Lichtblicke und Abwechslung

Der Umgang mit der rechten Bedrohung ist auf Dauer auch nervtötend, versteht sich, man braucht hier und da einmal ein anderes Thema, einen Lichtblick vielleicht auch, wenn es sich denn überhaupt noch einrichten lässt, eine kleine Abwechslung. Die Herzdame und ich sortieren am Sonntag mehr oder weniger entspannt Papierkram, weil uns nichts Besseres einfällt und weil es auch sein muss, und wir stellen nebenbei noch einmal unsere regulären Renteneintrittsjahre fest: 33 bei mir, 45 bei ihr.

Nun ja. Man entkommt dem Thema Rechts manchmal, aber man schafft es doch nicht weit.

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Bei der fortgesetzten Kaschnitz-Lektüre habe ich einen dieser fantastischen Momente, in denen ein Stück früher Erinnerung plötzlich, ein Bild aus dem Nichts, freigelegt wird. Es ist nach wie vor das Beste am Altern, ich genieße das sehr. Im Text kommt eine Bücherei vor und ich sehe – und wie unfassbar deutlich! – das Kinderregal der Stadtteilbibliothek meiner Grundschulzeit. Für Sekunden nur, dann ist es schon wieder weg, aber wie präsent das in diesem Moment war. Es hat manchmal etwas von Trip, wenn es einen so zurückwirft, denn es ist eine umfassende Erinnerung, oder kann es zumindest sein, komplett mit Geruch, Haptik und geradezu körperlichem Stimmungsempfinden, in diesem Fall mit der Freude auf noch mehr Bücher. Es gab damals kaum eine andere Form der Unterhaltung, wir hatten ja nichts.

Solche Momente können selbstverständlich auch furchtbar sein, wie ich etwa von den belastenden oder verstörenden Kriegserinnerungen meiner Eltern weiß (Geburtsjahre 33 und 38, da haben wir es schon wieder), aber ich hatte bisher Glück und mindestens akzeptable oder sogar gute Backflashs.

Eine Art internes Entertainmentprogramm, und man braucht gar nichts dafür, überhaupt kein Equipment, nur ein paar zurückliegende Jahrzehnte, die von selbst anfallen. Stark.

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Am Nachmittag der Einkauf noch in der gewohnten Winterbekleidung. Es ist allerdings nennenswert zu warm dafür, wie mir zu spät auffällt, es ist Pulloverwetter, ich hätte mir vorm Discounter alles vom Leib reißen mögen. Aber Contenance, versteht sich.

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Abends noch weiter in der Kaschnitz, sie schreibt über Wählerstimmen für die radikalen Rechten. Es ist ein Text aus den Sechzigern des letzten Jahrhunderts, vermutlich aus meinem Geburtsjahr.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Achten Sie auf herabfallende Gegenstände

Sieben Grad, Regen und aufbrausender Wind, das Wetter hält sich an den Plan und kippt erwartungsgemäß über Nacht aus dem winterlichen Szenario. In der Regenrinne vor den Dachfenstern kein Eis mehr, sondern Wellengang. Achten Sie auf herabfallende Gegenstände, heißt es in der frischen Sturmwarnung am Morgen, und ich sitze am Schreibtisch und verhalte mich anweisungsgemäß. Ich behalte das ganze Zeug hier um mich herum permanent im Auge.

Gestern am Abend noch weiter und gerne in der Kaschnitz gelesen. Ich finde da auch schöne Begriffe, die längst aus unserem Sprachraum verschwunden sind. So bezeichnet sie etwa Menschen, die während des Krieges in Frankfurt arbeiten, aber viel weiter draußen wohnen, als Fernschläfer, wie schön ist das denn. Pendler (männliche Form hier korrekt und historisch angebracht) ist im Prinzip auch nett und bildhaft, aber Fernschläfer – wunderbar. „Wohnen Sie hier in der Nähe? „Nein, ich bin Fernschläferin.“

Wäre ich etwas Anständiges, also z.B. irgendetwas mit Germanistik geworden, ich würde den sprachlichen Wandel in den Sechzigern/Siebzigern des letzten Jahrhunderts vermutlich überaus interessant finden, da die arrivierten Autorinnen in jener Zeit noch eindeutig und von Herzen einem Sprachgebrauch, Vokabular und Satzbau aus alter Zeit verbunden waren, die Moderne aber doch eindeutig vorkam, dafür also Wege gefunden werden mussten. Bei der Kaschnitz etwa auch eine Passage, aus der das Wort „Supermarkt“ merkwürdig herausragt, es gehört nicht recht in dieses Umfeld. Noch nicht.

