Prüfende Instanzen

In Hamburg kommt das Abpflastern nicht recht voran, lese ich beim Frühstück. Wie einem Menschen mit offenen Augen vielleicht auch auffällt, wenn er ganz ohne Karten, Zahlenmaterial und Vergleichswerte durch die Stadt geht. Wobei der Versiegelungsgrad hier insgesamt bei angeblichen 31,2 % liegt, so steht es in dem Artikel. Dieser Wert kommt mir nicht sehr hoch vor. Online findet man auch höhere Angaben, eher um 40 %. Wenn man in der Stadtmitte wohnt, so wie ich, könnte man leicht eine noch deutlich höhere Zahl annehmen, denn die Kunst besteht hier eher darin, das Entsiegelte, das Abgepflasterte überhaupt zu finden. Unter dem Pflaster der Elbstrand! Man muss aber etwa in der Hafencity schon erheblich Fantasie aufbringen, um diesen Gedanken ernsthaft zu glauben.

Fassaden in der Hafencity

Eine Promenade in der Hafencity, Kirchenpauerkai

Ludwigshafen hat wohl den schlechtesten Wert in Deutschland, über 60 Prozent sind dort zubetoniert oder asphaltiert, dahinter folgen Mannheim und Rüsselsheim. Köln ist auch schlechter dran als Hamburg – ich fand hier weitere Angaben dazu, auch z. B. für Ihr Bundesland.

Nun sehe ich gerade mit großem Interesse, dass man bezogen auf dieses in Hamburg nicht recht vorankommende Thema prüfende Instanzen aufbauen möchte, und da klingelt sofort meine brotberufliche Neugier. Prozesse und Regeln, Checks, Prüfungen, Auszählungen und Ablaufsteuerung – hat mich etwa jemand gerufen?

(Knarrend öffnet sich eine uralte, schwere Eichenholztür. Nach einem Moment der Gewöhnung an das schwache Licht erkennt man den Kopf von Graf Zahl in der dämmerigen Atmosphäre seines abendlichen Kontors. Huschende Schatten vor den Fenstern, es werden sicher jagende Fledermäuse sein. Der Graf sieht kurz von seiner Buchführung hoch, er legt die Feder weg. Die Innenseite seines weiten Umhangs leuchtet im flackernden Kerzenschein siegellackrot auf, er wendet sich langsam dem Publikum zu. Es werden ferne Gewittergeräusche zugespielt, es blitzt mehrmals.)

Pardon, ich verlor mich kurz in Abzählträumereien. Ich leite also aus dem Artikel ab, dass da womöglich bald ein Abpflaster-Controller gesucht werden wird. Ich setze mich sofort etwas aufrechter hin, ich überprüfe im Spiegel eben den Sitz der Frisur und gucke möglichst auffällig interessiert. Das ist wieder ein Beruf, denke ich mir dann, den ich auf einer Visitenkarte gut und passabel finden würde. Ich halte ihn auch für angemessen zeitgemäß, mit diesem mir attraktiv vorkommenden Gemisch aus konservativer Wortfindung und grüner Intention schon in der Bezeichnung. Abpflaster-Controller! Ich sage es mir versuchsweise mehrmals auf, ich bin weiter angetan von diesem neuen Begriff.

Im Büro wird es dann Entsiegelungsziele und auch ein Versiegelungsmonitoring geben, so heißt es. Ich habe die hierfür notwendigen Werkzeuge gleich vor Augen, ich bin in Gedanken schon in Datenbanken und Excel. Mir fallen jetzt schon Möglichkeiten für den Büroalltag und die berufliche Ausgestaltung ein, es ist ein dermaßen einladendes Thema. So würde ich etwa Flächen, die sich hartnäckig nicht entsiegeln lassen, Heftpflasterflächen nennen. Denn treffende, klare Bezeichnungen sind immer wichtig, in allen Berufen.

Ich könnte das alles aber auch ernsthaft interessant finden, abseits der Wortspiele. Doch, ich habe den dringenden Verdacht, das könnte ebenso interessant wie sinnvoll für mich sein. Außerdem werde ich bald 60 Jahre alt, daher wird es allmählich denkbar knapp für mich. Mein in unserer wilden Gegenwart etwas seltsam anmutendes Schicksal, lebenslang nur in einer einzigen Firma gearbeitet zu haben, es wird sonst wohl in Kürze endgültig besiegelt sein.

Wie auch immer, man überlegt so vor sich hin. Wie hieß es früher in der Werbung: „Entdecke die Möglichkeiten.“

Graffiti - ein Mädchen mit einem herzförmigen Ballon

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