Ein hübscher Satz nur

Für das Goethe-Institut habe ich über Streckensperrungen geschrieben. Warum auch nicht.

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Sohn I erlernt in der Schule gerade das Schreiben von Rezensionen und hat dabei festgestellt, dass er ja beim Bloggen schon eine ganze Menge darüber gelernt hat.

 

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Ich habe “Was uns stark macht” gelesen, das ist ein Interview-Band der Journalistin Annick Cojean (Le Monde), aus dem Französischen übersetzt von Kirsten Gleinig. Interviews mit 21 Frauen, etwa mit Amélie Nothomb, Patti Smith, Juliette Gréc0, Claudia Cardinale, Joan Baez, Vanessa Redgrave, Cecilia Bartoli. Nicht alle waren mir bekannt, aber doch viele. Es geht immer um die Frage und den Einstieg: “ Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …”

Fast alle Frauen beantworten das mit Geschichten, eine einzige verweigert sich in intellektueller Überlegenheit der Antwort, Vanessa Redgrave macht das, die – natürlich völlig und irgendwie langweilig korrekt – darauf hinweist, dass man das so doch gar nicht beantworten könne,  weil das Leben so nun einmal nicht sei. Aber diese Korrektheit ist etwas bedauerlich, weil die von den anderen erzählten Geschichten viel interessanter sind, die wunderbar konstruierten und oft erzählten, romanhaft ausgestalteten Selbstbilder mit den klar erkennbaren Dreh- und Angelpunkten, ich habe das ausgesprochen gerne gelesen. Eine einzige Frau, Cecilia Bartoli, geht sogar auf einen Tag, auf einen Moment herunter, auf eine Minute und das Wetter darin – wenn da die Sonne geschienen hätte, sagt sie, dann … und auch das ist eine sehr gute Geschichte. Was nicht davon ablenken sollte, dass auch niederschmetternde  Geschichten in dem Buch stehen, etwa zu sexueller Gewalt, Unterdrückung und Erfahrungen mit uralten Rollenbildern, und nicht gerade wenig davon. Aber es sind Interviews mit sehr erfolgreichen Frauen, die Entwicklungen hin zu einer Karriere oder einem Lebensziel stehen im Vordergrund.

Natürlich ist es nebenbei auch interessant, den Einstiegs-Satz selbst anzuwenden. Ich hatte da spontan eine Antwort parat, auf die ich noch gar nicht gekommen war, manchmal bringt es eben die Formulierung der Frage, das können Sie selbst ja auch mal eben im Geiste durchspielen, dass sie also nicht die oder der wären, wenn …

Im Buch las ich außerdem einen Satz von erstklassiger und postkartentauglicher Kalenderspruchgüte. So etwas überlese ich normalerweise genervt, aber manchmal spricht mich dergleichen auch an, so wird es wohl jeder und jedem gehen, und dann trifft es eben gerade etwas. Delphine Horvilleur ist eine französische Rabbinerin, eine von nur dreien übrigens, und sie sagt da: “Ein chassidischer Satz besagt, man solle niemals jemanden nach dem Weg fragen, der ihn kennt, man würde sich sonst womöglich nicht verirren.”

Nun, das ist tatsächlich nur so ein hübscher Satz. Aber er ist mir gerade sehr dienlich. Und wenn ich lange genug drüber nachdenke, komme ich vielleicht sogar noch darauf, warum ich das so empfinde.

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Musik! Die oben genannte Cecilia Bartoli.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. Wobei auch gewisse Parteivorsitzende … ach, egal.

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Dortmund und dicke Berliner

Ein Terminhinweis in eigener und auch noch in guter Sache – ich lese mit Vanessa Giese in Dortmund am 6. Juli, alle Details hier bei ihr.

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Sven war bei Friday for future.

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Meine Heimatstadt Lübeck jetzt auch mit Klimanotstand.

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Plastik und Basstöpel auf Helgoland.

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Zäune und Mauern, diesmal mein Heimatbundesland, bzw. nebenan.

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Christa Pfafferott fährt Bus.

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Auch ein Ausweg aus dem Anthropozän. Das Beispiel Schweiz ist dabei egal, es sieht in anderen Ländern ähnlich aus.

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Ich habe am Morgen einen Vogel gesehen, den ich hier sonst nicht sehe, einen grauen Vogel mit schwarzem Kopf, eine Mönchsgrasmücke, wenn ich mich nicht irre. Ist das nicht ein schöner Name? Mönchsgrasmücke, wie toll ist das denn. Sie ist wohl auch gar nicht so selten, aber gesehen habe ich sie noch nie.