Und, sehen Sie, jetzt brauche ich eigentlich wieder eine Woche Sonderurlaub, um diverse Themen in Ruhe nachlesen zu können. Schlimm.

Aber wie gesagt, Fernschläferinnen und Fernschläfer. Das vielleicht doch hier und da einmal anwenden. Diskussionen über die Fernschläferinnenpauschale führen. Toll, nicht wahr.

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Im Allgemeinbildungsspurt 24 gab es einen Vortrag über die Gründung des modernen Griechenlands – Die erträumte Nation. 22 Minuten, ich wäre bei dem Thema nicht durchgehend sattelfest gewesen, denn als die Griechen unter den Türken die Römer waren – Geschichte wird schnell kompliziert. Jetzt etwas gebessert.

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The ingredients in the Laugenstange

Ich lese, wie unlängst eingeplant, die Prosa der Kaschnitz, etwa die hervorragende Geschichte „Das dicke Kind“ oder ihre höchst seltsamen und empfehlenswerten Aufzeichnungen „Tage, Tage, Jahre“, in denen alle Texte eine typische Blogartikellänge haben. Eine gemächlich mäandernde Angelegenheit aus Rückblicken, Kriegserinnerungen, Assoziationen und etwas entrückten Gedankengespinsten ist das, gut geeignet für einen Sonntag mit nur mittelinteressantem Wetter und eher geringer To-Do-Dichte. Das Buch wird immer besser, je weiter man kommt, und nach einem Drittel bin ich geradezu begeistert. So ein schöner Fund,und ich glaube sogar, ich möchte es besitzen, nicht nur als Büchereiexemplar lesen. Bei mir quasi höchste Auszeichnung.

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Am Sonnabend beim Edeka sprachen um mich herum alle Englisch, heute beim Bäcker sprechen auch alle Englisch and they discuss the ingredients in the Laugenstange. Es geht verwirrend schnell, dass die Sprache um mich herum durchgetauscht wird. Ich dachte bisher, das sei nur in Berlin so umfassend, aber jetzt wird hier mit Dringlichkeit aufgeholt. Well.

„Anything else?“

„Yes, einen Cappuccino“, und da höre ich also drei Sprachen in einem Satz, wie weltoffen ist das denn. Na, wenigstens verstehen sich alle, zumindest ungefähr. Ich erlebe hier die meisten Menschen als recht bemüht, wenn es um derartige Dialoge geht, betont entgegenkommend und manchmal für Hamburger Verhältnisse geradezu gut gelaunt, wenn eine etwas schwierige Verständigung am Ende doch noch klappt.

Über die Jahre, die ich hier wohne, allerdings eine stark abnehmende Frequenz von Situationen, in denen ich von Menschen aus aller Welt radebrechend nach dem Weg gefragt werde. Von dauernd (vor zwanzig Jahren) bis zu etwa nur noch einmal im Jahr (heute), weil nun alle für die Navigation durch die Stadt auf ihr Handy sehen. Das vielleicht auch nennenswert verlässlicher ist als die windigen Einheimischen, mag sein.

Neulich eine Frau vor der Kirche, weit im Rentenalter, die auf ihrem xfach gefalteten Stadtplan mit Kugelschreiber emsig Markierungen machte und auch bereits Erläuterungen dazugeschrieben hatte, das sichtbare Stück der Karte war schon ausführlich annotiert, ein Netz von filigranen Anmerkungen über dem Netz der Straßen. So etwas stirbt aus.

