Linkwerk zum Wochenende

Meine Sommerpause geht noch weiter, habe ich etwas hitzelethargisch beschlossen. Und vermutlich wird sie, wie hier angekündigt, tatsächlich bis etwa zum 24. August dauern.

Allerdings läuft das Linkwerk dennoch fast unweigerlich voll, denn manche Maschinen lassen sich nicht so einfach abstellen. Was offensichtlich für die Maschinen im Geiste ebenso gilt wie für die in den Werkhallen. Die Verweise auf Gesehenes, Gelesenes und Gehörtes werden also auch in den Betriebsferien ab und zu erscheinen. Vielleicht interessiert Sie der eine oder andere Link, es könnte immerhin sein. Und ich möchte dieses Format nicht nach der Pause in unmenschlicher Länge posten.

Gesehen:

Einen weiteren Almodóvar-Film, den ich schon kannte, habe ich erneut gesehen: „Leid und Herrlichkeit“ auf arte (verfügbar bis 6.8., halten Sie sich ran). Wieder mit Penélope Cruz, sowie, und es ist diesmal deutlich wichtiger, mit Antonio Banderas. Der einen anschlussfähigen, leicht zauseligen, sorgenvoll lebensrückblickenden und nicht unerheblich derangierten Menschen in meinem Alter gibt.

Es gibt zu diesem Film auch eine passende Doku, die das Verhältnis von Almodóvar und Banderas aufarbeitet. Man kann, wenn man die Doku gesehen hat, den Film, in dem Banderas den alternden Regisseur spielt, noch wesentlich besser würdigen.

„Grace of Monaco“, ein Spielfilm aus dem Jahr 2014. Regie Olivier Dahan, dessen andere Filme ich nicht kenne. In der Hauptrolle Nicole Kidman, die von der Kamera bis zur Vergötterung verherrlicht wird. Alle anderen Darstellerinnen und Darsteller fallen neben ihr kaum auf und beleben bestenfalls Nebensächlichkeiten murmelnd den Hintergrund.

Laut Wikipedia wurde dieser Film überwiegend verrissen, lediglich Nicole Kidman gestand man zu Recht bedeutende dekorative Effekte zu. Das kann ich so nachvollziehen, aber schon aus Interesse an Mode konnte ich dennoch nicht aufhören, mir immer weiter diese sensationellen Kleider und Outfits anzusehen, von denen es dann so erfreulich viele gab. Und die dann durch eine Handlung hindurch vorgeführt wurden, die mir weitgehend egal blieb.

Hier die Wikipedia zum Film. Darin auch ein langer Exkurs über die historische Ungenauigkeit des Drehbuchs und die abweisende Reaktion der Grimaldis auf die dargestellte Geschichte: Man war „not amused“. Und hier der Film bei „Wer streamt es“.

Das Spiegelgebäude an der Enricusspitze

Außerdem sah ich die arte-Film-Doku über Bernardo Bertolucci. Es waren gerade viele Sendungen eher südlich orientiert, fällt mir jetzt erst auf, aber das war schön passend zur Temperatur in der Wohnung. Diese Doku berichtet auch von der entsetzlichen Geschichte zum Hintergrund des Films „Der letzte Tango in Paris“, von dem Leid der Hauptdarstellerin und den Übergriffen beim Dreh.

Marriage Story“ von Noah Baumbach (von dem ich u. a. „Jay Kelly“ kenne) aus dem Jahr 2019, mit Scarlett Johansson und Adam Driver. Hier bei „Wer streamt es“.

Die Kritik sah den Film als besonders gelungene Trennungsgeschichte, das fand ich auch. Enthaltend außerdem eine besonders gruselige, charakterlich absurde Mutterfigur (die Mutter der weiblichen Hauptfigur im Film), und schon deswegen interessant.

Churchill“, ein Film aus dem Jahr 2017 von Jonathan Telitzky, mit Brian Cox in der Hauptrolle. Und das reicht auch schon, um diesen Film zu sehen, denn er spielt den alten Churchill, der nicht loslassen kann, der andere auch nicht lassen kann, der die Beschränkungen seines Alters nicht einsehen kann, großartig und nachvollziehbar.