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In der Bäckerei bedient eine ältere Verkäuferin, ich habe mehrere Kinder dabei. Sie fragt die Kinder nach ihren Wünschen, blickt dann anschließend zu mir und fragt: “Na, und der Herr Papa? Noch einen dicken Berliner vielleicht?”

Mal davon abgesehen, dass ich nicht gerne als “Der Herr Papa” von fremden Leuten angeredet werde, sind die Berliner in der Auslage dieser Bäckerei gar nicht besonders dick, sondern ganz normal, so wie sie eben überall aussehen. Wenn so ein rundes Gebäckstück überhaupt dick sein kann, mir kommen da gerade Zweifel. Durchschnittsberliner eben. Ich sage jedenfalls: “Der Herr Papa ist schon selbst dick, nein danke.” Die Verkäuferin sieht mich kurz prüfend an – und widerspricht mir nicht. Es gibt wirklich keine Höflichkeit mehr auf der Welt.

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Musik! Und morgen wollen wir einen Termin nicht vergessen, nicht wahr.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Bekritzelt, erklärt und mit Anmerkungen versehen

Die Bücherei-Ausgabe der Erzählungen von Gabriele Wohmann, die ich gerade gelesen habe, ist von 1968, sie ist also fast so alt wie ich. Das Buch wurde vermutlich mehrfach neu gebunden und beschnitten, es ist jetzt alles etwas zu eng geraten. Wenn man das Buch aufklappt, dann sieht es aus, als müssen man die Zeilen immer über zwei Seiten hinweg lesen, denn den Spalt und den Weißraum in der Mitte gibt es nicht mehr, der fiel dem Buchbinder zum Opfer. “Wie geht denn dieses Buch”, fragen die Söhne, man kann es tatsächlich kaum aufklappen.

“Gesetzt in der Garamond Antiqua”, das steht noch hinten drin, und dass der Verlag Luchterhand heißt, das muss man dann schon wissen, entziffern kann man es kaum noch, da fiel der Schnitt etwas zu rabiat aus. Ein stark genutztes Büchereibuch ist das, vielfach malträtiert und durch tausend Hände und Haushalte gegangen. Mitten im Buch prangt ein roter Stempel: “Zentralbücherei Mönckebergstraße”. Da war die Bücherei bis 1971, das heute klein wirkende Gebäude mit dem Brunnen davor war das einmal, die Volkslesehalle. Da hat das Buch also noch gestanden und dann hat es zwei oder drei Büchereiumzüge mitgemacht, nie hat es jemand aussortiert, denn die Wohmann, die liest man doch.

Es sind Geschichten voller Bosheiten in dem Buch, wenn die Wohmann Menschen beschreibt, dann gerne mit vorzüglichen Beleidigungen, das habe ich gar nicht gewusst. Es sind aber auch sehr ernste Geschichten, sehr auf Wirkung berechnete und äußerst kunstvoll konstruierte dabei, alle Achtung, was ich da neulich gelesen habe, von der Großmeisterin der Erzählung, das verstehe ich jetzt schon besser.

Manche Stellen klingen vielleicht aus heutiger Sicht etwas arg so, als sei die nächste Deutscharbeit nicht weit, Interpretation Kurzprosa, 45 Minuten Zeit, bitte sehr, es schaudert einen schon beim Lesen. Was für ein Glück, aus dieser Lebensphase heraus zu sein. Dass man das erfolgreich hinter sich gelassen hat! Dass man jetzt beim Lesen in aller Seelenruhe irgendwas überlesen und komplett verpassen darf, eine Andeutung, einen Bezug, einen Wink mit dem Zaunpfahl, völlig egal. Ich habe gerade nicht aufgepasst, macht nichts, wie entspannend ist das bitte. Immer wieder stoße ich auf gewisse Stellen und denke, früher hättest du da mal zwei Seiten lang drüber nachdenken müssen, auch im Studium ja noch.

Alle paar Seiten kommen Absätze, Stellen, Zeilen und Begriffe, die sind markiert, unterstrichen, besternt, mit Frage- und Ausrufezeichen hervorgehoben, die sind bekritzelt, am Rande erklärt und mit Anmerkungen versehen. Mit Bleistift, Kuli und Textmarker, in kindlichen Handschriften und steilen Altherrenschriften. Mit butterweichen Buchstaben wurde sorgsam etwas notiert, in unlesbaren Hieroglyphen wurde etwas hingeschmiert. Unwillkürlich denkt man beim Lesen mit, wenn da jemand das Wort “Haus” unterstrichen hat, warum denn jetzt das? Ist das Haus metaphorisch, was ist an dem Wort da jetzt das Besondere, ist es ein Fehler, ein Hinweis, was hat sich der andere Mensch denn dabei bloß gedacht? Ist der schlauer als ich oder aber noch argloser und verpeilter? War das ein ratloser Oberschüler mit mangelhaften Leistungen im Fach Deutsch oder war es eine Deutschlehrerin auf der Suche nach einem abgründigen Abi-Thema? Wer ist da warum über das Wort gestolpert? War es am Ende ein unseriöser Spaßvogel, der sich dachte, pass auf, ich unterstreiche hier mal irgendein Wort und dann  denken künftig alle Leserinnen zwanghaft genau darüber nach, wie cool ist das denn? Man weiß es nicht.

