Was zu tun bleibt, was zu lassen ist

Zur großen Überraschung fast aller heute doch ein Text. Nur nicht zur Überraschung langjähriger Leserinnen, denn die kennen den Trick schon: Wenn ich ankündige, etwas nicht zu schaffen, dann geht es auf einmal. Man muss seine Reaktanz manchmal auch sinnvoll und mit fast aikidomäßiger Geschicklichkeit einzusetzen wissen. Aber das nur am Rande.

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Heute Home-Office, denn im Bürogebäude findet ein lustiges Halloween-Event statt, mit Teambuilding, Verkleidungen und Geisterjagd. Dafür bin ich entweder zu alt, zu norddeutsch, zu schlecht gelaunt oder zu verstockt. Multiple Choice, mehrere richtige Antworten sind möglich und auch vollkommen erwartbar.

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Aber apropos „zu alt“. Milde irritiert hat mich ein Artikel in einer Zeitung, in dem es um eine ältere Frau ging. Wobei „ältere“ Menschen mittlerweile in solchen Texten immer öfter ungefähr so alt sind wie ich. Was wiederum eine weitere Irritation ist, aber nicht die, welche ich eingangs meinte.

Es ging da jedenfalls um eine Person, die ab dem 60. Lebensjahr beschlossen hat, aus ihrem alten Leben und den ihr überholt vorkommenden Verhaltensmustern auszubrechen. Sie fasste den Vorsatz, weniger Rücksicht auf andere zu nehmen, womit dann fast immer die Familie gemeint ist, und lauter Sachen zu machen, die sie noch nie vorher gemacht hat.

Es erinnerte etwas an das Buch von Isa, manche werden sich noch erinnern können.

Dann machte sie also dies und das, diese ältere Frau, was dann in Texten dieser Art immer so genannt wird. Sie werden es kennen, denn das Format wiederholt sich und der Menschen Neigungen auch: exzentrische Sportarten, seltsame Hobbys und aufregende Reisen etc. Bis hin zu Flugstunden.

Ein auf den Boden gemaltes Tanzschrittmuster für Discofox

Was mir daran jedenfalls zu denken gab, denn man bezieht so etwas manchmal auch auf sich und denkt dann vielleicht eine Weile versonnen so vor sich hin, dass war: Mir fallen viel eher Sachen ein, die ich nicht mehr machen möchte. Sie fallen mir jedenfalls deutlich eher ein als Sachen, die ich dringend noch machen möchte.

Ich pfeife auf den Jakobsweg und auf Flugstunden, auf das Erlernen von Schwimmstilvarianten und den Erwerb einer Marathonqualifikation. Viel wichtiger ist es mir, viel erstrebenswerter kommt es mir vor, diverse Aufgaben loszuwerden. Dies und das nicht mehr machen zu müssen, es wäre mir wahrlich ein Fest. Hier und da nicht mehr verantwortlich zu sein, nicht mehr zuständig und administrationspflichtig. Auch nicht mehr ansprech- oder erreichbar.

Wäre ich nicht erreichbar, ich hätte wirklich etwas erreicht. So in etwa kommt es mir manchmal vor. Und so hat jeder seine ganz eigenen Träume, nicht wahr.

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Zwischen Captain Haddock, Schubert und Adorno

Während ich noch über das Immerhin des Tages nachdenke, denn es gibt Tage, da braucht man dafür etwas länger, muss etwas gründlicher suchen und zweifelt manchmal gar, ob überhaupt eines zu finden sei, lese ich noch eben dies und das in der Wikipedia nach. Ausgehend von den Festen und Feiertagen am kommenden Wochenende, den Bräuchen, den Sitten, den Ableitungen. Und finde schließlich:

„Die krankhafte Angst vor Halloween wird Samhainophobie genannt“ (Quelle).

Und die, denke ich dann und habe es damit doch noch gefunden, die habe ich immerhin nicht.

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Ansonsten verläuft diese Woche wesentlich wilder als gedacht. Sie ist auf fatale Weise angefüllt mit Zeug und Problemen, Terminen, Treffen und To-Dos aus allen Richtungen und in allen Ausprägungen; sie gibt sich unverkennbar ruppig, übergriffig und eher unsympathisch. Insgesamt ein Biest von KW, diese Nummer 44, sogar dergestalt, dass hier morgen evtl. kein Text erscheinen wird. Schlimm.

Kräne und Rohbauten am Baakenhafen

Im Bild die Baustellen am Baakenhafen, vor dem neuen Büro.

Captain, it’s Wednesday, möchten da einige vermutlich wieder reflexmäßig kommentieren, ich weiß es ja.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, darauf könnte man auch zwanglos kommen, und wenn Ihnen das noch nicht anschlussfähig genug vorkommen sollte, so hilft auch hier ein Wikipedia-Zitat sicher weiter:

In der ersten, ursprünglichen Textfassung lautete der Satz: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.

So hängen wir zwischen Captain Haddock und Adorno, metamodern und marode. Und in eben diesem Sinne greife ich im Bedürfnis nach Trost und gechillten Tagen, wie die Söhne sagen würden, ebenso zurück wie vor, und zwar zu Schubert.

