Das Lachen des Jokers und Momente der Fremdheit

Ich habe weiter in “Die Welt im Selfie” von Marco d’Eramo gelesen, wo ich eine Stelle gefunden habe, die mich jetzt vor einer falschen Darstellung bewahrt, das fand ich gut und lehrreich.

Um das zu erklären, muss ich etwas unvermittelt mal eben zurück zur nach wie vor nicht fertig erzählten Wanderung mit Sohn II an der Ostsee, zum mittlerweile dritten Tag. Wir sind, da war ich vor ein paar Wochen stehen geblieben, von Sierksdorf nach Hamburg zurückgefahren und ich habe etwas vergessen, das kommt davon, wenn man nicht schnell genug erzählt. Aber der Arm, Sie wissen schon.

Als wir jedenfalls abends in Hamburg ankamen, stand vor einem der U-Bahneingänge am Hauptbahnhof ein größeres Aufgebot der Feuerwehr. Große und kleine Wagen, Sanitäter, Menschen mit Funkgeräten. Und auf der anderen Straßenseite, vor dem anderen U-Bahnausgang, da stand ein größeres Aufgebot der Polizei. Passanten blieben stehen und guckten, ich zog den Sohn mühsam weiter, denn so ist das mit dem Erziehungsauftrag, man muss dann auch seine eigene Neugier in den Griff bekommen. Mehr war auch gar nicht zu sehen, hier die Feuerwehr, dort die Polizei, und die standen da alle so herum, mehr gab das Bild nicht her – es war nur noch etwas zu hören. Aus dem U-Bahnschacht hörte man ein lautes Lachen, aber nicht in der gesunden, fröhlichen Art, eher in der Art des Jokers bei Batman, das Lachen des bösartigen Wahnsinns. Der Sohn und ich, wir sahen uns an und uns war gerade gar nicht nach Großstadt zumute, wir hätten viel lieber wieder an der dunklen, ruhigen Ostsee gestanden wie am Abend davor.

Am nächsten Morgen fuhren wir, wie bereits erwähnt, gleich wieder los. Sogar das Frühstück gab es im Zug, weil der Sohn mit dem Meer noch nicht fertig war und es eilig hatte. Wir sind in Travemünde ausgestiegen und gleich wieder zum Strand gegangen, im Falle des Sohnes eher gerannt. Es war immer noch heiß, es war unfassbar heiß, es waren die heißesten Tage eines heißen Sommers. so heiß war es. Der Sohn ging sofort baden, mit Anlauf auf den Steg und in weitem Sprung rein, er hatte schon auf dem Weg alle Klamotten von sich geworfen, die ich hinter ihm aufsammelte. Er blieb auch erst einmal eine ganze Weile in der Ostsee, und das Bild des vollkommen glücklich schwimmenden und tauchenden Sohnes, das werde ich mir vom Sommer 2018 hoffentlich bewahren. 

Dann gingen wir langsam nach Norden zum Steilufer, denn da wollte er unbedingt noch einmal hin, die Steilküste hatte ihn beim ersten Besuch beeindruckt. In Travemünde gibt es ein dreifach gestaffeltes Stranderlebnis, wenn man nach Norden geht. Erst kommt der breite Sandstrand vor dem Maritim-Hotel, das ist der, den alle meinen, wenn sie vom Strand reden. Das ist also der mit den Strandkörben und den Burgen, das ist auch traditionell der mit den Familien. Der wird immer schmaler und schmaler, dann ist er auf einmal weg, es ist kein Sand mehr da und direkt am Meer entlang verläuft nun eine steinerne Promenade, unzählige Findlinge liegen als Wellenbrecher davor. Auf der anderen Seite der Promenade die Liegewiese. Darauf sind keine Strandkörbe, darauf liegen die Menschen einfach auf mitgebrachten und sehr bunten Handtüchern und außerdem auf etwas, das am Anfang dieses Sommers mutmaßlich einmal grünes Gras gewesen ist. Nach dem langen Stück mit der Liegewiese kommt das Steilufer, kommt Wildwest, kommt FKK und Hundestrand und Lagerfeuer und Hippies, kommt das ungeregelte Leben und irgendwann dann Niendorf, aber das dauert etwas. Auf dem Sandstrand zahlt man Kurkarte und Strandkorb, auf der Liegewiese nur die Kurkarte – oder wie immer sie heute gerade heißt – , am Steilufer zahlt kein Mensch mehr irgendwas.

Das war damals so, als ich noch da lebte, das ist heute auch noch so. Und doch ist es anders. Ich nehme einmal an, ich habe keine absurde Ausnahmesituation gesehen, aber genau weiß ich es nicht. Nach diesem einen Tag zu urteilen ist jetzt so, dass der Liegewiesenabschnitt nahezu ausschließlich Gäste hat, die sich nach ihrer Herkunft gruppieren, Menschen mit türkischen, arabischen, indischen Familien liegen hier, und hinten auf dem Sand bei den Strandkörben, da liegen die Deutschen und die deutsch aussehenden Touristen. Ich fand den Anblick vollkommen absurd, die strikte Trennung sah aus wie inszeniert, was sie ja auch war, eine soziale Inszenierung. Das habe ich nicht gewusst, dass sich das da alles so streng in zwei Gruppen teilt, als sei das offiziell geregelt und angewiesen, was es natürlich nicht ist. Die Menschen scheinen für solche Trennungen gar keine  Regelungen zu brauchen, die machen das einfach so. Zumindest zwei, drei Generationen lang. 

Ich habe eine Spaziergängerin gesehen, der Hilde gar nicht unähnlich, die in meinem Buch über das Travemünde von damals vorkommt, eine Rentnerin, die da langsam entlang ging. Die stand da an der Liegewiese und guckte und vermutlich fiel ihr gerade auf, dass da nur Menschen lagen, die ihr fremd vorkamen. Ich konnte es auf ihrem Gesicht sehen, das Erstaunen, das genauer Hinsehen und Umsehen, dann ein leichtes Kopfschütteln, nach oben gezogene Augenbrauen. Mehr ist nicht passiert, da lagen einfach nur ganz normale Badegäste herum, da ging einfach nur jemand ganz normal spazieren und guckte, aber in einem Theaterstück oder Film zum Thema Fremdheit wäre das ein geeigneter und sinniger Moment als Symbolszene, im Gesicht einer guten Schauspielerin würde da einiges passieren.

Eine indische Dame fortgeschrittenen Alters, so eine Dame die auch deutlich nach Dame aussah, in betont würdevoller Haltung, löste sich von ihrer Familie, ging über die Promenade, auf einen Steg und ins Meer. Sie war traditionell bekleidet, also soweit ich das beurteilen kann, und sie ging langsam und in voller Montur geradeaus ins Wasser. Es gab kein Zögern und überhaupt keine sichtbare Regung auf ihrem Gesicht, während die jüngeren Verwandten umso aufgeregter um sie herum liefen und auf sie einredeten. als würde sie etwas höchst Ungehöriges tun. Sie war die Ruhe selbst, sie wirkte sehr bei sich und es war ein beeindruckender Anblick, wie sie da so langsam in ihren Kleidern in die Ostsee stieg, es sah feierlich und wunderschön aus.

Und hätte mich die oben erwähnte Stelle in “Die Welt im Selfie” nicht daran erinnert, dass es für viele Menschen in Indien keine Bademodenkultur gibt, sondern dass die Frauen, wenn überhaupt, im Sari ins Wasser gehen, ich hätte gedacht, die Dame dort, die sei ganz besonders cool für ihr Alter gewesen. Da einfach so im Kleid … ein starkes Stück.

Aber gut. Sie ging einfach nur baden. Wie andere auch. Denn das ist es, was sie alle in Travemünde machen. Was auch sonst.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminiter zurücktreten sollte.