Auch dieser Film ist historisch furchtbar ungenau, lese ich. Aber das Thema des alten Meisters, der vom Betrieb nicht lassen kann, ist so ausgestaltet, dass man sich viele Bezüge zum Weiterdenken basteln kann. Denn man kennt sie schließlich gut, die alten Männer und Meister in genau dieser Situation, noch in viel zu vielen Themen drin und dabei entschieden zu fern der Einsichtsfähigkeit in die Notwendigkeit des eigenen Abgangs.

Es wiederholt sich an so vielen Stellen, in so vielen Unternehmen, Vereinen, Parteien, Staaten etc.

Hier der Film bei „Wer streamt es“.

Graffiti: Der Kopf von Trump als Schattenriss, darunter das Wort Schwachkopf

Gelesen:

Angefangen habe ich mit der „Zwischenbilanz“ von Günter de Bruyn (Verlagslink), seinen Erinnerungen. Skeptisch und gelassen erzählt der Autor von seiner Jugend, so beschreibt es die werbende Seite des Verlags. Das trifft zu, finde ich bisher, etwa nach dem ersten Drittel. Und es ist eine Erzählhaltung, mit der ich stark sympathisieren kann.

Beim Deutschlandfunk Kultur gibt es einen Artikel aus dem Jahr 2022 zum 90. Geburtstag von de Bruyn, da ist oben ein Bild eingebettet, auf dem der Schriftsteller pfeiferauchend in die Kamera guckt. Und zwar exakt so, dass es zur Beschreibung seiner Erzählweise perfekt passt: skeptisch und gelassen. Es war für mich wieder ein besonders sinniger Zufall, dieses Bild zu finden, denn in letzter Zeit hatte ich mehrmals gedacht, dass ich die Welt gerne pfeifenrauchend betrachten möchte.

Wobei ich nicht im Ernst vorhabe, wieder Pfeifen zu rauchen, damit habe ich schon vor langer Zeit aufgehört. Es war nur dieses anziehende Bild, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging, nachdem ich neulich noch einmal über den ehemaligen IT-Chef geschrieben hatte, der auch Pfeife rauchte. Dieses Bild des nachdenklichen, älteren Mannes, der sinnend auf die Lage blickt, sich seinen Teil gründlich und ohne jede Eile denkt und dabei eher zu Rauchringen neigt, nicht mehr zum energischen Eingreifen ins Geschehen.

Ein Mann am Ufer der Binnenalster sitzend, von hinten aufgenommen, vor ihm schwimmen mehrere Schwäne vorbeo

Zwei neue Vokabeln der Gegenwart habe ich aus Artikeln gelernt. Zum einen das „Social Offloading“ (ein Artikel dazu bei t3n9), bei dem man schon wieder einen ausgeprägt boomerhaften und fortgeschritten zynischen Essay über Zeiten, Sitten und die rasende, selbstgewählte Verdummung der Gegenwartsgesellschaft schreiben möchte. Inklusive der allmählich etwas verzweifelt wirkenden Erwähnung des Umstandes, dass einiges früher eben doch besser war. Aber wer würde so etwas noch lesen wollen.

Zum anderen das „Maxxing“. Dazu ein Artikel im Guardian: “How well do you know your maxxes?” Zum Maxxing werden dort diverse Beispiele aufgeführt. Schön fand ich etwa das Hobbitmaxxing:

“The seven habits of highly effective hobbits include going barefoot, keeping warm, prioritising meals and generally tending to the small things in and around your hobbit hole. To be honest, it’s not that different from being a badger.”

Was es alles gibt, nicht wahr.

Frau Novemberregen schrieb über ihren verstorbenen Vater, den auch Sie vielleicht ein wenig aus ihrem Blog kannten: „Er hatte die große Gabe, das Gefühl zu vermitteln, dass vielleicht nicht alles immer gut wird, aber dass wir alles, was kommt, irgendwie hinkriegen.“

Eine wahrlich große Gabe, denke ich.

