Am Sonntag folgte ich dem globalen Analogtrend und verbrachte nennenswert mehr Zeit als sonst nicht etwa an einem der seelischen und sonstigen Gesundheit schadenden Bildschirme, sondern an einem Fenster. Ich guckte da raus. Wie früher!
An einem Fenster in der Hamburger Wohnung stand ich da, vor dem sich erstens unerwartet sonniges Wetter abspielte und zweitens eine Neuerung in Richtung Natur-Doku eintrat. Denn im alten Holunder am Spielplatzrand, in dem mehrere Jahre lang die komplizierte Dreierbeziehung der Ringeltauben mit einigermaßen unklaren Rollenverteilungen genistet, gelebt und gebrütet hat, haben nun die spielplatzbeherrschenden Elstern vermutlich per Eigenbedarfskündigung das Recht auf die entscheidende Astgabel erwirkt. Sie haben die Tauben also schlichtweg rausgeworfen und deren alte Heimat besetzt. So rücksichtslos, wie es bei Eigenbedarfskündigungen meist zugeht. Ich habe das vor ein paar Jahren auch bei meiner Mutter so erlebt, als sie aus ihrer Eppendorfer Wohnung flog.
Die drei Ringeltauben schienen mir immer erstaunlich gut mit ihrer eher komplizierten Beziehungsform klarzukommen. Sie haben auch recht lange und weitgehend streitfrei in ihrer komplizierten Konstellation durchgehalten. Länger jedenfalls, als es viele Menschen zu dritt oder überhaupt mit Polyamorie in irgendeiner Form schaffen, denn das ist emotionaler Hochleistungssport, wie alle Betroffenen wissen.
Wo die drei jetzt neuerdings nisten, das habe ich noch nicht herausgefunden. Wenn sie aber die Elstern auf ihrem alten Platz sehen, dann fliegen sie bemerkenswert dicht über sie hinweg. Wie um sie zumindest im Nachhinein noch ein wenig zu ärgern, nach dem verlorenen Rechtsstreit. Als wollten sie ihnen eben noch mitteilen, dass sie da zwar eine feine Astgabel in vermeintlich bester Lage bezogen hätten, die aber leider, leider nun plötzlich zu einer Einflugschneise mit recht viel Verkehr geworden ist. So ein Pech.
Die Elstern begannen dessen ungeachtet mit einem neuen Nest. Konzentriert, ausgesprochen fleißig und stundenlang bauten sie. Ich sah ihnen lange dabei zu, ich freute mich über ihre beeindruckende Geschicklichkeit und auch über die Schönheit ihres Gefieders in der Nachmittagssonne. Wie das metallische Blau am Flügelrand immer wieder aufblitzte. Wie überaus elegant sich die beiden sogar bei den Bauarbeiten bewegten. Menschliche Maurer oder Zimmerleute müssten auf der Arbeit Ballett tanzen, um da halbwegs mitzukommen. Plump sind wir im Vergleich. Plump, langsam und schlecht angezogen.
Die beiden Vögel sammelten dort unten nicht nur Zweige und Reisig vom Boden weg. Sie brachen auch tote Ästchen aus den umstehenden Büschen. Ästchen, die ihnen geeignet vorkamen, und mit Raffinesse bugsierten sie die langen Teile aus dem Dickicht der Gehölze heraus und weiter oben wieder hinein. Wenn man bei so etwas mit etwas mehr Geduld als sonst zusieht, kommt es einem bald plausibel vor, dass sie zu den intelligentesten Vögeln bei uns gehören. Man sieht das.
Sie bauten beide, unterscheiden kann man sie aber eh nicht. Und beide legten sich zwischendurch kurz in die gerade erst neu entstehende Nistmulde und rüttelten mit dem ganzen Körper zurecht, was die da eben verflochten hatten.
Ich hörte, dass sie dabei auch anders klangen als sonst. Töne gaben sie von sich, die ich den ständig keckernden Elstern gar nicht zugetraut hätte. Fast zärtlich waren sie im Klang, wenn nicht schon liebestoll. Wie es in der Wikipedia zu Pica pica heißt:
„Zur Festigung der Partnerschaft lassen Paare einen leisen Plaudergesang hören. Dieser variiert zeitlich und individuell sehr stark. Er kann sowohl rhythmisch als auch arrhythmisch sein. Oft sind weiche Trillerlaute und hohes Pfeifen darin enthalten. Einzelne Vögel imitieren andere Tiere. Meist besteht der Gesang jedoch aus einem gurgelnden, bauchrednerischen Schwätzen mit Pfeiflauten.“
Ein gurgelndes, bauchrednerisches Schwätzen mit Pfeiflauten – don’t try this at home, das menschliche Liebesleben kann man damit wohl nicht bereichern.