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Déjeuner dinatoire

In der Harzreise von Heine gibt es eine Stelle, da trifft der Autor unterwegs einen Schäfer, es ist um die Mittagszeit, sie essen gemeinsam Käse und Brot am Wegesrand, was Heine dann als “déjeuner dinatoire” bezeichnet. Wäre es nicht nett gewesen, diese Bezeichnung hätte sich für so eine Mahlzeit durchgesetzt? Und man wüsste gar nicht, was ein Brunch ist? Ein Brantsch? Sowieso ein furchtbar klingendes Wort, dieser unangenehme Endlaut, äußerst unschön. Nach dem Brunch zieht der Mensch einen Flunsch, das klingt doch alles nicht, was so aufhört. Wobei ich nebenbei gerade sehe, dass manche Menschen wohl auch die Flunsch sagen, das habe ich ja noch nie gehört, das klingt dann für mich eher maritim, siehe auch Winsch. Hisst die Flunsch! Egal, wo war ich? Déjeuner dinatoire, so ein wunderschöner Begriff jedenfalls. Komm, wir treffen uns auf ein kleines déjeuner dinatoire. Das klingt doch so, als würde man dabei über Bücher und Bedeutendes reden, nicht über Business und Bullshit.

Ansonsten ist Heine gerade in Goslar, über Goslar weiß ich nichts, wie ich sowieso über den Harz nichts weiß. Einmal, es ist viele Jahre her, war ich mit einer Frau, die nicht die Herzdame war, so unvorstellbar lange ist das her, wild entschlossen, einen Urlaub im Harz zu verbringen, im Westharz damals, denn den anderen gab es noch gar nicht wirklich, also zumindest nicht aus westlicher Sicht. Man konnte damals noch nicht zu jeder Bude online zwanzig Bilder und dreißig Bewertungen prüfen, das Buchen von Urlaubsunterkünften war mehr so glücksspielartig und beruhte auf nichtssagenden Zweizeilern und winzigen Bildern in gedruckten Prospekten, wir hatten ja nichts. Wir wollten aber kein Glück – was ein Satz! -, wir wollten verlässliche Planung, also suchten wir uns nach den spärlichen Beschreibungen in den Reisekatalogen etwas aus und fuhren dann einfach kurzentschlossen an einem Sonntag hin, um es uns vor der Buchung genau anzusehen. Das Wort “romantisch” kam definitiv in der Beschreibung vor, den Rest habe ich natürlich vergessen, aber “romantisch”, das wollten wir haben, und zwar viel davon und mit alles. Im Atlas schien der Harz gar nicht so weit entfernt von Hamburg zu sein, die Fahrt dauerte dann aber viel länger, als wir es uns vorgestellt hatten. Viel, viel länger. Das tat der Stimmung nicht gerade gut, damit fing es schon an. Wenn man so liebesnestmäßige Ideen im Kopf hat, dann will man nicht in Niedersachsen auf der Autobahn herumstauen und sich dann, damals noch mit dem Finger auf der Landkarte herumsuchend, auf Landstraßen verfahren, zumal man bei der schwierigen Frage des Navigierens auch leicht aneinander gerät, wenn nicht sogar zwingend aneinander gerät.

Als wir das Hotel schließlich fanden, empfing uns die Hausherrin in reservierter Höflichkeit und führte uns herum, nachdem sie uns bei der Begrüßung einigermaßen erstaunt angesehen hatte – wir waren zu jung, wie uns schnell klar wurde. Aus ihrer Sicht gehörten wir eher in eine Jugendherberge oder auf einen Zeltplatz. Das Hotel war ein Albtraum an Spießigkeit, das allervermuffteste Etablissement, das wir uns nur vorstellen konnten. Ein liebloses Durchschnittsgebäude aus den Fünfzigern, bei dem man sofort nach dem Eintreten keine Luft mehr bekam. Mobiliar, Tapeten, Teppiche, Gäste, Kegelbahn, Partyraum, eines schlimmer als das andere, knietief in der Nachkriegszeit, konservativer und gestriger als Adenauer, und der Ausblick aus den Zimmern ging auf eine höchst gewöhnlich aussehende Wiese in enttäuschend unspektakulärer Hanglage und auf einen Parkplatz, der mit gepflegten Fahrzeugen der oberen Mittelklasse vollgestellt war. “Wir haben hier viele Stammgäste”, das hatte die Hausherrin gebetsmühlenartig wiederholt, “wir haben hier eigentlich nur Stammgäste. Aber wenn Sie ganz früh buchen …” Und ihr Blick sagte: “Tun Sie es nicht.”

Wir haben selbstverständlich nicht dort gebucht und sind keine Stammgäste geworden, wir haben uns sehr schnell zurückgezogen und versucht, unter freiem Himmel wieder normal zu atmen. Bis heute denke ich aber, dass der Harz gewiss irgendwo und irgendwie schön ist, wir haben es nur damals nicht gefunden.

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Musik! Im Laufe der Woche soll es ein Flöckchen schneien, sagt der Wetterbericht. Für diese ungewöhnliche Situation haben wir auch etwas.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Die Zeitlupe des Spätsommers in der Provinz

Wie es dem Arm geht, wurde in den Kommentaren gefragt. Vielen Dank für das Interesse, ich habe die Operation gerade abgesagt. Wie erwartet, wurden die Symptome sofort wieder schlimmer, manchmal ist diese Vorhersehbarkeit wirklich ein wenig nervtötend. In Kürze gibt es noch einen Therapieversuch – und dann weiß ich auch nicht. Neues Jahr, neues Glück – oder so.

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Aber apropos Arm. Das dämliche Gelenk hat mich im September und Oktober davon abgehalten, die Wandererzählung korrekt zu beenden, da fehlen immer noch drei Tage. Mittlerweile habe ich allerdings den Eindruck, es ist einigermaßen egal, ob ich nun stundenlang schreibe oder nicht, der Arm richtet sich mit den Schmerzen eher nach dem Wetter, dem Mond, den Dieselpreisen oder nach Gott weiß was, ich kann also auch einfach schreiben. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und nach alter Gewohnheit sind noch vor der Silvesternacht alle alte Themen abzuarbeiten, jeder hat eben so seine Marotten. Erst muss das Alte weg, dann geht es an die Fortsetzung, gerade gestern erst erkundigte sich der Sohn nach der Möglichkeit einer Winterwanderung, “aber ohne Zelt”, wie er sicherheitshalber hinzufügte. Es ist sogar noch Geld für Fahrkarten da, das haben Leserinnen uns bereits freundlich vorfinanziert. Das Projekt der Umrundung Schleswig-Holsteins bewegt sich also wieder etwas, aber zunächst erst einmal zum geordneten Abschluss der Sommerwanderung.

Dafür müssen wir zurück in die Hitze, das wird jetzt bei aktuell drei Grad in Hamburg etwas Fantasie erfordern, aber die haben Sie ja und ich bin immerhin stets bemüht. Sommer, Sonne, Strand also, Sie erinnern sich vielleicht, der Sohn hatte einen seligen Tag am Meer, das war bei Sierksdorf in der Lübecker Bucht an einem der heißesten Tage des Jahres und der letzte Eintrag zum Thema endete so:

“Der Sohn schwimmt, der Sohn steht am Meer, der Sohn sammelt Steine und setzt sich kurz neben mich. Der Sohn macht Strandjugenddinge, denke ich, es ist ganz schön, dass er das einmal so kennenlernen kann. Frierend aus der Ostsee kommen und in der prallen Sonne langsam wieder warmglühen. Auf dem Bauch im Sand liegen und in die Gegend sehen, sonst nichts. Am Meer stehen und Schiffe ansehen, wie sie von Travemünde aus nach Norden fahren. Und immer wieder auch ins Meer gehen, einmal, zehnmal, zwanzigmal an nur einem Vormittag. Er kommt zwischendurch zu mir und will wissen, ob es hier Feuerquallen gibt, die Frau aus dem Nachbarstrandkorb hört das und verneint: “Hier gibt es gar nichts. Also außer Tang.” Sie sagt es, als sei das eine gute Nachricht, dass es im Meer nichts gibt, nicht nur keine gemeingefährliche Feuerquallen, sondern auch keine Krebse oder andere Untiere, im Meer ist einfach nur Wasser.”

Hier war das.

