Blind-Date Edition #4 „Peaches“

PFIRSICH

(Bildquelle: Das Titelbild stammt von Sandra Geeck vom Blog GrüneLiebe.)

Was kommt dabei heraus, wenn sich 12 GartenbloggerInnen zu einem festgelegten Song Gedanken machen und die entstandenen Beiträge zeitgleich ins Internet stellen? Unter dem Motto „Peaches“ hat jede/r von uns einen Beitrag zu dem gleichnamigen Song von den The Presidents of the United States of America geschrieben.

Wir wissen nicht was die Anderen geschrieben haben, es gab keine inhaltliche Abstimmung und wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis!

Mit dabei sind:

Gartenbaukunst, Hauptstadtgarten, Beetkultur, Der kleine Horrorgarten, Karo-Tina Aldente, Cardamonchai, Milli Bloom, Rienmakäfer, Garteneuphorie, Grüne Liebe, Garteninspektor, Faun und Farn, Mrs. Greenhouse, Buddenbohm & Söhne.

Viel Spaß beim Lesen!

Ich habe ein Blog und ich habe einen Garten, das macht mich nicht zwingend zum Gartenblogger, wirklich nicht, man verbindet ja irgendwie doch Kompetenz und Ahnung mit Gartenblogs, das habe ich beides nicht zu bieten, also noch nicht. Ich arbeite nur daran, stets bemüht.

Umso mehr freute mich die Einladung, bei einer Gartenbloggeraktion mitzumachen, vielen Dank, das ist wirklich ganz reizend.

Man wirft also etlichen Bloggerinnen ein Stichwort hin, jeder schreibt irgendwas und alle veröffentlichen ihre Texte gleichzeitig, sie nennen es Blind Date. Im Grunde ist die Idee ziemlich gut, das könnte man auch anderweitig einmal … aber nein. Bloß keine neuen Projekte! Contenance!

Der Pfirsich ist nun eine Frucht, zu der ich assoziativ erstaunlich wenig zu bieten habe, mein Leben ist ausgesprochen arm an Pfirsichgeschichten. Nur zwei Szenen fallen mir ein, die eine erklärt mein eher schwieriges Verhältnis zu Pfirsicharoma, die andere unterstreicht in geradezu erschreckendem Ausmaß meine Ahnungslosigkeit.

Als ich damals jeden Tag mit dem Doppeldeckerbus zwischen Lübeck und Travemünde hin- und herfuhr, um das Gymnasium in der Altstadt zu besuchen, war es unter den Schülern üblich, sich vor der langen Fahrt am Kiosk mit Süßigkeiten zum Preis von fünf oder zehn Pfennig pro Stück einzudecken. Die meisten davon gibt es heute noch, nur kosten sie jetzt fünf oder zehn Cent. Darunter war auch weingummiähnliches Zeug in Pfirsichform, dick mit Zucker bestreut, das werden viele kennen, nehme ich an. Diese übersüßen Stücke habe ich ab und zu gegessen, sie waren weder besonders gut noch besonders schlecht, ich gehörte eher zur Salino-Fraktion, das war cooler. Oder Nappos, mitttlerweile tun mir die Zähne schon weh, wenn ich nur daran denke. Ganz anders mein Mitschüler T***, der diese Pfirsichsurrogatextraktweingummis in beliebiger Menge essen konnte und das auch regelmäßig tat. Allerdings zeichnete sich dieser T*** auch dadurch aus, dass ihm ab und zu während der Fahrt schlecht wurde. Weswegen er einmal, als er neben mir saß, eine größere Menge dieser rosafarbenen Zuckerpfirsiche hochwürgte und zwischen uns erbrach. Und diese fatal süßsaure Geruchsmischung aus Pfirsicharoma und Kotze führte in Sekunden dazu, dass ich auch … nur eben in schwarz, weil Salinos.

Seit dieser Zeit reagiere ich bis zum heutigen Tag vehement ablehnend auf alles, was auch nur entfernt nach Pfirsich riecht. Shampoo, Weingummi, Parfum, egal was, ich flüchte sofort. Es sei denn, es ist ein echter Pfirsich, dann geht es. Der Mensch funktioniert manchmal seltsam.

Zweitens habe ich mir bis vor wenigen Jahren nie, wirklich nie Gedanken gemacht, wo Pfirsiche wohl wachsen. Ich habe sie irgendwo im Süden verortet, das aber nicht weiter definiert, wie etwa beim Pfeffer. Irgendein malerischer Süden, eher weiter weg als näher dran. Ich war daher ziemlich überrascht, als ich zum ersten Mal in Südtirol bei einem Obstbauern war und dort Pfirsichbäume standen, ich hatte diese Frucht tatsächlich noch nie vorher an einem Baum gesehen. Und weil ich Pfirsiche vorher nicht mit Italien in Verbindung gebracht habe, kam mir Südtirol in dem Moment, in dem ich vor diesem Baum stand, noch südlicher als ohnehin schon vor, sagen wir ruhig: traumhaft südlich. Bei etwas besserer Allgemeinbildung bezüglich Pflanzen hätte ich natürlich östlich denken müssen, traumhaft östlich, der Pfirsich kommt ursprünglich aus China. Der Obstbauer hat sich dabei prächtig amüsiert, zumal ich auch nach längerem Nachdenken nicht darauf kam, um was es sich bei dem Baum neben dem Pfirsich handelte. Kaki, die waren mir bis dahin nicht einmal ansatzweise geläufig, nie gegessen.

