Rotkehlchenretro

Irgendwie haben wir’s vergeigt, aber wir kriegen das auch wieder hin. Good old DSGVO.

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Andere werden drastisch, wenn es um die DSGVO geht. Und nicht nur er, sie auch. No kidding. Oder doch? Das ist nämlich auch typisch DSGVO, dass man gar nicht mehr sofort erkennt, wer was wie ernst meint.

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Ich muss mich übrigens entschuldigen, denn ich sehe jetzt erst, dass die Menschen, die hier per Paypal Geld eingeworfen haben, da teilweise auch Botschaften mitgesendet haben – und ich bin mehr als nur ein wenig gerührt ob dieser Zeilen. Ich habe sehr großartige Leserinnen, Leser sind wie immer mitgemeint. Ich muss schon sagen, was ein Stück Glück!

Es gab weitere Wünsche nach speziellen Pflanzen, ich werde das nach und nach umsetzen, etwa die vor drei Tagen bestellten Kornblumen. Die wachsen bei uns zwar schon seit Wochen, aber von dem Geld kaufe ich dann eben die für das nächste Jahr und ja, ich werde da akribisch Buch führen und jeweils Bildbelege posten.

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Wenn der Mensch älter wird, erinnert er sich besser an Dinge, die weiter zurückliegen. Sagt man. Ich weiß nicht, ob ich in dem Sinne schon älter bin, aber ich habe gerade so eine vage Ahnung, was da kommen wird, und das wiederum hat sich ergeben, weil ich neuerdings einen Vogel habe.

Es handelt sich dabei um ein Rotkehlchen, das die Hecke direkt hinter unserer neuen Laube bewohnt, es ist ein ausgesprochen freundlicher, höflicher Nachbar. Es begrüßt uns, wenn wir kommen, es guckt uns nach, wenn wir gehen. Es wünscht im geschäftigen Vorbeiflug die Tageszeit, es singt zwischendurch auch mal spontan für uns, wenn die Situation zur Geselligkeit einlädt. Es beobachtet dauernd, was wir machen. Es ist an uns interessiert, nein, es ist in der Tat ein wenig neugierig, das kann man bei aller Freundlichkeit nicht verschweigen. Aber ich richte nicht über die Charakterschwächen von Rotkehlchen, wie sollte ich mir das anmaßen. Neugier ist mir selbst nicht ganz fremd, also bitte. Und so zutraulich guckt dieses Vögelchen! Das kenne ich von Rotkehlchen gar nicht, es guckt mehr so berlinerspatzenmäßig, also mit einer gewissen Vertraulichkeit, fast schon mit einer Ahnung von Kumpelhaftigkeit, na, wat machste da, biste wieder am malochen, so guckt es, und ohne jedenfalls auch nur die geringste Schüchternheit.

Ich sitze auf einer Bank im Garten und esse krümelnd Rhabarberkuchen, das ist nämlich auch sehr schön am Garten, man kann da alles enthemmt vollkrümeln und es macht nichts. Eine Madeleine wäre angesichts der folgenden Geschichte auch nicht unpassend gewesen, aber es war nun, wie es war, ich will hier ehrlich bleiben. Ganz banaler Rhabarberkuchen war das. Also banal im literarischen Sinne, versteht sich, geschmacklich dagegen – den müsste die Herzdame mal im Blog verbacken!

Da kommt das Rotkehlchen und setzt sich auf einen Zweig direkt neben den vollgekrümelten Schreiber dieser Zeilen. Ganz nah ist der Zweig, fast so nah, als würde das Rotkehlchen auf meiner Kuchengabel sitzen, was jetzt klingt, als würde ich da im Garten von feinem Silber speisen. Weit gefehlt! Das alte Plastikbesteck war das, welches mal zum Campen gedacht war, aber egal. Es flötet, das Rotkehlchen, es legt den Kopf schief. Kleine Vögel gucken ja überhaupt oft so, als würde man ihnen irgendwie leid tun, das kommt durch diesen schiefgelegten Kopf. So legen doch alle Mütter dieser Welt den Kopf schief, wenn der Nachwuchs sich die Knie aufgeschrammt hat und heulend ankommt, mit diesem gewissen mitleidig-skeptischen Lächeln, ach Gott, der arme Hase, aber wird schon so schlimm nicht sein, soll ich mal pusten, dieser Blick also, den kennt man. So wurden wir alle einmal angesehen, lange ist es her, und heute gucken wir vielleicht selbst die Kinder so an, ob wir nun Mütter oder Väter sind, denn die Väter gucken heute ganz anders als früher und pusten auch viel besser, aber ich schweife ab.