Viel später am Tag werden wir im Zug sitzen und diskutieren, wie lange wir nun eigentlich in Sierksdorf am Strand gewesen sind. Dieser Tag ist jetzt mehrere Monate her, wir diskutieren das gelegentlich immer noch. Denn der Sohn, der in euphorischer Ferienekstase den vermutlich besten Strandtag seines Lebens hatte, er fand das da etwas kurz. Ich aber, der ich mehrere Stunden ohne Lektüre und mit leerem Handyakku in einem Strandkorb bei lächerlich hohen Temperaturen aushalten musste, ich fand das da eher etwas zu lang. Wenn ich also von diesem Tag spreche und darauf verweise, wie lange ich in Sierksdorf für ihn und sein Kinderglück durchgehalten habe, sagt er in einem Tonfall, der mir nicht recht gefällt: “Ist klar, Papa, richtig lange.” Mit diesen beiden Sichtweisen im Kopf und unter Berücksichtigung einiger Fakten wie etwa der späteren Zugabfahrzeit, waren wir nach bestem Wissen etwa sechs Stunden an diesem Strand. Wie auch immer das nun zu bewerten ist, ich jedenfalls war seit 1987 nicht mehr so lange in einem Strandkorb. Und da um mich herum Menschen in allen Stadien der Verbrennung lagen, kann das so empfehlenswert auch nicht sein. Aber da steigen wir also wieder ein in den Bericht:

Nach diesen sechs Stunden ist der Sohn endlich so oft im Meer gewesen, dass er keinen einzigen Zug mehr schwimmen kann. Die Sonnencreme geht langsam zur Neige, wir haben weder Getränke noch Essen dabei, und um etwas zu besorgen, müssten wir erst eine Bank finden, das Bargeld wird auch knapp, das ist alles etwas ungünstig. Der Gedanke, heute noch weiter zu wandern, er kommt uns beiden vollkommen grotesk vor, da sind wir uns einig. Also packe ich alles zusammen und wir gehen langsam zum Bahnhof. Wir gehen zum einen langsam, weil der Sohn sich nicht trennen kann und bei jedem Schritt überlegt, ob er nicht doch noch einmal schnell zum Meer rennt und reinspringt, wir gehen zum anderen langsam, weil ich wieder beide Rucksäcke trage, meinen heute aber viel schwerer als am Vortag finde und den Verdacht nicht loswerde, dass der Sohn heimlich mehrere ihm attraktiv vorkommende Steine beträchtlicher Größe hineingepackt hat.

Am Bahnhof steht ein Häuschen in fragwürdigem Zustand, in dem Toiletten und Fahrkartenautomaten sind, die zu meiner Überraschung sogar funktionieren. Unter einer Bank im Wartebereich finde ich eine Steckdose, ich krieche darunter und stöpsele das Handy ein, aber es passiert nichts, es gibt keinen Strom. Ich umrunde das Haus auch von außen, es ist aber keine weitere Steckdose zu finden. Man findet überhaupt sehr wenig Steckdosen in Schleswig-Holstein, wenn man einmal wirklich eine braucht, das ist wie mit dem Handynetz. Auf dem Bahnsteig warten zwei, drei Familien auf einen Zug, man sieht auf den ersten Blick, dass sie da schon zu lange stehen oder eher lagern. Eingedöste Kinder, fortgeschrittenes Wartekoma in brutal heißer Spätnachmittagsluft. Eine Mutter gräbt leise fluchend in mehreren Gepäckstücken nach Wasserflaschen, findet endlich eine und hält sie hoch, es ist nur noch ein Tropfen darin. Sie sieht sich um.

Neben dem Bahnsteig steht eine Baracke, vor der sitzt ein Mann in Uniform auf einem runtergerockten Drehstuhl. Er hat beide Beine lang ausgestreckt und die Dienstmütze der Deutsche Bahn so western-like in die Stirn geschoben, Detlev Buck hätte es auch nicht schöner inszenieren können, wie der da sitzt, unbeweglich und mit starrem Blick in der grillheißen Sonne, spiel mir das Lied vom Zug. Die Mutter geht zu dem Mann zu und fragt: “Bitte, haben Sie hier Wasser?” Der Mann schiebt die Mütze mit einem Finger höher und guckt, es ist herrlich, wie langsam er das tut, die Zeitlupe des Spätsommers in der Provinz, genau so stellt man sich das vor. Aber er sitzt da beruflich, er möchte nicht gestört werden. Er sitzt sehr gründlich und im Dienst, das müsste man eigentlich erkennen. Jeder müsste das erkennen, nur die Touristen wieder nicht. Er sieht die Frau an und sagt dann: “Jo.”

Die Frau hebt ihre leere Flasche, nach wie vor läuft alles wie in einem Drehbuch ab. Der Mann sieht die Frau an, die Frau sieht den Mann an. Aus dem benachbarten Freizeitpark hört man kreischende Kinder auf der Achterbahn. Langsam lässt die Frau die Flasche wieder sinken, denn das müsste der Typ ja allmählich verstanden haben, was sie will, jeder hätte das jetzt verstanden. Der Mann atmet tief ein, legt den Kopf zurück und sagt: “Aber es ist kein Trinkwasser.” Dann schiebt er die Mütze wieder über die Augen und verschränkt die Arme vor der Brust.

Eine Viertelstunde später steht er ächzend auf und stellt sich an die Bahnsteigkante, ein Zug fährt durch. Ein Zug, der nur in Städten einer respektablen Größe hält. Er fährt enorm schnell durch und der Mann steht wirklich dicht am Zug, der Fahrtwind reißt und zerrt an seinem Hemd. Der Mann guckt stoisch auf die Wartenden, bei denen die Eltern jetzt unwillkürlich die Kinder festhalten, als der Zug auf einmal so dicht an ihnen rasend vorbeilärmt. Der Mann aber steht da und passt auf, das ist sein Job. Nur er darf da so stehen und immerhin weiß er: Die Kinder im Freizeitpark kreischen auf der Achterbahn wegen der vermeintlichen Gefahr, aber das, was er da macht – das ist echt. Und dann setzt er sich langsam wieder hin, auf seinen uralten Bürostuhl.

Der Sohn und ich fahren nach einer schier ewigen Wartezeit an diesem Bahnsteig mit dem Zug zurück nach Hamburg, nur um gleich am nächsten Morgen wieder aufzubrechen. Denn sofort nach dem Aufwachen ist ihm klar, dass er immer noch nicht ganz strandsatt ist. “Wir könnten Brötchen kaufen und im Zug frühstücken”, sage ich. “So machen wir das”, sagt der Sohn. Und so haben wir es dann auch wirklich gemacht.

Fortsetzung hier.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Im Bild sein und stehen

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel, der ist mittlerweile etwas länger her, es geht nach wie vor um die Wanderung mit Sohn II an der Ostsee.)

(Kurz vorweg: Ich bin nach wie vor nicht recht schreibfähig und werde damit allmählich zu einem Fall für die Reihe “Der interessante Patient”. Nun, das kann man sich nicht aussuchen. Aber alle zwei Wochen setze ich mich ans Notebook und tippe los, denn ich muss ja mal prüfen, was dann passiert, wenn ich eine Weile getippt habe. Es könnte ja funktionieren. Das tut es nicht, sagt der Eellenbogen, immerhin einen neuen Text gibt es auf diese Art aber dennoch, auch nett. Und weil ich nicht gut schreiben, aber immer noch Leute treffen kann, habe ich mir für den Schluss des Artikels etwas Verstärkung gesucht.)

Am nächsten Morgen bin ich wie immer sehr früh wach, alle anderen auf der Zeltwiese scheinen noch zu schlafen. Der Sohn macht kurz nach mir die Augen auf, springt auf und baut umgehend das Zelt ab, hier haben wir nichts mehr zu tun. Zum Frühstück gibt es nur nebenbei ein paar Kekse, die ich am Vorabend noch bei der Tankstelle neben dem Campingplatz besorgt habe, Kekse mit Schokolade, die müssen eh dringend gegessen werden, bevor es wieder zu heiß wird, dann versauen die uns das ganze Gepäck. Wir rollen Matten und Schlafsäcke ein, verstauen alles in meinem Rucksack und gehen wieder zum Strand zwischen Haffkrug und Scharbeutz.

