Ich stelle mir vor – Anmerkungen zum quintessentiellen Schreiben

Seine eigenen charakterlichen Vorzüge sollte man nur selten oder gar nicht in Texten erwähnen, und wenn man es aus wie guten Gründe auch immer doch tut, sollte man die Gelegenheit nutzen, sie gleich zu hinterfragen. So bin ich, diese Erwähnung gestatte ich mir auch nur, weil sie gleich zum eigentlichen Inhalt führen wird, weitgehend neidlos was den Besitz oder das Vermögen anderer Menschen betrifft; es mag aber sein, dass diese Neidfreiheit nur ein Mangel an Vorstellungskraft ist. Vielleicht fehlt mir schlicht die Fantasie, mir die Vorzüge einer Villa im Grünen gründlich genug auszumalen, vielleicht fehlt mir nur die Kreativität, auf immer andere Arten des Geldausgebens zu kommen, diese vorfreudig herbeizusehnen und dann auch schwelgend zu genießen, vielleicht ist meine Bescheidenheit also im Grunde etwas dumpf. Das ist selbstverständlich möglich, deswegen will ich mit dieser Neidlosigkeit keinesfalls angeben, ich nehme sie nur einfach zur Kenntnis wie andere Eigenarten auch, etwa meine völlig unspektakuläre Neigung zum Mittagsschlaf. Das ist eben so bei mir.

Ich erwähne den Neid hier nur, weil er mich bei einem Thema dann doch umtreibt, weil ich wieder und wieder daran denke und darauf herumdenke, weil ich mir den Kopf zerbreche und zugeben muss, dass ich bei einem Thema gerne etwas erreichen möchte, das ich wohl nicht erreichen kann, was andere aber in diesem Bereich durchaus können, und das ist dann wohl Neid. Nicht auf Besitz, aber doch auf ein Können. Und zwar geht es mir da um das quintessentielle Schreiben. Damit meine ich diese summarischen Listen, die manche Menschen in ihren reiferen Jahren verfassen und die in reichlich durchdachten Zeilen eine Art Bilanz dessen darstellen, was sie erkannt und durchdrungen haben. Manche schreiben das als Rat für die Kinder auf, für die Nachwelt ganz allgemein, manche halten Reden im Tedx-Stil oder bei Abschlussveranstaltungen an Universitäten. Es ist beliebt, die Schlüsse zu nummerieren und dabei auf eine als schön empfundene Zahl zu kommen, etwa zehn goldene Regeln für dieses oder jenes. Und die liest oder hört man dann so und denkt sich, alter Schwede, das ist mal gut. Und durchdacht und weise und angemessen, das ist ja überaus respektabel. Natürlich denkt man das nicht in jedem Fall, ganz und gar nicht, aber manchmal eben doch und das sind dann die Fälle, da sitze ich davor und will dringend auch. Und kann doch nicht.

Ich will auch, weil ich immerhin zwei Söhne als sinnvolle Empfänger für so etwas habe. Ich habe außerdem ein gewisses Alter, ferner beschäftige ich mich beruflich mit dem Schreiben, mit Kolumnen gar, ich müsste doch nach all den Jahren als Mensch, Vater, Autor auch etwas …

Und dann stelle ich mir vor, es käme eine Anfrage. Ich soll bei einer Abschlussveranstaltung vor Studentinnen der Fachrichtung XY also eine Rede … und da wird mir spontan schon mulmig zumute. Nicht wegen des Publikums, das könnte ich ab, soviel Rampensau muss sein. Nur wegen der Inhalte. Was habe ich jungen Leuten denn zu sagen, was wirklich wichtig ist, fundamental und durch und durch von Bestand? Ich sitze und komme auf nichts.

Ich stelle mir vor: Ich habe einen ganzen Sonntag Zeit, einen ganzen grauen Wintersonntag lang. Er ist vollkommen terminfrei und steht mir vollkommen zur Verfügung, niemand stört, die Familie ist ausgeflogen, niemand ruft an oder whatsappt. Ich bin alleine und denke in aller Ruhe über ganz große Dinge nach, ich schreibe einige Zeilen am Testament oder so etwas in der Art. Ich nehme schließlich ein Blatt, denn großes Denken fühlt sich in Handschrift gleich noch viel grundsätzlicher an, und will endlich, endlich doch einmal meine Ratschläge für die Söhne aufschreiben. Sagen wir zehn, das machen andere ja auch so, man muss nicht immer alles neu erfinden.

