch herumdeutet, wandelt sich das Gedeutete vielleicht gerade bis zur Unkenntlichkeit.

Es sind aber trotz dieser Einwände auf jeden Fall genug Inhalte in der Sendung, um sie als bereichernd zu empfinden. So kam es mir abschließend vor. Und ich kann mir selbstverständlich manches auch selbst anlasten, was da als Kritik am Onlineverhalten dargestellt wird. Weswegen ich es definitiv für sinnvoll halte, sich mit diesen Aspekten immer wieder zu beschäftigen.

Um dann aber hinterher, versteht sich, ein dickes, gedrucktes Buch auf dem Sofa zu lesen. Und dabei endlich, endlich auch während des lässigen Herumliegens an der Spitze der Bewegung zu sein. Wir könnten – auch ich komme auf Marktlücken! – im Zuge dieses Trends den berühmten „Armen Poeten“ von Spitzweg im Postkartenformat neu drucken und anders betiteln. Wir schreiben einfach „Der gechillte Hipster“ darunter und bauen darauf, dass dieses Bildchen bald in sämtlichen WG-Küchen des Landes an die Wände gepinnt werden wird. Da geht doch was!

Sehen Sie, so beginne ich das Jahr konstruktiv und vorwärtsgewandt. Und, es versteht sich von selbst, stets bemüht.

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The same procedure

Zunächst möchte ich wieder Mascha Kaléko auf die Bühne bitten, was man ohnehin nicht oft genug machen kann. Sollten Sie Ihr schmales lyrisches Gesamtwerk nicht bei sich herumliegen haben – ich empfehle es für jeden Haushalt, es ist eine Labsal.

Ihr Abgesang auf ein Jahr, aus welchem man nicht eben freudejauchzend und hoffnungstrunken hinausrutscht, er sei auch diesmal wieder zitiert, weil er nach wie vor passt.

„Nekrolog auf ein Jahr“ heißt das Gedicht, ich zitiere es nicht ganz vollständig:

Nun starb das Jahr. Auch dieses ging daneben

Längst trat es seinen Lebensabend an.

– Es lohnt sich kaum, der Trauer hinzugeben,

Weil man sich ja ein neues leisten kann.

 

Man sah so manches Jahr vorüberfliegen,

Und der Kalender wurde langsam alt,

– Das Glück gleicht eleganten Luxuszügen

Und wir der Kleinbahn ohne Aufenthalt …

 

Im Wintersportgebiet hat’s Schnee gegeben.

Wer Hunger hat, schwärmt selten für Natur.

Silvester kam. Und manches Innenleben

Bedarf jetzt fristgemäß der Inventur.

[…]

Nun starb ein Jahr. Man lästre nicht am Grabe!

Doch: Wenn das Leben einer Schule gleicht,

Dann war dies Jahr ein schwachbegabter Knabe

Und hat das Ziel der Klasse nicht erreicht …

***

Dies also einerseits, und es ist auch richtig und wird erneut von mir tief empfunden, geteilt und unterschrieben. Von den Jahren, die Ihr kennt, war es für mich aus Gründen, die hier allerdings nicht standen und auch nicht stehen werden, mit Abstand das schlechteste Exemplar. So schlecht sogar, dass es mich auf den letzten Metern noch zu für mich eher ungewohnten Handlungen, neu versuchten Gesprächen und dann schließlich auch zu gewandelten Einstellungen trieb.

So dass das Jahr am Ende sogar Erfolg hatte. Also wenn diese Änderungen bei mir denn der Zweck dieses zwölfmonatigen Projektes waren, was ein etwas egozentrisches Weltbild voraussetzt. Okay, okay. Ich stelle jedenfalls mit allerdings vorläufig noch bleibender Skepsis fest, dass ich erstaunlich gut gelaunt aus diesem Jahr gehe, was mit großer Sicherheit mein unerwartetes Immerhin des Jahres ist.

***

Sowieso aber sind alle persönlichen Probleme stets und jederzeit streng zu relativieren, wie wir alle gut wissen. Und da ist nun dringend eine zweite Dichterin zu zitieren. Eine mit einem anders gearteten Werk, es geht auch nur um eine einzige Zeile von ihr. Dies ist eine Zeile, die ich gerade oft sehe. Sie wurde mir groß entgegenplakatiert und prangt am benachbarten Ohnsorg-Theater, an dem ich täglich und meist auch mehrfach vorbeigehe: „Huul man nich, Du leevst ja noch.“

Hier der Link zum so beworbenen Stück.

Ja, danke, es geht schon wieder, murmele ich dann im Vorbeigehen nach kurzem Bedenken. Vielen Dank, es geht schon wieder. Eine Weile oder ein paar Meter lang.

Was noch? Amüsiert stelle ich fest, dass unser Traditionssong von „Burning Hell“ an diesem Tag, „Fuck the government, I love you“, seit diesem Jahr bei YouTube eine Altersbeschränkung hat und damit nicht mehr in Blogs oder anderswo eingebunden werden kann.

Verlinken auf YouTube kann man aber nach wie vor, und wenn Sie alt genug sind, dann dürfen Sie das Video auch sehen, bitte hier entlang. Besonders dann, wenn Sie das Lied noch nicht kennen. Für mich gehört der Song verbindlich zu diesem Tag, ein kleines Meisterwerk in Text, Musik und Bild.

Ansonsten, und ab hier ist es nun Brauchtumspflege:

Wir folgen wiederum der in diesem Blog hinlänglich etablierten Tradition: Kein Silvester ohne diese Bilder. Es handelt sich beim Folgenden daher noch einmal um die verdämmernde Erinnerung an eine norddeutsch-ausgelassene Silvesterparty in einem kleinen Ort bei Hamburg. Der Abend ist mittlerweile bereits über zwei Jahrzehnte her und also längst nicht mehr wahr.

Deutlich erkennt man jedenfalls die sogenannte Hanseaten-Ekstase in meinem Blick.

Denn man muss gelegentlich daran erinnern: Wir hier oben im Norden, wir sind gar nicht so. Wir können auch anders.

Maximilian Buddenbohm an Silvester, mit Partyhut

Der gleiche Abend, nur einen Meter weiter: Die Herzdame. Liebreizend wie stets und dabei auf nordostwestfälische Weise in strahlender Herzlichkeit bestens gestimmt und dem Leben mit all seinen Abenteuern jederzeit offen und positiv zugewandt:

Die Herzdame an Silvester, mit Partyhut

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Mir bleibt noch, mich noch einmal für die Trinkgelder der letzten Wochen, die sicher wieder teils weihnachtlich oder jahresbilanzierend gemeint waren, herzlich zu bedanken. Es waren zwei Summen für die Söhne dabei, diese wurden ausgezahlt, die beiden Empfänger winken dankend und gechillt wie immer.

Es war mir ein Fest, jeder einzelne Euro, allerbestes Publikum.

Passen Sie auf sich auf, kommen Sie gut rüber und bewahren Sie bitte unbedingt Haltung.

Wir sehen uns drüben, wenn Sie mögen.

Kreideschrift auf dem Pflaster: NeuJA

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