Als ich damals nach Hamburg kam, da hing in meinem Zimmer auch ein Stadtplan an der Wand, und ich nahm als selbstverständlich an, das weiß ich noch, dass ich das ganze Wirrwarr der Viertel und Wege einmal, bald wohl, gut kennenlernen würde. Das ist nicht einmal annähernd eingetreten.

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Jochen schreibt über das Tänzchen von Distanz und Nähe. Wo wir schon dabei sind, Frau Novemberregen schreibt über Heiratsanträge.

Und hier noch ein Text über Selbstbedienungskassen und die dazugehörenden Kontrollprozesse, man beachte die Stelle mit den Croissants, da wird es interessant und auch schon wieder abgründig.

Im Bildungsfunk gab es schließlich eine Folge für den Freundeskreis Insel, Nordsee und Marschland, es ging um den Forschungsstand zu Rungholt: „Auf den Spuren histoorischer Schätzte im Watt.“ 27 Minuten, eine bündige Zusammenfassung ist das, ich fand sie gut und erhellend.

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Vergleichsweise vergnüglich

Die Timelines bestehen nahezu ausschließlich aus Demobildern, auch aus kleinen Städten, auch aus ganz kleinen Städten, auch von einer Insel (Grüße nach Sylt), und auch aus den ostdeutschen Bundesländern. Es ist ein vergleichsweise vergnügliches Scrollen durch diese Fotos, es wird überall von großen Zahlen berichtet. Manchmal sind sie absolut groß, manchmal in Relation zur Größe der Stadt, und es ist beides gleich erfreulich.

Nils Minkmar schreibt auch über die Demos.

Ich beschließe ansonsten, einen Tag Pause zu haben und mache so gut wie nichts, abgesehen von Mittagsschlaf und Pellkartoffeln mit Kräuterquark. Ein schneidend kalter Wind treibt mich zwischendurch zum Einkauf und zurück, später auch noch kurz zur Bücherei, mehr findet nicht statt. Im Gegenwind fühlt es sich an wie bei minus zehn Grad, aber der Schnee schwindet währenddessen schon. Auf den Dächern liegt bereits keiner mehr, und die weiße Fläche auf dem Spielplatz wird mit jedem Kinderschritt etwas dunkler durchsetzt, gestapfte Spurmuster in wirren Linien. Am Bahnhof sehe ich noch Schnee zwischen den Schienen, in der Ferne ausdünnend. Das Eis in der Regenrinne vor den Dachfenstern taut und die nächste Woche wird seltsam warm werden.

Aus dem Hauptbahnhof in Richtung Berliner Tor herausführende Schienen, Schnee dazwischen

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Weil ich das Buch in der Schule nicht als Pflichtlektüre hatte, wie ansonsten wohl das halbe Land, lese ich „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch wie ein normales Buch, vollkommen unbelastet von quälenden Deutschunterrichterinnerungen. Ich habe das Buch gerade bei mir im Regal gefunden, ich habe gar nicht gewusst, dass ich es besitze. Vermutlich irgendwann aus dem öffentlichen Bücherschrank mitgenommen. Es gehörte einmal, so sehe ich, einer Laura aus einer 10b, sie hat es vorne mit Kuli reingeschrieben, in kulleriger Handschrift.

In den Zeiten, in denen wir leben, ist es schon wieder interessant, wie der Herr Andersch seine verfolgten oder gefährdeten Hauptfiguren mit denen umgehen lässt, die er nur „die Anderen“ nennt. Eine Bezeichnung übrigens, die durchaus etwas hat, es sind auch die Anderen, gegen die wir demonstrieren.

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Ansonsten drei Podcasts im Bildungsprogramm gehört. Zum einen anderthalb gründliche Stunden über den Untergang der Batavia im Jahr 1629, diese Geschichte war mir vollkommen unbekannt. Achtung, die Episode enthält drastische Gewaltszenen und ist eher schwer verdaulich. Meine Güte, Menschen.

Dann eine Reportage (25 Min) über die europäische Kulturhauptstadt Tartu in Estland, und es verhält sich so wie mit der Batavia – mir gleichfalls vollkommen unbekannt, nicht einmal den Namen der Stadt habe ich jemals vorher gehört, fürchte ich. Aber was die da mit dem Küssen vorhaben, das finde ich gut. Reportagen sind auch so ein hervorragend hörbares Format, wie ausgesprochen nett, dass andere Menschen für einen irgendwo herumreisen und davon dann kundig erzählen. Finde ich gut.