Der liegt bekanntlich mit seinem Werk einerseits etwas zurück, das gleich zu spielende Stück ist andererseits erst am Wochenende dran. Aber man wird sich ja durch dezentes Mitsingen ohne Publikum seelisch etwas vorbereiten dürfen auf Allerseelen. Auch wenn man damit im religiösen Sinne gar nichts zu tun hat. Schon gar in einer Woche wird man das tun dürfen, die mit Ruhe und Frieden partout nichts zu tun haben will, obwohl die Jahreszeit und auch die Traditionen beides doch vehement einfordern.

Innenaufnahme St. Jacobi, ein altes Weihwasserbecken und ein Ölgemälde im Hintergrund

Im Bild eine Aufnahme aus Sankt Jacobi in Hamburg. Wenn ich mich richtig erinnere jedenfalls, es ist das älteste Bild aus dem zu verbloggenden Vorrat.

„Ruhn in Frieden alle Seelen, die vollbracht ein banges Quälen.“ Für die eine oder den anderen mag es heutzutage auch ein Lied sein, zum Feierabend zu singen. Johann Georg Jacobi war der Dichter des Textes.

Das Video hier als Link, nachfolgend auch eingebettet. Es singt wie im letzten Jahr Konstantin Krimmel. Wer Versionsvergleiche mag, Sie finden hier auch Fischer-Dieskau, Samuel Hasselhorn, Ian Bostridge und, anders als die anderen und besonders, sogar dringend empfohlen, Matthias Goerne.

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Fremd gewordene Formen

Im öffentlichen Bücherschrank findet auch etwas Kulturgeschichte im Kleinen statt, denn es stehen dort oft die Bücher der Boomer, die nun zum Ballast geworden sind. Die Bücher derer, die zehn, zwanzig Jahre älter als ich sind. Bücher, welche einige Jahrzehnte Geistesgeschichte der BRD geprägt haben. Ausgaben aus der DDR kommen ebenfalls vor, sind hier aber selten.

Es sind Bücher von Autorinnen und Autoren, deren künftige Relevanz zweifelhaft erscheint. Was nicht unbedingt an ihnen liegt, eher an der Zeit, an der Geschwindigkeit der Entwicklung und generell am Loslösen von historischen Bindungen, auch im Bereich der Kultur, schon gar bei der Literatur. Gerade gestern hörte ich einen Podcast, in dem eine junge Frau von einer früheren Zeit sprach, in der es noch „große Schriftsteller und so“ gegeben hätte. Das sei ja heute nicht mehr so. Es klang ganz selbstverständlich, eine Tatsachenbeschreibung. Es klang, als schriebe einfach niemand mehr, und vielleicht denkt sie es wirklich. Vermutlich wird es so sein.

Gebundene Bücher sind es jedenfalls oft, die da im Schrank stehen. Manche mit erstaunlich intaktem Schutzumschlag. Man hat noch darauf geachtet und Dinge sorgsam behandelt. Nikotingelbe Seiten, denn man hat noch geraucht. Wir haben alle geraucht, und wie wir geraucht haben.

Widmungen auf dem Vorsatz in Handschriften, denen man eine andere Schulzeit ansieht. Eine andere Art der ausgeschriebenen Handschrift, eine andere Dimension der Übung und auch eine andere Stufe der Korrektheit, des Akkuraten. Keine Schreibfehler, nirgends. Ordentliche Handschriften sind das, gut leserlich, und sie beginnen mit Anreden, die heute kaum noch verwendet werden. „Ich möchte Ihnen, lieber Herr …“ Oder hier: „Dem Fräulein XY …“ Es folgen höfliche Sätze, in denen gesiezt wird. In denen eine längst fremd gewordene Form korrekt gewahrt wird.

In denen sich, auch das merkt man, und man merkt es teils deutlich, um Inhalt und Präzision auf wenigen Zeilen bemüht wird. Ganz ohne Nostalgie kann man das feststellen, es ist einfach eine Entwicklung. Wir kommen von da, und wir sind, was die Schriftkultur betrifft, heute woanders, und eine weite Strecke liegt dazwischen.

Ich bedauere das allerdings nicht, weil die Welt und die Kultur untergehen, denn das tun sie nicht, oder zumindest noch nicht. Sie werden wie immer nur anders. Ich bedaure das nur, weil ich auch aus dieser alten Zeit komme und mir eine Art geistiges Heimweh also sehr wohl zusteht, durch abgelebte Jahrzehnte erwirtschaftet.

Zeitungsartikel stecken in diesen Büchern, gar nicht selten. Sauber ausgeschnittene und mehrfach gefaltete Rezensionen aus der FAZ, aus der Zeit, aus der Süddeutschen und ähnlichen Blättern. Aus Feuilletons, die damals noch eine vollkommen andere Bedeutung und Geltung hatten. Manchmal auch mit kundigen Kommentaren am Rand, mit Verweisen und Unterstreichungen. Fast immer mit Datierungen, denn das gehörte so.

Ein Aufkleber an einem Stromkasten mit der Aufschrift "Relevanz"

Und so lange haben sie ungelesen und auf unbestimmte Wiedervorlage zwischen diesen Seiten geklemmt, dass einige dieser vergilbten Artikelausschnitte brechen, wenn man sie endlich wieder auseinanderfaltet. Nach all der Zeit.

