Ganz normale Leute

Im Supermarkt an der Kasse steht vor mir ein Mann, der Unmengen Katzenfutter kaufen möchte, dreißig Packungen oder noch mehr. Diese kleinen Packungen, die immer als dekadente Feinschmeckerkost für besonders verwöhnte Tiere beworben werden. Der Mann hat die Packungen schon eingetütet und im Plastikbeutel aufs Band gelegt, er sagt auch sofort brav die Anzahl auf, als er dran ist. Der Kassierer guckt in die Tüte und schüttet sie dann mit genervtem Gesicht wieder aufs Kassenband aus, greift kopfschüttelnd in den Haufen und scannt jede Packung einzeln ein. Das wiederum nervt den Kunden erheblich, der das nicht verstehen kann oder will, denn die Packungen kosten doch alle exakt gleich viel? Ganz egal, was für Sorten das sind, ob nun mit Lachs oder mit Huhn? Und das sagt er auch, ziemlich laut und hörbar gereizt sagt er das. “Aber Computer”, sagt der Kassierer, was auf Anhieb vielleicht nicht die allerbeste Erklärung für sein Verhalten ist. Der irritierte Kunde versteht entsprechend überhaupt nichts, ist aber einigermaßen sauer, weil er jetzt den ganzen Stapel noch einmal einpacken muss und weil das alles so lange dauert. Und er sagt dem Kassierer, wofür er ihn hält, nämlich für einen ausgemachten Idioten. Der Kassierer antwortet erstaunlich routiniert mit einem Schimpfwort aus einer noch wesentlich tieferen Schublade, wonach er aber immerhin noch einmal genauer zu erklären versucht, dass in der Kasse alles erfasst werden muss, was verkauft wird, System, Bestand, verschiedene Sorten, automatisierte Nachbestellung, ne? Der Kunde winkt ab, papperlapapp, das kostet alles gleich, so ein dummes Zeug, Vollidiot!

Um seine Aversion zu untermauern, wirft er das abgezählte Geld jetzt in Richtung des Kassierers, statt es wie üblich freundlich zu reichen. Der Kassierer hebt reflexmäßig und abwehrend die Hand, wobei aber seine Hand mit der des Kunden zusammenstößt und sofort tauschen die beiden umstandslos ein paar Schläge aus. Diese Schläge sehen aus wie bei zwölfjährigen Jungs, die sich auf dem Schulhof kurz in die Haare bekommen, aber das hier sind zwei ausgewachsene Männer, ein Kassierer und ein Katzenbesitzer, beide etwa vierzig Jahre alt, mehr kann ich über sie gar nicht wissen, also abgesehen davon, dass sie offensichtlich beide ihre Umgangsformen nicht recht im Griff haben.

Der Kunde geht dann pöbelnd und seltsam aufgeplustert wirkend ab und der Kassierer macht, was ein Kassierer eben machen muss, er kassiert knurrend weiter, ohne sich auch nur umzudrehen. Besonders aufgeregt oder überrascht sieht er eigentlich auch nicht aus, wenn man bedenkt dass er sich gerade mit einem Kunden geschlagen hat. Ein ganz normaler Kassierer und ein ganz normaler Katzenbesitzer, denke ich mir verblüfft. Über die Grenzen des Sagbaren sind wir in unserer seltsam aufgeregten Gesellschaft mittlerweile also soweit hinaus, dass die Grenzen des Machbaren allmählich überall in, haha, Angriff genommen werden können.

Dabei fand ich es damals doch so gut, dieses Schulhofrangelalter endlich hinter mir zu haben, das war für Brillenträger wie mich eh nicht so toll. Und dann dieser Aufwand, mir jetzt zur Sicherheit wieder große und starke Freunde suchen zu müssen – Himmel, ich habe überhaupt keine Zeit für so etwas.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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