Da ist noch kein Mensch, zumindest nicht in unserer Nähe. Weiter hinten sehen wir nur einige wenige Spaziergänger, die sich ab und zu nach Steinchen oder Muscheln bücken, aber die sind weit weg, winzige Figuren. Vor uns keiner, neben uns keiner. Die Ostsee liegt im allerfeinsten Morgenlicht, glitzernd wie Glasbruch, Unmengen von Scherben, die man lässig über das Meer gestreut hat, und zwar breitwürfig, wie es oft auf den Packungen von Gemüse-. oder Blumensamen heißt. Es ist zweifellos ein schönes Meer, diese Ostsee, wie sie so geschmückt im Morgenlicht vor uns liegt. Sie erscheint gestandenen Seebären und Nordseefreunden bekanntlich eher als Fake-Meer, um es zeitgemäß auszudrücken, als ein bloßer und bestenfalls kindgemäßer Abklatsch der richtigen Ozeane. Aber andererseits ist sie immerhin da und nicht dauernd mit sich selbst und der Tide beschäftigt, wie ein gewisses anderes Meer. Und wie sie da ist.

Der Sohn steht schon wieder bis zur Hüfte im silbern funkelnden Wasser, ein einzelner kleiner Mensch in der ganzen Weite der Bucht, niemand sonst im Wasser, weit und breit nicht, es sind nicht einmal Segel draußen zu sehen, auch die Möwe vom Dienst schläft wohl noch. “Das ist mal ein Bild”, sage ich. Und der Sohn, der manchmal gerne länger nachdenkt, sagt, dass es schon besonders schön sei, so menschenleer, dass es aber in dem Moment, wo man das feststelle, auch zwingend nicht mehr menschenleer sei. “Denn wir sind ja auch Menschen”, sagt er, “wir stehen hier also im Bild.” Womit er präzise erkannt hat, was daran falsch ist, in unberührte Natur reisen zu wollen, damit ist er immerhin weiter als so mancher semiberufliche Traveller auf Instagram. Im Grunde versaut man als Mensch schon alles, während man es nur betrachtet. Mehr Philosophie ist am frühen Morgen aber beim besten Willen noch nicht zu leisten, wir stehen und sind jetzt erst einmal soweit im Bild. Der Sohn schwimmt natürlich auch eine Runde durchs Bild, denn man schwimmt nicht oft so alleine und zu so einer Uhrzeit im Meer, das muss ausgenutzt werden. Und es wird dann recht lange ausgenutzt.

Danach sitzt er frierend im Sand und guckt sich noch ein wenig den Morgen an, das ist auch so etwas, dass man im Alltag eher nicht macht. Im Alltag findet der Morgen einfach jeden Tag statt und passiert so nebenbei, hier ist der Morgen dagegen eine erlesen schöne Vorführung und will ausdrücklich gewürdigt werden, deswegen sitzen wir da und gucken. Was aber irgendwann auch gewürdigt werden muss, das ist unser Hunger, weswegen wir kurz darauf trotz aller Schönheit vor uns aufbrechen. Es wird ja irgendwo eine Bäckerei geben. Das denke ich zumindest, aber nach ein paar hundert Metern merke ich schon, dass ich das nur als Hamburger routinemäßig denke, weil es in der Großstadt in jedem Häuserblock einen Bäcker oder zwei gibt, die Franchise-Läden sind mittlerweile überall. In Küstenorten ist das aber anders, da gibt es verlässlich nur alle paar hundert Meter einen anderen Strandkorbvermieter, andere Gewerbe sind deutlich spannender. Wir ziehen suchend durch den noch schlafenden Ort umher, aber einfach so herumzugehen, das ist heute ganz und gar nicht nach dem Geschmack des Sohnes, das merke ich schnell, da wirkt die lange Tour von gestern doch nach nach.

Als wir endlich eine Bäckerei finden, stehen dort Menschen in langer Schlange an, bis weit vor die Tür sogar. Der Sohn setzt sich fluchend an einen Tisch auf der Terrasse, lange Wartezeiten vor blöden Läden hatte er heute auch nicht im Programm. Ich stehe an, und zwar ausdauernd. Es dauert wirklich enorm lange, weil die Bedienung alle Brötchen erst auf Zuruf schmiert, es liegen keine fertigen herum, warum auch immer, vielleicht ist das Konzept hier nicht bekannt. Ein Stöhnen bei jeder Bestellung, das jetzt auch noch! Es ist brutal heiß im Verkaufsraum, es muss eine Zumutung sein, da zu arbeiten, ich verstehe immerhin die Laune, mir wäre das auch zu heiß für alles. Andere Kunden verstehen das nur bedingt und äußern das auch, die Stimmung ist gereizt. Zwei Kundinnen weigern sich, für ihre Getränkeflaschen Pfand zu zahlen, das müssen sie ja auch sonst nie, sie kommen doch öfter! Lange Diskussionen, man merkt, es geht um Gewohnheitsrechte, die sind bei allen Touristen enorm wichtig, denn die Gewohnheitsrechte belegen den mühsam erworbenen Stammkundenstatus, und an dem hängt viel. Ich bin hier öfter, ich kenne mich aus, ich darf das, das ist mein Revier. 

Auf der Terrasse des Laden essen wir Brötchen und trinken Kakao und schlechten Kaffee, denn das mit dem guten Kaffee, das ist an der Küste nach wie vor nicht ganz einfach. Aber ich will da nicht als verwöhnter Großstädter herummäkeln, denke ich, was für eine blöde Attitüde. Ich trinke schlechten Kaffee, mit dem wir immerhin alle groß geworden sind, der  ging doch damals auch und wenn wir ehrlich sind, es hat ja gar keiner gemerkt, das mit dem etwas nicht stimmte. Filterkaffee aus Maschinen, so war das eben. Und nur weil irgendwelche besonders coolen Bevölkerungsgruppen in den letzten paar Jahren Spezialwissen und Sondergeschmack erworben haben, ist der Rest noch lange nicht ins Banausentum abgerutscht, der ist einfach nur normal geblieben, der hat einfach nur eine Modewelle ausgelassen, und es ist nichts falsch daran, normal zu sein und sich normal zu verhalten. Wobei dieser Gedankengang am Beispiel des Kaffees allerdings kein gutes Ende nimmt, denn dann ist normal gleichbedeutend mit ziemlich bitter, das kann man so auch nicht stehen lassen. Aber eine andere Kurve bekomme ich gedanklich noch nicht hin, es ist nach wie vor zu früh und der Koffeinpegel ist beklagenswert niedrig. Mit einem anständigen Espresso wäre ich natürlich längst weiter. 

Danach diskutieren wir, ob wir Sierksdorf in Richtung Norden verlassen, um heute noch etwas zu schaffen. Oder ob wir doch eine längere Pause einlegen? Wir gehen unschlüssig am Strand entlang. Es klingt sehr gut, etwas zu schaffen, man könnte immerhin hinterher damit angeben. So weit sind wir gekommen! 25 Kilometer oder mehr wären das dann insgesamt. Das können wir uns gut vorstellen, das so zu erzählen, und der Gedanke gefällt uns auch beiden. Andererseits beziehen rechts neben uns jetzt die ersten Touristen ihre Strandkörbe, das ist auch nicht schlecht, findet der Sohn. In einem Strandkorb war er schon lange nicht mehr, das ist an der Nordsee auch etwas ganz anderes und an der Ostsee waren wir eben in den letzten Jahren viel seltener. Also so ein Ostseestrandkorb mit dem überaus verlockenden Meer in nur ein paar Metern Entfernung … es ist wirklich nicht einfach, sich zu entscheiden. Währenddessen macht die Sonne deutlich, dass es auch heute unfassbar heiß werden wird, wir nehmen das als Argument zur Kenntnis und grübeln im Gehen immer weiter.