Nossack etwa, das ist so ein Autor aus jener Zeit, Hans Erich Nossack. Ich lese in einem Band seiner Erzählungen. Mir fällt auf, was mir damals, als ich als junger Mensch in diesen Werken gelesen habe, nicht aufgefallen ist: Wie diese Generation in den Nachkriegsjahrzehnten zu einer besonderen Sprache gefunden hat. Zu einer Sprache, die sich von den Schnörkeln der Vorkriegsvergangenheit fast komplett befreit hat, auch von der Satzlänge und den Nebensatzkonstruktionen à la Thomas Mann. Sie schrieben eine Sprache, die schlichter geworden war, klarer auch. Nicht mehr rabiat verkürzt im Sinne der Kahlschlagliteratur aus den ersten Jahren der Republik, eher in einem Sinne der sorgsam bedachten Beruhigung und Sammlung.

Eine Sprache, die eine kurze Zeit noch keine oder kaum Modernismen aufwies. Keine Verweise auf die USA oder auf englische Bezeichnungen, keine Hinweise auf moderne Technik und auf die sich rapide ändernde Welt, die sich bald hin zur tobend eskalierenden Konsumglobalisierung entwickelte. Es war nur eine kurze Phase, in der man so wie Nossack schrieb, aber seit ich über diese Sprache intensiver nachdenke, lese ich die Texte gerne wieder.

Das Buch "Begegnung im Vorraum" von Hans Erich Nossack

Neben dem Nossack stand Cesare Pavese im öffentlichen Bücherschrank. Sein „Handwerk des Lebens“, und das liest vermutlich auch keiner mehr. Daneben Hilde Spiel, eine ganz schmale Erzählung von ihr. Daneben Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, ein verschossenes, leicht schiefes Suhrkamptaschenbuch in hellem Grün.

Auf dem Einband etwas, das man als Rotweinfleck deuten könnte. Nicht sehr groß, eher dezent. Es würde gut zum Bild passen, das ich mir von diesen Buchbesitzerinnen und Buchbesitzern mache, wenn es Rotwein wäre. Ein leeres Kalenderblatt außerdem darin, vom 11. September 1979, ein Dienstag war das. In einer amtlich oder ingenieurmäßig ernst wirkenden Type steht es da, auf dem Papier der Firma Zettler. Mit der Angabe von Zinstagen, von Kalenderwochennummern sowie den Sonnenauf- und -untergangszeiten, dito Mond.

Zeilen für Einträge zu vorgegebenen Uhrzeiten, und zwar von 7 bis 22 Uhr. Das musste für normale Menschen damals noch reichen.

Na, es wird selbstredend ein geschöntes Bild sein, das ich mir von den Vorbesitzenden dieser Bücher und von ihrem Lesen, Schreiben und Denken in den alten, analogen Zeiten mache. Aber das macht wohl nichts. Geschönte Bilder sind immerhin das, was wir wirklich gut können, in unserer mittlerweile etwas seltsam geratenen Gegenwart.

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Zusammenriss und Vergatterung

Währenddessen habe ich doch wieder ins gedruckte Buch zurückgefunden. Disziplin, Zusammenriss und eigene Vergatterung, man muss sich ab und zu auch beikommen können. Ja, man sollte sich von Zeit zu Zeit selbst so begegnen, wie Heinrich Manns Professor Raat seinen Schülern damals begegnete. Man sollte sich vor dem Spiegel also in aller Strenge aufsagen: „Sie treiben Nebendinge! Ich werde Sie fassen, wo immer ich es vermag!“

Und es sich dann auch noch glauben und exekutieren, versteht sich.

Ich lese also abends und auch sonst Virginia Woolfs Orlando interessiert weiter. Dabei verstehe ich nicht recht, was man daran nicht verstehen kann, was aber, böse Falle, selbstverständlich auch heißen kann, dass ich es nicht verstehe. Es ist kompliziert.

Ich amüsiere mich bei den Szenen, in denen seine (die geschlechtsfluide Hauptfigur ist in diesem Kapitel noch ein Mann) exzessiv ausgelebte Lese- und Schreibsucht geschildert wird. Denn die Beschreibungen dieses Suchtzustandes bleiben über alle Mediensüchte und über all die Jahrzehnte hinweg verlässlich erhalten, sie ähneln sich sogar über die Grenzen von Prosa und Sachbuch hinweg. Bis heute, bis hin zum Smartphone, wiederholen sich einige Wendungen.

Das mindert keine Smartphonesucht, die es zweifelsfrei gibt und die ich nicht geringschätze. Aber es ergänzt doch selbst bei eigener Betroffenheit etwas historischen Charme. Was bei allem auch nicht unwichtig ist.

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Währenddessen gab es ferner wieder einmal eine Demo in dieser Stadt. Eine ausdrücklich stadtbildbelebende Veranstaltung war es. Welche, und da möchte man fast etwas lokalpatriotisch werden, trotz Regen und Wind und überhaupt trotz Jahreszeit bestens besucht war.

Läuft bei uns, und sei es als Demonstrationszug.

