Weiter durch Westfalen

Wobei mir einfällt, ich habe versucht, halbwegs passend zum Aufenthalt in der Gegend etwas Droste-Hülshoff zu hören, „Bei uns zu Lande auf dem Lande“, das kam mir dann aber arg langweilig vor. Wiedervorlage in etwa einem Jahr, manches braucht ja mehrere Versuche und ich gebe so schnell nicht auf. Droste-Hülshoff habe ich überhaupt wenig gelesen bisher, ich behalte so etwas gerne im Blick und bei Schriftstellerinnen ist der Nachholbedarf, nicht nur meiner, ohnehin riesig.

Wir fuhren zu den Externsteinen, darüber schreibe ich an anderer Stelle. Der Link folgt dann, es dauert noch etwas. Wir fuhren „zum Willem“, wie man in Nordwestfalen sagt, das ist der hier. Ein Denkmal für einen Kaiser, zu seinen Füßen ein neues Restaurant mit erheblicher Aussicht. Man kann da Kaffee und Kuchen in der üblichen deutschen Ausflugszielqualität zu sich nehmen, um es einmal neutral zu formulieren. Wenn man noch Kind genug ist, kann man auch etwas an der Basis des Denkmals herumklettern, das ist aber sicher verboten, es hat also niemand gemacht, und falls es jemand gesehen hat, ich kenne diese Kinder überhaupt nicht. Selbstverständlich kann man auch auf Schildern und Erklärtafeln nachlesen, was es mit dem Herrn da auf dem Sockel nun auf sich hat, wann das Ganze erbaut wurde und von wem und warum, das Ganze hat so Wandertagsqualitäten. Man könnte im Schulausflugsfall hinterher einiges abfragen oder in der Klasse ein halbwegs heiteres Quiz veranstalten. Irgendwas bleibt doch immer hängen.

Der Kaiser hat die rechte Hand erhoben und weist damit in die Lande oder grüßt diese, was auch immer. Ich hörte eine Kinderfrage, von einem etwa Zehnjährigen, warum denn Denkmäler von Leuten mit Hitlergruß noch herumstehen, was das denn solle? Darüber kann man ob der Verdrehung der Chronologie natürlich leise lächeln, ich kann aber noch etwas anfügen, nämlich eine Erläuterung und eine Frage. Zur Erläuterung für Menschen, die vielleicht keine Schulkinder haben, nur kurz der Hinweis, dass es ziemlich lange dauert, bis Kinder in diesem Land einen geschichtlichen Überblick haben, schon gar, wenn es um die jüngere deutsche Vergangenheit geht. Man muss ja erst durch die Steinzeit, durch Ägypten, durch Griechenland und Rom usw., das dauert, und wie das dauert. Die Frage, die sich mir, der ich natürlich schulpädagogisch weitgehend kenntnisfrei bin, zum wiederholten Male stellte, ist, ob es nicht vielleicht auch sinnig wäre, mit der Geschichte in der Gegenwart anzufangen und dann so rückwärts … ob das so aus Kindersicht nicht viel logischer wäre und auch aufschlussreicher und interessanter? Aber wie gesagt, ich verstehe davon gar nichts, ich finde es nur etwas unglücklich, dass die Gegenwart und das letzte Jahrhundert so irre lange gar nicht vorkommen. Nein, ich finde es nicht etwas unglücklich, ich finde es fatal.

In Detmold etwa, wir sind da an einem anderen Tag noch einmal durchgelaufen, fiel dem Nachwuchs auf, wie eine Altstadt aussieht, die nicht zerbombt wurde, und da machte es noch einmal hörbar Klick in den Köpfen und es war auch so, dass sie das dann noch einmal wissen wollten, wieso einige Städte jetzt so unangenehm nachkriegshässlich sind und andere nicht. Das ist doch ein naheliegender Ansatz?

Wir waren auch noch beim Hermann, der die Herzdame und mich schon dadurch irritierte, dass wir uns beim besten Willen nicht erinnern konnten, ob wir schon einmal da waren oder nicht und wenn ja, zusammen oder mit wem? Es blieb im Dunkeln. Wir sind aber auch schon eine ganze Weile zusammen, wir zwei, da verliert sich allmählich einiges im Dickicht der Geschichte. Der Hermann hat, das fiel Sohn II auf, einen Helm auf, der mit Hasenohren dekoriert ist. Das stimmt zwar nur aus einem bestimmten Blickwinkel, ansonsten sind das schon zweifellos Flügel auf dem Helm, aber wenn man diesen Blickwinkel einmal hatte, dann vergisst man den sicher nicht mehr und der Hermann wirkt dann etwas albern, mit diesen lustigen Öhrchen. Die Söhne diskutierten dann auch über die Flügel, denn warum bitte macht man Flügel auf einen Helm? Geht’s noch? Sie würden das eher nicht machen, sagten sie. Wir sprachen etwas darüber, dass zu anderen Zeiten andere Dinge und Dekoartikel anders gewirkt haben, ich kann etwa als Kind der 60er und 70er auch ein Lied davon singen, ich habe auch ziemlich schlimme Sachen getragen. So schlimm wie Flügel auf dem Helm? Darüber kann man wohl lange diskutieren.

