Neu auf dem Nachttisch

Wenn man in seinen Büchern wieder und wieder das gleiche Thema verhandelt, muß man schon sehr gut schreiben können, damit das noch gelesen wird, was man da produziert. Wenn man wieder und wieder um die Frage der Herkunft kreist und weiter über die Frage, warum man eigentlich darüber kreist und sich dann in Steigerung auch noch fragt, warum man eigentlich darüber schreibt, wird man entweder ziemlich langweilig oder ziemlich geistreich. Geistreich ist dann auch das erste Wort, was mir zu Hans-Ulrich Treichel einfällt. Immer wieder hochinteressant, besonders für Menschen, die auch auf die eine oder andere Art dem Schreiben verbunden sind: Hans-Ulrich Treichel – Der Felsen an dem ich hänge. Essays und andere Texte. Das Buch erschien zuerst  2005 und beginnt so:

„Als ich die Einladung zu dieser Poetikvorlesung erhielt, habe ich mich in zweierlei Hinsicht angesprochen und aufgefordert gefühlt: zum einen als Autor, der Gedichte, Romane, Essays, Libretti und anderes geschrieben hat. Und zum anderen als Hochschullehrer, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig seit dem Jahr 1995 Unterricht in einem Bereich erteilt, der im englischsprachigen Raum Creative Writing heißt, und den ich eher Literary Writing, Literarisches Schreiben zu nennen geneigt bin. Klingt doch der Begriff des Kreativen Schreibens zumindest im Deutschen noch immer nach Freizeitbeschäftigung, literarischer Bastelgruppe, schreibtherapeutischer Gesundheitsvorsorge und anderem mehr. Und schließlich, so ließe sich polemisch sagen, fängt die Literatur dort an, wo das Kreative Schreiben aufhört.“

Wirtschaftsnachrichten

Ich schiebe einem Apotheker drei Rezepte über den Tresen.  Er sucht in seinem Lager und kommt dann wieder an die Kasse.

Apotheker: Zwei davon habe ich da.

Ich: Ah ja.

Apotheker: Das hier, das müßte ich aber bestellen.

Ich: Nein danke, dann frage ich gegenüber mal.

Apotheker: Ich kann es bestellen!

Ich: Nein danke. Ich frage gleich mal gegenüber.

Apotheker: Das können sie doch nicht machen!

Ich: Äh, doch. Kann ich.

Apotheker: Sie waren zuerst bei mir!

Ich: Ja. Und jetzt gehe ich in die andere Apotheke.

Apotheker: Wenn die es auch nicht haben, kommen sie dann wieder? Und bestellen hier?

Ich: Äh…

Apotheker: Hier waren sie zuerst!

Ich: Mal sehen.

Apotheker: Ich kann es ihnen natürlich auch sofort bestellen.

Ich: Nein, danke. Ich frage drüben mal.

Apotheker: Aber dann wiederkommen!

Ich: Mal sehen.

Apotheker: Ich würde sie anrufen, wenn es reinkommt!

Ich: Tschüß dann.

Apotheker: Warten sie, nehmen sie noch ein paar Bonbons mit.

Und damit reichte er mir zwei Handvoll Traubenzuckerbonbons. Habe ich eventuell irgendeine Gesundheitsreform verpaßt, die aus Apothekern über Nacht notleidende Normalverdiener gemacht hat?

Perlen der Lebensweisheit

Diese beiden, die Urgroßeltern unserer Söhne, feiern morgen ihre Diamantene Hochzeit, sind also 60 Jahre verheiratet. Wir sind deswegen im Heimatdorf und ich habe natürlich, das Wohl meiner Leser immer im Sinn, genau gefragt wie man es denn macht, solange zusammen zu bleiben. Immerhin schaffen es heute nicht mehr allzu viele Paare über solche Zeiträume – wer weiß, was es da zu lernen gibt.

Ich: Und, wie geht das nun, daß man sich solange nicht trennt? Was ist das Geheimnis?

Uropa Heinrich: Och. Dat steht man eben so durch.

Eine andere Antwort kann man in dieser Gegend hier auch nicht erwarten. Aber vielleicht ist es auch tatsächlich das Geheimnis.

Fissecken

Ich fahre mit Sohn I durch die Stadt, denn er mag es sehr, wenn man ab und zu einfach so etwas S-Bahn fährt. Ein günstiges Kindervergnügen. Wir steigen am Dammtor aus, weil wir in den Bus wechseln wollen, als das Kind plötzlich mitten im Bahnhof wie angewurzelt stehenbleibt, sich umsieht und „Fissecken“ murmelt. Ich verstehe nicht, was er mir sagen will, ich will weiter. Ich ziehe am Sohn. Er steht starr, zeigt vage in eine Ecke der Bahnhofshalle und sagt: „Fissecken. Will ich gucken! Jetzt!“ Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Fissecken sind, wir sind mitten in der Rush-Hour und stehen so was von im Weg, wie es in einer Millionenstadt zur Feierabendzeit nur möglich ist. Ich hocke mich mitten im Menschenstrom vor den Sohn, dessen Unterlippe bedenklich bebt und frage nach. „Fissecken“, antwortet er, mit einer steilen Falte auf der Stirn, weil der Vater ihn nicht verstehen will.

