Die Züge waren dann aber pünktlich. Alle waren sie pünktlich, und zwar auf die Minute, wenn nicht sogar auf die Sekunde. Es war fast schon etwas unheimlich, ich erwartete irgendwann Erdbeben oder dergleichen, aber es lief immer weiter alles glatt. Sozusagen bis direkt an den Strand.
Betrüblich war einzig zwischendurch die Ausstrahlung des Bahnhofs in Elmshorn, bei dem man sich für meinen Geschmack etwas übertrieben viel Mühe gegeben hat, verlorene Provinztraurigkeit, sozialen Abstieg und neorealistische Bitternis durch Komparsen und Kulissen darzustellen.
Ein Rentnerpaar saß dort eine Weile auf der Wartebank neben mir. Sie unterhielten sich in diesem Tonfall, den es bei gar nicht wenig besonders altgedienten Paaren gibt, also in routinierter Aggression, in einer Art dauerhaft verhaltenem Knurren:
„In der Apotheke musst du immer mit der Kompetenten reden. Nie mit der anderen!“
„Na, welche soll das denn sein.“
„Die mit der Kompetenz!“
„Und woran erkenne ich die?“
„An der Kompetenz!“
„Aber wie sieht sie aus?“
„Kompetent!“
Es ging noch eine ganze Weile so weiter. Sie wurden beide immer verärgerter dabei, sie litten beide sichtlich unter der Dummheit der vermutlich angetrauten Figur neben ihnen.
Weiter oben auf der Landkarte, schon in Nordfriesland, stand der Zug eine Weile bei einem Zwischenhalt. Jemand steckte den Kopf durch die offene Waggontür und fragte den nächstbesten Menschen, der ein paar Plätze von mir entfernt saß: „Wohin fährt dieser Zug?“ Und dieser Mensch, auch längst im Rentenalter, aber im Gegensatz zu dem oben erwähnten Paar von der ausdrücklich heiteren Sorte und mit sichtlich durchsonntem Gemüt, sah ihn freundlich an und sagte dann: „Ich habe überhaupt keine Ahnung.“
Es klang nicht wie ein Scherz, es klang nicht wie eine Provokation. Sicher war es aber auch auch keine Belehrung in dem Sinne, dass der Fragende gefälligst die Schilder oder Anzeigen lesen solle. Es schien mir vielmehr – aber was weiß man schon – einfach die Wahrheit zu sein.
Und wer weiß, vielleicht fahre ich in zehn Jahren auch einmal an schönen Sommertagen mit Regionalexpressverbindungen ein paar Stunden lang planlos zwischen den Meeren hin und her und sehe mir die Landschaft an, die Schafe, die Kühe und die Pferde. Warum auch nicht. Es gibt sicher schlimmere und auch dümmere Beschäftigungen.
Wenn schon seltsam werden, also noch seltsamer, sollte ich wohl sagen, dann doch nach Möglichkeit auf eine halbwegs sympathische Art.
Und schon hat man wieder ein Ziel für den Rest des Lebens gefunden. That was easy.




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