ICE München – Hamburg, abends vor vier Jahren

Ich sehe gerade, ich habe 2016 etwas von alten Notizen geschrieben, die ich noch verbloggen wollte, das habe ich aber vermutlich nie gemacht, ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Und wenn ich es doch gemacht haben sollte, dann macht das auch nichts, das weiß ja schon wieder kein Mensch mehr. Diese Notizen verarbeite ich also jetzt. Sie merken, ich ziehe das Aufräumjahr nach wie vor durch, und wie ich das durchziehe. Auch aus den letzte Ecken der Regale fallen mir dabei noch alte Notizbücher entgegen, halb gefüllt, dreiviertel gefüllt, mit nur einem Satz darin, in allen Varianten. Es sind in diesem Fall Notizen, die vielleicht trotz der verstrichenen Zeit nicht schlecht geworden sind, es geht da um eine Zugfahrt von München nach Hamburg. Das ist eine Zugfahrt, die bei uns ein jährliches Ritual ist, immer nach dem Südtirolurlaub fällt die an, und wie das bei Ritualen und Traditionen so ist, wenn man darüber in dem einen Jahr etwas schreibt, dann ist es drei oder vier Jahre später nicht zwingend ungültig und entwertet, siehe auch Weihnachten, Sie kennen das. In diesem Jahr war das weiter unten erwähnte Bier zur Abwechslung und kraft neuerer Beschlüsse alkoholfrei, das schon – aber sonst? Die Zugfahrten geraten mir in der Erinnerung ohnehin durcheinander wie die Gedanken kurz vorm Wegdösen irgendwo in der Mitte des Landes, während man im ICE an Städten vorbeifährt, die man gar nicht recht kennt, und deren Namen nicht immer so klingen, als sei es überall besser, wo ich nicht bin. Aber was weiß man schon als Durchreisender?

Die Reisenden dämmern langsam weg, jeder auf seine Art. Hände an Wangen, Stirne auf Fäusten, verrutschte Brillen und derangierte Frisuren, sinkenden Zeitungen, Bücher auf Halbmast und auf den Tischen nicht zu Ende gegessene Brötchen, die nach zwei, drei weiteren Stationen allmählich nicht mehr gut aussehen oder sogar auf dem Boden liegen werden. Der Zug wackelt sacht und das Land rauscht in der Dämmerung vorbei, es ist sehr ermüdend. Einer liest Zeitung, einer liest etwas auf dem Handy, eine macht ein Kreuzworträtsel. Einer erstellt eine Powerpointpräsentation über Schlagbohrmaschinenmarketing, das ist wohl sein Beruf und er sieht gar nicht unglücklich dabei aus, denn dem Menschen ist wirklich fast alles möglich. Eine liest einen Krimi, der in Bozen spielt, das sieht man auf dem Titelbild. Eine im Teenageralter guckt etwas auf Youtube, lacht sich bemüht leise kaputt und sieht ab und zu auf die Eltern, die ihr gegenüber sitzen und sie die ganze Zeit todernst ansehen. Zwei Kleine gucken Bernard und Bianca auf einem Tablet. Einer hört Element of Crime über Handy und Kopfhörer und schreibt dabei einen Blogeintrag mit Kuli in ein Notizbuch, und das geht auch. 

Element of Crime schrammeln von Kaffee und Karin und der Zug schaukelt im Takt oder doch immerhin fast im Takt, das ist eine der kleinen Freuden. Draußen wird es dunkler und die Landschaft wird flacher, im Waggon wird es kälter. Die Klimaaanlage hat da wohl etwas nachzuholen, sie ist vehement bemüht und hier und da werden Strickjacken und Pullover herausgekramt. Im Speisewagen ist es noch viel wärmer und es riecht nach Kantinengulasch, am Tresen im SB-Bereich trinken Männer mit Köfferchen neben sich Bier. Die reisen beruflich und machen mit der weiblichen Servicekraft Witzchen, die nicht zünden. “Komm mit mir woanders hin”, singt Sven Regener und ich nehme das Bier mit zum Platz.

Der Zug hält und die Reisenden wachen halb auf, strecken sich, ändern knurrend die Lage und beobachten schläfrig, wie sich die Zugestiegenen auf die letzten freien Plätze verteilen. Der Zug rollt wieder an, Hochhäuser, dann Landschaft, irgendeine Landschaft, man sieht schon gar nicht mehr hin, dann ein Tunnel und die Augen fallen auch wieder zu, das Land ist weg und alles rollt vorbei, wie in meinem Lieblingsgedicht von Heine, das Geld und die Welt und die Zeiten, und Glauben und Lieb und Treu. Die beiden Kleinen schlafen jetzt auch, Kopf an Kopf, während doch Bernard und Bianca auf dem Bildschirm noch in wilder Aktion sind, der Tag war sicher anstrengend. 

Der Zugbegleiter geht lächelnd durch den ruhigen Zug und besieht sich die Schlafenden wie ein freundlicher Herbergsvater. Vielleicht mag auch er seinen Job, das kann ja sein, thank you for travelling, das muss ja nicht immer nur als Scherz taugen.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Paradise Lost

Die Fortsetzung zu diesem Artikel.