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Wie bereits erwähnt, bin ich ansonsten saisonal bedingt wieder aufnahmefähig für Klassik, was bei mir meist zusammenfällt mit der Aufnahmebereitschaft für Weihnachtssüßigkeiten etc. Wodurch sich im Laufe der Jahre eine etwas seltsame assoziative Verknüpfung verfestigt hat, denn die Herren Bach oder Händel etc. klingen für mich nach Lebkuchen und Glühwein. In der Hamburger Innenstadt, fällt mir dabei ein, mehren sich nun die Anzeichen für das Anbringen der ganz großen Weihnachtsdeko und auch schon für den Aufbau der Weihnachtsmärkte. Ich sah die ersten Hinweisschilder, wir schreiten voran.

“Und irgendwer hält immer die Glühweintrinkerfahne hoch“, sang Sven Regener einst treffend.

Ich sehe nach, welche Kantate zum gestrigen Sonntag gehörte, ich mag solche Systeme. Das hat etwas mit dem Kirchenjahr zu tun, womit ich mich nicht ansatzweise auskenne. Es war, wenn ich da nicht gerade in die Irre gehe, der 19. Sonntag nach Trinitatis, eine Bezeichnung, die mittelalterlich feierlich klingt, wenn man nicht daran gewöhnt ist.  Ich lese Trinitatis nach, weil meine Allgemeinbildung da bedenklich zu schwächeln scheint. Aber ich merke beim Lesen schon, ich werde es mir wieder nicht merken können.

Es ist wie mit Fronleichnam: Ich kann es in jedem Jahr erneut nachlesen, was das ist, ich habe einfach keinen Speicher dafür frei.

Die Kantate zu diesem Sonntag, man kann das hier im Verzeichnis der Kantaten nachsehen, welches ohnehin unterhaltsam ist und gleichzeitig beruhigend wirkt, ist jedenfalls eine, die man mit einer gewissen Andacht hören kann, auch als nichtreligiöser Mensch. Nämlich dann, wenn man an den unaufhaltsam heraufziehenden Montag denkt: „Wo soll ich fliehen hin.“

Ich meine, wer würde das an einem Montagmorgen nicht gelegentlich denken. Der 5. Satz hat einen Titel, den man bei Meetings und Calls gut mitdenken kann: „Verstumme, Höllenheer“, und der 6. Satz bringt einen dann wieder auf den Teppich, wenn man zum Feierabend hin erkennt, was man bewirkt hat und was man morgen bewirken kann: „Ich bin ja nur der kleinste Teil der Welt.

Es wird uns hier freundlich vorgeorgelt, das Kantatenmotiv:


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Von Feinheiten und Weltgeltung

Der Hamburger Hauptbahnhof ändert sich. Es wird darin etwas umdesignt und umbenannt, nämlich die Wandelhalle. Vielleicht ist dies ein Wort, dem man in letzter Zeit eine gewisse Spießigkeit, einen merkwürdigen Muff unterstellt hat, ich weiß es nicht. Und auf mich wirkt es auch nicht so, dass man es dringend verbessern müsste. Ich finde das Wort Wandelhalle eher angenehm altmodisch und vollkommen in Ordnung.

Aber die Zeiten, sie sind nun einmal anders. Es wurde daher beschlossen, aus der Wandelhalle „The Grand Hall“ zu machen. Mit dem Adel und Würde verleihenden Zusatz „since 1906“. Ich würde dabei nun einen gewissen Snobismus unterstellen, eine deutlich zu erkennende Vornehmtuerei, um ein aussterbendes Wort noch einmal über diese Seite zu jagen. Man macht sich hier internationaler, mondäner und dabei auch weltweit austauschbarer. Was im Sinne der Optimierung für den Tourismus vielleicht sogar sinnvoll ist, was weiß ich. Viele, sehr viele Fehler habe ich in diesem Leben gemacht, aber einen habe ich doch ausgelassen und bin immerhin kein Marketingexperte geworden. Und das ist auch gut so.

Auf den Mülleimern in der Halle jedenfalls kann man den neuen Schriftzug schon sehen, ausgerechnet bein Müll beginnt es. Auf einem dunklen Grün, das mich etwas an After Eight erinnert, es wird wohl erwünscht sein. Komplett mit neuem Logo und neuer Schriftart klebt das Logo da und wird sicherlich bald überall in großen Versionen montiert.

Ich mache das dann auch, denke ich mir, als ich da vorbeigehe und dieses neue Logo bestaune. Wenn es doch alle Welt macht, und wenn es einem doch freisteht. Wenn es doch offensichtlich gut und erwünscht ist, sich ins Englische zu wandeln und also ein wenig zu steigern. Buddenbohm, das klingt am Ende auch so provinziell, als könnte man es etwas anheben. Als könnte man da noch etwas Niveau unterschieben, etwas Weltgeltung.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Be you

Puddletree, das wird in etwa die Entsprechung sein. Und meinen Vornamen, der in Deutschland ohnehin längst viel zu häufig, geradezu plebejisch geworden ist, den tausche ich bei der Gelegenheit auch gegen etwas Passenderes für diesen neuen Nachnamen ein. Was nehme ich denn da, Moment – Percy könnte passen. Ja, Percy Puddletree, das wird es sein.

