Ein weiteres Highlight gab es, das erneut auf die schwindende Distanz zwischen Satire und Wirklichkeit zu verweisen schien. Und welches wieder belegte, dass wir kollektiv dem Irrsinn zutreiben oder auch längst alle darin ein prima Biotop gefunden haben. Vermutlich geht es mittlerweile bei solchen Fällen eher um die letztgenannte Option, nehme ich an.
Bei einem meiner Versuche jedenfalls, einen der wenigen verfügbaren Arzttermine in dieser Stadt zu bekommen, wurde mir an einem Empfangstresen in einer Praxis eine Terminmöglichkeit am nächsten Tag benannt. Also in spektakulärer zeitlicher Nähe! Es war eine Option, welche ich dann freudig und selbstverständlich sofort bestätigen und buchen wollte – aber nicht konnte. Wie mir das Personal dann mit sparsam eingesetzter Freundlichkeit erklärte, denn dafür, so hieß es dann, müsse ich jetzt erst nach Hause gehen und mir diesen Termin dann online sichern. In der Praxis, so wurde weiter erläutert, ginge das nicht mehr. Oder, versteht sich, mobil übers Handy, das ginge auch, selbstverständlich.
Aber mit dem Handy hatte man wieder keinen Empfang in dem Gebäude und ich hätte mir auch erst die verdammte App … von den Login-Daten ganz zu schweigen.
Wie auch immer, der Nächste bitte.
Da steht man dann in so einer Situation, guckt womöglich etwas dümmlich und überlegt vielleicht, so wie ich, wer hier gerade den Verstand verliert. Ob nur man selbst oder doch vielleicht alle anderen.
Und was jene Menschen in solchen Fällen eigentlich machen sollen, die gar nicht online sind, das kann man sich allerdings auch einen Moment überlegen. Denn ich zumindest habe solche Menschen noch in der Familie. Und so wenige sind es insgesamt auch gar nicht, wir hatten das Thema neulich schon einmal. Es sind immerhin ein paar Millionen in diesem Land, das ist kein so kleiner Anteil der Bevölkerung. Man hat diese Menschen nur oft nicht parat, weil sie uns, haha, online nicht so auffallen.
Ich humpelte nach Hause, was sollte ich auch machen, und buchte mir den so verlockend nahen Termin. Immerhin erfolgreich. Es ist nicht alles schlecht.
***

***
Davon abgesehen rahmte ich mir einen Druck. Stieg ich in wilder Abenteuerlust, vielleicht aber auch, siehe oben, eher schon im wilden Wahn, trotz des kaputten Fußes auf einen Stuhl, hämmerte ich einen Nagel in die Wand und hängte ich mir dann endlich ein Bild auf, das mir an dieser Stelle wirklich zu passen schien. Weil mich mit dem Künstler einiges verbindet, weil das Motiv mir wohlig heimatlich vorkommt und weil mir die Stimmung zusagt, auch Farbe und Wirkung: Die „Haseldorfer Marsch“ von Horst Janssen, aus dem Jahr 1978.
So sieht das Bild aus, und ich mag es sehr.
Ich kenne die Haseldorfer Marsch allerdings gar nicht aus eigener Erfahrung, ich war dort noch nie. Ich sah mir vor dem Kauf des Bildes Fotos aus der Gegend an, ich las auch nach, wo genau sie ist (der Wikipedia-Artikel enthält übrigens den ungeheuren Begriff „Allerkindleinsflut“, man möchte sofort passende Prosa dazu verfassen).
Gegenüber von Stade liegt sie an der Elbe, diese Marsch. Also in der Gegend, in die ich ohnehin demnächst einmal wollte. Und sie sieht, auch auf den online gefundenen Fotos, verbindlich norddeutsch aus, das passt schon.
Da könnte ich, auch genau auf diesem Weg, den Janssen da gekonnt abgebildet hat, entlanggehen und mich im weitesten Sinne wie in meiner Gegend fühlen. Das finde ich gut, das so an meiner Wand zu sehen.
***

***
Der Dienstag, der ansonsten eher betrüblich und auch unangemessen anstrengend ausfiel, er wurde davon abgesehen deutlich aufgeheitert durch eine freundliche Meldung, welche mir ein Online-Shop auf das Smartphone schickte: „Basierend auf deinem letzten Einkauf glauben wir, dass dir auch Müllbeutel gefallen könnten.“
Alles wissen diese Algorithmen nämlich über mich, einfach alles. Und gut kümmern sie sich um mich. Doch, doch.
***

***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.
Ein Bild von Horst Janssen ist immer eine gute Wahl!
Und die Haseldorfer Marsch lohnt einen Ausflug. Es ist schon einige Jahre her, dass ich dort zuletzt gewesen bin und nach einem Deichspaziergang mit Kreuzen von Schafherden, an einem kleinen Strandabschnitt gegenüber der Elbinsel Lühesand in der Elbe gebadet habe.
Leider schon vorbei ist die Hoch-Zeit der dort besonders geschätzten und geschützten Schachbrettblume, für die alljährlich im April das Hetlinger Schachbrettblumenfest veranstaltet wird: ein sehr eindrucksvoller Augenschmaus.
Was stimmt denn boß mit dem Personal der Praxis nicht? Die hätten doch sicher die Möglichkeit gehabt, Sie an Ort und Stelle ins System zu bringen.
Bei Digitalcourage läuft bis morgen noch eine passende und unterstützenswerte Petition zu Ihrem Erlebnis in der Arztpraxis:
https://digitalcourage.de/
witzigerweise braucht man für diese Petition eine funktionierende Emailadresse.
Ich liebe diese Art von Humor.
Die Sache mit dem Arzttermin erinnert mich an mein Erlebnis in einer Bankfiliale: Ein türkischer Mitbürger wollte 10 € wechseln für den Parkautomaten. Ging nicht, weil die BANK!!! nicht über Bargeld verfügt. Ich habe ihm dann den Schein gewechselt…
„… dass dir auch Müllbeutel gefallen könnten…“
Oh, was habe ich gelacht!
Meine erste Reaktion war übrigens: „Für Sie immer noch „Sie“, Sie Müllbeutler, Sie.“
@Wischmop
Lol
Zum Thema Digitalisierung ergänze ich zwei Empfehlungen, die mich der Absurdität zumindest in eine konstruktive Richtung weisen:
Zunächst ein Buch-Tipp: „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ von Hartmut Rosa (Soziologe an der Uni Jena). Erschienen im Januar bei Suhrkamp: https://www.suhrkamp.de/buch/hartmut-rosa-situation-und-konstellation-t-9783518588338.
Ferner das Gespräch von Hartmut mit Matze Hielscher (via Hotel Matze, ein Podcast, der ohnehin sehr empfehlenswert ist): Warum bleiben wir erschöpft? Darin unterhalten sie sich, warum uns Erlebnisse, wie von Dir beschrieben, alle so mütend machen. In der für Matze und Hartmut optimistisch, konstruktiven wie wertschätzenden Art.
https://hotelmatze.podigee.io/541-hartmut-rosa
Entgegen der Erwartung, nur noch frustrierter zu werden, halfen mir Buch und Podcast, die aktuellen Entwicklungen zu verstehen und daraus erste Ideen für Lösungen in meinem direkten Umfeld zu entwickeln. Es wäre schön, wenn sich Hartmuts Optimismus und Liebe zu Natur und Menschen verbreitet. Er nennt es Weitwinkel. Ich mag das.
Viele Grüße und behaltet Euch die Hoffnung und den Humanismus 🙂