Wir standen also vor “Happy Bowling”, vor einem großen Flachbau. Der Sohn war sehr irritiert, ich nicht ganz so, denn ich kannte den Anblick schon aus dem letzten Jahr, als ich mit T. dort entlang gewandert war und wir genau da auch schon staunend stehen geblieben waren. Die Anlage ist groß, vermutlich ist sie auch unter Berücksichtigung von Bowlingbahnvergleichmaßstäben ziemlich groß, wobei ich mich da allerdings nicht auskenne, es ist eher ein Gefühl. Man erkennt nicht gleich, ob es sich um eine Anlage handelt, in der abends noch etwas los ist, oder ob die Bahn seit Jahren, vielleicht sogar seit vielen Jahren schon geschlossen ist. Die Außenanlage ist etwas ungepflegt, der Zaun ist etwas unschön. Die Schilder am Zaun sind merkwürdig aus der Zeit gefallen, das Gebäude wirkt zumindest tagsüber auf den ersten Blick eher verlassen.

Auf Jahr- und Weihnachtsmärkten werden diese Frühstücksbrettchen verkauft, in die jemand auf Wunsch Schriftzüge hineinbrennt, “Beste Mama” oder “Benny” oder “Lara-Mia” oder so etwas, am Zaun der Anlage hing ein großes Brett, in das hatte jemand “Gutes Essen” gebrannt. Die Schrift war etwas ungelenk, das Brett war aber immerhin korrekt ausgesägt und abgeschliffen, das Ganze war auf eine Art rustikal, die mich vage an die Achtziger erinnerte. “Gutes Essen”, es wirkte auf mich nicht recht überzeugend. Es hingen noch weitere Bretter da, die bewarben Musik und Spaß, wobei die beiden Aspekte dort wohl in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen sollen. Über der Anlage lastete mittägliches Schweigen, die Luft flimmerte über dem Hof. Womöglich wirken alle gerade geschlossenen Bowlingbahnen deprimierend, das kann sein, ich müsste mehr davon sehen, um es beurteilen zu können. Der Sohn neben mir staunte gar nicht wegen der Schilder, merkte ich nach einer Weile, der staunte wegen der schwarzen Plastikgartenmöbel, die auf der Terrasse vor der Anlage standen. Die kontrastierten nämlich so auffällig mit den roten Geranien an der Terrassenbegrenzung, dass es für ihn nach der Dekoration für eine Trauerfeier aussah. Woraufhin ich minutenlang nicht mehr ansprechbar war, weil ich mir dringend eine Trauerfeier in einer riesigen Bowlinganlage vorstellen musste, und das waren kinotaugliche Bilder, fand ich. Es war ringsum kein Mensch zu sehen, kein Tier, nichts rührte sich, zu hören waren weiterhin nur ab und zu die Schreie der Menschen in den Achterbahnen hinter uns. “Der Fluch von Novgorod”, sagte der Sohn kenntnisreich, denn Kinder haben ein erstaunliches Wissen, was Achterbahnen betrifft, auch wenn sie sie noch nie gesehen haben. Dann sagt er noch, dass wir ja wandern wollten, nicht in den Freizeitpark. Ganz leise sagte er das und nickte entschlossen.

“Aber da gehen wir dann auch irgendwann hin?”

“Selbstverständlich.”

Hinter “Happy Bowling” ragt etwas auf, das ist aus Beton. Da stehen mehrere riesige Türme in unglaublich hässlichen und stark verblichenen Krankenhauswandschrankfarben. Der Sohn sagte nach eingehender Betrachtung, dass diese Ungetüme sicher zu den hässlichsten Häuser zählten, die er je gesehen habe, und nach einer Weile korrigiert er sich sogar, denn das hier waren klar die hässlichsten Häuser, da fiel ihm kein Vergleich mehr ein. Er fand sie so schlimm, dass ich ihn hier wörtlich zitieren muss: “Da drin kann man nur kotzend überm Klo hängen. Das sieht aus wie aus kaputten Containern gestapelt, das ist richtig, richtig schlimm.”

Widersprechen konnte ich da nicht, auch wenn ich etwas sah, was er nicht sah, es taugte allerdings nicht zum bekannten Spiel. Denn ich sah im Gegensatz zu ihm die Siebziger Jahre und ich sah, wie das da einmal gemeint war und wofür es stand, das konnte er natürlich alles nicht wissen. Wobei man sich bei dieser Betonuntat nur schwer vorstellen kann, dass sie einmal bedeutend eleganter, netter oder fröhlicher gewirkt haben kann, schon der Gedanke, dass das einmal modern war, er fällt ungemein schwer. Man kann auch diese unfassbaren Farben nicht mehr erfolgreich zurückrechnen auf Töne, die einmal halbwegs schön gewesen sein sollen, das gelingt einfach nicht. Man kann sich nur mit viel Fantasie mehr Leben um das Gebäude herum vorstellen, viele, viele Besucher, Kinder, Familien, Geschrei, aufblasbare Tierchen, Luftmatratzen, Strandleben davor und Sonnenöl in der Luft, es wird doch einmal so gewesen sein, es wird einmal funktioniert haben. Im letzten Jahr stieß T. mich vor den Türmen an und zeigte auf einen älteren Mann, der an uns vorbeiging. Auf seinem T-Shirt stand “Paradise Lost”. “Das glaubt einem wieder kein Mensch”, sagte ich zu T., “das ist das Dumme an dieser Wirklichkeit.” T. und ich sahen uns immer wieder um und sagten mehrfach “Das gibt es doch nicht”, und das ist auch genau das, was einem vor dieser elenden Betonburg mit großer Sicherheit zuerst einfällt. Ein so deprimierender Bau, er kann eigentlich nur ausgedacht sein. Das ist Kulissenbau für Fortgeschrittene, Kulissen in einer schier wahnwitzigen Dimension. Auf einem Balkon in halber Höhe des ersten Turms stand eine alte Dame, die hatte etwas an, das man früher als Hauskittel kannte. Sie fegte ihren Balkon mit langsamen, sich endlos oft wiederholenden Bewegungen, an deren Sinnhaftgkeit entschieden zu zweifeln war, dann sah sie herunter zu uns und starrte uns an.