Unter einer Geschichte, die damit endet, dass es um die Nachbarn ging, was also die Pointe ausmacht, ohne das jetzt erklären zu wollen, steht in Bleistift die zarte und noch sinnende Frage: “Waren es die Nachbarn?” Da möchte man “Ja”, drunter schreiben, “Ja, du hast es verstanden. Herzlichen Glückwunsch.” Aber nie würde jemand diese Antwort lesen. Wir lesen alle nur die Fragen und Vermutungen der anderen in Büchereibüchern, wir raten und ahnen ihre Gedanken und antworten im Geiste, es ist ein sehr stilvolles und zurückhaltendes Social Reading.

Ein wenig ist es wie im Öffentlichen Personennahverkehr – man sieht die anderen, man kommuniziert aber nicht, man macht sich nur Gedanken. Ich mag das.

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Musik! BAP mit einem Dylan-Cover. Sehr gelungen, finde ich, aber was weiß ich schon. Ich würde mit Bleistift “toll” dran schreiben.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Solopart

Wie schnell sich die Dinge ändern.

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Entrepreneurs for Future. Warum auch nicht.

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Im Vorübergehen gehört:

“Ich hänge mich da jetzt profimäßig rein und ziehe das durch, ich ziehe das gerade so dermaßen durch, da kommen einige aus der Abteilung schon gar nicht mehr mit.”

“Alter, was laberst du.”

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Die Unsympathen des Tages waren passend zum letzten Absatz heute wieder jene jungen Business-Kasper, die im Supermarkt in der Kassenschlange telefonieren, betont laut telefonieren, damit auch ja alle von ihren Heldentaten hören, und die, wenn sie endlich dran sind, auch dann ihr Handy nicht wegstecken, sondern in verrenkter Körperhaltung, das Handy an die Schulter geklemmt, immer weiter blöken und alle pflichtgemäßen Fragen der Kassiererin nach Kundenkarte und Bon etc. mit einer lediglich wegwedelnden Handbewegung und hochgradig genervten Blicken beantworten, weil ihre Werbe-Online-Consulting-Tralala-Projekte ja wichtiger sind – erheblich wichtiger! – als alle Grundformen der Höflichkeit gegenüber aus ihrer Sicht unbedeutenden Randfiguren in anderen Berufen. Es widert mich an.

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Die Herzdame ist für fünf Tage auf Reisen, die Söhne und ich absolvieren hier weiter den Alltag. Und wenn Sie schon lange mitlesen, es gibt da ja ein paar Spezialexpertinnen, die das Blog quasi von Anfang an kennen, wenn Sie das hier also schon jahrelang verfolgen, dann wundert Sie der gleich folgende Satz vielleicht gar nicht, mir fiel es auch gestern erst auf, dass es dabei vermutlich um eine Besonderheit geht, um etwas, dass in so altgedienten Beziehungen wie der unseren nicht gerade häufig vorkommt, nehme ich an, aber wissen Sie, es ist jedenfalls so: So lange waren wir noch nie getrennt. Romantik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Lila 79

Man wird ab einem gewissen Alter bekanntlich immer öfter von Erinnerungen angeweht, die jahrelang komplett verschüttet waren. Plötzlich auftauchende Bilder, die sind einfach da, manchmal ohne dass man auch nur ansatzweise einen Zusammenhang mit irgendwas erahnen könnte. Man geht beim Discounter an der Milch vorbei und weiß auf einmal wieder ganz genau, wie die Küche damals bei Oma aussah und welcher Topf da in welchem Schrank gestanden hat. Daran hat man immerhin über vierzig Jahre nicht gedacht, aber jetzt – zeichnen könnte man das, so irritierend genau ist das Bild und man fühlt auch wieder den Knopf der Schranktür in der Hand.

