Blinken und Rauschen

Am Abend wird der Fernsehturm in pink angestrahlt und auch von innen her üppig beleuchtet, also da oben jedenfalls, wo früher einmal das Panorama-Restaurant war, wo also die vielen Fenster sind, die umlaufenden, da blinkt es. Da laufen Lichter um den Turm, Disco nichts dagegen. Die Söhne sind angetan, ihre Zimmer bestehen immerhin auch hauptsächlich aus Lichteffekten, da gucken Experten. Der Turm leuchtet so hell auf über der Stadt, dass der fast noch volle Mond daneben etwas mau wirkt, so eine einfache und gleichförmig leuchtende Scheibe, das ist doch eher etwas simpel, wenn man ehrlich ist. Man kann heute mehr Effekte. Das Licht am Turm spiralt in Mustern empor und wieder runter, es flackert und dreht, es macht Streifen und Wirbel, es kreist, das ist ein ausgefeiltes und langes Programm, das da läuft. Der Turm macht definitiv etwas her, das ist als Feuerwerksersatz gar nicht schlecht und vor allem schön leise.

Allerdings ist dieses pinkfarbene Licht am Turm vielleicht auch Magenta, fällt mir nach einer Weile auf, und das ist doch bedenklich. Dann wäre der Zauber am Ende von der Telekom gesponsort und man hätte nur durch kurzes Schönfinden irgendeinem Werbestrategen sein oberschlaues Konzept bestätigt, und das möchte man ja nicht. Lebe wild und unberechenbar! Ich gucke über die Alster zum strahlenden Fernsehturm und finde ihn also sicherheitshalber nur halbschön. Da habe ich es ihnen aber gegeben, den Werbestrategen. Das Jahr mit klarer Kante gegen den Konsum und den Kapitalismus beenden, so läuft das hier nämlich.

Die großen und seit Wochen geschlossenen Hotels an der Alster haben in der Silvesternacht Fensterbotschaften geschaltet. In der Radisson-Fassade leuchtet ein Herz, im Royal Meridien erkennt man 2021 und mich interessiert dabei nur, wie sie das wohl gemacht haben. Ich stelle mir den Menschen vor, der da mit einem Laufzettel über die Gänge geeilt ist, 14. Stock, Zimmer 887 Licht an, Zimmer 888 Licht aus, nein, andersherum, wieder zurück. Und hinterher dann vors Haus, etwas auf Abstand rennen und gespannt hochsehen, wie haben wir das gemacht? Na? Und dann hat das fensterpixelige Herz irgendwo einen falschen Zacken, also noch einmal rein, noch einmal hoch in den 12. Stock, im Zimmer ganz rechts muss das Licht doch wieder aus und dann aber endlich. Wie die oder der da leise fluchend über den leeren und dunklen, etwas gespenstisch wirkenden Gang geht und mit dem Lichtschalter das Herz richtet. Nichts zu hören, rein gar nichts, nur die Schritte und die klappenden Türen. Schon auch schön! Und die Nachtspaziergänger an der Alster gucken über die glitzernde Wasserfläche und sagen „Guck mal, ein Herz!“ Das sind dann so die Erfolge und warum auch nicht.

In der Nacht, als die Familie längst in den Betten liegt, hebt die Heizung an zu rauschen. Und zwar rauscht sie nicht wie in einer Wohnung aus den Achtzigern des letzten Jahrhunderts, sie rauscht eher wie in einem mühsam renovierten und uraltes Schloss in den schottischen Highlands oder was weiß ich wo, sie rauscht so, dass man an Gruselromane denkt, mindestens aber an Edgar Wallace. Die Rohre singen und summen, ich stehe mehrfach auf, um nachzusehen, ob da irgendwo etwas ausläuft. Die Heizung hat noch nie solche Geräusche gemacht, in all den Jahren nicht. Ein Wildbach strudelt auf einmal durch die Rohre. Die Familie schläft, nur ich sitze im Bett und höre dem schnell strömenden Wasser zu. Alles fließt in den Wänden hinter dem Bett. Das alte Jahr geht da ab, denke ich mir, es löst sich aus allem, es fließt ab und schmilzt weg und am nächsten Morgen ist nichts mehr davon da.

Und apropos Schmelze. Da die Jahresendfeierlichkeiten jetzt durch sind, wäre mir allmählich nach einem Tulpenstrauß, nächster Halt Frühling, Sie kennen das. Aber die Blumenläden haben im Lockdown geschlossen, sogar die im Bahnhof. Schlimm.

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