Ich habe Urlaub, ich habe keinen Urlaub

Ich stehe in der Küche und schneide Gemüse in Würfelchen, worin ich ungedulds- und stimmungsbedingt ausgesprochen schlecht bin. Denn obgleich ich vollständig einsehe, dass das Würfelchen, mit Betonung auf der albernen und stets affektiert auszusprechenden Verkleinerungsform, tatsächlich die anzustrebende Form ist, also bei vielen Gerichten jedenfalls, neige ich oft eher der ebenso lustlosen wie auch unangemessen eiligen Herstellung von unregelmäßigen Brocken oder Fetzen zu, und das ist nicht richtig, ich weiß das. Von wegen Achtsamkeit in Alltagsdingen, Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten, geh mir weg. Ich weiß, ich müsste das hier besser machen. Ich müsste die dämlichen Champignons viel ernster nehmen, ich müsste sie mehr würdigen und korrekter zerlegen, Erntedank und Aufmerksamkeit und alles. Genauer und besser arbeiten, hallo, mein Vater war Handwerker, und was für einer. Alles mit Maß und Ziel, das war tatsächlich einer seiner letzten Sätze mir gegenüber, mit vom Krankenhausbett erhobenem Zeigefinger, es klingt wie in einem Buch. Ja, ich weiß, wie ich das hier machen müsste. Aber Wissen hilft oft nichts, das weiß ich auch. Ich reiße mich zusammen. Ich nehme das bessere Messer, ich schärfe nach, ich schneide kleiner. Ich schneide alles gleich noch einmal, Gründlichkeit! Disziplin! Werkstolz! Ich habe einfach keine Lust heute. Ich habe so dermaßen keine Lust, ich möchte überhaupt nichts kochen, ich möchte auch nichts vorbereiten. Geh mir weg mit mise en place und allem, kann sich nicht gefälligst jeder ein verdammtes Brot schmieren. Es ist Leberwurst im Kühlschrank, die ist erst einen Tag abgelaufen, was wollt ihr noch, ich will gar nichts essen. Wer hat bei der Wärme überhaupt Hunger, was soll das, wie seid ihr denn drauf und außerdem habe ich Urlaub. Urlaub ist, wenn ich nicht kochen muss, okay, ich habe wohl keinen Urlaub. Ich schneide alles noch kleiner, ich reiße mich verbissen zusammen. Ich murmele etwas von Überwindung und Fokus, mein Gedächtnis repetiert ganze Absätze aus blöden Produktivitätsratgebern. Mir wird gleich schlecht, so moralisch klingt das alles, bin ich Leo Lausemaus oder was. Ich pöbele innerlich mein Eltern-Ich an, ich bin gekommen, mich zu beschweren.

Ich schneide Scheiben, ich schneide Würfel, ich schneide Würfelchen. Kleiner, noch kleiner. Der ganz große Zusammenriss, und wer wollte denn eigentlich Familie, jetzt haben die alle Hunger, das kommt davon. Vorsicht bei der Lebensplanung! 50 Meter weiter ist die Dönerbude, die hätte mir heute auch gereicht. Da sitzen Singles, die müssen nicht kochen, die sehen entspannt aus.

Draußen spielt ein Straßenmusiker auf dem Platz um die Ecke, wo die ganzen Restaurants sind, ich höre ihn durch das offene Fenster. Heranwehende Musik, sehr großstädtisch ist das, fast wie im Film. Was singt der denn da, das kenne ich doch, das war doch, was war das noch, ich habe es gleich. Gitarre dazu. Jetzt kommt der Refrain noch einmal, der Typ singt nicht gut, aber man erkennt es doch, und er singt, versteht sich, immerhin nennenswert besser als ich, was aber auch keine Herausforderung ist, wirklich nicht. Jetzt weiß ich es, natürlich ist es das, und jetzt singe ich es auch gleich mit, ganz laut singe ich es mit. Das ist nämlich meine Küche, ich kann hier singen, was ich will, mit Schmacht und Hingabe singe ich am Schneidebrett in eine Mikrofonmöhre: First cut is the deepest.

Ich stehe an der Arbeitsplatte, ich schneide den dreihundertsten cut, es ist sicher nicht the deepest und ich lache und lache und weiß nicht, ist es schon Wahnsinn oder ist es nur die unvermutete Rückkehr der guten Laune, es ist auch vollkommen egal.

Es gibt Hühnerfrikassee.

Das hat ein Sohn bestellt, der wird sich freuen, und Freude ist ja immer gut. Alte Regel.

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