In der wachsenden Stadt

Am Neujahrstag gingen die Herzdame und ich um die Alster, durch eine Stadt, die, wenn man auch einmal auf den Boden sah, deutliche Gebrauchsspuren aufwies und die auf diesen Portalen, auf denen alles und jeder bewertet wird, um das Wort “schmuddelig” sicher nicht herumgekommen wäre. Aber an der Alster sieht man kaum auf den Boden, sondern stets nur über die Wasserfläche hin, denn das ist ja nach allgemeiner Übereinkunft schön, was man da sieht. Es ist außerdem Hamburg, also in nuce sogar, und zwar in einer so dermaßen treffenden bildhaften Gültigkeit, das gibt es sonst nur noch an den Landungsbrücken, da dann aber sogar noch etwas gesteigert. “Wirklich ist nur, was inszeniert ist” heißt es in einem Vorwort zu einem Buch von Erich Fromm, das hätte ich an den Landungsbrücken gerne irgendwo als Messingplakette. Rainer Funk hat den Satz geschrieben, es ist doch gut, wenn man sich alles notiert.

Und obwohl diese Stadt über weite Strecken hässlich wie die Nacht ist und von Neubaugebieten so gezeichnet ist, wie manche Menschen von gewissen Hautkrankheiten, wird sie doch immer wieder gerne als “schönste Stadt der Welt” benannt, und dann freuen sich alle, wenn sie das hören, und denken ja sicher und an die Alster und an die Elbe, an winzige Ausschnitte der Stadt also, und dann wird ihnen warm ums Herz, so muss an sich das vorstellen. Weil diese Ausschnitte also enorm wichtig sind, gehen viele Menschen ab und zu mal nachsehen, ob das Bild auch noch stimmt, ob auch alles noch zur Erinnerung passt und dieses Hamburg also noch ihr Hamburg ist. So kommt es, dass sowohl die Herzdame als auch ich an diesem Morgen ein Rekorderlebnis hatten.

Noch nie, ganz sicher noch nie, haben wir nämlich eine so unfassbare Menschenmenge auf dem Rundweg dort gesehen. Das wogte und wimmelte rund um die Alster, sieben Kilometer im Kreis ein unendlicher outdoorjackenfarbiger Strom von Menschen, Menschen, Menschen. Und wenn Sie denken, jetzt übertreibt er aber wieder, oh nein. Es gab gewisse schmale Biegungen des Weges, da kam es sogar zum Menschenstau, weil die Menge ja nur konnte, wie die Langsamsten an den Rollatoren es schafften, da stand man dann tatsächlich kurz und die Joggerinnen und Jogger tippelten mit roten Wangen und bösen Blicken auf der Stelle und fragten sich, ob das mit den guten Vorsätzen denn wirklich so gemeint gewesen war, und alle sahen sich an und fanden die anderen reichlich überflüssig. Es hätte all diese andere Menschen gar nicht gebraucht, man wollte doch nur über das Wasser sehen! Man konnte keine zehn Schritte geradeaus gehen, ohne immer wieder anderen ausweichen zu müssen. Ich sprach ein Stück der Strecke mit der falschen Frau weiter, weil ich nicht gleich bemerkt habe, dass das gar nicht die Herzdame neben war, die war im Gewühle verschwunden und tauchte erst später wieder auf. Die fremde Frau nickte aber sehr verständnisvoll zu meinen Sätzen, vielleicht hatte sie auch Kinder.

Ein denkbar unentspannter Spaziergang war das also, bei dem man immer wieder “Du bist der Stau” murmeln musste, um nicht alle und alles ganz schrecklich und furchtbar zu finden und allzu grimmig zu gucken und Eiderstedt! Wie schön wäre Eiderstedt an so einem Tag, menschenleere Vennen, nichts als die weite, weite Ebene bis zum Horizont und nur zwei Pferde darin auszumachen und ein Busch und drei Bäume, kein Laut in der Luft, nur der Wind von der See her! Egal: “Du bist der Stau.”

Dann aber fiel ein gnädiger und tatsächlich unfassbar schöner Nebel über die Stadt und über die halbe Alster. Die Innenstadt versank wie in einem Hollywoodfilm, kitschig inszeniert, das Weiß war viel zu Weiß, die gerade noch herausragenden Türme und Dächer waren viel zu dahingetupft, die sich auflösenden Wasservögel auf der Alster waren viel zu deutlich asiatisch inspiriert, also wirklich, das war ein unglaubliches Bild aus einer Fantasy-Geschichte und die Menge stand am Ufer und sagte Oh und Ah und guck doch mal und machte ergriffene Gesichter und knipste hektisch mit den Handys. Der Nebel sank und wallte über die Wasser, die Menschen sahen verzückt dahin, wo sie keine anderen Menschen mehr sehen konnten und wo es endlich einmal nach stiller Landschaft aussah, mitten in der Stadt. Die Menschen, die im Nebel standen und vielleicht noch gerade eben heraus sehen konnten, die hatten natürlich Pech, die hatten keine Stadtsilhouette im Nebel vor sich, die hatten weiterhin die Menschenmassen im Visier, und wenn man das alles mit einer Drohne von oben gefilmt hätte, auf einer Seite der Alster hätte alle gerade deutlich beschleunigt, um schnell aus dem Nebel herauszukommen, auf der anderen hätten sie aber gerade gebremst, um den Nebel zu sehen, es muss ganz seltsam abgestimmt ausgesehen haben, eine choreografische Übung für Tausende, eine Performance für die Massen, wir nennen es das große Alsterwallen.

Hätte man es in der Hand, es würde jetzt jedes Jahr so stattfinden und schon am Neujahrstag 2021 wäre es noch viel voller und es gäbe schon die ersten Bier- und Wurstbuden und natürlich auch etwas Rahmenprogramm. So ist das nämlich in wachsenden Städten.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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