Mehrere Jahre schön

Es blinkt

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Ich habe den Böll durchgehört, bei dem ich doch mehr und mehr Probleme mit der Stimme von Heinz Baumann hatte, weil das nun einmal eine dermaßen markante Stimme ist, dass man ihn dauernd spielend vor sich sieht, was aber bei den Ansichten eines Clowns gar nicht mal so rollenkonform ist.  Danach das “Kalte Herz”, das Herz von Marmelstein, wie es im Text heißt, vom ollen Hauff, denn mir ist gerade nach kürzeren Stücken (gelesen von Dieter Eppler). Das Kalte Herz war interessant, weil es sich in der Erinnerung beim Hören so abspulte, dass ich dem Text jeweils einen kleinen Abschnitt voraus war, die ganze Geschichte aber nicht bis zum Ende hätte aufsagen können. Als es begann, na klar, da wusste ich wieder, wo das Glasmännchen auftritt, wo der Holländer-Michel und wie – aber eben immer nur so zwei Seiten voraus, also wenn es ein gedrucktes Buch gewesen wäre. Erinnerung ist doch eine höchst merkwürdige Funktion.

Jetzt die “Halligfahrt” von Storm, gelesen von Sven Görtz, da geht es über Rungholt, das ist auch schön. ich räume jetzt bei Spotify einige Geschichten und Novellen ab, die langen Stücke fühlen sich schon wieder wie eine Terminserie an, das gilt es zu durchbrechen.

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Apropos Erinnerung, ich habe neulich über diese plötzlich erinnerte Schulstunde geschrieben, in dieser Reihe kam mir gerade ein Stück Waldweg in den Sinn. Vor etwa 25 Jahren bin ich dort entlang gegangen, es war kein spektakulärer Spaziergang und es gab kein spektakuläres Ziel, es war einfach ein gewöhnlicher Nachmittagsgang mit Hund, aber zack, jeder Ast war wieder da, jede Pfütze auf dem Pfad, jede Wolke am Himmel, ein Erinnerungsblubb erster Klasse, das perlte einfach irgendwann so nach oben. Ich könnte nicht einmal ansatzweise benennen, warum mir das einfiel, dieses Wegstück da im Wald vor Hamburg. Es ist im Grunde ein Knaller, man möchte sich dauernd selbst belauern und abwarten, was da alles noch so kommt. Nein, möchte man nicht. Na, es ist so gemischt.

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Weil die Herzdame neuerdings bei der Hamburger Messe beruflich waltet, gehe ich da jetzt öfter hin, gehen wir künftig alle öfter hin, nehme ich an. Da können wir uns Sachen begucken, die außerhalb unserer Interessen liegen, das ist ab und zu auch mal gut, sagt man. Und in meiner Komfortzone kamen bisher z.B. keine Kristalle vor.

Weswegen wir also auf der Mineralien-Messe waren, auf die Idee wären wir sonst kaum gekommen und ich habe auch eine Weile nachgedacht, mache ich das wirklich? Steine ansehen? Echt jetzt? Aber schließlich habe ich doch dem Neuen eine Chance gegeben, dem Abwegigen und dem Exotischen.

Schon beim Reinkommen war dann klar, diese Messe war erheblich größer als ich dachte, ein Riesending, es ist wohl auch deutschlandweit oder europaweit eine Nummer von Rang, auch mit internationalem Publikum. Das ahnt man ja nicht! Im Publikum fielen mir einige Menschen mit etwas bunterer Kleidung auf, als es dem gedeckten Hamburger Winterdurchschnitt entspricht, das habe ich erst nicht verstanden. Bis mir klar wurde, dass die Heilsteinfraktion bei so etwas auch vertreten ist, da gibt es also eine Schnittmenge zur Esoterikkundschaft und die leuchtet dann da so bewusstbunt aus der Masse heraus. Daneben die Interessenten für Fossilien, das dann eher Nerd-Typen im ehrwürdigen Lateinlehrerlook, außerdem die Schmuckpartei in geschäftlich seriöser Gewandung. Es brauchte eine Weile, diese Mischung zu verstehen, aber ich finde Publikum immer interessant. Viele Kinder waren da übrigens, es gab auch Kinderprogramm in der Messehalle und gar nicht so schlecht. Das kann ich gleich als vielleicht überraschenden Tipp einbauen (keine bezahlte Werbung, nein), da kann man mit Kindern gut hingehen, das funktioniert bestens.