Rechts die Bowlingbahn, hinter uns der Freizeitpark hinter hohen Büschen, vor uns der monströse Bau. Nur ein paar Schritte weiter war schon wieder alles ganz anders und wir standen erneut irritiert vor skandinavisch anmutenden Ferienklötzchen. Die Klötzchen waren Holzhäuser, man kann sie sicherlich mieten und sie liegen dort auf einer Wiese herum, dicht an dicht, ein wenig zu dicht vielleicht. Sie sehen weitestgehend alle gleich aus, als wären sie von einem riesigen Laster gefallen, der direkt aus der Fabrik kam, dann hat man sie einfach so liegen lassen. Vor diesen Ferienklötzchen liegt die Steilküste, die ist nicht sehr hoch an dieser Stelle, aber doch so hoch, dass es keinen direkten Strandzugang gibt, da muss man erst ein Stück weiter gehen. Hinten bei den Betontürmen kommt man runter, also nicht nur seelisch, auch zum Strand. Auch zwischen diesen Klötzchen rührte sich kein Leben.

Wer auch immer die mietet, der fährt da vielleicht gar nicht für einen Strandurlaub hin, dachte ich. Es hing kein Handtuch irgendwo, es lag auch kein Kinderspielzeug herum, kein Schlauchboot oder sonst etwas in der Art lag auf dem Rasen, es war aber doch die beste Ferienzeit. Ob die Leute, die sich dort einmieten, ihr Gepäck da einstellen und dann stracks im Freizeitpark verschwinden? Wo sie dann in einer Gründlichkeit Achterbahn fahren, die ich mir mangels Interesse an so etwas überhaupt nicht vorstellen kann? Ich weiß es nicht.

Der Weg führt an der Abbruchkante der Steilküste entlang durch eine üppig blühende Blumenwiese. Ich erkannte nicht, was da blühte, aber es sah sehr gut aus. Hervorragend sah es aus, lieblichste Natur geradezu, was aber sicher auch daran lag, dass alles andere eher seltsam aussah. Die über den Büschen aufragende Achterbahn, die fahlen Betontürme, die genormten und wie gerade erst fertig gestellt wirkenden Ferienklötzchen auf der streng umzäunten Wiese. Urlaub in den Siebzigern, Urlaub heute, das liegt da so direkt nebeneinander wie von Museumspädagogen didaktisch klug hingestellt, gucken Sie mal, vergleichen Sie doch mal, verstehen Sie die Entwicklung? Durch Blumen geht man davon weg in Richtung Neustadt und wenn man sich umdreht, dann sieht man noch das große Betonunglück. Wir drehten uns oft um und staunten, wie unfassbar lange man es sehen konnte. Da war vor uns längst komplett freier Blick, da war ein netter Wanderweg, rechts die ruhige Ostsee, links die Äcker.

Doch, das ist ein ganz schöner Weg da, den geht aber kein Mensch. Ich habe weder im letzten noch in diesem Jahr mehr als zwei, drei Menschen dort getroffen. Einer davon war allerdings irre, man soll ja etwas zu erzählen haben.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Und diese Ruhe, die ist nicht schön

Die Fortsetzung zu diesem Artikel

Wir gingen durch die Schmidt-Rottluff-Allee und verließen Sierksdorf in Richtung Norden. Sohn II rannte einmal schnell zum Meer hinunter und verwarf dort sofort seine Badepläne, als er die zahllosen Quallen und die Algen sah. Mir erschloss sich nicht, was denn an Algen schlimm sein sollte, ich fand die als Kind nicht schlimm, wenn ich mich recht erinnere. Aber das sagte ich natürlich nicht, schon weil ich nicht dauernd “Als ich Kind war” sagen möchte, und das wiederum schon weil ich dabei immer “Als das Kind Kind war” denken muss und also unweigerlich bei Peter Handke lande, das ist auf Dauer unerfreulich. Bei den Quallen immerhin konnten wir uns einigen, die Angst vor den Feuerquallen trieb uns damals auch in den Travemünder Jahren um und ob da in dem Gewimmel der nur zögerlich schwappenden Brandung nun welche dabei waren und welche genau das waren – es ist mir heute noch so unklar wie damals. Der Sohn also hielt nur Zehen ins Wasser und entschied kategorisch: “Da gehe ich nicht rein.” Und das tat er dann auch wirklich nicht, den ganzen Tag nicht.

