Hörbücher

Ich höre jetzt dauernd Bücher, ich habe mich daran gewöhnt. Sie unterstützen das Fitnessprogramm, ich gehe wegen der Bücher zu Fuß zur Arbeit, dann dauert der Weg länger und ich höre mehr Kapitel. Ich gehe öfter einkaufen, ich gehe öfter um den Block, ich komme herum, ich höre. Die Bücher unterstützen auch den Kampf um Konzentration, denn ich bemerke bei Hörbüchern viel eher, wenn ich geistig sonstwo bin. Gedruckte Bücher kann ich kapitellang lesen, ohnen auch nur einen Satz mitzubekommen, das ist geradezu eine Superkraft von mir, wenn auch eine völlig sinnfreie. Beim Hören fällt es mir viel früher auf, dass da jemand seltsamerweise zu mir spricht, warum habe ich eigentlich diese Stimme im Ohr? Ach ja, und dann geht es wieder ein paar Absätze lang.

Bei David Foster Wallace, “Die wahre Traurigkeit der Erwachsenen”, ich finde gerade keine Angabe zur Übersetzung, habe ich gemerkt, wie sehr eine beim Vorlesen in den Text gelegte Bedeutung stören kann. Das sind drei Essays, einer thematisch furchtbarer als der andere, Hummer, Depressionen, Pornos, dennoch lesenswert, versteht sich. Gelesen von Lars Eidinger, Christian Ulmen und Moritz von Uslar, der eine eher rotzig-lässig, der andere witzelnd, einer abgeklärt, was ist da die Wahrheit, was hat der Wallace gemeint, das hat mich irritiert. Jeder der drei hat den Autor durch seine Art vereinnahmt, mir ging das zu weit. Wobei ich Christian Ulmen als Leser sowieso wieder heikel finde, nicht weil er das nicht könnte, sondern weil ich den immer sofort vor mir sehe, wenn ich die Stimme höre, das hat mich schon bei Bölls Ansichten eines Clowns von Heinz Baumann erheblich gestört. Falsche Gesichter in der Geschichte sind entschieden seltsam.

Bei Huckleberry Finn von Mark Twain (Deutsch Sonja Hartl), für meine Ohren passend gelesen von Ken Duken, den ich als Schauspieler gottseidank nicht kenne, das macht es eben leichter, hat mich ein Bild irritiert, ein längst vergessenen Bild, das mich beim Lesen als Kind enorm beschäftigt hat. Als Huck nämlich seinen Tod vortäuscht, um seinem gewalttätigen Säufervater zu entkommen, reißt er sich Haare aus und klebt diese an eine Axt, die er vorher mit Schweineblut beschmiert hat, es geht um das Auslegen einer falschen Spur. Wie ich da als Kind drüber nachgedacht habe, wie mich das beschäftigt hat, diese Axt, das Blut, überhaupt das Abhauen, das Herumlaufen – alleine! – bei Nacht und Vollmond, das waren ja Effekte wie aus einem Horrorfilm. Wobei ich gar keine Horrorfilme kannte, ich war noch viel zu jung und diese Szene war daher mein Horrorfilm. Dieses Kind im Buch da, auf sich gestellt und mit der Axt und dem Blut und den büschelweise ausgerissenen Haaren, mir reichte ja schon das Ziepen beim Bürsten nach dem Haarewaschen. Ich war viel zu jung für das Buch oder zu ahnungslos oder zu unschuldig, was weiß ich. “Ein bekanntes Kinderbuch”, das werden die Erwachsenen gedacht haben, aber ich war in diesen Jahren schon mit “Mio, mein Mio” überfordert, das ich noch abgründiger und schlimmer als diese Löwenherz-Sache fand, und zwar viel schlimmer. Bei Huck Finn jedenfalls, und das war interessant, gab es eine kurze Erinnerung daran, wie bildstark ich als Kind gelesen habe, wie bewegend und nachhaltig nervenzerfetzend Bücher einmal waren.

Ich habe lange, lange “Die Leute von Seldwyla” von Keller gehört, das ist eine immerhin reichliche Menge Novellenstoff. Da hatte ich eine Bildungslücke, breit wie ein Scheunentor, und ich kann sogar genau sagen, warum ich die hatte. Weil die Geschichte “Pankraz, der Schmoller” eine ausgesprochen schwache Geschichte ist, das sehe ich heute so, das habe ich auch damals beim ersten Leseversuch gedacht, da war ich etwa zwanzig Jahre alt und habe mich gewundert, wieso nun dieser Keller zur ganz großen Weltliteratur zählen soll, denn diese Geschichte, also wirklich. Tatsächlich ist der Rest des Sammelbandes, besonders “Die missbrauchten Liebesbriefe”, großartig. Jetzt noch den Grünen Heinrich? Und welche Version nimmt man da?

Ich lasse mir nach und nach die ganzen Märchen von Andersen, Hauff und den Grimms vorlesen, ich versuche, mich zu erinnern. Beim Andersen hatte ich als Kind eine illustrierte Ausgabe, die Bilder sehe ich beim Vorlesen zuverlässig wieder, es ist überaus faszinierend. Und ich kenne gar nicht alle Märchen von ihm, das merke ich jetzt erst, das war damals natürlich nur eine Auswahl, da hätte ich auch früher drauf kommen können. Die Grimms dagegen – so toterzählt und übergehört, da kommt nichts mehr hoch. Beim Hauff manchmal nur ein ganz ferner Anklang, der Kalif Storch etwa, doch, das habe ich irgendwann mal irgendwie gelesen, aber das ist viel zu weit weg, verschollen und verschwommen.

Ansonsten habe ich den Roman “Blackbird” von Matthias Brandt sehr genossen, aber darüber schreibe ich an anderer Stelle. Eine dicke Empfehlung dennoch auf die Schnelle, das ist außerordentlich gut.

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Musik! Mal etwas ganz anderes, Nora Fischer.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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