Eine sehr gute Wahl

Am Montag gehe ich wie immer zu Fuß zur Arbeit und drohe wegen einer rekordmäßigen Temperaturanomalie dabei spontan zu zerfließen. Es ist geradezu widerlich warm draußen, dazu tröpfelt ein allzu zögerlicher Regen. Das Wetter und ich werden keine Freunde an diesem Tag, mir ist eher nach Novemberkälte und Nebel und Fröstelei zumute. Ich lebe Jahreszeiten gerne korrekt aus und verfluche daher mein bärenfellmäßig einheizendes Oberstudienrattweedsakko. Immerhin aber erinnert mich die Szene vehement an ein Kapitel von James Herriot, der eine ähnliche Lage einmal über etliche Seiten beschreibt, also das peinvolle Zerschmelzen in einem Tweedanzug besonderer Qualität und Dicke. Ich verbringe danach einen größeren Teil des restlichen Tages mit sentimentalen Erinnerungen an die Bücher und die Fernsehserie. Die könnte ich mir eigentlich noch einmal ansehen, ich habe sie damals sehr geliebt. Wird aber nirgendwo gestreamt, wie es aussieht. Schlimm.

Im Büro sehe ich mir den Wandkalender an und habe zum xten Mal in diesem Jahr ein ernstes Problem mit dem, was da steht. Ich sehe mehrmals hin. Wie kann es denn bitte jetzt November sein, was ist passiert? Klingt das nicht völlig irre und geradezu frei erfunden, November 2020? Ist bis dahin nicht noch Zeit? Und nach dem November, ich habe das dann gleich nachgeschlagen, kommt angeblich schon der Dezember. Was erlauben Kalender?

Auf dem Heimweg höre ich den Briefwechsel der Herren Goethe und Schiller, es lesen die Herren Westphal und Quadflieg. Ich höre eine seltsam passende Stelle, wo es doch gestern hier um das grüne Sofa ging, denn bei Schiller und Goethe geht es gerade um grüne Tapeten, die der eine dem anderen besorgen soll. Sie diskutieren erstaunlich kundig die Farbnuancen und den Lichteinfall und auch die rosa Bordüre, die zu diesen Tapeten gehört, sie war auch mit Rosenmuster erhältlich. Ich notiere mir das eifrig und lernwillig, grüne Tapete und rosa Bordüre. Warum auch nicht, man kann ja über alles mal nachdenken, so als Möchtegernbildungsbürgerhipster, der gerade alles umbaut.

Ein Sohn kommt mittags krank aus der Schule zurück, da bekommen wir kurz einen Schreck. Auf intensive Nachfrage verweist er aber nur auf Übelkeit und Magenprobleme. „Das ist ja schön!“, sage ich, denn Magen ist in diesen Zeiten allemal besser als die ganze Liste der Symptome mit Coronabezug. Magen geht auch schneller vorbei, Magen ist eine sehr gute Wahl, wenn man jetzt gerade krank sein will. Der Sohn findet meinen Satz dennoch befremdlich. Egal.

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Schön, schön

Am Sonntag ging ich mit einem Sohn zu Fuß nach Eppendorf, wo wir eine Verabredung mit einem Dachboden hatten. Wir gingen durch Kitschpostkarten, es war ein Oktobertag, zu dem einem außer „Schön, schön“ nichts mehr einfallen konnte. Und so leichtfüßig gingen wir, noch nie waren wir so schnell auf diesem Weg und als wir da waren, sahen wir auf die Uhr und staunten sehr. Wir spielten unterwegs Stadtlandfluss, was man wohl in einem Wort schreiben muss, es wurde ergänzt um die stets beliebte Kategorie „Berühmte Person“. Was dem Sohn allerdings zunächst etwas unfair vorkam, denn er kennt sehr viele YoutuberInnen und ich ja nur einige SchriftstellerInnen, das fand er ungerecht. Dann merkten wir aber, dass wir eh sagen konnten, was immer wir wollten, denn ich kenne niemanden auf Youtube und er ist nicht bewandert in der Literatur, wir konnten uns also einfach Namen ausdenken. That was easy!

Später haben wir angefangen, in der Wohnung die Möbel hin- und herzuschieben. Es kamen auch neue Möbel dazu, welche die Herzdame aus ihrem Heimatdorf geholt hat. Etwa das Mittagsschlafsofa der unlängst verstorbenen Urgroßmutter der Söhne. Das ist alt und farblich am ehesten als absurdgrün zu beschreiben, aber es ist ein Stück Familiengeschichte und daher überaus willkommen. Bei Hipstern steht so etwas ironisch in Kneipen herum, bei uns vollkommen unironisch in der Wohnung, und wenn ich Instagram glauben darf, sind wir damit im Moment weiter vorne.

Das Sofa ist enorm mittagsschlafgeeignet, zumal darüber auch die passende Uhr tickt und wir sogar die Originalzubehördecke besitzen. Wir haben es notdürftig an eine halbwegs passende Stelle geschoben und eine Stehlampe daneben gestellt, ich habe schnell testgesessen und etwas überrascht gemerkt: Dieser Platz ist genau richtig, hier möchte ich bleiben. Lange. Ich möchte heute bitte gar nicht mehr aufstehen. Es fühlte sich einfach perfekt an auf diesem Sofa, in genau dieser Ecke. Ich hatte noch nie zuvor an dieser Stelle in der Wohnung gesessen, aber sie war, da gab es nichts, einfach super, und dazu dieses freundliche Licht, diese weichen Polster, dieser leichte Geruch nach der nicht mehr existenten Urgroßmutterwohnung, reicht mir doch bitte Kekse und einen Tee und dann so etwas wie „Krieg und Frieden“, ich bekomme gerade unbändige Lust, genau von hier aus ein paar hundert Seiten am Stück durchzulesen und mich um nichts anderes mehr zu kümmern. Macht solange ruhig ohne mich weiter. So in etwa dachte ich, und so in etwa kam es dann nicht, natürlich nicht.

Aber es war doch ein vielversprechender Anfang der Zimmertauscherei.

Zu den neuen alten Möbeln aus dem Heimatdorf gehört auch ein Schultisch aus der dortigen Grundschule, seine Platte wurde vor vielen Jahren in der rechten oberen Ecke handschriftlich betextet mit: „Alles Scheiße, alles Mist, wenn du nicht besoffen bist.“ Manierliche Handschrift, keine Rechtschreibfehler, da kann man nicht meckern, der Unterricht kam an.

Aber sowieso egal, was da steht, wir stellen einen Drucker auf die Stelle und heben den nur noch hoch, wenn wir uns an diese spezielle Weisheit erinnern wollen.

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