Reinlesen, Behalten und Weggeben (1)

Eine neue Reihe, nur lesenswert für Menschen mit Interesse an Literatur und Büchern. Sollte Sie das nicht interessieren, grasen Sie heute bitte meine Blogroll ab. Da werden auch andere Themen dabei sein, das pralle Leben und alles.

Eine neue Reihe auch, bei der ich vermutlich jeweils entschlossen vom Thema abkommen werde, sie lädt dazu ein.

Eine Postkarte, an einem Schrank steckend, mit der Aufschrift "erst tanzen, dann denken"

Zu den Vorhaben, die ich gerade entschlossener angehe, gehört das Weglesen meines Buchregalbestandes. Womit ich meine, dass ich Bücher, die manchmal schon seit gefühlten Ewigkeiten in meinem Bestand sind, schon seit der Antiquariatszeit mitunter, noch einmal prüfend in die Hand nehme. Mich versuchsweise an sie und meine gemeinsame Zeit mit ihnen erinnere, in sie auch noch einmal hineinlese, sie in einigen Fällen sogar erneut durchlese – um sie danach in vielen Fällen aber zum öffentlichen Bücherschrank zu tragen und dort in aller Freundlichkeit auszusetzen. In der Hoffnung, dass sie anderen noch etwas Freude bereiten können.

In einem gewissen Sinne zerlese ich also meine Buchregale.

Gerade kommt mir beim Schreiben eine flüchtige, aber immerhin milde erheiternde Erinnerung an einen mir einmal bekannten, äußerst kultivierten Menschen aus Neuseeland, es war jemand namens Ian, wenn ich das noch korrekt parat habe.

Der hier Deutsch lernte, nebenbei meiner Mutter etwas Englisch beibrachte und während seines Aufenthalts eine etwas obsessive Liebe zur Vorsilbe „zer“ entwickelte. Die er dann versuchsweise an nahezu alle Verben klebte, die er gerade lernte, und er lernte schnell und viel. Er freute sich immer wieder über die Ergebnisse, verbunden mit einem enthusiastischen, beliebig oft wiederholten Bejubeln der zahllosen Möglichkeiten in der deutschen Sprache.

Es war für die Zuhörenden teilweise etwas zerfordernd, wie er sich da immer weiter hineingesteigert hat. Wobei ich Spezialinteressen und obskuren Sonderthemen dieser Art, auch sprachlichen Tics etc. grundsätzlich freundlich zugewandt bin. Es wohl auch sein muss, ich weiß.

Wie bereits einmal erwähnt: Ich behalte langfristig nur noch Bücher, bei denen ich der Ansicht bin, ich könnte sie auch noch ein drittes oder viertes Mal lesen, und zwar mit Gewinn oder Genuss. Oder mit beidem. Bei denen ich denke, ich könnte zumindest Teile von ihnen später noch einmal brauchen, genießen oder verwenden, vielleicht auch zitieren wollen.

Was etwa bei sämtlichen Lyrikbänden der Fall ist, auch bei einigen Klassikern wie Stevenson oder Dickens, Fontane etc.

Also beste Bücher, aus meiner Sicht. Die sich ausdrücklich nur auf meinen Geschmack bezieht, so seltsam er hier und da auch sein mag, nicht auf als verbindlich angesehene Erkenntnisse und Urteile der Literaturwissenschaft oder irgendwelcher Kanon-Entwicklungen.

Ich finde das Durchtauschen von Lektüre über den Bücherschrank wunderbar nützlich für mich. Dazu ist es noch mit einem so angenehmen Zufallsfaktor versehen. Außerdem wohne ich knapp neben der Zentralbibliothek der Hamburger Bücherhallen (nach wie vor ist es besonders schön, dass es in dieser Stadt „Bücherhallen“ heißt, ein wunderbares Wort).

Es gibt für mich daher keine Notwendigkeit, besonders viele Bücher in der Wohnung vorrätig haben zu müssen. Und wer weiß, man wird sich vielleicht irgendwann verkleinern müssen, was den Raumverbrauch in Regalmetern betrifft. Da könnte es gut sein, schon vorgesorgt zu haben.

Das Buch "Der menschliche Faktor" von Graham Greene

In diesem Zusammenhang las ich gerade noch einmal Graham Greenes „Der menschliche Faktor“, Deutsch von Edith Walter. Ein Agentenroman aus seinem Spätwerk. Bemerkenswert kunstvoll erzählt, geschickt aufgebaut und angenehm mitziehend, nicht mitreißend, im Sinne von shaken, not stirred.

(Hätten Sie es parat gehabt? „Das Schütteln sorgt für ein kälteres, milderes Getränk.“)

Moskaus Agenten tauschen in diesem Roman noch Geheimnachrichten aus, die sie mittels vorsintflutlich anmutender Buchcodes verschlüsselt haben. Wozu sie unter anderem Ausgaben von Tolstois Krieg und Frieden benutzen, wie kulturbeflissen ist das denn.

Der Roman ist von 1978, ich habe es dann nachgesehen. Er wirkt durch die Schilderung solcher Praktiken aber, als sei er noch nennenswert älter.

Was wohl heißt, wie mir dann bei der weiteren Lektüre einfiel, dass diese ganze Zeit, die meine Jugendzeit war, vielleicht mittlerweile so wirkt, als sei sie noch älter. Unsere analogen Erfahrungen scheinen uns etwas tiefer in die Vorgeschichte zu drängen. Das nur vermeintlich ehrende VSOP-Siegel ist bei uns womöglich durch technikgeschichtliche Umstände etwas früher dran als bei anderen Generationen.

Das mag sein, und es würde auch einiges erklären.

Sehr gerne gelesen jedenfalls, dieses Buch, das als eines seiner besten gilt. Aber es kann jetzt dennoch weg.

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