Aber der Rückstau

Am Karsonnabend, wenn der überhaupt so heißt, gehe ich noch einmal einkaufen. Der Laden ist brechend voll, niemand hält irgendwo Abstand, es ist alles egal, egal. Man muss doch für zwei Tage einkaufen, die Lage ist also furchtbar ernst, das geht vor. In den Regalen sieht man hier und da klaffende Leerstellen. Davor werden Mutmaßungen angestellt, ich höre etwa, dass das alles an dem Schiff da liege. Aber das sei doch wieder flott, sagt eine, aber der Rückstau!, sagt die andere und einer nickt zustimmend und einer schüttelt sichtlich amüsiert den Kopf, aber jedenfalls gibt es keine Sahne und kein Vollwaschmittel und keinen Dosenmais. Diese Lücken, diese entsetzlichen Lücken, die Leute murren und knurren. Wann kommt das denn wieder rein? Das wissen wir doch nicht! Und Schnelltests? Also hier nicht.

Im Garten aber blüht der Pfirsich. Ich diskutiere das mit ihm und weise ihn nachdrücklich darauf hin, dass das zu früh sei. Ich zeige ihm auch gleich den Wetterbericht auf dem Handy, die Schneesymbole, die Minusgrade, alles ab morgen schon, sage ich nachdrücklich, Graupel auch und eiskalter Regen. In den Boulevardmedien ist sicher schon die Rede von einer Polarpeitsche oder wie das da heißt, ich sehe lieber gar nicht erst nach. Der Pfirsich hebt unbeeindruckt pinkfarbene Schönheiten zum Himmel und entfaltet sie langsam vor dem allzu überzeugenden Blau. Man kann nun einmal nicht allen helfen.

Meine Mutter ruft an, es geht ihr nicht gut. Es geht ihr so dermaßen überhaupt nicht gut, dass ich ihr lieber einen Krankenwagen rufe. 112, das letzte Mal habe ich das gewählt, als die Wohnung unter uns brannte, das ist ein paar Jahre her. Ich sage, worum es geht, der Mensch in der Notrufzentrale sagt: Gut, schicken wir da mal einen Wagen hin, und dann will er auch schon auflegen. Ich sage, dass es vielleicht zweckmäßig wäre, den Namen der betroffenen Person zu erfragen, nein? Weil man ja irgendwo klingeln muss? Jo, sagt der Mensch, gute Idee eigentlich. Ich gebe den Namen meiner Mutter durch.

Zwei Stunden später ist klar: Lungenentzündung, Covid-19. Und daran ist übrigens etwas beunruhigend, was Sie vielleicht auch beunruhigen könnte oder sogar sollte, meine Mutter ist nämlich so ziemlich der kontaktloseste Mensch, den man sich nur vorstellen kann. Jedes Klosterleben ist übertrieben gesellig gegen ihren Alltag. Und dennoch. Da mal drüber nachdenken!

Wir checken den Kalender, wer hat wen wann gesehen. Wir können an der Infektion eigentlich weder beteiligt gewesen sein noch sie abbekommen haben. Eigentlich. Wir vereinbaren Testtermine für den Ostersonntag, so füllt sich das Festtagsprogramm.

In Hamburg gilt ansonsten seit Freitag Ausgangssperre. Habe ich das also auch einmal erlebt, das kannte ich bisher nur aus Filmen und Romanen. Die Sperre folgt exakt meinem Biorhythmus und gilt von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens. In dieser Zeit würde mich eine Ausgangspflicht wesentlich mehr stören, in dieser Zeit bin ich normalerweise nicht in diesem Draußen und will da auch nicht hin. Das Für und Wider der Ausgangssperren ist mir daher vollkommen egal, ich kann mich auch nicht um alles kümmern und das ganze Herummeinen kostet am Ende auch Kraft. Mein Herummeinen richtet sich daher heute nur gegen gewisse Vorgänge in Stuttgart, das allerdings gründlich. Was erlauben Staat? Wie können solche Demos möglich sein?

Ich liege um zehn Uhr immerhin noch wach im Bett und lausche interessiert in die Dunkelheit. Es ist tatsächlich so wenig zu hören wie sonst nur auf dem Land. Keinerlei Renitenzgeräusche von irgendwem. Osterruhe, kein Verkehr, keine Spaziergänger, keine Gespräche von der Straße, kein Hundebellen aus der Ferne, keine Schiffssirenen aus dem Hafen, keine Züge vom Hauptbahnhof, keine Musik aus irgendeiner Wohnung, gar nichts. Nur meine Atemzüge, fast schon unheimlich. Dunkeltuten, wie wir hier sagen.

Irgendwo denkt jemand nach, stelle ich mir vor. Aber ich nicht, ich schlafe früh.

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