Männer mit Blumen und Frauen mit Gouda

Wir brauchen keine Frühlingszeichen mehr, es ist einfach Frühling. Dreizehn Grad und Sonnenschein, klare Sache und damit hopp. Alles fühlt sich anders an, riecht anders, klingt anders, es ist eine Leichtigkeit und eine hoffnungsvolle Bläue in der Luft, die will einen aus dem Büro ziehen. Man muss sich am Schreibtisch festhalten und die Fenster schließen, dann geht es.

Im Supermarkt liegt stapelweise junger Gouda, Sonderaktion! An jedem Goudapäckchen klebt eine Plastiktulpe, und während ich in der Nähe dieses Goudastapels stehe, weil ich Joghurt für die Söhne suche, bleiben nacheinander drei Frauen verschiedener Altersgruppen vor dem Sonderangebot stehen und weisen ihre jeweilige Begleitung darauf hin, dass das doch echt süß sei, niedlich oder guck doch mal. Drei! Wie viele Frauen wären es wohl gewesen, hätte ich eine ganze Stunde da gestanden? Geschmacklich unauffälliger Käse mit beliebiger Deko, da geht also was, manchmal komme ich aus dem Staunen auch nicht heraus.

In der Bücherei stehen eine Frau und ein Mann in einer Ecke. Er redet und redet, enorm schnell redet er, wahnsinnig viele Sätze und dazu hat er eine flatternde Gestik, bei der er fast nur die Hände bewegt, nicht aber die Arme, nur die Hände, die er vor ihr Gesicht gehoben hat, wo die Finger jetzt wie Derwische herumtanzen, sich spreizen, biegen, beugen, zu Fäusten ballen und sofort wieder aufgehen, durch die Luft sicheln und dann für den Bruchteil einer Sekunde wie im Gebet verharren, bevor sich ein Zeigefinger doch wieder erhebt, ich kann gar nicht wegsehen, so kunstturnend bewegen sich diese Finger. Der Redestrom des Mannes versiegt nicht, er erklärt und erklärt oder doziert und doziert oder windet sich aus irgendwas heraus oder auch schon wieder hinein, wer weiß, er redet eine schnellere Sprache als unsere, ich verstehe kein Wort, zumal er auch sehr leise redet. Gedrängt und getrieben, aber leise.

Die ganze Zeit steht sie einfach nur da und guckt unentwegt zu ihm hoch, denn sie ist einen Kopf kleiner als er, guckt hoch und weint und weint, ohne ein Wort. Mit herabhängenden Armen steht sie da immer weiter im Regen seiner ungeheuer wortreichen Sätze. Ein Experte muss man da nicht sein, um anzunehmen, dass der Valentinstag  2019 diesen beiden vielleicht nicht in bester Erinnerung bleiben wird.

Aber egal! Sie haben ja noch ein paar Stunden Zeit für die Versöhnung und da die beobachtete Situation hier endet, können wir uns alles ausdenken, das ist unser gutes Recht. In zwei Stunden hat sie es vielleicht schon geschafft, dass die Finger des Mannes wieder etwas Vernünftiges machen, ihr durchs Haar fahren oder so, und vielleicht hält er im weiteren Verlauf des Abends kussbedingt auch einmal die Klappe, das kann doch sein. Es kann immerhin alles sein, Geschichten gehen weiter, wir denken das nur meistens nicht. Wie neulich bei den zehn Leuten, die die Frage nach der Anzahl der Autokinos im Hauptbahnhof gesehen haben, ich berichtete. Von denen hat mittlerweile immerhin einer gerade gegoogelt, so beschließe ich das jetzt, dass es auf Rügen ein Autokino gibt, wo er, so ein Zufall, im Sommer mit einem Freund sein wird. Er sitzt in seiner Single-Wohnung, in seiner beeindruckend aufgeräumten Single-Küche und guckt aufs Notebook, klickt auf die Adresse des Kinos und sagt dann leise im Tonfall der Werbung aus dem letzten Jahrhundert: “Isch abe gar kein Auto”, womit er auch wieder Recht hat. Aber auch dazu fällt uns schon noch etwas ein, nicht wahr.

Auf einem Grünstreifen vor der Bücherei treffen sich zwei Hunde und finden sich sofort so dermaßen toll, dass sie beide zeitgleich ihren Herrchen die Leinen aus den Händen reißen und sich in größter Freude auf dem Rasen umeinander wälzen. Die Begeisterung sieht man ihnen auf hundert Meter an, Liebe auf den ersten Blick, voller Körperkontakt, so muss das. Die Herrchen machen währenddessen notgedrungen etwas Smalltalk, rauchen Sie? Nein.

Auf dem Spielplatz vor unserer Wohnung ist zum ersten Mal wieder Hochbetrieb, da liebt ein Kind die Schaukel so, dass es die ganze Straße hört, Jubelschreie, wenn es aufwärts geht. Und es geht oft aufwärts, also zumindest, wenn man schaukelt.

Einige Meter weiter blühen die ersten Krokusse unter der großen Magnolie, die noch nicht so weit ist. Lilafarbene Krokusse, viele und über Nacht, da bleiben die Menschen stehen und sagen zueinander: “Guck mal, die Krokusse!” Man kann ja nicht immer geistreiche Bemerkungen machen und auch das Sagen des Offensichtlichen hat seine Berechtigung im sozialen Miteinander.

Im Hauptbahnhof stehen die Männer Schlange vor dem Blumenladen, dessen Angebot heute nennenswert pinkfarbener als sonst ist, es kommen immer noch mehr Männer dazu, aus jeder einfahrenden S- oder U-Bahn ein neues Grüppchen. Männer, die von der Arbeit kommen und schnell und kompetent auswählen, nicht zu teuer, nicht zu billig, keine roten Rosen, das dauert keine zehn Sekunden, dann haben sie, was sie wollen und reihen sich in die Schlange ein, gucken noch einmal prüfend auf die Blumen, ob die auch ja alle korrekt sind, gucken dann auf die Uhr, wie sie heute in der Zeit liegen.

Dann zahlen sie und gehen ihre Frauen lieben. Oder ihre Männer, egal. Happy Valentine’s Day!

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

************************

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, vielen Dank!

************************