Randbemerkungen am Land

Ich finde es übrigens seltsam schwer, über Erlebnisse in mittlerer Entfernung zu schreiben, fällt mir auf, während ich die letzten Eiderstedter Notizen abweide. Szenen von vor dreißig Jahren – kein Problem, da kann ich die mir verbliebenen Reste nach dem Gedächtnis einfach abmalen, kein Thema. Ich vergesse zwar augenblicklich, also wirklich im Moment der Niederschrift, ob es wirklich so war, wie ich es gerade in Worte gefasst habe oder ob es nicht doch vielleicht etwas anders war, es wird durch das Schreiben sofort vollkommen ununterscheidbar, es ist dann, haha, sozusagen ab sofort und ein für alle Mal überschrieben. Aber das Schreiben an sich ist bei dieser zeitlichen Distanz kein Problem, das läuft.

Erlebnisse von heute oder von gestern sind auch kein Problem. Jedes Wort weiß ich noch, das da gesprochen wurde, oder zumindest kommt es mir überzeugend so vor. Das Wetter ist mir noch präsent, die getragene Kleidung, das gegessene Essen, der Geruch der Stadt und des Treppenhauses, alles ist noch da und muss nur abgeschrieben werden. Jedes Wort fühlt sich dabei an wie die reine Wahrheit, obwohl die Wahrheit doch beim Schreiben bekanntlich kein brauchbares Konzept ist und jeder Satz, jedes gewählte und auch nicht gewählte Wort die Wirklichkeit unweigerlich etwas verschiebt und auslegt, auch bei bester Absicht, die ohnehin niemand immer hat. Das Schreiben über gestern und heute jedenfalls – easy.

Aber Erlebnisse von vor 14 Tagen – schwierig. Irgendwie schon seltsam überlagert, aber im Hintergrund des Kopfes noch dezent herumlärmend, emotional nicht vollständig vergoren. Nicht ganz abgehangen, nicht ofenwarm. Hier und da etwas verblasst, hier und da auch schon etwas verzerrt, weil sich das Gedächtnis bereits entscheidet, was es behalten will und was nicht. Erlebnisse in mittlerer Entfernung fühlen sich etwas angegammelt an, ich glaube, das trifft es. Noch nicht skelettiert und auch nicht mehr frisch. So dazwischen. Themenzombies, manchmal kommen sie wieder.

Na, egal, das nur am Rande. Ich beschreibe hier dennoch weiter, was auf Eiderstedt noch erwähnenswert war. Das ist nicht mehr viel, damit sind wir bald durch und damit sind wir dann wieder in der Gegenwart, ob das nun gut oder schlecht ist.

Man muss sich im Moment alle 72 Stunden testen lassen, wenn man als Gast in meinem Heimatbundesland ist. Ich hatte da im Vorwege einige Bedenken, ich dachte an überfüllte Testzentren, an nicht zu ergatternde Termine, an Ansteckung in Warteschlangen und bockige Kinder oder Erwachsene. Aber da war ich zu pessimistisch, so war es nicht. So war es ganz und gar nicht.

Wir fuhren zum Testzentrum in G***. Weiße Pavillonzelte in sengender Sonne gegenüber vom Edeka auf einer staubigen Brachfläche. Zwei, drei Menschen in den überhitzten Zelten, sonst kein Mensch weit und breit. Drive-In. Man fährt da vors Zelt und wartet, bis ein für norddeutsche Verhältnisse geradezu spektakulär freundlicher Mensch ans Auto tritt und die Formalitäten in entgegenkommendster Weise erledigt. Die Einhaltung des Termins ist auch nur eine Nebensache, kommste heut nicht, kommste morgen, wenn du da bist, bist du da, nech. Das lief alles wie nebenbei und gegenüber, neben dem Parkplatz vor dem Supermarkt, gab es auf einmal einen Softeis-Verkaufsstand, wie einem überaus scharfsichtigen Sohn auffiel. Da war dann der nächste Test nach weiteren 72 Stunden auch kein Problem mehr, sondern eher willkommen. Das mit den Tests also – eine der harmloseren Coronafolgen. Aber eben doch so, dass einem dabei auch im Urlaub die Coronakrise im Gedächtnis bleibt, die man ansonsten im Strandkorb gut wegträumen kann, jedenfalls solange man nicht mit anderen Gästen über den kommenden Herbst spricht, vor dem es allen gleichermaßen zu grauen scheint.

