Übungen in Gelassenheit

Die Herzdame und ich gingen an einem der letzten Tage auf dem Hof in ein Café. Wir gingen ohne die Söhne, denn die waren in der Scheune, und da gehörten sie auch hin, fanden wir und die Söhne. Wir fuhren also nur zu zweit vom Hof und wir gingen nur zu zweit durch die Gegend. Womöglich gingen wir sogar Hand in Hand, dazu kommen wir sonst nicht allzu oft und es fühlte sich nach ganz anderen Zeiten an.

Wir setzten uns in einen Strandkorb vor ein Café. Wenn man den in die Sonne drehte, war es sofort zu heiß darin, wenn man den in den Schatten drehte, was es sofort zu kalt darin. Das sind so die Übungen in Gelassenheit, die an der Küste möglichst routiniert zu absolvieren sind. Dieses Café war für guten Kuchen bekannt, meiner war aber bestenfalls mäßig. Fand ich. Aber das konnte ja auch, so dachte ich, an mir liegen. An meiner Tageslaune vielleicht, an meiner überkandidelten Anspruchshaltung, an meiner Verklärung der Vergangenheit, denn früher war eben alles besser, auch und gerade der Kuchen in diesem Café. Ich kaute und grübelte, man soll ja vorsichtig in seinem Urteil sein und um diesen Kuchen fachgerecht schlecht zu finden, hätte ich erst einmal wissen müssen, wie er eigentlich sehr gut gewesen wäre, aber so sicher war ich mir da nicht und ich fand also schon wieder alles ziemlich kompliziert. Die Herzdame fragte nach dem Geschmack des Kuchens, ich sagte: „Hm.“

Aber vor dem Strandkorb lagen immerhin Eiderstedt, Weiden, Kühe und Schafe in der Sonne herum, es war daher überwiegend alles richtig, so wie es war. Also abgesehen von dem Kuchen und dem Kaffee, der auch eher mäßig war. Ich streckte mich aus, mein Oberkörper war in der Sonne und zu heiß, meine Beine waren im Schatten und zu kalt, es war eine gemischte Lage.

Am Nebentisch saß ein Großvater mit seinem Enkel, die unterhielten sich über Bücher und die Auswahl der Lektüre, denn der Enkel las gerade ein Buch auf seinem Handy. Ein Science-Fiction-Buch, wie er auf Nachfrage erklärte, ohne auch nur hochzusehen. Das war dem Großvater nicht recht, denn man müsse doch, so sagte er mit Nachdruck, im Alter des Enkels auf jeden Fall Thor Heyerdahl lesen, das sei ja das richtige Leben, das echte. Thor Heyerdahl! Er wiederholte den Namen mehrfach und laut, einerseits sicher um ihn dem Enkel einzuprägen, andererseits aber auch, weil ihn die bloße Erwähnung des Namens in selige Erinnerungsstimmung versetzte, es war nicht zu übersehen. Thor Heyerdahl! Da leuchtete der Mann förmlich auf.

Der Enkel sagte „Nee, Science-Fiction”, und dass da gerade die Hauptfigur entführt worden sei, das sei schon sehr spannend, die Stelle da in seinem Buch. Der Großvater unterbrach ihn mit einem mehrfach gejubelten: „Thor Heyerdahl!“ und das war vermutlich der Moment, in dem der Enkel fürs Leben beschloss, ganz gewiss niemals Thor Heyerdahl zu lesen oder auch nur ansatzweise interessant zu finden. „Kon-Tiki!“ rief der Großvater noch, und „Ra!“ Es klang ein wenig nach Comicsprache. Oder nach Science-Fiction, das vielleicht auch. „Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Kon-Tiki, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen.“ Aber der Enkel hörte eh nicht mehr zu, der las auf seinem Handy einfach weiter, das Gespräch war nicht mehr interessant genug.

Hinter den Äckern vor dem Café noch ein Stück weiter über die Landstraße, dann kam schon die Nordsee. Wenn man da mit einem selbstgebauten Floß oder Schiff, wie damals Thor Heyerdahl … man käme vielleicht zu einer Hallig oder nach Amrum oder so. Aber der Seeweg dahin ist längst geklärt, da gibt es nichts mehr zu tun.

Ich bestellte mir noch einen Kaffee.

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