Aus komplett unerfindlichen Gründen ist mir außerdem noch bekannt, dass Goethe irgendwo “Pfirschen” erwähnt, genau so geschrieben, nicht etwa Pfirsiche. Nun kann das natürlich peinlich werden, falls die Pfirschen der Goethezeit am Ende gar nicht Pfirsiche waren, sondern Birnen oder Pflaumen oder was weiß ich. Wenn es aber tatsächlich Pfirsiche waren, dann ist “Pfirschen” klar der bessere Begriff, er klingt viel saftiger, auch irgendwie angemessen unästhetisch, er klingt so, als hätte man gerade hineingebissen und der Saft würde einem so am Kinn herunterlaufen, ich meine, wer kennt das nicht. Pfirschen klingen nach Pfirsichsabber und nach hoffentlich sieht das jetzt keiner, wenn ich über die Spüle gebeugt diese überreife Frucht verschlinge und mich einsaue wie ein Dreijähriger, Pfirschen, das ist wirklich ein äußerst treffender Begriff für Pfirsiche, besonders für angebissene Exemplare im Hochsommer. Solange sie noch attraktiv am Baum hängen, nennt man sie vielleicht doch besser Pfirsiche, das klingt niveauvoll und gepflegt, das wiederholte i hebt doch ungemein. Wenn man Pfirsich überdeutlich und langsam ausspricht, macht man fast unweigerlich einen affektierten Gesichtsausdruck, probieren Sie das mal aus. 

Egal, kommen wir zur Gegenwart. In unserem Garten wird, wie schon oft erwähnt, die Herzdame für die Laube zuständig sein, ich aber für die Beete. Sie innen, ich außen, so der grobe Plan. Ab und zu äußert sie dennoch überraschend Pflanzenwünsche, die ich natürlich möglichst berücksichtigen werde. Wenn sie sich schon nicht für Gemüse interessiert, pflanze ich ihr eben etwas anderes, Hauptsache, sie guckt mal. Allerdings weichen ihre Wünsche deutlich von meinen ab. Sie möchte beispielsweise einen Bambus, Reineclauden und tatsächlich auch Pfirsiche, warum auch immer. Bambus widerstrebt mir sehr, den isst man eher nicht und ökologisch wäre er wohl nur sinnvoll, wenn es hier Pandas geben würde. Aber sie bekommt ihren Bambus, eh klar.

Reineclauden, wenn das überhaupt der richtige Plural ist, möchte sie vermutlich nur haben, weil sie so extravagant klingen. Aber sie bekommt auch ihre Reineclauden, eh klar. Man kann auch Renekloden schreiben, dann klingen sie plötzlich wie niederdeutsches Wildobst, Renekloden, die wachsen hier auf jeder Verkehrsinsel, wenn man sie so schreibt. Allerdings pflanzt man sie besser im späten Herbst, die sind jetzt nicht dran.

Das mit den Pfirsichen habe ich nachgelesen, ich habe mittlerweile fast alles nachgelesen, was man im Garten pflanzen kann. Und der Pfirsich, da gibt es nichts, ist heikel. Ein tendenziell schwieriges, empfindsames Gewächs, eher divenhaft, eher sensibel, braucht viel Schutz und einen perfekten Standort, braucht bestes Wetter, braucht den perfekt abgestimmten Boden und keinen Wind und wenig Regen und überhaupt ideale Bedingungen, braucht eigentlich mindesten Südtirol und einen liebevoll sorgenden Obstbauern – und dann gedenkt er vielleicht, auch bei uns im Norden etwas zu werden. Mit Glück.

Das stand so in den ganzen Büchern aus der Gartenabteilung der Zentralbücherei, die ich im Winter verschlungen habe. In meiner Gartendatei, in die ich alles eintrage, was ich in diesen Büchern anwendbar finde, steht bei Pfirsich daher: “Eher nicht”. Aber das ist nur Buchwissen, und Buchwissen zählt im Garten nicht viel, es zählt sogar überhaupt nichts, wenn die Herzdame Wünsche hat.

Unser Garten liegt auf einer Insel in einem Fluss, die Insel ist ein Hügel mitten in der Hamburger Bille. Die Gärten direkt am Ufer liegen alle am Hang. Im letzten Spätsommer ging ich da einmal entlang und guckte über die Bille, und da hing mir einer ins Bild, ein Wahnsinnspfirsich, geradezu ein Stockphotopfirsich. Schimmernd im Sonnenuntergang, die Frucht schlechthin. Und ganz alleine hing er da, nichts anderes am Baum. Nur diese eine, sündhaft schön erscheinende Frucht.

Hing da an einem Baum in vollkommen verkehrter Lage, hing da, wo der wüste Westwind Norddeutschlands jeden Tag an den Ästen reißt und zerrt und unablässig das Gezweig durchwühlt. Hing da, wo der verlässliche Hamburger Regen auf die Bäume prallt wie klatschnasse Ohrfeigen, frisch über die Bille in immer neuen Schwaden herangeweht, den ganzen Sommer hindurch, im Herbst natürlich erst recht. Hing da an einem Baum am Hang, in der ungeschütztesten Lage, die man sich nur vorstellen kann. Hing also da, wo niemand mit Verstand einen Pfirsich hinpflanzen würde, weil er da einfach nichts werden kann.

Und wegen dieser einen Frucht, sei es nun eine Pfirsche oder ein Pfirsich, werden wir auch bald einen Pfirsichbaum in unserem ebenfalls winddurchtosten Garten haben. Denn was in den Büchern steht, das ist das eine. Und es ist sicher auch alles richtig und wichtig und mühsam erarbeitet und hochgelehrt. Aber das Pflanzen gar nicht lesen können, das ist eben das andere.

Und wenn man ihnen nicht erzählt, was man gelesen hat – wer weiß. Es ist am Ende alles einen Versuch wert.