Ich werde mich im Geiste einfach jedes Mal umbenennen, wenn ich künftig durch den Bahnhof gehe. Ich werde innerlich eine andere Haltung annehmen, mich an die neue Noblesse dort anpassen und mich intensiv bemühen, Entsprechendes auszustrahlen.

Percy Puddletree, since 1966. Plötzlich Appetit auf After Eight. Schlimm.

Und wie beim Bahnhof wird sich ansonsten gar nichts ändern. Nur die Vibes für einen Moment. Denn es geht nicht um Inhalte, es geht nur um das feine Gefühl, bzw. um das Gefühl des Feinseins. Und Gefühle, damit kennen wir uns doch aus.

Da geht dann kein Buddenbohm mehr nach der Arbeit einfach nur durch den Bahnhof, no sir. It’s Puddletree – fine walking.

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Sensationell passend zur Grand Hall gibt es bei arte etwas für den Freundeskreis Kunst, nämlich eine Doku über den herausragenden Porträt- und Modemaler John Singer Sargent. Sie kennen eines seiner Bilder vielleicht vom Cover des Romans „Der Mann im roten Rock“ von Julian Barnes.

Warum aber passt das nun zur Grand Hall? Well, John Singer Sargent galt als einer der letzten Vertreter der Grand Manner. Sehen Sie, es fügt sich alles wieder passend zusammen. Und es gehört dann auch so, gemäß einer alten Regel, sozusagen since immer schon.

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Bei aufziehendem Sturm

„Es wird empfohlen, nur wirklich dringende Reisen anzutreten“, las ich am Freitagmorgen laut deklamierend aus den Nachrichten vor. Denn die gerade erst aufgewachte Herzdame gedachte, ausgerechnet bei anschwellendem Orkan nach Sylt zu reisen. Woran sie dann später prompt bereits in Altona vorerst scheiterte, was mich selbstverständlich an die ringelnatzschen Ameisen erinnerte. Ein sehr kurzes Gedicht, dessen abschließende Verse man sich gut fürs Leben merken kann. Sie passen recht oft:

„So will man oft und kann doch nicht

Und leistet dann recht gern Verzicht.“

Die Herzdame aber dachte als typische Nordostwestfälin nicht daran, von gefassten Plänen abzurücken. Sie schlug sich im Laufe des Tages vielmehr durch diverse Regionalverkehrsabenteuer selbstverständlich doch noch bis auf die Insel durch.

Ein Erlebnis, das bei mir vermutlich für zwei bis fünf Blogeinträge oder ein Buch gereicht hätte, aber ich zog an diesem Tag das Home-Office vor. In dem es dann gerechterweise auch stürmisch zuging, es zu etlichen Störungen im Betriebsablauf des Bürogeschehens kam, die nachfolgenden Calls sich entsprechend verspäteten und die Terminreservierungen aufgehoben wurden.

Man muss für so viele Erlebnisse sein Zimmer gar nicht erst verlassen.

Tretboote an einem Steg an der Außenalster, unter grauem Himmel bei aufziehenden Sturm

Wenn bei Ihnen übrigens ein Sturm aufziehen sollte, setzen Sie sich Kopfhörer auf und hören Sie Richard Hawleys „There’s a storm a comin‘“ als Soundtrack beim Spaziergang. Während die Äste an den Bäumen sich mehr und mehr bewegen, während die ersten Tropfen fallen, während den Passanten Regenschirme entrissen werden und es sich über Ihnen tiefschwarz zusammenschiebt. Ich kann das sehr empfehlen.

“There’s a storm a-comin‘, you’d better run
There’s a storm coming, goodbye to the sun
There’s a storm a-comin‘, you’d better run boy, run
You’d better run.”

Das Video hier als Link, nachfolgend eingebettet.

Wo war ich. Vorgelesen habe ich, genau, und zwar, wie bereits erwähnt, den Satz „Es wird empfohlen, nur wirklich dringende Reisen anzutreten“. Ein zufällig und zu ungewohnter Stunde dabeisitzender Sohn sah mich etwas entgeistert an, wirkte noch verstrahlter als sonst am frühen Morgen und bekam, wie er mir erst später erklärte, in seinem Kopf in mehreren Versuchen einfach nicht sortiert, ob er noch schlief oder nicht. Denn er hatte verstanden: „Es wird empfohlen, nur wirklich nette Reisende anzubeten.“

Diese Aussage schien ihm zum angenommenen Wachzustand nicht gut zu passen. Aber dafür, so sagte er, wirkte ich doch erstaunlich präsent, real und ganz in gewohnter Weise in diesem Moment. Wie ich da stand und in geradezu väterlicher, typisch belehrender Mission etwas vom Smartphone ablas.

Er hatte da vollkommen nachvollziehbare Probleme, denke ich. Und wenn er weiter intensiv über dergleichen nachdenkt, ist er auf dem besten Wege, nebenbei noch das luzide Träumen zu erlernen. Stets die Vorteile bei allem suchen, ich sage es ja immer wieder.

