Ganz klein und kaum hörbar

Im Garten gab es heute zwei unreife Himbeeren, sonst nichts mehr. Die letzten Tomaten sind wohl komplett chancenlos bei den Temperaturen, ein übriggebliebener Hokkaido wird aber vielleicht doch noch etwas, auch der Topinambur und der Feldsalat sind nicht ganz verloren. Die Zucchinipflanze müht sich noch, sieht aber schon nach Siechtum aus. Und später natürlich noch die Pastinaken, viel später, im Februar oder so. Im Wintergarten. Heute am Morgen nur ein Grad, im Grunde ist schon Winter.

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Wenn ich im Garten in der Laube sitze und die Augen schließe, erinnert mich das dezente Knacken der Balken, das im Garten nie endende Geflüster kleiner und kleinster Geräusche, das Knacken, Knarren, Kratzen und Scharren rings um die Hütte an irgendeine ähnliche Wahrnehmung in der frühen Kindheit. Ich komme nicht darauf, was, wie und wo das genau gewesen sein kann, im Wohnwagen an der Ostsee vielleicht, das war dann noch Jahre vor der Grundschule. Ich erinnere mich an das Gefühl, nicht an die Kulisse. Es lässt sich nicht ergründen, ein Dämmern vor dem Mittagsschlaf, so etwas in der Art, aber es geht auf jeden Fall um eine Erinnerung an ein Alter, in dem Momente noch riesige Bögen spannen konnten und auch die Zeit selbst noch unvorstellbar groß war, in der das Jetzt noch jung wie ich und endlos war, der Vorrat an Sekunden und Minuten noch so gut wie unverbraucht. Und ich lag da und lauschte auf die Langsamkeit. Ich lauschte, wie eine Fliege gegen die Scheibe flog, wie trockene Blätter fielen oder dünne Zweige im Wind wogten, ich lauschte, wie irgendetwas ganz Kleines etwas kaum Hörbares machte, ich weiß es nicht genauer. Aber eines weiß ich doch, das war sehr schön und es ging immer, immer so weiter, es hörte einfach nicht auf. Aber irgendwann dann doch.

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Ich habe Etty Hillesum durchgelesen und nehme mir jetzt die Tagebücher von Brigitte Reimann vor: “Ich bedaure nichts, Tagebücher 1955-1963”. Also von extremer Not und Religion und Literatur zu Liebe, Lust und Schriftstellerei, der Wechsel fällt drastisch aus, zeitlich immerhin ist der Anschluss gar nicht so unpassend. Die Tagebücher der Reimann gibt es auch auf Spotify, sehe ich gerade.

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Auf Postern an Kreuzungen wird für einen Auftritt der Kelly Family geworben, die kennen die Söhne nicht und fragen also nach. Ich zeige ihnen auf dem Handy den uralten Videoclip von David’s song (“Who’ll come with me”), jenes Filmchen also, in dem noch der Vater zu sehen ist, das zieht aber nicht so richtig: “Ah okay, das ist mehr so Klassik.” Da winken sie schnell ab.

Immerhin kann ich noch mit der alten Geschichte punkten, dass ich eine von denen mal kennengelernt habe, weil ich mit ihr gemeinsam in einer Talkshow war, das immerhin findet doch ein wenig Anerkennung. Ein ganz klein wenig. Na, man nimmt, was man kriegen kann.

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Musik! Heute empfohlen von der Herzdame, die gerade auf einem Konzert von denen war: Nouvelle Vague.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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