Andere machten das schon, alle paar Meter standen Menschen im Wasser und es wird sicher Zufall gewesen sein, dass die da alle gerade nicht schwammen, sondern tatsächlich einfach nur standen, bis zu den Hüften im Wasser, wie Spielfiguren oder Kunstwerke von Balkenhol standen sie da, unbewegt und gerade, die Blicke zum Horizont. Vielleicht standen sie auch alle nicht nur einfach dekorativ herum, sondern genau wie wir vor der Frage, welches denn nun zum Teufel die Feuerquallen waren, vielleicht scheiterte das fröhliche Planschen gerade allgemein an dieser Überlegung. Wir stapften noch ein Stück durch den Sand weiter, aber das war mir mit dem Rucksack zu schwer und wir gingen zum Weg zurück.

Der führte durch ein Villenviertel und allzu bescheiden wirkte das da alles nicht. Anziehend aber auch nicht, wie sowohl mein Wanderfreund T. im letzten Jahr als auch Sohn II in diesem Jahr feststellten. Ab und zu blieben wir stehen, in dem einen wie in dem anderen Jahr, und sahen uns diese Häuser an, diese Anwesen, die eine grundsolide Ruhe ausstrahlen. Und diese Ruhe, die ist nicht schön. Auf hundert Meter Abstand ist sie schon eher ungemütlich, man möchte beim Anblick spontan mit Tocotronic singen: “Aber hier leben, nein danke”. T. und ich schüttelten damals irritiert die Köpfe, Sohn II sagte: “Da möchte man aber nicht sein”, womit er Recht hatte, er hat sowieso oft Recht. Und wir kamen zu dem immer wieder interessanten Schluss, dass Reichtum vielleicht gar nichts nützt.

Vor einem dieser Häuser stand ein Kind, das vor seiner Mutter zurückwich, die es mit Sonnenschutz eincremen wollte. Sie einen Schritt, das Kind einen Schritt, das konnte man weder der Mutter noch dem Kind anlasten, niemand mag Sonnencreme. Man kann aber angesichts des geradezu fanatisch aufgeräumten Gartens um die beiden herum doch die Frage von Sohn II verstehen, der die Situation immerhin als gleichaltriger Experte für sinnvolle Freizeitgestaltung beurteilen konnte, die wirklich naheliegende Frage: “Was macht man denn in dem Garten?” Denn da war sonst nichts.

Die naheliegendste Antwort sahen wir auf den Nachbargrundstücken, man parkt einfach mehrere teure Autos in den Gärten und ja, das ist ein Klischee, aber bitte, was soll man machen. Es war in diesem Viertel ansonsten kein Mensch zu sehen, nicht im letzten Jahr, nicht in diesem Jahr. Geschlossene Fensterläden, abweisende Fronten. Es sollen da auch Promis wohnen, habe ich hinterher gelesen. Vielleicht muss man das ja so haben, wenn man Promi ist und alle einen erkennen, vielleicht hat man dann richtig Sehnsucht nach einer abweisenden Fassade – und sitzt hinterm Haus und denkt den ganzen Tag grinsend und mit lässig hochgelegten Beinen: “Sie sehen mich nicht. Ha!” Wir wollen für die Promis hoffen, dass es so ist, es wäre immerhin ein Stück Sinnfindung.

Sierksdorf übrigens ist für Hamburger gut erreichbar und auch wenn ich über die Bilder am Weg nach Neustadt viel lästern werde, ich würde ihn auch ein drittes Mal gehen, weil er enorm interessant ist, ich möchte ihn auch ausdrücklich empfehlen, es ist ein gut machbarer Spazierweg von wenigen Kilometern. Für Menschen mit soziologischem Interesse, für Architekturfreunde, für Liebhaber des Absurden, für Menschen mit viel Kino im Kopf, für Naturliebhaber auch, dazu kommen wir noch.

Erst einmal kommt aber nach den Villen eine unaussprechlich traurige Betonbrache, die man auf den ersten Blick nicht recht einschätzen kann, überwuchertes Gelände mit flachen Bauten, die einmal eine Ferienanlage oder etwas in der Art waren. Sie ist heute abgezäunt und spukhaft verlassen, aufgerissener Asphalt, Bäume wachsen durch die Risse, Prypjat sieht auch so aus. Für Filme wäre das eine großartige Kulisse, ich könnte wetten, dass die Anlage bereits in einem Tatort oder dergleichen vorkam, und noch während ich das dachte, hörte ich Schreie.

Das machte aber nichts, die hört man da nämlich dauernd, weil ein großer Freizeitpark hinter den Büschen auf der anderen Straßenseite beginnt, da fahren sie Achterbahn oder was man da eben heute so fährt, dabei wird nun einmal viel und laut geschrien, das gehört so. Wenn der Wind richtig steht, dann hört man das ziemlich weit und ab und zu hört man auch die Geräusche der Bahnen, wenn sie mit Kawumm in die Kurven krachen. Links die Schreie, rechts die Brache, von oben dabei die sengende Sonne, das ist schon ein sehr spezielles Stück Weg da. T. und ich standen etwas fassungslos davor, Sohn II fand das da einfach nur traurig und wollte dringend weiter. Aber das ist an der Stelle ein recht heikler Plan, denn kurz darauf wird es noch viel deprimierender, kurz darauf kommt “Happy Bowling”, die vermutlich traurigste Bowlinganlage, die man sich nur vorstellen kann.

