Verdrängung, Auftrieb, Schwimmfähigkeit etc.

Gerade im Bereich der Geschichte der Popmusik höre ich oft auch alte Podcasts, die mit Tagesaktualität nichts zu tun haben müssen. Weil es etwa um Songs, Bands oder Alben aus den Sechzigern geht, um olle Kamellen, um gut abgehangenes Zeug.

Gelegentlich stoße ich beim Hören dieser älteren Podcasts bis in die erste Zeit der Pandemie vor, also eher zurück. Fünf oder sechs Jahre alte Sendungen, so etwas in der Art. Die Hosts erwähnen die  damaligen Umstände der Podcast-Produktionen oft zumindest nebenbei. Diese Umstände also, die wir alle vermutlich ausnahmslos erlebt haben, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Sie klingen zwar nur an, denn es geht in den Sendungen um andere Themen, um Musik und Geschichte meist, aber deutlich werden sie doch am Rande.

Selbst aus flüchtigen Nebensätzen heraus werden sie mir beim Hören plastisch und zumindest kurz wieder vorstellbar. Bei Sätzen etwa, in denen es um das erste Erleben von Home-Office-Situationen geht, um Home-Podcast-Studios auch, um Lockdowns, um verunmöglichte Reisen und Treffen. Dann auch um Impfungen, Ansteckungsrisiken, Krankheitsverläufe etc. Auch um Todesfälle geht es manchmal in der Musikszene. Siehe etwa John Prine, aber es gab mehr Opfer, auch in dieser Szene, viel mehr.

Manchmal wird auch krank moderiert, frisch und erstmalig infiziert oder in der Rekonvaleszenz. Und oft wird erwähnt, was alles gerade während der Aufnahme nicht geht. Konzertbesuche, Zugfahrten, Flugreisen, Kongresse, Interviews etc.

Mit einiger Faszination stelle ich nun beim Hören fest, wie überaus deutlich ich das lieber nicht als Inhalt serviert bekommen möchte. Es stößt mich ab, und wie stark es mich abstößt. Ich müsste vermutlich länger, viel länger darüber nachdenken, um es in der Tiefe zu ergründen, was da genau passiert. Ich müsste mich, zumindest bildlich gesprochen, vielleicht auf eine Couch legen. Und erzählen, was es mit mir macht, wieder von diesen Themen zu hören, während eine weise Therapeutin nickend Notizen macht und vor dem Fenster, wenn die Kamera einmal kurz schwenkt, der Blick auf die Hochhäuser von Manhattan … Seltsam, immer lande ich irgendwann in Woody-Allen-Filmen, wenn ich mir so etwas vorstelle.

Wenn man ein eher ereignisloses Leben führt und dennoch jahrelang nahezu jeden Tag über irgendetwas bloggt, so wie ich, dann lernt man mit der Zeit, die eigenen Reaktionsmuster und Gedanken, die Gefühlchen und die seelischen Mechanismen vergleichsweise aufmerksam mitzuschneiden. Denn über irgendetwas muss man ja schreiben, nein, will man schreiben. Und sie könnten immerhin interessant sein, diese Gefühle etc. Sie könnten Content sein.

Vielleicht könnten sie sogar ein Thema sein, das ein wenig über mich hinausragt, in die Gesellschaft hinein. Oder zumindest in meine Peer-Group, in meine Stadt, in mein Berufsleben etc. Dieses lange Training in Selbstwahrnehmung zahlt sich manchmal aus, bilde ich mir zumindest ein. Denn hier und da, Sie merken es, möchte auch ich gerne etwas gut können. Wie wir alle, nehme ich an.

Deswegen jedenfalls erwische ich mich beim Lesen einer Online-Romanrezension, die ich umstandslos und im Bruchteil einer Sekunde wegklicke, fast reflexhaft, sobald ich merke, dass es in den Familiensituationen der geschilderten Figuren auch um das Home-Schooling im Jahr 2020 geht. Klick und aus, nächstes Thema bitte.

Wi-der-lich ist mir das, geh weg, hau ab, lass mich bloß in Ruhe mit dem verdammten Elend von damals. Und das ist noch milde ausgedrückt. Es ist eine Form des Ekels, die mein Hirn da kurz empört funkt, wenn auch nur aufblitzend und kaum zu verstehen.

Nun frage ich mich gerade, ob mir die die Weltgeschichte hier etwas liefert, das mir womöglich einen dezenten Hinweis darauf geben sollte, wie das beinharte, fast vollkommen undurchdringliche Schweigen meiner Eltern, Großeltern, Tanten etc. über die Zeit vor 1945 auch zu erklären ist. Ohne da etwas direkt vergleichen zu wollen, versteht sich, denn das ginge selbstverständlich nicht auf. Wenn wir uns neben den Kriegsgenerationen vermessen, hatten wir schließlich nie etwas auszustehen. Einerseits.

Andererseits steht man immer das aus, was einem von den Zeiten, die man durchlebt, geliefert wird. Und die Reaktionsmuster, mit denen wir das gut verarbeiten, wegstecken und bewältigen oder eben nicht, sie sind im Gegensatz zu den zugrundliegenden Ereignissen vielleicht doch in ihrer Mechanik vergleichbar? Hm?

Na, es ist nur so eine vage Vermutung. Man denkt so herum, nicht wahr.

Ich bin, das jedenfalls weiß ich aus vielen Gesprächen, nicht der Einzige, der die Pandemie und gerade ihre Anfänge lieber ausdrücklich nicht als Inhalt serviert bekommen möchte. Nicht in Filmen, nicht in Romane, nicht in Gedichten oder Songs. Nicht einmal in Dokus.

