Drei Filme und die Möglichkeiten

Dann gab es im spontanen Kurzurlaub einen Filmtag für mich. Mir war gerade überraschenderweise so, und nichts hielt mich auf. Wehe, wenn sie losgelassen, man kennt das. Ich sah daher drei Wes-Anderson-Filme fast nacheinander weg. Von denen ich die ersten beiden schon kannte, aber das machte in diesem Fall nichts. „The Royal Tenenbaums”, „The Grand Budapest Hotel” und „The French Dispatch”. Mit dem letzten konnte ich eher wenig anfangen, vielleicht war es auch einfach ein Film zu viel. Die ersten beiden bleiben auf „gerne wieder“.

Es war mir bis zu diesem Tag allerdings nicht bewusst, wie sinnvoll es sein kann, Wes-Anderson-Filme direkt nacheinander wegzugucken. Ich weiß es jetzt, diese Versuchsanordnung hat sich bewährt. Man hat doch einige Erkenntnisse, was die Kulissen, die Farben, die Mode etc. betrifft, den Bildaufbau und das Erzählen mit visueller Verführung und Überwältigung.

Dass sich etwa, um nur ein Detail zu nennen, eher abgefahrene, knallige Farbkombinationen in der Herrenmode von Film zu Film invertiert wiederholen, dass da also etwa Sakko und Rollkragenpullover in Kardinal-Lila und Cognac einmal die Farbrollen durchtauschen, das wäre mir sonst selbstverständlich nicht aufgefallen. Aber es macht doch erheblich Spaß, so etwas zu bemerken. Als sei man ein Filmkenner besonderer Güte. Ein Gedanke, der bei mir ansonsten natürlich vollkommen abwegig ist.

Jedenfalls war ich erneut mit der mir ausgesprochen einladend vorkommenden Verrücktheit der Anderson-Produktion weitgehend einverstanden. Wie auch beim ersten oder zweiten Sehen schon.

Abendlicht in der Speicherstadt

Wenn man allerdings nach drei solchen Filmen durch eine Stadt wie Hamburg geht, die also aus Mangel an allgemeiner Ambition bisher noch nicht durchgehend und in jedem Detail als Kulisse für solche oder ähnliche Filme optimiert worden ist, dann fällt einem doch vehement auf, was man da alles noch geraderücken müsste. Was man alles ordentlicher, symmetrischer oder zumindest irgendwie gefälliger arrangieren und vor allem etwas farbiger, peppiger gestalten könnte. Und dabei war ich an diesem Tag nicht einmal in der Hafencity. Wenn man sich vorstellt, was man da alles machen müsste, um auch nur eine Szene in diesen Kontexten drehen zu können! Ein anstrengender Gedanke, eine städtebauliche Herausforderung. Aber andererseits auch nicht ohne Reiz.

Immerhin, und es ist diesmal kein geringes Immerhin, erkannte ich, als ich über diese Fragen gerade nachdachte, bei einem zufälligen Blick auf meine Spiegelung im Schaufenster eines Ladens für Deko, Klimbim und Oster-Artikel, eine Art von besonders passender, Bill-Murray-mäßiger Müdigkeit in meinem Blick. Auch die passende Körperhaltung dazu sah ich. Ich hätte stehenbleiben und meinem Spiegelbild eine passende Dialogzeile aufsagen mögen, so kompatibel zu den gerade gesehenen Filmen sah das aus.

Aber es waren natürlich überall Leute um mich herum, wie in der Hamburger Innenstadt nicht anders denkbar. Da spricht man lieber nicht laut mit seiner genau passend resignativ wirkenden Schaufensterspiegelung und gratuliert sich zur stimmigen Erscheinungsform.

Contenance! So wichtig.

Den Instagram-Account „Accidentally Wes Anderson” kennen alle schon, nehme ich an? Ich verlinke ihn hier daher nur sicherheitshalber, falls doch noch zwei, drei Interessierte etwas verpasst haben sollten.

Das Prinzip würde aber auch mit Texten zu gebrauchen sein, fällt mir gerade noch auf. Es wäre ohne weiteres etwa in Blogs als Rubrik denkbar. Als naheliegend kommt einem sofort „Accidentally Kafka“ in den Sinn. Die passenden Beispiele dazu kennen wir alle.

Aber schöner und interessanter wären wohl Varianten, die darüber hinausgehen würden, „Accidentally Wolf Haas“ etwa. Noch weiter gedacht ist man vermutlich schnell bei Literatur-Insidern, aber warum sollte man da nicht sein. Und könnte also etwa beim Aufschimmern von Themen wie Religion oder Schuld „Accidentally Graham Greene“ verwenden oder bei einer lakonischen Schilderung gewöhnlich erscheinender Abläufe, bei denen man dennoch irgendwie Tiefe und Abgrund ahnt, „Accidentally Raymond Carver“ und dergleichen.

Der Möglichkeiten so viele, der Stunden so wenig.

Abendlicht in der Hafencity

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