Diese Flügel da, sie waren jedenfalls einmal ein Zeichen von Würde, von Macht vermutlich auch, man muss das historisch und kulturgeschichtlich einordnen und im Kontext interpretieren – oder nein, wenn man Kind ist, muss man das vielleicht nicht. Sohn II jedenfalls kam auch nach längerer Diskussion und ausführlicher Belehrung zu einem Schluss, den ich gerne so stehenlassen möchte, denn vielleicht war er schon durch alle Zeiten richtig und geradeaus denkende Menschen wie Sohn II haben es auch schon zu allen Zeiten gewusst:

„Alter, mit Flügeln auf dem Helm siehst du einfach immer bescheuert aus.“

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Manchmal ist es einfach

Nach dem Tag in dem Freizeitbad in Herford, ich berichtete, wollten wir das nördliche Westfalen noch etwas weiter als Touristen erkunden, besonders die Herzdame wollte das. Denn sie kommt ja aus der Gegend und kennt also gar nicht alles, das ist meistens so. Ich z.B. komme aus Travemünde und war nie auf der Passat, auf die jeder reisende Mensch, den es dorthin verschlägt, doch pflichtgemäß zuerst geht, bei dem Schiff ist nämlich immer so ein Hinweissternchen im Reiseführer oder ein gelb markierter „Tipp“-Pfeil, etwas in der Art, aber wenn man da wohnt, dann liest man eben keine Reiseführer und denkt jahrelang, dass man da auch demnächst noch hingehen könnte, und das denkt man, bis man endlich wegzieht. Weswegen es beim Stichwort „Urlaub in Deutschland“ in aller Regel Ziele – welcher Qualität auch immer – vermutlich direkt vor der Haustür gibt, und zwar in jeder Region. Aber das nur am Rande.

Ich machte also, was man als Tourist so macht, ich googelte „Westfalen mit Kindern“, was sofort den Hinweis ergab, den Vogelpark in Heiligenkirchen zu besuchen, das liegt in der Nähe von Detmold. In der Nähe von Detmold liegt überhaupt so einiges, stellte sich dabei heraus. Niemand in der Familie der Herzdame hatte je etwas von diesem Vogelpark gehört, was ich interessant fand, denn in der Familie sind immerhin etliche Kinder und Enkel großgezogen worden und viele, viele Male wurde da also die sonntägliche Frage nach Ausflügen gestellt, aber nie kam jemand auf diesen Vogelpark, er blieb gänzlich unbekannt. Was wohl auch heißt, dass er in der lokalen Zeitung niemals vorkam. Da gibt es dann also Grenzlinien der Informiertheit, die man keiner Landkarte entnehmen kann, aber die umgeben sicher auch unsere Wohnorte und dahinter wartet dann schon das Neue, das Andere, es ist vielleicht nur eine Auto- oder Zugstunde entfernt. Bezüglich Vogelparks gab es im norddeutschen Raum in den letzten Jahrzehnten übrigens einen solch gewaltigen und penetranten Werbedruck, dass jeder Mensch in einem riesigen Umkreis reflexmäßig Walsrode als Bindewort ergänzt, das gehört so, das kann gar nicht anders sein, es kann keinen Vogelpark geben neben dem, du sollst keinen zweiten Vogelpark haben.

Wir fuhren dennoch zu diesem Vogelpark, der nicht in Walsrode lag. Nicht ohne die Söhne eindringlich zu warnen, Achtung, unbekanntes Ziel, keiner weiß, was uns da erwartet, am Ende taugt das gar nichts, das ist hier quasi ein Abenteuer, ein allerdings sehr gut gepolstertes. Den Söhnen aber war eh alles recht, man muss die, so haben wir dabei gelernt, nur mal coronabedingt ein paar Monate krass ereignisarm halten, dann freuen die sich auch wieder über ganz altmodische Familienausflüge. That was easy!

Der Park war bestens ausgeschildert, leicht zu finden und mäßig gut besucht, keine Spur von Überfüllung, wie wir sie etwa bei Hagenbeck sicher zu erwarten gehabt hätten.

Man geht zunächst an einer ganzen Reihe von bestenfalls mittelgroßen Volieren vorbei, in denen erwartungsgemäß exotische Vögel sitzen oder herumflattern. Es sind solche Volieren, deren Größe irgendwie nicht reichen kann und man sieht das auch, sie können also leicht traurig stimmen. Allerdings war die Vogelauswahl so, dass wir tatsächlich überrascht davor standen: Nie gesehen, solche Gestalten. Es waren welche dabei, die man anstaunen konnte und das habe ich schon lange nicht mehr gemacht, Tiere angestaunt, das ist aber schön. Wie bunt kann man sein, wie elegant, wie schillernd, was hatte die Schöpfung oder die Evolution denn bloß für abgefahrene Launen, wie isses nun bloß möglich. Solche Vögel waren das. Ich bin bei zoologischen Gärten aller Art reichlich skeptisch und bleibe das auch, aber ich fand es dann doch gut, so etwas einmal wieder gesehen zu haben.

Gegenüber ein Helmkasuar. Ein Laufvogel von beträchtlicher Größe und mit ausgesprochen grimmer Visage, wenn der Ihnen auf einem Waldweg entgegenkommt, dann weichen Sie aus, und zwar verlässlich und schnell und weit. Der ist tatsächlich gefährlich und er sieht auch so aus, auch diesen Vogel hatte ich noch nie vorher gesehen. Da stand ein einzelner Helmkasuar im Gehege, was einen zunächst spontan dauert, das arme Tier! Bis man nachliest, dass diese Kasuare rabiate Einzelgänger sind, die sich ausschließlich zur Paarung treffen. Ich bin auch gerne und oft alleine, aber ich sehe die Herzdame doch etwas öfter und das ist auch gut so, glaube ich. Vor der Paarung baut der Kasuarhahn ein Nest, nach der Paarung und der Eiablage kümmert er sich alleine um Eier und Aufzucht der Küken, der weibliche Vogel dagegen zieht weiter und sucht sich bald den nächsten Partner. Auch ein Modell.