Mehr dazu in Kürze.

Fortsetzung hier

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Durch den abgeräumten Sommer

Das Wanderprojekt “Einmal um Schleswig-Holstein”, dieses betont langsame Projekt, es ist tatsächlich wieder etwas in Bewegung geraten. Es gab vor einiger Zeit ein kleines Zwischenspiel in Hamburg (der Text hieß “Krass mittel”), der korrekte Anschluss an den letzten Ostseeaufenthalt in Sierksdorf findet sich aber hier.

Es war natürlich Zufall, dass Sohn II und ich uns wieder einen der heißesten Tage des Jahres für die Wanderung ausgesucht haben, aber allmählich scheint es doch zu einem Muster zu werden. Wir stiegen morgens in Hamburg in den Zug, in einen reichlich überfüllten Zug voller Menschen mit dem Ziel Strand, es war an ihrem Gepäck eindeutig zu erkennen. Um uns herum saß eine große Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit Betreuerinnen und Eltern, das wird so etwas wie die Ferienfahrt eines Jugendzentrums gewesen sein. Es wurden mindestens drei Sprachen gesprochen und oft wurden Sätze in der einen Sprache in einer der beiden anderen beantwortet, das war ganz normal, so etwas finde ich immer faszinierend. Eine junge Frau lief mit einem großen Plastikeimer voller Klumpen von einer Art Schmalzgebäck durch die Gänge und bot allen etwas an, der Zug roch auf einmal nach Rummelbude und Volksfest. Das kleine Mädchen neben uns hatte einen großen aufblasbaren Schwimmring mit Vogelkopf auf dem Schoß, ein Tukan war das wohl, wenn ich es recht gedeutet habe, jedenfalls küsste das Mädchen die ganze Fahrt über die Figur immer wieder auf den Schnabel, das war ein sehr geliebter Schwimmring, der auch sehr fest gehalten wurde. Die daneben sitzenden Kinder guckten das Spielzeug eher skeptisch an, auch weil es viel Platz beanspruchte.

Sohn II und ich überlegten während der Fahrt, wie weit wir eigentlich wandern wollten und wie müde wir waren, denn es war am Abend vorher dummerweise etwas spät geworden und wir waren  früh unterwegs. Selbstverständlich hatte der Sohn große Pläne, wie es sich für etwa Zehnjährige gehört, selbstverständlich rechnete ich mit etwas weniger Strecke, wie es sich für mein Alter gehört. Man wird mit den Jahren etwas konservativer, auch in den Schätzungen. Wir besprachen, wie müde wir genau waren, denn so einfach ist das ja gar nicht. Man steht dabei immer vor der Frage, wie weit man sich und seinen Zuständen eigentlich glaubt, auch das verändert sich im Laufe des Lebens und seiner Phasen erheblich. Wenn man nicht mehr kann, dann hat man noch ein Drittel seiner Kraft übrig, so heißt es im Sport und beim Militär, das ist das eine Extrem. Wenn man als Kind auch nur ansatzweise nicht mehr kann, dann geht man keinen einzigen Schritt mehr, das ist das andere Extrem, und irgendwo dazwischen muss man immer wieder seine eigene Wahrheit finden. Auf den Körper hören, Bedürfnisse erkennen und richtig bewerten, simpel ist das nicht, auch nicht für Erwachsene, die schon viele Meinungen dazu konsumiert und versucht haben.

Wir nahmen uns jedenfalls vor, am Vormittag dem ersten und am Nachmittag dem zweiten Extrem zuzuneigen, das passte auch gut zum Wetter, so dachten wir.

Die Jugendgruppe hatte einen Fahrradanhänger für den Kindertransport dabei, so ein riesiges Ding mit Deichselstange und Überbreite und recht großen Rädern. Beim Versuch, dieses Ungetüm irgendwie sinnig im Zug unterzubringen, konnten wir beobachten, wie mehr und mehr Menschen die Nerven verloren, Betreuerinnen, andere Fahrgäste, Kinder und Zugbegleitung, es kam zu Gebrüll und Gekeife, die Rede war mehrmals von dem “gottverdammten Ding”, wobei man zur Entschuldigung aller darauf hinweisen muss, dass die Deutsche Bahn in vielen Zügen bemerkenswert schlecht darauf eingerichtet ist, dass ihre Gäste eventuell Gepäck, Fahrräder oder Kinderwagen dabei haben, am besten fährt man nur mit einem kleinen Notizbuch oder einem Smartphone.

Jemand ging mit einer Checkliste herum und fragte, zu welchen Gruppen die Kindern gehörten, der Junge neben mir verstand die Frage nicht. “Na, wozu gehörst du, woher kommst du?” Und der Junge sagte ganz ernsthaft: “Aus Jugoslawien.” Es hat sich nicht aufgeklärt, wie ein Kind heute aus Jugoslawien kommen kann, vielleicht wurden die Gruppen da nach untergegangenen Ländern benannt, Jugoslawien, Trapezunt und Babylon oder so, wir werden es nicht erfahren. Der Mensch mit der Checkliste machte jedenfalls einen Haken und alles war in Ordnung, dabei müssen wir es belassen. Sohn II wollte wissen, was ich an Jugoslawien denn so seltsam fand, das war dann nicht so einfach zu erklären.