Denn es gehört nach den meisten mir bekannten Methoden zum verlässlichen Weg zu diesen besonders interessanten Träumen, über die Unterscheidungen zwischen Schlaferleben und Wirklichkeit ausreichend zu grübeln. Eine gute Richtung schlägt er da also ein, könnte man meinen, und auch auf dem Weg zum Klartraum, das könnte man ihm noch als Regel mitgeben, wonach mir als Vater tatsächlich jederzeit ist, sind sicher nur besonders nette Mitreisende anzubeten.

Kinder, wie isses schön. Womit der olle Kempowski hier nun vielleicht abgeschlossen hätte.

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We’re doing this now

Wäre man angesichts der weltweiten Gesamtlage nicht ohnehin längst Experte im fröhlichen Fatalismus, man würde eventuell ein weiteres Mal kurz über Medienkritik nachdenken wollen. Denn in solchen Zeiten die Schlagzeile „Russische Flugzeuge dringen in litauischen Luftraum ein“ rauszuhauen …

Also, es war sachlich nicht falsch, schon klar.  Aber zwischen „Zwei Flugzeuge waren 18 Sekunden im litauischen Luftraum“, was die Realität war, und „Vier Staffeln fliegen auf die Hauptstadt zu“, was eben nicht die Realität war, aber doch für viele Menschen durchaus vorstellbar, liegt für mich entschieden zu viel gedanklicher Raum auf der Ebene unterhalb der Schlagzeile. Das hätte man bereits in der ersten Zeile weiter eingrenzen müssen.

Aber bitte, jeder meint so vor sich hin und die Menschen sollen ja klicken, ich weiß.

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Ich gehe am Nachmittag in den Discounter. Da stehen aufgerissene Kartons hinter der Kasse, aus denen kann man sich etwas mitnehmen. Die Kundinnen vor mir stecken sich auch alle etwas ein. Was gibt es denn da, was nehmen die sich mit? Umsonst? Verpasse ich Am Ende etwas, wenn ich nicht schnell genug bin? Es sind Kalender für 2026 mit dem Aufdruck „Familienplaner“, sehe ich schließlich.

Um Gottes willen, denke ich. Familie habe ich schon, und eine reicht wahrlich aus. Sollen bitte andere Familien planen, ich bin mit dem Thema aber so etwas von durch. Und ich gehe achtlos an dem Verschenkkarton vorbei, wie so ein Mensch, den man mit gar nichts mehr locken kann.

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Memes und lustige Videos auf Instagram, TikTok etc. treffen ab und zu einen wahren Kern, wie wir vermutlich alle wissen. Gestern las ich mit etwas zu viel Verständnis dieses Statement dort: „Honestly, I don’t even play an active role in my life anymore, stuff just happens and I’m like, oh, so we’re doing this now, ok.“

Lesen und nicken. Aber so wird es gewiss allen gehen, bei denen das Leben gerade wieder dazu neigt, Ereigniskarten auszuspielen. Was sich bekanntlich und dummerweise in manchen Jahren oder Phasen auf unerklärliche Weise häuft. Unerklärlich jedenfalls, solange man nicht die vergleichsweise schlichten Erläuterungsmodelle der Religionen nutzt, welche durchweg eine fast schon anziehende Vereinfachung wichtiger Generalfragen beinhalten dürften. Aber dann auch wieder nicht anziehend genug, um sich spontan einem dieser Modelle zuzuwenden.

„Oh, so we’re doing this now” – ich würde es jedenfalls glatt als T-Shirt tragen. Also wenn ich überhaupt so tief sinken würde, jemals betextete Kleidung anzuziehen. Viel fehlt allerdings nicht mehr.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Wer tief fällt kann auch hoch fliegen

Aber! Denn es wächst immer ein rettendes Aber aus den eigenen Gedanken, wenn man nur lange und gründlich genug denkt, möchte ich glauben. Aber ich denke also kurz über Religionen nach. Dabei fallen mir assoziativ naheliegende Kirchenkonzerte ein, dabei fällt mir ein, dass es längst tiefer Herbst ist, und ich fühle also einen Moment hin, ob mein Klassik-Chakra saisonal korrekt nach der Sommerpause wieder offen ist, dann recherchiere ich kurz und zack, kaufe ich mir eine Karte für eine baldige Bachmesse im Michel.

Denn Glaube oder nicht, sich im November in einer Kirche mit Bach volllaufen zu lassen – wie angemessen ist das denn. Das klar erkennbare Immerhin des Tages habe ich damit wieder gefunden, und ich kann sogar noch „That was easy“ murmeln. Weitermachen.

So we’re doing this now, ok.

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Junge Menschen mit gekonnt verwuschelten Haaren stehen mir im Weg

In der Innenstadt stehen gerade besonders viele und leider gut ausgebildete, topfitte Spendensammlerinnen der Wohltätigkeitsorganisationen herum. Sicher wird das Timing dieser Aktionen besonders gut geplant sein, ausführlich mit Zahlenreihen belegt, mit bunten Diagrammen unterfüttert etc. Warum gerade jetzt. Peak October und dergleichen. Ich kann mir die Workshops und Präsentationen, die zu dieser in der Vorvorweihnachtszeit stark anschwellenden Passantenbelästigung geführt haben, dummerweise sogar vorstellen.