Ich habe dort ferner endlich einmal einen Tukan gesehen, das wollte ich schon lange einmal, Tukane sind großartig. Zwei unerwartete Bemerknisse ergaben sich dabei, denn zum einen hüpft dieser Vogel ausgesprochen leichtfüßig, als würde er gar nichts wiegen, zum anderen, und da wird es wirklich seltsam, klingt dieser gewaltige Schnabel, wenn er ihn gegen einen Ast schlägt, als sei er hohl und aus Plastik, ja, er klingt deutlich wie so ein Billigspielzeug, das etwa einer Kinderzeitschrift beiliegt, er klingt wie eine Kopie dessen, was man sich als Original immer gedacht hat. Nanu! Aber die Optik natürlich – grandios.

Den größten Erfolg bei den Söhnen hatte dann aber eine Art, die eigentlich hinlänglich bekannt ist, für die man überhaupt nicht hätte verreisen müssen, die kommt in genug Privatwohnungen vor: Wellensittiche. Die gibt es da schwarmweise in einer großen Anlage, in der sie frei herumfliegen und sich den Besucherinnen auf die Hände setzen, jedenfalls wenn diese Hände Hirse halten, die man da aus einem Automaten kaufen und kaufen und kaufen kann. Und dann hat man eben kleine bunte Vögel auf der Hand, die picken und knabbern und mit schräg gelegtem Kopf neugierig gucken und erstaunlich fest und schmerzhaft in Kinderfinger zwicken, und ich glaube, die Söhne und die Herzdame waren da mehr als anderthalb Stunden drin, weil es eben manchmal wirklich sehr einfach ist.

Im Gehege daneben haben sie dann noch gesehen, dass die Küken der einen Art skrupellos an die andere Art verfüttert werden, das haben sie dem Marabu etwas übelgenommen und ich habe mir dann pädagogisch wertvolle Vorträge über Chicken Nuggets mühsam verkniffen. Das war aber schon auf dem Weg zum Ausgang, da sahen die Söhne schon wieder eine Kioskmöglichkeit und hörten eh nicht mehr zu.

Es gab noch einen netten und kaum besuchten Spielplatz für eher kleinere Kinder, der ist zu normalen oder postpandemischen Zeiten sicher voll. Man kann natürlich Eis und Pommes und das Übliche kaufen, der Eintritt ist nicht teuer – klare Empfehlung. Als Tagesausflug bestens geeignet, man ist, je nach Kind, versteht sich, in drei bis vier Stunden locker durch, und das reicht ja auch, dann schafft man noch eine weitere Attraktion in der Gegend, dazu in Kürze mehr.

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Kleine Schritte

Um die im letzten Text erwähnten fünf Stunden ruhige Lesezeit zu erbeuten, sind wir also nach Herford gefahren. Das ist, zugegeben, etwas aufwändig, aber es lohnt sich für uns, wir haben da schon einschlägige Erfahrung aus dem letzten Jahr. In Herford gibt es ein großes Freizeitbad, das in der aktuellen Situation mit den üblichen Einschränkungen geöffnet ist. Wobei die üblichen Einschränkungen bei Schwimmhallen sehr angenehm sind, denn die Hälfte der Gäste reicht für mich völlig aus. Schwimmhallen sind mit reduzierter Gästezahl wesentlich angenehmere Orte und viel leichter zu ertragen, was vermutlich sogar dann gilt, wenn man dort ins Wasser geht. Wobei übrigens noch zu fragen ist, ob es überhaupt etwas gibt, eine Einrichtung eine Veranstaltung oder einen Ort, der dadurch reizvoller wird, dass er massenhaft besucht wird und also verlässlich bumsvoll ist – vermutlich ist das nicht so und ich bin noch gar nicht fertig mit der Frage, was daraus zu lernen ist. Also abgesehen von small is beautiful, das wird ja nur die oberste Ebene sein.

Wir waren die ersten Gäste an diesem Tag, wir standen, das ist vielleicht etwas peinlich, wie schlimme Freizeitstreber als erstes Familiengrüppchen in der Schlange vor der Kasse, und zwar schon zwanzig Minuten vor Beginn der Öffnungszeit. Was allerdings nur daran lag, dass wir entgegen aller Erwartung und Wahrscheinlichkeit das Haus im Heimatdorf der Herzdame exakt pünktlich und plangemäß verlassen haben, es dürfte das erste Mal überhaupt gewesen sein. Dann gab es noch eine freie Autobahn, es hat sich alles so gefügt, und da standen wir also. An der Schwimmhalle waren große Schilder, die warben, ich denke mir das nicht aus, für die Deutschen Aufgussmeisterschaften 2021, die in der Saunalandschaft dort stattfinden sollen, mit, so war zu lesen, „Show-Aufgüssen“, was immer das nun wieder sein mag. Wenn man reist, dann sieht man was.

Es war mir allerdings auch recht, so früh vor dem Bad zu stehen, denn es gibt da zwei Liegen, die stehen abseits von allen anderen, und ich wusste, auf diese Art kriegen wir die, und so war es dann auch.

Wir legten uns auf diese Liegen und die Söhne gingen was auch immer machen, was man eben so macht in einem Spaßbad, in dem man rutschen und springen und planschen und sicher auch schwimmen und tauchen kann, ich habe weder hingesehen noch mich daran beteiligt, denn darum ging es ja nicht, ich habe gelesen. Die Söhne sind in einem Alter, in dem man nicht mehr jederzeit neben ihnen stehen muss, weder zu Wasser noch zu Lande. Das ist ziemlich angenehm so, denn das Danebenstehen hat man irgendwann lange genug gemacht, und wenn sie sich so allmählich entfernen und immer größere Kreise ziehen, dann hat es bei aller angebrachten Wehmut auch eine entschieden schöne Seite.

