Schlagwörter im November

Wenn ich Links für den wöchentlichen Wirtschaftsteil finde, speichere ich sie in Evernote, wobei sie mit einem Schlagwort versehen werden. Nicht alle Schlagwörter stehen für viele Texte, denn zu einigen Themen findet man jeden Tag etwas, zu anderen nur ganz selten. Die Schlagwörter, die im Moment mit Abstand am häufigsten vergeben werden, sind: Arbeit, Essen, Stadt und Plastik.

Und als mir das auffiel, da schien es mir, als würde das traurig klingen. Arbeit, Essen, Stadt und Plastik. Sehr modern, sehr sachlich, sehr unfroh. Es könnte auch der Titel einer ziemlich harten Kurzgeschichte sein: “Arbeit, Essen, Stadt und Plastik”, so etwas wird zu Literaturwettbewerben eingeschickt und ist ungeheuer ernst gemeint. Oder es ist ein Essay in einer hochtrabenden Zeitschrift, eine kristallklare soziologische Analyse der Milieus in deutschen Großstädten, künstliche Lebewelten in Großraumbüros mit Kantinenanschluss oder so etwas, Motto vorweg, weil ein literarischer Bezug immer gut kommt: “Sie essen das graue Zeug. Dann fallen sie tot von den Stühlen.” Um einmal den Herrn Brechbühl zu zitieren, der mir plötzlich wieder einfällt. Woher kenne ich das eigentlich, aus einem Schulbuch? Wahrscheinlich doch. Da hätte man sich über all die Jahre aber auch wesentlich erbaulichere Zeilen merken können. Na, egal. Das war nur, was mir eben gerade zwischen Arbeit und Essen in der Stadt so einfiel.

Es ist ein wenig November, ist es nicht? Aber nicht mehr lange. Am Wochenende holen wir Weihnachten aus dem Keller, dieses ganze Plastikdekozeug, Sie wissen schon. Dann ändert sich auch die Grundstimmung wieder. Hier und überall. Schon aus Tradition.

Beifang vom 22.11.2016

Ein Gespräch über Donald Trump. Mit jemandem, der sich etwas länger mit ihm beschäftigt hat. “Er ist nicht intelligent. Er ist nicht fleißig. Er hat kein historisches Verständnis. Er ist unglaublich ignorant. Er ist nicht selbstreflektiert. Er ist nicht freundlich. Er ist nicht warmherzig. Menschen, vor allem Frauen, sind für ihn nur Objekte. Er ist nicht seriös. Er hat keine Moral. Er hat sein Leben nichts anderem gewidmet, ich sagte es, als dem Geld, der Macht…, wollen Sie noch mehr hören?”

Die Soziologin Nilüfer Göle über den gewöhnlichen Islam in Europa.

Die Zeit über die wahre Regression in die 50er durch die Unterwerfungsformel. Die These am Ende des Textes, dass der allgemeine Hass auch mit der Überzuckerung der öffentlichen Konversation zusammenhängt, sie ist vielleicht etwas zu steil. Aber als in Hamburg lebender Lübecker möchte ich gerne einen Punkt ergänzen, einen konservativen, heimatverbundenen Punkt, das ist sonst nicht meine Art, aber hier doch einmal: diese maßlos übertriebene Höflichkeit, diese verbale Herumgeschwänzel, diese “Ausweitung der Floskelzone”, wie es im Artikel treffend heißt – das ist nicht norddeutsch. Das passt hier nicht. Wenn ich in in einen Laden gehe und “Moin!” sage, dann will ich “Moin!” hören und kein gejauchztes “Guten Morgen der Herr, wie schön, dass Sie wieder da sind, da freuen wir uns sehr, was können wir denn heute Gutes für Sie tun?” Das nimmt mir ein Stück Heimat, echtjetztmal.

Zwischendurch und ohne besonderen Anlass ein Hinweis auf das Journal der Kaltmamsell, das mit Einträgen wie diesem hier ein Format gewonnen hat, das man später einmal ausdrucken und als Geschichtsbuch binden lassen kann. Historiker reißen sich heute um solche Journale aus den vorigen Jahrzehnten, das wird später nicht anders sein. Ich lese das sehr gerne.

Bobby McFerrin mit dem Ave Maria wird fast jeder kennen, hier aber doch noch ein Tipp für Eltern. Ich habe den Söhnen mehrere dieser Aufnahmen gezeigt (mit Exkursen zum Thema Beatboxing, aber egal) und was soll ich sagen, es war nicht Absicht – aber jetzt wollen sie abends zum Einschlafen Bach hören. Manchmal ist es ja einfach.