„Gut“, sage ich, „keine Ahnung, was du meinst, aber du kannst es ja einfach zeigen. Lauf los und zeig mal Fissecken.“ Er nimmt meine Hand und geht entschlossen aus dem Bahnhof hinaus, über eine Fußgängerbrücke und an einem Denkmal entlang. Dann sieht er sich gründlich und grübelnd um, irgend etwas scheint nicht zu stimmen. Er ändert die Richtung, wir gehen über eine riesige Kreuzung, er sieht links und rechts in die Straßen hinein, nichts. Es läuft irgendwie nicht nach Plan, soviel steht fest. „Fissecken“, sagt er unwillig, „gleich hier!“. Mich überkommt auf einmal eine Ahnung, daß er Fischbecken meinen könnte. Wenn man Kleinkinder hat, lernt man mit der Zeit, sinnlose Worttrümmer solange in Gedanken mit Konsonanten aufzufüllen, bis etwas Passendes herauskommt, aber manchmal braucht man etwas länger. Fischbecken nennt er Aquarien und er liebt Fische sehr. Ich frage nach, er ist begeistert, Fischbecken, ja, Fischbecken, endlich hört Papa mal zu. „OK“, sage ich, „habe ich jetzt kapiert, Fischbecken. Aber leider sind die hier gar nicht, kein Hagenbeck weit und breit, der Zoo ist doch ganz woanders.“ Der Sohn sieht mich an und glaubt mir kein Wort, irgend etwas im Bahnhof  vorhin muß ihn baulich an das große Aquarium bei Hagenbeck erinnert haben, er ist sich ganz sicher, daß es hier irgendwo sein muß, vielleicht schon hinter der nächsten Ecke da vorne, oder hinter der übernächsten oder doch hinter der da links. Er zieht mich auf wirrer Route durch die halbe Innenstadt. Ich habe Zeit, ich lasse ihn machen, ich denke, es ist vielleicht auch richtig so, dann kommt er eben irgendwann von selbst drauf, daß er sich getäuscht hat. Ab und zu erwähne ich, daß er wirklich falsch liegt, es interessiert ihn nicht, er zieht weiter, auf der Spur der Fissecken. Verblüffend, wie weit ein Kleinkind gehen kann, wenn es ein attraktives Ziel in Reichweite vermutet. Als er schließlich doch resigniert und an einer Ampel mit den Schultern zuckt und ratlos stehenbleibt, schlage ich vor, mit dem Bus nach Hause zu fahren. Wir können ja demnächst mal wieder zu Hagenbeck ins Aquarium gehen, an einem Wochenende vielleicht. „Bald?“ fragt der Kleine. „Bald“, sage ich, „ganz bald.“ „Bus“, sagt er schließlich und läßt sich willig zur Bushaltestelle führen. Schön, denke ich, das war doch jetzt bestimmt besser, als sich einfach durchzusetzen und ein schreiendes Kind durch die Stadt zu schleifen. Was bin ich wieder verständnisvoll.

Wir gehen zur Bushaltestelle. An dem Haus hinter der Station hängt ein riesiges Werbeposter. .Der Sohn bleibt abrupt stehen, zeigt mit dem Finger und klappt den Mund auf, aus dem aber vor Überraschung keine Töne kommen. Auf dem Werbeposter sieht man große Fischbecken, wollte sagen Aquarien, es ist Werbung für Hagenbecks Tierpark, mit Bildern von Haien und bunten Zierfischen, Seepferdchen und Quallen. Es sieht auf den ersten Blick ganz so aus, als wäre das Aquarium in dem Gebäude, an dem die Werbung hängt, kein Wunder, daß der Sohn so entgeistert ist. Er sieht das Bild an, er sieht mich an. „Nein, nein“, sage ich schnell und nachdrücklich, „da ist nicht Hagenbeck, das ist nur Werbung dafür.“ Er sieht das Bild an, er sagt „Fisse“, er guckt jetzt, wie man nicht übersehen kann, schwer verärgert. Das Bild hängt an einem öffentlichen Gebäude, da sind nur Beamte drin, die im weitesten Sinne vielleicht unter Schwarmfisch fallen, aber sie sind definitiv nicht das, was der Sohn erwartet. Die Tür ist aber leider zu, ich kann ihm nicht beweisen, daß da gar keine Fische drin sind. Der Sohn guckt mich an, dann guckt er wieder das Poster an, er guckt sehr, sehr skeptisch, sein Kinn schiebt sich Millimeter für Millimeter nach vorne. Ich sehe den Bus kommen. Wir können jetzt nach Hause fahren oder noch stundenlang eine vollkommen sinnlose Diskussion führen. Zeit, eine Entscheidung zu treffen.

Wenn Sie sich fragen, warum Kleinkinder manchmal im Bus wütend herumheulen – die Gründe sind eventuell komplexer als man denkt.