Apropos Krise, mit dem Softeis sind wir dann durch die Stadt spaziert, da gab es die Bemerknisse zur Krise der Innenstadt, ich berichtete.

Ich habe auf diesem Spaziergang die Söhne nacheinander auf den Arm genommen und ein Stück getragen, wozu sie natürlich beide längst zu groß sind, viel zu groß. Tragen Sie mal einen Teenager durch die Gegend, das ist körperliche Arbeit. Aber das war auch nur aus Spaß, nicht wahr, und nur ein paar Meter, weil ich sie genau da doch vor ein paar Jahren … manchmal überkommt es einen so. Und dann diese Sekunde der Bestürzung, dieser winzige Moment, in dem es einfach nicht zu fassen ist, dass die Jahre vorbei sind, dass sie groß sind, dass sie so dermaßen groß sind, wo sie doch gerade eben noch, Sie kennen das, sicher kennen Sie das. Es war nur eine Sekunde, aber es zerlegte mich im Handumdrehen und ich brauchte dann etwas Besinnung und Haltung, bevor Zeit und Gefühl wieder stimmten und die Söhne wieder neben mir hergingen und das auch gut so war. Es war nur ein Moment. Es wird noch mehr davon geben. Und dann ziehen sie aus. Wie schwer Zeit zu fassen ist.

Und dann gab es noch die Klimakrise, die uns in Form eines Starkregenereignisses ereilte. Häufigkeit und Intensität solcher Vorkommnisse hängen mit dieser Krise zusammen, liest man. Das korreliert mit der persönlichen anekdotischen Evidenz oder nicht, je nachdem, was man erlebt und wie man das wertet, es ist kompliziert. Ich möchte etwa behaupten, der Regen an dem einen Tag auf Eiderstedt, in dieser einen Stunde da, das war vermutlich der Regenrekord meines Lebens. Habe ich das jemals erlebt, dass solche Wassermassen eine Stunde lang über mir ausgekübelt wurden, dass es also nicht im bekannten Wortsinne regnete, sondern dass eher Wasser fiel, als wären weiter oben Dämme gebrochen, in der Art, dass man ohne weiteres Nachdenken und im ersten Augenblick sicher wusste, wenn es jetzt irgendwo reinregnet, da rettest du nichts, da kannst du dir nur hinterher den Schaden besehen – nein, ich glaube, das habe ich so bis dahin noch nicht erlebt. Nicht in diesem Ausmaß.

Vielleicht habe ich genau so einen Regen oder schlimmeren aber doch schon erlebt, vielleicht mehrfach. Vielleicht habe ich dabei im Büro gesessen und auf den Bildschirm geguckt und es daher nicht groß bemerkt. Vielleicht habe ich es vergessen, verschlafen oder verdrängt. Anekdotische Evidenz beweist in der Regel gar nichts, sie legt nur etwas nahe und meint herum. Und man meint dann mit.

Wir saßen im Wintergarten neben der Scheune im Strandkorb, als es anfing zu regnen und wir dachten noch, nanu, das ist jetzt ja ungewöhnlich laut. Aber okay, ein Glasdach eben, da rappelt es bei Platzregen. Wenige Minuten später schwappte eine Welle unter unserem Strandkorb hervor, das fühlte sich nicht richtig an und sah seltsam aus. Und das war auch nicht richtig, denn das Wasser lief hinter uns in Sturzbächen an der Wand des Wintergartens, es war auch die Rückwand der Scheune, hinab, geradezu wasserfallartig. Es dauerte einige Minuten, bis wir darauf kamen, dass es dann vermutlich auch in der Scheune ein Problem gab, also auf der anderen Seite der Wand, und wir liefen durch den Regen zum Scheunentor, um nachzusehen. Ein Weg von wenigen Metern, nachdem wir nass waren, als hätten wir mit Kleidung ausgiebig in der Nordsee gebadet.