Aber auch ungenaue Bilder tauchen auf, vage Ahnungen von etwas. Die sind tendenziell unangenehmer, weil sie sich anfühlen, als sei an ihnen noch zu arbeiten, als sei da etwas zu ergründen und zu ergrübeln. Gestern überkam mich im Büro: Ich bin etwa dreizehn Jahre alt und ich lese ein Buch aus der Erwachsenenabteilung der Bücherei in Travemünde. Die es übrigens gar nicht mehr gibt, habe ich neulich gemerkt, das Gebäude ist verschwunden. Ich stand etwas betroffen vor dem Grundstück, denn es gehört sich ja nicht, die Erinnerungen anderer Leute einfach ungefragt abzureißen. Ich habe eine seltsam lebendige Erinnerung an die beiden Bibliothekarinnen dort, ganz genau sehe ich die vor mir, eine große und eine kleine Dame, manchmal habe ich die täglich gesehen, jahrelang. Bücherstapel raustragen, Bücherstapel reintragen. Auch die ganze Bücherei habe ich noch parat, die Anordnung der Sachgebiete und alles, ich könnte heute noch zeigen, wo bei den Romanen die Autorinnen mit S und wo die Drehständer mit Science-Fiction und Krimis stehen. Standen. Das Buch, das ich da in diesem Erinnerungsmoment lese, das ist jedenfalls nur so ein Versuch. Mit den Kinderbüchern bin ich irgendwie durch, jetzt doch mal was anderes, mal sehen, was die Großen eigentlich so lesen. Es sind Kurzgeschichten, sie sind von Gabriele Wohmann und auf dem Einband des Taschenbuchs ist irgendwas mit Lila. Ich lese eine Geschichte, die auch tatsächlich interessant ist, der Rest des Buches überfordert mich dann aber doch. Vermutlich geht es um Probleme in Ehen und Beziehungen, ich bin zu der Zeit allerdings noch mit Stofftieren und Fantasiegebilden liiert und kann nicht recht mitdenken.

Ich sitze also im Büro und sehe auf einmal vor mir und fühle auch, wie ich dieses Buch aufschlage, mehr nicht, es geht nicht weiter. Ein winziger Moment aus einem Sommer etwa 1979, ein Sekundenteil nur, kein Zusammenhang mit irgendwas fällt mir ein. Es ist auch weder schön noch schrecklich, es ist einfach nur. Ich gehe nach der Arbeit in die Hamburger Zentralbücherei und sehe mir den Regalmeter Wohmann an, die Dame war beeindruckend produktiv. Ich nehme einen Kurzgeschichtenband mit Lila auf dem Einband, “Ländliches Fest und andere Erzählungen”. Ich habe den Verdacht, wenn ich die ersten Zeilen der Geschichte von damals lese, dann fällt sie mir wieder ein, nein, das ist gar kein Verdacht, das ist nur eine wirre Hoffnung. Und natürlich kommt es auch nicht so, bei der ersten Geschichte klingelt rein gar nichts. Gut ist sie dennoch.

Ich überlege, was ich über Gabriele Wohmann weiß, das ist wenig bis nichts, ich googele ihr hinterher und guck an, Meisterin der deutschen Kurzgeschichte, eine ungeheure Anzahl davon hat sie geschrieben. Ich habe sie seit damals nie wieder gelesen, die war auch eher so Mütter-Literatur. Also zumindest in meiner Wahrnehmung, das muss nichts mit dem tatsächlichen Werk zu tun haben. Wirkt Wohmann nach, liest man die noch? Ich weiß es nicht.

Aber auch egal, ich kann mir ihre Bücher ja mal ansehen. Also zumindest die mit irgendwas in Lila auf dem Titelbild.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Kawummgewinn

Alle Welt teilt heute das bemerkenswerte Video eines jungen Youtubers, der sich aus politischen Gründen nachvollziehbar in Rage redet, ich mache das auch. Wenn man sich viel später einmal fragen wird, wie das denn damals genau war, als die “Fridays for Future”-Kampagne allmählich deutlich an Kawumm gewann – ich denke, das kann als Quelle dienen. Und wenn man sich heute fragt, ob dieser Stil und dieser Inhalt bei der jungen und sehr jungen Zielgruppe auch ankommt – aber hallo.

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Ich habe “Die Glut” von Sándor Márai durchgelesen, übersetzt von Christina Viragh. Der Herr war mir nicht geläufig und die k.u.k.-Zeit ist auch nicht gerade mein Lieblingsthema, aber wie bei fast allen Büchern, die sich mit dieser Epoche beschäftigen, spricht mich das geringere Tempo an, my special kind of wellness. Ironisch-nostalgisch oder wie man das dann korrekt benennt. Wenn im Roman eine Kutsche fährt, dann werde ich ruhiger, es wirkt eben. Zugegeben, ich könnte mir auch Bildbände ansehen, so wenig geistreich ist dieses Lesen. Macht nichts.

