Die Kuh an sich macht nichts falsch

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel)

Während wir auf Niendorf zugehen, während sich die Steilküste langsam absenkt und man unten schon wieder Badende sieht, ausgebreitete Handtücher, Spaziergänger und in den Wellen herumspringende Hunde, fällt dem Sohn einiges auf, und schön ist das alles nicht. So bemerkt er zum vermutlich ersten Mal im Leben, dass es keine freie Natur zu geben scheint, denn diese Wäldchen da am Weg, die waren zwar schön und sahen sogar dicht und urig aus, aber die waren auch recht klein. Und direkt dahinter sah man immer sofort die Rasenflächen des Golfplatzes, bestellte Äcker, eingezäunte Wiesen mit Kühen darauf, Wildnis war da am Weg nicht vorgesehen. Wie weit wir denn wohl gehen müssen, um richtig aus allem raus zu sein? Ich kann ihm keine Hoffnung machen, das liegt hier nicht um die Ecke, und nach Meinung mancher gibt es das auch gar nicht mehr, zumindest nicht in Deutschland, zumindest nicht in Schleswig-Holstein, ziemlich sicher nicht in der Lübecker Bucht. Richtige Wildnis, das ist so eine Sache, und unberührt ist so gut wie nichts mehr.

Nur da, wo die Kante bricht, wo die Lehmwand der Steilküste aufragt und sich Jahr für Jahr ein wenig ins Land frisst, wo sie Bäume herunterzerrt und vom Menschen angelegte Wege und manchmal sogar das Mauerwerk längst verlassener Häuser bröckelnd abstürzen lässt, wo die Uferschwalben nisten und ihre kleinen Tunnel anfliegen, da sieht es doch ziemlich echt aus, findet er. Also so, wie es wohl gehört, die Erde an sich eben. Das ist aber ein verdammt schmaler Bereich. Na, vielleicht noch die Brandungszone unten davor, mit der hat der Mensch auch nichts gemacht, die sieht unbearbeitet und ungenutzt aus. Aber hinter ihr sieht man immer schon die großen und kleinen Schiffe, also das Menschenwerk, und weiter links kommen schon Stege ins Bild und Surfbretter, die auf dem Strand liegen.

Und da der Sohn davon gerade genervt ist, fällt ihm auch auf, dass jetzt zunehmend mehr Müll herumliegt. Er hat auf einer Jugendfreizeit an der Nordsee gerade etwas über Plastik im Meer gelernt, jetzt sieht er jeden Fitzel im Gebüsch, und es gibt, daran kann man eigentlich beim besten Willen nicht vorbeisehen, viele Fitzel. „Als würde man auf eine Müllhalde zugehen“, sagt der Sohn und findet Menschen schrecklich. Wir reden darüber, wie das alles kommt, welchen Beitrag der Einzelne leistet und wie sehr alle meinen, dass ihr Anteil nichts ausmacht, wie nachlässig der Mensch an sich ist, also auch er, auch ich. Das Gespräch geht lange, es ist auch alles sehr kompliziert. Aber auf Wanderungen hat man Zeit und das wollte der Sohn ja, denken und reden und gehen, das kann er haben. Als der erste Gartenzaun am Weg auftaucht, ist er gerade bei „Der Mensch an sich ist also böse. Aber er kann sich immerhin Mühe geben, gut zu sein.“

Da er aber ziemlich gnadenlos weiterdenkt, kommt er auch darauf, dass man fast immer ein Problem darstellt, egal, was man macht, man läuft einfach nur irgendwo herum und tritt auf einen Käfer, man kann gar nicht anders, und die Kühe da hinter dem Weidezaun, die können das auch nicht anders, es ist womöglich ziemlich grundsätzlich etwas verkehrt in dieser Welt. Aber die Kuh kann sich keine Mühe geben, darauf kommt er auch noch, wir schon. Wobei die Kuh an sich weniger falsch zu machen scheint, die steht da eben und frisst, das kann man ihr irgendwie nicht vorwerfen, sie scheint nicht anders zu können. Der Mensch an sich aber kann immer auch anders, das ist wohl der Punkt. Wenn ich mich recht erinnere, stand das ähnlich in dem Geschichtsbuch von Yuval Noah Harari, als es um die Frage ging, wie der Mensch „eigentlich“ ist, also wie er wohl richtig ist, wie er abseits aller kultureller Prägung gehört. Das ist nicht zu beantworten, denn da der Mensch denken kann, kommt er für alles auf verschiedene Optionen und kann mit seinem Denken auch alle Optionen begründen, er kann aber nie wissen, welche Option wirklich richtig ist. Richtig und natürlich ist es vielleicht, keine Optionen zu haben, mag sein, das ist uns nicht gegeben. Der Mensch war sozusagen von der ersten bewussten Entscheidung an, von den ersten beiden Optionen an verdammt für alle Zeit, ganz ohne Apfel und noch vor dem ersten Brudermord.

