Geltende Regeln und schöne Schrift

Der Wirtschaftsteil endet hier. Also da. Na, Sie wissen schon. Das wird jedenfalls signifikante Folgen für meinen Alltag haben, darauf komme ich noch einmal zurück. Oder mehrfach.

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Imbisse in Pompeji.

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Am Morgen meiner Abreise nach Helgoland ist der Himmel grau, es hat nachts geregnet und die Zierkirsche auf dem Spielplatz vor unserem Haus hat viele Blütenblätter verloren, die liegen jetzt in einem seltsam hingemalt wirkenden und ausgesprochen schön geschwungenen Bogen um den Baum im Sand. Rosa auf Beige, es sieht aus wie ein Detail auf einem riesigen Sandbild, ein etwas verwischter, rosafarbener Lidstrich nach einer langen Nacht voller Dramen und Tränen vielleicht. Egal, der Wind schminkt das am Morgen ab.

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Im Vorübergehen gehört:

“Ist er nicht ein fürchterlicher Fettsack?”

“Ja, aber er ist auch Veganer.”

Im Grunde kann man aus diesem Gesprächsfetzen überhaupt nichts schließen, rein gar nichts, und doch klingt er wie schlechte Stand-Up-Comedy, so ist das nämlich bei den Ernährungsthemen mittlerweile. Alles mit Bedeutung aufgeladen bis zum Platzen.

Auch im Vorbeigehen beim Einkaufen gehört:

“Alter, die ist voll die fancy Bitch, da kannst du kein billiges Zeug kaufen, die steht auf sauteure Guacamole und so, nimm das hier.”

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Weil ich neulich doch diesen Kolbenfüller wiedergefunden habe und weil Sohn II gerade so viel Schreibschrift übt (mit so schönen Sätzen wie etwa “Bernd bürstet seine Beine”), um auch mehr mit dem Füller zu schreiben, habe ich in den letzten Tagen etwas Zeit investiert und mir wieder eine verbundene Schreibschrift bei halbwegs entspannter Handhaltung angewöhnt. Das dauert gar nicht so lange, man muss nur ein paar Seiten mit irgendwas füllen, schon geht das wieder und, was natürlich klar ist, es schreibt sich doch erheblich besser so. Also auch bei den Unterwegsnotizen, es wird alles deutlich lesbarer. Wenn jetzt allerdings jemand mein Notizbuch finden würde, er würde den Schreiber gewiss für komplett irre halten, weil ich beim Üben alle Wörter endlos wiederholt habe, in denen mir eine Buchstabenverbindung nicht ganz geglückt vorkam, seitenlang steht da etwa Freiheit, weil ich es unbedingt hinbekommen wollte, die I-Punkte erst nach dem ganz geschriebenen Wort zu setzen, nicht nach jedem kleinen i, das fand meine rechte Hand aber ganz erstaunlich schwer, geradezu unmöglich fand sie das, die wollte immer wieder zwischendurch absetzen. Freiheit, Freiheit, Freiheit, irgendwann geht es dann aber doch. Ich hätte natürlich auch Libido oder Minimalismus nehmen können, aber das sind so Zufälle, es war eben die Freiheit, die in dem einen Satz da vorkam. Das ist jedenfalls, was man so Zufall nennt, ja, ja, da lacht der Psychologe.

Aber, und das wollte ich eigentlich nur sagen, es ist sehr schön, wenn man es wieder schafft, manierlich mit der Hand zu schreiben, es entspannt. Eine wunderbar langsame Beschäftigung ist das. Guter Füller, gute Schrift, gutes Papier. Habe ich doch glatt mal so ein Wellnessding für drinnen entdeckt, ich kann ja nicht jeden Tag besinnlich im Garten herumbuddeln. Nach all den Jahren doch noch auf etwas gekommen!

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Ich fahre mit dem Katamaran nach Helgoland, mit dem neuen und größeren Katamaran, auf dem man jetzt bequemer sitzt. Leider werden alle paar Meter irgendwelche touristisch interessanten Dinge entsetzlich laut durchgesagt, in diesem fröhlichen Privatradiomoderatortonfall, bei dem ich sofort Mordgelüste bekomme, wird auf dies und das hingewiesen, an Steuerbord sehen Sie, an Backbord sehen Sie, und die einen gucken dann ratlos nach beiden Seiten, die anderen demonstrativ weg, diese Durchsagen nerven wirklich sehr. Andere finden die natürlich interessant, ich weiß.

Noise-Cancelling-Kopfhörer, die wären noch einmal eine sinnvolle Investition, glaube ich.

Gerade als ich denke, jetzt ist weder an Steuerbord noch an Backbord irgendwas, jetzt ist überall nur noch graue Nordsee, jetzt kann das hier endlich mal eine Weile ruhig sein, da lassen sie Rolf Zuckowski durch die Lautsprecher singen, natürlich mit der Finkwarder Speeldeel dabei, und sie singen in sich überschlagender Vergnügtheit von Helgoland, da reimt sich “eine Reise, die sich lohnt” auf irgendwas mit “Horizont”, ich weine in meinen Kartoffelsalat.

“Und denken Sie bei ihrem Einkauf bitte an die geltenden Zollbestimmungen”, das wird auch noch durchgesagt, und Gottseidank wird es so durchgesagt, denn wenn man nicht an die geltenden, sondern an die nicht geltenden Zollbestimmungen denken würde, wie lange und wie sinnlos wäre man da beschäftigt. Über die Jahrhunderte kommen da enorm viele Bestimmungen zusammen, die alle längst nicht mehr gelten, und nein, an die wollen wir wirklich nicht denken. Ja, ich höre schon auf.

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Hinter Wedel bestellen die ersten Passagiere Bier und Sekt, ich halte mich zurück.

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Helgoland liegt im Nebel, wir fahren durch ein freundliches Weiß auf den Hafen zu und ich lasse die anderen Fahrgäste allesamt vor und stehe erst nach dem Anlegen mit betont cooler Stammgastlangsamkeit auf. Wie ich immer wieder feststelle: Es sind die kleinen Freuden.

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Musik! Fuck all the perfect people.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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