Seriös, ernsthaft und stets bemüht

Die Menschen freuen sich wie die Lemminge über eine Hitzewelle im Oktober, ich stehe fluchend in der schon wieder stickig-heißen Dachgeschoßwohnung: “Dieser Herbst ist nicht von hier.”

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In unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es da, wo der Stadtteil nach Nordosten in Ausfallstraßen unästhetisch zerfranst, einen neuen Porscheladen. Was natürlich viel zu niedlich klingt, es gibt eher so einen modernen Prachtbau für Luxusautos, viel Fenster, viel Licht, viel Schwung in der Fassade, und der Bau ist lustigerweise auf einer Fläche entstanden, die den Charme einer riesigen Verkehrsinsel hat. Ich wüsste auf Anhieb gar nicht, wie man da eigentlich hinkommt, es ist ein Platz, den man als Autofahrer immer nur umfährt, aber nie anfährt. Egal, ich wüsste auch nicht, warum ich da jemals hin sollte. Gestern spielten wir ziemlich lange am frühen Abend Stau vor diesem neuen Gebäude, so wie es enorm viele andere auch taten, ich weiß schon, warum ich das Autofahren so hasse. Wir ruckelten also schrittweise am Porschedings vorbei, das noch hell beleuchtet war, die Menschen darin machten gerade Feierabend, Reinigungskräfte schoben schon Staubsauger. Auf einem gigantischen Bildschirm liefen noch Werbefilme, man konnte das von der Straße aus ganz gut sehen. Werbefilme, in denen diverse Porschemodelle über leere Straßen durch schöne Landschaften bretterten, selbstverständlich von oben gefilmt, wie man es aus den letzten dreißig Jahren Autowerbung kennt, Fahrspaß galore. Das Auto neben uns war zufällig ein neuer SUV von Porsche, der schob sich im gleichen Takt wie wir durch städtisches stop and go, ab und zu sah der Fahrer nach rechts, auf diesen Bildschirm, auf die freie Fahrt, dann sah er wieder nach vorne und auf den Pizzaliefersmart vor sich, der alle paar Sekunden kurz mal nach vorne rollte.

Ich konnte den SUV-Fahrer aber nicht lange beobachten, da wir ihn mit unserer arg zerdellten Familienkutsche vorsintflutlicher Bauart bald souverän überholten und die nächsten fünfzehn Minuten ein paar Meter vor ihm verbrachten. Es sind die kleinen Freuden.

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Abends auf der Langen Reihe, auf der Promeniermeile des Stadtteils. Alle Stühle vor den zahlreichen Lokalen sind besetzt, auch die Stufen vor den Hauseingängen und überhaupt alles, worauf man noch sitzen kann, sogar die Stromkästen. Es ist warm, da muss man doch draußen sitzen, so glaubt man, was würde man sonst verpassen. Nächste Woche ist Schluss mit lustig, sagt der Wetterbericht. Also noch ein Getränk und danach ist es tatsächlich immer noch warm, man muss sich nicht einmal in die überall bereitliegenden Decken wickeln, man kann einfach so sitzen und staunen und ab und zu das sagen, was alle sagen: “Im Oktober!” Die Gäste, die nach althergebrachter kalendarischer Vorgabe bereits Herbstmode tragen, sie öffnen Jacken und Mäntel.

An den Lokalen vorbei ein Strom von Menschen, die suchen Plätze oder ihre Freunde oder beides, die wechseln das Café, haben Hunger oder Durst oder wandeln einfach so herum, die haben vielleicht gerade irgendwo gelesen, dass man hier auf die Lange Reihe geht, die wollen jetzt auch mal gucken. Mitten im Strom eine allein gehende Frau im schwarzen Kleid, Typ französische Romanschönheit. Sie sieht unglücklich aus, was bei französischen Romanen ja nicht ausbleibt. Sie hat ein schwarzes Kleid an, das womöglich sogar ein Abendkleid ist, sie geht barfuß und ohne Blick für das Leben in den Lokalen. Und das sieht man dann im Vorbeigehen und erfährt die Geschichte nicht, es ist im Grunde fast unerträglich. Aber was gehe ich abends auch raus! Besser zuhause bleiben, besser ein Buch lesen, da erfährt man in aller Regel die ganze Geschichte, da weiß man dann, warum sie so guckt, wo sie herkommt und wo ihre Schuhe sind, das ist doch alles wichtig, das will man doch wissen. Da liest man auch, wo sie hingeht und welches Kapitel danach kommt.

Nächste Woche wieder Lesewetter, und das ist auch gut so.

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Mein Bademantel ist wieder da, er ist aus dem Theater geflogen mit dem Vermerk: “Nicht witzig genug.” Jetzt sitzen wir hier wieder beide, der Bademantel und ich, durch und durch seriös, ernsthaft und stets bemüht. Wie es sich gehört.

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Sohn I geht morgens in seinen Theaterworkshop, wobei er “Heute HP3 und GP” murmelt, was auf Nachfrage lässig entschlüsselt wird: Hauptprobe 3 und Generalprobe. So lernt man immer dazu, wenn die Kinder was machen, und muss nicht einmal selbst vor die Tür. Das hat Vorteile, siehe oben.

Update einen Tag später hierzu: Wir haben die Vorführung jetzt gesehen, der Sohn auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters – un he hett Platt snackt! Alle haben das beeindruckend gut gemacht (acht Kinder nach nur zehn Tagen Proben). Ich bin eventuell ein wenig stolz, aber ich freue mich am meisten, dass er das alles selbst gesucht und gemacht hat, dass das komplett sein Ding war und ist. Und die großartige Betreuung der Kindertruppe im Ohnsorg-Theater soll natürlich auch nicht unerwähnt bleiben, das lief dort ganz wunderbar.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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