Wir legten uns also auf die Liegen und lasen. Ich las den Mannschen Hochstapler Felix Krull, hauptsächlich um ihn durchzukriegen, eher nicht aus reinem Genuss, denn das Buch gefiel mir nicht. Aber ich war schon über den Abbruchpunkt hinaus, jetzt wollte ich es auch komplett schaffen, ich wollte ihn erledigt haben, abgehakt und wieder wegsortiert. Ich überlegt zwischendurch einen Moment, ob es nicht irre tiefsinnig wäre, nur so zu tun, als würde ich den Felix Krull lesen, das wäre doch überaus meta … aber dann rief ich mich wieder zur Ordnung und fraß mich durch die Stunden und die Kapitel und dieses reine Fertigwerden, das ist bei Büchern manchmal eben auch eine Lust, Sie kennen das vielleicht. Ich wollte dieses Buch durchgearbeitet haben, ich fand das entspannend. Wellness ist eine individuelle Angelegenheit.

Als ich mit dem Krull fertig war, las ich die Anne Lamott auch durch, es war ganz und gar herrlich und die Söhne kamen nach wie vor einfach nicht wieder. Ab und zu sahen wir sie irgendwo vorbeilaufen, im Wasser, am Wasser, wie auch immer, sie hatten Spaß. Ich auch. Aus den Becken kam das übliche Kindergeschrei, die Leute sprachen auf den Liegen miteinander, Mütter und Väter riefen Kindernamen, aus Lautsprechern wurden unentwegt längere Texte durchgesagt, die für mich klangen wie die Stimme der Lehrerin bei den Peanuts, die immer riesige Sprechblasen mit endlosem Blabla füllte, über die Köpfe der Kinder hinweg. Kein Wort war zu verstehen, es war ein herrlicher Geräuschbrei in dieser Halle, den ich ganz mühelos ignorieren konnte. Diese wirre Dauerbeschallung in Endlosschleife war so dermaßen konzentrationsfördernd, damit kann keine Focus-Playlist auf Spotify jemals konkurrieren.

Das Bad in Herford ist gar nicht so riesig, aber es ist auf irgendeine Art, die zu beurteilen ich nicht kompetent bin, so ideal gebaut, dass der Spaß für Kinder dort stundenlang anhält. Es müssen dort die genau richtigen Anteile von allem enthalten sein, also genau die richtigen Rutschen etc., die Wellen im richtigen Intervall, die Sprungtürme rechtzeitig geöffnet und all das, es gibt kein einziges Bad in Hamburg, das so dermaßen gut funktioniert, nicht einmal annähernd.

Nur einmal sahen wir die Söhne zwischendurch, als dringend die üblichen Schwimmbadpommes zugeführt werden mussten, bei denen ich mich wieder fragte, ob es an einer kollektiven Verklärung liegt, oder ob die in meiner Kindheit wirklich besser geschmeckt haben. Man kann es wohl nicht herausfinden? Vielleicht hätte ich schwimmen müssen, um einen gültigen Vergleich zu haben, stundenlang schwimmen. Und springen und tauchen und rangeln und alles und danke nein.

In einer kleinen Szene, die ich sah, als ich gerade die Bücher wechselte, kam schon wieder ein kleines Mädchen vor. Wie neulich erst, als es hier um das kleine Mädchen mit dem rollenden Ball ging, jetzt sah ich ein Mädchen im etwa gleichen Alter auf einem Sprungbrett, und zwar auf dem Dreier. Der war ein wenig zu hoch für sie, alle anderen, die dort sprangen, waren wesentlich größer als sie und überhaupt bin ich mir nicht sicher, ob ich schon einmal ein so kleines Mädchen auf einem so hohen Sprungbrett gesehen habe. Sie stand noch oben an der Leiter, als sie mir auffiel, bis zum Ende des Brettes war es aus ihrer Sicht noch ziemlich weit. Dann fing sie etwas zögernd an zu gehen, mit winzigen, vorsichtigen Schrittchen. Sie hielt sich links und rechts am Geländer fest, und wie sie sich festhielt. Das Geländer reichte vorne bis etwa zur Hälfte des Brettes, danach war nur noch die Planke da, und natürlich der Abgrund. Aber auch bis zu dieser Mitte brauchte sie schon lange. Sie hielt sich gerade, sie hielt sich die ganze Zeit sehr fest und ihre Schritte waren spielzeugklein. Unten standen etliche, die auch springen wollten und man muss es wohl den besonderen Umständen der Corona-Zeit zuschreiben, dass da niemand drängelte, niemand etwas rief oder sich auf eine andere Art danebenbenahm. Die standen da einfach alle und guckten geduldig, viele lächelten sogar oder nickten aufmunternd, es war so ein Moment, der mir nicht gerade wahrscheinlich vorkam.

Zurück zum Mädchen, das da ganz oben mittlerweile am Ende des Geländers angekommen war. Äußerst vorsichtig löste sie jetzt die Hände, eine nach der anderen. Sie hielt die Arme noch einen Moment waagerecht, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, so ganz ohne sicheren Halt. Dann nahm sie die Arme Zentimeter für Zentimeter herunter, machte sich noch gerader und ging weiter. Die Schritte wurden aber auch jetzt nicht größer und der Weg war immer noch weit. Wer schon einmal auf einem Dreier gestanden hat, der weiß, wie verdammt hoch das wirken kann. Das Mädchen war kalkweiß im Gesicht oder es wirkte vielleicht auch nur in dem Licht so, es vergingen gefühlte Minuten, bis sie endlich vorne ankam, wo die Planke unweigerlich zu Ende war und jede und jeder entweder schmachvoll umkehren oder aber tatsächlich springen muss. Das Mädchen blieb da vorne nicht stehen, keine Sekunde, es machte einfach nur noch einen dieser ganz kleinen Schritte, ohne die allergeringste Bedenkzeit. Sie hatte, so denke ich mir, alle Angst bereits in kleinen Schritten verbraucht und jetzt ging es eben. Sie fiel dann zwar mehr, als dass sie sprang, aber sie tat es in immer noch gerader Haltung, kam wieder hoch und schwamm und grinste. Applaus vom Beckenrand.

