Söhne, Handwerker, Angeber

Julia Karnick über Söhne und Computerspiele: “Wenn Mütter von Vorschlaghämmern träumen.

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Wir haben in Erwägung gezogen, wegen eines technischen Problems im Garten einen Profi, also einen Handwerker anzurufen. Darüber lachen die Parzellennachbarn vermutlich in zehn Jahren noch. Manchmal kommt man sich ja als Büromensch schon etwas minderbemittelt vor. Und, wo wir doch in diversen Blogs gerade über die Fähigkeiten sprachen, die man in der postapokalyptischen Welt braucht, hier ein ganz heißer Tipp: Haltet Euch nach der Apokalypse einfach an Schrebergärtner. MacGyver ist gar nichts dagegen.

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Ich denke ansonsten immer noch über meine Zugfahrten nach Berlin und zurück nach, die Sache mit den Handys lässt mir keine Ruhe. Im wahrsten Sinne des Wortes nicht, denn im Ruhebereich haben da alle lauthals telefoniert, Telefonate scheinen also gar nicht unter Unruhe zu fallen. Und wenn man sich fragt, was denn dann überhaupt noch unter Unruhe fällt, dann weiß man als Elternteil natürlich sofort die Antwort: Kinder vermutlich. Kinder stören, das weiß man, das hat man schon erlebt, Telefonate stören eher nicht so, das ist wohl das allgemeine Empfinden. Und das ist ein wenig seltsam, denn mich z.B. stören Telefonate erheblich. Kinder können ebenfalls stören, mich auch, versteht sich, aber Telefonate stören mich viel mehr. Gebellte Business-Erfolge stören mich sogar massiv, insbesondere bei den Leuten, die extra laut reden, und wenig sind das ja nicht, die da ihre prächtigen Verkäufe preisen, ihre Deals, ihre Projekte, Abschlüsse und so weiter. Sie telefonieren mit Genuss, der Eindruck drängt sich auf, und zum Genuss gehört es wohl, dass andere ihnen unbedingt dabei zuhören müssen.

Seltsam daran ist ja, dass so etwas dann ein ziemlich klarer Fall von Angeberei ist. Um einen herum sitzen im Zug lauter Angeber, warum eigentlich? Wenn man Kinder hat, dann hört man oft mit erheblicher Missbilligung vorgebrachte Kritik an Angebern in der Klasse oder in der Kitagruppe. Niemand mag Angeber, und zwar von Anfang an nicht. Kindergruppen sind sich ganz schnell einig, wer ein Angeber ist und wer nicht, das Urteil fällt schnell und vermutlich auch oft richtig, denn die Betroffenen geben sich ja bekanntlich alle Mühe, gut erkennbar zu sein. Für die klassifizierten Angeber und Angeberinnen ist es dann recht schwer, überhaupt noch Sympathiepunkte zu erreichen, die Angeberei ist einfach zu störend. Die Lage an der Basis der Gesellschaft ist also ganz einfach: Angeber sind doof und auch noch leicht zu identifizieren.

Warum ist dann aber der ganze ICE voll von Angebern, die beruflich erfolgreich sind? Denn das sind sie wohl, selbst dann, wenn man von ihren so überaus selbstgefälligen Schilderungen 50% abzieht, da bleiben immer noch genug Leistungen übrig und sie haben ja auch keine schlechten Jobs bei schlechten Firmen, das weiß man, denn sie erwähnen diese Firmennamen oft und deutlich genug, möglichst minütlich. Sie haben also etwas erreicht, alle scheinen sie dauernd etwas zu erreichen. Ist es am Ende so, dass wirklich niemand Angeber mag – außer Personalentscheidern?

Der andere Umstand, der mich immer noch irritiert, ist die in nahezu allen Gesprächen recht deutlich zum Ausdruck gebrachte Verachtung der jeweils anderen. Die anderen, also die Konkurrenten, die Kolleginnen, die Vorgesetzten, die Untergeben, die Kunden, wie auch immer – das sind immer die Dummen. Die trickst man aus, die hintergeht man, die legt man irgendwie rein: “Das merken die eh nicht.”

Und wenn man so in einem ICE sitzt, zwischen sechs, acht Handygesprächen, in denen jeweils die anderen die Doofen sind, dann kann man gar nicht mehr daran vorbeidenken, dass doch alle diese Telefonierenden auch selbst jeweils die anderen sind – und damit also die ganze Geschäftswelt auf der angenommenen Blödheit der anderen beruht und auf der kaum versteckten und eigentlich eingepreisten allgemeinen Absicht, alle zu betrügen und zu belügen.

Das ist jetzt natürlich keine umwerfende Erkenntnis, schon klar, darauf sind schon zwei, drei Leute vor mir gekommen. Aber man kann doch zwischendurch noch einmal kurz feststellen: Ein sinnstiftendes System ist das doch eher nicht, was wir da haben.