Im gerade überall diskutierten Lied von Danger Dan, zu dem der Mut beim ZDF nicht gereicht hat, geht es in den Lyrics am Ende um den „Elefanten im Raum“. Sie werden sich gewiss ein Bild machen können, welcher gemeint ist. Thomas Gigold benennt in seinem Blog ein weiteres Tier dieser Art und in dieser Situation. Womöglich steht es sogar in fast jedem Wohnzimmer herum. Allerdings spricht er es explizit aus, worum es ihm bei der Erwähnung geht: Wobei ich glaube, dass Angst allgemein kleiner ist als Bequemlichkeit.

Blick von der U-Banhstation Elbbrücken elbabwärts, sommerliches Morgenlicht

Gehört:

Ein neues Hörbuch gab es, eine ausdrücklich sommeroptimierte Auswahl: „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun. Wunderbar passend gelesen von Fritzi Haberlandt, vermutlich ist sie die Idealbesetzung.

Gleich zu Beginn höre ich da ein besonders schönes Zitat für bloggende Menschen, das man sich auch in den Header seiner Seite schreiben könnte. Wenn das Selbstvertrauen denn dafür reicht und man die Argumentation so hinnimmt: „Ich denke, dass es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin.“

Herausragend schöne Sätze gibt es in dem Buch, wunderbare Wendungen und feine Ideen zur gekonnten Verwertung gewöhnlicher Wörter. Auch als Lehrbuch geeignet zum Thema „Wie gehe ich mit Sprache liebevoll und pflegend um“. Vor längerer Zeit fand ich das Werk schon als Buch gut, als Hörbuch wirkt es vielleicht noch eindringlicher.

Beim ARD-Podcast “Alles Geschichte” hörte ich einen Dreiteiler über Polen: „Die polnischen Teilungen“, „Der Druck Russlands“ und „Das Massaker von Wolhynien“.  Schwerer Stoff ist das, nichts für heitere, sonnige Stimmungslagen. Vielleicht besser vormerken für den späteren Herbst, denn hörenswert ist es schon.

Der Weg am Ufer der Binnenalster am Ballindamm, bunte Lampions in den Bäumen

Eine „Lange Nacht“ gab es über das Schreiben und Leben im Exil. In der ohnehin stets lobenswerten Reihe der Langen Nächte war dies eine der besten in den letzten Monaten. Sehr empfehlenswert!

Bei „Das Wissen“ gab es für mich die Folge über Elisabeth Kübler-Ross und ihre Sterbeforschung. Enthaltend auch die Kritik an ihr und ihren Methoden.

Eine weitere Folge dieser Reihe lieferte Updates zur Rezeption von Lolita von Nabokov: „Eine Kunstfigur im Spiegel der Zeit“. Diesen Roman habe ich damals im Studium der Bibliothekswissenschaften in einem Seminar gelesen und dann in Bezug auf den Bestandsaufbau von öffentlichen Büchereien stundenlang diskutiert. Es gab auch in jener Zeit Kommilitoninnen, die hätten dieses Buch lieber nicht ins Regal gestellt. Die suchten schon damals nach den richtigen Regeln, um ihre Lust an Verboten korrekt darstellen zu können. In den USA der Gegenwart sieht man nun die unerfreuliche Umsetzung ihrer Grundhaltung.

Ein Zeitzeichen zu Salinger: „Der Fänger im Roggen: Wie der Krieg Salingers Welterfolg prägte“.

Rosalía, die man gerade wegen des aktuellen Albums und der spektakulären Tournee-Auftritte eher modern und pop-orientiert wahrnimmt, kann bekanntlich auch anders, und kommt auch aus einer anderen Ecke.

Hier hören wir sie mit einem Klassiker der spanischen Lyrik, nämlich mit dem berühmtesten Gedicht von José Agustin Goytisolo. Gesungen in klassischer Manier: Palabras para Julia (hier in deutscher Übersetzung mit den spanischen Zeilen darunter).


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