Man kann das Buch natürlich intellektuell nennenswert ambitionierter als ich lesen und es dann ebenfalls gut finden, habe ich jedenfalls im Internet gesehen. Und da ich dem Herrn Márai damit vielleicht eher gerecht werde, sehe ich demnächst auch noch schnell in seine Tagebücher.

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Im kulturellen Gegensatz dazu war ich mit den Söhnen neulich erst in einem Skater-Park und direkt danach in einem Fachgeschäft für Graffiti-Ausrüstung und Street-Style-Fashion für den Urban Jungle, wo ich mich dann konsequenterweise so fühlte, als sei ich der Urgroßvater der beiden. Selbstverständlich war ich aber hauptsächlich als Zahlmeister anwesend, und das bekommt man auch bei der größten inhaltlichen Fremdheit hin.

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Am Sonntag hat die Herzdame in der Laube Vorhänge montiert, hier die Bildbeweise:

 

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Ich habe mich derweil in eine frühsommerliche Pflanz- und Sä-Ekstase gearbeitet, alles, was nach den Eisheiligen raus oder in die Erde konnte, ist jetzt auch tatsächlich am Start und im Boden. Außerdem habe ich, da sämtliche Beete schon seltsam voll waren, reihenweise sinnlos und leer herumstehende Blumentöpfe und Kübel bepflanzt, bis ich vier große Sack Erde verbraucht hatte. Jetzt müsste in ein paar Tagen überall etwas sprießen.

Es gibt, soweit ich sehe, tatsächlich nur eine einzige offensichtliche Lücke im Buchmarkt für den Gartenfreund, nämlich ein Buch, das freundlich erklärt, wie man mit verdammt wenig Zeit einen Garten halbwegs ansehnlich betreiben kann. Es gibt mehrere Bücher über das Gärtnern mit verdammt wenig Geld, aber wenig Zeit zu haben, das scheint in Gartenkreisen nicht verbreitet zu sein. Seltsam, als ob den Menschen mit dem Garten auch die Muße und die Freizeit zuwachsen würden, bei mir ist das nicht so.

Was ich sagen wollte: Mit einem Wochenende in der zweiten Maihälfte kann man schon recht weit kommen, die nächsten paar Tage wird es bei uns wieder nichts werden.

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Der Musiktipp heute von Sohn I: Pretty Girl.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Grünkohl im Mai

Was alles kaputt ist.

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Abbaubares Plastik – oder auch nicht.

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Im Vorübergehen gehört:

“I think Spanish songs are just perfect.”

“Yes, as long as you don’t understand the lyrics.”

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Ich habe in den letzten Tagen mit einem Sohn zusammen die ganzen Hobbit-Filme gesehen, bleibe jedoch dabei, dass mich das eher überhaupt nicht interessiert, bewegt oder fasziniert. Immerhin kann ich jetzt, das ist das Gute, die ganzen Anspielungen auf die Figuren endlich verstehen und Beleidigungen künftig um eine Nuance reicher differenzieren. Das ist auch etwas wert.

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Nach wie vor beschäftige ich mich mit Online-Aufräumarbeiten, lösche alte Tweets und FB-Einträge, auch uralte Blogeinträge, die mir nicht mehr passen, die keinen Sinn mehr haben, die nicht mehr verständlich sind, die zu viele kaputte Links enthalten. Ab und zu finde ich dabei Texte, die gleichzeitig inhaltlich gültig geblieben sind und doch klingen, als seien sie etwa hundert Jahre alt. Etwa diesen hier aus dem Jahr 2006. Die Pointe gilt nach wie vor, glaube ich, aber an den Begriff “stumpfe Flechte” kann ich mich nicht einmal mehr ansatzweise erinnern.

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Ich war am Donnerstag mit Sohn II beim Reiten und habe nicht bedacht, dass das tendenziell ein Outdoorsport ist, weswegen ich da im noch einmal fortgeschritten novembrigen Wind gestanden und gefroren, gefroren, gefroren habe, so sehr gefroren, dass ich nur noch lachte, als dann auch noch der Regen einsetzte. Der immerhin ohne Graupel war, es ist ja nicht so, dass ich das Positive hier achtlos übersehen würde. Na egal, das Kind war glücklich und ich hatte wenigstens beste erwachsene Begleitung dabei. Man sollte die Sportarten der Kinder überhaupt stets nach den anderen Eltern auswählen. Wenn Sie die Familiengründung noch vor sich haben, dann merken Sie sich das bitte, das war kein Scherz.

