Reinlesen, Behalten und Weggeben (7)

Sehr gut gefiel mir „Die Krise der Narration“ (Verlagslink) aus der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ bei Matthes und Seitz, von Byung-Chul Han. Über den Widerspruch zwischen Erzählungen, wie man sie in der Kulturgeschichte bisher verstanden hat, Lagerfeuer, Märchen etc., und dem Storytelling, wie man es heute business-orientiert versteht. Und wie es die Algorithmen so überaus emsig fördern. Aus der Zusammenfassung heraus kann man es am besten mit diesen Sätzen herunterbrechen:

„Das allgegenwärtige Storytelling vermag die Informationsgesellschaft nicht in eine Erzählgemeinschaft zurückzuverwandeln. Erzählung und Information sind Gegenkräfte. Der inflationäre Gebrauch von Narrativen weist paradoxerweise auf eine Krise der Narration hin. Diese narrative Krise hat allerdings eine lange Vorgeschichte. Byung-Chul Hans neuer Essay spürt ihr nach.“

Das Buch "Krise der Narration"

Falls Sie so etwas interessieren kann, ein Tipp am Rande: Es ist sinnvoll, vor der Lektüre noch einmal nachzulesen, was es alles mit dem Begriff „Kontingenz“ auf sich hat. Also im philosophischen Kontext. Man dringt sonst nicht recht durch.

Ich musste allerdings erst etwas umschalten im Hirn, um das angemessen lesen zu können. Die Sätze im Buch sind nennenswert dichter, kompakter, angefüllter mit Bedeutung als in Prosatexten. Da nützt mir mein gewohntes Schnelllesen also nichts, da muss ich mich deutlich bremsen. Und tatsächlich fühlte es sich dann so an, als würde ich beim Lesen nach einer Weile mein Denken in einen anderen Modus, einen anderen Gang wechseln. Der zwar sonst nicht so oft im Einsatz ist, mir aber immerhin noch verfügbar. Was zwischendurch auch eine interessante Erfahrung war.

Dann gefiel mir, dass im Buch Schlüsse und Erkenntnisse nachzulesen sind, zu denen ich wenigstens teil- oder partikelweise in meiner selbstverständlich nur laienhaften Denkart auch schon vorgedrungen war. Es gab sogar einen dieser tröstlichen Momente, die mir nicht eben reichlich zur Verfügung stehen, in dem ich dachte: „Ach guck – so doof bist du gar nicht.“

Was mich dann daran erinnerte, dass der geschätzte Bill Nighy in der letzten Folge seines schon mehrfach empfohlenen Podcasts „Ill advised“ auch über negative Gedanken sprach. Um verheerende Selbsteinschätzungen ging es da, und um die hohe Kunst, sich selbst gründlich und dauerhaft abzuwerten. Also um diese besondere Fertigkeit, in der so viele von uns längst erstaunlich weit gekommen sind.

Bill Nighy hatte das Problem auch lange Zeit, und zwar in intensiver Ausprägung, es kam in seinen Podcastfolgen schon mehrfach vor. Und er sagt da, seine damalige selbstschädigende Geisteshaltung bündig zusammenfassend: „I ran my mind like a fascist state.“

Das fand ich gut und einprägsam, diese Formulierung. Das hielt ich für ein gelungenes Bild, um eine allzu negative Haltung sich selbst gegenüber treffend zu benennen.

Graffiti-Text: "Dich selbst klein zu halten dient nicht der Welt"

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