Understand Hegel and embrace boredom

Von Walther Ziegler habe ich mir Hegel erklären lassen. Es fühlte sich mit ihm wieder wie eine sinnvoll verbrachte Stunde an, ich fand die Filme von ihm bisher alle interessant und lehrreich.

Von Hegel aus kann man, auch wenn es vielleicht zunächst etwas gewagt klingt, eine Linie zur Trendforschung und also zu den Themen der Zeit ziehen. Denn wofür ist der Hegelsche Weltgeist zuständig, genau, für die Durchdringung von allem mit den gerade anstehenden Themen, mit der „Wahrheit der Epoche“. Die wir am Ende auch als Großtrend begreifen müssen, versteht sich.

In diesem Sinne eine weitere heitere Anmerkung zum grassierenden Analog-Trend. Ich sehe auf Instagram eine der zahllosen Erläuterungen dazu. Wie man das denn nun am besten macht, diese Sache mit dem ganzen analogen Zeug, wie fängt man das denn eigentlich an. Es gibt immerhin viel von diesen analogen Sachen, hört und sieht man. Wie wählt man da etwas aus und was macht man damit genau.

Auf dem Account „Cozy Games” lese ich: „Eight small steps to live a more analogue life & heal our digital brain rot“. Und ich zitiere Ihnen diese steps eben, um danach etwas anzumerken. Vielleicht haben Sie aber auch beim Lesen schon den gleichen Gedanken wie ich. Es ist nicht so unwahrscheinlich.

  1. Create more than you consume: Man soll weniger das Leben der anderen beobachten und mehr das eigene führen.
  2. Embrace Boredom: Man soll das Unangenehme an unterstimulierenden Situationen aushalten.
  3. Collect & consume physical media: Man soll Bücher, DVDs, Schallplatten etc. konsumieren.
  4. Do more brain games: Man soll sich mit Kreuzworträtseln, Puzzles etc. beschäftigen.
  5. Nurture local community: Man soll sich in irgendeiner Weise mit den Menschen vor Ort beschäftigen.
  6. Refrain from scrolling in bed: Man soll die Stunden im Bett ohne Smartphone oder Tablet verbringen.
  7. Reframe inconvenience: Man soll den Zeitverschleiß bei manuellen Tätigkeiten als Chance zum Runterkommen verstehen.
  8. One activity at a time: Man soll seine Hobbys in Ruhe betreiben, also etwa nur einen Film zurzeit sehen, nur ein Buch lesen, das Fokussieren wieder lernen und die unbefriedigende Leere, die man dabei vielleicht empfindet, nicht zwingend ausfüllen.

Darunter sehe ich 49 begeisterte, zustimmende Kommentare und über 5000 Likes.

Es liegt mir nun fern, über diesen Account („Your cozy home & hobby bestie“) oder über dieses Posting zu spotten. Das ist keineswegs meine Absicht. Die Punkte sind auch alle valide und in vielleicht mittlerweile schon allen Fällen durch psychologische Forschung gut fundiert und belegt: Es ist tatsächlich alles mehr oder weniger deutlich empfehlenswert.

Sicher nicht alles für alle und in allen Situationen, aber im Prinzip – doch, das ist so, ja. Daran könnte man sich halten und es hätte dann wohl auch positive Effekte. Das entspricht so meinem Kenntnisstand, und ich würde es auch dem Nachwuchs hier empfehlen. Also sollte ich jemals den Eindruck gewinnen, sie würden mir interessiert zuhören und meine pädagogisch ungemein wertvollen Einlassungen nicht etwa als zu reframende inconvenience betrachten.

Aber! Und jetzt kommt, was Sie vielleicht auch gedacht haben. Jedenfalls dann, wenn Sie auch schon etwas älter sind. Diese Punkte beschreiben nämlich etwas, das ich mit einer Erinnerung oder einer Geschichte, mit einem Memoiren-Ausschnitt fast schon seltsam präzise beantworten könnte.

