Forcierte Traulichkeit

Ich hole Sohn II abends von seinem Kumpel ab, der wohnt einen Stadtteil weiter. In einem Wohnblock, drei Etagen hoch, drei Eingänge breit, sind die Fenster aller Wohnungen geschmückt und mit Lichterketten beleuchtet. Glühschmuck aller Art hängt dort, was man in dieser Jahreszeit eben so nimmt, um die Gemütlichkeit und Traulichkeit der Abende zu forcieren, um der Dunkelheit etwas abzugewinnen. Da hat ein Nachbar es dem anderen nachgemacht und dann ist es etwas eskaliert, das kennt man. Nur die Fenster einer einzigen Wohnung sind gänzlich undekoriert, nichts ist an ihnen zu erkennen, nur ein schwacher Lichtschein aus der Wohnung dahinter. Auf dem Balkon zu dieser Wohnung steht ein Mann, es ist nur seine Silhouette in der Dunkelheit zu erkennen, danach ist er ein großer, kräftiger Typ. Der Mann raucht. Seine Zigarette leuchtet rot im Dunkeln, er steht und guckt, sein Blickfeld wird wohl vollständig vom Block gegenüber eingenommen, der sieht exakt so aus wie der, in dem er wohnt, in dem sind aber ausnahmslos alle Wohnungen irgendwie mit Weihnachtsschmuck versehen, leuchtende Rentiere, Schlitten, Sterne, Tannenbäume, alles. Zwischen den Blöcken ein nichtssagendes Stück Rasen, winterabenddunkel.

Als ich vorbeigehe, höre ich den Mann laut “Ha!” sagen. Das gilt nicht mir, er wird mich gar nicht gesehen haben, nehme ich an, das sagt er ganz für sich. So ein “Ha!” wie in “Hab ich’s doch gewusst!”, vielleicht auch ein wenig wie in “Nicht mit mir, Freunde!” oder auch wie in “Das wollen wir doch mal sehen!”, so ein ”Ha!” ist das, und mehr sagt er nicht. Die Silbe ist dem Klang nach gar nicht so einfach zu klassifizieren, wenn man dazu nur eine Silhouette auf einem Balkon sieht und einen kleinen, roten Lichtpunkt, der genau im Moment des Wortes allerdings recht energisch nach unten bewegt wird. Ich höre genau hin, noch als ich außer Sichtweite bin, aber da kommt nichts mehr nach. Es bleibt bei dem „Ha!“, das mich, so unter uns im Freundeskreis Küchenpsychologie, auch deswegen fasziniert, weil mir nach diesem Jahr gerade kein Grund für ein deutliches und auch nur halbwegs selbstzufriedenes „Ha!“ einfallen will. Ich wäre auch nach längerer Überlegung eher bei “Hä?”

Wir brauchen jetzt natürlich noch einen stimmigen, aber bitte möglichst friedlichen und dezembertauglichen Grund für diese aus dem Rahmen fallende Wohnung und ihren Bewohner, für das “Ha!” natürlich auch, denn der Mensch sucht Zusammenhänge, so ist er nun einmal.

Dafür reicht meine Zeit aber heute nicht, das denkt sich besser jeder selbst aus, Sie mögen doch Geschichten.

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Mit Stevensons Schatzinsel komme ich gut voran, gerade wird Long John Silver in die Handlung eingeführt und die Hispaniola sticht schon in Kürze in See. Dummerweise gibt es unangenehme Nebenwirkungen, denn im Vergleich mit Stevenson wirken Heines Reisebilder eher nicht mehr so süffig und lesbar. Viel mehr als einen weiteren Abend gebe ich ihnen nicht, dann müssen sie weichen. Der Sinn des Wiederleseprojektes ist es ja, nur die für mich wichtigsten und besten Bücher zu behalten, ungeachtet aller literaturgeschichtlichen Vorgaben. Und bis auf wenige Ausnahmen werden die bleibenden Bücher bei mir auch gut lesbar sein müssen.

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Haben Sie übrigens auch diese Meldung gesehen, die gerade durch diverse Medien gereicht wurde, die mit dem uralten Docht? Da hat man also einen Docht ausgegraben, 1.500 Jahre alt, in Israel war das. Einer der ältesten Dochtfunde weltweit, wobei ich bis zum heutigen Tag nie damit gerechnet hätte, jemals das Wort “Dochtfunde” zu schreiben. Schön, wenn das Leben eine noch überraschen kann! Der Docht, es geht noch weiter, pardon, besteht aus Leinenfasern und wurde eigentlich schon 1930 ausgegraben, aber jetzt erst richtig erkannt und -Moment! Nicht einschlafen! – das alles wurde also erstaunlich breit gemeldet, gipfelnd in der Aussage, dass dieser Docht nun in einem Museum ausgestellt wird, zusammen mit anderen Funden.

Sehen Sie bei diesen Zeilen auch schon die Schlangen der Besucherinnen vor sich, die geduldig am Museum anstehen, um einen Docht zu sehen? Einen Docht! Nein, den Docht! Je länger ich darüber nachdenke, desto besser wird es, ich möchte fast sagen, die Vorstellung erhellt meinen Abend. Wie kommt es denn bloß zustande, dass so etwas ziemlich prominent gemeldet wird, was läuft da? Wie viele Archäologen mag es weltweit geben, die fortwährend etwas ausgraben, und dann meldet man etliche Zeilen zur vergleichenden Dochtforschung. Was graben denn um Gottes willen die anderen aus, dass es noch langweiliger ist und also keine Zeile wert? Wie schafft es ausgerechnet diese Meldung in die Weltpresse? Man darf da allerdings nicht zu lange drüber nachdenken, sonst ist man ganz schnell bei der Frage, warum überhaupt welcher Text wo erscheint und es wird furchtbar tiefschürfend und grundsätzlich und man steht händeringend vorm Schreibtisch herum und wirkt albern theatralisch, das möchte man nicht. Denn ist es vielleicht eine einfache Frage, was überhaupt als Meldung ausgewählt wird? “Nein!” “Docht!” “Orrr.”

Falls Sie jedenfalls ab dem 24. Januar in Haifa sein sollten, das wollte ich nur sagen, nehmen Sie das hier bitte als Veranstaltungstipp. Den Sie nicht brauchen werden, schon klar, die Stadt wird ja doch mit Dochtplakaten zugegepflastert sein.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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