Schließlich noch eine Doku, 49 Minuten, über Tafeln, Foodbanks und Suppenküchen, eine Bestandsaufnahme der Almosenwirtschaft, auch mit ausführlicher Kritik am System. Für mich besonders interessant, da ich eine Suppenküche vor der Haustür habe und die Entwicklung sehe, jede Woche wieder. Ich habe den regen Betrieb dort und die Zunahme an Kundschaft in den letzten Jahren live mitbekommen.

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Bis zum nächsten Mal

Noch einmal nasstriefender Neuschnee auf den Fenstern am Morgen, aber es wird jetzt doch etwas langweilig. Der Winter kann meinetwegen weg, der wirkt mittlerweile uninspiriert, womit er allerdings zu mir passt, zugegeben.

Home-Office im Dämmerzustand jedenfalls, selbstverständlich nur auf die Tageslichtmenge im Raum bezogen. Zwischendurch ein Telefonat mit einem Menschen auf Helgoland. Ich war noch nie im Winter auf Helgoland, ich habe massive Neidprobleme. Außerdem arbeite ich den ganzen restlichen Vormittag an einigermaßen wirren Problemen und stelle mir vor, ich würde vom Helgoländer Oberland aus klarer sehen. So über die Nordsee weg und auf den Grund der Dinge. Dann mit Kolleginnen telefonieren und leichthin sagen: „Also von hier aus ist es einfach.“ Vielleicht doch mal Workation dort anpeilen.

Am Nachmittag die Demo. In den sozialen Medien sehe ich vorab mehrfach die Aufrufe, sich bloß lange Unterwäsche anzuziehen, die so fürsorglichen Timelines. Die Demo beginnt um 15.30, es ist schon ab 15:00 und schon ab kurz vor unserer Haustür voll auf dem Weg zum Jungfernstieg, die Leute strömen herbei. Eine stark überfüllte U-Bahn voller Menschen mit Pappschildern und Fahnen. Der Rückstau unten in der Station Jungfernstieg dann schon so, dass es für klaustrophobe Menschen sicher zur Umkehr gereicht hat. Oben dann die erstaunlichen Massen, die Sie mittlerweile vermutlich irgendwo auf Bildern gesehen haben.

In welcher Gesamtzahl auch immer die Menschen da erscheinen, es sind verdammt viele, wir sind alle da. Wir sind gefühlt vollzählig angetreten, von den längst ergrauten Demo-Veteraninnen bis zu den frisch aufgebrachten Schülerinnen.

Wir stehen vor dem Alsterhaus, und mehr können wir auch gar nicht machen. Man kommt nicht vor oder zurück, man kann keinen Schritt mehr gehen. Man versteht auch nichts, falls überhaupt irgendwo geredet wird, es wird uns gar nicht klar. Wir bekommen nichts mit, wir stehen da einfach nur gegen Rechts und es wird immer noch voller und voller. Nach einer Stunde wird es dann doch langsam arg kalt von unten und ich lobpreise mein früheres Ich, das in kompetenter Voraussicht zuhause in der Küche die Zutaten für die rettende Suppe schon bereitgelegt hat, das sinnigste Mise en place seit längerer Zeit.

„Einhörner gegen Rassismus“ steht auf einem Plakat nicht weit von uns, es ist eine betont inklusive Veranstaltung. Grüße auch an die geschätzten Strickerinnen gegen Rechts. Viele Gruppen sind qua Pappschild gegen Nazis, gegen Rassismus, gegen jene Partei, auch WeBü. Was aber ist WeBü? Weltbürger? Ich frage nach, es ist Wellingsbüttel. So kommt man auch einmal in Kontakt mit Menschen aus Vierteln, die man nur dem Hörensagen nach kennt.