Ich kenne in Herford weiterhin nichts außer diesem Freizeitbad, aber die Stadt ist mir irgendwie nicht unsympathisch.

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Ein reitender Philosoph, der auch bloggt

Die Fortsetzung zu diesem Artikel.

Wir gingen an der nur mäßig hohen Steilküste entlang, die hier etwas weniger beeindruckend als bei Brodten ausfällt, die etwas arrangierter aussieht, nett angerichtet. Wir gingen durch die Hitze, die wir, das wurde uns ziemlich schnell klar, wieder deutlich unterschätzt hatten, ganz so, als seien wir nicht im Geringsten lernfähig. Trotz großzügiger Mengen von Sonnencreme fühlte es sich bedrohlich so an, als würden sich die Strahlen durch die Haut am Hals bohren, ich hängte Pullover über den Sohn, der wenigstens ging dann beschatteter weiter. Alle paar Minuten drehten wir uns um um zu prüfen, ob der bauliche Schrecken von Sierksdorf immer noch zu sehen war. Das war stets der Fall und nach einer Weile kamen wir zu dem Schluss, dass man dieses riesige Ungeheuer von Bauwerk vermutlich in ganz Norddeutschland sehen kann, wo auch immer man steht und sich umdreht, es war uns bis dahin nur noch nie aufgefallen.

Auch dieses Stück Weg war ich mit T. schon im letzten Jahr gegangen, aber bezogen auf meine Kindheit und Jugend war es da endlich Neuland für mich, hinter Sierksdorf bin ich früher nie gewesen, das war zu weit. Von da bis Dänemark kenne ich nur einige wenige Küstenmeter von späteren Besuchen als Erwachsener, da war ich in Neustadt, Eckernförde und einmal sogar in Kiel, und auch diese Besuche waren nur kurz, im Grunde ist mir da alles unbekannt. Der Anblick dieses Küstenstreifens zwischen Sierksdorf und Neustadt war – jedenfalls mit Blick nach vorne! – dauerhaft recht bilderbuchmäßig. Abgeerntete Felder unter blauem Landschaftsbildhimmel mit wenigen Dekowölkchen ganz weit hinten, ein graublaues Meer, das in seiner Farbgebung trotz des prächtigen Sommertages Wert darauf legte, ganz gewiss nicht die Südsee zu sein. Heller Strand unten am Rand des Steilufers, fast nirgendwo Menschen. Zwei, drei Badende nur, zwei, drei Fahrradfahrer mit Hunden dabei, die machten da Strecke, und ob das nun schlau war, Hunde bei der Hitze so laufen zu lassen, wir wussten es nicht recht.

Als ich mit T. im letzten Jahr dort entlang ging, da war es auch so menschenleer. Nur einer kam uns entgegen, der uns schon aus erheblicher Entfernung gestikulierend etwas zurief, es war unmöglich, irgendetwas zu verstehen. Erst als er mit sportlichem Schritt an uns vorbei wanderte, konnten wir das richtig deuten, was er hastig winkend rief: “Halleluja! Ich segne euch, meine Brüder!” Und damit war er auch schon wieder weg. Wenn er im Auftrag Gottes unterwegs, dann war dieser verdammt eilig. Wenn er andererseits einfach nur irre war, dann schon etwas fortgeschritten, denn er ging ganz so, als müsse er noch an diesem Tag alle ihm entgegenkommenden Wanderer segnen, bis runter nach Lübeck oder weiter, und da lag noch viel vor ihm.

Der Weg an der Steilküste entlang war hübsch aber ereignislos, der Sohn und ich redeten also viel. Es ging zunächst um eine Frage, die mehrere Kinder an der Grundschule gerade umtreibt. Ich habe nicht ergründen können, wo sie eigentlich herkommt, die Frage nämlich, ob etwas ganz sein kann, hundert Prozent, vollendet. Das Thema begann mit dem Meter und dem Kilo, denn die beiden gibt es, so der Sohn, in der Wirklichkeit eben nicht exakt. man müsse ja nur genau genug messen, das sei ganz leicht zu beweisen, dass nichts genau hundert oder tausend irgendwas sei, in welcher Maßeinheit auch immer, und das gelte dann eben für alles. Es ist nichts ganz schwarz, es ist nichts ganz umsonst, es ist nichts nur Energie oder nur schön und immer so weiter. Wie übrigens auch das Zählen bis Zehn eigentlich nur eine Krücke sei, ein Zählen über Lücken hinweg, denn man lässt dabei ja alles aus, was dazwischen ist, und das ist doch sehr viel und es wird immer mehr, je mehr man nachdenkt, man kann also durch reines Denken Zwischenräume vergrößern. Es ist im Grunde ziemlich abgefahren, weil auf diese Art nichts Bestand hat. Von da aus kamen wir auf das Ganze und auf das Nichts an sich, das waren ziemlich schwere und große Themen für einen heißen Tag, es waren eigentlich eher Themen für den Schatten. Es gipfelte dann darin, da konnten wir dann aber auch schon nicht mehr, dass das Nichts stets zum Etwas wird, wenn es einen Betrachter gibt, der es als solches erkennt und feststellt. Womit wir vermutlich bewiesen haben, dass es das Nichts aus menschlicher Sicht gar nicht geben kann, aber ganz sicher waren wir uns nicht und der Rest der Gedanken schmolz so dahin. Es war wirklich ganz außerordentlich heiß und es gab keinen Schatten, weit und breit nicht.