Aber ich bin auch sicher, dass ich dies damals, also etwa 2020, nicht so erwartet habe. Nicht einmal ansatzweise. Ich dachte damals eher, ich weiß es sogar noch ziemlich genau und könnte es auch bei mir selbst nachlesen, dass es uns alles lange und intensiv beschäftigen wird. Eine Verarbeitung über Jahre hinweg hatte ich da antizipiert.

Na, guck an. Wie es dann so kommt.

Im Bild ein Epidemie-Denkmal, allerdings mit älterem Bezug: Der Hygieia-Brunnen im Innenhof des Rathauses.

Der Brunnen im Innenhof des Rathauses, blauer Himmel, rote Sonnenschirme der Außengastro

 

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6 Kommentare

  1. Ich verstehe genau was du meinst. Ich möchte auch nichts von dieser Ziet hören, sehen, etc. Wenn ich eine Sendung sehe wo Maske getragen werden, schalte ich sofort weg. Ich kann es nicht erklären. Vielleicht weil es so traurig war, oder vielleicht denken wir heute in nachhinein dass die Einschränkungen und Lockdowns übertrieben waren? But they weren’t!

    Ich bin Amerikaner, lebe seit 2022 in Deutschland mit meiner Deutschen Freundin, aber vom Gefühl habe ich Corona in beide Länder gleichzeitig erlebt. Beruflich arbeitet meine Freunde mit vielen älteren Menschen, und ich war erstaunt als ich sie letzte Woche gefragt hat wieviele Leute sie kannte die an Corona gestorben sind, und sie kannte niemand. Not a single person! Und ich, jemand der damals in den USA in Informatik arbeitet, mit einem ziemlich kleinen Umfeld, in einer ziemlich ländlichen Gegend, kenne/kannte persönlich mindestens drei Menschen die daran gestorben sind. Mit anderen Wörte, es hätte hier (in Deutschland) so viel schlimmer hier sein können.

    I’m certainly not saying Germans should look back on that time with pride (Germans don’t really „do“ pride, anyway), but if the reason we quickly look away is something akin to „shame“ perhaps we should rethink it. Like I said, I can’t explain it, but I do think it is worth exploring further, as painful as it might be.

  2. Meine Kollegys wundern sich immer, warum ich unsere sehr großzügige Homeofficeregelung nicht stärker nutze… Mein Kind war 2020 gerade in der ersten Klasse.

  3. Nicht ganz so stark ausgeprägt bei mir, doch kenne ich es. Weil ich so unsagbar viele Kultursendungen auf der Festplatte habe, bin ich, wenn ich chronologisch vorgehe, zurzeit bei Juni 2021. Jedesmal erfaßt mich ein großes Unbehagen, wenn ich sehe, wie es bei den Akteuren zugeht: Maske auf, Maske ab während des Interviews, Maske auf. Mir kommt diese beschissene Zeit so unfaßbar lange her, so jenseits des event horizon. Ich werde, auch wenns schwer fällt, wohl ein ganzes Jahr löschen und auf Westart, artour, aspekte, ttt usw. verzichten.

  4. Ich habe die Coronazeit in den Niederlanden erlebt und obwohl ich die Belastung im Home office und mit kleinem Kind im Lockdown durchaus erlebt habe, kann ich nicht sagen, dass mich eine große Abkehr erfasst hat, jetzt über diese Zeit zu lesen oder zu hören. Ich habe allerdings auch nur wenige Kulturprodukte speziell zu diesem Thema aufgenommen, z.B. keine Krankenhaus-Dokus etc. gesehen. Die gezogene Parallele zur Nachkriegszeit finde ich allerdings schlüssig und deckt sich mit Erzählungen meiner Mutter, warum der 50er Jahre TV-Humor uns heute oft etwas albern oder seicht erscheint: Alles, ausser Ernstes. Ernstes hatte man genug erlebt.

  5. Das Schweigen zum Krieg und dem was geschah hat gerade aus verschiedenen Gründen meine Aufmerksamkeit. Geradezu gerüttelt hat mich der Vergleich in Ihrem Text, las ich doch vor wenigen Tagen ein älteres Interview mit Rita Süssmuth, in dem es unter anderem genau darum ging.
    Ich darf sie hier zitieren: „Viele Menschen, die den Krieg erlebt haben, konnten später über ihre Erlebnisse nicht sprechen. Das muss man respektieren. Es war eine kriegsverschwiegene Generation. Das Erlebte wurde verdrängt. Und weil unsere Eltern nicht darüber sprechen konnten, können auch wir Kriegskinder nicht darüber sprechen. Was ich verstanden habe: Der Krieg war so entsetzlich, dass jedes Sprechen darüber die Menschen heftig auseinandergeworfen hätte.

    Wir haben es dann zugeschüttet durch Tatkraft in anderen Bereichen, im Wiederaufbau. Genau das ist uns später von den 68ern sehr kritisch vorgeworfen worden. Der Vorwurf war: Ihr lasst uns nicht heran an das, was wirklich passiert ist. Die haben gebohrt: Habt ihr wirklich nichts gewusst? Warum habt ihr das alles geschehen lassen? Worum habt ihr euch eigentlich gekümmert? Das sind berechtigte Fragen. Aber die Antwort ist: Anders hätten wir gar nicht überleben können.“
    Der Link zum Interview: https://www.spiegel.de/familie/rita-suessmuth-ueber-ihre-kindheit-im-krieg-die-traumatischen-erinnerungen-der-cdu-politikerin-a-3c814d69-5f65-4327-9a9e-1b6e1d27a4d4?giftToken=9ee16c18-330d-4327-a072-ba2f9d97a00b

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