Ich mache keine Fotos, ich bin zu klein, ich kann das Handy nicht über die Massen halten. Größere neben mir machen das aber und zeigen dann die Bilder herum – es sind immer noch mehr Menschen, als wir ohnehin schon denken, deutlich mehr.

Auf dem Rückweg merken wir es dann noch einmal, denn wir gehen über den Neuen Jungfernstieg und ganz um die Binnenalster herum zurück ins Bahnhofsviertel, und es ist dabei durchgehend und überall weiterhin voll, den ganzen Weg entlang. Menschen halten einfach weiter ihre Schilder hoch, die Demo ergießt sich bei der Auflösung in die Viertel.

Ich denke, es hat uns alles sehr gutgetan, und vielleicht ja auch der Sache. Aber die Verabschiedung „Bis zum nächsten Mal“ höre ich auch nicht nur einmal und sehe dann später am Computer, dass die Grundgesetz-Ultras aus anderen Städten den Nachmittag in Hamburg mit sportlichem Interesse zur Kenntnis nehmen, wir winken in Richtung München.

Im Bild noch eben das, was ich aus der Hüfte und mit sehr kalten Fingern auf dem Heimweg geschossen habe. Die immer noch auf dem Jungfernstieg stehende Menschenmenge muss man sich einfach dazudenken. Es war ein schöner Demoabend, wie man sieht, auch recht ansprechend beleuchtet.

Abendblick von der Kennedy-Brücke in Richtung Jungfernstieg

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Das Jahr kommt voran

Mir fehlt Schlaf, also friere ich, das gehört so zusammen. Ich klappere durch den Tag, ich zittere ins Büro und zurück und bin auf dem Heimweg in der S-Bahn schwer in Versuchung, kurz einzuschlafen, was aber strategisch unklug erscheint, wenn man nur eine Station zu fahren hat. Sich wachhalten und durchhalten, versteht sich, aber unterm Strich ist Schlafmangel doch kategorisch abzulehnen, wie man mit jedem Lebensjahr deutlicher merkt. Vermüdung und Zerschöpfung, aber das gibt sich wieder.

Der Wetterbericht verheißt uns für die nächste Woche zweistellige Temperaturen, woanders blühen die Mimosen, das Jahr kommt voran. Schade allerdings, dass es schon so viele braune Stellen hat, wir haben es doch gerade erst angebrochen.

Nachher in Hamburg dann die Demo am Jungfernstieg, man sieht sich am Nachmittag (etwa 15:30), nicht wahr, und kann dann nach erfüllter Bürgerinnenpflicht als Grundgesetz-Ultra, wie es der Herr Krumbiegel einmal so treffend genannt hat, ins Wochenende fallen.

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In meiner kleinen Podcastbelehrungsreihe hörte ich „Intuition – Gefühltes Wissen aus dem Unterbewusstsein.“ Da geht es um Gigerenzer und Kahnemann, das kannte ich im Prinzip alles schon, da ich die Herren vor Jahren gelesen habe, wie sie alle damals gelesen haben, aber eine Wiederholung schadet auch nicht, eh klar. Und der Herr Gigerenzer hat eine überaus angenehme Stimme, das wiederum wusste ich nicht. Der könnte mir gerne noch mehr erklären, in dieser Tonlage.

Außerdem hörte ich beim morgendlichen Aufräumen der Küche diese Folge über Arbeitszeitmodelle, Von der Stechuhr zum Coworking-Space. Beim Hören habe ich immerhin ein schönes Erfolgserlebnis, denn im Podcast kommt das Stinnes-Legien-Abkommen vor, und das ist ein Stück Allgemeinbildung, das ich zufällig parat habe. Ha! Ein Fall von quiztauglichem Wissen, mit dem man bei einer Frage in der Endrunde richtig zuschlagen könnte.

Ich bin nicht in Versuchung, jemals an einem Quiz teilzunehmen, aber ich habe doch diese Gewissheit, und das ist nicht nichts.

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Im Tagesbild wieder ein Fleet in Hammerbrook. Wie man sieht, gab es einen Moment Sonne.

