Woanders – Die dreiundzwanzigste Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit

Weltweit/Deutschland: In der NZZ geht es in einem längeren Text um die Vision komplett offener Grenzen. Weltweit. In der SZ geht es dagegen um geschlossene Grenzen, von denen gerade verblüffen viele träumen. Damit hat allerdings die Wirtschaft ein Problem. Und das ist uns ja sonst so wichtig, was die Wirtschaft so für Probleme hat.

Weltweit: “Die gute Nachricht ist: Nie war die Welt bedürftigen Menschen gegenüber so großzügig wie heute. Die schlechte Nachricht: Nie war diese Großzügigkeit so unzureichend.” Ein Artikel über die chronisch unterfinanzierte humanitäre Hilfe. Der Vorschlag mit den fünf oder zehn Cent Zuschlag auf Luxusartikel klingt nach Satire, ist aber ernstgemeint.

Weltweit: Beim Thema Flucht denkt man gerade nur noch an Syrien und vielleicht auch an Afghanistan und den Irak, in der Washinghton Post werden noch einige andere Zahlen aus der Geschichte im Vergleich aufbereitet.

England: Daniel Defoe mit einer Expertenmeinung zu einer historischen und wohl ebenfalls zur aktuellen Migrationskrise. Warum auch nicht.

Deutschland: Saša Stanišic möchte Hölderlin May und Tucholsky vorlesen. Aus Gründen.

Deutschland/Schweiz: “Im Grunde sind alle Menschen Migranten.” Ein Projekt in Zürich. Dazu passend ein datenjournalistischer Spaß der Berliner Morgenpost – von wo ziehen Menschen nach Berlin?

Deutschland/Serbien: Ein Film über eine Abschiebung und ein kleines Mädchen bei der Jugendfeuerwehr.

Deutschland: In Hamburg und für Hamburg gibt es eine neue Sammelseite zum Thema Willkommenskultur.

Deutschland: Ein Kommentar in der taz zur Politik von Angela Merkel. Ich finde alles richtig, was dort über Hysterie gesagt wird.

Mit der Drahtsäge um die Welt

Der Gedanke, dass die Welt immer verrückter wird, er drängt sich auf, sobald man Nachrichten liest. Man findet aber auch im Alltag zahllose Belege dafür, es ist ganz erstaunlich, die Krisen wirken sich aus. Ich schlage das Kundenmagazin eines Reisebüros für Geschäftsleute auf, darin werden ein paar Ziele nett beschrieben und es werden auch Artikel beworben, die auf Reisen praktisch sind. Schlafbrillen, Nackenkissen, Rollkoffer und dergleichen mehr. Und diesmal auch eine Survivalausrüstung, die in den Schaft einer Taschenlampe passt. Gedacht für Reisen “in entlegene Gegenden”, wo die auch sein mögen, das steht da nicht, in Brandenburg oder im Jemen, wer weiß. Enthalten sind in diesem Set ein Kompass, Wasserreinigungstabletten, eine Drahtsäge, wasserfeste Streichhölzer, eine Signalpfeife, eine Angelausrüstung, ein Dosenöfffner, Kerzen. Was man in entlegenen Gegenden eben so braucht. Das Angebot richtet sich weder an Söldner noch an gestandene Abenteurer, sondern tatsächlich an Geschäftsreisende. Die vielleicht irgendwo in der Wüste stranden, um dort umgehend ihre Angelausrüstung zu entwirren, warum auch immer. Das bestellen also Menschen aus Büros auch in unserer Nähe, verstauen das in ihrem Koffer – und fühlen sich dann gleich sicherer, kein Scherz.

Es ist ja so, da kann man ruhig ehrlich sein: wir haben damals alle Yps mit Gimmick gekauft und mit der Agentenbrille dauernd nachgesehen, was hinter uns war. Und ja, wir haben damals doch alle sämtliche Folgen von MacGyver gesehen und genau verstanden, dass man mit einem Kaugummi und einem Zahnstocher jederzeit eine Rakete reparieren kann. Das war nur eine Phase. Aber an solchen Anzeigen merkt man jetzt – einigen von uns ist das einfach nicht gut bekommen. Man erkennt sie an der Drahtsäge im Handgepäck.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten