Ohne Erklärung ins Bett

In der Fußgängerzone steht wieder einer und weiß, wie Gott alles gemeint hat, als er damals die Bibel per Diktat schreiben ließ. Und weil er das so genau weiß, verkündet er es natürlich auch prompt. Er tut dies laut, mittels Mikro und Verstärker sogar, nicht so altmodisch wie der andere Typ, der da sonst steht und von Jesus erzählt, den er dabei immer betont norddeutsch mit Dsch vorne ausspricht: Dschesus aber sagt euch! Man hört den neuen Laienprediger, der auch viel jünger ist und ein T-Shirt mit Jesus-Merch trägt, die ganze Straße entlang und die Passanten gucken daher ziemlich genervt, die meisten jedenfalls. Einige hören kurz zu, sehr kurz in der Regel, dann gehen sie weiter, ach, das ist nur wieder so einer, ja, ja. Die Bibel, die Bibel, immer wieder erwähnt er die Bibel, die er immerhin komplett richtig ausdeuten kann. Endlich kann das mal jemand, darauf ist ja in den letzten zweitausend Jahren niemand sonst gekommen. Er aber weiß genau, was richtig ist, er weiß auch, was mit allem gemeint ist. Richtig ist es etwa, vehement auf den Zorn Gottes hinzuweisen. Auf den Zorn! Er erwähnt das Wort mit einem Ausrufezeichen dahinter, besonders laut und mit bebender Stimme, vermutlich mag er den Zorn, pardon, den Zorn! Gott liebt zwar auch, das räumt er schnell zwischendurch und etwas pflichtgemäß ein, aber nur in einem Nebensatz hat er kurz Zeit dafür, viel entscheidender und auch besser findet er ganz klar den Zorn. Den Zorn! Er runzelt die Stirn bei dem Wort und guckt böse, seine Miene ist ein Abglanz des zürnenden Gottes. Und er erklärt allen Vorbeigehenden, was nach diesem Leben sein wird, denn er weiß es. Ganz genau weiß er das.

Etwas weiter steht ein kleiner Wagen auf dem Bahnhofsvorplatz, eine Art Zirkuswagen. Der kommt ohne aufwändige Dekoration aus, man sieht nur einige goldene Ornamente an den Fensterläden, dunkelrote Vorhänge im Innenraum, mehr nicht. Ein eher kleines und zurückhaltendes Schild weist darauf hin, dass hier eine Wahrsagerin ihre Dienste anbietet. Man könnte mal eben an die Tür des Wagens klopfen, dann würde sie einem die Karten lesen. Zumindest nehme ich das an, denn an einer Wand des Wagens sind Spielkarten abgebildet. Man könnte sich also vermutlich etwas über gezogene Karten erzählen lassen, über Herzdamen, Herzbuben oder über die Pik Sieben, die vermutlich eher schlecht wäre, aber was weiß ich schon. Oder es sind Tarotkarten, das kann natürlich auch sein, das wirkt dann vermutlich auch gleich romantischer. Der Wagen der Wahrsagerin steht schon seit Wochen da. Noch nie habe ich jemanden an die Tür klopfen sehen, noch nie habe ich gesehen, dass die Dame vor der Tür auf Kunden wartet. Und doch muss sie Kundinnen oder Kunden haben, der Betrieb läuft ja fort und wer früher auf dem Hamburger Dom war, der erinnert sich gewiss, diese Bude gab es da immer schon, es ist ein Traditionsbetrieb. Es muss sie also geben, die Interessierten. Und denen erklärt sie, was in diesem Leben sein wird, denn sie weiß es. Ganz genau weiß sie das.

Ich aber gehe an beiden schnell vorbei, am Prediger und an der Wahrsagerin. Ich höre nicht zu, ich gehe vorbei und nicht rein, ich gehe – wie jeden Tag! – einfach so und ohne jede Erklärung nach Hause und ins Bett. Ich rätsele an diesem und am nächsten Leben ganz alleine herum, das ist auch so eine Gewohnheit.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ein herzlicher Dank in die Nachbarschaft für die Zusendung von Fahrradschläuchen und auch einer Spezialtasche für Wassersport. Für so ein wasserdichtes Ding also, das uns den ganzen Sommer über gefehlt hat, denn man muss ja mit dem Handy irgendwohin, wenn man da so auf dem SUP oder im Kajak herumpaddelt. Und Fahrradschläuche werden hier übrigens in einem Ausmaß verbraucht, das mir vollkommen unbegreiflich ist, in meiner Kindheit brauchte ich nicht dauernd Fahrradschläuche. Aber wir hatten früher ja nichts, nicht einmal Mountainbikes, was weiß ich schon.

