Früher war alles besser

Wissen Sie noch früher, als alles besser war? Die Musik, die Politik und die Kartoffeln? Man merkt das eigene Alter auch an der Bereitschaft, diesen Satz zu bejahen. Stimmen tut er natürlich nicht. Wenn ich die Hitparaden aus meiner Kindheit wieder anmache, dann singt da Vader Abraham das Lied der Schlümpfe, nein, die Musik war sicher nicht besser als heute. In der Tagesschau von vor -zig Jahren debattieren graue Herren über die Tarife im öffentlichen Dienst. Auch die Politik war gar nicht besser als heute. Die war auch nicht schlechter, die war genauso. Die Kartoffeln schmecken seit über hundert Jahren gleich. Früher war nichts besser. Oder fast nichts. Denn wir wollen ehrlich sein! Die Wahrheit auf den Tisch! Es ist Wochenende und wir wissen daher alle ganz gut, was früher wirklich besser war: die Brötchen.

Früher haben Bäcker Brötchen gebacken. Heute wärmt das Verkaufspersonal Teiglinge auf. Ich habe keine Ahnung, was die Bäcker heute so treiben, mit Backen hat es gewiss nichts mehr zu tun. Teiglinge kann man immer in drei Varianten kaufen. Als halbrohe Gummiware, so elastisch, dass man sie in eine Zwille spannen könnte, um damit die Frühstückseier durchs Wohnzimmer zu schießen. Außerdem als krachend splitternde Knusperhülle, die ein fluffiges Innenleben verbirgt, als würde man in ein Daunenkissen beißen. Drittens als mineralharte Kohlenvariante in dezenten Dunkelbraun- und Schwarztönen. Es ist das Grauen. Es schmeckt nicht. Niemand will das essen. Es ist nur leider nichts anderes da.

Und wissen Sie, wann die verdammten Teiglinge erfunden wurden? 1987. Danach haben die Bäcker angefangen, nicht mehr zu backen. 1987. Das war also früher! Womit wir wieder bei der Überschrift sind, die wir nun bitte gemeinsam wie folgt korrigieren: Früher war nichts besser. Aber früher wurde alles schlechter.

So viel zur Wahrheitsfindung. Manchmal ist es einfach.

 

Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.

 

13 Kommentare

  1. Ich glaube, ich muss doch noch den Blogbeitrag über unseren Bäcker schreiben. Dummerweise erlaubt die Gewerbeaufsicht keine „betriebsfremden Personen“ in der Backstube, schon gar nicht während der Arbeit. Da wird es schwierig mit Fotos. Aber es gibt sie noch – die Bäcker, die nicht nur Teiglinge aufbacken.

  2. Da fällt mir doch wieder Jochen Malmsheimer ein: Der Niedergang des Wurstbrotes
    „Früher war Vieles früher“

  3. Guten Morgen,
    Ich sitze gerade beim Frühstück mit richtigen traditionell gebackenen Brötchen unseres Dorfbäckers (http://www.wittlichbackts.de/). Ja, die sind lecker, zu Recht immer wieder vom Feinschmecker als eine der besten Bäckereien Deutschlands ausgezeichnet. Nur Franzbrötchen gibt es hier einfach nicht.

  4. Oh, Brötchen vom Bäcker. Nicht vom Aufbäcker. Sowas gibts hier im ganzen Ort – 5 Bäckereien/Konditoreien – nicht mehr. Die werden morgens alle fremdbeliefert mit fertig aufgebackenen Brotwaren oder backen selbst auf.

  5. Wir haben einen Bäcker, der seine Teige noch richtig selber macht und alle Backwaren auch unterschiedlich schmecken. Allerdings gibt es die Leckereien immer nur Donnerstags und das hat sich weit rumgesprochen. Da heißt es ganz viel Zeit mitbringen und anstehen – aber die Weckle und das Brot sind jede Minute des Wartens wert!
    Einen schönen Sonntag
    Sisa

  6. oh ja, das kenn ich… „früher“ hatte ein Brötchen noch Geschmack und eine Fülle, die anhielt. Heute ein Brötchen ist Hülle mit viel Luft drin.

    So wie holländische Tomaten, viel Wasser wenig Geschmack.

    Und auch die traditionellen Bäcker weichen leider immer mehr zu Backmischungen aus, weil das Backergebnis gleichbleibender ist und vermutlich sogar billiger, obwohl doch ein einfacher Brötchenteig schnell gemacht ist. Was braucht man auch groß? Mehl, Wasser, Hefe, Salz, ein bisschen Öl…

  7. 1. Die Musik war früher besser! Punkt.
    2. Die Kartoffeln schmeckten früher auch besser, schon weil man sich in Nachkriegszeiten mal ein Stückchen Butter im Kochwasser gönnte. Heute zählt man halt Kalorien.
    3. Die Politik war früher auch bessser, denn sie war aus Gründen der Vergangenheit viel ambitionierter. Heute ist sie vollgefressen – das ist schon ein riesiger Qualtiätsunterschied.
    4. Die Brötchen, denen Du nachweinst, die gibt es heute hier und da tatsächlich noch oder wieder. Sie heißen dann Meisterschrippe oder „Die Goldenen” (lila Bäckerei) und kosten dann das Doppelte.
    5. Früher wurde alles schlechter: d’accord.

  8. Deine Vergleiche – herrlich! Ich hatte so ein Daunenkissen zum Frühstück ^^
    Ach, und 1987 wurde ich geboren. Ab da ging’s dann bergab mit den Brötchen, na sowas 😉

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