Der Weg macht unerwartet einen Knick vom Strand weg, es sieht so aus, als könne man direkt am Meer nicht weitergehen. Das, was da wegknickt, das sieht außerdem nach Landstraße aus und geht auch noch eindeutig bergauf. Ich könnte auf dem Handy nachsehen, wohin welche Wege führen und wie lange man wo braucht, aber das Handy ist nicht geladen, das Handy nützt heute gar nichts und ist einfach nur ein Stück Gewicht. Wir könnten unten am Meer entlang eine Weile durch den tiefen Sand laufen und nachsehen, ob da wieder ein Weg kommt, wir könnten auch ein paar hundert Meter lang nachsehen, was es mit dieser Landstraße auf sich hat, aber eigentlich ist uns so gar nicht nach womöglich sinnlosen Versuchen zumute. Der Rucksack ist zu schwer, der Vortag war zu anstrengend, die Sonne ist schon zu hoch, das passt alles nicht. Ich miete uns einfach an der nächstbesten Bude einen Strandkorb, den ich sofort so drehe, dass ich im Schatten sitzen kann. Die anderen Badegäste gucken mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost, man sonnt sich hier noch wie 1985, bronzebraun jeder Rücken. Das ist mir egal, ich bin froh um jede Schattenminute, ich hätte auch nichts gegen den ruckartigsten Herbsteintritt aller Zeiten, mit Hitze bin ich bedient. Der Sohn ist da toleranter, der Sohn ist schon wieder im Meer verschwunden.

Ich gehe doch noch einmal los und suche mir eine Zeitung, wobei ich die Damen, die vorhin das Pfand aufgrund ihrer Privilegien nicht zahlen wollten, statusmäßig locker überholen kann – ich kaufe eine Zeitung, in der eine Kolumne von mir steht. Da ich das im Laden selbstverständlich nicht laut verkünde, ist es zwar ein eher stilles Vergnügen, aber es ist doch eines.

Der Sohn schwimmt, der Sohn steht am Meer, der Sohn sammelt Steine und setzt sich kurz neben mich. Der Sohn macht Strandjugenddinge, denke ich, es ist ganz schön, dass er das einmal so kennenlernen kann. Frierend aus der Ostsee kommen und in der prallen Sonne langsam wieder warmglühen. Auf dem Bauch im Sand liegen und in die Gegend sehen, sonst nichts. Am Meer stehen und Schiffe ansehen, wie sie von Travemünde aus nach Norden fahren. Und immer wieder auch ins Meer gehen, einmal, zehnmal, zwanzigmal an nur einem Vormittag. Er kommt zwischendurch zu mir und will wissen, ob es hier Feuerquallen gibt, die Frau aus dem Nachbarstrandkorb hört das und verneint: “Hier gibt es gar nichts. Also außer Tang.” Sie sagt es, als sei das eine gute Nachricht, dass es im Meer nichts gibt, nicht nur keine gemeingefährliche Feuerquallen, sondern auch keine Krebse oder andere Untiere, im Meer ist einfach nur Wasser. 

Soweit die erste Tageshälfte in Sierksdorf, die Fortsetzung wird wieder etwas dauern, hat dafür aber auch etwas mit Sergio Leone zu tun, das ist doch was. Das leere Meer hat mir aber keine Ruhe gelassen, dazu also noch zwei Fragen an Hannah Sophia Weber (Foto: Rainer Kant), sie ist Meeresbiologin und arbeitet bei dem Umweltschutzverein Baltic Environmental Forum für den Meeresschutz. Gerade koordiniert sie im Rahmen des Projektes ResponSEAble die internationale Kampagne #KeepTheBalticBlue, um auf das Problem der Eutrophierung der Ostsee aufmerksam zu machen. Die Kampagne läuft über 18 Umweltschutzorganisationen, in 10 Ländern und in 7 Sprachen.

Hannah Sophia Weber, Foto Rainer Kant

Was siehst Du, wenn Du auf die Ostsee siehst?

Wenn ich auf das blaue Nass blicke, wie es manchmal sanft, manchmal tosend die Küste umspielt, dann sehe ich die Grundlage allen Lebens auf diesem Planeten. Das erste Leben entstand in den Meeren und seitdem haben diese eine unfassbare Fülle und Vielfalt an Lebensformen hervorgebracht. Die Ostsee ist ein ganz besonders Meer. Es ist klein und relativ jung, vor allem aber: nur über eine einzige Verbindung tauscht die Ostsee Wasser mit der Nordsee aus und steht so mit den restlichen Weltmeeren in Verbindung. Das kleine Meer ist also tatsächlich eines der größten Brackwasserssysteme der Erde. Salzwasser aus der Nordsee trifft auf gewaltige Süßwassermengen, die über die großen Flüsse der Ostseeländer fließen. Die westliche Ostsee ist also salzhaltiger als die östliche. Dieser Gradient und die Schwankungen der Salzkonzentrationen sind echte Herausforderungen für Flora und Fauna. So ist die Ostsee ein fragiles Ökosystem mit einer relativ geringen Artenvielfalt.

Doch ich sehe noch etwas anderes. Lasse ich meinen Blick Richtung Horizont schweifen, da kommt da nicht die unendliche Weite, die mich bei anderen Meeren abenteuerlustig und freiheitssüchtig macht. Bei der Ostsee stößt mein Blick stets auf Land, überall Land. Und dieses meist dicht beackert, landwirtschaftlich genutzt. Der Ostseeraum ist die Kornkammer Europas. Wie passt das zusammen: ein sehr sensibles Ökosystem inmitten menschlicher Aktivitäten? Gar nicht gut! Die Ostsee ist stark verschmutzt. Dünger fließt in großen Mengen von den Feldern in das Wasser und nährt die Algen, die zuhauf wachsen und uns im Sommer die grünen, oft giftigen Algenblüten bescheren. Der Prozess heißt Eutrophierung. Haben wir schon so oft auf grünes Wasser geschaut – statt auf blaues – dass wir es als Normalzustand empfinden? Aber auch Algen sterben irgendwann und der grüne Teppich verschwindet – und die Katastrophe geht weiter: Mikroorganismen auf dem Grund verspeisen die herunter rieselnde Nahrungsquelle und zehren dabei Sauerstoff, bis er nicht mehr vorhanden ist. So entstehenden Todeszonen: weitläufige Gebiete, in denen Tiere nicht überleben können. Und so wird die sowieso schon geringe Artenvielfalt noch weiter dezimiert. Und was ist eigentlich mit dem Klimawandel? Oder dem Plastik, welches mittlerweile in den entlegensten Meeresräumen gefunden wird? Beides setzen auch der Ostsee stark zu, wieder zu Ungunsten der Lebensräume und Artenvielfalt….die Ostsee braucht unsere Hilfe!

Wer ist zuständig, um einen besseren Zustand herzustellen?

Wir alle, jeder einzelne von uns! Der Mensch und das Meer sind eng miteinander verwoben, wir stehen ständig miteinander im Austausch. Und so sollten wir uns genauso für die Gesundheit der Meere einsetzen, wie wir unsere eigene. Wie? Konsumverhalten hinterfragen, das eigene, ganz individuelle und das globale. Sich bewusst mit der Frage auseinandersetzen: wieviel und was brauche ich für ein erfülltes Leben? Was die Ostsee betrifft: 70% der Ernte wird an Zuchtvieh verfüttert, nur 30% essen wir Menschen direkt. Das heißt konkret: den Verzehr von Fleisch- und Milchprodukten zu verringern (Gesundheitsinstitutionen empfehlen sowieso nicht mehr als 300 – 500 g Fleisch pro Woche zu essen) hilft, die Eutrophierung in der Ostsee einzudämmen und ist gleichzeitig gut für das Klima.

Leider reicht das aber nicht. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der es normal geworden ist Waren und Lebensmittel permanent um den ganzen Erdball zu schicken. Dahinter stecken politische und wirtschaftliche Entscheidungen, die wir als Bürger und Bürgerinnen in Frage stellen sollten. Und Entscheidungsträger und -trägerinnen, die wir daran erinnern müssen, dass auch unsere Kinder und Enkel noch eine Lebensgrundlage brauchen.