Blick über ein Fleet in Hammerbrook, Bürohäuser an den Ufern

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Der Stand der Weisheit

„Wir machen alles Stück für Stück“, sage ich am Morgen zur Herzdame, weil es schon wieder hundert Dinge zu regeln gibt, und ich spreche das Wort Stück dabei aus wie Helmut Schmidt, um trotz der wachsenden Ratlosigkeit ob der Fülle der Aufgaben etwas staatsmännischer und getragener rüberzukommen „es sind eben nur sehr viele Stücke.“

Das ist hier so der Stand der Weisheit, mehr ist da im Moment auch nicht erreichbar. Und im Gegensatz zu meinem sprachlichen Vorbild bin ich nicht in der Lage, kurzerhand Hubschrauber der Bundeswehr zur Unterstützung in der Krise anzufordern. Sie wären mir im Moment allerdings auch nicht einmal besonders nützlich, fürchte ich, und merke zudem gerade, Angehörige meiner Generation könnten nach diesem Absatz dummerweise einen schweren Foyer-Des-Arts-Ohrwurm davontragen. Es tut mir ausgesprochen leid.

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Abends Teamevent im Brotberuf, ein Kochkurs in einem Restaurant. Ich werde bei dieser Gelegenheit wieder in meiner Wahrnehmung gestärkt, dass thermomixbesitzende Menschen noch mehr Sendungsbewusstsein als vegan lebende Menschen haben. So ein Gerät macht etwas mit den Leuten. Und mit den Lebensmitteln, wie diese jetzt prompt und unweigerlich hinzufügen würden.

Das Teamevent ist nett, bezogen auf die Tageszeit bzw. Abendzeit aber weit außerhalb meiner Komfortzone. Auf dem Rückweg lese ich zufällig das Wort Refugialraum, es kann das eigene Bett recht vornehm umschreiben.

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Gehört: Diese Podcastfolge über Marie Luise Kaschnitz. Ihre Werke also auch mal aus der Bücherei holen, da mal hineinsehen. Ich glaube, ich kenne so gut wie nichts von ihr, abgesehen von den bekanntesten Gedichten, alle Prosa der Kaschnitz ist mir dagegen unbekannt. Es sind Originaltöne enthalten, und ich fand den Tonfall dieser paar Sätze interessant. Diese Ernsthaftigkeit, dieser durchdachte Satzbau, diese Reflexion, die sich auch in der sprachlichen Sorgfalt ausdrückt. Hannah Arendt sprach ähnlich, wie auch weitere Intellektuelle in jener Zeit, es wird ein ausgestorbener Tonfall sein, der noch an die früheren Tonaufnahmen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts erinnert. Niemand spricht noch so.

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Nur segelnd ist die Möwe schön

Dienstags-Home-Office in der schier endlosen Dunkelheit der verschneiten Dachfenster. Schneegepolsterte Verkehrsgeräusche von der Straße, allgemeine Januarstimmung und die immer noch schwächelnde Heizung; ich fühle mich auch seelisch etwas unterkühlt. Wie genervt von allem kann man sein und was kommt danach. Aber gut, das fragen sich nicht eben wenig Menschen zurzeit und die Antwort kennen wir auch, denn danach kommt der Februar, noch so ein Problemmonat.

Auf dem Balkon versucht am Vormittag eine riesige Möwe an die Meisenbälle zu kommen, unter völligem Verlust von Eleganz und Würde und in wilder Gier enthemmt in Kauf nehmend, auf das Niveau geradezu taubenartiger Tölpelhaftigkeit herabzusinken. Nur segelnd ist die Möwe schön, was auch wieder ein prima Titel für eine Kurzgeschichte wäre, in welcher der Autor herausarbeitet, wie kulturmindernd es sich auswirkt, Affekten und kleinkindhaften Gelüsten unkontrolliert nachzugeben. Die Bezüge zur Gegenwart füllen dabei wie von selbst den Platz zwischen den Zeilen.

Davon abgesehen zieht es sich hier aber auch terminlich zu, die Schreibzeit wird arg knapp und es gibt Grund zur Annahme, dass es morgen keinen Text geben wird. Ich werde wohl erst wieder aufholen müssen.