Der Sohn fragte, wie das heißt, wenn man etwas bis zum Ende durchdenkt. Ich sagte, dass es dabei um die Philosophie ginge und dass es auch Bücher gäbe, die das für Kinder verständlich darstellten, die könnte ich ja aus der Bücherei … das fand er aber abwegig, denn wenn das für Kinder sei, dann sei das ja schon bearbeitet und also fremddurchdacht, und es ginge doch gerade um das Selberdenken. Ein Philosoph, sagte er, das wolle er dann auch werden, und er dachte noch etwas weiter nach. Ein reitender Philosoph, der auch bloggt, fasste er dann schließlich seinen aktuellen Berufswunsch zusammen. Ich habe selten einen plausibleren Wunsch gehört, es war die denkbar passendste Zukunftsvision für ihn. Davon sollte dich nichts abhalten, das ist total super, sagte ich und meinte es völlig ernst, denn in dieser Welt ist alles möglich und warum sollte sich ein Berufswunsch denn auf einen festgelegten Katalog von Ausbildungsgängen und Studienfächern beziehen. Ich wollte als Kind Rentner werden, fiel mir ein, und ich habe vielleicht sogar ganz gute Chancen, das noch zu schaffen, man braucht eben ein Ziel im Leben. Wobei ich mich tatsächlich nicht erinnern kann, ob ich als Kind überhaupt wusste, was ein Rentner ist, aber die Erwachsenen fanden meinen Wunsch jedenfalls lustig und Pointen haben für mich immer schon gezählt. Der Sohn ist womöglich etwas tiefsinniger und ernster als ich.

Ich blieb stehen und schrieb mir das auf, was der Sohn da gerade gesagt hatte, ich schreibe mir immer alles auf. Das macht er mittlerweile übrigens auch und vielleicht sogar noch akribischer als ich. Etliche Wochen und Monate später saß er bei seiner wöchentlichen Reitstunde auf dem Pferd und holte, als die Gruppe gerade im gemütlichen Schritt ging, sein Notizbuch heraus, um schnell und heimlich etwas aufzuschreiben. Das war einer dieser seltenen Momente, in denen ich an einen übergeordneten und geradezu romanhaften Sinn des Ganzen glauben wollte, zumindest kurz einmal. Denn das ist ein enorm schöner und tröstender Gedanke, diesen Sinn kurz für möglich zu halten, und ich gönne mir ja sonst nichts.

Am Steilufer kam dann bald die Stelle in Sicht, in der ein kleines Stück Wald bis an den Ostseestrand reicht, wo tatsächlich Bäume in die Wellen fallen, was ein Bild von großer Schönheit ist. Allerdings war es wie bei einem Suchbild, zwei Sachen waren dort grundfalsch.

Fortsetzung folgt.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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ICE München – Hamburg, abends vor vier Jahren

Ich sehe gerade, ich habe 2016 etwas von alten Notizen geschrieben, die ich noch verbloggen wollte, das habe ich aber vermutlich nie gemacht, ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Und wenn ich es doch gemacht haben sollte, dann macht das auch nichts, das weiß ja schon wieder kein Mensch mehr. Diese Notizen verarbeite ich also jetzt. Sie merken, ich ziehe das Aufräumjahr nach wie vor durch, und wie ich das durchziehe. Auch aus den letzte Ecken der Regale fallen mir dabei noch alte Notizbücher entgegen, halb gefüllt, dreiviertel gefüllt, mit nur einem Satz darin, in allen Varianten. Es sind in diesem Fall Notizen, die vielleicht trotz der verstrichenen Zeit nicht schlecht geworden sind, es geht da um eine Zugfahrt von München nach Hamburg. Das ist eine Zugfahrt, die bei uns ein jährliches Ritual ist, immer nach dem Südtirolurlaub fällt die an, und wie das bei Ritualen und Traditionen so ist, wenn man darüber in dem einen Jahr etwas schreibt, dann ist es drei oder vier Jahre später nicht zwingend ungültig und entwertet, siehe auch Weihnachten, Sie kennen das. In diesem Jahr war das weiter unten erwähnte Bier zur Abwechslung und kraft neuerer Beschlüsse alkoholfrei, das schon – aber sonst? Die Zugfahrten geraten mir in der Erinnerung ohnehin durcheinander wie die Gedanken kurz vorm Wegdösen irgendwo in der Mitte des Landes, während man im ICE an Städten vorbeifährt, die man gar nicht recht kennt, und deren Namen nicht immer so klingen, als sei es überall besser, wo ich nicht bin. Aber was weiß man schon als Durchreisender?

Die Reisenden dämmern langsam weg, jeder auf seine Art. Hände an Wangen, Stirne auf Fäusten, verrutschte Brillen und derangierte Frisuren, sinkenden Zeitungen, Bücher auf Halbmast und auf den Tischen nicht zu Ende gegessene Brötchen, die nach zwei, drei weiteren Stationen allmählich nicht mehr gut aussehen oder sogar auf dem Boden liegen werden. Der Zug wackelt sacht und das Land rauscht in der Dämmerung vorbei, es ist sehr ermüdend. Einer liest Zeitung, einer liest etwas auf dem Handy, eine macht ein Kreuzworträtsel. Einer erstellt eine Powerpointpräsentation über Schlagbohrmaschinenmarketing, das ist wohl sein Beruf und er sieht gar nicht unglücklich dabei aus, denn dem Menschen ist wirklich fast alles möglich. Eine liest einen Krimi, der in Bozen spielt, das sieht man auf dem Titelbild. Eine im Teenageralter guckt etwas auf Youtube, lacht sich bemüht leise kaputt und sieht ab und zu auf die Eltern, die ihr gegenüber sitzen und sie die ganze Zeit todernst ansehen. Zwei Kleine gucken Bernard und Bianca auf einem Tablet. Einer hört Element of Crime über Handy und Kopfhörer und schreibt dabei einen Blogeintrag mit Kuli in ein Notizbuch, und das geht auch. 

