Freizeitsport

Mit Kindern erlebt man seltsame Dinge, man geht z.B. in einen Kletterwald. Das ist ein Wald, in den man auf verschiedenen Höhen Kletterwege in die Bäume gebaut hat, auf denen man sich entlang zu hangeln hat, von Hindernis zu Hindernis. Die Wege haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Es fängt kleinkindertauglich an und endet sehr erwachsen knapp vor den Turnkünsten der Oran-Utans. Menschen mit Höhenangst bleiben also lieber gleich ganz weg. Man wird natürlich angeseilt, es gibt ein ausgeklügeltes Sicherungssystem, es kann wirklich nicht viel passieren. Ab und zu muss zwar jemand von irgendwo weit oben abgeseilt werden, weil er nicht mehr kann oder sich überschätzt hat, aber das ist ein überschaubares Problem, das Personal ist da sehr routiniert.

Dennoch ist es ein brandgefährliches Vergnügen, aus einem ganz anderen Grund, nicht wegen der Höhe oder der Anstrengung. Sondern wegen der Ausrüstung. Um dort zu klettern muss man nämlich einen Helm aufsetzen, der wenig kleidsam ist – um es einmal sehr, sehr freundlich auszudrücken. Und man muss ein Gurtsystem anlegen, das den Träger auch nicht gerade verschönert. Wenn man den Effekt zuhause einmal nachempfinden möchte: Einfach ein normales Nudelsieb mit einem Band auf dem Kopf befestigen und alle verfügbaren Gürtel im Haushalt kreuz und quer über den Körper binden. Dann vor den Partner treten und in lässiger Pose fragen: „Na, wie sehe ich aus? Ich mache jetzt Sport.“ Das Risiko müsste unmittelbar verständlich sein: So etwas kann man sich nur in gut angejahrten Ehen leisten.

Daher eine gute gemeinte Warnung an junge Paare, Menschen in der Anbahnungsphase und Verliebte aller Stufen – wenn Ihr sportlich klettern wollt, dann geht getrennt hin und meidet den gegenseitigen Anblick.

Ihr geht sonst vielleicht getrennt zurück.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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Ein Arschmops von Woche

So würde es Sohn II jedenfalls vermutlich ausdrücken, wenn er diesen Blogeintrag hätte betiteln müssen. Er ist faszinierend kreativ mit Schimpfwörtern, wir zählen das zu den sinnvolleren Begabungen. Die Woche war jedenfalls so unentspannt und von Terminen und Arbeit zerfieselt, dass die zwei Stunden auf dem Zahnarztstuhl mit Abstand der ruhigste Moment waren, da gewinnt man doch glatt ein ganz neues Verhältnis zu diesem Berufsstand.  Man darf liegen und muss nichts sagen, manchmal ist das schon viel.  Keine Zeit für Blogeinträge, aber wenn ich Zeit hätte, dann würde ich dominomäßig an diesen Text drüben bei Anne noch etwas anlegen, denn die Benennung von Kindergartengruppen scheint mir ein thematischer Abgrund von besonderer Tiefe zu sein.  Wie auch die Benennung von Kindergärten. Vielleicht möchte der eine oder andere drüben in den Kommentaren noch faszinierende Beispiele beisteuern?

Ich ziehe mich auf der Suche nach der seelischen Wiederaufknuspertaste aufs Land zurück und sehe mir verregnete Landschaften ohne Höhepunkte, Schönheit und Charme in nasskaltem Wetter an.  Das gibt immer so ein heimeliges Gefühl, für uns Bewohner der norddeutschen Tiefebene.


Woanders

Bei Isa wird wieder gedichtet – und zwar reichlich. Ich habe mich selbstverständlich auch beteiligt, ich kann an so etwas ja nicht vorbeigehen. Bekannte Gedichte im Remix als Limerick – ganz wunderbar.

Mein Bruder bloggt neuerdings auch, und zwar über seinen Beruf. Da er Glasermeister ist fällt sein Berufsalltag etwas anders aus als meiner – obwohl er sich eigentlich auch mit Sprachproblemen und Zahlen herumschlägt, genau wie ich.

Und diese Aufnahmen von Baudelaire könnte ich mir immer wieder ansehen. Faszinierend, wie Mr. Spock sagen würde.

Herbstzeit, Lesezeit – Zur kindlichen Reaktanz nach den Modellen der Weltliteratur

Es regnet, es wird kälter, dunkel ist es auch noch, die Söhne spielen im Kinderzimmer friedlich mit der Eisenbahn, schon seit mindestens zehn Minuten. Sie wollen nicht nach draußen, sie prügeln sich gerade nicht. Da kann man sich also endlich wieder in Ruhe Büchern zuwenden. Gerade noch rechtzeitig, bevor ich in einer der kommenden Nächte von dem einstürzenden Stapel ungelesener Bücher auf dem Nachttisch wegen einer unvorsichtigen Bewegung im Schlaf erschlagen werde. Auch der Literaturfreund lebt immer voll im Risiko.

Ich lese gerne Klassiker, das ist eine Haltung, die nicht unbedingt mehrheitsfähig ist. Ich lese sie sogar so gerne, dass es mich oft davon abhält, moderne Autoren zu lesen, schlimm, schlimm. Aber nachdem ich ein paar Jahre Leseerfahrung habe, neige ich zu der Ansicht, von den Klassikern mehr zu haben als von dem, was in den Buchhandlungen auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen liegt. Da können natürlich dennoch großartige Werke dabei sein, keine Frage. Aber wie soll man dazu kommen, so etwas mühsam herauszufinden, so lange noch etwas Fontane übrig ist? Ich finde das immer wieder nahezu unlösbar, entscheide aber im Zweifel meist für die Vergangenheit. Für Werke, die aus ihrer Zeit herausragen wie Denkmäler. In vielen Fällen tun sie das mit gutem Recht und ich möchte an einem Beispiel zeigen, wie sinnig diese Werke immer noch sind. Betrachten wir eine typische Familiensituation im Licht einiger Klassiker. Man kommt verblüffend weit damit. Und man weiß, welche Muster nicht gut ausgehen können. Und auch, dass es letztlich keine vernünftigen Lösungen gibt.

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