Das Leben ist kein Tanzlokal

In hundert Jahren ist alles weg.

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Apropos hundert Jahre und alles weg, kennen Sie die obige Zeile auch aus Ihrer Kindheit? Heile, heile Mausespeck? Meine Mutter hat das gesungen, meine Großmütter, die Großtanten und Tanten, alle. Ein seltsamer Text, aber die Melodie war irgendwie beruhigend, ein wiegender Rhythmus. Und ich habe erst vor ein paar Jahren mitbekommen, dass dazu ein ganzes Lied mit mehreren Strophen gehört, den Text dieser Strophen kannte ich nicht. Es gibt auf Youtube eine Aufnahme von Ernst Neger, 1967, da sieht man dem Publikum an, dass nichts je wieder gut geworden ist. Nicht in Mainz und nicht anderswo.

 

“Und denk dein ganzes Leben lang

ans Lied, das dir die Mutter sang”

Das immerhin hat also geklappt, quod erat demonstrandum. Ich glaube allerdings, unsere Söhne kennen die Zeilen nicht.

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Frau Beck über Schottland. Ich weiß noch, wie ich einmal vor vielen Jahren in Schottland bei einer Familie zu Gast war, in Glasgow. Der Hausherr, der ein wenig Deutsch konnte, holte abends einen Gedichtband von Manesse aus dem Regal und zitierte in hochdramatischer Stimmlage und mit weit ausholenden Gesten Balladen von Goethe und Schiller, in der sicheren Annahme, dies müsse die deutschen Gäste ungemein erfreuen. “Bedecke deinen Himmel, Zeus!” Das war eine Form der Gastfreundschaft, die war uns vollkommen unbekannt. Später am Abend kam ein Nachbar dieser Familie dazu, er brachte sein Akkordeon mit und spielte und sang schottische Lieder, einfach so, er hatte gehört, dass Gäste aus Deutschland da seien. Wer konnte, sang selbstverständlich mit. Das war sehr schön und ungeheuer fremd und es war auch so, dass ich noch Jahrzehnte später, längst lebt der Mann mit dem Balladenbuch nicht mehr, immer noch denke, nach Schottland könnte ich ja auch einmal wieder.

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Ich kenne mich kaum.

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Beim Einkaufen im Discounter eine Szene, wie ich sie eher bei Frau Novemberregen erwarten würde. Und zwar stehe ich da in einer Kassenschlange, als mir einfällt, dass ich etwas vergessen habe. Ich schere also wieder aus und gehe zu den Regalen zurück, was normalerweise natürlich blöd ist. Heute aber gerade nicht, denn ich denke da auf etwas herum und es passt mir daher seltsam gut, in Kassenschlangen zu stehen und nichts weiter zu tun zu haben, gerne auch länger. Man kommt ja sonst nie zum Denken, wo auch. Ich hole also, was ich vergessen hatte, ich gehe zurück zur Kasse und stelle mich hinten an, was weiter vorne aber für erheblichen Unmut sorgt, denn man hat mir einen Platz freigehalten, eine für Hamburger Verhältnisse höchst ungewöhnlich Verhaltensweise mit der wirklich niemand rechnen kann. Ich lehne freundlich ab, nein danke, ich bleibe lieber hier hinten, ich habe ja Zeit, fast hätte ich gesagt: “Ich möchte hier einfach nur stehen.” Weiter große Unzufriedenhheit auf den vorderen Plätzen, also wirklich, da hält man schon mal frei und dann kommt der Kerl nicht, wo gibt es denn so etwas. Bleibt der da stehen! Man zeigt anklagend auf die einladend klaffende Lücke zwischen den Warentrennstäben auf dem Kassenlaufband, auf diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. In die ich partout nicht will, mit meinem Toastbrot und den Eiern.

”Also sowas”, höre ich und dann noch den Satz, der das alles vermutlich erklärt, nämlich was man darf und kann und was nicht: “Sie können doch nicht einfach Zeit haben!”

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Musik. Ich muss es gar nicht immer bei einem Clip belassen, fällt mir ein, zwei können auch interessant sein, besonders wenn dazwischen eine Geschichte liegt. Im ersten Clips eines der vermutlich pornösesten Duette, die jemals aufgenommen worden sind, Rita Coolidge und Kris Kristofferson, verliebt wie sonst etwas. “I don’t wanna sleep alone” singen sie und “DAS SEHEN WIR!” möchte man antworten. Im zweiten Clip wieder die beiden, kurz vor dem Ende ihrer Ehe, dazwischen liegt der vermutlich ungeschriebene Beziehungsroman.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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