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Am Freitag ich festgestellt, dass wenig Dinge mir so auf die Nerven gehen, wie etwas, an dem “Spaßbad” dransteht. Herr im Himmel, ist das unlustig. Aber auch egal, ich konnte dort immerhin drei Stunden am Stück lesen, da die Söhne mittlerweile aus dem Alter raus sind, in dem man noch mit ins Wasser muss. Und ungestörtes Lesen war für mich erheblich dringender als Schwimmen (Judith Schalansky, “Verzeichnis einiger Verluste” hatte ich dabei, was vielleicht nicht ganz die richtige Wahl war, aber auf die scheine ich sowieso gerade einfach nicht zu kommen).

Während ich im überheizten Spaßbad auf einer Liege unter einem Glasdach saß, kam die Sonne raus, kam die Wärme, kam der Mai, also der Mai, den man so meint, nicht der auf dem Kalender.

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Am Sonnabend waren wir dann im Garten, haben die ersten Radieschen geerntet und weiter am Staketenzaun gebastelt.

 

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Ich weiß, dass andere so etwas in zwei Stunden aufstellen, aber da hier jeder Pfosten halbstündig diskutiert wird, dauert es bei uns eben etwas länger.

 

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Das macht aber nichts, es ist dafür ein sehr einvernehmlicher Zaun, ein vorbildlich familiendemokratischer Zaun. Die Menschen, die an unserer Parzelle vorbeigehen, bleiben stehen und fragen uns, wozu denn der Zaun da gut sei? Wir erklären, dass der gar keinen Zweck habe, dass der nur dekorativ sei … und dann gucken die alle so skeptisch und legen den Kopf schief und gucken noch einmal und fragen sich vermutlich, was man überhaupt unter dekorativ versteht. So gibt unser bescheidener Zaun der Allgemeinheit wichtige Fragen auf, und das ist ja auch schön.

Die Herzdame und die Söhne haben außerdem die Billerhuder Insel erstmalig umrudert. Wenn ich die Söhne richtig verstanden habe, wird das noch öfter vorkommen, dann folgt hier irgendwann ein Wassersportbericht.

 

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Noch ein Gartentipp der etwas anderen Art – bei vielen Stauden steht beim Kauf etwas von “insektenfreundlich” dran, denn der gartenliebende Mensch möchte oft auch etwas für die Umwelt tun. Der insektenfreundlichste Knaller in unseren Beeten, die Nummer 1 in Insektenkreisen und wahre Topadresse ist allerdings der blühende Grünkohl. Also den einfach mal im Winter stehen lassen und abwarten, das wird dann im Frühjahr etwas und die Kinder freuen sich auch, wenn sie das Zeug nicht essen müssen.

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Musik! Jeff Goldblum and The Mildred Snitzer Orchestra with Haley Reinhart.

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Sieben, sechs, Sand

Im Vorübergehen gehört:

“Wenn man sich sechs Wochen kennt, so wie wir, dann kann man ja auch mal über Traumata reden.”

“Was?!”

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Ich fahre mit Sohn I nach Travemünde. Im Zug reist auch eine Grundschulklasse. Einer sitzt mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, guckt raus und erklärt dann: “Das fühlt sich an, als würde der Zug zurückgespult.” Zwei der Jungs sitzen uns gegenüber, stocksteif, weil wir ja Fremde sind. Misstrauische Blicke, Schweigen, die Zugfahrt hatten sie sich bestimmt lustiger vorgestellt. So kann man ja gar nicht reden, wenn andere die ganze Zeit zuhören. Kurz vor Lübeck überkommt es den einen dann aber doch noch, es muss einfach raus aus ihm, was er vermutlich schon seit etlichen Kilometern oder sogar den ganzen Morgen sagen wollte, und er stößt seinen Kumpel an und sagt: ”Ich habe jetzt sieben Tiere.” Woraufhin er so zufrieden aussieht, wie es nur möglich ist, wenn man etwa acht Jahre alt ist und gerade etwas verkündet hat, das schwerlich jemand schlagen kann, er hat den sicheren Triumph schon im Blick. Aber er hat sich den falschen Partner ausgesucht, der neben ihm sitzende Junge hat ohne lange Bedenkzeit eine passende Antwort parat. Die ist zwar vom quantitativen Aspekt her nicht exakt gleichauf, aber qualitativ geht da was, gar keine Frage. Denn er sagt, ohne auch nur ansatzweise beeindruckt zu sein: “Mir sind schon sechs Tiere weggestorben.”

Dann sehen beide ernst aus dem Fenster, vor dem schon die sieben Türme auftauchen. Das Leben ist ein Wettbewerb, man muss sehen, wie man durchkommt.

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Der Sohn und ich fahren weiter und gehen zur gerade eröffneten Sandskulpturenausstellung, die wir beide zu teuer und eher entbehrlich finden. Wenn man sich nicht gerade brennend für Sand interessant, ist man da in fünfzehn Minuten durch. Sechzehn Euro kostete das für uns beide, das können wir weder aus Kinder- noch aus Erwachsenensicht empfehlen.