Banner BEV "Keep the Baltic blue"

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ich gehe dann demnächst mal weiter, ob mit Schreibvermögen oder ohne. Irgendwann klappt das wieder alles, wie es sich gehört.

Hier die Fortsetzung der Wanderung.

 

 

Abende auf Kunstrasen und in bester Luft

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel)

Der Weg zum Strand ist weit. Also natürlich ist er nicht weit, aber wir waren immerhin schon den ganzen Tag unterwegs, wir dürfen den also mit Fug und Recht weit finden und ihn fluchend entlang gehen, jeder Schritt ist einer zuviel, jede Biegung eine gottverdammte Zumutung. Der Weg führt über den ganzen Campingplatz, auch durch den Bereich der Dauercamper, da brauchen wir dann noch etwas länger, weil wir uns alles erst genau ansehen müssen. Dauercamper, so fassen wir dann nach einer Weile unsere Erkenntnis zusammen, sind wie Schrebergärtner, aber mit viel kleineren Parzellen, ohne Garten und “mit alles aus Plastik”, wie der Sohn ganz richtig sagt. Ohne den Dauercampern zu nahe treten zu wollen, auf den ersten Blick erschließt sich uns nicht, was genau daran schön sein soll, dort abends auf einem Stück Kunstrasen in ungeheuer aufgeräumter Umgebung hinter aufgespannten Kunststofffolien in bester Luft zu sitzen und fernzusehen. Vermutlich müsste man dauercampen,um es zu verstehen, aber wer hat denn Zeit für so etwas. Also außer Menschen, die schon in Rente sind, das scheint auf den ersten Blick auch bei den meisten Menschen dort hinzukommen. Einer hat eine Hortensie in die gegabelte Deichsel seines Wohnwagens gepflanzt, “Der macht wenigstens was mit Natur”, sagt der Sohn. “Man muss auch loben können”, sage ich, “ganz genau.”

Am Strand ist noch Betrieb, der Kurkartenkassierer in seinem Kabuff hat aber schon Feierabend, wir kommen umsonst ans Meer. “Ganzen Tag nichts gezahlt!”, sagt der Sohn mit einem gewissen Piratenstolz, was man eben so erbeutet. Ich setze mich in den Sand, der Sohn zieht sich seine Badehose an und stellt sich ins Meer, in die nur müde schwappende Brandung, die man kaum so nennen kann. Das Wasser ist warm, auch für sommerliche Ostseeverhältnisse ist es sehr warm. Uns kommt eine Frau aus dem Wasser entgegen, die kopfschüttelnd sagt: “Ich geh mal kalt duschen, das bringt hier ja nichts.” So warm ist das Wasser.

Dem Sohn ist das egal, Hauptsache Meer. Nach einer Tageswanderung ist Wasser immer super, das merkt er jetzt – und wie er das merkt. Denn im Wasser geschieht etwas mit ihm, es überkommt ihn irgendwie und er hat seinen endgültigen Durchbruch als Wasserratte, er ist eine Stunde eher unter als über dem Wasser, er macht Handstand, Kopfstand und Rollen im Meer, er springt von einem Steg und rennt immer wieder rein und raus, einfach aus Spaß, weil es so schön ist, im Wasser zu rennen. Er wird sogar von einer älteren Dame angesprochen, dass es ja eine helle Freude sei, ihm zuzusehen, so viel Vergnügen! Das würde ja geradezu belebend wirken! Diese ekstatische Art des Badens also, und ich erinnere mich, das kannte ich auch einmal. So zu schwimmen, dass man überhaupt nicht mehr raus will, dass man sich wie ein Meeresbewohner fühlt, dass sich unter und im Wasser alles so dermaßen perfekt anfühlt und auf einmal sogar viel richtiger als an Land, als sei man im Wasser zuhause und endlich zurückgekehrt, als könne das jetzt so bleiben. Und so zu schwimmen, das dauert eben eine ganze Weile, das ist natürlich nicht in zehn Minuten erledigt, auch nicht in zwanzig. Ich sitze im Sand und sehe zu, wir haben Zeit.

Der Sohn sieht aus wie ich damals, darüber habe ich hier schon einmal geschrieben, ich sitze also und fühle seltsam intensiv mit. Erinnern und Beobachten werde eins, ich selbst mache den Handstand, ich selbst mache diese Rollen unter Wasser, ich schwimme da hinten herum und tauche ins Grünblaue ab, habe Salzwasser im Mund und Tang zwischen den Fingern und es ist ganz außerordentlich schön. Ich erfrische mich sozusagen aus zweiter Hand, das geht also auch.

Die Sonne steht tief, es wird dennoch nicht kühler. Es sind noch ungewöhnlich viele Menschen am Strand, Touristen, die längst den Punkt verpasst haben, an dem man normalerweise in der Touristenrolle ins Hotel geht. Da ist der Mensch wie ein Tier, wenn es kühler wird, dann geht er irgendwann in seinen Bau, wenn es aber nicht kühler wird, dann liegt er immer weiter da, wo eben noch die Sonne war, und irgendwann wirkt er da fehl am Platz. Es wird nur zögerlich ruhiger am Strand, es bleibt immer weiter warm, es ist die ideale Nacht, um einmal im Leben am Strand zu schlafen, aber wir haben das Zelt ja schon auf dem Campingplatz aufgebaut und das muss natürlich auch dort getestet werden. “Hunger”, sage ich schließlich. “Kein bisschen”, sagt der Sohn, denn der der läuft bei Hitze im Sparbetrieb und verbraucht fast nichts. Das kenne ich auch so von früher, das gibt sich aber dummerweise mit den Jahren.

Wir suchen uns einen Imbiss, in der nächstbesten Bude gibt es Gerichte aus dem Wok. Der Wok steht an der Ostsee auch nicht gerade für die traditionelle und regionale Küche, andererseit kann man mit Curryhuhn aber nicht viel falsch machen, wenn man nur genug Curry nimmt. Es ist also eine ziemlich sichere Sache. Wir essen wespenumsummt, ich sehr viel und der Sohn sehr wenig. Wir gehen dann ungeheuer müde den auf einmal noch viel weiteren Weg zum Campingplatz zurück, wo wir merken, dass einer von uns beiden seine Schuhe bei der Imbissbude gelassen hat, weswegen wir noch einmal zurück müssen. Es sind die Kleinigkeiten auf Reisen, die wirklich Kraft kosten, das stelle ich immer wieder fest. Die Schuhe stehen noch ordentlich unter dem Tisch, an dem wir gesessen haben, der Wokbudenmann winkt freundlich aus seinem Bedienfenster, der hat uns schon erwartet. Wir werfen noch einen letzten Blick auf die See, verbunden mit der Überlegung, ob man nicht doch noch einmal ganz kurz – aber nein. Die Kraft ist jetzt wirklich gründlich verbraucht.

Die Sache mit dem Duschchip müssen wir aber doch noch austesten, ein Chip für fünf Minuten, so hatte es der Mann an der Rezeption gesagt. Wie lang sind fünf Minuten unter der Dusche, ist das lang, ist das kurz? Wie lange duscht man eigentlich normalerweise? Fünf Minuten, das finden wir dann heraus, reichen locker für zwei Personen, und dann läuft sogar immer noch ziemlich lange Wasser, wir hätten noch jemanden einladen können. Nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit unter der Dusche gestanden haben, wird uns klar, dass die Sache mit den fünf Minuten nicht stimmen kann. Vielleicht ist das Ding kaputt oder ein Chip reicht für 15 oder für 25 Minuten, das Wasser läuft jedenfalls immer weiter und weiter und wir sind längst die allergeduschtesten Menschen weit und breit, so viel steht fest. Irgendwann stellen wir das Wasser einfach ab und gehen, wie bei jeder anderen Dusche auch.