Die Brust des Vogels leuchtet ebenso artgemäß wie beeindruckend rot, die Sonne scheint da auch gerade äußerst wohlwollend hin, Beleuchtungseffekt im Theater nichts dagegen. Der Hintergrund des Vogels ist blattgrün, knallgrün, maigrün. Und für den Bruchteil einer Sekunde sitzt das Rotkehlchen exakt so, wie ein gemaltes Rotkehlchen in einem meiner Bilderbücher gesessen hat, als ich Kind war und noch ziemlich klein. Die Haltung, der Zweig, die Farben, die Richtung des Blickes, die Neigung des Kopfes, alles. Damals hatten wir Kinder nicht Unmengen Bücher, daher habe ich die Bücher, die wir hatten, wirklich oft betrachtet. So oft, wie ich vermutlich nie wieder andere Bücher im späteren Leben betrachtet habe. Lange und gründlich, immer wieder, bis mir beim besten Willen unmöglich noch irgendein Detail entgangen sein konnte.

Das Rotkehlchen sitzt da also exakt wie auf dem Bild und ganz kurz, nur einen Wimpernschlag lang, sehe ich nicht das Rotkehlchen, ich sehe das Buch von damals, aber ich sehe es jetzt, es ist da. Das Buch, von dem ich weder weiß, wie es hieß, noch wer es gezeichnet und geschrieben hat, ich sehe auch nur die eine Seite und habe keine Ahnung von der umgebenden Geschichte. Vielleicht war es ja die wichtigste Seite, das kann sein. Diese Buchseite sehe ich ganz genau und, was für mich noch umwerfender ist, ich weiß urplötzlich wieder, wie es sich anfühlt, nur ein laufender Meter zu sein, dieses Körpergefühl weht mich so überzeugend an wie eine wirklich abgefahrene Drogenhalluzination, und billiger Stoff war das nicht. Aber es kommt noch absurder und ist leider etwas schwer zu erklären, während ich nämlich das Buchseitenrotkehlchen da vor mir sehe, wie es den Kopf schieflegt und immer weiter guckt, weiß ich auf einmal auch um all die anderen Bücher, die ich in derselben Zeit immer wieder gelesen habe, ganz so, als könnte ich in den Stapel greifen, in dem sie lagen, ich müsste mich nur eben danach umdrehen.

Weder sehe ich die Illustrationen noch höre ich die Texte dieser Bücher, aber ich weiß doch um die Bilder und die Geschichten. Nein, es ist kein Wissen, es ist ein Gefühl, und zwar ein ganz sicheres Gefühl, für diesen kleinen Buchbestand. So, wie ich heute um die Bücher im Wohnzimmer oder auf dem Nachttisch weiß. Zwei, drei Namen von Hauptfiguren klickern durch mein Hirn, es würden wohl auch noch mehr kommen, zumindest fühlt es sich so an, aber dann ist der Vogel auch schon wieder weiter. So groß ist sein Interesse an Krümeln nicht, ich meine hallo, bin ick n Spatz oder wat. Vielleicht muss er noch andere Nachbarn begrüßen, wer weiß schon, was hinter der Hecke ist. Menschen wissen das meistens nicht, Rotkehlchen wissen das natürlich immer, vielleicht gucken sie auch deswegen oft so skeptisch.

Das Buchregal verschwindet jedenfalls sofort wieder, das Wissen um die Geschichten und Bilder auch, das seltsame Körpergefühl ist wieder viele, viele Jahre und Jahrzehnte entfernt. Die Zeichnungen und die Texte, sie sind alle wieder weg und es dauerte keinen einzigen Atemzug lang, dass ich sie gesehen habe, es dauerte nicht einmal einen halben, es dauerte so lange wie ein sirrender Rotkehlchenflügelschlag, wenn es davonflattert und weiter muss, ab durch die Hecke. Es war wie ein Loch in der Zeit, ich habe durch den Vogel hindurch deutlich über vierzig Jahre zurückgeguckt. Ein merkwürdiges Gefühl, etwas weh und doch auch schön.

Die Bilder und die Geschichten, sie sind alle wieder weg. Aber ich weiß jetzt immerhin, sie sind alle da. Irgendwo da drinnen.

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Sie können hier Geld für weitere Heckenpflanzen einwerfen. Aber sie müssen gar nix. Eh klar.

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