Vorsicht bei der Berufswahl, man muss es immer wieder betonen.

Sie werfen sich jedenfalls den allmählich flächendeckend schwer genervten Passanten in den Weg. Säuselnd und fast singend umschmeicheln sie diese werbend und hoffen auf eine derart professionell durchgestylte Masche auf Geld, dass ich meine Aversion gegen dieses Vorgehen kaum noch beschreiben kann. Früher, denke ich, früher standen noch gebeugte alte Männer mit einem räudigen Lama in der Fußgängerzone herum, konnten außer „Bitte“ und „Danke“ kein deutsches Wort und schüttelten eine verbeulte Blechdose, um für einen kleinen Zirkus im Winterquartier zu sammeln.

Das hätten wir damals auch nicht unbedingt erwartet, dass wir darauf einmal in nostalgischen Momenten zurückblicken würden, aber was war das doch für eine unschuldige, naive Bettelmasche. Fast fällt einem das Wort „volkstümlich“ ein.

Etwas in dieser Art denken wir vielleicht beim Gang durch die Stadt, während uns schon wieder junge Menschen mit gekonnt verwuschelten Haaren dynamisch in den Weg springen und derart anstrahlen, dass sie vermutlich auf Drogen sein müssen. Aber es sind dann Drogen, die ich eher nicht probieren wollen würde. „Hallo“, jauchzt mich eine sehr junge und unangemessen aufgeregt wirkende Frau an und winkt mir zappelnd zu, als sei ich unverkennbar der Messias oder mindestens ein enorm bekannter Influencer von Tiktok oder dergleichen: „Hallo! Hihi!“

Warum kichert sie nach diesem Hallo, wer spricht denn so. Mein Drogenverdacht ist am Ende nicht nur eine polemische Randbemerkung. Überhaupt quiekt sie ihr Sprechen eigentlich eher, so sehr bemüht sie sich, reine Freude und helle Begeisterung über mein Daherkommen in ihrer Stimme auszudrücken. „Hallo“, und sie breitet ihre Arme ruckartig weit aus, als müsse ich mich da umgehend hineinstürzen: „Sie sehen ja DERMASSEN sympathisch aus!“

Sie spricht mitten im Satz auf einmal in Großbuchstaben. Sicher haben sie auch das in ihrem Ausbildungslager gelernt. In diesen Trainingscamps, deren Ablauf ich mir lieber nicht zu genau vorstelle. Sonst schlafe ich vermutlich noch schlechter als ohnehin schon, und da geht gar nicht mehr viel.

„Das täuscht!“ belle ich im Vorbeigehen, und ich meine es auch so. Immer bei den Tatsachen bleiben.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Be true

In laientheaterhaft ausgespielter Betroffenheit, mit einem traurigen Welpen- oder Bambi-Blick und natürlich mit einem wehen Klagelaut der jähen Enttäuschung auf den Lippen, sieht sie zu, wie ich vorbeigehe. Sie hebt noch schnell die Hände wie flehend. Es ist der letzte Versuch in ihrem vorgesehenen Repertoire, noch etwas zu erreichen. Aber nicht bei mir.

Meine Güte, was gehen mir diese Menschen auf die Nerven. Im Vergleich zu denen sind sogar die komplett verstrahlt wirkenden christlich beseelten Laienprediger in den Fußgängerzonen erträglich.

Und das will wirklich etwas heißen, das muss man erst einmal erreichen.

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Fischer, Grebe, Erotikdramen

Nach dem Posten des gestrigen Artikels sah ich meinen eigenen Text in meinem Feedreader (das ist ein Stück Internettechnik von damals, liebe Kinder), und da heute überall aufdringliche KI irgendwie mitmacht, ob man nun möchte oder nicht, fragte mich dieser Reader, als müsse er es dringend für irgendetwas wissen oder als wäre es hilfreich, ob dieser Text von mir vielleicht Musik sei.

Was ich als schmeichelhaft hätte verstehen können, wenn ich denn so weit gehen würde, mir überhaupt von KI schmeicheln zu lassen. Was aber doch derart billig und leicht zu haben ist … also nein. Man muss sich einen Rest von Würde bewahren, oder es zumindest versuchen. Immerhin aber erinnerte mich diese Frage in Bezug auf einen Text von mir an ein Lied von Tim Fischer, und das war gut. Denn das Lied mag ich gerne, hatte es aber lange nicht mehr gehört: „Meine Lieder“.

„Ich habe ja noch meine Lieder,

damit sing ich mich nachts in den Schlaf.

Ich habe ja noch meine Lieder,

Und schon wieder hab‘ ich eins mehr,

Seit ich dich traf.“

Man kann das auch mühelos auf geschriebene Texte beziehen, es reimt sich dann nur nicht mehr so elegant. Irgendwas ist eben immer.

***

Gesehen: Nach längerer Zeit mal wieder einen Film, nämlich “Nathalie“ aus dem Jahr 2002 auf arte. Um das zu sehen, genügten mir zwei Argumente, nämlich Fanny Ardant und Emmanuelle Béart. Der damals noch unvermeidliche Monsieur Depardieu spielt auch mit und trägt hauptsächlich gut sitzende Anzüge durch die Szenen. Es gibt außerdem eine Handlung, in der es selbstverständlich um Liebe und körperliche Anziehung geht, aber egal. Ein „erotisches Filmdrama“, heißt es in der Wikipedia, wo allerdings ungemein spielverderbend gespoilert wird. Man muss da abraten, wenn man den Film sehen will.