Element of Crime schrammeln von Kaffee und Karin und der Zug schaukelt im Takt oder doch immerhin fast im Takt, das ist eine der kleinen Freuden. Draußen wird es dunkler und die Landschaft wird flacher, im Waggon wird es kälter. Die Klimaaanlage hat da wohl etwas nachzuholen, sie ist vehement bemüht und hier und da werden Strickjacken und Pullover herausgekramt. Im Speisewagen ist es noch viel wärmer und es riecht nach Kantinengulasch, am Tresen im SB-Bereich trinken Männer mit Köfferchen neben sich Bier. Die reisen beruflich und machen mit der weiblichen Servicekraft Witzchen, die nicht zünden. “Komm mit mir woanders hin”, singt Sven Regener und ich nehme das Bier mit zum Platz.

Der Zug hält und die Reisenden wachen halb auf, strecken sich, ändern knurrend die Lage und beobachten schläfrig, wie sich die Zugestiegenen auf die letzten freien Plätze verteilen. Der Zug rollt wieder an, Hochhäuser, dann Landschaft, irgendeine Landschaft, man sieht schon gar nicht mehr hin, dann ein Tunnel und die Augen fallen auch wieder zu, das Land ist weg und alles rollt vorbei, wie in meinem Lieblingsgedicht von Heine, das Geld und die Welt und die Zeiten, und Glauben und Lieb und Treu. Die beiden Kleinen schlafen jetzt auch, Kopf an Kopf, während doch Bernard und Bianca auf dem Bildschirm noch in wilder Aktion sind, der Tag war sicher anstrengend. 

Der Zugbegleiter geht lächelnd durch den ruhigen Zug und besieht sich die Schlafenden wie ein freundlicher Herbergsvater. Vielleicht mag auch er seinen Job, das kann ja sein, thank you for travelling, das muss ja nicht immer nur als Scherz taugen.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Paradise Lost

Die Fortsetzung zu diesem Artikel.

Wir standen also vor “Happy Bowling”, vor einem großen Flachbau. Der Sohn war sehr irritiert, ich nicht ganz so, denn ich kannte den Anblick schon aus dem letzten Jahr, als ich mit T. dort entlang gewandert war und wir genau da auch schon staunend stehen geblieben waren. Die Anlage ist groß, vermutlich ist sie auch unter Berücksichtigung von Bowlingbahnvergleichmaßstäben ziemlich groß, wobei ich mich da allerdings nicht auskenne, es ist eher ein Gefühl. Man erkennt nicht gleich, ob es sich um eine Anlage handelt, in der abends noch etwas los ist, oder ob die Bahn seit Jahren, vielleicht sogar seit vielen Jahren schon geschlossen ist. Die Außenanlage ist etwas ungepflegt, der Zaun ist etwas unschön. Die Schilder am Zaun sind merkwürdig aus der Zeit gefallen, das Gebäude wirkt zumindest tagsüber auf den ersten Blick eher verlassen.

Auf Jahr- und Weihnachtsmärkten werden diese Frühstücksbrettchen verkauft, in die jemand auf Wunsch Schriftzüge hineinbrennt, “Beste Mama” oder “Benny” oder “Lara-Mia” oder so etwas, am Zaun der Anlage hing ein großes Brett, in das hatte jemand “Gutes Essen” gebrannt. Die Schrift war etwas ungelenk, das Brett war aber immerhin korrekt ausgesägt und abgeschliffen, das Ganze war auf eine Art rustikal, die mich vage an die Achtziger erinnerte. “Gutes Essen”, es wirkte auf mich nicht recht überzeugend. Es hingen noch weitere Bretter da, die bewarben Musik und Spaß, wobei die beiden Aspekte dort wohl in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen sollen. Über der Anlage lastete mittägliches Schweigen, die Luft flimmerte über dem Hof. Womöglich wirken alle gerade geschlossenen Bowlingbahnen deprimierend, das kann sein, ich müsste mehr davon sehen, um es beurteilen zu können. Der Sohn neben mir staunte gar nicht wegen der Schilder, merkte ich nach einer Weile, der staunte wegen der schwarzen Plastikgartenmöbel, die auf der Terrasse vor der Anlage standen. Die kontrastierten nämlich so auffällig mit den roten Geranien an der Terrassenbegrenzung, dass es für ihn nach der Dekoration für eine Trauerfeier aussah. Woraufhin ich minutenlang nicht mehr ansprechbar war, weil ich mir dringend eine Trauerfeier in einer riesigen Bowlinganlage vorstellen musste, und das waren kinotaugliche Bilder, fand ich. Es war ringsum kein Mensch zu sehen, kein Tier, nichts rührte sich, zu hören waren weiterhin nur ab und zu die Schreie der Menschen in den Achterbahnen hinter uns. “Der Fluch von Novgorod”, sagte der Sohn kenntnisreich, denn Kinder haben ein erstaunliches Wissen, was Achterbahnen betrifft, auch wenn sie sie noch nie gesehen haben. Dann sagt er noch, dass wir ja wandern wollten, nicht in den Freizeitpark. Ganz leise sagte er das und nickte entschlossen.

“Aber da gehen wir dann auch irgendwann hin?”

“Selbstverständlich.”

