Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die Zusendung von Mangas für die Söhne und von einem Krimi für die Herzdame, die Freude bei den Beschenkten war wieder beträchtlich. Meine aber auch, denn es gab dazu noch ein Farbband für meine alte Reiseschreibmaschine, also für meinen „Uralt-Drucker“, wie Sohn II immer sagt. Ich habe ihm gezeigt, wie man das Farbband einlegt, jetzt hat er das endlich auch einmal erlebt, es war aufregend wie das Einschirren frischer Pferde bei der Postkutsche. Sein großer Bruder kam etwas später nach Hause, sah und tippte souverän: „LOL“. Da stießen Welten aufeinander, denn der Sohn ist exakt so alt wie das Iphone, die Maschine aber ist aus den Fünfzigern.

Als ich abends ins Bett ging, tippte ein Sohn noch im Nebenraum, mit der Maschine auf dem Schoß im Bett liegend. Ich nehme an, das habe ich über 20 Jahre nicht gehört, dass jemand im Nebenraum auf einer Schreibmaschine tippt, ein ganz außerordentlich nostalgisch behaftetes Geräusch also, ungeheuer einschlafgeeignet für mich und der Sohn hatte einmal, wenigstens einmal im Leben das Vergnügen, eine Geschichte mechanisch zu tippen und es riss ihn fort, wie ich am nächsten Morgen an den Blättern sah.

Ich habe es vor Jahren schon einmal empfohlen und ich bleibe dabei, Schreibmaschinen sind super in Kinderzimmern und zu Weihnachten. Jetzt ans Schenken denken!

Vorderseite

Auf meinem Arbeitsweg komme ich an mehreren Schulen vorbei und bekomme, da es meist kurz vor acht Uhr ist, dauernd Tor- und Zaunszenen mit, die hier oder auf Twitter schon öfter vorkamen. Wenn ich zurückgehe, ist es im Moment gegen Mittag, da ist meistens nichts zu sehen, nur vereinzelte Personen auf den Schulhöfen. Neulich war ich aber zur Pausenzeit an der Grundschule, auf der die Söhne früher waren. Da war gerade großes Gewimmel auf dem Hof. Kindergeschrei, Ballspiele, herumstolzierende Aufsichtspersonen, alles wie immer, nur jetzt mit Maske, jedenfalls teilweise, die Logik habe ich nicht ganz verstanden. Aber egal, die Logik ist eh überall anders. Da stößt ein Nebengebäude fast an den Zaun der Schule, dahinter, also der Straße zugewandt, steht eine alte und vermutlich längst ausrangierte Bank. Auf der sitzen üblicherweise Kinder in kleinen Grüppchen und besprechen Geheimpläne oder die Charaktereigenschaften ihres Lehrpersonals, oft tuschelnd und aufgeregt, sich immer wieder umdrehend, ob sie da auch ja keiner entdeckt, sichtbar nervös. Manchmal sitzen da mehrere Kinder und besprechen leise furchtbar ernste Dinge, während eines weint und dringend Trost braucht – so eine Ecke ist das. Nicht unwichtig auf Schulhöfen, Sie kennen das vermutlich von damals.

Auf dieser Bank also saß ein einzelner Junge. Und zwar saß er in der Mitte der Bank in einer seltsam erwachsen wirkenden Haltung, die Arme links und rechts auf der Rückenlehne ausgestreckt, ein Bein souverän über das andere geschlagen, den Oberkörper zurückgelehnt, es war so eine Business-Mittagspausenhaltung, so sitzen die Menschen aus den umliegenden Büros auch an der Alster und sonnen sich kurz. Er war, das kann ich halbwegs sicher sagen, vermutlich Drittklässler und er saß da und sah vor sich hin und lächelte. Er sah weder gelangweilt aus noch irgendwie verstimmt, er war, das meine ich deuten zu können, von den anderen, die im Hintergrund spielten, nicht ausgeschlossen worden, der saß da aus eigenem Beschluss. Und er saß da einfach und lächelte und sah ganz so aus, als hätte er gerade einen wirklich guten Moment, alleine mit sich, auf dieser abgelegenen und etwas versteckten Bank, da war gerade alles richtig. Er sah aus wie eine Kinderbuchfigur in einer wichtigen Szene, er hatte alles bedacht und war sich jetzt sicher, er würde es also machen. Vielleicht schon ab morgen.

Dummerweise sehen wir jetzt nur diesen einen Absatz und diese eine Illustration aus dem ohnehin nur fiktiven Kinderbuch, das aber natürlich auch wiederum nur fiktiv wäre, wir kommen also wirklich nicht weit. Wir haben nur diesen Moment und er sitzt da total entspannt und ganz sicher und lächelt immer weiter und der Moment ist sehr, sehr gut, so viel steht fest, das sieht man dem Jungen sofort an. Ich gehe durch sein Blickfeld und er sieht mich nicht, er ist in Gedanken, und wie gut bitte ist es da, ich bin immer noch etwas neidisch, wenn ich daran denke.

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