Liegen lernen

Anke war in der Augbsurger Puppenkiste. Ist Ihnen mal aufgefallen, dass die Marionetten, wenn sie etwas mit besonderem Nachdruck sagen, immer ein wenig in die Knie gehen? Denken Sie mal an die alten Folgen aus Ihrer Kindheit. Ein Arm wird während des wichtigen Satzes erhoben, fällt am Ende abrupt runter, die Figur federt in die Knie und kippt dabei ganz leicht nach vorne – mangels Mimik müssen sie eben ordentlich Einsatz mit den Gliedmaßen zeigen. Das ist sehr niedlich, wenn man einmal darauf achtet, und es wäre erfreulich, wenn das echte Menschen auch so machen würden. Man kann sich das beim Heimathorst etwa recht schön vorstellen.

Ansonsten heute wieder Lokalpolitik am Abend, das ist konstruktiver als dieses entsetzliche Theaterstück auf Bundesebene. Ein Beispiel – in unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es jetzt an jedem Sonnabend Sport im Park. Da veranstaltet ein Verein, finanziert durch einen privaten Sponsor, ein paar Stunden lang kostenlose Sportangebote für Erwachsene, Jugendliche, Kinder. Disk Golf (was auch immer das ist), Beach Soccer, Crossboccia und mehr. Einfach so, das kostet nichts, niemand muss sich anmelden, man kann da vorbeigehen oder nicht, man kann mitmachen oder nicht, alles spontan. Erfahrungen im Nachbarstadtteil zeigen, das funktioniert hervorragend, so etwas wird angenommen. Niedrigschwellig! Das macht ein Stück Lebensqualität aus, die Leute bewegen sich und lernen sich auch kennen, da wird die Stadt gleich etwas netter. Die Trainerinnen und Trainer, die da überaus freundlich Menschen anleiten und motivieren, haben meist Migrationshintergrund, die lernen da, wie man Sport- und Jugendgruppen leitet, der organisierende Verein gibt denen Kurse. Auch unsere Söhne könnten da Trainererfahrungen sammeln, jedenfalls ab 16 Jahren, ich würde das gut finden. Dann lernen sie, im Sport mit jüngeren und älteren Menschen umzugehen, mit Menschen aller Art. Ein ganz einfaches Konzept, nicht wahr. So etwas braucht es. Und man kann sich z.B. darum kümmern, dass es die notwendigen Sponsoren gibt. Oder Werbung für die Veranstaltung machen.

Ich habe damit übrigens nichts zu tun, ich erzähle nur davon. Mehr zum veranstaltenden Verein hier. Feine Sache.

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Für den Freundeskreis Nordseeküste: Es gibt wieder mehr Kegelrobben.

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Die spinnen, die Australier.

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Ich habe das mit der Liege im Garten, wie im letzten Eintrag kurz erwähnt, übrigens tatsächlich probiert. Ich habe eine Liege unter den Apfelbaum gestellt, denn nur da war gerade Schatten, im Rest des Gartens war es saharaheiß, wie immer in Hamburg. Ich habe mich hingelegt und die Augen zugemacht, es war außer mir gerade keiner im Garten, die Herzdame war mit Sohn II im Freibad, Sohn I war mit anderen Kindern auf irgendwelchen Abwegen. Ich hörte dem Vogelgezwitscher zu, den leisen Stimmen aus den anderen Gärten, dem wispernden Rauschen der hohen Pappeln hinter unserem Grundstück, das immer täuschend echt wie fließendes Wasser klingt. Dem ganz sachten Klappen der offenen Laubentür im leichten Ostwind, ich lag da und sortierte all die Geräusche, bis plötzlich *FUMP*. Ein irriterendes Geräusch, es klang direkt ein wenig gefährlich und beunruhigend nah, gleichzeitig aber auch irgendwie befriedigend, so wie ein Tennisball, der satt geschmettert auf einem Sandplatz aufkommt, das ist auch so ein merkwürdig angenehmes Geräusch, das mag ich. Das Geräusch neben mir war aber leiser als ein satt geschmetterter Tennisball, auch wenn es mir gleich so vorkam, als könnte die Objektgröße ungefähr passen. Ein sehr trockenes Geräusch war das, schon kurz vorm *PLOCK*, dafür aber doch einen Hauch zu weich, am ehesten vielleicht etwas wie *PLOMP*. Das war der Junifall, der die Äpfel vom Baum löste. Ich machte die Augen auf und sah nach oben, wo die Äpfel hingen. Enorm viele Äpfel. Der nächste fiel einen Meter von meinen Füßen entfernt, dann einer ziemlich weit rechts von mir. Ich versuchte, sinnvoll abzuschätzen, ob mich ein Apfel auf erhaltenswerte Körperteile treffen könnte, das war gar nicht einfach. So viele Faktoren waren da zu berücksichtigen, die Größe der Äpfel, die Anzahl, der Reifegrad. Der Wind, der Winkel, in dem die Zweige schon zur Erde gebogen waren, die im Geäst herumturnenden Rotkehlchen und Eichhörnchen. Ich nahm vorsichtshalber die Brille ab und legte sie unter die Liege, ein Treffer auf das Brillenglas schien mir am gefährlichsten. Ein Apfel fiel links von mir. Ich versuchte die Folgen abzuschätzen, was würde passieren, wenn mir ein Apfel direkt auf die Nase fallen würde? Oder auf ein Auge? Und dann den Körper weiter runter, Stelle für Stelle sorgsam durchdacht.

Ich blieb aber liegen, denn wenn man mit diesem Hinlegen erst einmal anfängt, dann muss man das ja auch wenigstens ein paar Minuten durchziehen, gerade als Anfänger. Ich mag es nicht, zu früh aufzugeben. Man ist als Vater auch Vorbild, selbst wenn der Nachwuchs gerade nicht guckt. Ich lag also und atmete und starrte auf Äpfel. Ein Apfel löste sich vom Ast, fiel auf den Rahmen der Liege hinter meinem Kopf, platzte auf und rollte ein Stück über den knochentrockenen Rasen. Ein winziges Wölkchen Apfelduft hing in der Luft, Insekten schwirrten interessiert näher, Partystimmung bei den Sechsbeinern. Ich streckte jesusmäßig beide Arme zur Seite aus und öffnete die Hände himmelwärts. Wenn da jetzt so schlaraffenlandmäßig ein Apfel hineinfällt, dachte ich, das glaubt dir auch wieder kein Schwein. Und dann ist es sinnlos, wenn es kein Schwein glaubt, dachte ich weiter, dann kann ich es gleich lassen. Was nützen Geschichten, die man nicht erzählen kann? Da war ich dann schon bei der nächsten spannenden Grundsatzfrage, dabei wollte ich da doch einfach nur liegen. Ich hab es aufgegeben und die Liege verlassen, es kam mir in dem Moment auch so vor, als hätte mich die Arbeit gerufen, wenn sie auch nur darin bestand, genau diese Zeilen zu schreiben, die Sie jetzt gerade lesen.

Als ich nach diesen offline geschriebenen Absätzen wieder nach der Liege sah, lagen immerhin zehn Äpfel darauf. Zehn steinharte Äpfel in respektabler Geschossgröße. Ich weiß nicht, aber das Konzept des entspannten Herumliegens im Garten ist bei mir noch nicht so richtig ausgereift, das hat es mit dem Obst gemeinsam. Konzepte und Äpfel, sie fallen früh in diesem Jahr.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, sie müssen es aber nicht. Denn ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es recht. 

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