Ein Drama war es jedenfalls, welches bei der Kritik eher kein großer Erfolg war.

Ich aber bin schon angetan, wenn es eine solche Geschichte geben darf, ohne dass die Beteiligten am Liebesreigen sich mittendrin gegenseitig oder selbst umbringen, wie es heute in Drehbüchern für meinen Geschmack allzu oft fast unvermeidlich erscheint. Es ist eine seltsame Entwicklung, alles in Richtung Thriller zu drehen. Denn das Auf und Ab der Beziehungen gibt doch allemal genug her, um daraus eine ansprechende Story zu machen, auch in der einmillionhundertzwanzigtausendsten Version noch.

„Er und sie am Frühstückstisch

Sie schaut ihn an, er sie aber nicht …“

Et voilà, da hat man doch ein vollkommen brauchbares Exposé. Wie auch Rainald Grebe fand.

„Man kennt sich halt, wie das Holz im Wald.“ Als Beschreibung von langjährigen Ehen gar nicht verkehrt.

Mein neuer Arbeitsweg übrigens gibt auch Motive zum Thema Erotikdrama her. Na, zumindest so in der Richtung.

Schrift auf einem Brückengeländer in der Hafencity: "Penis"

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Im Podcast „Alles Geschichte“ hörte ich, wo ich schon bei Erotikdrama war, eine Folge (24 Min.) über die Macht der Syphilis. Ein gruselig interessantes Thema.

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Gesenkten Kopfes gegangen

Schon das, was in den Überschriften gerade in sämtlichen Medien angerissen wird, es klingt überaus scheußlich. Die Timelines sind sämtlich voll davon, man ist wieder aufgebracht, empört und verärgert, und man hat sicher auch Recht damit. Aber es kostet eben alles Kraft. Und zwar selbst dann, wenn man in seiner Meinungsgemeinde bleibt und also beständig lediglich dem Chor predigt. Es hat keinen stärkenden oder tröstenden Effekt, es zieht einen nur runter und immer weiter runter – und unten, da sind wir doch eh schon.

Nein, denke ich, das will ich daher alles gar nicht gründlich nachlesen, und ich klappe das Notebook entschlossen zu. Ich greife zum Übergangsmantel, den man in diesem Land stets auch so nennen muss, weil das zu unserem Wertesystem gehört, und ich gehe einfach vor die Tür. Ich sehe mir dort dieses Dings an, von dem da neuerdings dauernd gesprochen wird, dieses Stadtbild.

Weil ich dabei aber den Kopf gesenkt halte, ob all der schlechten Stimmung und der stark bedrückenden Gesamtsituation geht es schließlich kaum noch anders, erschließen sich mir Stadtbild und Lage mittlerweile nur noch durch die Pflasterschriftzüge. Was man eben so sieht, wenn man hinuntersieht. Und dann sogar noch manchmal am Smartphone vorbei.

Mit diesen Fußwegbetextungen wird aber vielleicht, ich habe da so einen Verdacht, die Lage manchmal erstaunlich gut erfasst.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Merz muss weg

Kreideschrift auf dem Pflaster: No Kings

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In einem Musikpodcast, den ich hier bereits einmal empfohlen habe, „Interpretationssache“ vom SR Kultur, in dem Songvarianten kundig verglichen werden, geht es passend zu meinen in den letzten Tagen geposteten Musikclips um das Lied der Saison, um die Feuilles Mortes, bzw. die Falling Leaves (36 interessante Minuten). Von Jo Stafford, welche die erste englische Version sang, über Exkurse bis zu Tschaikowski und weiter etwa zu Patricia Kaas. Von der ich nicht wusste, dass sie wegen Burn-Out lange Zeit bühnenfern war. Acht Jahre immerhin.

Ich lege nur noch eben eine Stadtteilnachbarin an. Die in ihrer niederdeutschen Version passend das aufgreift, was gestern hier schon anklang. Die Sache mit dem Winter nämlich: „Schnee fallt bald“. Es beginnt im Text aber jahreszeitlich etwas weiter vorne in der meteorologischen Entwicklung und ist daher noch korrekt mit dem aktuellen Wetterbericht abzugleichen: „Regen geiht nu dal, mi is koolt.

Und was macht der Regen im Stadtbild? Die Kreideschriften spült er fort. Raum schafft er für neue Notizen der bodenständigen Art, für Änderungen der Lage, und hier lege ich wieder die Erinnerung an meinen Chef in der Antiquariatszeit an. Der bei solchen Gelegenheiten und bei solchen Sätzen gerne von seinem Stuhl am Schreibtisch aufstand, zum Regal ging, ein dickes Buch herauszog und damit stumm winkte: „Das Prinzip Hoffnung.“

Es ist sehr schwer zu sagen, wie ironisch oder gar zynisch er es gemeint hat, aber ein Grundverdacht ist allemal angebracht.

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