Lebenslang monogam sind die Elstern. Das steht auch im unterhaltsamen und angenehm ausführlichen Wikipedia-Artikel. Vielleicht passte ihnen in diesem Zusammenhang das verlotterte Liebesleben der Ringeltauben nicht. Elstern sind streng schwarzweiß angezogen, lediglich mit etwas dunklem Blau als Schmuck. Vielleicht deutet schon das auf ihre strikt konservative Gesinnung?
Nein, da liege ich wohl falsch, wie ich bei der Langen Nacht über Raben und Krähen lerne: Rabenvögel, zu denen die Elstern gehören, haben ein anderes Sehvermögen und eine andere Farbwahrnehmung als wir und sehen sich vermutlich – bunt! Weswegen sie auch Individuen anders unterscheiden können als wir.
Die Elstern bauen angeblich 40 Tage an ihrem Nest. Das ist kaum zu glauben, dachte ich, denn ich sah ja, was da in wenigen Stunden entstand. Es erinnerte mich an diese Dokus, in denen die Amischen gemeinsam Scheunen bauen. Dermaßen effizient gingen die Vögel vor, so durchdacht und zielstrebig wirkte das alles, so handwerklich geschickt.
Aber okay, es soll noch eine Art Überdachung dazukommen. Vermutlich werden am Ende die Ausbauten, die Feinheiten und die Beseitigung der Baumängel am meisten Zeit kosten. Man kennt das.
In Europa galt die Elster als Unglückssymbol, das las ich auch. Als Todesbote, als Galgenvogel. In anderen Teilen der Welt war sie aber ein Glücksbringer, ein mit den Menschen befreundetes Geistwesen. In den Zeiten der Globalisierung wird es sich mittlerweile neutralisiert haben, nicht wahr. Die Mythen der Menschheit kürzen sich, wenn wir doch überall und jederzeit zusammenkommen und uns dauerhaft geistig verwirbeln, zu Null, nehme ich an.
Daher ist eine Elster jetzt einfach eine Elster, beschloss ich erst einmal für mich. Ich las auch ihre fantastischen alten Namen nach, eine Elster ist einfach ein Gackerhätzel, eine Schäkerhex, ein Schreddarex.
Vielleicht kann man es sich in unseren modernen Zeiten aussuchen, was man glauben möchte. Man nimmt sich einfach genehme und passend vorkommende Versatzstücke aus dem weltweiten Deutungsvorrat. Ja, das kam mir bei näherer Betrachtung wie eine zeitgerechte Form vor, auf besondere Tiererscheinungen zu reagieren. Es kann doch nicht mehr im Sinne des Jahres 2026 sein, bei so etwas in der germanischen Vorvergangenheit zu bleiben und die alten Muster und Ängste weiter endlos zu wiederholen.
Im Englischen etwa gibt es einen Abzählreim für die jeweils gesichtete Elster-Anzahl. Dieser Abzählreim gefällt mir sehr gut, den übernehme ich umgehend für meine private Elster-Mythologie.
Denn ich sehe hier verlässlich und so gut wie jederzeit auf zwei Vögel, also bitte:
One for sorrow,
Two for joy,
Three for a girl,
Four for a boy.
Five for silver,
Six for gold,
Seven for a secret never to be told.
Eight for a wish,
Nine for a kiss,
Ten for a bird,
You must not miss.
Ich kann mich auch darauf einlassen, dass es Unglück bringt, eine Elster zu töten. Denn ich kann mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass ich ernsthaft und keineswegs vorhabe, jemals eine Elster zu töten. Im Gegenteil, lang lebe das Elsterpaar. Vivat, crescat, floreat. Mögen sie in jedem Jahr großartige Nester bauen, mögen sie Eier und Küken und Enkelelstern bekommen, mögen sie mir nebenbei gerne auch noch Content sein.
Jetzt und für lange Zeit.
PS: Und noch während ich diesen Text schrieb, sah ich nebenbei, dass die Kaltmamsell ebenfalls den Fensterblick und die Natur erwähnt. Diese Gleichzeitigkeiten sind doch immer wieder nett.
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Es gibt im Englischen wohl so einige Elster-Abzählreime. Noch einer:
One is for sorrow,
Two is for mirth,
Three for a funeral,
Four for a birth,
Five is for heaven,
Six is for hell,
Seven for the Devil, his own sel‘
Da kann man sich auch die zur Tagesform und Elsterzahl passenden Versatzstücke wählen (oder, wenn man damit unzufrieden ist, die zweite Elster kurzerhand beseitigen, siehe Terry Pratchett „Carpe Jugulum“).