Im Gang stand ein telefonierender Mann, der wiederholt und deutlich sagte: “Mein Bruder existiert nicht.” Ich besprach wieder mit dem Sohn, wie viele angefangene Geschichten man überall hört und sieht.

Dann sahen wir aus dem Fenster. Es verbot sich, auf dem Handy zu spielen oder zu lesen, wir mussten Akku sparen. Wir hatten auch keine Bücher dabei, denn wir haben an jedem Gramm Gepäck gespart. So kamen wir einmal dazu, eine ganze Zugstrecke zu sehen, es war ein wenig wie früher, als alle beim Reisen aus dem Fenster gesehen haben. Als wir Hamburg vollständig hinter uns hatten, sagte der Sohn: “Jetzt kommen endlich diese Häuser aus alten roten Steinen”, er beobachtet nämlich genau. Wir sahen auf ein Bild, bei dem ich nicht anders kann als innerlich “gelb die Stohoppelfelder” zu singen, es war ein Augustanblick. Ein bereits abgeräumter Sommer mit staubigen Feldern unter knallblauem Himmel in noch voller und brütender Hitze, wir fuhren durch ein glühendes Schleswig-Holstein.

In Sierksdorf stiegen wir aus und dort folgte dann die erste Wanderetappe, die ich zweimal gegangen bin. Im letzten Jahr wanderte ich da bereits in erwachsener Begleitung, ich bin nie dazu gekommen, darüber zu schreiben. In diesem Jahr nun in Kinderbegleitung und auch noch etwas weiter. Und obwohl sich die beiden Begleiter im Alter um mehrere Jahrzehnte unterschieden, kamen wir doch zu ganz ähnlichen Beobachtungen und blieben wir staunend vor den gleichen Panoramen stehen.

Zu dieser sozusagen doppelt belichteten Etappe dann im nächsten Eintrag mehr.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Leaving Bövinghausen

So, wieder da. Das hat Spaß gemacht, da im sommerlichen Dortmund zu lesen! Ob es aber auch dem Publikum gefallen hat, das müssen natürlich andere befinden.

Weil ich an dem Abend gefragt wurde, zwei schnelle Anmerkungen in eigener Sache. Erstens: Ja, man kann mich für Lesungen buchen, selbstverständlich doch. Das kostet dann zwar Geld, versteht sich, aber jede drittklassige Band ist teurer als ich und braucht erheblich, wirklich erheblich mehr Zeit für den Soundcheck und Musiker verbrauchen auch einfach viel mehr Platz als schreibende Menschen. Im Grunde habe ich viele Vorteile, wenn ich es recht bedenke, das ist doch auch mal ein interessanter Gedanke, so unter uns Anhängern des bestenfalls mittleren Selbstwerts.

Zweitens und apropos Wert: Nein, man kann mir nicht nur Geld über den Paypallink unter jedem Text  zukommen lassen, das geht auch auf die ganz altmodische Art mit Überweisung und so, die Älteren erinnern sich. Schreiben Sie mir eine Mail (Adresse im Impressum) ich schicke Ihnen die Daten und den Dank, versteht sich. Vielleicht könnte ich die Kontodaten auch auf der Seite veröffentlichen, das kann durchaus sein – ich habe aber nach einiger Recherche nicht vollumfänglich verstanden, ob es total normal ist, seine Kontodaten auf der Seite zu veröffentlichen oder ob es irgendwie hirnverbrannt ist. Und dann hatte ich keine Zeit mehr für das Thema, Sie kennen das.

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Ich hatte mich vor der Lesung in Dortmund gewundert, dass es so schwer war, dort ein Zimmer zu bekommen und dass die wenigen verfügbaren so irre teuer waren, Dortmund war mir als Touristenattraktion gar nicht in Erinnerung. Des Rätsels Lösung war ein Pokémon-Festival mit etwa 100.000 Gästen, man staunt. Also nicht nur ich staune, auch die Söhne zum Beispiel, denn Pokémon? Ist das nicht lange durch? Offensichtlich nicht.

Dortmund war also ausgebucht, ich landete in Bövinghausen, viertel vor Castrop-Rauxel, wobei ich mich in der Gegend da überhaupt nicht auskenne. Ein leicht ranziges Hotel am Ende der Stadt, so fangen auch Geschichten oder Filme an, es ist dann aber gar nichts passiert. Ich bin nur am nächsten Morgen eine Stunde zu früh am mausetoten Vorstadtbahnhof gewesen. Das geschah allerdings mit Absicht, denn eine Bank am Gleis war mir immer noch lieber als der Aufenthaltsraum im Hotel, der so aussah, als hätten Menschen darin irgendwann mal Spaß gehabt, in den Achtzigern etwa. Es hat seitdem aber auch keiner mehr aufgeräumt. Ich saß also am Gleis unter Bäumen und es war sehr ruhig und sehr friedlich und geradezu schön, also wenn man etwas Ruhe mal schön finden kann. Ich bekomme ja bekanntlich wüste Aggressionen von vorgesetzter und geplanter Wellness, aber so erschlichene Stunden im Irgendwo, die kann ich gut ab. Etwas Bövinghausen zur Erholung, das geht. Das geht sogar gut.