Aber dem Zeitdruck immer auch entschlossen entgegenwirken, deswegen treffe ich am Nachmittag eine hochgeschätzte Freundin und wir besprechen in einem Coffeeshop ausführlich die Weltlage, was diese, also die Lage, auch nicht besser macht, uns aber zu Topcheckerinnen. Immer die Vorteile sehen, überall.

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Noch ein Terminhinweis: Am Freitag um 15:30 auf dem Hamburger Rathausmarkt, eine vermutlich größer ausfallende Demo gegen die Nazis und ihre Machenschaften. Man sieht sich, ne, und dann kommt man ja auch mal raus. Wichtig.

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Gehört: Diesen Podcast über Lenins Tod und diesen über Proudhon. Geschichtsthemen gehen immer, Literatur auch, aktuelle Politik halte ich dagegen nur noch begrenzt aus, schon beim zweiten Beitrag über Trump werde ich seltsam lustlos.

Aus naheliegendem Interesse hörte ich dann noch den Podcast „Mit Sicherheit – Interessenskonflikte am Bahnhof.“ Die meisten der dort genannten Aspekte kamen in verschiedenen Erzählsituationen hier im Blog in den letzten Jahren mehrfach vor.

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Die Kaltmamsell zitiert Torberg. Ausführlich.

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Im Leerlauf vor dem To-Do

Vorweg ein paar Bloglinks:

Frische Waldbilder für diejenigen, welche lieber auf dem Sofa bleiben oder in der Mitte einer Millionenstadt leben. Ein herausragender Service.

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Eine sehr gegenwärtige und besonders interessante Rezension zu Moby Dick.

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Nils Minkmar erklärt wieder die Lage in Frankreich. Einer der Top-Newsletter, aber das werden Sie ja auch schon bemerkt haben.

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Frau Kaltmamsell schreibt an ihren Bundestagsabgeordneten.

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Ich höre übrigens seit einer Weile auch jeden Morgen die Presseschau, fällt mir gerade ein, aber davon muss ich eigentlich abraten. Das macht einen eher unglücklich, denn die Qualität mancher Kommentare in den großen deutschen Medien ist doch … befremdlich. Wenn man sie so en bloc hört, fällt es doch massiv auf.

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Wie hier bereits angerissen, ich bin immer noch beim Thema Zeiteinteilung. Ab und zu überfällt einen das, Sie kennen es vielleicht, dieses penetrante Fragen, ob man seine Zeit eigentlich sinnig, passend, zielführend, befriedigend usw. nutzt. Was da wie bedeutend ist, was wie zu gewichten ist, ob man etwas ändern sollte, ob es überhaupt Regeln gibt, also persönliche, von grundsätzlichen Vorgaben ganz zu schweigen. Man kann auch nicht über alles nachdenken.

Und ich denke, es ist richtig, dass diese Fragen ab und zu über einen kommen, es ist wohl gut und sinnvoll, sich in so etwas zu vertiefen. Die Zeiten ändern sich, man selbst ändert sich. Ja, es ist gut, aber es ist auch verwirrend. Ähnlich wie beim Treppensteigen, über das man lieber nicht nachdenken darf, während man es gerade macht, weil man sich sonst schnell etwas bricht, stehe ich jetzt ab und zu wie eine Figur in einem Game in seltsamem Leerlauf vor einem Hindernis, also vor irgendeinem To-Do, und überlege erst einmal. Manchmal auch länger.

„Ein guter Rapper überlegt erst mal“, das gibt es auch als T-Shirt von Katzundgoldt, fällt mir gerade ein und nein, das ist keine bezahlte Werbung.

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Auf den Dachfenstern findet währenddessen das nasse Unterhaltungsprogramm statt, es regnet, es schüttet, es nieselt, es graupelt, es schneit, es hagelt, es gießt und friert gleich wieder über, es wird heute wirklich etwas geboten. Das auch mal anerkennen.

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Im Tagesbild good old Hammerbrook. Rechts ein Verwaltungsgebäude der Bahn, davor neumodische Hausboote, sogar bewohnt. In der Verlängerung des Fleets durch den Bildhintergrund die Hafencity, man erkennt die Kräne, welche sie erweitern, immer noch erweitern.

