Einige Wellenabschlussbemerkungen

Ohne dass ich auch nur ansatzweise wüsste, warum es so ist, wie es ist, habe ich in den letzten Tagen ein bedeutendes Immerhin für mich entdeckt. Denn ich kann mit der Hitze in diesem Jahr bisher viel besser umgehen als früher. Erheblich besser sogar. Sowohl körperlich als auch in den Auswirkungen auf die Laune und auf die Leistungsbereitschaft, sei es im Brotberuf oder bei der Bloggerei etc.

Vielleicht wiege ich deutlich weniger, das könnte sein und wäre eine naheliegende Erklärung. Ich habe keine Waage, aber gefühlt ist es doch möglich, und es macht eventuell viel aus, mag sein. Aber wie auch immer, in den Vorjahren hätte mich eine Hitzewelle in dieser krassen Ausprägung stärker belastet, wäre auch der Tonfall hier signifikant leidender gewesen.

Im nächsten Jahr – oder auch bei der nächsten Welle schon, versteht sich, denn zwei bis drei könnten für uns auch in diesem Jahr noch vorgemerkt sein und die nächsten 30 Grad werden in den Wetterberichten schon angekündigt – wird es dann aber wieder heißen: Neues Spiel, neues Glück in der Klimafolgenlotterie auf der persönlichen Ebene. So spannend!

Der Turm der Alten Post, sommerliche Straßendeko davor

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Das schrieb ich so, also die obigen Absätze. In vergleichsweise munterer Stimmung schrieb ich sie, und zwar in meiner Dachgeschosswohnung, die in den letzten Tagen von einem leistungsstarken Dörrautomaten kaum zu unterscheiden war. Direkt nach dem Tippen sah ich erst, denn heiteres Timing gelingt mir offensichtlich nach wie vor sehr gut, eine Meldung aus Köln, die mir dann doch etwas bedenklich vorkam. Auch in Bezug auf meine eigene Lage.

Rettete dort doch die Feuerwehr, es wurde auf mehreren Kanälen gemeldet, etliche Menschen aus überheizten Dachgeschosswohnungen. Dazu gab es Bilder mit angelehnten Drehleitern. Außerdem wurde in der Stadt ein Notlazarett eröffnet, ein Hitzelazarett also, und ich nehme an, dass ich von beiden Umständen in Bezug auf Hitze zum ersten Mal gelesen habe. So ist das mit den Rekordwerten, sie bringen dann auch neue und ungeahnte Ereignisse mit sich. Aber Rettung aus besonnten Dachgeschosswohnungen? Bitte was, sind wir schon so weit?

Ja, so wird es wohl sein.

Sicherheitshalber stellte ich mich nach dem Lesen dieser Meldung vor einen Spiegel und sah mich prüfend an. Sah ich so aus wie jemand, der von der Feuerwehr aus der Wohnung geholt werden musste? Auf den ersten Blick fand ich das nicht, beschloss dann aber, zur Sicherheit auch den verbleibenden Sohn zu fragen, ob sein alter Vater einen seltsamen Eindruck auf ihn machen würde. Also noch seltsamer als ohnehin schon.

Der Sohn sagte durch seine konsequent verschlossen bleibende Zimmertür, ihm sei zu heiß, um irgendwelche Fragen zu beantworten. Ich solle bloß verschwinden und erst wiederkommen, wenn ich ihm ein vernünftiges Wetter garantieren könne.

Okay, das half nicht weiter. Ich befand mich einfach per Eigendiagnose für noch erstaunlich funktionsfähig.

Die Binnenalster vom Jungfernstieg aus

Dann sah ich aber weitere Meldungen zu Dachgeschosswohnungen, diesmal aus Frankreich. Dort brieten sich mehrere Menschen Spiegeleier auf Dachschindeln und Gesimsen. Und das ging, natürlich ging das. Vielleicht hätte ich Ihnen das auch in einem launigen Video vorführen können, ich nehme es stark an. Aber ich hätte nicht die mindeste Lust gehabt, meinen Oberkörper so lange aus einem geöffneten Fenster zu halten, wie ein Spiegelei zum Braten braucht. Denn man brät dabei ja mit.

Und schließlich, was hätte ich danach mit dem fertigen Spiegelei machen sollen? Ich esse bei diesem Wetter kategorisch nichts Heißes und verweigere auch das Kochen. Ich ernähre mich nur noch von Feta, Gurken, Oliven und Melonen und dergleichen, ein Jäger und Sammler mit ausgeprägtem Kühlschrankbezug.

Aber als ich einmal, am Sonnabendnachmittag war es, versuchsweise eines der Fenster in Richtung Süden öffnete, stellte ich in Sekunden fest, dass die Hitze vor der Scheibe zweifelsfrei eine neue Dimension hatte. Dass sich das Draußen überraschenderweise exakt so anfühlte, als hätte man beim Warten auf die Fertigpizza das Fenster zum Backofen geöffnet. Und das war neu, dass es sich in beeindruckender Deutlichkeit derart gefährlich anfühlte, und zwar sofort. Das hatten wir bisher noch nicht.

Ich habe es noch durch andere Familienmitglieder verifizieren lassen. Wir waren uns im Ergebnis einig: Das ist jetzt anders.

Das sind die Momente, da bemerkt man die Dimensionsverschiebung durch den Klimawandel, das Betreten von uncharted territory. In diesen Zusammenhang gehören auch die Bilder, ich weiß nicht mehr, aus welcher Stadt sie kamen, von den geschmolzenen Ampeln. Auch das kam mir neu vor.

Oder wir ergänzen noch durch lapidare Sätze aus den Blogs, etwa hier: „Die Kunststoff-Wäscheklammern zerbröseln.“

Blick von der Kennedybrücke Richtung Lombardsbrücke und Rathaus

Ein letztes Beispiel noch für die große Verschiebung und den Beginn eines neuen Kapitels. Es fällt schon fast nicht mehr auf, wie irre das ist, aber alle Wetterberichte reden oder schreiben von der Abkühlung ab diesem Montag. Und die vorhergesagte Höchsttemperatur für den Tag liegt bei 27 Grad.

Abkühlung. 27 Grad. Man muss es sich auch bewusst machen.

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Vor einer Kirche sah ich eine hitzebeschädigte Hochzeitsgesellschaft. Auch nicht schön, bei so einem Wetter zu heiraten, stellte ich mir vor. Wenn alle Gespräche nur aus Bemerkungen über die verdammte Hitze bestehen werden und sich alle Gäste permanent in jeden noch so schmalen Streifen Schatten drängen, statt sich in lockerer Runde immer wieder neu gruppiert fotogen aufzustellen.

Die Herren versuchten teils, die traditionelle Kleiderordnung dennoch weiter durchzuhalten, das ergab tomatenrote Köpfe über feierblauen Anzügen. Während die Braut eine Haut hatte, die war so, wie es bei den Gebrüdern Grimm steht, nämlich so weiß wie Schnee. Wenn das mal nicht am langsam wegkippenden Kreislauf lag.

Es hätte jemand mit ausgebreiteten Armen neben ihr stehen müssen, dachte ich, ein Fänger für alle Fälle. Der Bräutigam hätte so stehen müssen, wo war der eigentlich. Vermutlich weiter hinten, im Schatten.

Alles wird bei diesem Wetter schwieriger, einfach alles.

Dalmannkai-Treppen, Promenandenblick

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Ein Kommentar

  1. Was ist denn aus dem schönen Garten an der Bille geworden? Dort müsste es doch besser auszuhalten sein.

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