Ich hatte von meiner Bank aus Blick auf die vollkommen uninteressante Rückseite einer Fressnapf-Filiale, auf einen ähnlich spannenden Pennymarkt von hinten und auf ein schlichtes Gebäude mir unklaren Verwendungszwecks, das einen enorm großen Sendemast auf dem Dach trug. Am Penny sagte ein rotes Schild “Auf Wiedersehen” und ich sagte ehrlich: “Ich weiß ja nicht.” Vor mir das Gleis, daneben noch ein Gleis, das wurde vor einiger Zeit aufgegeben. Durch das Gleis wuchsen lilablühende Stauden und junge Birken. Irgendwo gurrten Tauben die ich nicht sehen konnte. In der Ferne fuhr ab und zu ein Auto vorbei, aber in sehr moderater Folge, das war da eine ruhige Gegend, zumindest am frühen Sonntagmorgen. Vor dem Fahrkartenautomaten stand ein junger Mann, drückte auf dem Bildschirm herum und las, was da stand. Das machte er lange, nach einer Weile dachte ich, dass er das einigermaßen erstaunlich lange machte.Ich schrieb ganze Absätze, während er da drückte und las und drückte und las, vermutlich studierte er sämtliche Angebote der Bahn zum Thema “Leaving Bövinghausen” durch, er war in dem Alter und der Sonntagmorgen, sieben Uhr, war vielleicht auch einfach ein guter Zeitpunkt für den Aufbruch, das dachte ich ja auch.

 

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Auf dem Gebäude mit dem Sendemast waren gesprühte Tags, die konnte ich nicht verstehen. Aus einem Einfamilienhaus schrie ein wütendes Kind, das konnte ich auch nicht verstehen, die Welt wurde mir nicht klarer in Bövinghausen, aber das störte mich nicht. Ich wollte da einfach nur sitzen, ich musste da gar nichts verstehen. Auch mal schön.

Auf dem noch befahrenen Gleis lag eine Plastiktüte, die bewegte der milde Wind von Dortmund ab und zu ganz sachte, und mehr bewegte sich nicht. Über mir die Wolken, sie hingen wie festgetackert. Der Zug fuhr alle Stunde, das ist ja eigentlich recht oft. Ich habe aber, so schön es da auch war, dann doch den nächstbesten genommen.

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Im Zug nach Hamburg las ein Herr neben mir seiner Frau etwas über Thoreau vor, “der mit Walden und so.”

“Gott, wie kommst du denn jetzt auf den?”

“Na, den kenne ich eben.”

“Was du alles kennst.”

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Ich saß im Zug und schrieb in mein Notizbuch, ein alter Mann setzte sich mir gegenüber hin und besah sich meine Aufzeichnungen: “Ist da Steno dabei? Sie schreiben ja wunderschön!” Dazu muss ich erwähnen, dass der Herr sehr schwachsichtig war, denn wunderschön schreibe ich ganz gewiss nicht, schon gar nicht im wackelnden Zug.

Dann holte der Herr auch ein Notizbuch und ein Buch heraus, wir setzten uns versetzt, so dass wir beide genug Platz hatten, und wir lasen beide und schrieben dann ab und zu einen Satz, er in Steno, ich in Krakel. Wir sprachen kein weiteres Wort, es war sehr harmonisch, beste Reisegesellschaft.

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Noch ein Hinweis, ich habe die letzte Woche vor dem Urlaub erreicht, es wird wie immer hektisch und die letzten Werktage kommen vollgepackt wie Lastesel daher. In den nächsten vier Wochen wird hier also etwas seltener etwas erscheinen, das könnte durchaus sein. Eventuell mache ich zwischendurch auch einfach mal nichts und setze mich nur so aufs Sofa und gucke in die Luft, dann werde ich zu mir sagen: “Wie in Bövinghausen!”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Und doch war es Nacht

Anna. In den Kommentaren kann man reihenweise lesen, wie Menschen vermeintlich unfertige Geschichten nicht aushalten. Weil alles Sinn haben und rund sein muss, weil am Ende alles gut werden muss, sonst ist es für uns doch nicht das Ende, sonst ist es einfach nichts für uns Märchenkinder.

Es war einmal und ist nicht mehr, wo kommt denn da die Story her? Und wenn sie nicht gestorben sind, die letzte Seite fehlt, mein Kind. 

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Ich lebe in einer Intensivstadt. Voll schön.

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Drüben bei der GLS Bank habe ich eine kleine Blogschau zum Thema Verkehr gepostet.

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Mely Kiyak über Greta Thunberg

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Ich ging also aus den gestern berichteten Gründen unsinnig früh von den Goldenen Bloggern weg und zurück zum Hauptbahnhof. Ein angenehmer Weg von bester Spaziergangslänge, an der Spree entlang und neben den Regierungsgebäuden herkurvend. Es war etwa viertel vor zehn, es war dunkel und menschenleer. Neubau an Neubau, dazu ab und zu ein Blick auf den Reichstag, also auf einen halben Neubau, oben neu, unten alt, in der Kombination haben wir in Hamburg ja auch ein recht bekanntes Bauwerk.