Hinter “Happy Bowling” ragt etwas auf, das ist aus Beton. Da stehen mehrere riesige Türme in unglaublich hässlichen und stark verblichenen Krankenhauswandschrankfarben. Der Sohn sagte nach eingehender Betrachtung, dass diese Ungetüme sicher zu den hässlichsten Häuser zählten, die er je gesehen habe, und nach einer Weile korrigiert er sich sogar, denn das hier waren klar die hässlichsten Häuser, da fiel ihm kein Vergleich mehr ein. Er fand sie so schlimm, dass ich ihn hier wörtlich zitieren muss: “Da drin kann man nur kotzend überm Klo hängen. Das sieht aus wie aus kaputten Containern gestapelt, das ist richtig, richtig schlimm.”

Widersprechen konnte ich da nicht, auch wenn ich etwas sah, was er nicht sah, es taugte allerdings nicht zum bekannten Spiel. Denn ich sah im Gegensatz zu ihm die Siebziger Jahre und ich sah, wie das da einmal gemeint war und wofür es stand, das konnte er natürlich alles nicht wissen. Wobei man sich bei dieser Betonuntat nur schwer vorstellen kann, dass sie einmal bedeutend eleganter, netter oder fröhlicher gewirkt haben kann, schon der Gedanke, dass das einmal modern war, er fällt ungemein schwer. Man kann auch diese unfassbaren Farben nicht mehr erfolgreich zurückrechnen auf Töne, die einmal halbwegs schön gewesen sein sollen, das gelingt einfach nicht. Man kann sich nur mit viel Fantasie mehr Leben um das Gebäude herum vorstellen, viele, viele Besucher, Kinder, Familien, Geschrei, aufblasbare Tierchen, Luftmatratzen, Strandleben davor und Sonnenöl in der Luft, es wird doch einmal so gewesen sein, es wird einmal funktioniert haben. Im letzten Jahr stieß T. mich vor den Türmen an und zeigte auf einen älteren Mann, der an uns vorbeiging. Auf seinem T-Shirt stand “Paradise Lost”. “Das glaubt einem wieder kein Mensch”, sagte ich zu T., “das ist das Dumme an dieser Wirklichkeit.” T. und ich sahen uns immer wieder um und sagten mehrfach “Das gibt es doch nicht”, und das ist auch genau das, was einem vor dieser elenden Betonburg mit großer Sicherheit zuerst einfällt. Ein so deprimierender Bau, er kann eigentlich nur ausgedacht sein. Das ist Kulissenbau für Fortgeschrittene, Kulissen in einer schier wahnwitzigen Dimension. Auf einem Balkon in halber Höhe des ersten Turms stand eine alte Dame, die hatte etwas an, das man früher als Hauskittel kannte. Sie fegte ihren Balkon mit langsamen, sich endlos oft wiederholenden Bewegungen, an deren Sinnhaftgkeit entschieden zu zweifeln war, dann sah sie herunter zu uns und starrte uns an.

Rechts die Bowlingbahn, hinter uns der Freizeitpark hinter hohen Büschen, vor uns der monströse Bau. Nur ein paar Schritte weiter war schon wieder alles ganz anders und wir standen erneut irritiert vor skandinavisch anmutenden Ferienklötzchen. Die Klötzchen waren Holzhäuser, man kann sie sicherlich mieten und sie liegen dort auf einer Wiese herum, dicht an dicht, ein wenig zu dicht vielleicht. Sie sehen weitestgehend alle gleich aus, als wären sie von einem riesigen Laster gefallen, der direkt aus der Fabrik kam, dann hat man sie einfach so liegen lassen. Vor diesen Ferienklötzchen liegt die Steilküste, die ist nicht sehr hoch an dieser Stelle, aber doch so hoch, dass es keinen direkten Strandzugang gibt, da muss man erst ein Stück weiter gehen. Hinten bei den Betontürmen kommt man runter, also nicht nur seelisch, auch zum Strand. Auch zwischen diesen Klötzchen rührte sich kein Leben.

Wer auch immer die mietet, der fährt da vielleicht gar nicht für einen Strandurlaub hin, dachte ich. Es hing kein Handtuch irgendwo, es lag auch kein Kinderspielzeug herum, kein Schlauchboot oder sonst etwas in der Art lag auf dem Rasen, es war aber doch die beste Ferienzeit. Ob die Leute, die sich dort einmieten, ihr Gepäck da einstellen und dann stracks im Freizeitpark verschwinden? Wo sie dann in einer Gründlichkeit Achterbahn fahren, die ich mir mangels Interesse an so etwas überhaupt nicht vorstellen kann? Ich weiß es nicht.

Der Weg führt an der Abbruchkante der Steilküste entlang durch eine üppig blühende Blumenwiese. Ich erkannte nicht, was da blühte, aber es sah sehr gut aus. Hervorragend sah es aus, lieblichste Natur geradezu, was aber sicher auch daran lag, dass alles andere eher seltsam aussah. Die über den Büschen aufragende Achterbahn, die fahlen Betontürme, die genormten und wie gerade erst fertig gestellt wirkenden Ferienklötzchen auf der streng umzäunten Wiese. Urlaub in den Siebzigern, Urlaub heute, das liegt da so direkt nebeneinander wie von Museumspädagogen didaktisch klug hingestellt, gucken Sie mal, vergleichen Sie doch mal, verstehen Sie die Entwicklung? Durch Blumen geht man davon weg in Richtung Neustadt und wenn man sich umdreht, dann sieht man noch das große Betonunglück. Wir drehten uns oft um und staunten, wie unfassbar lange man es sehen konnte. Da war vor uns längst komplett freier Blick, da war ein netter Wanderweg, rechts die ruhige Ostsee, links die Äcker.

Doch, das ist ein ganz schöner Weg da, den geht aber kein Mensch. Ich habe weder im letzten noch in diesem Jahr mehr als zwei, drei Menschen dort getroffen. Einer davon war allerdings irre, man soll ja etwas zu erzählen haben.

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Fortsetzung hier

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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