Auf der Zeltwiese sammelt sich währenddessen eine größere Kinderschar, das gehört wohl zu den Gepflogenheiten dort, dass der Nachwuchs aller Altersstufen sich abends zuammenrottet, wenn die Damen und Herren Eltern wieder irgendwelche Erwachsenendinge in den Zelten machen, herumräumen, kochen oder mit Handtuch über der Schulter zum Duschhaus ziehen. Wildfremde Kinder bilden da ein Rudel, die brauchen etwa zwei Minuten, bis sie gemeinsam etwas machen können, das ist immer wieder faszinierend. Wie unendlich lahm man als Erwachsener mit so etwas wird, wie sehr man irgendwann wieder fremdelt. Die ganze Schar verschwindet Richtung Spielplatz und bleibt dort auch eine ganze Weile, es ist längst stockdunkel. Ab und zu hört man Kinderrufe, es klingt nicht so, als ob man da hingehen müsste.

“Wollen wir nochmal besprechen, was wir heute alles erlebt haben?” frage ich den Sohn, als er endlich neben mir im Zelt auf dem Schlafsack liegt. “Ja”, sagt er und schläft in derselben Sekunde ein, während ringsum ein verblüffend vielfältiges Schnarchen einsetzt.

Fortsetzung hier.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, denn die Wanderung wird fortgesetzt. 

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Das besondere Glück des zweitkleinsten Zeltes

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel)

Timmendorf war dem Sohn dann irgendwie nicht sympathisch. Ich halte mich da allerdings für unschuldig, ich habe ihm nicht von meiner jugendlichen Aversion gegen den Ort erzählt, keine Silbe. Aber er fand es einfach nicht nett dort, vermutlich lag es an den dominierenden Hotelklötzen, so etwas mag er nicht. Dazu trug aber auch eine Cola bei, die er dort getrunken hat, die war nämlich exorbitant teuer, selbst wenn man Szeneviertelpreise aus Hamburg gewohnt ist. Also sie war immerhin so teuer, dass sogar dem Kind der Preis auffiel, was man auch erst einmal hinbekommen muss. Sie war außerdem abgestanden und wurde mit überschaubarer Freundlichkeit serviert, das kam zusammen nicht gut an. Es bestärkte auch wieder einen Eindruck, der sich bei mir immer mehr verfestigt, auch nach zahlreichen Erfahrungen drüben an der anderen Küstenlinie des Landes und auf gewissen Inseln, dass nämlich die Verpflegung der Touristen im Norden ziemlich oft genau so erfolgt, dass sich die Mehrheit der Gäste nicht ausdrücklich beschwert – und nicht etwa so, dass alle die Köchinnen und Herstellerbetriebe preisen ob der sensationellen Qualität der dargebotenen Speisen und Getränke. Wozu man sich jetzt natürlich ein anderes Beispiel als eine Cola denken muss, pardon. Und selbstverständlich wird es auch reichlich Gegenbeispiele für diese Annahme geben, ich finde sie nur eben nicht. Oder nur selten. Oder ich kann sie mir nicht leisten, das kann natürlich auch sein. Ein Bekannter hatte zu diesem Thema einen sinnvollen Einwand, den will ich auch nicht unterschlagen, er meinte nämlich, dass das, was mir wie unteres Kantinenniveau vorkommt, vielleicht genau das ist, was allgemein gewünscht ist, und dann ist das eben alles berechtigt so. Ja nun, ich weiß es nicht. Ich halte mich keinesfalls für einen Gourmet oder auch nur für einen Kenner. Aber abgestandene Getränke und vertrocknete Fischbrötchen erkenne ich doch, und da fängt es eben an.

Der Sohn geht also grummelnd durch Timmendorf, findet, dass Gosch Sylt gefälligst nur auf Sylt zu sein hat, was soll denn dieser blöde Name sonst, irreführend ist das doch, und er ist auch sonst mit allem unzufrieden. Peak Wanderlust ist eventuell deutlich in Sicht, denke ich mir. Aber wir gehen und gehen und der Ort wechselt irgendwann, wir passieren ein gelbes Schild.

Wir kommen an der Ostseetherme vorbei, an dem großen und aus meiner historisch geprägten Sicht neuen Schwimmbad in Scharbeutz, das ist so eine Anlage der Superlative, ein Wellnesstempel vermutlich erster Klasse, ich bin auch da wieder kein Kenner, ich habe es nicht so mit Wellness. Auf der Homepage, die ich mir im Vorbeigehen reflexmäßig ansehe, steht, dass man da auch Bademode kaufen kann, und die ist natürlich – was sonst – exklusiv, ich kann das Wort allmählich nicht mehr hören. Ob ich wohl jemals exklusive Bademode erkennen würde, wenn sie jemand neben mir tragen würde? Erkennt das überhaupt irgendwer und was hat man davon? Ich stelle mir vor, wie ich mit einer exklusiven, also einer gesellschaftlich abgrenzenden Badehose am Strand stehe, inmitten des allgemeinen und sehr inklusiven Getümmels. Würde mir das weiterhelfen, ginge es mir dann besser?

Den Sohn und mich fasziniert aber noch viel mehr, dass es entlang des Gebäudes noch heißer als ohnehin schon ist, wir brauchen eine Weile, um uns das vernünftig zu erklären. Abluft der Wasserheizung, reflektierendes Glas, gespeicherte Wärme im Stein, ich habe keinen Schimmer, woher er das eigentlich alles wissen kann, sie lernen also doch etwas in der Schule. Dann gehen wir als seriöse Forscher noch einmal testweise hin und her, Irrtum ausgeschlossen, das Ding strahlt Wärme ab wie irre, man könnte es sich glatt für kalte Tage vormerken, daran vorbeizugehen. Wobei es an kalten Tagen natürlich keine gespeicherte Wärme im Stein gibt, schon klar.

Aber davon abgesehen wäre es nett und dringend, jetzt irgendwo anzukommen. Ich gucke also auf dem Handy nach einem Campingplatz. Es gibt auch wirklich welche, gleich mehrere, und sie liegen sogar in machbarer Entfernung, kurz vor Haffkrug. Da müssen wir nur noch eben durch Scharbeutz durch, wobei das natürlich auch ein langer, langer Ort ist, aber eben nur einer, das müsste gehen. Wenn man noch ein Eis isst jedenfalls. Auf der Suche nach dem Eis finden wir für eine Weile keinen Schatten, das setzt uns zu. In einer Bäckerei versorgen wir uns wenigstens mit kaltem Wasser aus dem Kühlschrank und lassen uns auf den Boden vor dem Laden fallen, Zwangspause, nichts geht mehr. Immerhin erreichen wir den Punkt gleichzeitig, das macht es einfacher.

Dann rappeln wir uns mit Wasser betankt wieder auf und peilen den Campingplatz an. Dabei passiert, was auf vielen Reisen passiert, wenn man lange unterwegs ist. Die letzte Stunde zieht sich und zieht sich und die Stimmung verelendet. Der Campingplatz ist am Ende dieser Straße, er ist nach dieser Biegung, hinter der Kurve, nein, nach dieser erst oder dahinten oder doch nicht. Hätten wir etwa andersherum gemusst? Längst trage ich auch den Rucksack des Sohnes und seinen Wanderstock. Längst hat sich der Handyakku im unpassenden Moment verabschiedet und eine Karte auf Papier habe ich nicht dabei, das passiert mir auch nicht noch einmal. Ganz dahinten stehen Wohnwagen, wo Wohnwagen stehen, da kann man meistens auch ein Zelt aufschlagen, aber wie kommt man da bloß hin? Wieso stehen denn nicht überall Schilder, die zum Campingplatz weisen, die sieht man doch sonst dauernd an den Straßen, wenn man gerade keinen Campingplatz braucht? Ich setze den Sohn in den Schatten eines Baumes und gehe alleine erkunden, denn da kommt ein längeres Stück offene Landstraße, da wird man schon wieder kurzgebraten, das möchte ich ihm nicht mehr zumuten. Weil der Sohn noch nicht genug Actionfilme kennt, sagt er nicht: “Alleine kannst du es schaffen”, den Satz muss ich mir denken.