Das macht aber nichts, denn es gibt nun einmal keine Garantie für gelungene Ausflüge, überlegen wir uns, und wir haben schon so viele großartige Ausflüge gemacht, da ist dieser eine Fehlschlag irgendwie auch okay. Wir haben eine Stunde Zeit, bis der Zug nach Lübeck fährt und wir haben nichts weiter vor. Wir lungern also einfach etwas herum, damit kenne ich mich ja aus. In Travemünde sinnlos herumzuhängen, das ist quasi eine Kernkompetenz von mir, auch wenn ich es lange nicht mehr geübt habe.

Wir fahren nach Lübeck und essen Eis. Viel Eis. Dann fahren wir wieder nach Hamburg und den Zugteil des Tages finden wir beide sehr entspannend, Zugfahren ist super.

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Musik! The King.

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Was schön war

Frau Meike über das andere Internet.

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Sven fährt Rad.

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Ich bin weiterhin fest entschlossen, das Schöne in der Woche zu finden, also verlasse ich besonders früh das Haus, denn wer früher geht, der kann auch früher wieder zurückkommen, soweit bin ich ja Fuchs. Direkt vor der Haustür liegt ein Apfel. Nicht irgendein Apfel, nein, das ist ein roter Apfel in waltdisneyschneewittchenhafter Schönheit, eine Glanznummer erster Klasse, echtes Vorzeigeobst. Aber da ich früher bei den Märchen an der Bettkante immer gut aufgepasst habe, nehme ich den nicht, beiße ich da nicht rein, sterbe ich nicht.

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Im Kiosk steht vor mir eine Mutter, die hat einen kleinen Jungen dabei, der vor der Quengelware das macht, wozu sie nun einmal da ist. Die Mutter schimpft und zieht ihn weg, er greift wieder ins Regal, die Mutters schimpft lauter, so wiederholt sich das noch mehrfach. Zwar schimpft sie in türkischer Sprache, den Inhalt kann man sich aber dennoch gut vorstellen, der wird von den deutschen Varianten kaum abweichen und es überrascht auch überhaupt nicht, dass sie ganz am Ende ihrer Tirade die Sprachen nahtlos wechselt und ihre Ausführungen mit einem sehr hamburgisch breit gekeiften “Oder hasse was anne Ohren, ey!” abschließt.

Wie schon oft festgestellt, ich mag diese spontanen Sprachwechsel sehr.

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Ich gehe am Vormittag kurz zu einem Bäcker neben dem Büro, vor der Tür hat gerade der Fahrer eines Paketdienstes mit seinem Lieferwagen das Fahrzeug eines anderen Paketdienstes touchiert, ein minimaler Auffahrunfall. Beide Fahrer springen aus den Autos und sind ohne jeden Verzug sofort auf dem Level von “Du kannst auch aufs Maul haben!”, denn wie bereits neulich erwähnt, auf den Straßen hier ist Krieg, siehe auch oben bei Sven. Dann stehen sich die beiden Transporthelden gegenüber und ihre Oberkörper pusten sich auf, Airbags nichts dagegen.

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Ich fahre mit Sohn I nach meiner Arbeit zu einer Skate-Anlage, auf der er dann das übt, was man da eben so macht,es sieht alles jedenfalls sehr urban aus, auch das Kind. Es finden sich bald Zuschauer ein. Ein sehr freundlicher Obdachloser, der sich gar nicht einkriegen kann vor Begeisterung, was die Kinder heute alles so machen! Das kann man sich ja gar nicht vorstellen, wie das alles geht, was die da anstellen! Guck dir das doch mal an! Der Sohn schafft gerade auch nach dem zwanzigsten Versuch eine bestimmte Kurve nicht und ist schon kurz vor der Kapitulation, aber der Obdachlose hat soeben seine Trainerqualitäten entdeckt und hält vom Rand aus laut und mitreißend genau den total überzeugenden Vortrag übers Durchhalten und Weitermachen, den ihm selbst vermutlich in irgendeinem entscheidenden Moment seines Lebens niemand gehalten hat – aber egal, er weiß zu überzeugen.

Und dass er da steht und schaukelt, das liegt auch nicht am Alkohol, das liegt daran, dass er beim Zusehen jede Kurve mit dem ganzen Körper mitgeht.

Ein ganz kleines Mädchen, das noch nicht in Sätzen spricht, kommentiert die Leistungen des Sohnes ebenfalls enthusiastisch, vor allem mit “Runta!” und “Rauf!”, wogegen inhaltlich nichts einzuwenden ist, rauf und runter wird da in der Tat pausenlos gefahren, ein Sportkommentar, der objektiv zutrifft. Und dann reißt es sie so hin, dass sie patschend applaudiert, dabei hat sie ein Strahlen im Gesicht, das fegt einem glatt den Grauschleier vom Tag.

