Am zweiten Januar stürzte das Jahr schon unerwartet in Dunkelheit ab, dachte ich zuerst. Es lag dann aber nur daran, dass am Morgen dermaßen reichlich Schnee auf die Dachfenster gefallen war, dass es in der Wohnung an diesem Tag kaum hell werden konnte. Nur kurz habe ich direkt nach dem Aufstehen aus dem Fenster gesehen – sind wir hier in Helsinki oder was. Ein weißverwirbelter Flockenvorhang verhüllte mir die Sicht nahezu blickdicht, die Geräusche von der großen Straße unten waren kaum zu hören, waren wie wolldeckengedämpft.

Oder aber es fuhr an diesem Morgen gar nichts, das mag auch sein. Niemand nahm das Auto, niemand begann etwas an diesem schneezugedeckten Morgen. Alles ruhte weiterhin in dieser Stadt, um uns herum nur die eisige, tief verschneite Winterstille. Die „stade Zeit“, wie man wohl in Bayern sagt, um derlei saisonale Effekte zu beschreiben.
Als Norddeutscher denkt man bei dem hier ansonsten unbekannten Begriff „stade“ eher an die großgeschriebene Variante, an die Stadt Stade. Welche vor den Toren von Hamburg liegt und eine attraktive Altstadt zu bieten hat, wie man googeln kann und wie auch Menschen berichten, die schon einmal dort waren. In Bezug auf diese Stadt bin ich mittlerweile in einem ungefähren Jubiläumszeitraum. Seit etwa 25 Jahren nämlich möchte ich da „demnächst“ einmal hin. Ich kam aber bisher einfach nicht dazu. Nicht als Single, nicht als Ehemann, nicht als Vater von einem oder zwei Söhnen, auch nicht als Mensch mit deutlich beginnender Empty-Nest-Thematik.
Weil immer etwas war und auch nach wie vor ist. Sie kennen das.
Ich werde es aber nun, so viel Voraussicht traue ich mir gerade zu, in diesem Jahr lösen. Ich werde also diese Stadt besuchen und hier selbstverständlich hinterher Beweisbilder vorlegen. Wie ich immer sage, der Mensch braucht Pläne. Und sie wachsen einem so zu.
Ansonsten ist mir der Schnee da draußen egal. Den werde ich nicht einmal ignorieren und arbeite eh meist mit dem Rücken zum Fenster. Wie immer kommt mir der Restwinter nach Weihnachten einigermaßen sinnlos vor, der kann jetzt weg. Ich gebe gerne zu, dass diese Einstellung nicht exakt zur kalendarischen Wirklichkeit in diesem Land passt, aber diese Erkenntnis beeindruckt meine Gefühlslage leider nicht ausreichend. Emotional scheint der Autor dieser Zeilen manchmal etwas deppert zu sein, um es noch einmal eher süddeutsch auszudrücken.
Die Kinder im Stadtteil gaben sich allerdings, wie ich später am Tag noch sah, große Mühe, aus den vermutlich wenigen Schneestunden ihres Lebens etwas zu machen. Immerhin achtzehn Schneemänner sah ich auf meiner Einkaufsrunde, eine starke Truppe. Einer wurde gerade fertig, als ich vorbeiging. Die Nase wurde abschließend angesteckt und ich fragte, ob ich die Figur fotografieren dürfe. Das freute die Kinder, die ihn gebaut hatten. Sie fanden es sehr gut und auch angemessen, dass ihr Schneemann auf solches Interesse stieß.
Auch offline hin und wieder Likes verteilen, das scheint mir wichtig zu sein. Womit wir prompt beim nächsten Thema landen.



Im Ergebnis irgendeiner Umfrage, so las ich gestern, wurden nämlich Neujahresvorsätze aufgelistet. Mit ganz oben stand dabei die gewünschte Reduzierung der Bildschirmzeit. Die Menschen wollen also zumindest zeitweise und zumindest in der Theorie weg von all den Geräten mit Bildschirmen, wollen weg vom Digitalen. Es passt wieder zum bereits besprochenen Großtrend der analogen Seite und bestätigt diese Entwicklung.
Währenddessen erscheinen in schneller Folge überall mehr und mehr Posts und Artikel zum Rückzug ins Analoge, das Thema des Offline-Erlebens geht viral. Texte über die Aversion des breiten Publikums gegen KI-Erzeugnisse erscheinen, über Themen wie: „Everyone is obsessed with vintage and offline moments“.
Jemand, der beruflich auf Instagram Menschen berät, die von ihrer Online-Aktivität zu leben versuchen, hat dazu gerade einen vermutlich probaten Rat gepostet. Nämlich den, in diesem Jahr möglichst offline zu Publikum und Gemeinschaft zu kommen. Etwas im Analogen zu projektieren und sich dort auch zu verausgaben – um dann hinterher immer wieder intensiv und über alles, was man dabei erlebt und gefühlt hat, en Detail und vor allem reichlich zu posten. Also online, versteht sich.
Es ist kompliziert, glaube ich.
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Das Gesicht und die Gestalt der 3. Schneemanns sind leicht gruselig…