Der Eingang des Campingplatzes ist gar nicht vorne am Strand, wo er nach meinem Gefühl hingehören würde, der ist ganz weit landeinwärts an der großen Straße, wo er nach dem Gefühl der Autofahrer hingehört. Wobei “ganz weit” in dieser Stimmung auf jede beliebige Entfernung größer als zehn Meter zutrifft. Ich gehe also ganz weit und dann noch um eine Kurve hinter einer Tankstelle, und da ist dann endlich der Eingang vom Campingplatz Seepferdchen. Ich gehe zurück und hole den Sohn, der mir schon von weitem entgegen ruft, dass hier aber wirklich verdammt wenig Taxis fahren, in dieser Gegend. Das sei in Hamburg ja klar besser. Mit erschöpften Wanderern soll man nicht argumentieren, ich nehme ihn an die Hand und wir gehen zum rettenden Campingplatz.

Der Mann an der Rezeption des Campingplatzes sieht uns an und fragt, wo wir herkommen. “Aus Travemünde? Zu Fuß? Respekt!” Ja, das finde ich auch, ein wenig Respekt ist völlig angemessen, das ist doch eine ganz ordentliche Strecke für zwei Anfänger. Und bei dem Wetter! Er füllt Papiere aus, er sieht sich meinen Ausweis an, er reicht mir Kurkarten, immer braucht man überall Kurkarten. Ich zahle einen erfreulich geringen Preis und erwerbe schon einmal zwei Duschchips, fünf Minuten ein Euro, damit werden wir später noch Spaß haben. Selbstverständlich liegt die Zeltwiese noch in der prallen Sonne, der Platzwart weist mit der Hand vage in eine Richtung: “Da irgendwo könnense.” Wir bauen das Zelt auf, was auch deswegen ganz außerordentlich schnell geht, weil es das kleinste Zelt auf dem Platz ist, wie der Sohn kritisch bemerkt. Er geht überall herum und guckt, er geht auch noch eine Wiese weiter, es bleibt dabei, alle Zelte sind größer als unseres. Ich finde das lustig, er weiß noch nicht recht, wie er es finden soll. “Kleine Zelte kann man besser tragen”, sage ich, “viel besser sogar.” “Hm”, sagt der Sohn und guckt nachdenklich. Sehr nachdenklich.

Wir schieben die Isomatten ins Zelt, die Schlafsäcke – wozu eigentlich Schlafsäcke? Man könnte bei den Temperaturen auch nackt auf der Wiese schlafen, selbst dabei würde man nicht frieren. Aber ich habe ja brav alles getragen, ich räume also auch brav alles ein, Camping, wie es gehört, man verbringt die meiste Zeit mit Räumen. Hinter uns zeltet ein größerer Trupp junger Männer, die habe eine Fahne aufgehängt, ein Drache und ein Schwert, was mag das sein, Fantasyzubehör, Vereinsstolz, Heimatstolz, Nazikram oder sonstwas? Und was nützt eigentlich eine Fahne, die eh niemand versteht? Man könnte auch eine exklusive Badehose hissen, gleicher Effekt.

Neben uns baut ein anderer Vater ein Zelt auf, sein Sohn hilft ihm. Das Zelt scheint groß zu sein, nach einer Weile denke ich, dass es sogar verdammt groß sein muss. Der Vater wirkt einigermaßen ratlos, wir gucken mal, ob wir helfen können. Es stellt sich heraus, dass das Zelt geliehen ist, es war kein Bild dabei und es ist angeblich für vier Personen, sieht mir aber eher nach einem Sechspersonengroßzelt aus, dessen Form man nicht so leicht erkennen oder erraten kann. Es ist so eine Sache mit geliehenen Zelten.

Nach ein paar weiteren eingeschobenenen Stangen wird klar, dass dieses Zelt dort ganz bestimmt nicht aufgebaut werden kann, es würde sonst glatt die Nachbarzelte vereinnahmen, man hätte Zelte im Zelt, das geht beim besten Willen nicht. Der andere Vater baut also alles wieder ab und verstaut es fluchend im Kofferraum, in dem er noch ein Ersatzzelt hat, weil er mit so etwas schon gerechnet hat. Das Ersatzzelt ist ruckzuck aufgebaut und noch kleiner als unseres, mein Sohn nimmt das mit Vergnügen zur Kenntnis. Große Zelte sind richtig schwierig, hat er gerade gelernt, zweitkleinste Zelte sind aber vielleicht am allerbesten, die sind super praktisch, sie sind leicht zu tragen, sie sind aber auch kein Negativrekord. Er sitzt jetzt wieder deutlich besser gelaunt im Zelteingang und findet alles gut. Denn das ist ja total interessant, so ein Campingplatz. Man kann lange zusehen, was andere so machen, man kann rätseln, warum sie es genau auf diese Art machen und man kann sich vorstellen wie es wäre, dieses Zelt oder jenen Wohnwagen zu haben. Das ist alles erstaunlich unterhaltsam und kurzweilig, dauernd passiert etwas und man lernt wirklich leicht Leute kennen, auch solche, die einem sonst nicht begegnen, wir hören um uns herum sämtliche deutschen Dialekte, der Sohn spricht mit Kindern, die wirklich komisch reden, was die von ihm sicherlich auch denken. Die Kinder fragen sich, wo sie herkommen, die Namen der Städte und Dörfer sagen ihnen oft nichts, das sieht man ihnen an. Einige nennen benachbarte Großstädte, das hilft auch nicht in jedem Fall, manche Kinder nicken aber immerhin wissend, wenn sie zum genannten Ort einen Fußballverein kennen. Es gab in den Medien gerade Debatten zu dieser Frage nach dem Woher, ich glaube, die Regel ist einfach. Reisende fragt man nach uralter und sicherlich weltweit gültiger Tradition, wo sie herkommen und wo der Weg hinführt, denn das Woher und Wohin der Reisenden ist immer von Interesse. Alle anderen fragt man nicht, denn mit der Frage ignoriert man eventuell Tatsachen, die man seit mehreren Jahrzehnten hätte zur Kenntnis nehmen müssen, in diesem Land sehen nun einmal nicht alle Menschen gleich aus, man muss da nicht mehr überrascht sein. Den Rucksacktouristen kann man fragen, den Fischbudenverkäufer nicht, ich finde das recht einfach.

Camping rutscht jedenfalls auf der Urlaubswunschliste des Sohnes weit, weit nach oben, das scheint ja überhaupt nicht langweilig zu werden. Und es ist so günstig! Man kann, wie der Sohn nachrechnet, für eine Hotelübernachtung locker fünfmal auf dem Campingplatz schlafen. Man bekommt aber nicht fünfmal so viel Urlaub, sage ich schon einmal zur Sicherheit.

Aus einem Wohnwagen riecht es nach angebratenem Fleisch, eine Mutter reicht einem Kind Essen in einer Plastikschüssel aus der Tür, mir fällt eine ganz frühe Erinnerung ein. Meine Familie hat vor Urzeiten mal Camping in Scharbeutz gemacht, da war ich noch klein, ich weiß gar nicht, wie klein genau, sehr klein, weit vor der Grundschule. Ich liege vor dem Wohnwagen auf einer Decke im Gras und jemand gibt mir eine Banane. Warum merkt man sich so etwas? So spektakulär werden Bananen doch damals im Westen nicht gewesen sein? Ich weiß sonst fast nichts aus dieser Zeit, nur diese eine Banane und dann noch eine weitere Sekunde, in der ich mit meinem Bruder im Wohnwagen liege und schlafen soll, wozu wir aber viel zu gut gelaunt sind. Eine Situation, die mir heute natürlich aus der Elternsicht bekannt ist. Das denke ich tatsächlich dauernd in solchen Momenten, wenn die Kinder abends in den Betten randalieren, so waren wir damals auch, genau so.

Wir machen das Zelt zu und gehen zum Strand, es wird jetzt Zeit für das Feierabendschwimmen und für ein Abendessen. Höchste Zeit sogar.

Fortsetzung hier

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