Ich gestatte mir nach reiflicher Überlegung einfach meine eigene Furcht vor dem Thema nicht mehr, ich nehme es nicht mehr hin, dass mir ad hoc nichts einfällt. Ich setze mich an den Tisch und schiebe Blatt und Füller zurecht, ich warte ein wenig, denn ich habe ja Zeit. Stundenlang! Ich mache mir einen Kaffee oder einen Tee, ich setze mich bequem. Ich nehme dennoch dabei Haltung an, ich mische Bequemlichkeit und Haltung, wie es mir angemessen erscheint, ich denke in komfortabler Position nach. Ich denke und grüble und zermartere mir das Hirn und lasse dann aber wieder los, ich gehe um den Block und betrachte die Sache dabei wieder gelöster, man hat ja so Tricks und Werkzeuge, man ist ja längst kein Anfänger mehr.

Ich frage mich unentwegt, was wirklich und wahrhaftig Bestand hat. Was für das Leben wichtig war und ist, was wahr ist und bleibt, was auch der nächsten Generation noch nützen kann. Was ich erkannt und verstanden habe.

Ich stelle mir vor, dass ich nicht nachsehe, was andere da geschrieben haben, jetzt nicht mehr. Ich habe nicht einmal einen Browser am Computer geöffnet, stelle ich mir vor, nein, noch besser, das Gerät ist nicht einmal an. Jetzt zählt nur noch mein eigenes Hirn, ein Abschreiben wie in der Schule ist heute nicht mehr statthaft. Hier geht es ja um etwas, das ist keine beliebige Albernheit. Ich stelle mir immer weiter vor, wie ich da sitze und denke und aus dem Fenster sehe, dann wieder auf das leere Papier. Wie ich durch das Wohnzimmer gehe und auch einmal in die Küche, wie ich in den Kühlschrank sehe und mich sofort zur Ordnung rufe und wieder hinsetze, denn ich habe mich soweit im Griff und falle nicht mehr auf alles herein. Ich stelle mir vor, wie ich den Füller in die Hand nehme und mir ernsthaft denke, dass ich tatsächlich etwas schreiben muss, dass Ausflüchte keinen mehr Sinn haben, dass es etwas geben muss und dass die größte Hürde das erste Wort ist, danach wird es schon gehen, danach geht es doch immer. Was ist wichtig? Was ist wahr?

Ich stelle mir vor, dass ich den Füller gegen eine Feder tausche und also ein Tintenglas öffne, das ist noch so ein Trick. Einfach mal am Werkzeug herumspielen, manchmal bringt das nämlich etwas. Ich stelle mir vor, wie ich die Feder in die Tinte tauche, wie ich mich noch einmal entschlossen zusammenreiße. Wie ich schließlich eine Schönschrifteins auf das Papier zeichne, daneben ansetze und endlich einen ganzen Satz formuliere.

Ich stelle mir vor, wie ich gleich danach zweifelnd aufstehe und unzufrieden herumgehe, wie ich an die Decke gucke und dann sinnend auf das Bücherregal. Ich stelle mir vor, wie ich mir eine Jacke anziehe und lieber noch einmal runter an die Alster gehe, in der Hoffnung, dort auf weitere Ideen zu kommen, auf überhaupt irgendwelche Ideen.

Ich stelle mir vor, wie ich die Wohnung verlasse und abschließe, wie das Blatt Papier mit dem einen Satz da weiterhin auf dem Tisch liegt. Und weil ich mir ja vorstellen kann, was immer ich will, lasse ich mein nur vorgestelltes Ich aus der Wohnung gehen und sehe mir aus einer anderen Ich-Perspektive – es ist kompliziert! – das Blatt jetzt genauer an. Ich beuge mich darüber und lese den Satz, auf den mein vorgestelltes Ich da mit erheblicher Mühe und nach langer Zeit gekommen ist. Ich lese den Satz, er lautet: “Erst aussteigen lassen.” Ich hebe die Augenbrauen und sehe aus dem Fenster. Ich sehe mir sachte kopfschüttelnd selber nach, wie ich da immer weiter grübelnd runter zur Alster gehe.

Und sehen Sie, genau deswegen fange ich mit solchen Listen gar nicht erst an.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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