Blick über ein Fleet in Hammerbrook

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That’s the spirit

Im phänologisch-urbanen Kalender wird vorgerückt, in einem der Karstadt-Schaufenster sehe ich beim Sonntagsspaziergang einen Hinweis auf den „großen Karnevalsmarkt“, dazu Kinderschaufensterpuppen in Kostümen. Eines dieser Kostüme hat ein Sohn sogar einmal getragen, damals. Da habe ich meinen Nostalgiemoment des Tages auch gleich im Vorbeigehen abgedient.

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Am Nachmittag fahre ich mit der U-Bahn in den Garten, um die reichlich angesammelten Küchenabfälle auf den Kompost zu werfen. Es regnet, der Weg ist unerfreulich, dunkelgrau. Auf der Bille sehe ich in der Mitte noch einen schmalen Streifen Eis. Er bewegt sich langsam, man bemerkt es nur, wenn man etwas stehenbleibt. Für eine kleine Pause fließt der Winter heute ab, aber es kommt fraglos noch etwas nach, vielleicht morgen schon.

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Gestern habe ich gelernt, dass das Wort Streik eine Ableitung aus dem Englischen ist und, was aber wohl nicht ganz sicher ist, vermutlich von „to strike the sails“ kommt, die Segel streichen. Ich habe das in einem auch sonst interessanten Podcast über die Geschichte der Streiks gehört. In der Wikipedia steht es ebenfalls, hier im Abschnitt unter Etymologie. Lokführer, die die Segel streichen, ich habe da jetzt ein neues Bild im Kopf. Auch schön!

Diese Podcastreihe, Radiowissen, macht mir gerade Spaß, ich höre mich da quer durch die Serie. Jeweils um 25 Minuten reines Bildungsprogramm ohne Smalltalk und ohne zehn Minuten Begrüßungsbohei, ohne Werbung auch. Nur Fakten und Belehrung, das habe ich jetzt eine Weile gesucht. Und mir gleich so dermaßen viele Folgen abgespeichert, es wird eine Weile reichen und ist mir beim Kochen, Bügeln etc. wirklich willkommen.

Und ich bin nach wie vor verflucht, denn wenn ich einen Radiosender anmache, irgendeinen, laufen dort immer entweder Sport, das Kinderprogramm oder das Wort zum Sonntag. Mit schon gruseliger Sicherheit ist das so, so wie auch auf der Autobahn im Radio immer Phil Collins läuft, unweigerlich. Nichts gegen Phil Collins, aber es reicht auch irgendwann.

Deswegen muss ich alles Interessante ausschließlich in den Podcastversionen hören. Na, macht ja auch nichts, es gibt schlimmere Schicksale.

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Ich war am Wochenende im Theater, beim kabarettistischen Jahresrückblick auf 2023, den Sie jetzt allerdings nicht mehr live sehen können, die Spielzeit ist durch. Wir gehen da jedes Jahr hin und sehen diesen Herren zu. Es ist ein überaus empfehlenswertes Vorhaben, notieren Sie das ruhig für den nächsten Dezember oder Januar, wenn Sie da wohnen, wo sie auftreten.

Beachtlich fand ich aber auch, dass in dieser rascheligen halben Stunde vor dem Beginn der Vorstellung, in der noch alles auf- und abgeht, sich durch die Reihen zwängt und drängt und Plätze sucht, sich die Jacken und Mäntel auszieht, in der sich alle Welt begrüßt und umarmt und nach Kräften smalltalkt, in der es also eher unruhig und trubelig ist, dass da zwei vor mir saßen, die in diesem Wirbel konzentriert lasen. In diesem nur dämmerigen Licht da. Die eine las ein Buch, der andere eine gedruckte Zeitung, breit auseinandergefaltet.

Konzentrationsvorbilder im Alltag mit kulturellem Doppelschlag. Ins Theater gehen und dort lesen. That‘s the spirit, möchte ich meinen.

Und hier noch einmal die Binnenalster, vom Jungfernstieg aus.

Ein Schifff der weißen Flotte am Anleger am Jungfernstieg

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