Die Hamburger Hafencity, wo ich schon dabei bin, besteht auch nur aus Neubauten, und dort ist es auch so, dass bei jedem Besuch irgendetwas dazugebaut wurde, zack, noch so ein Klotz, das kennen die Berliner. Bei ihnen fallen die Klötze nur ein wenig größer aus. Die Hafencity ist am späten Abend auch leblos, auch menschenleer, und sie wurde auch so seltsam filmkulissenartig in die Gegend gestellt. Es bedrückt dort aber deutlich mehr, durch die leeren Straßen zu gehen, weil alles um einen herum ein richtiger Stadtteil sein soll, das hat man immer parat, und das, was da sein soll, das lässt einen gucken und suchen. Es lebt dort aber noch nichts, die Hafencity bei Nacht ist ausgesprochen tot, kulissenhaft und unwirklich. Noch jedenfalls, vielleicht ändert es sich später. Viel später, für die Söhne der Söhne oder so, wenn das Viertel bis dahin schon einmal ganz runtergerockt war und dann langsam wieder hoch kommt. So könnte es doch gehen, so geht es ja immer.

Im Regierungsviertel ist es dagegen vollkommen in Ordnung, dass da abends oder nachts nichts los ist. Selbst wenn da jemand noch in Spätschicht herumregieren sollte, so etwas sorgt ja nicht für Streetlife, das erwartet auch niemand. Nein, das ist eben eine Gegend zum Arbeiten, da wohnt keiner, da lebt keiner. Es sieht dort zumindest bei Nacht etwas nach Science-Fiction aus, die Verwaltungseinheit auf einem künstlichen Stern könnte das sein. Die Spree sogar wirkt an dieser Stelle ausgesprochen ausgedacht, ein Architektenfluss, ein Dekogewässer, am Bildschirm entworfen. Links wird sie ins Bild gepumpt, rechts wieder abgesaugt und dann immer im Kreislauf, lassen Sie das mal wie einen Fluss aussehen da! Das beruhigt das Bild!

Nicht einmal irgendwelche Sicherheitskräfte sind zu sehen, keine grauen Herren irgendwelcher Art, weder Büro- noch sonstige Soldaten, es fährt auch niemand Patrouille und sieht mal nach, was so los ist. Aber es ist ja auch nichts los.

Genau drei joggende Menschen laufen an mir vorbei, die haben Kopfhörer auf und ausgesprochen starre Blicke, sie fressen Kilometer und laufen irgendwohin, wo man vermutlich auch wohnen kann. An einer Gebäudeecke steht jemand und bringt drei Hunden Kunststücke bei. Zu ungewöhnlicher Zeit an ungewöhnlichem Ort mit auffälligem Zubehör, in jedem Kinofilm wüsste man da gleich Bescheid. Aber das ist kein Kinofilm, das ist Berlin und den Medien entnehme ich am nächsten Morgen, das alles noch steht und lebt und es keine besonderen Vorfälle gab. Ob irgendein Hund jetzt etwas Neues kann, das steht da natürlich nicht, nehmen wir es einfach mal an.

Das Leuchtschild am Bahnhof leuchtet erfreulich weit durch die Nacht, verlaufen kann man sich hier nicht. Es ist mittlerweile etwa zehn nach zehn, das ist für meine Verhältnisse schon recht spät am Abend. Am Hamburger Hauptbahnhof ist das einfach nur Abend, am Berliner Hauptbahnhof ist es Nacht. Tiefe, finstere Nacht. Die Läden haben zu oder werden gerade geschlossen, Auslagen werden verräumt und Türen vorgeschoben, Reinigungsfirmen kommen an und Verkaufspersonal geht. Es sind nur ganz vereinzelt Menschen zu sehen, auf dem Bahnsteig bin ich noch ganze zehn Minuten der einzige Reisende. Es ist kurz nach zehn, und doch ist es Nacht. Das hat mich überrascht. Aber Berlin ist auch anderswo eher früh zu Ende, wie man hier lesen kann.

 

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Ich stieg in meinen ziemlich leeren Zug, natürlich setzte sich dennoch jemand dicht neben mich, das ist ja immer so. Er setzte sich, aß einen stark aromatischen Döner (woher hatte er den bloß?), schob die Reste von sich weg, rülpste herzhaft und popelte dann in der Nase. Ein Ferkel also, was ich ganz gut fand. Denn durch die Begegnung mit echten Ferkeln erkennt man eventuell, dass man selbst keines ist, und das ist ja auch etwas wert in einer Welt voller Demütigungen.

Ich stieg um 00:33 in Hamburg also als vergleichsweise anständiger Mensch mit respektablen Manieren aus dem Zug und freute mich, dass im Bahnhof noch Imbisse geöffnet waren, denn so muss das sein, wozu lebt man sonst in einer Millionenstadt. Fast hätte ich mir nur aus Prinzip etwas gekauft.

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Musik! Noch einmal Daniel Kahn. Passt nicht exakt, aber die Richtung stimmt. Dank an Isa für den Tipp.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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