In der Scheune war da schon ein veritabler See entstanden, die Holzwände wurden, so sah es aus, ringsum gerade geflutet wie eine Schleuse in einem Hamburger Fleet. Es sah auf eine unheimliche Art aus wie ein special effect in einem Actionfilm. Ein unter das hereinbrechende Wasser gehaltener Eimer war in weit weniger als einer Minute voll und es gehört für mich zu den bleibenden Bildern dieses Urlaubs, wie die alarmierten Ferienkinder mit allen möglichen Gefäßen versuchten, das stürzende Wasser vom gerade erst eingefahrenen Heu und von den etwas beunruhigten Tieren abzuhalten, heldenhaft und bemüht, mit unbedingtem Eifer, unfassbar einsatzfreudig und ebenso sinnlos. Zwischendurch sahen sie hoch und sahen das erschreckende Ausmaß, dann machten sie wildentschlossen weiter, denn: „Man muss doch etwas tun!“ Wieviel bitte liegt in diesem Satz, wieviel Geschichte, wieviel unserer Zukunft. Man muss doch etwas tun.

Ein, zwei Dörfer weiter war gar nichts. Ein paar Tropfen, eine Stunde bedeckter Himmel. Und nach zwei Tagen war auch alles wieder trocken, vermutlich sogar das Heu. Aber es war deutlich zu sehen, dass man anders bauen müsste, um so etwas ohne Schaden zu überstehen. Das können alte Häuser und Straßen nicht, das ist einfach nicht vorgesehen. Dieser Regen war nicht von hier.

Die Coronakrise, die Krise der Innenstädte, die Klimakrise. Was man so mitbekommt, wenn man eine Woche im Strandkorb bitte nur lesen möchte. Zwischendurch sind wir noch einmal an den Deich gefahren, wo an der Flutlinie graue Granitquader liegen. Tausende davon, in gerader Linie hingekippt, unabsehbar viele, bis zum Horizont. Die Steine sind von Flechten bedeckt, von gelborangeleuchtenden Flechten, die in seltsamen Schnörkeln auf ihnen wachsen und Zeichen bilden, welche, man sieht es auf einen Blick, ein sinniges Schriftbild ergeben, welches ich leider nicht entziffern konnte. Man müsste aber erschreckend fantasielos sein, um die Muster nicht als Schrift wahrzunehmen und ich dachte mir, während ich an den nicht endenwollenden Zeilen entlang ging, dass da alles steht und erklärt ist, einfach alles. In deutlicher Schrift steht da alles, sie leuchtet sogar bei bedecktem Himmel, sie brennt förmlich. Wieviel Platz diese kryptischen Zeilen einnehmen, eine ganze Küstenlinie lang, am Rand dieses Landes wird alles erläutert. Die Schafe stehen und gehen daneben und wirken auch nicht gerade schriftkundig, und falls sie es doch sind, sind sie verschwiegen und zurückhaltend, nichts geben sie weiter, nur hin und wieder hört man eine einsilbige Anmerkung, die man schwer deuten kann. Mäh.

Ich gehe immer weiter an den Steinen entlang. Ich sehe die Schrift, ich verstehe nichts. Es ist alles wie immer.

Von den paar erwähnten Krisen einmal abgesehen, wir haben uns etwas erholt, gar keine Frage. Es hat wieder funktioniert. In jedem Jahr denken wir, jetzt war es aber sicher das letzte Mal, und dann geht es doch noch einmal. Wir fuhren ab und dachten, dass es richtig gut war, dass es zu kurz war, dass es öfter sein müsste. Und so etwas soll man nach einem guten Urlaub auch denken, glaube ich.

Ich überlasse das Schlusswort einem kleinen Mädchen, das am Billardtisch stand, als wir packten und die Koffer zum Auto trugen. Es war noch viel zu klein für Billard, es kam gerade eben erst an die Kugeln auf dem Tisch an, wenn es sich ganz lang machte und schon halb auf dem Filz lag. Das Mädchen schob alle Kugeln in die Löcher, sorgfältig eine nach der anderen, und eine leichte Aufgabe war das nun nicht, bei ihrer Körpergröße. Sie schob die Kugeln mit großer Vorsicht, als seien sie zerbrechlich und kostbar. Und als sie die letzte Kugel versenkt hatte, sah sie noch einmal nach, ob auch keine vergessen war, ein kritischer Blick mit schief gelegtem Kopf über den grünen Belag und dann strahlte sie und klatschte und sagte mit gut hörbarer Freude in der Stimme: „Es haben alle, alle gewonnen.“

Und damit war der Urlaub auf Eiderstedt vorbei und wir fuhren nach Hamburg zurück.

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