Von Hamburg nach Jericho

Wellengang bei Sturm auf der AußenalsterDer Frühling ist vorbei, höre ich am Dienstagabend im Wetterbericht. Aber nicht etwa, weil er demnächst freundlich in den Sommer übergeht und wir den Osterspaziergang von Goethe diesmal also passend wie kaum jemals zitieren dürfen, nein. Weit gefehlt!

Vielmehr wird er rückabgewickelt. Graupel, Schnee und sonstiges Unheil wird uns erneut vorhergesagt, des Winters letzte Offensive. Aber ich wollte die Militärsprache einkürzen, pardon. Des Winters letzter Versuch also, das reicht auch für das Bild.

Prompt vergreift sich in der Nacht jedenfalls eine der ersten Sturmböen – und was für eine war das! – am Dachfenster, unter dem ich schlafe. Hektisch versucht sie, es im rasenden Vorbeiflug mal eben aus dem Rahmen zu reißen. Das wildwehende Raubzeug rüttelt am Dach, wie ich es hier kaum jemals erlebt habe, und wir sind doch stabil sturmerprobt.

Dergestalt rüttelt es, dass ich nachts um 2 nach ungeahnt sportlichem Aufstehen senkrecht im Bett stehe und dringend notwendige Windschutzmaßnahmen ergreife. Während von draußen auf einmal höhnisch heulende Orkangeräusche à la Kap Hoorn inszeniert werden, wozu noch irgendetwas Großes, Hölzernes, Zersplitterndes vom Sturm polternd die Straße hochgetrieben wird. Möbel aus der Außengastro auf Wanderschaft werden es wohl sein. Man geizt hier nicht mit Special Effects, wenn etwas mit beachtlicher Windstärke inszeniert wird.

Mein neues Büro in der Hafencity, fällt mir dabei ein, habe ich noch gar nicht bei einer anständigen Sturmflut erlebt. Das ist auch eine wichtige Erfahrung, die noch aussteht, content to come.

Ich bin jedenfalls zur Unzeit gründlich wach in dieser Nacht. Das erneute Einschlafen gestaltet sich bei zunehmendem Sturm schwierig. Fluchend sehe ich schließlich nach: In Schauernähe Beaufort 11, heißt es bei den Wetterdiensten. Okay, das ist schon was, wenn es auch in der Stadtmitte kaum so hinkommen wird. Aber was haben wir da genau: „Dicke Mauern werden beschädigt, Gehen ist unmöglich.“ Und dafür, ich bin auf einmal kurz nach dem Aufwachen schon beim Immerhin des Tages, dafür geht es mir immerhin noch gold.

Eine im Sturm zerrissene Hamburgfahne

In der Wohnung kann ich schließlich noch einwandfrei gehen, und die Mauern um mich herum, sie halten. Denke ich mir so, fasse aber zur Sicherheit eine prüfend an, ob da wirklich nichts wackelt.

Alles hält. Also nichts von wegen „And the walls came tumbling down“.  

Dennoch muss ich, es versteht sich fast von selbst, auch diese Gelegenheit mitnehmen, an die anbetungswürdige Sister Rosetta Tharpe zu erinnern, the Godmother of Rock’n’Roll.

“Und die Mauern fielen um“, so heißt die entsprechende Bibelstelle der Jericho-Erzählung bei Luther (Josua 6). Auch das sehe ich nach, denn ich bin nun einmal wach und das Hirn möchte bitte gefüttert werden, möchte keineswegs nur Raufaser im Dunkeln betrachten. Was das denn wieder für eine Zumutung sei, fragt es mich in der Finsternis.

Der deutsche Text fällt doch etwas ab gegen die gesungenen Zeilen auf Englisch, denke ich. Die machen für mein Sprachgefühl deutlich mehr her und klingen nicht nur nach einer schnöden Meldung an die Hausratsversicherung.

Auch an den Klarinettisten Sidney Bechet kann ich erinnern, wenn ich gedanklich bei Jericho bin. Mit seiner besonders, fast möchte ich sagen: extrem tanzbaren Version des Songs. Mit etwas Fantasie gespielt auf einer eleganten, swingtauglichen Weiterentwicklung des Schofars.

Ich möchte fast doch wieder mit dem Swingtanz anfangen, wenn ich das höre, ich möchte mich spontan irgendwo anmelden. Dieses Gefühl wird sich gleich wieder geben, ich weiß, aber dennoch … Den Grundschritt kann ich noch! Es kommt mir wie ein weiteres Immerhin dieses Tages vor, wenn es auch ein eher bescheidenes ist.

Diesen Song mochte ich in meiner Lindy-Hop-Zeit besonders gerne, bei dem war ich immer auf der Tanzfläche. Und es ist auch der Song, bei dem ich, es war die größte Peinlichkeit meiner Tanzerfahrungen, eine mir entgleitende Partnerin einmal bei einer schönen Drehfigur mit Schmackes ins Gestühl am Rand des Clubs geschleudert habe.

Nichts passiert, muss man da gleich murmelnd ergänzen, es ist ihr nichts passiert. Nur mein Selbstbewusstsein beim Swing nahm damals schweren Schaden.

Und wenn ich schon die Godmother of Rock’n’Roll auf der Bühne habe, ist es naheliegend, einen Moment auch an den ihr nachfolgenden King zu denken. Der hatte schließlich ebenfalls einen Part in der Geschichte dieses Liedes.

Aber einen, der deutlich anders klang:

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2 Kommentare

  1. Habe ich Sie in Ihrer Zeit als Lindy Hopper womöglich schon mal neben der Konzertmuschel in Planten un Blomen tanzen sehen? Zur Musik von Bun Jon and the Big Five? Ich war damals von den Tanzkünsten und der fröhlichen Ausstrahlung der Akteure sehr beeindruckt.

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