Einen Sonntag etwa könnte ich da fast wahllos beschreiben, nehmen wir einen in Travemünde, etwa aus dem Januar des Jahres 1980. Nehmen wir einen dieser Tage, an denen man im damaligen Sinne eher nichts gemacht hat. Den man eher gelangweilt und uninspiriert verdaddelt hat, wie man hier sagt.

Mit dem Lesen von Büchern haben wir da die Zeit totgeschlagen. Mit ein oder zwei Stunden Fernsehen auch. Es gab da tagsüber Wintersportberichte für uns, und sie waren alternativlos, denn wir hatten ja nichts. Beim Slalom haben wir auf Unfälle gewartet, denn mit der moralischen Reife war es noch nicht so weit her und Wintersport hat uns nicht interessiert. Schallplatten haben wir gehört, einige von denen, die eben da waren. Und so viele waren es nicht.

Von der Mutter irgendwann das übliche „Mal doch was!“ kassiert. Aus Verzweiflung später noch das Kreuzworträtsel in der Sonntagszeitung gelöst. Die Spielesammlung, für die man langsam zu alt wurde, kritisch betrachtet und überlegt, doch noch zum Freund rüberzugehen. Zwischendurch mit dem Hund draußen gewesen, mehrfach.

Raufaserwände betrachtet, und wie lange. Im Bett später außerdem die Decke angestarrt, bis die Augen zufielen. Von irgendwelchen Weiten geträumt, von irgendwelchen Abenteuern. Sinnend diese Kinderzimmerdecke angestarrt, wie wir heute bedeutungsschwer sagen würden. Langsam verblödend, wie wir es damals deutlich genug empfunden haben. Aber wie gesagt, es liegt mir fern, über die Sehnsucht nach dem Analogen zu spotten, und ich erkenne die diversen Notwendigkeiten an.

Ein Globus auf einer Fensterbank, von außen fotografiert

Doch solange dieser Trend durchläuft, denke ich, dürfen wir Älteren vielleicht auch durchgehend so ein gewisses, leicht süffisantes Grinsen im Gesicht haben. Was übrigens am Rande ein schöner Gedanke ist: Endlich gibt es wieder ein Jahr, in dem auch meine Generation hin und wieder amüsiert wirken darf.

Jedenfalls können wir amüsiert sein, wenn wir es gerade schaffen, keine Nachrichten zu lesen. Wenn wir uns einen Moment lang vielleicht nur um Trends und andere soziologische Luxusthemen kümmern, wie etwa unsere Freizeitgestaltung und die der Jüngeren.

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4 Kommentare

  1. Früher habe ich immer gelacht, wenn die Älteren meinten: ‚das gabs in unserer Jugend auch schon..‘
    Inzwischen lache ich wieder, aber über mich, wenn ich diesen Satz selbst ausspreche.
    Nachträglich ein gutes neues Jahr!

  2. Es ist schon alles ein bisschen absurd. Ich habe meinen Plattenspieler abgeschafft, der junge Erwachsene im Haushalt bekam von seinen Freunden einen geschenkt. Außerdem sind Papierbücher und Klemmbausteine sehr beliebt. Verrückte Welt.

  3. Ich habe inzwischen öfter Gelegenheit Ihr Wortbild des „inneren Krückstockgefuchtels“ einzusetzen.

  4. Vor einigen Jahren meinte ein Informatiker, dass ich inmitten von Papiermüll lebe, als er meine Bücher sah, im letzten Jahr jubelten noch einige Blogger, dass doch die EBooks so viel besser seien. Ich habe beides verneint, bleibe bei Büchern, erst gestern eines aus dem Jahr 1921 in der Hand gehabt, und dabei festgestellt, oh das sind also die Bücher, die angeblich so schnell zerbröseln, die so doof Analog sind, na ja.

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