Vorderseite

Ich füge hier ein Bild ein, das thematisch passt, denn es geht um einen Nachmittag auf dem Wasser. Dafür muss man sich bitte kurz erinnern, dass neulich noch Sommer war. Draußen war es heiß und die Stadt glühte flimmernd, die Bille war verlockend warm und wenn man auf ihr ruderte, bekam man fast Lust hineinzuspringen. Also ich bekam fast Lust, die Söhne beließen es natürlich nicht nur bei dem Impuls, die gaben dem auch nach, tauchten bei unseren Fahrten unter dem Kajak durch wie Wassertiere und robbten dann geschmeidig wieder an Bord, wo sie in der Sonne schnell wieder trockneten. Drei Buddenbohms in einem Kajak gehören zum heutigen Bild, einer fehlte an diesem Tag. Ich ruderte vorne, dann die Herzdame, auch rudernd, dann ein Sohn, lang ausgestreckt über der Bordwand und mit einem Arm tief im Wasser, der Kühlung wegen.

Wenn ich vorne rudere, habe ich immer eine etwas irritierende Erinnerung an ein Jugendbuchcover, auf welchem Indianer in einem Kanu rudern und der ganz vorne gerade den Arm mit dem Paddel erhebt. Vermutlich war es ein Band von Karl May oder etwas in der Art. Es ist jedenfalls so, und das fühlt sich einigermaßen seltsam an, dass ich beim Rudern auf einem Fluss immer eine innere Jugendbuchfigur erahne, die sich da schwach regt, aber viel deutlicher wird das dann nicht, es ist nur eine Ahnung von Abenteuer. Ich sehe auf die Uferseite der Bille, die wild und in dichtem Grün bewachsen ist, da lauern die Feinde mit Pfeil und Bogen, so viel steht natürlich fest, wenn man auch nur ein paar Bücher als Kind gelesen hat. Da kann ich später in der Dämmerung aber auch unter den herabhängenden Ästen einer alten Weide leise anlegen, angeln, ein Feuer machen und mit den Gefährten flüsternd besprechen, wie die nächsten Gefahren zu überstehen sind. War das Karl May? Ich grübele beim Rudern etwas darauf herum, während die Ufer des Orinokkos langsam vorbeiziehen, die Ufer des Mississippis, ich weiß es nicht, es fällt mir nicht mehr ein, aber das Land um uns herum ist groß und weit, so viel steht fest und die Schrebergärtner am anderen Ufer sind die ersten Siedler in dieser Gegend.

Da zieht in Höhe meines gerade mit dem Paddel erhobenen Arms ein Geschoss in schillerndem Blaumetallic und flirrendem Orange an uns vorbei und ich rufe „Da! Da!“ und die Herzdame ruft „Wo! Wo!“ und der Sohn erkennt richtig: „Ein Eisvogel!“

Lange Jahre habe ich keinen mehr gesehen. Wunderschön sind sie im Flug und wie anders dieser Flug aussieht als bei unseren anderen Vögeln. Sie fliegen so schnurgerade und besonders kraftvoll und schnell, als hätte man sie sportlich geschleudert, ein fedriges Wurfgeschoss, ein Vogel mit Raketenabtrieb. Dieser Flug ist ganz anders als das spiralige Fliegen einiger Singvögel, als die Wellenlinien der Tauben, als das gemächliche Segeln der Möwen und das hektische Flugbahngekritzel der Spatzen. Der Eisvogel zog eine Linie sauber und gerade durch, parallel zur Oberfläche des Flusses, es war ein fantastisches Bild, sekundenkurz nur und es war vorbei, ehe wir es auch nur genauer wahrnehmen konnten, leider auch ehe die Herzdame wusste, wo denn nun überhaupt.

Am Ende der Linie hörte der Eisvogel auf zu sein und wir sahen ihn nicht wieder, wie lange wir auch in die Büsche und Bäume am Ufer starrten. Aber ein Sohn und ich, wir haben ihn doch gesehen, den Eisvogel, und das war, wenn ich an die letzten Monate zurückdenke, vielleicht der Höhepunkt des Sommers für mich.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!