Verzweiflungsgebäck und die Umkehr des Blues

Ich habe am Morgen auf dem fiktiven Arbeitsweg, auf der also vollkommen sinnlosen Runde um den Block, über Kopfhörer Blues gehört. Und zwar so einen schrammeligen Echtblues, wissen Sie, so einen alten Blues dieser Art, bei dem ein rhythmisches Stampfen der Füße als Percussion reicht. Dazu dann noch zwei, drei eher wüst gespielte Akkorde, wenn überhaupt, und dann nur noch das wahnhafte Wehklagen einer wunden Seele, because my baby left me, warum auch sonst. Es rumpelt, es scheppert, es schmerzt, es ist schön. Ich mag Blues nicht oft, aber manchmal eben doch, man muss den richtigen Moment erwischen. Auf der menschenleeren Straße hat einer einen Mülleimer geplündert und alles verstreut. Der Unrat weht mir genau im Moment des Refrains im bitterkalten Ostwind entgegen und um die Füße, all das Einwickelzeug des To-Go-Essens, die Kippen und Schachteln und Plastikbecher und sogar eine klackernde Bierdose, das gibt es ja heute kaum noch. Im Ohr den Blues, im Blick den Müll der Metropole, das war fast schön, das hat immerhin gepasst. Ich bin, versteht sich, stets willig, so etwas anzuerkennen und soweit also zum Positiven bereit, ja doch.

Dann noch die Frage, ob es nach längerem Lockdown wohl so etwas wie den reverse blues geben mag, gesungen von den Menschen, denen der Partner oder die Partnerin nach endlos langweiligen gemeinsamen Wochen so unsäglich und dermaßen auf den Geist geht, my baby‘s still here, oh my god, she’s still here. Und er sitzt da mit der Gitarre und seinen zwei Akkorden, noch so ein Tag, noch so eine Nacht, dieser Akkord, jener Akkord, immer wieder, unerbittlich. I’ve still got the blues with you. Gary Moore sitzt deprimiert auf dem Sofa, rollt die Augen und sie geht so vorbei, macht Home-Office und dreht sich nicht nach ihm um. Er sieht aus dem Fenster, geschlossene Bars und Geschäfte. Gitarrensolo im Sitzen. Na, was man so denkt, in solchen Momenten.

Ich gehe wieder nach Hause, die Herzdame ist noch da. Das allerdings ist natürlich kein Grund für Blues, mehr so im Gegenteil. Schwein gehabt! Aus dem Blues etwas Erfreuliches folgern, das sind dann so die Tricks unter uns fortgeschrittenen Stehaufmännchen.

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Auf dem Küchentisch liegt ein angeschnittener Stollen, Puderzuckerstaub um ihn herum. Niemand in dieser Familie mag Stollen, dennoch finden sich in jedem Winter ein bis zwei an. Die dann lange herumliegen, bis weit nach Weihnachten, bis längst sogar schon die Nüsse weg sind und auch diese wirklich merkwürdigen Kekse, von denen niemand mehr weiß, wer sie überhaupt gebacken hat. Der Stollen bleibt, der Stollen ist das wahre Verzweiflungsgebäck. Der wird erst angeschnitten, wenn in der ganzen Wohnung kein Krümel Zucker mehr zu finden ist und irgendwer im Zustand fortgeschrittener Unterzuckerung endlich zu allem bereit ist. Man kann an der Länge des verbleibenden Stollens erahnen, wie die Stimmungslage der letzten Tage war, wie die Wochen liefen und laufen, wie die Not oder der Stress mal bei diesem und mal bei jenem Familienmitglied plötzlich aufbrandet.

Was soll ich sagen, es ist nicht mehr viel da.

Aber apropos Stollen, in der Innenstadt hängt die verdammte Weihnachtsbeleuchtung immer noch, vermutlich weil sich jetzt jemand endgültig gedacht hat, ach, lass mal, Weihnachten kommt ja eh immer wieder. Und in diesem Jahr ist doch irgendwie alles egal und es sieht ja auch keiner, wir lassen das jetzt einfach so, Haken dran und gut ist. Ich aber gehe abends durch die leere Innenstadt, gucke in die Lichter und schreie herum: „Ich sehe das! Ich sehe das!“

Das nützt auch nichts, ich weiß. Aber was nützt schon was?

Egal. Jetzt Stollen.

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