Dass die Kuh an sich für gar nichts etwas kann, das ist ein erst einmal befriedigender Schlusssatz für den Sohn, den kann man so stehenlassen. Wir müssen das Thema auch dringend verlassen, um uns über diesen eben erwähnten ersten Gartenzaun zu wundern. Der umschließt nämlich ein Grundstück direkt am Weg, links ist das Haus, rechts ist das Meer, dazwischen der Weg. Wir gucken nach, aber da ist an der rechten Seite kein Zugang zum Meer, da ist nur dichtes Gebüsch ohne Pforte oder Weg. Die wohnen da also in allerbester Lage, können aber nicht ans Meer, darüber kann man sich nicht genug wundern. Wie mag das sein, da zu wohnen? Ärgern die sich wohl jeden Tag, dass die erst etwas weiter weg und dann wieder zurück gehen müssen, um direkt vor ihrem eigenen Haus zu baden? Oder gehen die gar nicht ans Meer, so wie wir nicht an die Alster gehen, obwohl wir doch direkt daneben wohnen? Und ist es nicht überaus seltsam, wenn am eigenen Gartenzaun jeden Tag Hunderte Menschen vorbeiziehen und stehenbleiben und gucken und beurteilen? Denkt man nicht bei allem, was man kurz auf dem Rasen liegenlässt „Das sieht jetzt wieder jeder“, ist das auf Dauer nicht irre lästig? Das ist alles entschieden merkwürdig.

Und noch merkwürdiger ist es dann nur ein paar Meter später, dass diese Niendorfer ein Schwimmbad direkt ans Meer gebaut haben, ein Schwimmbad, in dem sogar Menschen sind und schwimmen, während wenige Meter weiter die Ostsee piwarm herumdümpelt, es gibt also Leute, die bezahlen da Eintritt und schwimmen lieber drinnen, mit Blick aufs Meer. Warum denn bloß? Ich erkläre dem Sohn die Sache mit dem Winter an der Ostsee, damit kenne ich mich immerhin aus. Aber das ist nicht einfach, denn Winter kann sich in diesen Wochen niemand mehr vorstellen, Winter ist eine vage Erinnerung. Im Winter schwimmen alle lieber drinnen, kann sein, da war irgendwas mit Kälte und so.

Und wo wir schon über das Baden reden, kann man auch sofort ins Meer springen, was der Sohn dann an dieser Stelle zum ersten Mal tut, halt mal meinen Rucksack, ich bin gleich wieder da. Er geht ins Meer und schwimmt, noch etwas zögerlich vielleicht, denn an dieses Prinzip muss er sich erst gewöhnen, irgendwo herumgehen und zwischendurch einfach so ins Meer springen, das ist doch fast zu schön, um tatsächlich wahr und machbar zu sein. Ich stehe am Weg und warte auf ihn, ich stehe dabei neben einem Schild, das Radfahrer zum Absteigen auffordert, es scheint allerdings niemanden zu interessieren. Etliche Menschen auf Rädern kurven daran vorbei, gucken das Schild an und schütteln den Kopf. Eine radelnde Rentnerin fällt mir mit Schwung vor die Füße, in sandigen Kurven rutscht man leicht, das Schild ist womöglich gar nicht so sinnlos. Ich helfe der Dame wieder hoch, es ist ihr nichts passiert, Glück gehabt. Ihr Mann hat ein paar Meter weiter gehalten und guckt wütend, was macht die denn da, fällt die einfach hin. Er grummelt herum, es wird in die Richtung von „zu blöd für alles“ gehen, er macht überhaupt keine Anstalten, ihr irgendwie zu helfen, er guckt zu ihr und dann nach vorne, dahin, wo er jetzt schon hätte sein können. Dann fahren beide weiter, er natürlich voran, und ich suche den Sohn im Meer, was gar nicht so einfach ist, ein Kopf unter vielen Köpfen.

„Eis!“ rufe ich ihm zu, als ich ihn endlich entdeckt habe, „ich brauche ein Eis! Jetzt!“ „Später!“ ruft er zurück, denn er möchte noch etwas gründlicher schwimmen. Ich setze mich auf den Rucksack und warte ab. Man kann nicht immer sofort ein Eis bekommen, wenn man eines möchte, das habe ich in den letzten Jahren schon einmal gehört, vielleicht habe ich das sogar selbst gesagt, vielleicht sogar ziemlich oft.

Und da sitzt man dann und wartet.

(Fortsetzung hier)

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