Ich kann das an den eigenen Söhnen belegen, die eher desinteressiert da reingrummelten und dann nach etwa einer halben Stunde zusehends auftauten. Was vor allem an den zahlreichen Drusen lag, die man da an einigen Ständen auch mit interessanten Maschinen knacken konnte, Überraschungseier in ganz unerwarteter Version und mit Inhalt, der manchmal nach märchenhaftem Reichtum aussah. Nach einer Stunde konnten die Söhne schon etliche Halbedelsteine benennen, das Expertentum wächst einem in dem Alter noch im Vorbeigehen zu, es ist immer wieder faszinierend.

Da lagen auch Exponate, die ich in dieser Art noch nie gesehen hatte, irre Farben und Formen, Natur ist doch immer wieder krasses Zeug. Ein Riesenstück, “The flower of Urugay”, war ein Wahnsinnsamethystgebilde wie aus einem Fantasyfilm, geradezu unglaubwürdig riesig und bunt, ein Stück von einem Film-Set, ausgedacht von durchgeknallten Designern, so hätte man wetten können. Diese Riesendruse wurde dort separat vorgeführt, mit Showcharakter und Soundtrack und allem. Das hätte es aber nicht gebraucht, das Ding war an sich bizarr genug. So ein Gebilde wird im Grunde schon dadurch verkitscht, dass man es zeigt, der eigentliche Knaller ist doch, dass es so etwas überhaupt gibt, dass so etwas im Ernst vorkommt. Dass so etwas irgendwo da draußen herumliegt, irgendwo im Dunkeln funkelt, dass so etwas möglich ist. Sobald man das in eine Messehalle trägt, wirkt es irgendwie gemacht und inszeniert. Dabei ist es nur geworden, was doch wesentlich mehr Würde hat.

In einer Vitrine lag auch mein Lieblingsstück, ein aus Bernstein gedrechselter Füllfederhalter aus einem vergangenen Jahrhundert, bei dem auch Sohn II befand: “Den kann man bestimmt mehrere Jahre schön finden.” Der war aber gänzlich unverkäuflich. Schwein gehabt!

Eine heilsteinkundige Verkäuferin wies uns auf die beruhigende Wirkung von Amethyst hin, Amethyst am Bett, so sagte sie, das würde schon wirken! Ich hatte kurz lebhafte Wahnvorstellungen von großen Amethystbrocken, quasi als Leckstein neben den Kopfkissen der Söhne angebracht, denn Schlaf ist hier gerade so ein Thema.

Ich musste aber keinem Kind etwas aufdrängen, die entwickelten ganz unbeeinflusst lebhaftes Kaufinteresse, hatten interessante Feilsch-Erlebnisse mit ihnen weit, weit entgegenkommenden Messeverkäufern kurz vor Schluss der Veranstaltung und was soll ich sagen, wir gingen mit erstaunlich viel Gewicht nach Hause und im Kinderzimmer funkelt es jetzt erheblich.

Ob nun der Amethyst an sich wirklich beruhigend ist, ich weiß es nicht und habe Zweifel. Aber abends so in das glimmende und seltsam bewegliche Funkeln zu gucken, wenn nur noch ganz wenig Licht im Kinderzimmer ist, fast gar keines mehr, wenn nur so der eine und eher hauchfeine Strahl von der Lampe im Flur noch etwas mit den Kristallen anrichtet, das gerade eben noch zu erkennen ist – das beruhigt jedenfalls auch, wie hier schon erfolgreich bewiesen wurde.

Vermutlich wirkt das natürlich nur zwei bis fünf Tage lang, aber hey – bei Schlafmangel ist man irgendwann über jeden kleinen Erfolg froh.

Druse übrigens, ein Wort, das ich zwar auf Anhieb verstanden habe und auch korrekt zuordnen konnte, das ich aber vermutlich doch nicht im aktiven Wortschatz spontan parat gehabt hätte. Auch habe ich das über Jahre nicht gehört, über viele Jahre vermutlich nicht. Und dann komme ich nach der Messe nach Hause, werfe mich mit Rühmkorfs Tagebüchern aufs Sofa, schlage auf und lese dort wie folgt: “ “Die große Druse Nacht, ich steif wie ein Kristall in meinem Bett.”

Manchmal ist es schon schön im Freundeskreis Zufall. Was mir übrigens ernsthaft fehlt: Eine App, mit der ich im Werk einer Autorin oder eines Autos schnell nach einem bestimmten Begriff suchen kann. Mal eben so den ganzen Benn durchflöhen, ob da nicht vielleicht irgendwo die Amaryllis vorkommt. Oder den Rühmkorf nach Rungholt befragen, so in der Art. Wobei das klassische Durchblättern auch reizvoll ist, ja, ja, schon gut, ich grüße auch Leserinnen aus der Analogfraktion.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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