Und damit ist es doch nach nur zwei Tagen Anlaufzeit schon wieder erreicht, meine Damen und Herren, es war etwas schön, fraglos schön sogar, es geht also doch noch. Wie der Obdachlose und das Mädchen da standen und jubelten, wie der auf einmal ungeheuer jugendlich aussehende Sohn da breit grinsend herumkurvte – doch, das war schön.

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Der Musiktipp heute auch von Sohn I: Felix Jaehn.

 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Nicht nichts

Ich trete also am Morgen erwartungsvoll vor die Tür, fest entschlossen, irgendetwas für das Format “Was schön war” zu finden. Dabei werde ich allerdings fast umgerannt von jemandem, der nicht so rennt, wie man entspannt oder sportlich rennt, nein, der rennt eher so krimimäßig. Bleibt ein paar Meter weiter abrupt stehen, sieht sich panisch um und rennt dann weiter. Auf seiner Jacke steht hinten “Security”, sein Verhalten scheint mir eher für das Gegenteil zu stehen. Ich gehe ein paar Meter, da läuft schon der nächste, auch wieder “Security”, er läuft aber andersherum um den Block. Auch bei ihm sieht es so aus, als seien sie hinter ihm her, Tod und Teufel, die anderen, wer weiß. Und das ist natürlich total unbefriedigend, weil man als Betrachter nicht herausfindet, wer nun genau hinter wem und warum. Ich warte noch eine Weile, es tauchen aber keine Verfolger auf. Nur Passanten wie ich, Leute auf dem zur Arbeit, die den beiden irritiert hinterhersehen. Ein Tagesanfang im kleinen Bahnhofsviertel eben, manchmal wäre ich doch lieber irgendwo auf dem Land. Aber das gibt sich wieder. Der Himmel immerhin, er ist blau so blau.

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Danach gehe ich zur Arbeit, dieser Teil des Tages eignet sich kategorisch nicht für “”Was schön war”, den lassen wir aus. Wobei! Immerhin steht in der Küche eine übriggebliebene und nur halb entleerte Keksschale, Reste irgendeines Meetings aus der Vorwoche, und es sind sogar noch welche mit Schokolade dabei. Das ist ja nicht nichts.

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Am Nachmittag gehe ich mit Sohn I zu seinem Sport und setze mich da in die Warte- und Zuguckzone, die dort recht gemütlich ausfällt und in der es sich gut arbeiten lässt. Manchmal jedenfalls. Heute setzt sich ein Mädchen neben mich, das aus einem Beutel etliche Playmobilteile auf den Tisch schüttet. Figuren, Zäune, Pferde, Kleintiere. Sie baut die ganze Szenerie nach und nach auf, wobei sie unentwegt redet, nein, reden lässt, denn die Figuren sprechen miteinander und meine Güte, haben die sich viel zu sagen. Sie haben alle Namen, auch die Tiere, und alle Sätze beginnen mit dem Vornamen des angesprochenen Wesens. Es sind sechsundzwanzig handelnde Figuren in dem Stück, also wenn ich richtig zähle, es ist wirklich nicht ganz einfach, denn da tobt das Leben, auf dem Tisch vor mir. Wenn das Mädchen auf einen Namen nicht sofort kommt, sagt sie konzentriert alle Namen nacheinander auf, bis sie auf die Bezeichnung kommt, die in die Lücke passt, sie murmelt die Namen dann wie ein Gebet, leise und schnell. Weil sie alle Rollen spricht, wird auch keine Figur je unterbrochen, alle können immer ausreden und überhaupt sind die alle sehr höflich miteinander. Außer der Vaterfigur, die bei geringsten Vergehen alle ohne Abendbrot ins Bett schickt. Eine Strafe, die ich fast schon vergessen hatte, ich dachte, sie gilt mittlerweile als ausgestorben.

Ich sitze also da, wo ich eigentlich schreiben wollte, um mich herum reden sechsundzwanzig Figuren aufeinander ein und an Konzentration ist nicht zu denken, ich schreibe keine Zeile. Abgesehen von diesen hier, versteht sich.

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Auf dem Rückweg gehen wir durch ein Kaufhaus, da hängt ein Spiegel, auf dem steht: “Fühlst du es auch”. Ich stelle mich davor und sage: “Nein.”

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Musik! Ältere Herrschaften mit betont seniorenkompatiblen Tanzschritten.Man bekommt direkt wieder Lust auf so etwas.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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